Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Elftes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Es war ein melancholischer Weg durch das herbstliche Wetter. Auf der ganzen Länge seines Pfades begleitete den armen Wanderer der Wind, der kalte, grämliche, greinende, stöhnende Oktoberwind. Den Wäldern riß er ein gut Teil des Schmuckes, mit welchem er im Frühling und Sommer so oft schmeichlerisch getändelt hatte, höhnisch ab. Auf der Landstraße jagte er dichte Staubwolken empor, und über die Stoppeln der Felder fuhr er mit einem heulenden Gezisch, welches keinem lebenden Wesen außer der Krähe behagen konnte. Nur das Geklapper der Dreschflegel in nahen und fernen Dörfern konnte als tröstliches Zeichen genommen werden, daß noch nicht alles für die Erde verloren sei und daß der Triumph, welchen der Wind auf den leeren Feldern feiere, nur ein trüglicher sei.

Aber für den einsamen Wanderer in den Staubwolken der Landstraße ging dieser Trost verloren, er konnte wenig darauf achten, und bedrückt und bedrängt aufs tiefste, zog er einen Fuß dem andern nach. Er hatte diesen Weg nun schon so oft gemacht, daß ihm weder zur Rechten noch zur Linken irgendein hervortretender Gegenstand unbekannt war. Bäume und Felsstücke, Häuser und Hütten, Wegweiser, Kirchtürme, alte Grenzsteine, die nichts mehr bedeuteten als die Vergänglichkeit auch des weitesten Besitzes – alles hatte schon früher in wechselnden Stimmungen einen wechselnden Eindruck auf ihn gemacht. Er erinnerte sich, wie er dort nachdenklich gesessen, dort unter jenem Gebüsch einen Nachmittag verschlafen habe. Er gedachte vorzüglich jener Tage, als er diesen Weg zum erstenmal mit dem großen Hunger nach dem Wissen in Begleitung des entschwundenen Jugendgenossen gezogen war. Nun kam er zum letztenmal zurück auf diesem Weg; – viel hatte er gelernt, mancherlei geduldet und viel Freuden genossen. Wie stand es nun in seiner Seele?

Er war niedergeschlagen, er war traurig und wäre es auch ohne den bösen Brief des Oheims Grünebaum gewesen. Mit aller Kraft hatte er gestrebt, das zu lernen, was von der hohen Wissenschaft, der er sich ergeben hatte, sich lernen ließ, und er mußte sich sagen, daß dies im Grunde wenig genug war. Er fühlte tief das Unzulängliche dessen, was ihm die Herren von ihren Kathedern doziert hatten, aber er fühlte noch etwas anderes, und das war das, was der Professor Vogelsang und die meisten übrigen Mitglieder der hochpreislichen, ehrwürdigen Fakultät nicht gelten lassen wollten, weil sie es nicht lehren konnten.

Er befand sich auf dem Wege, um das geliebteste Wesen sterben zu sehen; der Dunkelheit schritt er entgegen, und Dunkelheit ließ er hinter sich zurück. Einst hatte er dem Walde und den Vögeln gepredigt, weil die Welt von seinen Gefühlen nichts wissen wollte, und er hatte sich nie darüber beklagt. Nun schien der Hunger nach dem Wissen tot, aber die Gefühle waren noch lebendig und drängten sich empor und um sein Herz zusammen; sie wurden zu dem bittersten Schmerz, welchen der Mensch erdulden kann. In diesem Augenblick unterschied sich nichts in dem drängenden Gewühl: der Schmerz um die Mutter, Enttäuschung, Sorge und Furcht vermischten sich; und wunderlicherweise klangen dazwischen scharf und schneidend längst vergessene Worte auf, welche Moses Freudenstein einst gesprochen hatte. Hans Jakob Unwirrsch befand sich auf diesem Wege in ähnlicher Stimmung wie ein anderer Hans Jakob, der vor langen Jahren von Annecy nach Vevey ging und von diesem Wege schrieb:

»Combien de fois, marrêtant pour pleurer à mon aise, assis sur une grosse pierre, je me suis amusé à voir tomber mes larmes dans leau!«

