Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Zwanzigstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Es geschah so, wie es sich der Doktor Theophile Stein vorgestellt hatte: Hans klopfte einige Male an seine Tür, erhielt aber keine Antwort oder die, daß der Herr Doktor nicht zu Hause sei, und er kehrte jedesmal mißmutiger und niedergeschlagener in seinen unbehaglichen Käfig zurück. Er befand sich in diesem Gefängnis jetzt gegen jedermann in einer falschen Stellung, selbst gegen Franziska Götz.

Des Leutnants Fränzchen war noch stiller als zuvor aus ihrem Stübchen zum Vorschein gekommen, und wenn in ihrem Verhalten gegen die übrigen Hausbewohner keine Veränderung eingetreten war, so fühlte Hans um so tiefer und schmerzlicher, daß ihr Wesen ihm gegenüber nicht mehr das vorige war. Und er kannte den Grund davon genau und konnte sie doch nicht fragen, ob das wahr sei, was Moses Freudenstein von ihrem Vater erzählt habe. Er hatte nicht das Recht, diese Frage zu stellen; tragen mußte er die Last, die auf seinem Herzen von Tag zu Tag schwerer wurde. Nun drückte und ängstete ihn die Gegenwart des Mädchens um so mehr, je mehr Frieden und Ruhe ihm bis dahin ihre Nähe gebracht hatte; seine Aufmerksamkeit aber mußte sich in einem noch höheren Grade auf die arme Nichte des Leutnants Rudolf richten. Er war jetzt sozusagen gezwungen, auf sie mit ängstlicher Spannung zu achten; und bald überhörte er nicht mehr den leisen Fußtritt hinter seinem Rücken, und kein Ton der süßen Stimme ging mehr in den grellen Dissonanzen dieses Hauses für ihn verloren.

Die glänzende Kleophea verlor in dem Maße an Einfluß auf den Kandidaten Unwirrsch, wie Franziska ihn gewann. Ihre Pracht, ihre Schönheit, ihr funkensprühender Geist, ihr Widerstand gegen das ungesunde Wesen des Hauses hörten auf, den dummen Hans zu verblenden. Das, was ihn zuerst so magisch angezogen hatte, stieß ihn auch ab; er erkannte immer mehr, daß nicht jeder Glanz echt ist, und die Opposition der jungen Dame erschien ihm bald fast ebenso unberechtigt wie das, wogegen sie gerichtet war. Er fing an, auch Kleophea zu bedauern, doch aus einem andern Grunde als Franziska. Oft konnte er den Gedanken nicht loswerden, daß jenem herrlichen Wesen all die geistigen und körperlichen Vorzüge dereinst zum größten Elend gereichen würden.

Der Doktor Theophile Stein wiederholte seinen Besuch in dem Hause des Geheimen Rates Götz. Er kam diesmal ohne den Professor Blüthemüller, und der Kandidat Unwirrsch wurde nicht zu seiner Begrüßung in den Salon beordert. Auch dem Herrn des Hauses war der Doktor von sehr einflußreicher Seite empfohlen worden, und er empfing ihn demgemäß, da auch die Gattin dazu das Haupt neigte, mit all der Wärme, deren seine so ungemein tropisch angelegte Natur fähig war.

Der Geheime Rat schrob sehr an seinem Mechanismus, ehe er aus seinem Arbeitszimmer hervortrat. Dafür war dann aber auch das Räder- und Federwerk im Gange wie selten, während – der ersten Viertelstunde, welche er dem Besucher widmete. Nachher lief es freilich in gewohnter Weise ab, und wer den berühmten Juristen nicht kannte, hätte ihm in der folgenden Viertelstunde nicht die Ehre gegeben, welche ihm gebührte, die nämlich, die Pandekten und das Landrecht auswendig zu wissen und in der Kontroversenliteratur bewanderter zu sein als irgendeiner der Kollegen. Die Lebhaftigkeit, welche dem Gemahl abging, ersetzte die Geheime Rätin vollkommen. Da Kleophea nicht zugegen war – sie besuchte eine Freundin –, konnte der Doktor ohne Schaden eine tiefinnere Übereinstimmung mit den Meinungen der Hausherrin kundgeben und tat es, ohne zu erröten. Er errötete auch nicht, als Franziska in das Zimmer trat und beim Anblick des Besuchers zusammenfuhr und totenbleich wurde. Ganz unbefangen blieb er bei der Vorstellung und sprach ganz kühl davon, daß er bereits die Ehre gehabt habe, in Paris mit dem gnädigen Fräulein zusammenzutreffen.

