Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Dreizehntes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Vergeblich hatte die Frau Tiebus, die auch noch lebte, aber längst ihrer stumpfen Augen wegen aus einer Hebamme eine Totenfrau geworden war, einen hartnäckigen Angriff auf die Leiche in der Kröppelstraße gemacht. Mit Hilfe des Oheims Grünebaum hatte die Base Schlotterbeck diesen Angriff abgewehrt; sie hatte es sich nicht nehmen lassen, die sterblichen Reste ihrer alten Freundin selber zu waschen und mit dem Totenhemd zu bekleiden.

Die Schreiner hatten die Frau Christine in den Sarg gelegt, und der Sarg war zugeschlagen worden; an der Seite ihres Gatten hatte die Frau ihre Ruhestätte gefunden, und es war nun so, wie sie es sich oft, oft vorgestellt hatte, wenn sie am Sonntagnachmittag nach der Kirche auf dem Kirchhof unter dem Fliederbusch saß und auf den Hügel sah, welcher den Meister Anton deckte, und auf das Plätzchen daneben.

Da war alles in Ordnung, und mehreres andere war ebenfalls so gut als möglich geordnet. Da in dem ärmeren Stadtteil von Neustadt augenblicklich niemand so reich war, um das alte Haus in der Kröppelstraße zu kaufen, so wurde es an einen Maurer vermietet, mit der Bedingung, daß die Base Schlotterbeck von dem Anwesen in jeder Weise als Hausmeisterin anerkannt wurde. Der wenige Hausrat war entweder verkauft oder dem wackern Oheim Grünebaum zur Nutznießung übergeben oder von der Base zur Aufbewahrung an sich genommen worden. Unter letztern Dingen befanden sich alle die Sachen des armseligen Nachlasses, die Hans Unwirrsch um keinen Preis weggegeben hätte und von welchen er jetzt mit fast ebenso süß-schmerzlichen Gefühlen Abschied nahm wie von der Base und dem Oheim.

Zum andernmal nahm Hans Abschied von Neustadt! Er ging in die weite Welt, und wann er wiederkam, konnte er diesmal nicht so sicher bestimmen wie damals, als er zum erstenmal die Berge überschritt, um mit Moses Freudenstein nach der Universität zu ziehen. Längst hatte er eingesehen, daß bei jedem Kirchturme, der aus den Kornfeldern und Obstbäumen des Vaterländchens hervorguckte, längst ein Pastor in guter Gesundheit mit seiner Pastorin und wenigstens einem halben Dutzend Kindern saß, und Hans war nicht der Mann dazu, auch nur in Gedanken den behaglichen geistlichen Herrn auf seinem eigenen Kirchhof zu begraben und seine Frau zur Witwe, seine Kinder zu Waisen zu machen. Neidlos zog er an den fettesten und anmutigsten Pfarren vorüber ins Hauslehrertum.

Zwei Inkarnationen dieses glückseligen Zustandes hatte er durchzumachen, ehe er zu der dritten, letzten und wichtigsten kam. Von den beiden ersten wollen wir in diesem Kapitel kurz Bericht geben, von der letzten müssen wir freilich länger und ausführlicher handeln.

Die erste Stelle erhielt Hans durch Vermittlung des Professors Fackler. Das Empfehlungsschreiben desselben führte ihn auf das Gut eines Landedelmannes, eines Herrn von Holoch, wo er sehr gut aufgenommen wurde und wo für ihn auf die magere Zeit des Studententums zwei sehr nahrhafte Jahre folgten, in denen sein äußerer Mensch zusehends an Fülle gewann zum großen Vergnügen der Hausfrau, die sich selbst eines rundlichen Aussehens erfreute und deren Stolz es war, alles, was mager ins Hoftor kam, fett wieder herauszulasssen. Es war diese Dame noch eine Gutsfrau vom alten Schlage, die es nicht unter ihrer Würde hielt, ihren Knechten und Mägden dann und wann eigenhändig den Brei zu kochen und auszuteilen. In allen guten Dingen ging sie ihren Haus- und Hofleuten mit dem besten Beispiel voran, stand früh auf und kroch spät ins Bett, spielte mit dem ersten Verwalter, dem Pastor und dem Strohmann Whist und hatte nichts dagegen, wenn sich die Hunde in ihrem Zimmer umhertrieben und auf den Kissen ihres Kanapees ihren Mittagschlaf hielten.