Immer der Wind! Er jagte den ganzen Tag dunkles Gewölk über den grauen Himmel, doch fiel kein Regentropfen herab. Er wühlte in den Hecken um die verwilderten, unordentlichen Gärten, wo die vertrockneten Sonnenblumen und Stockrosen kläglich die Köpfe hingen. Er rüttelte an den Fenstern des Dorfwirtshauses, wo Hans sein Mittagsmahl einnahm, und umbrauste das Haus und wartete grimmig auf den Wanderer, der sich für einen kurzen Augenblick ihm entzogen hatte. Er hatte sein Wesen um den Reisewagen, der unter dem Schlagbaum anhielt, und schlug den Mantelkragen dem Kutscher so um die Ohren, daß der kaum das Wegegeld hervorbringen konnte. Durch das Fenster warf Hans einen gleichgültigen Blick auf diesen Wagen; aber im nächsten Augenblick sah er doch schärfer hin. Der Ledervorhang an der Seite des Wagens war zurückgezogen worden, ein junges Mädchen sah heraus und blickte die traurige Landstraße hinab. Der Wind hob den schwarzen Schleier von dem schwarzen Trauerhut und hatte nicht mehr Mitleid mit dem bleichen, traurigen Mädchengesicht darunter als mit jedem andern Ding, welches ihm in den Weg kam. Aber auf Hans Unwirrsch machte dieses Gesichtchen einen desto größeren Eindruck. Der Kummer begrüßt den Kummer, und der Schmerz, der zu Fuß die Landstraße beschritt, neigte sich vor dem Schmerz, welcher im Wagen durch die Staubwolken rollte. Dieses kindliche, abgehärmte Gesicht paßte ganz zu der Stimmung, in welcher Hans sich befand; er hätte gern mehr gewußt von diesem ihm jetzt noch unbekannten fremden Schicksal.

Aber der Kopf des Mädchens zog sich zurück, und an seiner Stelle erschienen ein grauer Schnauzbart und eine alte Militärmütze. Ein Schnapsglas wurde voll in den Wagen hineingereicht und kam sehr rasch leer wieder zum Vorschein; auch der Kutscher hatte es möglich gemacht, sich trotz des heftigen Kampfes mit seinem Mantelkragen ebenfalls durch einen Trunk, der nicht unmittelbar aus der Quelle kam, zu stärken. Hoho! Vorwärts! Die Pferde zogen an, mit seiner Staubwolke rasselte das alte Gefährt davon, der Wind war hinter ihm her wie der Schweißhund auf der Fährte, und es war mehr als merkwürdig, daß er, als Hans nun auch hervortrat aus dem Haus zum Goldenen Hirsch, ihn ebenfalls triumphierend-ärgerlich in Empfang nahm und ihn dem Wagen nachblies.

Die Leute im Goldenen Hirsch hatten nicht sagen können, wer der alte militärische Herr und die junge Dame in Trauerkleidung seien, sie kannten nur den Kutscher, die beiden hagern Gäule und das alte baufällige Fuhrwerk und sagten aus, daß diese vier Stücke öfters von Reisenden gedungen würden, weil sie hier oft das einzige Mittel zum Weiterkommen seien.

Zu allen seinen übrigen Gedanken hatte Hans nun noch das Bild des lieben Gesichtchens auf seinem Wege durch den dunklen Nachmittag. Es kam ihm immer von neuem vor die Seele, er konnte nichts dagegen tun. So zog er fort und hielt nicht eher wieder an, bis die Dämmerung dichter wurde und das Städtchen, in welchem er Nachtquartier nehmen mußte, erreicht war.

Dämmerung war freilich den ganzen Tag über gewesen, und der Abend konnte an der Beleuchtung der Welt wenig ändern. Aber nun sank die Nacht herab und machte gemeinschaftliche Sache mit dem Winde, und wenn der Teufel als Dritter zum Bunde getreten wäre, so hätte er die Sache nicht viel schlimmer machen können.

