Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Achtzehntes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Der neue Hauslehrer orientierte sich nun in dem Hause des Geheimen Rates Götz, so gut es angehen wollte. Den Leutnant bekam er richtig nicht wieder zu Gesicht, und so war er im Anfang vollständig auf sich allein angewiesen. Daß das Regiment des Hauses in den Händen der gnädigen Frau lag, mußte auch dem Befangensten bald klarwerden; in seinem Kollegio mochte der Geheime Rat eine Autorität sein, in seinem Heimwesen war er es jedenfalls nicht.

Mit starker Hand führte Aurelia Götz, geborene von Lichtenhahn, das Zepter, nicht allein der Sitte, und ließ selten etwas über sich kommen. Bis an die Grenzen des Reiches Kleopheas gebot sie unumschränkt; Reunionskriege über jene Grenzen hinaus waren jedoch immer erfolglos gewesen, und so herrschte zwischen Mutter und Tochter das, was man in der Politik einen bewaffneten Frieden nennt.

Kleophea erschien dem Hauslehrer als ein Wunder, und sie war es auch in mancher Beziehung. Außergewöhnlich schön, war sie auch außergewöhnlich talentreich. Sie zeichnete und malte vortrefflich, doch am liebsten Karikaturen, sie spielte Klavier und sang, wenngleich ihre Stimme nicht zu den klangvollsten gehörte; sie sprach und schrieb mehrere Sprachen, am liebsten aber die französische. Sie las viel, überschlug aber auch viel, doch nie das, was junge Damen lieber überschlagen sollten. Eine ihrer schrecklichsten Waffen gegen die Mama war, daß sie imstande war, in einem vollen Gesellschaftszimmer höchst unbefangen Bücher und Schriftsteller zu zitieren, die einen ganzen Teetisch in die Luft sprengen konnten. In einem Damentee, und noch dazu in einem frommen, den Boccaccio, und den Decamerone zu nennen, mußte freilich auf die Mama wirken wie ein Flintenschuß auf eine Schneealpe. Es kam eine Lawine herunter, aber verschüttet wurde weiter nichts als einige Tassen Tee. Das schöne Haupt der Sünderin ließ sich nicht so leicht verschütten; die glänzenden Augen leuchteten munter durch alle eisigen, stäubenden Wirbel, und es befand sich in dem entsetzten Zirkel keine Matrone, die nicht ein Fräulein, das sich in solcher Weise bloßgeben konnte, zu vielen andern Dingen fähig hielt. –

Wie zornig nach jedem solchen Vorfall die Geheime Rätin Götz sein mochte und wie sehr sie Recht dazu haben mochte: recht behielt sie nicht. Kleophea war eine gewandte Dialektikerin, fast so gewandt in der großen Kunst wie Moses Freudenstein. Mit tausend allerliebsten Bosheiten schlug sie die Mutter aus allen ihren Verschanzungen, und es gab keinen Engel im Himmel, der das Verhältnis zwischen der Geheimen Rätin Götz und dem Fräulein Kleophea Götz gebilligt hätte.

Kleophea haßte ihre Mama schon des Namens wegen, welchen sie in der Taufe von derselben erhalten hatte. Von frühester Jugend an hatte sie gegen diesen Namen Opposition gemacht, und viel, sehr viel in ihrer jetzigen Charakterentwicklung war aus diesem Namen und der Opposition dagegen abzuleiten.

Die Geheime Rätin war sehr kirchlich gesinnt und hatte in ihrem Boudoir einen sehr zierlich geschnitzten Betschemel aufgestellt, an welchem Kleophea in ihrer Kindheit so oft und so lange hatte knien müssen, daß sie es jetzt fast für ihre Pflicht hielt, sich an demselben und allem, was damit zusammenhing, zu rächen. Sie wurde im vollsten Sinne das Enfant terrible des Hauses, und daß unter so bewandten Umständen die Schrauben am und im Mechanismus ihres Vater vor ihren vorwitzigen Fingern sicher seien, war eigentlich nicht zu verlangen. Der Geheime Rat hatte noch weniger Einfluß auf die Tochter als die Geheime Rätin; der Unterschied zu seinem Nutzen lag nur darin, daß er, der Vater, nicht so sehr darauf bestand, eine Autorität auszuüben. Seine Frau hatte ihn das gelehrt.

