Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Vierzehntes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



In so tiefe Gedanken war Hans Unwirrsch versunken, daß er von dem sich nahenden Hufschlag nichts vernahm. Um so erschreckter fuhr er empor, als der Reiter seinen Gaul dicht vor ihm anhielt und den Träumer mit einem lauten Hallo begrüßte.

»Holla, mein Söhnchen, sind wir es denn wirklich? Sitzen wir denn leibhaftig auf dem Stein am Weg wie ein Schneider mit Leibweh? Wache heraus! Präsentiert s Gewehr! Trrrrrrbumbum; guten Abend, Herr Kandidate, ich bins!«

Mit weit aufgerissenen Augen stand Hans da, ohne doch recht zu wissen, wer sich da so sehr verwunderte, ihn hier unter den Fichten zu treffen. Der Reiter tat auch nichts, den Armen aus seiner Verwirrung zu reißen, außer daß er ihm fortwährend lächelnd oder vielmehr grinsend in das Gesicht sah. Die Mähne seines Pferdes legte er dabei gemütlich zurecht, und erst, als er damit fertig war und nun eine ähnliche Handhabung mit seinem Schnurrbart begann, ging dem Hauslehrer ein Licht auf.

Das war ja der alte Herr aus dem Posthorn zu Windheim! Es war kein Zweifel, das war jener alte Herr, der so gern Punsch trank und jene junge, liebe Dame in Trauerkleidung zu den Verwandten bringen wollte! Das war der alte Herr, welcher Moses Freudenstein in Paris gesehen hatte und so schlecht von ihm sprach! Es war kein Zweifel! Kein Haar fehlte in dem langen Schnurrbart, kein Knopf an dem bis zum Hals zugeknöpften, langen, etwas schäbigen Rock!

Er mußte auch wohl merken, dieser alte Herr, daß es in der Erinnerung des Theologen klarwerde, denn er rüstete sich zum Absteigen und sagte:

»Na, rücken Sie nur zu auf Ihrem Steine; ich bins wirklich, und – hier bin ich.«

Er war abgestiegen und schüttelte dem Kandidaten die Hand:

»Guten Abend, Schwarzrock; man sagt wohl: was sich liebt, das trifft sich; aber zuweilen trifft sich auch das, was einander braucht. Rücken Sie zu auf dem Stein, und du, alte Mähre, halt dich ruhig, ich habe mit diesem Jüngling einige Worte zu reden. Angenehmes Biwak hier, wenn die Sonne drauf scheint; man sollte den grauweißen Klumpen dort im Graben kaum noch für Schnee halten; – also, Sie suchen eine Stelle, Herr Johannes Unwirrsch, Kandidat der Theologie?«

Wiederum zeigte Hans alle Zeichen der Verwunderung und des Staunens, und dazu murmelte und stotterte er, daß er nicht wisse, daß er nicht begreife, daß er nicht imstande sei, kurz, daß ihn diese Begegnung und diese Frage im höchsten Grade überrasche.

»Gott, was für Augen kann deine Eule machen!« rief aber der Leutnant Götz, der jetzt ein zerknittertes Zeitungsblatt aus der Brusttasche zog. »Steht es hier nicht unter Butter, Käse, verlaufenen Hunden und ehrlichen Findern? – Hier – ein junger Mann in den besten Jahren sucht auf diesem Wege eine Lebens– nein, das ist eins von den verfluchten Heiratsgesuchen! – aber hier, was steht da schwarz auf weiß?«

Der Leutnant hielt dem Kandidaten richtig sein Inserat unter die Nase, und Hans bekannte, daß er der Johannes Unwirrsch sei, welcher eine Stelle als Hauslehrer wohl gebrauchen könne.

»Und jetzt habt Ihr höchstwahrscheinlich schon sechs für eine gefunden, und ein, zwei Dutzend junge, reiche Witwen mit nur einigen Unmündigen reißen sich um Euch, und Ihr habt der jüngsten geschrieben, daß Ihr zu Ostern kommt – he, Pfäfflein?!«

Hans Unwirrsch erklärte halb entrüstet, halb kläglich, daß weder eine reiche noch eine alte Witwe noch sonst wer nach seinen Dienstleistungen Verlangen getragen habe, daß die Sache ihm übrigens durchaus nicht lächerlich vorkomme.

