Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Zwölftes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Sie waren gegangen! Er aber wußte nicht, wer sie waren und was sie ihm werden sollten. Dort am Ofen stand der Tisch, an welchem sie gesessen hatten, und die Wirtin setzte den Kaffee darauf und rückte den Stuhl zurecht für Hans Unwirrsch. Der Wirt kam von seinem Morgengang durch Hof und Garten zurück und brachte noch einen Gruß von den beiden Reisenden. Sie waren gegangen, das heißt fortgefahren.

Ehe Hans den Kaffee trank, sah er noch einmal aus dem Fenster auf die Straße. Keine Spur mehr von ihnen.

»Das war ein wackerer alter Herr«, sagte der Posthalter, und die Posthalterin sagte: »Arme junge Dame! Ich möchte wohl wissen, was ihr fehlte; meine Marie, welche neben ihrer Kammer schlief, hörte sie die ganze Nacht hindurch weinen. Sie muß schon manches Leid erlebt haben in ihrem jungen Leben.«

Hans kam vom Fenster zurück, setzte sich auf den Stuhl, auf welchem er am vorigen Abend saß, und sah auf die beiden leeren Stühle. Er fing an, jedes Wort, welches gestern gesprochen worden war, sich zu wiederholen.

»Und er schreibt mir nicht – ich weiß seine Adresse nicht – ich kann ihn nicht fragen, was er dieser jungen Dame zuleide getan hat. Es ist wie ein Traum. O Moses, Moses!« –

Sie waren fort, und auch der Wind hatte sich gelegt. Der Himmel war fast noch grauer als gestern, aber kein Lüftchen regte sich mehr.

»Es war doch ein wunderliches Zusammentreffen! Hätte ich den Herrn Leutnant doch noch einmal gesehen . . . Und die Last auf meinen Schultern ist schon so schwer! O was gäbe ich darum, wenn ich die Adresse des Moses wüßte!«

Der Posthalter fühlte die Verpflichtung, seinen Gast zu erheitern, und erzählte die merkwürdigen, lustigen und traurigen Vorkommnisse des Fleckens; aber Hans konnte nur halben Ohres darauf hören; – – – sie waren fort, und er hielt es zuletzt auch nicht mehr aus in der dumpfen Wirtsstube. Er mußte ebenfalls fort, er mußte frische Luft schöpfen. Er bezahlte also seine Rechnung und ging ab, begleitet von den besten Segenswünschen des Posthornes! Er durchschritt den verschlafenen Flecken, ohne nach rechts und links zu blicken; erst als er sich wieder auf der Landstraße befand, sah er auf und umher und hätte fast den Wind von gestern zurückgewünscht. Gestern war doch noch wenigstens Leben, wenn auch ein unheimliches; aber heute rief jede kalte Furche: Der große Pan ist tot! – und die Wolken senkten sich trauernd auf die gestorbene Erde herab. Es war ein Glück für den Wanderer, daß der Weg hinter dem nächsten Dorf in einen weiten Tannenwald führte. Wars darin auch noch dunkler als zwischen den freien Feldern, so wirkte doch der frische Duft des Harzes kräftigend auf Sinn und Seele. In diesem Tannenwald ließ Hans Unwirrsch wenigstens die beunruhigenden Gedanken an den Jugendgenossen zurück, denn als er wieder aus der Dämmerung des Forstes hervortrat, erhoben sich am Horizont jene Höhen, hinter welchen die Heimatstadt lag, und vor dem Bild der kranken Mutter mußte nunmehr alles andere zurückweichen, selbst das Bild der lieben jungen Dame, die ihm gestern abend gegenübergesessen hatte.

Ununterbrochen wanderte Hans Unwirrsch fort; er gönnte sich keine Rast mehr. Mit unwiderstehlicher Gewalt trieb es ihn vorwärts; um die zweite Stunde des Nachmittags stand er am Rande jenes Waldes, von welchem man Neustadt zu seinen Füßen liegen sieht.