Der Herr des Hauses spielte nicht Whist; aber er war ein gewaltiger Jäger vor dem Herrn, und sein Wald und seine Jagd waren sein höchster Stolz. Ein Studierzimmer besaß er von einem alten, verrückten Vetter her, der auf dem Gut zu Tode gefüttert worden war. An Regentagen verfertigte er darin Fischnetze, in welcher Kunst er es zu einer großen Geschicklichkeit gebracht hatte; zu anderer Zeit wurde es von der gnädigen Frau zu allerlei wirtschaftlichen Zwecken gebraucht, und mancherlei wurde darin aufbewahrt, was mit der Wissenschaft und dem Studium nur in losester Verbindung stand. Als der Kandidat Unwirrsch kam, wurde es demselben übergeben, und er fand ebenfalls bald, daß der Vetter in der Tat ein höchst origineller Vetter, ein ganz verrückter Vetter gewesen sein müsse: seine auf diesem protestantischen Gutshofe, mitten im nüchternen, verständigen Norddeutschland zurückgelassene Bibliothek bestand aus lauter Schriften über die – immaculata conceptio, und kein Autor in Folio, Quart und so weiter war darunter, den der Vetter nicht durch die tollsten, seltsamsten und kuriosesten Randbemerkungen verziert hatte. Eine ungemeine Belesenheit auf diesem merkwürdigen Felde zeigte der Vetter; sehr sarkastisch und bissig konnte er sein, aber es gab auch keinen Unsinn in den Bänden, den er nicht durch eine doppelte Dosis Verschrobenheit überbot. Des Kandidaten Augen, die beim ersten Anblick der Bücherreihen einen eigentümlichen Glanz erhalten hatten, verloren diesen Glanz auf der Stelle, nachdem sie die Titel überflogen und in einige der Bücher hineingeblickt hatten. Wehmütig und enttäuscht wandte sich Hans ab; rotbäckig war der Apfel, doch faul war er auch. –

Aber Hans Unwirrsch war ja auch nicht hierhergerufen worden, um die kitzlige Frage, die der Welt bereits so viel Kopfzerbrechen bereitet hatte, zu lösen; seine Aufgabe bestand darin, den Stammhalter derer von Holoch mit den höheren Kulturanforderungen des neunzehnten Jahrhunderts bekannt zu machen und den guten, gesunden Jungen zu lehren, was er eben lernen konnte. Mit Eifer unterzog er sich dieser Aufgabe und unterwies daneben noch ein kleines, ebenfalls sehr gesundes Fräulein in einigen harmlosen Wissenschaften, als da sind Orthographie, Geographie und dergleichen. Beide Kinder erwiesen sich als dankbare, treuherzige Schüler, und es war recht traurig, daß das kleine Mädchen später in einer übelberatenen Ehe elend zugrunde ging und daß der Sohn als Sekondeleutnant in der Residenz an der Rückenmarksschwindsucht starb, ohne sein Geschlecht legitim fortzupflanzen.

Wenn des Vetters bändereiche Bibliothek sich als ein bloßes Schaugericht zeigte, so war dem Herrn Hauslehrer dagegen jetzt Gelegenheit gegeben, sich ein gutes Stück von der hochedlen Wissenschaft der Landwirtschaft anzueignen, und der Gutsherr verfehlte nicht, ihn einzuweihen in die hohen und tiefen Geheimnisse, deren Meister er war. Auch der Pfarrer des Dorfes hielt dem Kandidaten manche nützliche Vorlesung über Feld-, Garten- und Wiesenbau, über Vieh- und Kinderzucht, Behandlung der Frau als Gattin und selbständiges, eigenwilliges Wesen und sonst alles, was zum christlich-germanischen Hausstand und Regiment gehört. Der gute Mann stand arg unter dem Pantoffel, der Gutsherr nicht weniger, und vieles lernte Hans Unwirrsch, wenn die beiden Herren über der Abendpfeife – in Abwesenheit ihrer besseren Hälften natürlich – ihre Herzen gegeneinander ausschütteten, die junge kandidatliche Unschuld mit naivem Vertrauen in ihre geheimen Freuden und Leiden einweihten und ihr den reichen Schatz ihrer Erfahrungen offenbarten.

