Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Dreiundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Henriette Trublet hatte ihre Geschichte erzählt, und dem Kandidaten Unwirrsch war heiß und kalt dabei zumute geworden. Es war aber sein Unglück, daß er sich von so ganz gewöhnlichen Dingen so sehr aufregen ließ und daß es ihm so schwer wurde, jedes dritte Vorkommnis lächerlich zu finden oder unbedeutend. Betäubt saß er da, bis die Französin plötzlich aufsprang, leidenschaftlich mit dem Fuße aufstampfte und rief:

»Oh, er hat bös an mir gehandelt, aber ik will mir rächen, wie ik kann. Ik will doch in sein Weg treten, und wärs in der letzte Stund. Und ik will zu ihr – ik will! Ik will sagen der schöne Mademoiselle, wer er ist – le juif, le miserable! Er soll nicht habe seine Willen –«

»Kleophea!« rief Hans. »Mein Gott, jaja, auch das! Fräulein, Fräulein, Sie wissen um das? Oh, mein Kopf schwindelt – ich, wir, Sie müssen zu ihr, sie muß dies wissen. Nein, nein und abermals nein, sie soll nicht in seine Hände fallen; wir müssen sie retten, und geschähe es selbst gegen ihren Willen.«

»Ik aben wohl gewußt, daß er nachgeht der schöne junge Dam, dort in der Haus am Park; ik bin gewesen viel giftig gegen sie – pauvre petite. Ik aben gesteht vor ihre Fenster und gelacht, o mon Dieu, und mein Herz hat mir geblutet. Es war sehre bös, es war sehre slekt – pauvre coeur, ik will ihr retten von diese Mann! Venez, monsieur le curé!«

Kalt und dunkel war der Abend, das schöne Wetter war ganz und gar vorbei, und der Wind fing an, den Nebel über den Teichen zu bewegen und die Zweige zu schütteln. Er fing an zu stöhnen und zu seufzen wie an jenem Tage, an dem Hans von der Universität zum Sterbebett der Mutter zog. Es rauschte in der Weite und es ächzte in der Nähe, die Lichter und Laternen in der Ferne zwischen den Bäumen schienen hin und her geworfen zu werden wie das Gezweig. Der feurige Schein der großen Stadt am schwarzen Himmel war wie das Hauchen des schrecklichsten, letzten Abgrundes.

Nun war freilich das Getümmel der Spaziergänger längst zerstoben; die Reichen wie die Armen hatten sich verkrochen, den schattenhaften Gestalten, die noch in den Gängen des Parkes umherschlichen, war wenig zu trauen; man tat gut, ihnen womöglich auszuweichen. Aus einem fernen Vergnügungslokal trug der Wind die Töne einer Tanzmusik her, stückweise – in Fetzen. Dicht an der Seite des Kandidaten schritt Henriette Trublet, und er gab ihr seinen Arm, als sie erschöpft hinter seinem hastigen Schritt zurückblieb. Immer häufiger und heller blitzten die Gaslaternen durch die Bäume – da war die Straße, und dort das Haus des Geheimen Rates Götz.

Die beiden Wanderer standen einen Augenblick still.

Nur ein einziges Fenster war erhellt.

»Das ist nicht ihr Licht! Da wohnt sie nicht!« sagte die Französin.

Hans Unwirrsch schüttelte den Kopf, er konnte den Namen Franziska in dieser Begleitung nicht aussprechen. O über dieses erhellte Fenster in der unruhvollen, wilden, finstern Nacht! Friede und Ruhe; – Gottes Segen über das Fränzchen! Der Kandidat neigte sein Haupt gegen den dämmerigen Schein in der Höhe, und dann faßte er sanft die Hand des armen Geschöpfes, das beim Austritt aus dem Dunkel der Bäume sich wieder von seiner Seite zurückgezogen hatte.

»Kommen Sie, pauvre enfant – wir gehen einen guten Weg!« sagte er.