»Und so sitzen Sie denn hier an der Landstraße und warten auf die Güte Gottes? Das ist recht von Ihnen, das gefällt mir! – Wer weiß, was alles zwischen Sonnenaufgang und -Untergang hier vorüberkommen kann!«

»Habe ich Sie doch getroffen, Herr Leutnant«, antwortete Hans. »Ich habe es nicht vergessen, daß Sie einst so freundlich gegen mich waren. Oft habe ich an jenen Abend, Sie und Ihre Fräulein Nichte gedacht.«

»So?!« sagte der Leutnant. »Ei! Hm! – Nun, ich denke Ihnen beweisen zu können, daß auch ich Sie nicht vergessen habe; aber zuerst möchte ich Ihnen gern eine Frage vorlegen. Haben Sie etwas dagegen, mir zu erzählen, wie es Ihnen seit jenem Abend, wo wir zuerst die Füße unter einen Tisch stellten, ergangen ist und wie Sie leben? Offengestanden, Sie sehen mir aus, als ob es jetzt nicht weniger als damals in Ihre Suppe regne. Erzählen Sie! Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort, daß ich im Grunde augenblicklich ebensowenig zum Scherz aufgelegt bin wie Sie.«

Hans Unwirrsch sah dem alten Herrn ins Gesicht und fand, daß wohl etwas Wahres an der letzten Behauptung desselben sein möge. Da er übrigens auch jetzt noch nichts in seinem Leben zu verbergen hatte, so besann er sich nicht lange und gab heute Bericht darüber, wie einst im Posthorn zu Windheim. Er erzählte alles, was man bereits weiß, und der Leutnant hörte aufmerksam zu, ohne ihn nur ein einziges Mal zu unterbrechen; aber es war, als ob er sich vorgenommen habe, seinen jungen Bekannten aus einer Verwunderung in die andere zu stürzen; denn als Hans endlich zu Ende war mit der Aufzählung seiner Erlebnisse, schlug ihn jener mit großer Gewalt auf das Knie und rief:

»Vortrefflich! Ausgezeichnet! So mußte es kommen! Also es geht Ihnen miserabel? Na, das freut mich unendlich. Geben Sie mir Ihre Hand; – also es geht Ihnen hundsübel? Das ist mir eine wahre Beruhigung! Kandidate, ich habe eine Stelle für Sie!«