Überraschung und Staunen der Geheimen Rätin, ruckartiges Aufschnellen und Aufhorchen des Geheimen Rats waren die Folgen dieser Erklärung. Dann kam ein Durcheinander von Fragen, welchem Theophile mit melancholisch gesenktem Haupte und sehr fein auswich, während Franziska mit zusammengepreßten Lippen halb bewußtlos vor Schmerz und Zorn dastand.

»Es waren leider sehr trübe Verhältnisse, unter denen wir uns kennenlernten«, flüsterte der Doktor. »Die Krankheit, der Tod des Vaters des gnädigen Fräuleins – die Verlassenheit des gnädigen Fräuleins in der ungeheuren, erbarmungslosen Stadt – o mein Fräulein!«

Franziska Götz wankte zur Tür und hielt sich auf dem Wege an den Möbeln, um nicht zur Erde zu sinken. Der Oheim sah ihr mit offenem Munde nach, die Tante rief scharf ihren Namen; aber sie hörte diesmal nicht darauf. Theophile betrachtete mit großem Interesse die Blumen des Teppichs zu seinen Füßen, was ihn jedoch nicht hinderte, einen schrägen Blick sowohl auf die gnädige Frau wie auf die hinter dem Fränzchen sich schließende Tür zu werfen.

»Welch eine Szene! Was ist das?« rief die Geheime Rätin. »Herr Doktor, ich glaube, Sie sind uns einigen Aufschluß über diesen wunderlichen Vorgang schuldig. Was kann das Mädchen haben? Wann und unter welchen Umständen haben Sie meine Nichte in Paris getroffen? Theodor, ich bitte dich, die Tür zu verriegeln. Sprechen Sie, sprechen Sie, Herr Doktor, Sie spannen mich auf die Folter!«

Mit beiden Händen wehrte Theophile, während Theodor die Tür verriegelte, den Verdacht ab, ein solches Verbrechen an der Menschheit und eine solche Grausamkeit gegen eine solche Dame begehen zu wollen; daß er aber der Aufregung durch eine schnelle klare Darlegung der Tatsachen ein Ende gemacht habe, können wir auch nicht sagen. Er sprach davon, wie tief er es bedauere, dem Fräulein so schmerzliche Erinnerungen zurückgerufen zu haben. Er trug allen Verhältnissen Rechnung und sah deshalb auch dem Geheimen Rat tief bewegt in die gläsernen Augen. Um so merkwürdiger war es, daß ihm sein Bericht zuletzt so glatt von der Zunge ging; es würde ein gänzlich falscher Ausdruck sein, wenn wir sagen wollten, daß er ihn herauswürgte. Er erzählte sehr gut, der Doktor Theophile Stein, und seine sonore Bruststimme war ganz dazu geeignet, alle Nuancen ins Tragische aufs zarteste hervorzuheben; – wir haben von seiner Kunst bereits an einer andern Stelle gesprochen. Dazu wurde über Wahres, Halbwahres und Falsches stets das rechte Licht gegossen; – es gab keinen größeren Meister in der Kunst des Helldunkels als den Doktor Theophile Stein.

Der Geheime Rat Götz und seine Gemahlin erfuhren dieselbe Geschichte, welche Hans Unwirrsch vernommen hatte; doch das Kolorit war in jeder Beziehung ein anderes. Der Doktor Theophile Stein nahm den größten Anteil an diesem Familienunglück. Schmerzlich empfand er nach, was die gnädige Frau um das Leben und Sterben ihres Schwagers empfinden mußte. Er hing mit ihr die Harfe an die Weide und war so überwältigt von seinen Erinnerungen, wie man es nur von einem verständigen Menschen vernünftigerweise verlangen konnte. Von dem Geheimen Rate, der sehr in sich zusammengesunken war und die Augen mit der Hand beschattete, nahm er wenig Notiz; er überließ die Bemerkungen, welche direkt an denselben zu richten waren, seiner Gattin und konnte nichts Besseres tun.