»O Mutter! Mutter!« seufzte Hans, die Hände der Stadt zustreckend. »Ich komme, ich komme. Ich bin ausgezogen in großer Hoffnung, und ich komme heim in großem Schmerz und mit vielem Zweifel. O liebe, liebe Mutter, willst du dein Kind auch verlassen? Du kannst das nicht. Weh mir, daß ich nicht dort unten geblieben bin, weh über die falsche Sehnsucht, die mich über diesen Berg und Wald so trügerisch hinausgelockt hat! Was bringe ich heim, was mir und dir Ersatz bereiten könnte für das aufgegebene, verlorene, ruhige, friedliche Glück, in welchem meinem Vater die Tage verflossen sind?«

Nun kam ihm der schreckliche Gedanke, die Mutter sterbe, während er hier oben zögere, und er lief die Höhe hinunter, bis ihm der Atem ausging und er sich im gemäßigten Gang ein wenig faßte.

Nun schritt er durch das alte Tor und nun durch die Gassen der Stadt. Aus manchem Fenster blickte man ihm nach, manch ein Bekannter begegnete ihm und grüßte ihn; er aber konnte auf niemand achten. Er befand sich in der Kröppelstraße, er stand vor dem väterlichen Hause; er kniete am Bett der Mutter und wußte nicht, ob seit dem Augenblick, wo er am Rand des Gehölzes stand, eine Minute oder ein Jahrhundert vergangen sei. Auch über das, was in den ersten Momenten nach dieser Heimkehr gesprochen wurde, konnte er keine Rechenschaft ablegen. Es wurde auch vielleicht nichts gesprochen.

Jetzt las er von dem Gesichte, in den zerstörten Zügen die furchtbaren Leiden der Mutter und weinte bitter. Jetzt flüsterte er ihr zu, daß er da sei, daß er niemals wieder fortgehen wolle, daß auch sie ihn nicht verlassen dürfe. Und dann bemühte sich die Kranke mit matter Stimme, ihn zu beruhigen, und er fühlte eine Hand auf seiner Schulter und richtete sich endlich empor.

Die Base Schlotterbeck stand hinter ihm; an ihr hatte sich nichts verändert, und leise ermahnte sie ihn, sich zu fassen und die Kranke nicht zu sehr aufzuregen.

Da war auch der Oheim Nikolaus Grünebaum, sehr weich und scheu, der Oheim Grünebaum, der da wußte, daß alles seine Zeit hat und daß alles auf die gehörige Weise betrachtet und behandelt und besprochen werden muß.

Nun reichte Hans sowohl der Base als auch dem Oheim die Hand, und beide sprachen ihm tröstend und beruhigend zu. Er sah sich wieder einmal um in dem ärmlichen, niedern, dunkeln Zimmer, und trotz aller Trauer, trotz allen Schmerzes, zu welchem er gerufen war, fühlte er eine Beruhigung, eine Sicherung in sich, die er während der qualvollen Wanderung für immer glaubte verloren zu haben.

Jetzt machte der Oheim Anstalt, seine Gefühle in wohlerwogener Rede kundzugeben; aber die Base legte sich nach dem ersten bedenklichen Räuspern ins Mittel und führte ihn halb durch Überredung, halb mit Zwang aus der Tür, wobei er wenigstens noch über die Schulter zurückrief:

»Rege ihr nicht auf, Hans. Geh human mit ihr um; betrage dir als ein filialer Sohn und gefaßtes Gemüte, der Doktor hat es uns streng verordnet.«

Als Mutter und Sohn allein waren, sagte die Mutter:

»Du mußt es mir vergeben, Hans, daß ich dich von deiner Arbeit hab abrufen lassen; aber ich hatte solch ein groß Sehnen nach dir, daß es nicht anders ging. Du bist immer mein Trost gewesen, nun mußt du es auch jetzt sein. Ich habe ein so groß gewaltig Verlangen nach dir gehabt.«

»O Mutter, liebe Mutter«, rief Hans Unwirrsch, »sprich nicht so, als sei an meinem Glück und Wohlergehen mehr gelegen als an dem deinigen. O wenn du wüßtest, wie gern ich alles, was ich durch meine Arbeit in der Fremde errungen habe, hergeben würde, wenn ich dir dadurch nur den kleinsten Teil deiner Schmerzen verscheuchen könnte! Aber es wird auch besser werden, bald wirst du wieder gesund sein. O Mutter, du weißt nicht, wie nötig ich dich habe; keine Weisheit, die auf Erden gelehrt werden kann, kann das uns geben, was uns ein Wort und ein Blick der Mutter gibt.«

