Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Siebenundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Auf dem Bahnhofe läutete bereits die Glocke zum Einsteigen, als der Kandidat Unwirrsch atemlos im vollen Lauf anlangte, ein Billet löste und sich in einem Waggon und auf den Schoß einer dicken, gegen die Kälte wohlverwahrten Dame, die sich späterhin als Menageriebesitzerin auswies, stürzte. Mit mehr als sittlicher Entrüstung wurde er abgeschüttelt und zurückgestoßen und flog gegenüber auf einen Herrn von mürrischem Aussehen, der die Frage an ihn stellte, ob er etwa als Gummielastikum in Hinterindien aus einem Baum geflossen sei und ob er einen polizeilichen Erlaubnisschein für solches »Gehopse« aufweisen könne. Nachdem noch die trübe Laterne an der Decke des Wagens in bedrohliche Berührung mit seiner Stirn gekommen war, fand er endlich einen unbehaglichen Platz zwischen zwei robusten Fräuleins, die einen merkwürdig durchdringenden Wildentiergeruch an sich hatten und deren eine auf dem Schoß einen wohlverhüllten Kasten mit einem vor Frost schnatternden Titi oder Eichhornäffchen hielt. Anderes wunderliches Volk in Schnürenröcken, Troddelmützen und mit eigentümlich verwelschtem Jargon füllte die andern Abteilungen des Wagens und setzte die wenigen gewöhnlicheren Leute, die dazwischen eingeschachtelt waren, durch vagabondenhaft geniales Gebaren und Räsonieren in Verwunderung.

In eine bessere Gesellschaft hätte der Kandidat Unwirrsch in seiner jetzigen Stimmung vom Schicksal nicht geworfen werden können. Es war unerträglich und um so unerträglicher, als es sich baldigst zeigte, daß die Gesellschaft der Tierbändiger bis zum Abend nicht loszuwerden war. Sie fuhr desselben Weges wie Hans, um irgendwo einen großen Jahrmarkt oder eine Messe durch ihre Gegenwart zu vervollständigen; es galt, sich in Geduld zu fassen.

Rings um Hans her schwatzte und schnarrte das durcheinander; Flaschen mit erwärmenden Getränken gingen von Hand zu Hand, und Geschichten wurden erzählt, welche oft ebensogut ihre Verdienste hatten wie die der Neuntöter im Grünen Baum. Die dicke, bepelzte Dame, die Herrin der wandernden Bestien, empfing auf jedem Halteplatz von den die Tierkästen auf den Packwagen des Zuges bewachenden Leuten Bericht über ihre interessanten Ungeheuer und schimpfte mit gleicher Zungenfertigkeit auf deutsch und französisch. Die junge Dame mit dem Titi unterstützte die Mama darin aufs beste, und der mürrische Herr, höchstwahrscheinlich eine Kreuzung zwischen Eisbär und braunem Bär, geriet auf jeder Station mit den Bahnbeamten in Streit und erging sich mit Seitenblicken auf Hans in den schnödesten Bemerkungen über »zudringliche Bagage«, die nie einsehen könne, daß ein Käfig voll sei.

Es war auch nicht sehr angenehm für den Kandidaten Unwirrsch, zu erfahren, daß der Kasten mit den Klapperschlangen glücklich unter seinen Sitz geschmuggelt sei. Er war bald so weit herunter, daß er sich kaum noch gewehrt haben würde, wenn ihm die andere junge Dame das Stinktier zur sorgsamen Verpflegung in die Arme gelegt hätte. Daß das Wetter nicht ganz so ungemütlich war wie die Reisegesellschaft, kam unter diesen Umständen kaum in Betracht. Mit den Händen auf den Knien saß Hans, ohne sich zu rühren, und der Zug klapperte durch den Tag mit solcher Hast, als ob ihm selber daran gelegen sei, die Fahrt zu Ende zu bringen und seiner jetzigen Last ledig zu werden. Der afrikanische Löwe brüllte in seinem Behälter, der asiatische Leopard heulte, und der deutsche Kandidat der Gottesgelahrtheit dankte seinem Schöpfer, als er endlich am Abend um sechs Uhr die Station erreichte, von der aus man auf der Post weiter nach Neustadt fuhr.