»O Herr Leutnant . . .«

»Ruh im Glied! Sie verwundern sich, und das nicht ohne Grund. Auch mir kommt es jetzt noch verwunderlich vor, daß wir zwei beide hier auf diesem verflucht kühlen Stein sitzen und einander so nötig haben wie die liebe Luft. Es ist keine kuriose Geschichte, daß wir einst im Posthorn zu Windheim zusammensaßen, und es ist keine kuriose Geschichte, daß ich später mit keinem Gedanken an den jungen Pfaffen, der mir damals seine Geschichte über einem Glase Grog erzählte, gedacht habe; aber eine kuriose Geschichte ists, daß ich vor acht Tagen in Kummer und Sorge im Russischen Hof in ** sitze und denke an das arme Mädel – dummes Zeug, und denke an den langen Theodor, das heißt meinen Herrn Bruder, den Geheimen Rat, und wie er für seinen Jungen einen Präzeptor sucht, unverdorben, demütig und in der Furcht des Herrn ergeben der Gebieterin, der Gräfin von Savern, welches sagen will, daß auch meine Schwägerin nicht allzuviel an ihm auszusetzen finde. Sitze da und sehe durch den Rauch meiner Pfeife die Welt so erbärmlich und jämmerlich, wie man nur wünschen kann, an und denke, daß die Billardkugeln besser dran sind als die Menschen, die sich auch von allen möglichen Tölpeln und Lümmeln umherstoßen lassen müssen, aber mit Gefühl. Ich zerreibe mir die Stirn, doch es will kein vernünftiger Gedanke heraus. Herrgott, meine ich, Rudolf, du alter Knabe, du bist doch mit vielen Menschen in der Welt zusammengekommen: existiert denn keine einzige Kreatur auf dem ganzen Erdboden, welche du – dahin – schicken könntest, daß das arme Kind – – – na ja, hier ist der Wisch! Ich gucke erst hinein, um meinen Ärger vollzumachen; und dann ists mir, als ob mich jemand mit der Nase aufs Blatt stoße und sage: Da! Hörst dus, alter Schwede, was sagst du nun? Was sagst du zu der Etappenstraße? – Johannes Unwirrsch! – will eine Stelle als Hauslehrer haben! – Ich stülpe meinen Gedächtniskasten um – da ists, und – hier bin ich. Ich fahre noch in derselben Nacht auf der Eisenbahn nach **, marschiere nach ***. Dort miete ich diese vierbeinige Schwindsucht und reite vor den Goldenen Schnabel in dem Nest, dessen Kirchturm dort hinter dem Wald zu sehen ist! Da mache ich Quartier und rekognosziere wie ein Lützower: Kohlenau? Richtig, es gibt es hierherum. Kohlemeier? Schon recht, so heißt der Kerl beim Schornstein. Kandidatus Johannes Unwirrsch? Denke ich, das alte Weib in der Wirtsstube wird verrückt bei dem Namen; alles andere Gesindel spitzt die Ohren und drängt sich heran. Nun gehts los; – ich muß schöne Geschichten hören: – – – da hast du nochmals meine Hand, mein Junge; ich mache dir meine Honneurs von wegen des süßen Duftes, welchen du in dieser Gegend von dir gelassen hast. Ich lasse mir den Burschen, der allhier in so gutem Geruch steht, genau beschreiben, und das Konterfei trifft mit dem Schwarzrock aus dem Posthorn aufs beste zusammen. Da sattle ich wieder, und ich habe nur noch die Angst, daß das Nest schon ausgenommen ist und mein Vogel in einem fremden Käfig sitzt; dort komme ich um die Ecke und gucke auf und sehe was Schwarzes am Weg hocken. Sollte dir der liebe Gott so wohlwollen, daß du das Geschäft schon hier abmachen kannst? fährt mir durch den Sinn, und richtig, es ist so – er ist es. Und trotzdem daß er wiederum aussieht wie die Klagelieder Jeremiä, ist mir sehr wohl zumut, und nun, Kandidate, tun Sie einem alten, herrenlosen Hunde und heimatlosen Bettelmann seinen Willen und schreiben Sie an den Geheimen Rat Götz – Hochwohlgeboren – und vergessen Sie nicht, auf den Brief »Amtssache« zu setzen und das Wort zu unterstreichen, von wegen – ahm – von wegen der Schwägerin und der Kleophea. Schreiben Sie dem Mann, ich hätte Sie empfohlen. Hier ist die vollständige Adresse; schreiben Sie gleich, wenn Sie nach Haus kommen. Sie werden jedenfalls bald Antwort erhalten; auch ich werde von mir hören lassen, und somit ist alles gesagt, was augenblicklich zu sagen war. Lassen Sie sich noch einmal ansehen, geben Sie mir noch einmal Ihre Hand, und nun – leben Sie wohl und bleiben Sie gesund. Ihr Sie liebender Rudolf Götz, Leutnant außer Dienst, und so weiter.«

»Aber ich weiß ja eigentlich noch gar nicht –«

»Schreiben Sie an den Rat, daß Sie Hans Unwirrsch heißen und eine Stelle als Hauslehrer suchen.«

»Aber Herr Leutnant –«

»Man merkt doch, daß es noch nicht völlig Frühling ist. Da, sehen Sie, lieber Junge, eben nimmt die Sonne dort von der höchsten Fichte Abschied; es ist zu Ende für heute, und mein Rosinante wird auch ungeduldig. Wohlauf, Kameraden, wohlauf aufs Pferd! Herrgott, wie ist dem Menschen leicht, wenn du ihm ein Stück Sorge aus dem Tornister genommen hast. Auf Wiedersehen, Kandidate!«