Sehr oft unterbrach die gnädige Frau den melancholischen Bericht Theophiles, um ihren Gemahl zu fragen, wer nun recht gehabt habe, ob sie – Aurelie, geborene von Lichtenhahn – das nicht immer gesagt habe usw. usw.

Dann versicherte sie ihn, daß das Maß ihrer Geduld gefüllt bis zum Rande sei, daß der Herr Schwager Rudolf ihr Haus nicht wieder betreten solle, daß sie das unglückselige Geschöpf, die Franziska, nicht auf die Straße stoßen wolle, daß sie aber dafür dereinst im himmlischen Jerusalem eine ganz außergewöhnliche Belobung und Belohnung zu erwarten habe.

Sie wurde sehr heftig und sehr bissig, die Frau Geheime Rätin Götz; – sie besann sich keinen Augenblick, sehr verächtlich und wegwerfend von der Familie ihres Mannes zu sprechen. Sie wußte eine Menge Züge aus dem Leben der beiden Brüder ihres Gatten, welche sie mit hexenmäßiger Zungenfertigkeit durcheinanderquirlte und in die klangvolle, klagende Erzählung des Doktor Theophile hineinsprudelte. Der Abenteurer und der Bettler wurden beide nach Gebühr gewürdigt, und die Tochter des Abenteuers bekam auch ihr Teil.

Es mußte für den Geheimen Rat Götz eine wahre Erlösung sein, als der Doktor endlich den Armensarg des armen Felix durch die Barrière dAunay gebracht und ihm im Armenviertel des Père-Lachaise die klägliche Grube gegraben hatte.

»Oh, so hat mir Rudolf das nicht erzählt!« stöhnte der Geheime Rat. Er ließ die Hand von der Stirn sinken, und wer ihn jetzt sah, mußte eingestehen, daß der Mann noch nicht ganz Maschine war; aber er mußte ihn deswegen bedauern.

»Und dies ist die Wahrheit!« rief die gnädige Frau. »Der Herr Leutnant Götz betritt mein Haus nicht wieder!«

Ein Rauschen und ein Triller draußen! Ein Klopfen an der Tür.

»Kleophea?« rief die Mutter. »Theodor, schieb den Riegel zurück! Ich glaube, wir haben genug vernommen. Herr Doktor, Sie haben sich ein großes Verdienst um unser Haus erworben. Ich danke Ihnen herzlich dafür.«

»Ein trauriges Verdienst«, seufzte Theophile, die Hand aufs Herz legend; Kleophea hüpfte in das Gemach.

Sie brachte Sonnenschein mit sich und Jugendlust; ihre Augen leuchteten, ihre roten Lippen lachten, sie berührte den Boden kaum mit den Füßen. Sie begrüßte den Doktor mit solcher allerliebster Ironie; sie war so voll kleiner, boshafter Geschichten und wußte dieselben so gut zu erzählen. Sie war außergewöhnlich gut gelaunt und deshalb auch außergewöhnlich aufgelegt, die Gefühle ihrer Nebenmenschen durch kleine, anmutige, perfide Anspielungen zu verletzen, und äußerte eine große Wißbegierigkeit in Hinsicht auf gewisse mosaische Gebräuche und Gesetzesvorschriften. Es fand sich jedoch, daß ihr der Doktor Theophile mehr gewachsen war als die Mama; er ließ sich nicht so leicht aus dem Gleichgewicht bringen und konnte schon seiner anmutigen Gegnerin einen Zug vorgeben.

Er sprach sehr pathetisch über das Judentum. Die außerhalb der Bibel liegende Geschichte und Überlieferung desselben ist unendlich reich an Zügen individuellen Heldentums, stoischer Todesverachtung, reich an Zügen von Standhaftigkeit und Glaubensstolz, wie sie kaum ein anderes Volk aufzuweisen hat. Auch nach der Zerstörung des Tempels sind Helden und Propheten unter dem zerstreuten Israel aufgetreten, und über eine eigene Poesie, einen Schatz voll ergreifender und hinreißender Anekdoten hat der zu gebieten, welcher diese so tragische und so unbekannte Welt emporsteigen lassen kann. Theophile Stein wußte von der Heroen- und Märtyrerhistorie seines Volkes den besten Gebrauch zu machen, und wenn schon die Seelen der Weiber durch Anekdoten leicht zu fesseln sind, mußte man es doch dem Doktor lassen, daß er die Kunst, Geschichten zu erzählen, bis zur Meisterschaft ausgebildet hatte. Er brachte sogar Kleophea zum aufmerksamsten Lauschen, und nachdem er zum Schluß und besonders für die gnädige Frau sich in seinen seraphweißen Konvertitenmantel drapiert hatte, konnte er mit einer demütigstolzen Verbeugung sich empfehlen und mit den Erfolgen seines Besuches zufrieden sein!