»Sieh, sieh den Jungen«, rief die Frau Christine. »Will er über die alte Waschfrau lachen. Solch ein gelehrter Herr?! Aber es ist schon gut, Hans; – Hans, weißt du wohl, daß du deinem seligen Vater immer ähnlicher wirst? Der konnte sich auch so haben, wenn sich die Sonne einmal ein bißchen hinter der Wolke verkroch. Er war auch so n Gelehrter, wenn er auch nicht studiert hatte, und ich habe mich oft über den Mann wundern müssen. Den einen Tag war er so hoch in den Lüften wie ne Lerche, und am anderen Tage war er auf der Erde wie die Schnecke. Wirst auch schon wieder ins Blaue aufsteigen, Hans, sorge dich nur nicht um mich; ich hab dem lieben Herrgott nichts vorzuwerfen, er hats wohl mit mir gemacht, ein glückselig Leben hat er mir gegeben, und was er mir jetzt auferlegt, nun dazu kann er nichts; das ist am Ende jedem bestimmt, und es wird wohl niemand darum wegkommen.«

Hans fühlte sich sehr gedemütigt am Lager dieser armen, einfältigen Frau, die so große Qualen erdulden mußte und welche doch so heldenmäßig sprechen und trösten konnte. Wenn auch der Schmerz um den drohenden Verlust heftiger wurde, so verflog doch die schwächliche Mißstimmung der vorigen Tage. Er fühlte sich wieder sicher auf seinen Füßen, das echte, wirkliche Leid gab ihm die geistige Haltung wieder; in seinem Beruf schied er das Wahre, den Inhalt von dem Nebensächlichen und trug ihn zum erstenmal wirklich in das Leben über. Diese schweren Tage wirkten bedeutender auf ihn ein als alle jene Tage, die er in den Hörsälen oder über seinen Büchern im halb unfruchtbaren Studium verbracht hatte. Aus dem Zauberbann schmeichlerischer, entnervender Phantasien und stumpfen, dumpfen Grübelns trat er jetzt zuerst in das wahre Leben; er verlor den Hunger nach dem Idealen, dem Überirdischen nicht, aber dazu gesellte sich nunmehr der Hunger nach dem Wirklichen, und die Verschmelzung von beiden, die in so feierlichen Stunden stattfand, mußte einen guten Guß geben.

Neben dem Lager der sterbenden Mutter bereitete er seinen Arbeitstisch. Da saß er und schrieb, indem er zugleich den Schlummer der Kranken bewachte. Das Konsistorium hatte ihm die Examinationsaufgaben zugestellt, er begann dieselben mit einem Eifer, den er gänzlich in sich erloschen geglaubt hatte. Es war eine seltsame, traurig-glückliche Zeit.

Welch ein Licht am Abend und in der Nacht die Glaskugel des Meisters Anton über den Tisch und durch das Gemach warf! Niemals vorher und niemals nachher gab sie solchen Schein.