Es war nicht des Windes Schuld, wenn die alten, schiefen Häuser des Landstädtchens, in welches Hans jetzt einzog, am andern Morgen noch aufrecht standen. Die Lichter schienen in den Stuben hinter den Fenstern zu flackern, und die wenigen Menschen, die sich noch in den Gassen befanden, arbeiteten schräg vor- oder zurückgelehnt dem Sturme ihren Weg ab. Haustüren flogen mit donnerndem Krachen zu, Fensterladen mit Geprassel auf, und der einzige Glaser im Ort hörte mit ganz einzigem Vergnügen auf jedes helle Klingen und Klirren in der Ferne.

Wenn aber der Wind das Städtchen im allgemeinen doch stehenlassen mußte, so konnte er noch viel weniger dem Wirt zum Posthorn was anhaben. Den Mann von seinen Füßen zu blasen und auf die Erde zu setzen wäre in der Tat ein Kunststück gewesen, welches Äolus als Preisaufgabe für seine Untergebenen hätte ausschreiben können. Auf kurzen, wohlgerundeten Beinen stand er fest und unbewegt vor seinem Torweg unter seinem knarrenden Schild und gab seine Befehle in Hinsicht auf eine Kutsche, die eben von zwei Knechten unter einen Schuppen gezogen wurde. An dem Fleischkoloß, dem Posthornwirt, strandete der hagere Theologe Hans Unwirrsch im wörtlichsten Sinne des Wortes; halb erstickt und halb erblindet wurde er in den Torweg hineingeblasen und fuhr mit voller Gewalt gegen den Bauch des Posthalters, doch auch dieser Anprall brachte den Block nicht aus dem Gleichgewichte.

Der Posthornwirt war dabei glücklicherweise ein Mann, welcher die zwingende Gewalt der Umstände zu würdigen wußte: er nahm den Anfall nicht so grob auf, wie man hätte erwarten sollen. Er forderte den herangeschleuderten Gast nicht auf, sich zu allen Teufeln zu scheren; er machte sogar eine halbe Schwenkung, um ihm Einlaß in sein Haus zu gewähren, und folgte ihm nur mit einigen leise geschnauften Bemerkungen:

»Verfluchte Steuerdirektion! – Immer langsam über die Brücke! – Nicht zu scharf um die Ecke! – Donner, grad auf den vollen Magen!«

Als er aber in der trüb erhellten Gaststube den Fremdling, welchen der böse Wind ihm ins Haus geweht hatte, erkannte, verschwand der letzte Schatten des Mißmutes aus seinem runden Gesicht, und ganz vergnügt reichte er seine breite Pfote zum Gruße hin.

»Ah, Sie sinds, Herr Studente! Wieder einmal eingesprungen in den Ferien? Das freut mich! s ist, wie man sagt: Das muß ein böser Wind sein, der einem nichts Gutes herbläst.«

Hans entschuldigte nach besten Kräften die ungestüme Begrüßung in dem Haustor; doch der Wirt sah ihn jetzt nur lächelnd und mitleidig an und blies über die Hand, als wolle er sagen: Eine Feder! Eine Feder! Nichts als eine Feder! Er sagte aber: »Lassen Sies gut sein, Herr Unwirrsch, ich stehe schon meinen Mann. Legen Sie Ihren Ranzen ab; – haben ihn wohl wie gewöhnlich den ganzen Tag auf dem Rücken geschleppt? Du liebster Gott?!«

Da war die Frau Wirtin, ebenso wohlbeleibt wie der Herr des Hauses! Da war der Frau Wirtin Töchterlein, aber diesmal gottlob noch nicht in einem schwarzen Schrein, sondern sehr lebendig und ebenfalls von wohltuender Fülle. Und sie begrüßten den armen, traurigen Hans, dessen gutes Herz und winzigen Geldbeutel sie von manchen früheren Ferien her kannten und mit der gehörigen Achtung behandelten. Sie fragten ihn aus, ehe er zu Atem gekommen, und wußten den betrübten Grund, der ihn jetzt nach der Heimat rief, ehe er den Ranzen und den Ziegenhainer abgelegt hatte. Und da sie ein gutes Mahl und einen guten Trunk für die beste Panazee gegen alle Übel hielten, so stieg er, der Wirt, in den Keller, während die Wirtin sich mit ihrem Töchterlein in die Küche begab, und jetzt konnte Hans Unwirrsch den ersten Blick auf die übrigen Gäste werfen.