Aber nicht weniger vertraut wendeten sich bald auch die beiden Damen in allerlei kleinen Angelegenheiten, Nöten und Intrigen an den Hauslehrer, und oft flog dieser gleich einem Federball zwischen den beiden Parteien hin und her, ohne es jedoch im geringsten zu ahnen.

Es war ein gemütliches Stilleben. Die Verwalter, die sich durch ungeheure Wasserstiefel vor der übrigen Menschheit auszeichneten, waren ehrliche Naturen, denen man eine kleine Grobheit nicht übelnehmen konnte; – es gab auf dem Gute nur ein einziges Wesen, welches das Vertrauen, das Hans Unwirrsch ihm entgegentrug, schändlich mißbrauchte. Dieses schlechte Wesen war die Mamsell, die zu den korpulentesten und häßlichsten ihrer Art gehörte und in unverantwortlicher Weise den armen Hans in die allergrößte Verlegenheit setzte, indem sie sich heftig in ihn verliebte. Großes Leiden brachte sie über den Herrn Hauslehrer; aber nachdem sie an einem heißen Mittage in der Grünenerbsenzeit den Versuch gemacht hatte, die Ophelia in einem stehenden Gewässer, welches die Gutsbewohner euphemistisch einen Teich nannten, in welchem aber kein Huhn ertrinken konnte, zu spielen, mußte sie den Hof verlassen, nachdem sie von zwei Knechten aus dem Sumpfe hervorgezogen worden war und sich gewaschen hatte. Ihre Nachfolgerin nahm sich entweder ein gutes Beispiel daran oder war bereits über solche Versuchungen hinaus; sie störte den Frieden nicht. Wie aber der Prinzipal und leider auch der Herr Pastor die Geschichte ausbeuteten, wollen wir nicht beschreiben, um die Gefühle der Leserin zu schonen.

Zwei Jahre Hauslehrertum sind eine Zeit, in der man manches lernen, erfahren und vergessen kann. Hans Unwirrsch lernte in ihnen, sein Leben bis zum Tode der Mutter wie einen schönen, stillen Traum zu betrachten, an dessen Einzelheiten man sich während der Arbeit des Tages mit wehmütiger Lust erinnert; er erfuhr, daß es sehr viele und sehr verschiedenartige Menschen in der Welt gibt, und er vergaß vollständig, daß er einmal einem Leutnant Rudolf Götz begegnet war, der seine Nichte von Paris abgeholt hatte und sie an vornehme Verwandte in der großen Hauptstadt abliefern wollte.

Im zweiten Jahr von Hans Unwirrschs Aufenthalt auf dem Gut des Herrn von Holoch erschien daselbst eine reiche Erbtante, auf welche die Familie viel Rücksicht zu nehmen hatte. Diese Dame war ebenso hager, wie jene entsetzliche Haushälterin wohlbeleibt war, und der arme Hans mißfiel ihr in demselben Grade, wie er der Mamsell gefallen hatte. Diese Frau war ebenso gebildet, wie sie hager war, und erklärte den Herrn Hauslehrer für einen unpolierten Tölpel, der selbst nicht erzogen sei und darum vollständig der Berechtigung ermangele, andere zu erziehen. Sie examinierte nicht nur den Junker Erich, sondern auch den Kandidaten Unwirrsch, und dies Examen fiel freilich sehr kläglich aus. Gegen alles Achselzucken, Gebrumm und Geseufz des wackeren Gutsherrn, gegen alle Einwendungen der braven Gutsfrau, welche mit ihrem Hauslehrer und seiner Erziehungsmethode sehr wohl zufrieden waren, behauptete sie energisch ihren Standpunkt; und da von ihrer Gnade und Ungnade viel für den Junker Erich abhing, so kam Hans Unwirrschs Aufenthalt auf Bocksdorf plötzlich zu einem betrübten Ende. Die Erbtante nahm es auf sich, den Junker Erich in der kleinen Residenz, wo sie eine ziemlich große Geige spielte, zum Edelmann der Zukunft ausbilden zu lassen; der Kandidat Unwirrsch erhielt die Erlaubnis von ihr, sich nach einer neuen Stellung umzusehen. Er erhielt eine solche vermittelst eines Zeitungsinserates bei einem wohlhabenden Fabrikanten, welcher im Magdeburgischen irgendeinen übelriechenden Stoff fabrizierte, den man wieder in andern Fabriken zur Herstellung anderer Fabrikate sehr notwendig gebrauchte.