Aber die Post ging erst am folgenden Morgen ab, und Hans Unwirrsch war gezwungen, einen unruhigen Schlaf in einem zu kurzen Wirtshausbett zu schlafen. Er erwachte früh und wußte kaum noch etwas von der gestrigen Fahrt und Reisegesellschaft; das Gefühl der Nähe der Heimat hatte sich ganz und gar seines Wesens bemächtigt, und der Gedanke, daß er in einigen Stunden den heiligen Boden, auf welchem er jung und glücklich gewesen war, in welchem seine Eltern schliefen, nach so manchem unruhvollen Jahre wieder betreten solle, verscheuchte alles andere. Am Fenster seines Zimmers stand Hans, sah auf den Marktplatz des kleinen Städtchens hinaus und erwartete den Tag mit melancholischem Frohlocken. Gestern während der Fahrt hatte er wohl Zeit gehabt, der alten Freundin seiner Jugend, der alten, guten Base Schlotterbeck, in Angst und Schmerz zu gedenken, und darin wenigstens hatte ihn der Lärm umher nicht gestört; – nun dachte er an diesem Morgen zwar immer noch an die Base, aber in anderer Weise als gestern. Er hatte keine Sorge und Angst mehr um sie; die Gestalt der treuen Hüterin stand so klar und ruhig vor seinem Geiste, daß er fest überzeugt war, die Base sei gar nicht so krank oder sei doch nicht mehr so krank, als wie der Oheim schrieb. Er fühlte sein Herz ganz frei und leicht, und dem Briefe des biedern Oheims Niklas traute er nicht recht mehr; die Base Schlotterbeck konnte nicht mehr so krank sein, wie es der Oheim kläglich ausmalte.

Zu Fuß hätte der Kandidat auswandern mögen, der Heimat entgegen, aber er bezwang sich in Anbetracht der aufgeweichten Wege und setzte sich auf die Post. In jedem einsteigenden Mitpassagier glaubte er einen Bekannten aus alter Zeit zu entdecken, und es berührte ihn fast schmerzlich, daß es zuletzt doch nur fremde Gesichter waren, die ihn umgaben. Unter dem letzten Schlagbaum vor seiner Vaterstadt bezwang er sich nicht mehr, sondern stieg aus und überließ seinen Platz jedem beliebigen blinden Passagier, den der Schwager an seiner Stelle aufnehmen wollte.

Zu Fuß schritt er weiter, und auf die aufgeweichte Landstraße schien die Sonne so schön, wie man es zu dieser Jahreszeit von ihr verlangen konnte.

Wie das Bekannte am Wege sich nun bei jedem Schritt vorwärts mehrte, wie die Türme des guten Städtchens auftauchten, wie der Kandidat Hans Unwirrsch stillstand auf der letzten Höhe und seiner Erregung kaum Herr werden konnte, kann wohl jeder sich vorstellen und nachempfinden.

Da war die Mauer des Kirchhofs, an welcher der Weg vorüberführte. Über die Mauer heraus sahen die schwarzen Kreuze, die Köpfe der Trauerurnen und die kahlen Zweige der Bäume und Büsche. Über die Mauer hinein sah der heimkehrende Hans. Eine frisch gegrabene Grube erblickte er ziemlich dicht vor sich, die Gräber seiner Eltern waren jedoch durch eine Erhöhung des Bodens seinen Augen entzogen. Die Tür des Gottesackers war verschlossen, und der Wanderer zog fürder, nachdem er das Haupt gegen den Ort geneigt hatte, wo sein Vater und seine Mutter, die kleine Sophie, der Armenschullehrer Silberlöffel und so viele, viele andere schliefen. Er gedachte des Hungers seines Vaters und des Hungers des Armenlehrers, und dann kam ihm der Gedanke, für wen wohl dieses neue Grab bestimmt sein möge. Es machte ihm Sorge, dieses neue Grab! Er hätte gerade jetzt niemanden aus der Stadt Neustadt missen mögen. Es war so traurig, daß jemand begraben werden sollte, den er vielleicht gekannt hatte – begraben in dem Augenblick seiner Heimkehr.

Er schritt schneller weiter in diesen Gedanken, und der alte Torbogen, unter dem einst der Oheim Grünebaum stand und ihm und dem Moses Freudenstein nachsah, als sie zur Universität zogen, warf seinen Schatten auf ihn. Er dachte an Moses Freudenstein, solange der Schatten über ihm lag, dann trat er in die sonnenhelle Gasse, und die Glocke auf dem Valentinsturm schlug drei Uhr; der Klang duldete es nicht, daß er augenblicklich noch länger an jenen Mann dachte, der sich jetzt Theophile Stein nannte.