Es waren nur zwei vorhanden. Im Winkel am Ofen war ein Tisch gedeckt, und daran saßen sie: ein alter, schnauzbärtiger Herr in einem langen militärischen, bis an das Kinn zugeknöpften Rock und ein junges, blasses, kränklich aussehendes Mädchen in Trauerkleidung. Das Mädchen hielt die Augen niedergeschlagen; aber der alte Herr fixierte den Theologen so fest und unbefangen, daß letzterem dabei ganz unbehaglich zumute wurde und er sehr froh war, als der dicke Wirt wieder in der Gaststube erschien und seine undurchsichtige Gestalt zwischen den scharfäugigen Schnauzbart und den Tisch schob, an welchem Hans Platz genommen hatte.

Eine volltönende Stimme hatte der Herr Wirt und stellte seine Fragen nicht so leise, wie Hans gewünscht hätte; etwas schwerhörig war der Herr Wirt und verlangte die Antworten so laut als möglich. Und als die Frau Wirtin mit Schüsseln und Tellern und der Wirtin Töchterlein mit Messer und Gabeln kamen, wollten auch sie das Ihrige wissen. Der Schnauzbart brauchte nicht den Horcher zu spielen, um alles Wissenswürdige über den Schwarzrock zu erfahren.

Wenn nun der Mensch, der viel Schmerzliches zu ertragen hatte, dazu seit langer Zeit keine freundlichen, teilnehmenden Stimmen um sich her gehört hat, so wird er, wenn nun endlich solche Stimmen mit Fragen und Bedauerungen ihm zu Ohren und zu Herzen dringen, auch mitteilsamer, so verschlossen er sonst sein mag. Hans Unwirrsch aber war, wie wir wissen, nicht verschlossen; er hielt mit seinen Leiden und Freuden nicht hinter dem Berge, und da er nichts zu verschweigen hatte, gab er den gutmütigen Wirtsleuten unverhohlenen Bericht, wie die Welt mit ihm gefahren sei und er mit der Welt.

Der militärische alte Herr hatte alles bald weg, was an einem so hungrig aussehenden, jungen, schwarzröckigen Theologen Interessantes sein konnte. Er kannte seinen Namen, er wußte, daß er aus der berühmten Stadt Neustadt sei, er hatte in Erfahrung gebracht, daß ein gewisser Oheim Grünebaum immer noch bei guter Gesundheit sei und daß eine ebenso gewisse Base Schlotterbeck immer noch die Toten in den Gassen umherwandeln sehe. Daß der Theologe eine alte Mutter in der Stadt Neustadt habe und daß diese Mutter an böser, schmerzhafter Krankheit darniederliege und vielleicht sterben müsse, das alles vernahm der graue Schnauzbart, und das junge Mädchen vernahm es auch, und zwar mit Teilnahme, wie es schien, denn sie hatte das Gesicht erhoben und nach der Stelle gerichtet, wo der Theologe saß. Das Gesicht war gut, aber nicht schön; schön waren die Augen, mit welchen sie jedoch den Theologen nicht sehen konnte, wohl aber den breiten Rücken des Herrn Wirtes zum Posthorn. Der Herr Wirt verdeckte sowohl ihr die Aussicht als auch dem jungen Mann, den er mit so großem Eifer ausfragte.

Wie der Wind draußen sich ärgerte und seine Wut auf das unzweideutigste kundgab! Er lief um das Haus wie toll, rüttelte an jedem Fenster, in welches seine Mitverschworene, die Nacht, die grämliche Herbstnacht, menschenfeindlich, lichtfeindlich hineinsah. O wie ärgerten sich Wind und Nacht über die Reisenden, die jetzt so sicher vor ihnen waren; wie ärgerten sie sich über den dicken Wirt zum Posthorn und die Wirtin und der Wirtin rosige Tochter! Keine Häscher, deren Opfer sich in eine heilige, unverletzliche Freistatt gerettet hatten, konnten sich mehr ärgern.