Um ihren Bruder kümmerte sich Kleophea durchaus nicht. Sie erklärte ihn für eine »ekelhafte kleine Kröte«, und er durfte kaum sich in ihre Nähe wagen. Sie war die einzige im Hause, welche die Tyrannei des kränklichen, verzogenen Kindes nicht duldete, wodurch sich freilich das Verhältnis zur Mutter nicht verbesserte.

Ganz eigentümlicher Art aber war das Verhältnis der Tochter des Hauses zu der darin aus Barmherzigkeit aufgenommenen armen Verwandten. Anfangs war ihr Kleophea mit großer Freundlichkeit entgegengekommen; eine Bundesgenossin glaubte sie gewonnen zu haben, hatte sich darauf gefreut, mit ihr zusammen den Schelm spielen zu können, und fühlte sich um so mehr enttäuscht, als sie das Fränzchen nach der ersten Stunde ihres Zusammenseins für ein »Lamm« erklären mußte. Nun versuchte sie es, eine Sklavin aus der Kusine zu machen, und dieses gelang ihr wenigstens zum Teil. In allen Dingen, bei denen es nicht auf das Weh anderer abgesehen war, unterwarf sich das stille Fränzchen vollständig der schönen, muntern Kleophea; doch zu keinem der vielen Streiche, die das Hauswesen dann und wann in Verwirrung brachten, bot Franziska Götz ihre Hand und Hilfe. So war sie bald Vertraute, bald das Gegenteil, so wurde sie jetzt geliebkost und verhätschelt, um im nächsten Augenblick schnöde und kühl beiseite geschoben zu werden. Je nachdem die Wolken am Himmel des Hauses wechselten, je nachdem der Barometer der Mädchenlaune stieg oder fiel, wurde des Leutnants Fränzchen aus dem Winkel hervorgeholt oder in denselben zurückgetrieben. Immer gut, sanft und freundlich blieb des Leutnants Fränzchen, und nur ein scharfes Auge konnte den oft so leidvollen Ausdruck ihrer Züge erfassen. Man lernte Franziska Götz doch nicht in der ersten Stunde kennen, wie Kleophea sich einbildete.

Von der Tante wurde die Nichte nicht ganz so gut behandelt, als man hätte wünschen sollen. Die Geheime Rätin hatte mit ihren beiden Schwägern nie auf dem besten Fuße gestanden; weder Felix noch Rudolf paßten in den Kreis ihrer Anschauungen; sie hielt sie beide für »gemeine Naturen«, im besondern aber Felix für einen »geächteten, gottlosen Freibeuter und Jakobiner« – und Rudolf für einen »leichtsinnigen Bettler und unsittlichen Vagabonden«. Dessenungeachtet hatte sie die Waise gern in ihr Haus aufgenommen; die Stadt sprach davon, und man konnte auch selber davon sprechen. Es war Christenpflicht, der Verlorenen eine hilfreiche Hand zu bieten; es war Verwandtenpflicht, den Versuch zu machen, das »bejammernswerte, verwahrloste Geschöpf« den anständigen Kreisen der Gesellschaft zu erhalten. Es gab keine Frau in der ganzen Stadt, die ihre Pflichten genauer kannte als die Geheime Rätin Götz; aber ein so großer sittlicher Vorzug das auch sein mochte, Franziska fühlte sich darum nicht glücklicher in der Temperatur dieser Pflichten, denn kühl, sehr kühl war diese Temperatur – –