Nun sah er mancherlei Leute, die er wohl kannte, aber niemand erkannte ihn. Es hatte sich wenig in Neustadt verändert. Nur ein Haus am Markt war abgebrannt, und an dessen Stelle war ein neues gebaut, sonst erschien alles, als ob es unter einer Glasglocke aufbewahrt worden sei. Daß die Menschen sich mehr verändert hatten als die Gebäude, erschien fast als ein Wunder.

Jetzt zog es ihn so sehr nach seinem Hause in der Kröppelstraße, daß er nicht aufblickte, aus Furcht, nun von jemand erkannt und festgehalten zu werden. Schnell schritt er dicht an den Häusern hin, bis er um die letzte Straßenecke bog, die das niedere Dach, unter welchem er geboren war, seinen Blicken entzog. Nun ging er sehr langsam und verwunderte sich über die Kinder, die sich vor seiner Haustür versammelt hatten und auf den Flur starrten. Noch einige Schritte, und er sah über ihre Häupter weg auch in die Tür und sah vier Lichter um einen Sarg brennen. Die Base Schlotterbeck war gestorben und ließ ihn durch den Oheim Grünebaum grüßen und ließ ihm noch manches andere durch den Oheim bestellen; der Sarg war schon am Morgen zugenagelt worden, und das Begräbnis war auf vier Uhr nachmittags festgesetzt. Die Grube, die Hans Unwirrsch auf dem Friedhof gesehen hatte, war eben für die gute, alte Base Schlotterbeck bestimmt; es war alles in der Ordnung zugegangen, aber Hans konnte doch nicht begreifen, daß es so sein müsse.

Da war der Oheim Grünebaum. Er erkannte den Neffen nicht, und es dauerte geraume Zeit, ehe es ihm klar wurde, wer der Herr war, der solchen Anteil an ihm und der Jungfer Schlotterbeck nahm. Es mochte viele Leute geben, die den Oheim für einen Schuster hielten, der sich um die meisten seiner fünf Sinne getrunken hatte, aber sie taten ihm unrecht. Der Oheim hatte viel Durst in seinem Leben gehabt und ihn oft gestillt, aber er hatte auch »ein Herz im Leibe«, und das hatte ihm »jetzo den Dampf angetan«. Der Oheim Nikolaus Grünebaum war ein hinfälliger, halb kindischer Greis geworden; er saß im Winkel und winselte und verlangte nach der Base.

Es waren noch andere Leute zugegen: der Maurer mit seiner Familie, viele Nachbarn und Nachbarinnen, die dem Leichenkuchen zugesprochen hatten und sich jetzt halb verlegen, halb zudringlich um den Herrn Kandidaten drängten, um die Verstorbene zu rühmen und ihre Meinung dahin auszusprechen, daß es gut sein würde, wenn der Himmel nun auch baldigst den Meister Grünebaum zu sich nähme. Hans zog halb mit Gewalt den guten Oheim aus dem kläglichen Gewirr, das er nicht aus dem Hause bannen konnte. Er führte ihn sorglich gleich einem guten Sohn die Treppe hinauf in das Gemach, in welchem einst Anton Unwirrsch und der Oheim an Hansens Geburtstag zusammengesessen hatten, welches dann des Schülers Studierstube geworden war und wo zuletzt des Oheims Bett stand. Hier setzte der Neffe den Alten nieder, setzte sich zu ihm und tröstete ihn, so gut er es vermochte, und hier kam der Oheim allmählich wieder zu klarerem Bewußtsein der Vorgänge der letzten Tage.

Sanft und schmerzlos war die Base eingeschlafen, nachdem sie vorher noch dem Oheim aufgetragen hatte, wenn Hans ankäme, ihm zu sagen, daß sie ihn sehr, sehr liebgehabt habe, daß er immer in ihren Gedanken gewesen sei, daß er nimmer aus ihren Gedanken kommen könne und daß sie im ewigen Leben für ihn bitten wolle, daß es ihm gut gehe in seinem Erdenleben. Ferner ließ sie vermelden, sie wisse ganz genau, daß das, womit ihr Hans sich jetzo plage, gut ausgehen müsse, doch könne sie nicht sagen, auf welche Art.