Wer aber schnarrte in diesem Augenblick mit Nachdruck die Worte: »Unverschämter Judenjunge!« . . .?

War es der Wind oder wars die Nacht?

Nein, es war der ältliche militärische Herr mit dem Schnurrbart, und wenn ein Zweifel übrigbleiben konnte, daß er mit dieser wohlwollenden Bezeichnung unsern Freund Moses Freudenstein meinte, dessen Namen soeben von Hans Unwirrsch genannt worden war, so zerstreute er diesen Zweifel sogleich, indem er hinzusetzte:

»Ein naseweiser, vorwitziger Judenbengel, wenns der Schlingel ist, dem ich neulich in Paris seinen Standpunkt mit Nachdruck habe klarmachen müssen; – nicht wahr, Fränzchen? Moses Freudenstein, ja, der Name wars. Rücken Sie doch mal näher, Herr Kandidate; kommen Sie zu diesem Tisch; der Abend ist ganz dazu geschaffen, daß die Leute zusammenrücken, und es wird mich freuen, Ihre nähere Bekanntschaft zu machen und etwas Weiteres über besagten Moses zu hören.«

Sehr verwundert über die plötzliche Unterbrechung hatten sich die Wirtsleute nach dem Sprecher umgedreht, und sehr erregt über den unvermuteten Angriff auf den Freund hatte sich Hans erhoben.

Ohne alle Schüchternheit hub er die Verteidigung seines Moses Freudenstein auf der Stelle, vom Platze aus, an; aber der alte Herr winkte begütigend:

»Na, na; nur immer Schritt! Rechten, linken! Rechten – jetzt hat der Wind erst mal wieder das Wort. Hören Sie nur, wie er draußen rasaunt. Das ist ein Wetter, wo selbst den Pastoren die Lust vergeht, sich zu zanken. Rücken Sie herüber, Herr Kandidate, zu einem Glas Punsch; und nehmen Sies nicht übel, wenn ich schon wieder etwas Unpäßliches gesagt habe; – s muß wohl so sein, denn mein Fräulein Nichte hier zupft mich sehr am Rockschwanz.«

Vielleicht wärs der jungen Dame jetzt ganz angenehm gewesen, wenn der Herr Wirt immer noch zwischen ihr und dem Theologen gestanden hätte; aber die Aussicht war nunmehr vollkommen frei, und nichts hinderte unsern Hans, sich durch einen Blick zu bedanken bei dem errötenden Kinde, welches den grauen Schnauzbart am Rockschoß gezupft hatte.

»Immer heran, Herr Kandidate, immer heran! Gewehr über – marsch – halt! Rücke zu, Franziska; – du wirst dich doch nicht vor dem Schwarzrock fürchten? Herr Wirt, was meinen Sie zu einem zweiten Aufgebot dieses angenehmen und gesunden Getränkes?«

Der Wirt meinte, daß das Getränk dem Wetter und der Zeit ganz und gar angemessen sei, und bereitete es auf einen Wink. Ehe Hans Unwirrsch so recht wußte, wie es zugegangen war, saß er an der Seite des alten Kriegers, dem bleichen Fräulein gegenüber und vor dem dampfenden Glase.

»So ists recht, Herr Kandidate«, sagte der Schnauzbart. »Ich wußte es ja, daß Sie einen abgedankten Landsknecht nicht um ein lumpiges Wort oder zwei mit der Nase auf den Tisch stoßen würden. Ihr Wohlsein, Herr Kandidate; und da ich nun allgemach Ihren Namen, Umstände und so weiter in Erfahrung gebracht habe, so sollen Sie über uns auch nicht im dunkeln tappen. Ich bin der Leutnant außer Dienst Rudolf Götz, und dies Kind ist meine Nichte Franziska Götz, deren Vater vor kurzem in Paris gestorben ist und welche ich von dort abgeholt habe, um sie meinem dritten Bruder, der ein großes juristisches Tier ist, zu überliefern, das arme Ding!«