Die Stunde des Abschieds kam; der Herr von Holoch schob seine Fuchsmütze hin und her und seufzte:

»Und es wäre doch besser gewesen, wenn ich die alte Schachtel hätte abziehen lassen und nicht Sie, Herr Kandidat. Gott behüte Sie, Sie sind ein wackerer Kerl, und wir werden Sie sehr vermissen. Ohne meine Frau hätte die Alte ihren Willen auch nicht durchgesetzt; aber – die Weiber, die Weiber! O Unwirrsch, darüber können Sie noch nicht mitsprechen; aber wenn Sies gelernt haben, so denken Sie an mich!«

Mit aller Gewalt wollte der gute Herr dem abziehenden Hans eine Lieblingsjagdflinte zum Angedenken aufdringen und konnte durchaus nicht begreifen, weshalb ein Kandidat der Gottesgelahrtheit eine verwunderungswürdige Figur spiele, wenn er als bewaffneter Mann also durch die Welt ziehen wolle. Die schönen Pantoffeln, die das kleine Fräulein ihrem Lehrer zum Abschied gearbeitet hatte – auf jeden derselben war ein Hase gestickt –, nahm er mit Dank an und war sehr gerührt darüber. Sehr gerührt war auch die gnädige Frau, welche einen großen Sack mit Lebensmitteln und Delikatessen für den Abziehenden füllte und ihm mit fast mütterlicher Sorge allerlei gute Ratschläge und Gesundheitsregeln mit auf den Weg gab. Das Pastorenhaus fühlte den Abschied bitter, das ganze Dorf Bocksdorf schien teil daran zu nehmen; sogar die Hunde des Gutshofes zeigten sich sehr aufgeregt und umschnüffelten und umwedelten mit kläglichem und ausdrucksvollem Winseln den Proviantsack; auch der Junker, der sich doch schon mit halbem Geist im Kadettenhaus befand, vergoß einige Tränen.

Der Gutsherr selber fuhr den scheidenden Hausgenossen ein gut Stück Weges bis hinein in die goldene Au. Dort in einem lustigen Wirtshaus bestellte er noch ein großartiges Mahl, und wenig fehlte daran, daß candidatus theologiae Hans Unwirrsch sich einen kleinen Rausch zeugte. Dann kam die Post herangerasselt, und der Schwager blies: »Frisch auf, Kameraden«. Der Herr von Holoch, der nunmehr einen wirklichen und wahrhaftigen kleinen Rausch hatte, nahm noch einmal Abschied in fröhlicher Rührung und schrie noch aus dem Fenster dem Wagenmeister nach, ja recht achtzugeben auf den jungen Menschen und das unerfahrene Wort Gottes. Hans Unwirrsch aber fuhr dahin und fiel, wie sehr er sich auch dagegen wehren mochte, in einen unruhigen Schlaf, in welchem ihm träumte, daß er von der gnädigen Tante in die Bibliothek des Vetters auf ewige Zeiten eingesperrt sei, um sich die Bildung, die ihm fehlte, daraus anzueignen.

Ein Stück Weges auf der Post – ein Stück Weges auf der Eisenbahn – ein Stück Weges auf einem Feldwege: damit ging der Tag hin, und es kam der Abend heran.

Auf dem Feldwege zog Hans zu Fuß neben einem Karren her, der sein Gepäck trug, und da er mit dem elenden Gaul, welcher den Karren zog, Schritt halten mußte, so hatte er Muße, sich gehörig zu sammeln und sich auf alles Gute und Böse, was ihn an seinem neuen Aufenthaltsorte erwartete, vorzubereiten.