Sie gingen durch den kleinen Garten, und Hans zog die Türglocke. Sie mußten eine geraume Zeit warten, ehe es Jean gefiel, zu öffnen. Endlich kam er und verwunderte sich sehr über die Begleiterin des Hauslehrers, aber noch mehr über den Nachdruck, mit welchem Hans den Äußerungen seiner Verwunderung ein Ende machte.

»Ist das gnädige Fräulein zu Hause?«

Jean starrte, starrte und schwieg; aber im nächsten Augenblick griff die Faust des Kandidaten in seine Achselschnüre:

»Weshalb antworten Sie nicht? Melden Sie mich auf der Stelle bei dem Fräulein – dem Fräulein Kleophea!«

Diese unerhörte Frechheit brachte den eleganten Jüngling für einige Augenblicke ganz aus dem gewohnten, lümmelhaften Gleichgewicht; als er sich endlich besann, kannte aber auch seine Entrüstung keine Grenzen. Und die Haushälterin erschien und die Kammerjungfer der gnädigen Frau; das kleine Küchenmädchen sah im Hintergrunde scheu um eine Ecke, die arme Henriette zog sich aus dem Lichte der Flurlampe so tief wie möglich in die Dunkelheit zurück. Hans wollte vor Aufregung und Unmut unter all den unverschämten, zweifelhaften Blicken fast vergehen, mit erhobener Stimme wiederholte er nochmals seine Frage nach Kleophea. Da beugte sich über das Geländer der Treppe Franziska Götz. Sie trug ihre kleine Lampe in der Hand.

»Das gnädige Fräulein sind nicht zu Hause«, schnarrte Jean. »Übrigens verbitte ich mir –«

»Malheur à elle!« rief die Französin.

»O Herr Unwirrsch, was ist geschehen? Was ist mit meiner Kusine?« rief das Fränzchen herniedersteigend.

»Ist sie nicht zu Hause? Wir müssen sie sprechen; – o mein Gott, wohin ist sie gegangen?«

»Sie hat es nicht gesagt, sie verließ in der Dämmerung das Haus.«

»So müssen Sie hören, so müssen Sie uns raten! Ja, vielleicht ist es noch besser so.«

Auch Franziska sah verwundert auf die Fremde, dann sagte sie:

»Wenn ich Ihnen – meiner Kusine nützlich sein kann; – o mein Gott, sie wird ohnmächtig!«

Die Französin schüttelte den Kopf:

»Nein, nein, es geht vorüber – ce nest rien!«

»Kommen Sie auf mein Zimmer! Was ist geschehen? Was haben Sie mir zu sagen? O wie bleich Sie sind – stützen Sie sich auf meinen Arm.«

Die Französin schüttelte wieder den Kopf, sie wich vor der stillen, lieblichen, unschuldigen Erscheinung scheu zurück und wandte sich an Hans:

»Wenn die andere nicht ist da, was soll ik in diese Haus? Sage Sie es ihr, monsieur le curé. Ik will nix eintret in diese Haus, ik will geh.«

»Nein, nein – bleiben Sie, Fräulein Henriette«, rief Hans; aber die Fremde zog ihr Tuch fester um sich und reichte dem Kandidaten die Hand:

»Adieu, monsieur le curé, Sie ist ein ehrlik Mann.« Sie wandte sich gegen das Fräulein, neigte das Haupt und flüsterte leise und langsam:

»Priez pour moi! – Vous!«

Franziska legte ihr die Hand auf die Schulter:

»Ich will Sie aber nicht so fortgehen lassen. Sie sind unglücklich und krank; und Sie haben diesem Hause eine böse Nachricht zu bringen. Kommen Sie, stützen Sie sich auf meinen Arm, o kommen Sie, Herr Unwirrsch; – Kleophea wird gewiß bald zurückkehren.«

Sanft leitete das Fränzchen diese arme französische Henriette die Treppe hinauf und winkte dem Kandidaten zu folgen, während die Dienstboten die Köpfe zusammensteckten und hämisch die Achseln zuckten.