Von Kohlenau schickte der Buchhalter den Koffer mit einem Briefe, in welchem er mitteilte, daß der neue Hauslehrer eingerückt sei, daß aber er – der Buchhalter – kein Agio auf ihn gäbe und daß er brutto wie netto ein Artikel sei, der keinem Menschen gefallen könne außer der Schwägerin. Dieses alles ließ Hans Unwirrsch auf sich beruhen; er packte seinen Koffer aus, und da fast mit jedem Gegenstande, der darin verborgen war, eine Erinnerung früherer freierer, glücklicher Stunden ans Licht kam, so trug das viel dazu bei, ihm sein Gemach in dem Hause des Geheimen Rates Götz behaglicher zu machen. Viel hatte ihm die Natur versagt, aber die Kunst, sich einzurichten, hatte sie ihm gegeben, und damit ein großes Gut. – Den süßen Aimé durfte der Präzeptor natürlich nur unter den Augen der Mama unterrichten, und der Lehrer schwitzte dabei mehr als der Schüler. Manches hatte die Geheime Rätin an dem armen Hans auszusetzen; seine Lehrmethode, seine Ansichten erschienen ihr oft im höchsten Grade tadelnswert, und daß er nicht schon jetzt ein Nervenfieber bekam, hatte er nur der ungemeinen Zähigkeit seiner Nerven zu danken.

Daß Kleophea dann und wann bei den Lektionen zugegen war, machte dieselben auch nicht behaglicher. Sie hatte eine Art, über ihre Arbeit oder ihre Schulter zu blicken, welche, zumal wenn die Mama redete, sehr leicht in Verlegenheit bringen konnte. Sie war zu schön, um andere Leute ruhig sitzen zu lassen und selber ruhig zu sitzen. Ihre Garnknäule rollten nicht durch Zufall, sondern meistens mit Absicht im Zimmer umher, und die Fäden schlangen sich dann oft mit großer Arglist um die Füße des Herrn Kandidaten, und sehr schwer wurde es dem Herrn Kandidaten, sich von diesen bunten Fäden loszumachen, während die Mutter des jungen Gracchen, den er unterweisen sollte, stirnrunzelnd und drohend sich über ihn wunderte. Ob sich Franziska im Zimmer befinde, konnte oft sehr zweifelhaft sein; meistens wurde ihre Anwesenheit erst durch eine Seitenbemerkung oder einen frostig gegebenen Auftrag der gnädigen Frau kund. Es dauerte eine geraume Zeit, ehe Hans auch aus andern Zeichen ihre Gegenwart erkannte. Der größte Trost für den Präzeptor lag in dieser Epoche in der Gefräßigkeit seines Zöglings. Sehr oft überarbeitete, das heißt, überaß sich Aimé, und an den Tagen, an welchen er dafür büßte und sich etwas zu voll fühlte, fühlte sich sein Lehrer verhältnismäßig erleichtert; ja er kam sich dann stellenweise wie einer jener jugendlichen Engel vor, die beim Kinn aufhören und für alle andern Gliedmaßen durch ein Paar hinter den Ohren befestigte Flügel entschädigt sind. An einem solchen Tage fand er auch Gelegenheit und Zeit, von der Karte Gebrauch zu machen, die ihm der Doktor Theophile Stein in die Hand gedrückt hatte und die ihm schon so viele Sorgen gemacht hatte der schiefen Stellung wegen, in welche er durch sie sowohl dem Leutnant Götz als auch der Hausgenossin Franziska gegenüber kam. Der Gedanke, daß Moses Freudenstein am meisten zur Lösung dieses für einen Menschen wie Hans so bedenklichen Knotens beitragen könne, kam ihm natürlich auch allmählich wieder in den Sinn.

Wie ein Maikäfer, der einem Knaben entwischte, aber noch den Faden, an dem er gehalten wurde, am Beine trägt, flog Hans aus. Das wonnige Gefühl der Freiheit und Selbständigkeit, mit welchem er quer durch den Park und durch die ersten Straßen der Stadt schritt, wich jedoch mehr und mehr, je weiter er in dem Gewühl vordrang. Als er vor dem eleganten, modernen Gebäude in der Hedwigstraße, in welchem der Doktor Stein den zweiten Stock bewohnte, stand, fühlte er sich wieder bedeutend beklommen, starrte geraume Zeit nach den Fenstern hinauf und hätte viel darum gegeben, wenn der Moses oder Theophilus aus einem derselben hätte heraussehen und rufen wollen: »Na, alter Kerl, was stehst du da und gaffst? Es ist richtig, es ist meine Bude, komm herauf und salve!«