In dem Glanz sah die Frau Christine ihr ganzes Leben wie in einem Zauberspiegel. Sie sah sich als Kind, als junges Mädchen und fühlte auch so. Die Eltern und der Eltern Eltern kamen und gingen; sie sah sie so deutlich und lebendig, wie nur die Base Schlotterbeck dieselben sehen konnte. An ihre Kinderspiele und alle ihre Freundinnen dachte die Frau Christine, und das Licht der Kugel war wie Mondenschein, Sonnenaufgang und Sonnenuntergang oder wie der klare Mittag. Die kranke Frau hatte so vieles vergessen, und nun war es auf einmal wieder da, und nichts davon war verlorengegangen – man konnte sich wohl darüber verwundern. Die kranke Frau mußte oftmals die Augen schließen, weil die Gestalten und bunten Bilder in zu großer Fülle aus der fernen Zeit herüberschwebten; – jetzt kam es ihr recht in den Sinn, wieviel, wie unendlich viel sie doch in ihrem Leben erlebt hatte. Da war ihr Anton, der wohl öfters geklagt hatte, daß er so still und so in der Dämmerung sitzen müsse und daß er gar nicht daran denken dürfe, wie so viele Menschen über Berg und Tal führen und über das weite Meer und wie man fremde Länder entdecke und wie so viel Gewimmel und Lärm in der Welt sei; – die Frau Christine dachte dieser Klagen, wie sie auf ihrem Schmerzensbett lag, und nickte mit dem Kopf und schüttelte ihn und lächelte. Der närrische Anton, hatte er nicht Spektakel und Aufregung genug in seinem Leben? Gab es darin nicht genug Hinundherrennen? Da war zum Beispiel der Hochzeitstag, wo die Christine zum allerletztenmal als Mädchen tanzte und Anton so stattlich aussah in seinem Bräutigamsrock. War das nicht ein helles Leben, und war das nicht ein größer Ding, als über die See zu fahren nach den Affenländern? Und was mußte man nicht erleben in der Franzosenzeit, als die Anna, welcher der Bruder Niklas sich beinahe versprochen hätte, mit den Husaren fortging. Das war Anno sechs, und es war doch merkwürdig, daran zu denken, welchen Kummer damals Anton um die schwere Zeit hatte und wie jetzt niemand mehr an die Welschen dachte, sowenig wie der Bruder Niklas jetzt an die Anna. Da war die Base Schlotterbeck, die hatte das alles miterlebt und konnte auch die Toten sehen; aber an so vieles gedenken wie die Frau Christine konnte sie doch nicht, denn sie hatte kein Kind geboren, und ihr Sohn konnte später nicht am Tisch sitzen, ein so gelehrter Mann, und konnte nicht über seine Bücher herübersehen und mit den Augen winken. O wieviel, wieviel ließ sich denken beim Leuchten der Wunderkugel; da wars wahrlich keine Kunst, auch unter den allerbösesten Schmerzen ruhig zu liegen und in Geduld auf das letzte Stündlein zu warten!

Wir haben früher beschrieben, wie Hans als kleines Kind in seinem Bette lag in der Winternacht und die Mutter, welche sich zu ihrer frühen Arbeit rüstete, belauschte. Wir haben davon gesprochen, wie er sich allerlei geheimnisvolle, seltsame Vorstellungen von den Orten machte, wohin sie ging, wie er die Schatten an den Wänden tanzen sah und genau achtgab, was daraus werde, wenn die Lampe ausgeblasen wurde. Nun mußte er als erwachsener Mensch sich ganz ähnlichen und doch ganz andern Gefühlen hingeben. Mancherlei hatte er erfahren und vieles gelernt; es wäre kein Wunder gewesen, wenn er verständigere Stimmungen in diese Stunden hineingetragen hätte; aber wie die Mutter sich über die Rückkehr ihrer Jugenderinnerungen wunderte, so hatte er Grund, sich über die Rückkehr dieser Gefühle zu wundern.

Während er beim Licht der Glaskugel die Blätter seiner Bücher umwandte und von Zeit zu Zeit nach dem Lager der Kranken hinübersah, dachte er daran, wie die Mutter jetzt wieder sich zum Fortgehen rüste, um ihn allein in der Dunkelheit zu lassen. Wie er sie damals oft mit Tränen bat zu bleiben, so hätte er sie auch jetzt bitten mögen. Oft überkam ihn die große Angst, die er vor so langen Jahren gefühlt hatte, wenn die Lampe ausgeblasen, der Tritt der Mutter verhallt war und der Schlaf ihm nicht sogleich die Augen zudrückte. Er hörte den Schnee am Fenster rieseln wie damals; wie damals rief der Nachtwächter die Stunden ab, wie damals flimmerte der Mond durch die gefrorenen Scheiben, wie damals knarrten und knackten die alten Gerätschaften, wie damals regte sich geisterhaft die nächtliche Welt.

Wenn die Mutter in solchen Augenblicken schlief, so konnte er sich nur dadurch aus dem ängstlichen Gewühl retten, daß er in den schwierigsten Teilen seiner Aufgabe so angestrengt als möglich fortarbeitete, und nicht immer gelang das. Wenn aber die Mutter wachte, so brauchte er nur die Feder niederzulegen und die treue Hand der Kranken zu nehmen: er bekam dann den besten Trost, den es für ihn geben konnte. Wenn etwas später Einfluß auf seine Handlungen, seine Pläne, seine Ansichten und sein ganzes Leben hatte, so waren es die leisen Worte, die ihm in diesen Stunden zugeflüstert wurden.