Er war, was er sein wollte – Hausfreund! Von jetzt an konnte er, ohne Schaden an seinem seelischen und körperlichen Wohlbefinden zu leiden, den Besuch des Kandidaten Hans Unwirrsch annehmen. Er war der festen Überzeugung, daß ihm derselbe nicht mehr gefährlich sein könne; er beherrschte die öffentliche Meinung des Hauses des Geheimen Rates und fühlte sich stark genug, nötigenfalls den armen Hans sowie das Fränzchen, seine andere kleine Pariser Bekanntschaft, vor die Tür zu setzen.

Nun war der Frühling in seiner ganzen Pracht gekommen; das Getümmel auf dem Spazierwege vor den Fenstern des Geheimen Rates Götz hatte sich verdoppelt und verdreifacht. Die Kinder der armen Leute liefen mit nackten Füßen umher, und die Kinder der besseren Stände mit nackten Beinen. Der Park war grün, und es gab seltsamerweise sogar Nachtigallen darin; aber Hans Unwirrsch zog nicht den Trost heraus, den er davon gehofft hatte und welcher auch allenfalls darin hätte liegen können.

Kaum war das Lustgehölz grün geworden, so fraßen es die Raupen wieder kahl, und eine abscheuliche Sorte von diesem Getier wars, die sich das Vergnügen machte. Wenn die Ungeheuer, welche durch ihre Zahl sehr imponierten, einen Baum leer und sich voll gegessen hatten, betätigten sie einen ausgebildeten Sinn für das Schöne. An langen Fäden ließen sie sich von den Zweigen hernieder auf die Köpfe und Nacken der lustwandelnden Damen, und der Kandidat Unwirrsch konnte nicht aus dem Fenster sehen, ohne daß er holde Frauen und Jungfrauen in Gruppen oder einzeln in der berühmten Stellung der Venus Kallipygos, doch mit anderm Gesichtsausdruck, stehen sah.

Hans guckte jedoch wenig aus dem Fenster. Er hatte keine Zeit dazu. Je tiefer er in der Gunst und Achtung der Geheimen Rätin sank, desto weniger überließ sie ihn sich selbst, desto enger fesselte sie ihn an den Pfahl, desto schärfer bewachte sie ihn.

Sie hatte nun mal das Opfer gebracht und »diesen Menschen« auf Wunsch ihres Gemahls ins Haus genommen, und täglich mußte sie sich diese Schwachheit vorwerfen; aber es war ihr Trost, sich sagen zu können, daß sie auch unter solchen Umständen ihre Mutterpflicht nicht versäume.

Mit verdoppelten Kräften griff sie in das Erziehungswerk des Hauslehrers ein, wirkte sie allen schädlichen Einflüssen entgegen, und glänzend waren die Erfolge. Es ist ein Glück, für uns sowohl wie für den Leser, daß wir dieselben beiseite liegenlassen können, ohne irgend jemand Rechenschaft darüber schuldig zu sein, da Aimé ein Charakter ist, dessen Wohl und Wehe uns in diesem Buche wenig berührt.