Da aber niemand aus dem Fenster sah als eine alte Dame im ersten Stock, und diese sehr bedrohlich, so blieb für Hans zuletzt doch nichts weiter übrig, als in das Haus hineinzutreten und die Treppe hinaufzusteigen. Er nahm es für ein günstiges Zeichen, daß jene alte, grimmige Dame nicht auch aus einer Tür guckte, als er über die Wachstuchdecke ihrer Hausregion schritt oder vielmehr auf den Zehen schlich. Er hätte nicht gewußt, was er antworten sollte, wenn sie ihn gefragt hätte, was er suche und ob sie nach der Polizei schicken solle. Ohne Fährlichkeiten erreichte Hans das zweite Stockwerk und die Tür, an der ein Porzellantäfelchen den geänderten Namen seines Jugendfreundes verkündete.

Er klopfte, fuhr aber mit höchst charakteristischem Ruck des Oberkörpers zurück, als nicht Moses, sondern eine frische, jugendliche Weiberstimme »Herein« rief. Er starrte nochmals das Schildchen mit dem Namen an: es war ganz richtig – Dr. Theophile Stein! Wie lange er noch seine Zweifel hin und her gewogen hätte, wenn die Tür nicht von drinnen geöffnet worden wäre, können wir nicht sagen. Aber sie wurde geöffnet, und eine hübsche junge Dame mit sehr schwarzem Haar und einem etwas aufgestülpten Näschen blickte auf den Korridor hinaus und auf den schwarzen Theologen.

Sie lachte sehr über den letzteren, gab aber der Kürze der Zeit wegen keinen Grund dafür an. Hinter diesem heitern Fräulein tauchte das Gesicht Theophiles auf, und zwar mit etwas ärgerlich verlegenem Ausdruck; er schien das Gebaren der jungen Dame für unpassend zu halten und suchte sie in das Zimmer zurückzuziehen. Als er jedoch den Mann erkannte, der geklopft hatte zuckte er die Achseln und lächelte:

»Ah, du bists, Hans. Komm herein! Du durftest auch ohne Anklopfen herein treten!«

Er flüsterte dann der jungen Dame etwas sehr ernst, fast böse ins Ohr, diese aber zuckte wiederum die Achseln – fast wie Kleophea Götz – und lachte, ohne viel auf die Worte des Doktors zu achten. Sie hüpfte zurück in das Zimmer, griff ein zierliches, rosiges Hütchen von einem Stuhl, setzte dasselbe vor dem Spiegel auf und warf zum größten Schrecken des Kandidaten der Theologie Johannes Unwirrsch aus Neustadt diesem durch denselben Spiegel eine Kußhand zu, was der Doktor Theophile Stein wieder sehr mißbilligte. Den Zipfel eines schönen großen Manteltuches reichte das Fräulein dem Kandidaten Unwirrsch und deutete ihm durch lebendige Zeichen an, daß sie ohne seine spezielle Hilfe nicht imstande sei, dieses Tuch um ihre hübschen Schultern zu legen. In seine Verlegenheit und in die weiten Falten des Schals verwickelte sich der Kandidat natürlich so sehr, daß die Heiterkeit des Fräuleins ihren Höhepunkt erreichte. Der Doktor Theophile machte der Sache dadurch ein Ende, daß er dem unbeholfenen Theologen den Umhang entriß und den Ritterdienst selber versah. Nun verbeugte sich das Fräulein sehr tief und feierlich vor beiden Herren, um jedoch in demselben Augenblick in ihre vorherige Lustigkeit zu verfallen.

Wieder küßte sie die Hand gegen den Kandidaten Unwirrsch, und merkwürdigerweise rief sie ihm, obgleich er ihr gar nicht vorgestellt worden war, von der Tür aus zu:

»Bon jour, monsieur le curé!«

Zierlich wie ein Vogel entschlüpfte sie, und der Doktor Stein folgte ihr auf den Gang hinaus. Noch längere Zeit vernahm Hans ein helles Gelächter, während er sich in dem Zimmer seines Jugendfreundes umsah.