Mancherlei Omina sandten ihm auch diesmal die Götter. Es flog ein Rabe zu seiner Rechten, es lief wiederum ein Hase über den Weg, es begegnete ihm nicht ein altes Weib, sondern zwanzig kamen ihm entgegen. Eine Glücksspinne kroch über seine Hand, und als der Blaukittel, der zu der Mähre gehörte, endlich mit dem Peitschenstiel eine Rauchwolke als »Kohlenau« bezeichnete, mußte der Wanderer niesen, was bei Heiden und Christen als ein glückliches Zeichen gilt, aber in diesem Fall, da der Qualm schuld daran war, doch auch sehr bedenklich erscheinen konnte. Alles in allem genommen, machte der schwarze, hohe Schornstein inmitten der Dampfwolke keinen angenehmen Eindruck auf Hans, und die Aschenhaufen zu beiden Seiten des Weges, welcher ebenfalls immer schwärzer wurde, schienen ihm nichts zur Erhöhung des landschaftlichen Reizes beizutragen.

An einer langen Mauer lief der Weg jetzt hin zu einem weiten Tor; – Hans Unwirrsch war an seinem neuen Aufenthaltsort angelangt. Alles war auf dem Hofe an seinem rechten Flecke, und das Wohnhaus des Fabrikanten, welches links von dem Fabrikgebäude mit demselben einen rechten Winkel bildete, hatte Fenster und Türen, wie es sich gehörte; mehr ließ sich aber auch nicht darüber sagen.

Die Wolken, die sich den ganzen Nachmittag über immer mehr zusammengezogen hatten, ließen sich jetzt leise und feucht zur Erde herab. Schwarze Gestalten liefen über den Hof des Geschäftsanwesens; aus Röhren, die aus den Mauern der Fabrik guckten, zischte weißer Dampf; in dem Wohnhause wurde auf einem Fortepiano etwas Musik gemacht, doch nicht ausreichend, um eine helle Stimme zu übertäuben, welche sich sicherlich einbildete, angenehm zu sein. Auf den Treppenstufen der Haustür drängten sich drei blöd aussehende Knaben, sämtlich mit den Zeigefingern im Munde, zusammen, und mit wahrem Präzeptorblick erkannte Hans in ihnen sogleich seine Zöglinge. Dann trat ein Herr hervor, welcher statt des Zeigefingers eine Zigarre im Munde hatte und sich durch einen roten Fes mit blauem Quast glänzend und vorteilhaft von der in Grau und Schwarz getuschten Umgebung abhob; dieser Herr winkte dem Kandidaten, näher zu treten, und forderte ihn etwas kurz auf, nicht in dem Regen stehenzubleiben: es blieb kein Zweifel übrig, daß dies der Mann war, der einen Hauslehrer für hundertfünfzig Taler bar und eine angenehme und freie Station gesucht hatte.

Hans Unwirrsch fand, daß er sich wirklich auch in dieser Vermutung nicht getäuscht hatte. Er wurde etwas steif, aber nicht unfreundlich aufgenommen und den Damen des Hauses vorgestellt. Nicht die Hausfrau, sondern die Schwägerin der Hausfrau gab sich hold verschämt als die musikalische Verbrecherin zu erkennen; die Hausfrau, eine sehr stämmige Dame, erklärte die Musik für ihre schwächste Seite und verletzte ihre Schwägerin durch die Bemerkung, daß sie nie begriffen habe, wie ein Frauenzimmer, welches schon so lange über das Tanzen hinaus sei, sich aus so was noch was machen könne.

Recht real zeigte sich somit die Hausfrau und stach um so vorteilhafter von der Schwägerin ab, welche auf den lieblichen Ruf »Fräulein« ging und dazu den Namen Eleonore führte; – Fräulein Eleonore schwärmte für das ganze übrige Haus mit und fabrizierte Gefühle, Träume und Seufzer weit über den Bedarf hinaus.

Kalt und klar stand der Herr der Erwerbsanstalt als ein unstreitig sehr nützliches Glied der großen menschlichen Gesellschaft inmitten seiner schwarzen, dampfenden, zischenden, ächzenden, knarrenden, geschäftigen Welt. Auch er hielt den Lärm seiner Maschinen für die beste Musik, und in bezug auf Poesie hatte er abgeschlossen mit einem »Buch der Toaste und Gelegenheitsgedichte«, das er als lebenslustiger Kommis und junger Sünder erstanden hatte. Jetzt war die Zeit längst vorüber, wo es ein Genuß war, durch witzsprühende Improvisationen und geistreiche Trinksprüche zu glänzen. Stumm trank er jetzt sein Glas aus, und stumm füllte er es wieder, und seine Geschäftsfreunde achteten ihn deshalb nur um so höher.