»Sieh, liebes Kind«, sagte die alte Frau, »in meinem schlechten Verstande hab ich mir immer gedacht, daß aus der Welt nicht viel werden würde, wenn es nicht den Hunger darin gäbe. Aber das muß nicht bloß der Hunger sein, der nach Essen und Trinken und einem guten Leben verlangt, nein, ein ganz ander Ding. Da war dein Vater, der hatte solch einen Hunger, wie ich meine, und von dem hast du ihn geerbt. Dein Vater war auch nicht immer zufrieden mit sich und der Welt, aber nicht aus Mißgunst, weil andere in schöneren Häusern wohnten oder in Kutschen fuhren oder sonsten dergleichen: nein, er war nur deshalb bekümmert, weil es so viele Dinge gab, die er nicht verstand und die er gern hätte lernen mögen. Das ist der Männer Hunger, und wenn sie den haben und dazu nicht ganz derer vergessen, die sie liebhaben, dann sind sie die rechten Männer, ob sie nun weit kommen oder nicht – s ist einerlei. Der Frauen Hunger aber liegt nach der andern Seite. Da ist die Liebe das erste. Der Männer Herz muß bluten um das Licht, aber der Frauen Herz muß bluten um die Liebe. Um das müssen sie auch ihre Freude haben. O Kind, mir ist es viel besser geworden als deinem Vater, denn ich habe viel Liebe geben können, und viel, viel Liebe ist mir zu meinem Teil geworden. Er war so gut gegen mich, solange er lebte, und dann hab ich dich gehabt, und nun, wo ich meinem Anton nachgeh, sitzest du neben mir, und was er haben wollte, ist dir zuteil geworden, und ich habe dazu geholfen. Ist das nicht ein glückselig Ding? Du mußt dich nicht so sehr härmen um deine dumme Mutter, du machst mir sonsten nur das Herz schwer, und das willst du doch nicht, hast es ja nie getan.«

Der Sohn verbarg sein Gesicht in die Kissen der Kranken; er vermochte nicht zu sprechen, nur das Wort Mutter! wiederholte er schluchzend; es war aber alles, was ihn bewegte, darin zusammengefaßt. –

Aus dem Hause trat Hans Unwirrsch während seines jetzigen Aufenthalts in Neustadt wenig hervor. Die Nachbarn begrüßte er alle in der Stube der Base Schlotterbeck, nur wenig Besuche stattete er ab. Wo er aber erschien, wurde er freundlich aufgenommen, und der Professor Fackler hielt ihn so fest, daß er sich endlich nur mit Gewalt losreißen konnte.

Der Professor nahm merkwürdigerweise jetzt ein großes Interesse an dem Doktor Moses Freudenstein und holte den unruhigen Hans auf das genaueste über ihn aus.

»Also nach Paris ist der talmudistische Spitzkopf gegangen? Ich sage Ihnen, Unwirrsch, der Bursch hat mir während seiner Schulzeit mehr Verlegenheiten bereitet, als ich mir habe merken lassen. Wir können jetzt darüber sprechen; seine Einwürfe und Schlüsse, sein Frage- und Antwortspiel haben mir oft den hellen Angstschweiß auf die Stirn getrieben. Da hieß es wahrlich nicht: Credat Judaeus Apella – dieser hoffnungsvolle Jüngling war nicht so leichtgläubig! Er wird mit seinem Appetit nach allen guten Dingen dieser Welt seinen Weg auch schon machen, Unwirrsch. Ich sage Ihnen, es geht nichts über den richtigen Hunger; im Mönchslatein – die Götter von Latium schützen uns – würde man sagen: Fames – famositas, hehehe! Na, Gott behüte Sie, Johannes, und gebe Ihnen Kraft, das Unglück zu Hause zu tragen. Wir nehmen den innigsten Anteil daran, und wenn wir Ihnen in irgendeiner Beziehung nützlich sein können, so kommen Sie nur zu mir oder meiner Frau. Eheu, das menschliche Leben ist trotz aller guten Dinge ein Jammertal!«

Auf was sich der letzte Stoßseufzer so recht eigentlich bezog, bleibt unklar für uns, wenn auch nicht für Hans Unwirrsch, welcher der festen Meinung war, daß er der Krankheit seiner Mutter galt, und tiefgerührt diesmal Abschied von dem guten Professor nahm. –