Zum erstenmal betrat Hans Unwirrsch das Gemach, welches Franziska in dem Hause ihres Onkels bewohnte, und sein Herz erzitterte sehr, als er über diese Schwelle schritt.

Es war gleich einem Traume. Der stöhnende Wind vor dem Fenster, das Rauschen und Ächzen der Bäume, war alles nicht ganz wie damals, im Posthorn zu Windheim, als zuerst das süße Gesicht Fränzchens auftauchte aus der Finsternis, als zum erstenmal der Leutnant Rudolf Götz den Doktor Moses Freudenstein einen Schuft nannte?!

Wie lange Zeit lag zwischen dem heutigen bangen Abend und jenem Abend?

Wer war die bleiche, abgehärmte Fremde in dem schlechten, abgetragenen Kleid und Tuch? Wie kam sie hierher in dieses Haus? Was hatte sie zu schaffen mit dem Fränzchen, und welch ein Haus war dies?

Wo war der Jugendfreund? Wo war Moses Freudenstein aus der Kröppelstraße?

Der schaurige, unbarmherzige, kalte Wind da draußen war wie eine Antwort auf alle diese Fragen:

»Wehrt euch, wehrt euch, wir siegen doch! Wir siegen über den Frühling, über die Jugend, über die Treue und Unschuld. Vergänglichkeit und Selbstsucht sind eure Herren! Wehrt euch, wehrt euch! Es ist unsere Lust, wenn ihr euch wehrt! Das einzige Treue, Unschuldige, Ewige sind doch – wir!«

Und die Dunkelheit sah auch wieder so drohend in die Fenster, als habe sie jedes andere Licht verschlungen und als sei der Schein von Fränzchens kleiner Lampe allein noch übrig von allem Glanz und Leuchten in der Welt. Hans Unwirrsch stand in dem engen Lichtkreise dieser Lampe mit dem Gefühl, als sei hier allein noch Schutz in jeder Not, hier allein Befriedigung jeden Hungers, hier allein Trost für allen Schmerz zu finden. Er wagte kaum zu atmen.

Auf dem Tische lag ein offenes Buch und eine weibliche Arbeit; – von jenem Stuhl hatte Fränzchen sich erhoben, und jetzt saß dort das fremde, leichtfertige junge Weib – es konnte nicht Wirklichkeit sein, es war eine Phantasie, eine der Fieberphantasien der letzten Zeit!

Nein, nein, das war des Fränzchens sanfte, süße Stimme, und das Fränzchen hatte die Hand auf die Schulter der armen Henriette gelegt, welche das Gesicht verbarg, zitternd und schluchzend. Feines Pariser Französisch sprach Fränzchen Götz zu der armen Henriette Trublet, aber Hans, der die Sprache nur aus den Büchern kannte, wußte doch, was sie sagte. Und die Fremde hatte bei den ersten Lauten ihrer Muttersprache die tränenvollen Augen erhoben, horchte mit ganzer Seele und küßte dann die Hand Fränzchens.

In ihrer Muttersprache erzählte sie zum zweitenmal ihre traurige Geschichte.

Franziska sah im Verlauf derselben immer angstvoller auf den Kandidaten; sie hielt sich mit zitternder Hand an dem Tisch, an welchem sie lehnte, und als die Pariserin geendet hatte, rief sie:

»O Herr Unwirrsch, und Kleophea?! Kleophea! Wo ist Kleophea? Wenn sie doch käme – jetzt, jetzt!«

Sie ging zu dem Fenster und öffnete es. Der Wind riß ihr den Flügel fast aus der Hand, die Lampe flackerte vor seinem wilden Eindringen; die Gasflammen am Rande des Parkes wurden in ihren Glasgehäusen hin und her getrieben, sie warfen rote, unsicher zuckende Lichter auf den Weg, aber der Weg war leer, und ein Wagen, dessen Rollen unerträglich lange in der Ferne blieb, fuhr vorüber, ohne anzuhalten.