»Famos!« sagte er unwillkürlich beim ersten Blick, und dieser Studentenausruf war ganz und gar an seinem Platze. Im reichsten Maße entfaltete Moses Freudenstein den Luxus des gebildeten Mannes. Die Unordnung, die im Gemache herrschte, war nur scheinbar; jedes Möbel stand da, wo es stehen mußte, um zur Bequemlichkeit beizutragen. Bei einem zweiten Blick schüttelte der gute Hans freilich den Kopf; manches gefiel ihm bei näherer Betrachtung doch nicht ganz, einige Bilder und Statuetten erregten sogar seine höchste Mißbilligung; – die Reste eines üppigen Frühstücks auf dem Tische beunruhigten sein Schicklichkeitsgefühl viel weniger als die Tiziansche Venus, welche sich auf ihrem Ruhebett so breitmachte.

»Traître, va!« rief die helle Stimme auf dem Gange, und einen Augenblick später trat Moses in das Zimmer zurück und begrüßte nun den Jugendgenossen aufs freundlichste.

»Da bist du also endlich, altes Haus!« rief er. »Du hattest an jenem Abend, wo du aus der Wolke tratest wie ein griechischer Gott, versäumt, mir deine Karte zu geben, ich würde dich sonst jedenfalls selbst aufgesucht haben, denn ich brenne vor Neugier, zu erfahren, wie du in jene Weinstube und in diese Stadt kommst. Setze dich, Alter; hoffentlich hast du noch nicht gefrühstückt.«

Hans dankte sehr für alle leibliche Nahrung; sein Herz war zu voll. Über die alten Erinnerungen vergaß er alles andere, für diesen Augenblick gewann Moses den alten Einfluß über ihn in seinem ganzen Umfange zurück. Übrigens ließ ihm der Freund auch gar nicht Zeit, seine Ideen zu ordnen.

»Es würde mir sehr leid tun, wenn ich dich eben gestört hätte«, hub Hans an.

»Gestört? In diesem Nest der Langeweile? Keineswegs. Du bist mir willkommener als irgend jemand.«

»Wahrscheinlich eine Verwandte von dir?«

»Des südlichen Teints, der schwarzen Locken und Augen wegen? Du irrst dich, Schlaukopf. Es ist eine Tochter Frankreichs – echtes Pariser Vollblut, das heißt, es ist eine – eine arme Waise, eine kleine Putzmacherin – que sais je? –, der ich in Paris allerlei Gefälligkeiten erwiesen habe und die hierhergekommen ist, um bei den Damen hiesiger Stadt ihr Glück zu machen. Denke nicht zu schlecht von mir, du frommes Blut.«

Weshalb sollte Hans darum schlechter von dem Freunde denken, weil dieser sich einer armen Waise in bedrängten Umständen hilfreich angenommen hatte? Eifrig sprach er ihm seine ganze Billigung aus und setzte hinzu, daß er etwas anderes auch gar nicht von dem Jugendgenossen erwartet habe. Moses Freudenstein freute sich sehr, die Meinung des Theologen getroffen zu haben, und das Gespräch wandte sich zu wichtigeren Dingen.

Obgleich nun eigentlich Hans die meisten Fragen zu stellen hatte und obgleich Moses Freudenstein von Rechts wegen hätte Antwort darauf geben müssen, so drehte letzterer sogleich das Verhältnis um: Moses fragte, und Hans antwortete.

»Nun sage, alter Knabe, wie ists gekommen, daß du der Kröppelgasse untreu wurdest? Weshalb haben sie dich nicht zum Stadtpfarrer von Neustadt gemacht, die Philister? Was treibst du hier in Babylon? Wo wohnst du? Wie lebst du?«

Hans berichtete, daß er Hauslehrer im Hause des Geheimen Rats Götz sei, und der Freund sah hoch auf.

»Dort? Da?! Diable! Hans, weißt du, daß du ein beneidenswerter Gesell bist? Wahrhaftig, ich bin überzeugt, daß dieser Mensch sein Glück gar nicht kennt. Unter demselben Dache mit der schönen Kleophea zu leben; Hans, Hans, manch einer würde viel darum geben, wenn er sich an deiner Stelle befände!«

Mit einem tiefen Seufzer bemerkte der Hauslehrer, daß er nicht einsehen könne, worin hier das große Glück bestehe, und immer heiterer wurde der Freund.