Die letzten Worte brummte der Leutnant nur ganz leise und setzte sogleich sehr laut hinzu:

»Da wir somit wissen, woran wir gegenseitig sind, verhoffe ich, daß es heut abend ohne Spektakel im Quartier abgehen wird. Prosit, Herr Kandidate, Ihr habt heute einen guten Marsch gemacht, und darauf gehört ein guter Trunk.«

Hans tat dem Leutnant Bescheid und fand bald heraus, daß die Stimme und der Schnurrbart in gar keinem Verhältnis zu den Augen, der gutmütigen Nase und dem fröhlichen Mund standen. Er fand, daß kein Grund zu der Befürchtung, die Theologie sei hier in die Gewalt und Tyrannei eines bramarbasierenden Eisenfressers gefallen, vorhanden war. Er fand auch, daß große innere Verderbnis dazu gehöre, um in der Gegenwart dieser Franziska das Rauhe nach außen zu kehren.

Ein angenehmes Bild wars, dieser alte Soldat zwischen den beiden betrübten jungen Leuten. Große Lust hatte er unbedingt, sehr vergnügt zu sein; aber da das nun doch so recht nicht angehen wollte, spielte er nach besten Kräften den Tröster.

»So ists in der Welt«, sagte er über den Rand seines Glases weg, »eben fährt oder trabt man auf der Landstraße aneinander vorüber und denkt nicht aneinander, und dann sitzt man auf einmal behaglich und streckt die Beine unter einen Tisch. So ists auch bei uns; eben steht man im Viereck und hat rechts und links seine Nebenmänner, seine besten Freunde bei sich und kann sich auf sie verlassen. Man sieht ganz ruhig zu, wie die zwei Zwölfpfünder drüben auffahren und die Partie beginnen. Sst, sst – die Kugeln ziehen böse Striche durchs Bataillon; aber euch tuts nichts und euern Nebenmännern auch nicht. Drüben denken sie, jetzt sei ihre Zeit gekommen – da ist die Kavallerie – Trab – Galopp – ihr seht sie herankommen mit Gestampf und Gebrüll wie das Donnerwetter – Feuer also! Es kracht euch um die Ohren, und es ist euch so konfus im Sinn, daß ihr nicht einmal prosit sagen könnt, wenn der Teufel niest. Aber ihr steht fest, so schwarz es euch vor den Augen werden mag – das ist das richtige Gedrängele, und ihr stolpert über allerlei, was zappelt oder stilliegt. Es quietscht und heult und ächzt euch zwischen den Beinen; aber s ist einerlei, ihr steht so fest als möglich, wenn ihr auch nichts dafür könnt. Zurück müssen die Hunde und tuns auch richtig. Durch den Pulverdampf seht ihr nichts als die Pferdeschwänze, und jeder macht, daß er hinkommt, woher er gekommen ist, und der Wind bläst den Qualm nach – ja Teufel, wo sind aber eure Nebenmänner? Fremde Gesichter habt ihr zur Seite, und eine fremde Hand reicht euch die Flasche: Da sauf, Kamerad, auf die Arbeit! – Drei Schritte geht das Bataillon vor, daß die Toten und Verwundeten aus der Reihe kommen. Die Kerle ringsum dampfen vor Schweiß, und da und dort träufelt einem das Blut aus der Nase oder sonstwoher. – Der Boden ist schlüpfrig und zerwühlt genug, und es ist ein Stank wie aus der Hölle; aber die guten Freunde sind fort, und ihr dürft euch noch nicht einmal danach umgucken, denn Ruhe geben die Karnaljen drüben am Walde noch lange nicht; die werden noch oft genug herankommen bis Sonnenuntergang, um ihr Abendbrot zu verdienen und den Namen Waterloo in die Weltgeschichte reinzubringen. Da ist nun meine Nichte Franziska, die hat auch ihren Nebenmann aus dem Gesicht verloren, und hier ist der Herr Pastor mit einem Gesicht wie ein schwarzer Kater, der in den Essigtopf fiel, und hier bin ich – auch ne arme Waise. Ich sage euch, junges Volk, wem es erst öfters in den Feldkessel regnete, der lernt den Deckel auflegen, und wer schon mehr als einen guten Kameraden von der Seite verlor, der lernt ade sagen. Die weichsten Herzen habens gelernt, im Elend nur dreimal trocken überzuschlucken, und sind dabei doch die besten und treuesten Kreaturen geblieben. Kopf in die Höhe, Fränzel; tus deinem alten Onkel zuliebe, Kopf in die Höhe, Hans Unwirrsch! Wenn solch junges Blut die Nase durch den Staub zieht, was sollen dann wir Alten tun?«