Kurz und bündig setzte er dem Kandidaten Unwirrsch auseinander, was für Leute er aus seinen Söhnen zu machen wünsche.

»Gute Geschäftsmänner sollen sie werden«, sagte er, »aber bis sie alt genug sind, um in die Lehre genommen zu werden, wirds nichts schaden, ihnen ein wenig von dem, was ihr Herren die Humaniora nennt, beizubringen. Die Zeit schreitet mächtig fort, und wir Kaufleute und Fabrikanten haben uns wahrhaftig nicht über sie zu beklagen; sie nimmt uns gern mit, wenn wir nur wollen. Der Mensch muß sich jetzt in mehr Dingen zurechtfinden lernen als in unserer Väter Tagen – also trichtern Sie nur, Herr Präzeptor, trichtern Sie! Ich will schon Halt rufen, wenn ich denke, es ist genug und die edlern Organe werden unter Wasser gesetzt. Die Praxis ist doch die Hauptsache –«

»Und davon versteh ich leider sehr wenig, sehr wenig«, sagte Hans mit einer Vornehmheit, welche ihm Moses Freudenstein gewiß nicht zugetraut haben würde.

Der Fabrikant lachte und klopfte ihn auf die Schulter. »Dafür hab ich Sie auch nicht engagiert. Setzen Sie nur Ihren Trichter an, lieber Herr, und füllen Sie auf; – Bildung ist eine schöne Gegend, und etwas Latein kann gar nicht schaden. Wissen Sie, es gibt so viele Fremdwörter in der Welt und dergleichen. Latein ist auch eine sehr schöne Gegend und gar nicht zu verachten, aber immer mit Maß, immer mit Maß. Na, trichtern Sie nur, ich will die Augen schon offenhalten.«

Hans Unwirrsch zuckte die Achseln und fing an zu »trichtern« und ließ es sich sauer werden, die hundertundfünfzig Taler sowie die freie und angenehme Station durch die Allotria, die er lehren konnte, zu verdienen. Über seine Zöglinge hatte er sich übrigens nicht zu beklagen; es waren aufgeweckte, muntere Knaben, welche schnell auffaßten und begriffen. Die materielle Verpflegung in diesem Hause ließ auch wieder nichts zu wünschen übrig, und der Fabrikant gab der Nachbarschaft sehr stattliche Mittags- und Abendmahlzeiten, von denen der Hauslehrer nicht ausgeschlossen wurde. Die Hausherrin konnte grob sein, wurde aber eigentlich doch nie beleidigend; Eleonore war zart, betrachtete aber doch nicht jedes männliche Wesen als einen Stamm, der es ruhig dulden müsse, wenn er mit Lianenarmen umrankt werde. Jeder tat pünktlich seine Pflicht, man stand früh auf und ging früh zu Bett; man gähnte nur am Abend nach getaner Arbeit, wenn man das Recht dazu hatte.

Was die Gegend anbetraf, die der Prinzipal ebenfalls eine »schöne« nannte, so hatte Hans noch niemals eine so platte gesehen, und man konnte nicht sagen, daß die Neuigkeit eines solchen Anblicks einen großen Reiz für ihn gehabt hätte. Die Aussicht blieb überall dieselbe, man sah von jedem Standpunkt aus zwei oder drei Dörfer, zehn bis zwanzig hohe Schornsteine, zehn bis zwanzig Windmühlen und hie und da einige zerrissene Fichtenbestände. Kornfelder gab es wenige; aber sehr schöne Zuckerrüben wuchsen bis über den fernsten Horizont hinaus, trugen jedoch auch nichts zur Verschönerung der Landschaft bei. Auf engen Pfaden wandelte zwischen dieser nutzbringenden Vegetation der, welcher spazierenging; und nichts in der Nähe und nichts in der Ferne hinderte ihn, sich geistig in die wundersamsten paradiesischen Gegenden der Erde zu versetzen; wenn der Unglückliche Phantasie besaß, so hatte sie den weitesten Spielraum, sich zu entfalten.