»Und ihr Vater, ihre Mutter! Was ist zu tun, o was ist zu tun, Herr Unwirrsch?«

Hans sah nach seiner Uhr.

»Es ist neun«, sagte er. »Beruhigen Sie sich, Fräulein Franziska. Sie wird gewiß nicht lange mehr ausbleiben; wir müssen sie in Geduld erwarten; es ist alles, was wir tun können.«

Fränzchen hatte sich zu der Fremden gewendet; trotz ihrer Angst und Aufregung hatte sie doch noch Trost genug für die arme Henriette. Leise sprach sie ihr zu, und Henriette küßte immer von neuem ihre Hand. Hans stand am Fenster und lauschte auf die leisen Worte der beiden Frauen, auf die laute Stimme des Sturmwindes. Durch das flackernde Licht, welches die Gaslaternen gaben, glitt dann und wann eine Gestalt, es fuhr noch manch ein Wagen vorüber, aber Kleophea Götz wollte noch immer nicht kommen.

Franziska schürte das Feuer im Ofen. Sie öffnete die Tür und erbat sich von der Wirtschafterin, deren Ohr und Auge abwechselnd sich seit geraumer Zeit am Schlüsselloch befunden hatten, Tee und etwas zu essen für die hungrige, halb ohnmächtige Fremde. Je weiter die Nacht vorschritt, desto größer wurde ihre Angst.

Gierig aß und trank Henriette Trublet, sah darauf mit starren, gläsernen Augen sich noch mal im Zimmer um und ließ dann das Haupt auf die Brust sinken; – sie schlief.

Es war der Schlaf der tiefsten Erschöpfung.

»Die Arme, die Unglückliche!« seufzte Franziska. »Welch eine Nacht! Welch eine entsetzliche Nacht!«

Sie legte den Arm um die Schlafende, sie vor dem Fallen zu bewahren; ihre Locken berührten die Stirn der Sünderin; und wenn Hans Unwirrsch tausend Jahre alt geworden wäre, so hätte er das Bild nicht vergessen können.

Sie sah zu ihm herüber:

»O helfen Sie mir, wir wollen sie auf dem Diwan niederlegen! Horch – wovon redet sie?«

Die Fremde murmelte im Schlaf – vielleicht den Namen ihrer Mama – vielleicht den Namen ihrer Schutzheiligen. Sie merkte es nicht, als Hans sie in die Arme faßte und sie zu dem kleinen Sofa trug, wo ihr das Fränzchen die Kissen zurechtrückte und sie mit ihrem Mantel und Tuch bedeckte.

Es schlug elf Uhr; Kleophea Götz war immer noch nicht nach Haus gekommen.

»Welch eine Nacht! Welch eine Nacht!« murmelte Fränzchen. »Was sollen wir tun? Was können wir tun?«

Sie fuhr plötzlich empor und streckte abwehrend beide Hände aus.

»Wenn sie fortgegangen wäre, um nie mehr heimzukehren? Wenn sie an diesem Abend das Haus ihrer Eltern für immer verlassen hätte?! Nein, nein, der Gedanke wäre allzu schrecklich!«

»Sie kann nicht so verblendet gewesen sein; es ist unmöglich!« rief Hans. »Das wäre wirklich zu schrecklich – es ist unmöglich!«

»Diese tödliche Angst!« murmelte Franziska. »Ist das Regen?«

Es war Regen. Anfangs schlugen nur vereinzelte Tropfen gegen die Scheiben; aber bald war es wieder das alte Rauschen und Plätschern. In Stößen trieb der Sturm die Schauer über das Land, den weiten Park und die große Stadt.