Schon saß der Leutnant im Sattel, den Zügel hatte er auf den Sattelknopf gelegt, beide Zeigefinger in die Ohren gestopft, und so ritt er dahin, woher er gekommen war. Hans Unwirrsch gab es auf, ihm nachzurufen; er sah ihm nur nach und war in diesem Augenblick selbst zu der Frage, ob er wache oder träume, nicht fähig. Wie festgewurzelt stand er und hielt das Papierstück mit der Adresse des Geheimen Rats Götz in ** in der Hand, und der Leutnant Götz winkte von der Ecke des Weges noch einmal zurück. Dann war er verschwunden, und nun war es in der Tat mehr als fraglich, ob er wirklich da vor dem Stein am Wege gehalten und auf dem Stein gesessen hatte. Ebenso zweifelhaft wars, ob die Sonne wirklich heute so warm geschienen habe; frostig und dunkel wars nun auch unter den Fichten; mit dem Licht auf den Stämmen und in den Wipfeln waren alle Frühlingsgefühle erloschen. Grau war der Himmel über dem Walde, Hans knöpfte seinen Rock zu und ging ebenfalls. Die Adresse steckte er bald in die Tasche, bald zog er sie wieder hervor; – dieses Stück Papier wenigstens war doch Wirklichkeit, war doch kein Stück von einem Traum!

Vor dem Walde lag das Feld traurig kahl, und der Schnee lag immer noch in den Furchen; die Sonne hatte ihn an diesem einen Nachmittag nicht auflösen können, aber der rote Strich am westlichen Horizont war wie ein Zeichen, das sie gemacht hatte, um ihr angefangen Werk nicht zu vergessen. Aus dem hohen Schornstein von Kohlenau quoll wie gewöhnlich die schwarze Rauchwolke und wälzte sich langsam über den grauen Himmel gegen den Schein im Westen; auf dem schmalen Feldwege schritt Hans hastig fort, die Nase hoch in der Luft und den Hut weit im Nacken; allein wie er sich auch abquälte, jetzt brachte er noch keinen Zusammenhang zwischen jenen Abend im Posthorn zu Windheim und die heutige Unterredung im Fichtengehölz. Alle Einzelheiten jenes Abends rief er sich zurück; jedes Wort, welches damals gesprochen wurde, war ihm wichtig, weil er dadurch das Rätsel des heutigen Tages glaubte lösen zu können. Er löste es jedoch nicht; nur die Gestalten des alten Soldaten und des jungen Mädchens, die allmählich so ziemlich in seiner Erinnerung erloschen waren, waren wieder klar geworden, und vorzüglich das Bild Franziskas stand in lebenskräftigen Farben vor seiner Seele. Er kam heim und wurde auf die gewohnte Art halb gleichgültig, halb abweisend empfangen; unwillkürlich fühlte er nach dem Papierstück, welches ihm der Leutnant gegeben hatte; er würde es schwer empfunden haben, wenn er es unterwegs verloren hätte. In seinem unbehaglichen Zimmer war das Feuer erloschen, als er nach dem Abendessen hinaufstieg. Er fühlte die Kälte nicht, er saß am Tisch nieder, legte das Blatt mit der Adresse vor sich hin und begann sein Grübeln von neuem. Als die Fabrikglocke zwei Uhr schlug, hatte er das Schreiben an den Geheimen Rat Götz fertig und kroch im halben Fieber ins Bett; als er aber am andern Morgen aus einem tiefen Schlaf erwachte, fühlte er sich erleichtert wie seit langer Zeit nicht. Während des Ankleidens fielen ihm freilich noch einige gute Sätze ein, die er dem Briefe hätte anfügen können; allein da das Siegel einmal aufgedrückt war, so behielt er sie für sich, und der Bote des Prinzipals nahm das inhaltsvolle Schreiben um zehn Uhr mit zur nächsten Poststation. Hans Unwirrsch sah dem Mann und der ledernen Tasche nach bis zum Hoftor; dann seufzte er tief auf wie ein Mann, der eine schwere Last niedergesetzt hat; darauf nahm er sich vor, nun gar nicht mehr zu denken an den Kerl, an die Tasche, an den Brief und an den Leutnant Rudolf Götz, sondern sich ganz seinen Zöglingen zu widmen. Die armen Jungen hatten gegründete Ursache, sich über ihren Lehrer zu verwundern, er trichterte mit einer Krampfhaftigkeit, daß ihnen der Kopf brummte; und der Prinzipal, der, wie wir wissen, scharf Achtung gab, sagte zu seiner Gemahlin:

»Der arme Teufel, er fängt doch an, mir leid zu tun. Alle Mühe gibt er sich, das muß man ihm lassen; aber behalten kann ich ihn nicht. Was hilft mir alle Gelehrsamkeit, wenn sie solche frivolen Grundsätze zutage fördert! Das Volk zieht die Kappen nicht tiefer vor mir als vor ihm: je eher der Mensch also geht, desto besser ists für uns beide.«

Vierzehn Tage vergingen, vierzehn Tage voll wechselnden Februarwetters, und Hans Unwirrsch dachte seinem Vorsatz zuwider sehr, sehr häufig an seinen Brief und den Leutnant Götz. Zwischen der Fabrik und der Poststation wanderte der Briefsack hin und her, aber kein Schreiben fiel für den Präzeptor heraus. Jeden Abend legte sich Hans bedrückter zu Bett, und jeden Morgen erwachte er hoffnungsleerer. Wenn die Witterung es irgend erlaubte, wanderte er zu den Fichten, mit dem Gefühl, als werde ihn dort das treffen, was er neben dem hohen Schornstein mit so nervösem Bangen so vergeblich erwartete. Aber niemand saß, wenn er aus dem Gebüsch trat, auf dem Stein, weder die alte Frau, die sich in die allerschönste und gütigste Fee verwandeln konnte, noch der Herr Geheime Rat Götz, der einen Hauslehrer suchte. Und wenn nun Hans selber niedersaß und wartete, so sah er wohl dann und wann irgendein Menschenwesen vorbeiziehen, aber der Leutnant Götz trabte nicht um die Waldecke. Immer bedrückter und hoffnungsloser kehrte Hans von den Fichten heim. An den Prinzipal kam in der ledernen Brieftasche ein Brief von dem neuen Präzeptor, der seine demnächstige Ankunft meldete. –

Der achtundzwanzigste Februar fiel auf einen Sonntag, und es regnete an diesem Sonntage fast ununterbrochen. Die nächste Kirche war eine Stunde von Kohlenau entfernt, und der Weg dahin war bei solchem Wetter mit so großen Beschwerden verbunden, daß der Pastor an solchen Tagen seine Predigt so ziemlich für sich und seinen Küster allein hielt. Auch Hans Unwirrsch hatte sich von derartigem Wetter öfters abhalten lassen, die schönen Reden anzuhören; aber in seiner jetzigen Stimmung zog er den schlimmsten Weg dem ruhelosen Stillsitzen im Hause vor. Unter seinem Regenschirm watete er kläglich durch die aufgeweichten Felder, und die durchnäßten Meisen und Spatzen in den tröpfelnden Hecken zogen die Köpfe unter den Flügeln hervor und blinzelten ihm mit spöttischem, aber leisem Gezirp nach. So grau der Himmel war, so grau war die Predigt; kläglich erklang der Gesang der sechs andächtigen Christenleute, welche die andächtige Versammlung bildeten, und doch verließ der Hauslehrer von Kohlenau nur ungern die Kirche, als der Gottesdienst zu Ende war, und der Heimweg war fast noch schlimmer als der Herweg.

Eine Stelle gabs auf diesem Pfade, die vorzüglich Lust hatte, unvorsichtige Wanderer mit Haut und Haar zu verschlingen; und als Hans hügelab auf sie zutrabte, vernahm er in der Tiefe ein großes Geplatsch und Gefluche und erblickte richtig ein unglückliches Menschenkind im Kampf mit den unsaubern Geistern des Abgrundes. Ein Postbote im blauen Rock mit rotem Kragen wars, und ein Glück wars, daß Hans ihn vom Versinken rettete, denn einen rekommandierten Brief, gerichtet an den Kandidaten Unwirrsch, trug er in der Tasche, und dieser Brief war von dem Geheimen Rat Götz. Seine Sterne und den Zufall, der ihm den Rest eines solchen Weges erspart hatte, preisend, verschwand der blaugerockte Mann mit aller Münze, die Hans bei sich geführt hatte, im Nebel und Regen; – Hans Unwirrsch aber stand am Rande des Abgrundes und hielt das Schreiben in zitternder Hand, und der Regen trommelte auf seinem Regenschirm. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe er sich so weit gefaßt hatte, daß er das Siegel erbrechen konnte.