Der Oheim Grünebaum fand in dieser Zeit natürlich zum öftern Gelegenheit, sich in seiner ganzen Größe zu zeigen. Er ging und kam fortwährend, und das Haus in der Kröppelstraße war keinen Augenblick vor ihm sicher. Jetzt trat er so plötzlich in die Tür, daß die Kranke erschreckt in ihrem Bette zusammenfuhr, jetzt verdunkelte sein würdiges Haupt so plötzlich das Fenster neben Hansens Arbeitstisch, daß Hans jach emporschoß von seinem Sitz, um die Erscheinung anzustarren. Ohne die Base Schlotterbeck wäre der Oheim recht lästig geworden, aber diese sorgliche Seele organisierte zuletzt einen förmlichen Wachtdienst, und mehr als ein Kind der Kröppelstraße war beauftragt, ein warnendes Zeichen zu geben, wenn der Meister Grünebaum um die Ecke bog. Erschallte der Alarmruf, so stand auch jedesmal die Base an der Tür, um den Oheim aufzufangen und ihn schlau heimzuschicken oder ihn unter Umständen in ihr eigenes Stübchen zu führen. Dorthin wurde dann auch Hans beordert, um des Oheims Tröstungen und Ratschläge in Empfang zu nehmen.

»Also es geht ihr noch immer nicht besser? Sehre unangenehm, sehre betrübt! Aber so gehts in der Welt, und wenns beim einen auf den schlechten Tabak ankommt, so liegts beim andern an der Pfeife. Wir müssen alle dran; – aberst wie?! Da sitzt nun die Base, eine hinfällige, miserable Perschon, pure Knochen in einem ledernen Beutel, und wenn Sies mir nicht übelnimmt, Jungfer Schlotterbeck, so muß ich sagen, daß ich die letzten zwanzig Jahre durch von Tag zu Tag vermeint habe, daß Sie mir ausgehen wird wie n Dreierlicht. Aber nun liegt die Schwester, so doch eine merkwürdig robuste Frau war, auf n Tod, und Sie, Base, Sie glimmt fort, als ob sich das ganz von selbst verstünde, und am Ende kann Sie auch mir noch nach meinem Tod in die Gassen herumlaufen sehen als n Geist in nem weißen Hemd und mit drei Paar alten Stiebeln unter jedem Arm. Ich traue Ihr jetzt alles zu. – Ach Gott, Hans, was ist der Mensch? Was hat er alles auszustehen in seinem Leben!? So großen Hunger –«

»Und so sehre großen Durst!« warf die Base ein.

»Auch diesen, Jungfer Schlotterbeck!« fuhr der Oheim würdig, aber schon etwas verschnupft fort. »So großen Hunger und – Durst, daß kein Engel, der es nicht probiert hat, es glaubt. Was tut der Mensch, wenn er in seine verständigen Jahre gekommen ist?«

»Manchmal sauft er dann!« brummte die Base drein.

»Er hungert und begehrt alles mögliche, was zu hoch für ihn hängt«, schnarrte der Oheim wütend. »Wer unbescheiden ist, verdient, nichts zu kriegen; wer aber bescheiden ist, der kriegt ganz gewiß nichts. Da war dein Vater, Junge, der hatte einen pudelnärrischen Hunger, und einen unbescheidenen dazu; er wollte ein Schuster und ein Gelehrter zu gleicher Zeit sein. Was ist daraus geworden? Nichts! Nun ist hier dein lieber Oheim Niklas, der war mit zu großer Bescheidenheit begabt und wollte nichts als sein täglich Brot –«

»Und den Roten Bock und die politische Zeitung!« fuhr die Base wieder dazwischen. »Und da er lieber im Roten Bock saß als auf dem Arbeitsschemel, und da er lieber den Vögeln vorpfiff als seine Arbeit tat, und lieber den Postkurier als das Gesangbuch las, so kommt er nun her und fragt, was daraus geworden ist, und will sich noch wundern, wenn es wiederum heißt: nichts!«

»Jungfer Schlotterbeck«,erwiderte der Oheim, »Sie kann jedem Esel imponieren, nur mir nicht! Für diesmal hab ich genug von Ihr, und ich wünsche Ihr einen guten Abend. Da sollte man ja die ganze Kröppelstraße verschwören! Geh hin zu deiner Mutter, Hans, grüße sie von mir und bestell ihr meine Entschuldigung, daß ich sie für diesmal nicht sehe von wegen Aufgeregtheit und mangelhafte Selbstbeherrschung. Ich bedanke mir, Base Schlotterbeck, für die angenehme Unterhaltung und wünsche, wenns möglich ist, ein sanftes Gewissen und eine gute Nachtruhe!«