»Ihre Mutter würde trotz allem diese Verbindung mit diesem – diesem Doktor Stein niemals zugegeben haben«, sagte Franziska. »Sie sieht den Doktor zwar gern in ihrem Salon; aber sie ist eine stolze Frau und glaubte die Zukunft Kleopheas bereits in ganz anderer Weise geordnet zu haben. Sie hat kurz vor ihrer Abreise in ihrer Art von jener glänzenden Partie gesprochen; – oh, es wäre freilich das Äußerste, wenn meine Kusine in ihrem Widerspruchsgeiste einen solchen Schritt getan hätte. Horch – wieder ein Wagen – gottlob, da ist sie!«

Sie horchten wieder, und einen Augenblick später schüttelte Hans den Kopf, und Fränzchen sank gebrochen auf einen Stuhl; Henriette Trublet schlief fest und tief.

»Sie wäre verloren für ihr ganzes Leben!« sagte Hans für sich; aber Franziska vernahm doch die leisen Worte; sie fuhr zusammen, schauderte und nickte:

»Sie wäre verloren.«

»Dieser Mann würde ihre Seele wie ihren Leib töten. Wehe mir, daß dem so ist und daß ich es bin, der es sagen muß.«

Fränzchen stand wieder auf von ihrem Stuhl; sie schritt zu dem Kandidaten, sie legte ihre zitternde Hand auf seinen Arm und flüsterte kaum hörbar:

»Lieber Herr Unwirrsch, ich habe Ihnen ein großes Unrecht angetan. Können Sie mir verzeihen? Wollen Sie mir vergeben? Ich habe schwer, schwer dafür gebüßt. Es hat mich viele, viele Tränen und wache Nächte gekostet. O verzeihen Sie mir dieses Mißtrauen; verzeihen Sie mir um meines Oheims willen!«

Hans Unwirrsch schwankte auf den Füßen vor diesem Worte.

»O Fräulein – Franziska«, stammelte er, »nicht Sie, nicht Sie haben mir unrecht getan. Wir sind beide im Wirrsal dieser Welt gefangen gewesen. Böse Mächte haben ihr Spiel mit uns getrieben, und wir konnten uns nicht gegen sie wehren! Das ist doch ganz einfach und klar!«

»Es ist so«, sagte das Fränzchen. »Wir haben uns nicht wehren können.«

In Strömen rauschte der Regen hernieder, gleich einer wilden Bestie rüttelte der Wind an dem Fenster, aber sie mochten in Verbindung mit der Nacht ihr Schlimmstes tun und drohen und sagen: sie hatten nunmehr selbst in dieser Nacht, wo Kleophea Götz nicht heimkehrte in ihr elterliches Haus, kaum noch etwas Schreckliches, Unheimliches. Segnungen waren auch sie jetzt und nicht mehr Boten des Abgrundes, welche die Vernichtung – den Tod und das Reich der Selbstsucht verkündeten.

Es war längst Mitternacht, und Kleophea war noch immer nicht gekommen. Hans und Fränzchen saßen neben der schlafenden Fremden und sprachen mit leiser Stimme zueinander. Ach, sie hatten sich so viel zu sagen.

Sie sprachen nicht von Liebe – sie dachten gar nicht daran. Sie sprachen einfach davon, wie sie gelebt hatten; und alles, was so verworren geschienen hatte, löste sich so leicht; und alles, was so dunkel und drohend gewesen war, wurde licht und einfach und klar tröstlich, oft durch ein einziges Wort.