Wenig mehr stand in dem Brief, als daß sich der Herr Kandidat am achten März, mittags um zwölf Uhr weniger fünfzehn Minuten – pünktlich und persönlich dem Geheimen Rat vorstellen möge; aber auch dieses wenige genügte, um die schwerste Last der Ungewißheit von der Brust des armen Hans abzuwälzen. Tief aufatmete der Befreite, und dann setzte er seinen Weg fort; er schwebte jetzt über den Dreck, und nach seiner Heimkehr verwendete er den Nachmittag dazu, seine Habseligkeiten zusammenzupacken. Gern überließ er seinem Nachfolger das Zimmer mit der schönen Aussicht auf den Schornstein und wünschte ihm von Herzen, daß er sich wohler darin fühlen möge, als er – Hans Unwirrsch – sich darin gefühlt hatte. Der Prinzipal freute sich, wie er sagte, herzlich über die gute Aussicht auf eine neue, angenehme Stellung, welche sich dem Herrn Kandidaten eröffnete; die Prinzipalin zeigte sich von ihrer liebenswürdigsten Seite; die Schwägerin, die von allen Seiten liebenswürdigst war, fing an, für den abziehenden Präzeptor einen Geldbeutel in Seide und Perlen zu arbeiten, beglückte damit aber erst den folgenden jungen Pädagogen zum Heiligen Christ. Die Knaben nahmen von ihrem jetzigen Lehrer nicht ohne Rührung Abschied; auf der Landstraße befand sich Hans Unwirrsch nun eher wieder, als er es sich vorgestellt hatte.

Seinen Koffer hatte er zurückgelassen, nachdem der Buchhalter versprochen hatte, denselben später auf Order nach jedem beliebigen Ort zu spedieren; mit einer leichten Reisetasche wanderte Hans aus, seinem weitern Schicksal entgegen.

Ein leichter Frost hatte den Boden gefestigt; man blieb nicht mehr darauf kleben, sondern schritt frei und elastisch darüber hin. Die Spatzen und Meisen saßen auch nicht mehr kümmerlich und kläglich in den Hecken; lustig flogen sie umher, und die Sonne schien in den Nebel, der sich senkte, eine Reihe guter Tage versprechend.

Da war der Fichtenwald mit seinem morgendlichen, aromatischen Duft, und der Kandidat nahm den Hut ab, als er in den heiligen Schatten trat, setzte ihn aber der Kühle wegen wieder auf.

Da war der Stein am Wege, und auf dem Stein – auf dem Stein saß wahrhaftig was, das sich erhob, militärisch grüßte und im fröhlichen Baßton sprach:

»Guten Morgen, Herr Kandidate!«

Ein Wunder mußte geschehen an diesem Morgen, Hans Unwirrsch hatte es bei jedem Schritt erwartet und vorgefühlt. Jetzt war es da und erschien zuletzt gar nicht einmal als ein Wunder, sondern als ein ganz natürlicher Vorgang. Der Leutnant Rudolf Götz wenigstens fand durchaus nichts Verwunderungswürdiges an diesem abermaligen Zusammentreffen an dieser Stelle. Der wackere Soldat hatte natürlich Kenntnis von dem Briefe seines Bruders, und da er sonst nichts Wichtiges zu tun hatte, machte er sich auf, den Präzeptor von Kohlenau abzuholen, um ihn an den Bestimmungsort abzuliefern.

