Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Einundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Die Raupen im Park verschwanden, nachdem sie ihr Teil an der Tafel des Lebens verzehrt hatten; aber der Doktor Stein verschwand nicht aus dem Hause des Geheimen Rates Götz. Er kam täglich und wurde täglich mit verbindlicherem Lächeln von der gnädigen Frau empfangen. Er las mit den Damen, er fuhr mit ihnen aus, und es gab viele Leute in der Stadt, welche die Geheime Rätin um diese interessante Bekanntschaft beneideten, denn der Doktor war ein Mann, dessen Ruf sehr wuchs. Man hörte ihn wachsen, ohne daß man im geringsten berechtigt war, von außergewöhnlicher Reklame und dergleichen zu reden. Vor einem ausgewählten Publikum beiderlei Geschlechts hielt Theophile Vorlesungen über die »Rechte und Pflichten in der menschlichen Gesellschaft«, welche dem exklusiven, eleganten Bruchteil der Menschheit, für welches sie berechnet waren, sehr gefielen. Doktor Stein schüttelte den Sack nicht roh und gewissenlos aus, nachdem er den Inhalt kräftig durcheinandergerüttelt hatte; nein, reichlich, zart und zierlich sortierte er die Rechte wie die Pflichten, legte die ersten mit Grazie neben das Wachslicht zur Rechten und die zweiten mit der bekannten, das Gewissen so sehr beruhigenden, lächelnden Wehmut neben das Licht zur Linken. Sodann lud er das gegenwärtige Publikum ein, gefälligst zu wählen, und es wählte mit Behagen. Die Vorlesungen aber wurden gedruckt, und es sollte, wie man sagte, bis in die höchsten Kreise hinein viel die Rede von ihnen sein. Die Geheime Rätin Götz war jedenfalls sehr entzückt von ihnen – die Einwände aber, die Kleophea machte, gaben dem Doktor erwünschte Gelegenheit, hundert glänzende Schlingen um ihr rebellisches Selbst zu werfen. Mit Kleophea Götz sprach Theophile in einer andern Weise als mit ihrer Mutter. Nicht bloß die weiche, sanfte Desdemona wird gewonnen, wenn der »abenteuernde Afrikaner« erzählt von

. . . weiten Höhlen, wüsten Steppen,
Steinbrüchen, Felsen, himmelhohen Bergen,
Von Kannibalen, die einander schlachten,
Anthropophagen, Völkern, deren Kopf
Wächst unter ihrer Schulter.

Der Zauber ist fast noch größer, wenn dem unbiegsamen, kräftigen, feurigen Weibe, das sich in Trotz und Unmut vergeblich gegen kleinliche Verhältnisse abängstigt und in zorniger Schönheit an verachteten Ketten zerrt – in solcher Weise vorgelogen wird. Es gehört nicht viel dazu, unter solchen Umständen die Seele eines Weibes zu fangen. Von Schlachten und Belagerungen konnte nun freilich Theophile nicht erzählen, und als Sklav war er auch nicht verkauft worden; aber er sprach von andern Dingen, die ihm Anspruch auf eine »Welt von Seufzern« geben konnten. Er machte Kapital aus seiner Abstammung und dunkeln Jugendexistenz und war elegisch und rührend trotz Hans Unwirrsch. Wie leicht und eben ihm der Weg in die Welt durch seinen armen Vater gemacht worden war, verschwieg er weislich; durch eigene Manneskraft und eigenen Mannesmut hatte er natürlich alle Hindernisse besiegt, die sich ihm entgegengestellt hatten. Er klappte seinen Hemdkragen à la Byron um und deutete an, daß er – lord of himself; that heritage of woe! – nicht immer den graden Pfad gegangen sei, daß es Tiefen, dunkle, schwarze Tiefen in seinem Busen gebe, Abgründe, in die er nicht hinabsehen dürfe, ohne schwindlig zu werden. Offen, aber mit dumpfer Bitterkeit sprach er von einzelnen Epochen seiner Vergangenheit, von frühen Irrtümern und Fehlern; er verlangte nicht das Mitleid der Menschen, aber er duldete auch nicht ihre Vorwürfe; er schloß seine Rechnungen selber ab; finstere Wolken hingen ringsumher, Nacht war es in seinem Innern; aber er hatte den Hunger nach dem Licht noch nicht verloren, und deshalb allein – konnte er noch unter den Lebenden wandeln, ohne von der Last des Daseins zum Krüppel gedrückt zu werden.

Kleophea war in ihrem ganzen Leben nicht so schweigsam gewesen wie um diese Zeit. Die Geheime Rätin fing an, von dem günstigen Einfluß zu reden, welchen der Doktor auf das Mädchen ausübe. Was um diese Zeit der Herr des Hauses von dem Verkehr Theophiles mit seiner Gemahlin und Tochter dachte, ist deshalb nicht kundgeworden, weil er nicht um seine Meinung gefragt wurde. Aber eine Tatsache ist, daß er öfter als je in tiefe Gedanken versunken schien und seltsamerweise dann am ersten daraus erwachte, wenn Franziska ihn anredete oder auch nur den andern antwortete. Da der Geheime Rat nicht ein Gegenstand der allgemeinen Aufmerksamkeit genannt werden konnte, so gingen auch für jeden andern als den Hauslehrer die traurigen, ängstlichen Blicke verloren, mit welchen der Mann das Fränzchen auf ihren scheuen Wegen durch die Zimmer seiner Frau begleitete. Es war, als erwarte er von der selbst so Hilflosen irgendeinen Trost, eine Hilfe.