Die Base umgab in dieser traurigen Zeit unsern Hans womöglich noch mit mehr Liebe und sorglicher Aufmerksamkeit als sonst. Das Wunderbare, das sich in ihre Tröstungen mischte, konnte nicht stören. Diese Erscheinungen der Abgeschiedenen, von denen sie wie von etwas Wirklichem sprach, hatten nichts Schreckhaftes, nichts Verwirrendes; – stundenlang konnte Hans Unwirrsch sitzen und zuhören, wie die Base der kranken Mutter von ihren Phantasmen sprach und wie die Mutter bei mancher Einzelheit nickte und sich an lang Vergangenes und Vergessenes erinnerte.

Den guten Meister Anton sah die Base jetzt sehr häufig, und die schlimmsten Schmerzen der Kranken sänftigten sich, wenn die Base von ihm berichtete. –

Es war ein sehr strenger Winter. Weder die Base noch die Mutter, welche doch schon so manchen Winter erlebt hatten, erinnerten sich eines ähnlichen. Wenn Hans halb gezwungen einen Gang ins Freie machte, um einmal gesunde Luft zu schöpfen, so war es ihm zumute, als werde das alles ringsumher in Ewigkeit so tot, so starr, so kahl und bleich bleiben, als sei es unmöglich, daß in wenig Wochen die Bäume wieder grün würden. Mehr als einmal brach er mechanisch einen Zweig ab, um die fest geschlossenen braunen Blattknospen vorsichtig aufzuwickeln und sich zu vergewissern, daß der Frühling wirklich nur schlafe und nicht tot sei.

Der Schnee zerfloß aber zu seiner Zeit, und die ausgefrorenen Wasser brachen triumphierend ihre Bande. Hans Unwirrsch vollendete seine Arbeiten und legte eines Abends die Feder nieder, trat leise zu dem Bett seiner Mutter und flüsterte, indem er sich niederbeugte und sie küßte:

»Liebe Mutter, ich hoffe, das ist gelungen.«

Da zog die Mutter mit den beiden kranken Händen das Haupt des Sohnes zu sich hernieder und küßte ihn ebenfalls. Dann schob sie ihn sanft von sich und faltete die Hände. Sie bewegte die Lippen, aber Hans konnte nicht alles verstehen, was sie sagte. Nur die letzten Worte vernahm er:

»Wir haben es fertiggebracht, Anton! Nun kann ich zu dir kommen!« – – –

Am Anfang des neuen Frühjahrs kam der Sonntag, an welchem Hans seine Prüfungspredigt halten sollte. Es war ein Tag, an dem die Sonne wieder schien.

Ein Glas mit Schneeglöckchen stand neben dem Bett der Kranken, und feierlicher als heute hatten die Kirchenglocken nie geklungen. Im schwarzen Chorrock beugte sich der Sohn über die Mutter, und sie legte ihm die Hand auf das junge Haupt und sah ihn lächelnd und mit glänzenden Augen an. Tief, tief blickte Johannes Unwirrsch in diese Augen, die mehr sagten als hunderttausend Worte gesagt haben würden; dann ging er, und die Base und der Oheim folgten ihm. Die Mutter wollte es so, sie wollte alleinsein.

Da lag sie still und hatte keine Schmerzen mehr. In Gedanken verfolgte sie ihr Kind durch die Gassen über den Markt, über den alten Kirchhof zu der niederen Tür der Sakristei. Sie vernahm die Orgel und schloß die Augen. Nur noch einmal öffnete sie sie verwundert und sah nach der Glaskugel über dem Tische; es war ihr, als habe dieselbe plötzlich einen hellen Klang gegeben und als sei sie durch den Klang erweckt worden. Sie lächelte und schloß die Augen wieder, und dann – – –

Und dann? Es kann niemand sagen, was darauf folgte; aber als Hans Unwirrsch heimkehrte aus der Kirche, war seine Mutter gestorben, und alle, die sie sahen, sagten, daß sie einen glückseligen Tod gehabt haben müsse.

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