Franziska drückte die harte, haarige Hand, die ihr der Soldat hinhielt, zärtlich an ihre Brust; sie sah ihn an, und obgleich ihre Augen feucht schimmerten, lächelte sie doch und sagte:

»O lieber, guter Oheim; ich will alles tun, was du willst. Ich sehe es wohl ein, daß es unrecht von mir ist, deine Liebe durch solchen Trübsinn zu erwidern; du mußt Nachsicht mit mir haben – du hast mich recht verwöhnt durch deine Liebe.«

Der Alte nahm die kleine, schwache Hand, die er in seiner breiten Tatze hielt, auf und betrachtete sie ganz aufmerksam.

»Armes Kind, armes Kind«, murmelte er. »So verlassen und umhergetrieben wie ein kleiner Vogel, der aus dem Nest gefallen ist; – und dieser Theodor und sein Weib – und die Kleophea – ach es ist ein Jammer! Armes Vögelchen, armes Vögelchen – und ich alter Vagabund habe nicht den jämmerlichsten Winkel, in welchen ich es aufnehmen könnte.«

Er schüttelte lange den Kopf, knurrend und seufzend; dann schlug er auf den Tisch:

»Lustig, Herr Kandidate! Also Sie kennen jenen Moses Freudenstein, der jetzt mit achtmal hunderttausend andern Tagedieben die Pariser Gassen unsicher macht? Das ist ja eine schöne Bekanntschaft und paßt eigentlich zu Ihnen wie eine Haubitze zu gelben Erbsen.«

»Es sollte mir sehr leid tun, wenn Moses, wenn er es wirklich ist, Ihr Mißfallen wirklich so sehr verdient hätte, Herr Leutnant«, antwortete Hans. »Wir sind zusammen aufgewachsen, wir sind Schulfreunde und Universitätsfreunde; und er kann sich außerdem kaum seit einem halben Jahre in Paris befinden. Ich hoffe, es ist ein Irrtum; ich hoffe es von ganzem Herzen!«

Der Leutnant ließ sich nun ganz genau die Persönlichkeit des armen, guten Moses beschreiben und nickte leider bei jeder Einzelheit mit dem Kopfe, indem er seine Nichte fragend dabei ansah.

»Er ist es. Er ists so sicher wie ein Kolbenschlag. Ists nicht der Halunke, Fränzchen? Ich will Ihnen die Geschichte kurz erzählen, um dem Ding ein Ende zu machen. Da meines Bruders Tod sehr schnell erfolgte, so war meine Nichte hier für einige Zeit sehr verlassen in dem Satansnest, und was das heißen will, das weiß ich schon von Anno vierzehn und fünfzehn her, wo ich aber mit mehreren dort auf Besuch war. Armes Kind, armes Kind! Was das heißen will, in dem Gewühl dort verlassen zu sein – Herr Kandidate, sie zupft mich schon wieder! Ich bitte dich, Fränzel, gib Ruhe; laß mich erzählen.«

»Ich möchte es lieber nicht, Onkel«, flüsterte das junge Mädchen. »Du hast die Sache auch schlimmer genommen als sie war; jener Herr –«

»War eine Kanaille, die zu Brei verrieben werden müßte; – nein, zupfe mich nicht, Fränzel.«