Von ihrem Vater erzählte Franziska Götz, und ganz anders sprach die Tochter davon als der Leutnant Rudolf Götz oder gar der Doktor Theophile Stein. Der Tochter Auge leuchtete, als sie erzählte, wie ihr Vater so stolz und tapfer gewesen sei und wie er auf so manchem Schlachtfelde sein Blut für die Freiheit vergossen habe. Von ihrer Mutter erzählte das Fränzchen, wie sie so lieblich und gut gewesen sei, wie sie soviel Angst, Unruhe und Not in ihrem wechselvollen Leben erlitten habe, ohne je zu klagen, und wie sie endlich im Jahre achtzehnhundertsechsunddreißig nach langem Krankenlager an der Schwindsucht gestorben sei. Das gute Fränzchen erzählte, wie tief der Tod der Mutter den Vater gebeugt habe und wie er nach dem Begräbnis eigentlich nie mehr freudig das Haupt erhoben habe. Sie erzählte, wie der gute Onkel Rudolf zu diesem Begräbnis gekommen sei, auch als ein alter invalider Kriegsmann mit einem kleinen Bündel und einem dicken Knotenstock. Sie wußte von der wunderlichen Haushaltung der beiden Brüder in Paris und wie so viele andere Kriegsleute aus allen Nationen, Deutsche, Franzosen, Polen, Italiener und Amerikaner, kamen und gingen und alle dem Fränzchen so gut waren, viel zu erzählen. Sie erzählte von den Fechtstunden, welche die beiden Brüder gaben, und wie sie den jungen Schülern von der polytechnischen Schule und den Studenten aus dem Quartier Latin in einem Hofe vor der Barrière das Pistolenschießen lehrten. Sie erzählte von den alten, abgedankten Brummbären von der alten Garde, die so gute Freunde der beiden deutschen Bekannten von der Katzbach, von Leipzig und Waterloo wurden und mit ihnen in ihrer Dachstube rauchten und tranken und gleichfalls ihre Geschichten erzählten.

Mit gesenktem Haupt erzählte sie dann, wie der gute Onkel Rudolf endlich das Heimweh nach Deutschland bekommen habe, wie er fortgereist sei und wie darauf so böse Zeiten kamen, Zeiten voll Elend und Kummer, böse, böse Zeiten. Mit kaum vernehmbarer Stimme erzählte Franziska Götz, wie es ihrem Vater immer schlimmer erging und wie seine Hilfsquellen immer mehr versiegten und wie er seinen Trost immer häufiger in der Betäubung durch starke Getränke gesucht habe und wie sich allmählich so viele schlechte und tückische Menschen an ihn gedrängt hätten.

Endlich sprach Franziska Götz noch leiser von dem Doktor Theophile, wie er in demselben Hause mit ihnen wohnte und wie der die Schwäche des unglücklichen Vaters in so abscheulicher Weise auszubeuten trachtete. Von ihrer grenzenlosen Verlassenheit sprach Fränzchen, und Hans Unwirrsch zerbiß die Lippen und umspannte in der Einbildung die Kehle Moses Freudensteins aus der Kröppelstraße mit seinen zwei braven Fäusten, um ihm die Seele aus dem Leibe zu drücken.

Von dem Tode ihres Vaters erzählte Franziska und wie in ihrer höchsten Not der Onkel Rudolf wiedergekommen sei, um sie zu retten.

Einen Brief des Onkels Theodor zeigte Franziska dem Kandidaten, und da war es wieder höchst merkwürdig, wie der Geheime Rat Götz ganz anders schreiben konnte, als er aussah und sprach.

Der Leutnant Rudolf Götz war sehr arm, hatte keine Heimat, in die er das verwaiste Kind des Bruders führen konnte; und jetzt erst erfuhr Hans recht, wie der gute Alte lebe: wie er nomadisch, schier omnia sua secum portans umherschweife und nur im Winter festes Quartier nehme bei irgendeinem gleichaltrigen Kriegsgenossen und mit Vorliebe bei dem Herrn Obersten von Bullau hinten an der Ostsee in Grunzenow.

Der Leutnant Rudolf konnte die Waise nur abholen von Paris, ein sicheres Dach konnte er ihr nicht anbieten. Da war der Brief des Onkels Theodor, den die Geheime Rätin Götz nicht diktiert hatte und der auch nicht unter ihren Augen geschrieben worden war, sondern nur unter einem seiner Aktendeckel; und auf diesen Brief hin hatte der Leutnant seine Nichte in das Haus seines Bruders Theodor gebracht.