Fränzchen! – Fränzchen Götz! – wie ein lieblicher Ton von jenem fernen, fernen Göttereiland, welches den Haß, den Neid, den Eigennutz und die hundert gleichen praktischen Weltlichkeiten nicht kennt, klingt uns dieser Name ins Ohr und ins Herz. Aber tiefe Wehmut überfällt uns zugleich, daß wir von solcher Stelle aus ihm lauschen und ihn nachsprechen müssen, und von derselben Wehmut wußte der Kandidat Unwirrsch zu sagen. Ach, es war eine Trostlosigkeit sondergleichen, sich diesen süßen Namen innerhalb dieser kalten, bösen, im Katakombenstil bemalten Mauern immer, immer wiederholen zu müssen. Tief in den Wald gehört der Klang oder noch besser an den Rand des Waldes, wo dicht neben dem kühlen, lieblichen Schatten das Ährenfeld im Sonnenglanz sich wiegt, wo die Glocken der Heimat aus dem Tal herauf klingen und der Bach, lustig aus dem Forst hervorspringend, mit fröhlich jugendlichem Geplauder ins Tal hinabhüpft. Wie mochte es kommen, daß Hans Unwirrsch in dieser öden Gegenwart den Namen Fränzchen mit allen teuren Erinnerungen immer fester verknüpfte? Er konnte nicht an den Mondschein seiner Kinderjahre gedenken, ohne daß das Bild Franziskas darin emporstieg. Was hatte das Fränzchen mit seinem großen Hunger nach dem Wissen, der Welt und dem Leben zu schaffen? Was hatte sie zu schaffen mit seinen Enttäuschungen?

In alles – in die geheimsten Winkel seines Herzens drängte sie sich. Es war unmöglich, an die Base Schlotterbeck, ja an den Oheim Grünebaum zu denken ohne Franziska, des Leutnants Rudolf Götz Nichte. Sie saß in der niederen, dunkeln Stube zu Neustadt unter der magisch leuchtenden Glaskugel, sie saß zu Neustadt auf dem Kirchhofe im Sonnenschein neben dem Grabe der Mutter und des Vaters.

Fremd, fremd, fremd! Das Weltmeer hätte zwischen dem Kandidaten Unwirrsch und der Nichte des Leutnants Götz rollen mögen, sie würden dadurch nicht weiter getrennt worden sein. Sie grüßten sich stumm, wenn sie einander in den Gängen des Hauses begegneten, sie nahmen stumm ihre Plätze nebeneinander ein; der giftige Schatten des Sohnes des Trödlers Samuel Freudenstein aus der Kröppelstraße lag zwischen ihnen. –

Hans suchte den Doktor Theophile wieder in dessen Wohnung auf, und zum zweiten Male begegnete ihm die französische Waise, die dem Doktor so vielen Dank schuldig war. Sie kam die Treppe herab dem Kandidaten entgegen und schritt diesmal mit gebeugtem Haupte an ihm vorbei. Sie hüpfte und lachte nicht mehr, sie stützte sich schwer auf das Geländer der Treppe und trug das Haupt sehr gesenkt. Sie sah sehr bleich aus, und ihr Äußeres hatte viel von der früheren Eleganz verloren. Hans Unwirrsch nahm sich vor, den Doktor um den Grund dieser Veränderung zu fragen, vergaß es jedoch, da er so viele andere Fragen zu stellen hatte.

Theophile beantwortete alle Fragen, die Hans an ihn richtete, und tat ihm den Gefallen und ließ sich ins Gebet nehmen; aber die Art und Weise, wie er sich verantwortete, ließ für ein frommes, redliches Gemüt doch viel zu wünschen übrig.

Hans hielt es für seine Pflicht, ihn mit ernsten Worten über sein Auftreten im Hause des Geheimen Rates zur Rede zu stellen, worauf der Doktor Stein antwortete, daß er – Theophile – in keiner Weise die Grenzlinien des Anstandes und der Bildung zu überschreiten gedenke, sich jedoch nur eines gewissen elektrischen Lichtes in seinem eigensten Innern zur Beleuchtung des Weges bedienen könne.

Hans rügte in halber Verzweiflung die Indelikatesse des Freundes, sich in das Haus zu drängen, in welchem Franziska Götz Schutz gesucht habe. Theophile fühlte sich bewogen, darauf zu versichern, daß das Fräulein, welches vordem seine – Theophiles – Gegenwart, Hilfe und Dienstfertigkeit in der Pariser Mansarde nicht von sich gewiesen – ja sie ohne Scheu angenommen habe, im Kreise so liebender Verwandten nichts »Unrechtes« von ihm zu »befahren« habe.