»Per Bacco! Ein köstlicher Kerl bist du immer gewesen, Hans, und du bist es noch. O wenn du wüßtest, wie dankbar ich dir dafür bin, daß du gerade in diesem Hause deine Erziehungsexperimente machst? Ich darf dich doch besuchen?«

»Gewiß, gewiß – ich freue mich so sehr darauf! Erinnerst du dich wohl noch der Abende, die wir in deines Vaters Hinterstübchen und später auf der Universität zubrachten? Du hast mir oft den Angstschweiß auf die Stirn getrieben; aber es waren doch schöne Zeiten.«

»O ja«, seufzte Moses, »sehr schöne Zeiten. Aber die Gegenwart ist auch etwas wert. Ich werde gewiß bald an deine Tür klopfen, Hans!«

Nun schob aber plötzlich der Präzeptor seinen Stuhl zurück und sah den Freund an:

»Moses, du hast schon eine Bekannte in dem Hause des Herrn Geheimen Rats, und diese Kunde hat mir lange schwer auf der Seele gelegen. O weshalb hast du niemals an mich geschrieben? Es war sehr, sehr unrecht von dir. Ich habe dich deshalb auch nicht zur Verteidigung aufrufen können – gottlob, daß ich es jetzt kann. Weshalb ist der Leutnant Rudolf so erzürnt auf dich, und was hast du seiner Nichte, Fräulein Franziska, welche jetzt in dem Hause ihrer Verwandten wohnt, getan?«

»Leutnant Götz? Fräulein Franziska Götz?« fragte Moses ganz verwundert.

»Jawohl, jawohl! Im Posthorn zu Windheim haben sie deinen Namen genannt, und sehr böse hat der Herr Leutnant über dich gesprochen. Viel hätte ich darum gegeben, wenn ich damals deine Adresse gewußt hätte. Oh, es war sehr unrecht von dir, daß du mir niemals schriebst.«

Nun erzählte Hans, wie einst der Leutnant Götz behauptete, den Doktor Freudenstein in Paris zu kennen; und Moses zog die dunkeln Brauen zusammen und warf sehr finstere Blicke auf den armen Hans. Aber er war Herr über sein Mienenspiel, glatt ward seine Stirne, und nach einigen Augenblicken lächelte er wie gewöhnlich. Ruhig ließ er Hans ausreden und sagte dann:

»Also das ist es? Sieh, Hans, dir gegenüber muß ich mich verteidigen, so gut ich es kann. Einem andern würde ich wohl nicht das Recht zugestehen, solche Fragen an mich zu stellen. Ich bin sehr jung in die Welt hinausgeworfen worden, und weil ich immer nur auf die eigene Kraft angewiesen war, so wars kein Wunder, wenn ich zuletzt einen sehr übertriebenen Begriff von derselben bekam. So mußte ich denn natürlich mein Lehrgeld bezahlen, wie jedes andere unglückliche Menschenkind. Trotzdem daß ich als Doktor der Philosophie nach Paris ging, gabs noch vielerlei zu lernen. Aber die echte Philosophie lernt sich nicht auf den Schulbänken; wer davon das Seinige kapieren will, tut wohl, sich auf einen Eckstein zu setzen, das Maul aufzusperren und zu warten, bis die Weisheit zu Wagen, zu Pferd oder zu Fuß vorbeikommt. So hab ich in Paris wie anderwärts gesessen, und allerlei Volk habe ich kennengelernt. Viel Lehrer habe ich gehabt und, wie gesagt, viel Lehrgeld bezahlt, ein gut Teil von dem letzteren an den Papa der jungen Dame, welche du vorhin erwähntest. Der Mann war ein Trunkenbold und – ein – Stück von einer Kanaille, ein Charakter, der jedem lebhaften, jugendlichen Geiste gefährlich werden mußte. Er hatte viel erlebt und wußte gut davon zu erzählen, wenn er nicht betrunken war; er ernährte sich dadurch, daß er Fechtstunden gab und ein eigentümliches Talent besaß, in den Cafés der Boulevards und den Schenken der Barrière junge Leute an sich zu ziehen; und da er die Fechtstunden in seiner Wohnung hielt, so kam jeder sowohl mit der Tochter wie dem Vater in Berührung. Die edleren Naturen unter uns bedauerten das arme, kummervolle Kind; die Taugenichtse gebärdeten sich nach ihrer Art gegen sie. In seinen nüchternen Momenten war der Chevalier – so nannte man den Mann – ein grimmiger Wächter der Ehre seines fünften Stockwerks und seines Kindes; aber er war selten nüchtern, und die arme Franziska war dann völlig auf sich selbst angewiesen. Da hat sie mir leid getan, und ich habe mich ihr genähert; ohne ihr Wissen habe ich sie oft vor dem Hunger und vielleicht auch manchem andern Unheil geschützt. Ohne mich würde der Teufel ihren Vater noch viel früher geholt haben, als es geschah. Der alte Freibeuter starb im Delirium tremens, und das Kind war ganz verlassen; auch da habe ich mich des unglücklichen Mädchens angenommen, bis der Herr Onkel aus Deutschland kam, um es heimzuholen. Ich war ein Jude, Hans Unwirrsch, und ich habe meinen Lohn dafür genommen. Das Fräulein meinte, ich habe meine Grenzen überschritten; – als ich mich wehrte, wurde ich beleidigt und geschmäht. Es war die alte Geschichte vom Lohn der Welt; – der jungen Dame will ich übrigens nicht den mindesten Vorwurf machen; sie war stets ein Engel und wird es hoffentlich auch jetzt noch sein. Deinen Leutnant habe ich kaum zu Gesicht bekommen; ich werde kein Wort mehr über diese Geschichte verlieren; – dreist kann ich dem Fräulein Franziska unter die Augen treten.«