Franziska warf einen flehenden Blick auf Hans Unwirrsch, und dieser hatte sich selten auf einem Stuhl so unbehaglich gefühlt, und dazu erfuhr er jetzt doch nicht, in welche Beziehungen sein Freund Moses zu der jungen Dame und zu dem alten Krieger getreten war. Obgleich ihm die Ungewißheit tief beunruhigte und der Zweifel an dem Freunde ihm wie mit spitzigen Nadeln in das Herz drang, so hätte er doch um alles in der Welt nicht den Kummer des bleichen Mädchens durch heftige, zudringliche Fragen vermehren können. Nur das wurde ihm klar, daß ein Spiel des Zufalls den angenehmen Moses in das Haus geführt haben mußte, in welchem Franziska Götz nach dem Tode ihres Vaters hilflos, einsam und schutzlos lebte, und daß sein Betragen nicht von der ritterlichsten Art gewesen war. Auf einem der Boulevards hatte dann eine heftige Szene zwischen dem Leutnant Götz und Monsieur Freudenstein stattgefunden, und eine eingewurzelte Abneigung gegen den armen Moses hatte ersterer sicherlich in das deutsche Vaterland heimgebracht.

Mißtönig erschallte vor den Fenstern des Posthorns ein anderes Horn durch den Sturm. Der Nachtwächter rief die zehnte Stunde ab, und die kleine Gesellschaft trennte sich. In herzlicher Weise nahm der Leutnant von dem Theologen Abschied und forderte ihn nochmals auf, den Kopf über dem Wasser zu halten und den Hals, wenn es sein müsse, mit Gesundheit zu brechen. Auch Franziska Götz mußte auf seinen Befehl dem jungen Mann die Hand zum Lebewohl geben und tat es ganz natürlich und ungeziert. Früh mußten der Leutnant und das Fräulein am andern Morgen abfahren, um den Eisenbahnstrang, der jetzt bereits nach der großen Hauptstadt im Norden führte, zu erreichen. Hans Unwirrsch konnte länger schlafen; nach Neustadt ging noch keine Eisenbahnlinie, und die Stadt trug eigentlich auch gar kein Verlangen danach, in solcher Weise der übrigen Welt zugänglicher gemacht zu werden. Wenn Hans sich vornahm, noch einmal am Wagen den beiden Reisenden eine glückliche Fahrt zu wünschen, so war das sein guter Wille, und wenn er die Zeit verschlief, so war das Schicksal, welches den guten Willen nicht zur Tat werden ließ, schuld daran.

Er verschlief richtig die Zeit, nachdem er sich die halbe Nacht hindurch schlaflos auf seinem Lager hin und her gewälzt hatte. Die lange Wanderung und der Wind, welcher über das Dach fuhr und um die Ecken pfiff, der Brief des Oheims Grünebaum und der starke Punsch des Leutnants Rudolf Götz, Herr Moses Freudenstein in Paris und die bleiche, traurige Franziska ließen ihn nicht schlafen. Er stand auf und zündete das Licht an, um es wiederauszublasen; er konnte nicht die geringste Ordnung in seine Gedanken bringen, und wenn ihm sonst seine Phantasie in bedrückten Stimmungen zu Hilfe gekommen war, um ihn mit allerlei heitern und lieblichen Bildern aus der Vergangenheit zu trösten oder ihm den magischen Spiegel der Zukunft mit Lächeln und neckischem Winken vorzuhalten, so trieb sie ihm jetzt nur gespenstische Schatten um das Haupt und verhüllte ihm die Nähe und die Ferne in der drohendsten Weise.

So mutlos wie in dieser Nacht hatte sich Hans Unwirrsch in seinem ganzen Leben noch nicht gefühlt; – er war eben bis jetzt zu glücklich gewesen. Zum erstenmal griffen jetzt von allen Seiten die dunkeln, erbarmungslosen Hände in sein Leben: der enge, sichere Kreis, welchen ein gütiges Geschick um seine Jugend gezogen hatte, war durchbrochen worden; hinausgerissen wurde er in den großen Kampf der Welt, von welchem das junge Mädchen, das mit ihm in dieser Nacht unter dem Dach des Posthorns wohnte, schon soviel mehr wußte als er.

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