Als der Kandidat Unwirrsch lauter als gewöhnlich rief, daß er berechtigt sei, an der Liebe und Neigung der Verwandtschaft gegen das junge, arme Mädchen zu zweifeln, zuckte der Doktor nur die Achseln und hielt sich für berechtigt, aus christlicher Liebe zu schweigen; aber er rieb dabei einmal wieder die Knie aneinander nach der Art Moses Freudensteins.

Der Doktor Theophile Stein schwieg auch in den ersten Augenblicken, nachdem Hans von dem schillernden Stern Kleophea zu reden angefangen hatte; – ein eigentümliches Gesicht machte der Herr Doktor aber dazu.

Ei seht das Pfäfflein, dachte er. Für so schlau hätte ich es gar nicht gehalten. Laut sagte er:

»Liebster Freund, was willst du? Das Mädchen ist schön, ist geistreich, wird von der ganzen Stadt als ein Wunder angesehen: weshalb soll ich Vorzüge, die von jedermann anerkannt werden, nicht auch nach Gebühr schätzen? Ist denn Lieben ein Verbrechen, darf kein Schwarzer glücklich sein?«

»Aber es ist ein gefährliches Spiel, das du mit dem Fräulein treibst. Trotz ihres scharfen Geistes ist sie dir nicht gewachsen. Mo– Theophile, nimm es mir nicht übel, es kommt mir immer von neuem der Gedanke, du habest in diesem Hause nichts zu suchen. Ich kann das Gefühl nicht loswerden, du müssest irgendein großes Unglück über diese Menschen bringen.«

»Du ahnungsvoller Engel du!« lachte der Doktor. »Deine Sorgen zeugen von einem höchst vortrefflichen Herzen, und übel will ich dirs nicht nehmen, wenn du ihnen Ausdruck verleihst. Ich will dich sogar dafür belohnen, Gleiches mit Gleichem vergelten, und ungeheuer offen gegen dich sein. Du hast von deinem Standpunkt aus ganz recht, wenn dir manches an mir mißfällt. Mit Recht bist du im unklaren über den innersten Grund meines Übertritts zum Katholizismus. Ist es nicht so?«

Hans nickte mit einem Nachdruck, wie er ihn selten kundgab.

»So öffne deine Ohren, mein Sohn, um zu hören, und deinen Mund, um deine Billigung auszusprechen: die heilige Macht des – Hungers hat mich dazu getrieben.«

Hans Unwirrsch griff nach seinem Hut.

»Der Hunger nach dem Ideal!« seufzte Theophile, und Hans Unwirrsch setzte seinen Hut wieder nieder.

»Ich wünsche Vortragender Rat im Kabinett Seiner Majestät des Königs zu werden!« schloß Moses Freudenstein aus der Kröppelstraße zu Neustadt, und Hans Unwirrsch erhob sich und griff nach der Stirn, als ob er von einem plötzlichen Schwindel ergriffen werde.

»Ich bin ganz offen, Hans. Es ist meine Absicht, mich um die Neigung und späterhin um die kleine Hand des Fräuleins Kleophea Götz zu bewerben – die Wasserflasche steht hinter dir.«

»Moses! Moses!« rief Hans Unwirrsch.

»Ja, nenne mich nur Moses. Bei allen schönen Erinnerungen, welche sich an diesen Namen knüpfen, beschwöre ich dich, deinen – Einfluß in diesem Hause nicht gegen den Freund deiner Jugend zu wenden. Bedenke, wie wenig du vom verworrenen Lauf der Welt erfahren hast und wie schwierig es ist, recht zu richten. Das Schicksal hat uns erfreulicherweise wiederzusammengeführt; nur sind die Gegensätze, welche in unserer Jugend bereits in uns vorhanden waren, etwas schroffer herausgebildet. Lege immer, wenn ich dir in einem falschen Lichte erscheinen mag, die Hand aufs Herz und frage dich ja recht, ob du tief genug in den Gang meines Lebens eingeweiht seiest, um gegen mich auftreten und zeugen zu können.«

Das war bewunderungswürdig gesprochen. Ohne den Gedanken an das Fränzchen würde der Kandidat der Theologie Johannes Unwirrsch an demselben Abend noch ein Eisenbahnbillet in der Richtung nach Neustadt und der Kröppelstraße gelöst haben.

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