»Und da hatte ich das Glück, Sie in dem Posthorn zu Windheim zu treffen«, rief Hans. »Ich wanderte zu meiner Mutter Sterbebett, und der Herr Leutnant nannte den Moses einen Schuft, und der Sturmwind – und Sie, o Fräulein Franziska . . . mein Gott, mein Gott, und es ist eine Wahrheit und Wirklichkeit, daß wir hier sitzen und auf Fräulein Kleophea warten!«

Sie fuhren beide bei diesem Namen zusammen und sahen nach den schwarzen Fenstern, an welchen immer noch der Regen niederfloß, an welchen immer noch der Wind rüttelte. Sie hofften nicht mehr auf die Heimkehr der Unglücklichen.

Die Französin regte sich im Schlaf und rief ängstlich den Namen Theophile. Franziska legte sanft und sorglich mit barmherziger Hand den Mantel wieder über die Schultern der Verlassenen und nahm dann ihren Sitz von neuem ein.

Sie sprachen weiter von jenem Abend ihres ersten Zusammentreffens, und Fränzchen erzählte, wie der Kandidat dem Onkel Rudolf so gut gefallen habe und wie er öfters während der Reise von ihm gesprochen habe. Hans erzählte von seiner Mutter Tode, von dem Oheim Grünebaum und der Base Schlotterbeck und suchte aus seiner Brieftasche den jüngsten Brief der letzteren hervor, um ihn dem Fränzchen zu zeigen. Er erzählte, wie auch der Doktor Theophile diesen Brief gelesen habe, als er – Hans Unwirrsch – im Fieber gelegen habe; er erzählte, wie ein schrecklicher Blick und Blitz ihm den Doktor Theophile in seiner ganzen Bosheit und Falschherzigkeit gezeigt habe.

Nun schloß Fränzchen ein Kästchen auf und wies dem Kandidaten eine ganze Reihe von Briefen des Onkels Rudolf – alle fast so unleserlich wie die Schreiben des Oheims Grünebaum, und die letzten alle von Grunzenow an der Ostsee datiert. In Grunzenow, auf des Herrn von Bullau Gute, lag der Leutnant in großen Schmerzen seit dem Sommer nun doch an der Gicht darnieder, und das Fränzchen gestand mit Tränen in den Augen, daß sie dem armen Onkel nur fröhlich, heiter und zufrieden geschrieben habe und daß sie um alles in der Welt nicht anders habe schreiben können. Da hätte Hans wieder und immer wieder die kleine, tapfere, segensreiche Hand küssen mögen; aber er wagte es nicht, und es war auch so am besten. Zürnend über sich selber aber bereute er tief die Segenswünsche, die er zu gewissen Zeiten dem verlorengegangenen Leutnant nachgeschickt hatte. Tief bereute er sie, zumal als er jene Briefe des Leutnants las, in denen der alte Kriegsmann kläglich gestand, daß er lieber dem Teufel seine Großmutter entführen als noch einmal einen Präzeptor nach seinem – nicht des Teufels – Wunsche in das Haus seiner »gnädigen Frau Schwägerin« einführen und -schmuggeln wolle.

»Sie hatten an jenem Abend seine ganze Seele gewonnen, Herr Unwirrsch«, sagte Fränzchen. »Er sprach soviel von Ihnen auf unserer Reise hierher, und ich – ich habe Sie auch nicht so ganz vergessen in den Jahren, die dann folgten. Ach, ich hatte viel Zeit und ein großes Bedürfnis, aller derer zu gedenken, welche mir je freundlich entgegengetreten waren. Ach Herr Unwirrsch, wir haben beide in diesem Hause nicht glücklich leben können, aber mein Los ließ sich doch am schwersten tragen. Ich habe oft, oft einen gar bittern Hunger nach einem freundlichen Gesicht, nach einem freundlichen Wort gehabt. Ich wäre gern fortgegangen, um in irgendeiner Weise mein Brot selber zu verdienen, aber das wollte die Tante ja nicht leiden. Doch Sie wissen ja das alles, Herr Unwirrsch; – was sollen wir noch darüber sprechen? Es ist auch unrecht, in diesem Augenblicke nur an uns selber zu denken.«