Schwer sank das Leben auf Hans Unwirrsch herab. Er erwachte des Morgens und verwunderte sich gar nicht, alles noch auf seiner Stelle zu finden. Er, der immer in der Einsamkeit und Stille gelebt hatte, fing an, hier wie ein lebendig Begrabener zu leiden; Ketten, von deren Existenz er bis jetzt keine Ahnung gehabt hatte, fühlte er nun an Händen und Füßen, und ihr Geklirr fing an, ihn in tiefster Seele zu ängstigen. Wenn er sein unruhig Herz aus den schwarzen Mauern der Fabrik auf die Feldwege trug, schritt er, der sonst die Kunst des Schlenderns aufs höchste ausgebildet hatte, so hastig hin, als ob er einem Gefängnis entflohen sei und die Verfolger hinter sich höre. Mehr als je dachte er jetzt wieder an den verschollenen Moses, und allerlei bunte Phantasien über das Los, welches diesem zuteil geworden sein mochte, kamen ihm in den Sinn. Wunderliche Ideen und Wünsche kehrten jetzt seltsamerweise in verdoppelter Stärke wieder. Vergebens suchte er dieselben zu bekämpfen, vergebens sagte er sich täglich vor, daß er mit ihnen eigentlich schon vor langen, langen Jahren in dem Hause des Kanzleidirektors Trüffler in seiner Vaterstadt gebrochen habe; – sie waren immer wieder da und ließen sich nicht so leicht vertreiben wie damals, als Hans noch mit Moses Freudenstein auf die Schule ging. Seltsam wars in Hinsicht auf Hans, doch kein Wunder überhaupt, daß diese Wünsche nach einer freieren, weiteren, schöneren Welt sich regten. Es mußte so herrlich sein und so nutzbringend, inmitten eines strebenden Gewühls der Intelligenzen zu leben. Dort allein, wo alle Grade und Schattierungen der menschlichen Gesellschaft auf dem Kampfplatz vertreten waren, in den großen Städten, konnte man den Menschen und das, was über dem Menschen ist, recht erkennen lernen. In der Öde und Abgeschiedenheit lernte Hans Unwirrsch seinen Freund Moses begreifen; aber die Maschen des Netzes, welches ihn gefangenhielt, lagen dicht und unzerreißbar um seine Glieder, und je mehr er zappelte, desto erstickender zogen sie sich um ihn zusammen. In diesem Netze tötete ihn fast der Hunger. Er konnte seine Stellung nicht verlassen. Durch einen guten, sichern Kontrakt hatte ihn der Prinzipal auf drei lange Jahre gebunden, und nur er – der Prinzipal – konnte diesen Kontrakt aufheben. Trichtern mußte Hans Unwirrsch, wenn nicht die Götter sich ins Mittel legten und ihn aus der selbstverschuldeten Knechtschaft erlösten. Daß dieses geschah, mußte der Befreite für ein hohes Glück nehmen, obgleich es die Folge sehr trauriger Ereignisse war.