Moses schwieg und sah wieder finster auf den Freund; unruhig rückte dieser auf seinem Stuhl hin und her; jetzt sprang er auf und lief durch die Stube. Sollte er dem Freunde glauben oder dem Leutnant? Er wußte keinen Rat; hätte er gesehen, auf welche Weise er während seines Umherlaufens von Moses beobachtet wurde, er würde dem Leutnant geglaubt haben; so aber blieb ihm nichts übrig, als mit einem tiefen Seufzer dieses Blatt für jetzt umzuschlagen.

»So setze dich doch, Hans!« rief endlich der Jugendgenosse. »Glaube mir, diese Sachen kümmern mich mehr als dich. Ich hatte schwer daran zu tragen, und es ist nicht recht von dir, daß du die erste Stunde unseres Wiedersehens auf solche Weise trübst.«

»O Moses! Moses!«

»Nenne mich nicht Moses! ich heiße Theophile – Theophile Stein; – ich habe dem Glauben meiner Väter entsagt und bin Christ, katholischer Christ!«

Hans Unwirrsch setzte sich jetzt wirklich, und zwar auf den nächsten Sessel. Gründlicher waren noch niemals seine Gedanken von einem Punkt auf den andern gewendet worden. Es dauerte Minuten, ehe er sich so weit gefaßt hatte, daß er stammeln konnte:

»Du, du? Du, Moses Freudenstein? Du Katholik? Du Christ?«

Theophile, wie wir den Sohn des Trödlers aus der Kröppelstraße von jetzt an immer nennen dürfen, nickte, indem er sich in seinem Sessel wiegte.

»Ich bin katholischer Christ. Ich, Theophile Stein, Doktor der Philosophie, demnächst vielleicht außerordentlicher Professor der semitischen Sprachen an hiesiger Universität. Mein Leben ist wilder gewesen als das deinige, Hans Unwirrsch, so bin ich auch dem Untergang dann und wann näher gewesen als du, aber unschätzbare Weisheit habe ich aus den Strudeln und Wirbeln, aus dem Abyssus mit emporgebracht.«

»Und du glaubst? Du glaubst? Du bist gläubig zur katholischen Kirche übergetreten?«

»Zur alleinseligmachenden«, sagte Theophile. »Ich, der Sohn Samuels, des jüdischen Trödlers, habe es vollbracht im Besitz meiner gesunden fünf Sinne und bei vollständigem geistigen Bewußtsein. Ich habs gewagt mit Sinnen, wie Herr Ulrich von Hutten, der Ketzer, sagen würde.«

»O Moses, Moses!«

»Theophile, liebster Freund! Theophile Stein. Der Moses aus dem Trödelladen, der Moses aus der Kröppelstraße ist tot und begraben und wird nicht wiederauferstehen.«

»Du, der Skeptiker? Der Zweifler? Ich fasse es nicht!« rief Hans in halber Verzweiflung.