»Es nicht unrecht«, rief Hans in ungewohnter Heftigkeit. »O Fräulein Franziska, wir dürfen wohl in dieser Stunde von uns selber reden; die harte, kalte Welt hat uns auf den innersten Punkt unseres Daseins zurückgedrängt – wir dürfen von uns selber reden, um uns selber zu erretten. Diese Nacht wird vergehen, ein neuer Tag wird kommen. Was wird er uns bringen? In ganz neue Verhältnisse wird er uns wahrscheinlicherweise hineinreißen. Wie wird es morgen in diesem Hause aussehen? Ich werde gehen müssen; aber Sie – Sie, Fräulein Franziska, was werden Sie tun und leiden? Wie düster, wie schauerlich öde und ausgestorben wird morgen dieses Haus sein! Jede andere Existenz wird eine Seligkeit gegen das Leben in diesem Hause sein! O Franziska – Fräulein Fränzchen, schreiben Sie morgen an den Herrn Onkel, den Herrn Leutnant; oder – oder lassen Sie mich an ihn schreiben! Bleiben Sie nicht hier; bleiben Sie nicht in diesem Hause; seine Luft ist tödlich; – o Fränzchen, Fränzchen, lassen Sie mich an den Herrn Leutnant schreiben!«

Franziska schüttelte sanft das Haupt und sagte:

»Ich muß bleiben. Wenn ich früher nicht gehen konnte, so darf ich es jetzt gar nicht. Ich bin nicht froh in diesem Hause gewesen, aber es hat mir doch Schutz verliehen, und der Onkel Theodor – – – o nein, könnte ich jetzt den armen Onkel Theodor verlassen? Jetzt schwindelt mir freilich mein Kopf; aber bleiben muß ich – ich täusche mich nicht, es wird so recht sein, und ich will nichts Unrechtes tun. Lieber Freund, ich darf nicht an den Onkel Rudolf schreiben, daß er mich von hier fortnehme, und Sie dürfen es auch nicht. Ich weiß, es wird so recht sein.«

Hans Unwirrsch wagte es – er küßte die kleine, milde, treue Hand, die sich so scheu und doch in so unbesiegbarer Macht gegen ihn ausstreckte. Heiße Tränen liefen ihm über die Wangen.

Ja, sie hatte recht! Sie hatte immer recht! Segen über sie! Wie ein schönes, liebliches Wunder saß sie in dieser stürmischen Nacht, dieser Nacht des Elends und Verderbens, neben dem fremdländischen Mädchen und legte die reine, unschuldige Hand auf die heiße, fieberhafte Stirn desselben: jaja, barmherzig und von großer Güte war sie, und bleiben mußte sie in diesem trostlosen Hause; das war gewiß recht so!

Zwei Uhr war längst vorüber.

»Lassen Sie uns jetzt scheiden, lieber Freund«, sagte das Fränzchen. »Sie ist nicht heimgekommen – sie hat ihr Geschick auf sich genommen; Gott mag sich ihrer erbarmen und sie schützen auf ihrem Weg. Lassen Sie uns jetzt scheiden, lieber Freund; ich will über diese Arme hier wachen, und morgen früh wollen wir alles andere weiterbesprechen.«

»Morgen früh«, sagte Hans. »Es ist mir, als würde diese Nacht nie zu Ende gehen. Ich fürchte mich vor diesem Morgen, denn trotz aller Zweifel weiß ich, daß er kommen wird. Ach Fräulein Fränzchen, es ist eine lange und doch eine kurze, kurze Nacht gewesen. Schrecklich war sie und doch voll Süßigkeit. Gott segne Sie, Franziska – o was soll ich Ihnen sagen – wie werden wir sein, wenn der neue Tag gekommen ist?«

Franziska senkte tief das Haupt und reichte stumm dem Kandidaten Unwirrsch die Hand. Sie schieden voneinander in Sorgen und Seligkeit. Sie konnten den Segen, welchen ihnen beiden diese finstere, unheimliche Nacht brachte, noch nicht ganz fassen. Sie schieden voneinander, und ihre Herzen klopften laut.

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