Diese Wendung gab er selber der Sache, und Hans nahm sie gläubig an; der Gute ahnte ganz und gar nicht, daß der alte Krieger einen sehr bestimmten Zweck dabei hatte, gerade diesen Präzeptor in das Haus seines Bruders zu bringen; aber da wir teilweise diese Geschichte auch dieses Zweckes wegen erzählen, so wird es nicht nötig sein, daß man an dieser Stelle mehr davon erfahre als der Kandidat.

Eine umsponnene Flasche, die Hans bereits kannte, reichte der Leutnant dem jungen Theologen zum Willkommen und zum Wahrzeichen, daß die Begegnung im Fleisch und in der Wirklichkeit vor sich gehe; dann erkundigte er sich sehr teilnehmend nach dem Befinden des Jünglings, und dann schlug er vor, daß man weiterwandere.

Nun wagte es Hans auch, sich nach dem Befinden der Nichte zu erkundigen, worauf der Alte mit Gebrumm meinte, daß es ihr leidlich gehe, daß es ihr aber noch viel besser gehen könne und daß man im Grunde in einer Lumpenwelt lebe. Der Kandidat dachte an den Oheim Grünebaum, der das letztere ebenfalls öfters mit demselben Worte, aber eigentlich ohne genügenden Grund verkündigte, und sah mit Mitgefühl auf das arme Pack, das ihm und seinem Reisegenossen begegnete. Wahrlich, manch eine zerlumpte Kreatur hielt den Präzeptor an und nahm Abschied von ihm mit Tränen oder einem Kratzfuß; – Hans Unwirrsch hatte eine große und nette Bekanntschaft in dieser schönen, flachen Gegend,

Aber der Wald ging zu Ende, hinter dem Walde lag das Dorf Plackenhausen und in dem Dorf das Wirtshaus zum Schnabel, vor dessen Tür dem Leutnant schwach wurde und er einiger geistigen Anregung und eines Frühstücks bedurfte. Nachdem dasselbe eingenommen war und Hans auch von den Wirtsleuten einen gerührten Abschied genommen hatte, behauptete der Leutnant, daß ein Frühstück ihn stets am Marschieren hindere, und es fand sich vor der Tür ein Gefährt auf zwei Rädern, das von einem Roß gezogen wurde und in welchem zwei Herren behaglich nebeneinander sitzen konnten. In diesem Fuhrwerk setzten der Soldat und der Theologe ihre Fahrt bis zur Stadt ** fort, wo sie um Mittag anlangten. Dann führte sie die Eisenbahn weiter bis zur letzten Station vor der großen Allerweltsstadt, die von nun an der Aufenthaltsort Hans Unwirrschs sein sollte. Auf der letzten Station aber verließen die beiden Reisenden den Zug auf Wunsch des Leutnants, welcher behauptete, es sei besser, in das neue Leben zu Fuß einzuwandern, da man dem Geist dadurch Gelegenheit gebe, sich zu beruhigen, und da er – Rudolf Götz – noch eine Geschichte zu erzählen habe, welche er am besten im Marschieren von sich geben könne. Dem Präzeptor war dieser Vorschlag höchst angenehm, mit Vergnügen sah und hörte er den Dampfzug fortschnauben, -rasseln und -klappern, mit Behagen atmete er die scharfe Luft des nahenden Abends ein. Ungemein belebend und kräftigend hatte bereits die Reise und die Gesellschaft des Leutnants auf ihn gewirkt; Kohlenau mit dem grämelnden Herrn im roten, blauquastigen Fes, Kohlenau mit der harten Prinzipalin und der weichen Schwägerin, Kohlenau mit seinen Aschenhaufen und Kohlenhaufen, seinen Rädern und Rollen, seinem Gezisch und Gesause, seinem Schornstein und seinen Dämpfen und Dünsten, Kohlenau war hinter ihm versunken, als wäre es nie dagewesen.

Hans Unwirrsch stand mit Wanderstab und Reisetasche auf dem Bahnhof wie ein Abenteurer vom reinsten Wasser; er fühlte sich fähig, dem seltsamen Begleiter in die möglichsten und unmöglichsten Fährlichkeiten und Wunder zu folgen, und der bleiche zunehmende Mond sah durch das gesänftigte Sonnenlicht lächelnd auf den verwegenen jungen Menschen herab.

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