»Lieber Alter«, sagte Theophile, »so schnell läßt sich das auch nicht begreifen. Du kennst allzu wenig von meinem Leben, um dir auf der Stelle ein Urteil über mich und meinen Weg bilden zu können. Es findet sich aber wohl noch Gelegenheit, wo du klarsehen wirst. Ich rechne dann auf deine Billigung. Jetzt laß uns auch über diesen Punkt schweigen; ich habe längst damit abgeschlossen.«

Wortlos und wie vernichtet saß Hans Unwirrsch da. Was er vernommen hatte und die Art, wie er es vernommen hatte, gefiel ihm gar nicht; schwindelnd sah er in die unergründlichen Tiefen fremden Lebens, die sich vor seinen Füßen öffneten. Er konnte seines Unbehagens in keiner Weise Herr werden.

Wieder lenkte der Doktor Stein das Gespräch auf das Haus des Geheimen Rates, er nahm ein ungemeines Interesse an allem, was dasselbe betraf. Über Kleophea erfuhr er allmählich alles, was Hans von ihr, ihrem Wesen und Sein wußte.

»Ich bin dem Mädchen hier und da in der Gesellschaft begegnet«, sagte Theophile. »Diese holde Spötterin mit dem biblischen Namen wird überall in einer Weise besprochen, die mich sehr reizt, ihre nähere Bekanntschaft zu machen. Du mußt mich in dem Hause vorstellen, Hans.«

»Ich?!« fragte der Hauslehrer der Frau Geheimen Rätin Götz mit einem solchen Ausdruck kläglichster Hilflosigkeit, daß Theophile hellauf lachte.

»Armer Kerl, ich vergaß! Nun, ich werde dich besuchen und – nous verrons. Was das stille Veilchen anbetrifft, das da im Verborgenen blüht – die andere junge Kreatur –«

»Fräulein Franziska!« rief Hans. »O Mo – Theophile, ich bitte dich, sprich nicht in solchem Ton von ihr!«

»Nein, nein; entschuldige mich, lieber Junge. Du kennst ja meine Art. Jenes arme Kind hat freilich mehr Anspruch auf meine Achtung und Teilnahme als irgend jemand! Was, du willst schon gehen?«

»Meine Zeit ist abgelaufen, und über das Wichtigste willst du doch nicht mit mir sprechen. So lebe denn für jetzt wohl. O Moses – Theophile – wie anders habe ich dich wiedergefunden!«

»Aus Knaben werden Männer, Hans. Du lebst immer noch, sozusagen, außerhalb deiner Zeit, sitzest still und hörst nur ein großes Sausen und Brausen in der Ferne. Ich dagegen arbeite mitten im Sturm, und es ist oft ein schwieriges Ding, sich dabei auf den Füßen zu halten. So lebe denn wohl für jetzt. Wir werden uns bald wiedersehen. Wenn du mir einen Gefallen erweisen willst, so sprich für jetzt daheim nicht von mir. Lebe wohl, Alter.«

Hans ging und wäre jedenfalls an diesem Tage ein schlechter Lehrmeister gewesen; aber glücklicherweise wurde seine Kunst nicht in Anspruch genommen, Aimés Verdauungsbeschwerden gestatteten noch immer nicht die kleinste geistige Anstrengung. In seine Stube stieg der Präzeptor hinauf, schloß die Tür hinter sich ab und sann nach über den Lebensgang seines Freundes, des Moses Freudenstein, der sich jetzt Theophile Stein nannte und vom Judentum zur christlichen Kirche übergetreten war. In seine beängstigenden Gedanken mischten sich scharf die Töne von Kleopheas Stimme und Fortepiano. Die junge Dame sang mit großer Bravour eine italienische Arie; aber der Gesang mißfiel dem Hauslehrer wie der Religionswechsel seines Jugendfreundes.

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