Es brach in der Gegend gegen Mitte des Herbstes eine böse Krankheit aus, die viel Ähnlichkeit mit dem Hungertyphus hatte. Sehr viele Leute starben daran, sehr viele trugen ein lebenslängliches Siechtum davon, und sehr, sehr viele der Überlebenden fanden sich, wenn die Leichen aus den Häusern geschafft waren, in der drückendsten Not und Armut. Auch der ärmste Mensch kann zuletzt den Hunger und die Sorge nicht mehr ertragen, und leider macht er dann keine schriftlichen Eingaben an die Behörden, sondern er schlägt mit der Faust an die Tür der Leute, welche noch etwas zu essen haben. Letzteres geschah denn auch diesmal an dieser Stelle. Das Murren des Arbeitervolkes wurde zur Meuterei; man demolierte ein wenig und warf sehr viele Fenster ein, man sprach davon, daß es nützlich sein würde, verschiedene Leute lebendig zu braten. Aus der nächsten Garnison rückte natürlich eine Infanteriekompanie heran, um die Ruhe wiederherzustellen. Es kam zu einem Zusammenstoß; drei der unglücklichen Fabrikler wurden erschossen, mehrere erhielten Schuß- und Stichwunden. Die arme Eleonore lag tagelang in den bösesten Krämpfen; aber die Prinzipalin schnob Wut, wie jene sanfte Agnes, die nach der Ermordung des Kaisers Albrecht des Ersten das Kloster Königsfelden baute, nachdem ihr das Blut der Unschuldigen bis an die Waden gestiegen war. Auch der Prinzipal war sehr erbost, und mit ihm geriet Hans jetzt auf eine Art aneinander, welche die Lösung des Kontraktes, die Kündigung desselben auf Ostern zur Folge hatte. Es war aber auch dem Prinzipal nicht zu verdenken, wenn er mit einem Menschen, der in Betracht solcher Vorkommnisse solche zugleich abgeschmackte und schändliche Ansichten offenbarte, nicht länger unter einem Dache leben wollte. Aber es war schon recht – was konnte man von solch einem Hungerleider von Hauslehrer anders erwarten, als daß er die Partei der Hungerleider nehme? Wie konnte »das« eine eigene Meinung haben, selbst – wenn es darum gefragt wurde?

Einen trübseligen Winter verlebte Hans Unwirrsch. Vergeblich bot er wiederum seine Dienste in den Zeitungen an, vergeblich schrieb er an die wenigen Bekannten, welche er besaß. Es war, als ob die Welt fürs erste vollständig mit Präzeptoren versorgt sei – auf die Anerbietungen antwortete niemand, und die Bekannten wußten auch keinen Rat. Dazu war große Ebbe in der Kasse des Kandidaten. Wo so viel Elend ringsumher die Hände ausstreckte, da konnte Hans Unwirrsch nicht die Taschen zuknöpfen. Er gab, was er hatte, und behielt kaum etwas Nennenswertes für sich selber übrig. Ein Proletarier, wandelte er unter den Proletariern, und die Felder waren kahl, und Schnee lag in den Furchen, und graue Nebel verhingen den Horizont nach allen Seiten. In den Nebel, in welchen Hans aus dem Bodenfenster seines väterlichen Hauses hineingesehen, war er nun wieder ein gut Stück Weges weiter hineingeschritten, immer hatte er vor sich den hellen Schein erblickt, der vor dem einzelnen nicht weniger herschwebt als vor dem Volk auf dem Marsche. Die Feuersäule, die vor dem Zuge Israels wandelte, die gläubige Hoffnung hatte bis jetzt auch den armen Kandidaten geleitet: aber nunmehr gab es Augenblicke, in denen sie erloschen schien, Augenblicke, in welchen er auf gut Glück nach allen Seiten hin im Dunkeln und vergeblich umhergriff.

Seine Stellung in dem Hause seines jetzigen Brotherrn wurde von Tag zu Tag unerträglicher, und es wurde Februar, ohne daß sich ihm eine freundlichere Aussicht eröffnet hätte. Aus der Heimat schrieb der Oheim Grünebaum gar kuriose Klagebriefe, und die Base Schlotterbeck litt an den Augen und konnte nicht schreiben. Die beiden alten Leute waren auch hart bedrängt, und von Neustadt aus hatte Hans keine Hilfe zu erwarten, und Trost konnten sie ihm auch nicht geben.

Wir haben von den Fichtenholzungen gesprochen, welche hie und da die Einförmigkeit der Ebene unterbrachen. Eine derselben war das gewöhnliche Ziel der Spaziergänge des Hauslehrers. Wenn die Sonne schien und wenn kein Schnee lag, so schritt man dort mitten im Winter wie in einem wunderlich guterhaltenen Stück Frühling. Kein entblätterter Laubholzbaum störte die Täuschung; aber auch kein singender Vogel vervollständigte sie. Eine Landstraße lief durch dieses Gehölz, und auf dieser Landstraße trabte das Geschick in der Gestalt eines ältlichen, schnauzbärtigen, etwas rotnasigen Reiters heran, während Hans Unwirrsch in bangem, wehmütigem Sinnen auf einem Stein am Wege saß und keine Ahnung davon hatte, wie nahe die Wendung seines Schicksals sei.

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