In Fränzchens Verhältnis zu Hans war keine Veränderung eingetreten; sie gingen umeinander herum und fühlten sich sehr unbehaglich. Der Leutnant Rudolf ließ sich nicht blicken; im Grünen Baum, wo sich Hans erkundigte, wußte niemand Bescheid von ihm zu geben; ob Franziska Nachricht oder Briefe von ihm erhielt, blieb für Hans unklar. Wenn es der Fall war, so mußten sie ihr jedenfalls wenig Trost geben. Hans Unwirrsch fühlte sich täglich jenem Star ähnlicher, der in Yoricks Sentimentaler Reise an den Stäben seines Käfigs rüttelt und jammert: »Ich kann nicht heraus! Ich kann nicht heraus!«

Um die alten Leute in der Heimat nicht zu beunruhigen, hatte er immer an sie gemeldet, daß es ihm gut, sehr gut gehe, daß er nach seinem Wunsche in einer großen Stadt unter vielen Menschen und in einem vornehmen Hause lebe und dergleichen mehr. Aber es ging ihm nicht gut! Er konnte nicht heraus aus dem verzauberten Kreis, den das Schicksal um ihn hergezogen hatte. Er fühlte, daß die Zeit nicht fern sei, wo er Moses Freudenstein hassen, wo er Franziska Götz – lieben werde, und er befand sich auf einer ewigen Flucht vor seinen eigenen Gedanken. Es ging dem armen Hans Unwirrsch gar nicht gut.

Der Sommer war frostig und regnicht, eine mit dem Doktor Stein verabredete Badereise wurde von der Familie aufgegeben; man blieb zu Hause, um grämlich und langweilig auf den triefenden, tröpfelnden Park und die kotigen Spazierwege hinauszusehen oder um mit Theophile, dem Professor Blüthemüller und einer langen Reihe ähnlicher Bekannten und Freunde beiderlei Geschlechts die Tage in gewohnter, winterlicher Weise hinzubringen. Kleophea wäre ohne den Doktor Theophile in einem solchen Sommer verloren gewesen; sie würde erst ihre Mama, dann den holden Aimé und zuletzt sich selbst umgebracht haben. Theophile aber erzählte ihr jetzt, wenn die Mama nicht anwesend war, Pariser Geschichten und erhielt sie sowie die beiden lieben Angehörigen dadurch am Leben.

Unter den strengen Augen der Geheimen Rätin unterrichtete der Hauslehrer nach wie vor den Sohn des Hauses und duldete schrecklich. Er fing allmählich an, auch körperlich sich unwohl zu fühlen, litt an Schwindel und Kopfweh und wurde von Tag zu Tag mehr zum Hypochonder. Er litt am Herzen und wußte es, aber mehr und mehr bildete er sich auch ein, an der Lunge zu leiden, fragte jedoch wenig danach. Er hatte keinen Hunger mehr nach irgendeinem Dinge; nur dem Fränzchen hätte er sein ganzes Herz klar darlegen mögen, und dann – dann? Einerlei! Der Tod war ja Ruhe, und Ruhe, Ruhe wünschte sich Johannes Unwirrsch, den Moses Freudenstein den »Hungerpastor« genannt hatte.

Es war ein Sonnabendnachmittag in den letzten Tagen des Augusts, und es hatte wieder einmal vom frühesten Morgen an unaufhörlich geregnet.

Am Fenster seines Stübchens saß Hans, dessen Kopfweh heute heftiger als gewöhnlich war und der Gott dankte, daß er heute keine Lektionen mehr zu geben hatte. Der Zögling befand sich im Zimmer der Mutter und zerfetzte zu den Füßen des Doktor Stein ein schönes Bilderbuch, welches dieser Herr ihm mitgebracht hatte. Der Doktor Stein hatte für Aimé sehr häufig irgendein Spielzeug oder dergleichen in der Tasche; er wußte, daß es in der Diplomatie nichts Großes und nichts Kleines gibt.

An diesem Sonnabendnachmittag, an welchem Kleophea Götz trotz der geistreichen Unterhaltung Theophiles mürrisch war und blieb, an diesem Tage, an welchem der Kandidat Unwirrsch von seiner baldigen Auflösung fest überzeugt war, an welchem es nicht nur draußen, sondern bis tief in seine Seele hinein regnete, an diesem Sonnabendnachmittag erhielt der Kandidat Unwirrsch von der Post ein Paket aus Neustadt, künstlich geschnürt und nicht nur mit Siegellack, sondern auch zu größerer Vorsicht mit Pech verpicht, ein Paket, das Jean mit Ekel und Verachtung auf den nächsten Stuhl neben der Tür fallen ließ.

In diesem Paket befanden sich ein Paar neuer Stiefel von Rindshaut, ein Schächtelchen mit halbwelken Blumen, ein Brief von der Base Schlotterbeck und ein Brief von dem Oheim Nikolaus Grünebaum.

Des Oheims Schreiben aber ging folgendermaßen seinen Weg:

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