»Ja, mein Junge, wir haben viel über dir konversieret«, sagte der Oheim Grünebaum. »Wir hatten ja die gehörige Zeit dazu und gingen in allen Nähten auf, wenn die Rede auf dir kam. Wenn wir uns tüchtig gekatzebalgt haben, so haben wir doch in punkto deiner in ein Loch geguckt, was ich nicht gedacht hätte, wenn ich dir in deine unschuldige Jugend übers Knie legte. O liebster Hans, ich hätte auch nie geglaubt, daß n Schuster so knickebeinig werden könne als wie ich anjetzo. S ist aus mit dem Meister Grünebaum, und wenn du nicht für die Base zur rechten Zeit gekommen bist, so bist dus für mich, was an und für ihm auch n Trost ist. Ach die Base, die Base! Solch ne kuraschierte Perschon mit solchem Instinkt für Klocke zehn und s richtige Zubettgehen! Ich kann nicht auskommen ohne die Base, und drunten haben sie ihr vernagelt, und hier sitze ich nun noch und kanns mir nicht vorstellen. Jetzt gibts keinen mehr in der Welt, der mit einem ein vernünftiges Wort reden kann! Der Anton und die Christine sind tot, und die Freundschaft ist auch immer mehr auf der Bank zusammengerückt, und die Besten sind zuerst heruntergerutscht. Ich will mir auch begraben lassen, Hans; ich will dich nicht länger auf m Halse liegen. Du bist zwar n guter Kerl und ein geistlicher Pastor, aber du hast auch deine Wege, und verliebet bist du auch, wie die Base noch zu allerletzt herausspintisieret hat; wir wollen derohalben adjes sagen am Wegweiser, Bruderherz, und n letzten Schluck nehmen aufs vergnügte Wiedersehen in die große Herberge, wo Meister, Altgesell, Gesell und Junge die Füße unter einen Tisch strecken.«

Vergeblich suchte Hans den alten Oheim zu ermuntern und aufzurichten. Er wollte von keinem Trost hören und schüttelte zu allen Ermahnungen nur den Kopf. Er war jetzt in seiner Niedergeschlagenheit ebenso steifnackig und widerborstig wie sonst.

»Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden«, sagte er. »Erst hat er die Base Schlotterbeck bei der Jacke genommen, und jetzt stellt er mir das Bein, aberst, was dem einen recht ist, das ist dem andern billig. Komm, Hans, ich höre, sie werden ungeduldig da unten; wir wollen ein Ende mit der Alten machen, daß sie zur Ruhe kommt.« –

Es gaben merkwürdig viele Menschen der Base Schlotterbeck das Geleit zu der Grube, die Hans auf dem Friedhofe gesehen hatte, und Hans führte den Oheim Grünebaum dicht hinter dem Sarge.

Die Stadt wußte bereits, daß der Kandidat Unwirrsch angelangt sei, und richtete ihre Augen auf ihn, während der Leichenzug sich durch die Straßen wand. Manch alter Bekannter schloß sich dem Grabgefolge an, und auf dem Kirchhofe hielt der Hilfsprediger von der Valentinskirche eine wohlmeinende Rede über die Tote, den Oheim Grünebaum und den jungen geistlichen Kollegen. Nach dem Begräbnis kamen viele, um den beiden Leidtragenden die Hände zu schütteln, und darunter befand sich mehr als einer, der mit Hans auf der Schulbank vor dem Armenlehrer Silberlöffel und dem Professor Fackler gesessen hatte.

Nun waren der Oheim und Johannes wieder zu Hause und hatten sich des Maurers und seiner Familie dadurch für eine Zeit wenigstens erledigt, daß sie die Tür des Stübchens der seligen Base verriegelten. Der Oheim setzte sich in den Lehnstuhl der Base, um vor Kummer und Ermüdung einzuschlafen; der Kandidat Unwirrsch, zum erstenmal seit seiner Heimkehr sich selber überlassen, konnte zum erstenmal versuchen, es zu fassen, daß dies das Haus sei, in welchem er geboren wurde, in welchem die leuchtende Kugel hing, in welchem er eine so stille, so reiche Jugend verlebte.

Er sah sich um in der Stube der Base und erkannte jeden Gegenstand wieder; auch die Glaskugel des Vaters war am Platz, und ein Strahl der Abendsonne fiel darauf. Der alte Mann in dem Sorgenstuhl mußte wirklich der Oheim Grünebaum sein, und das war die Kröppelstraße – kein Zweifel, kein Zweifel daran! Und drüben das alte, verfallene Haus mit der engen, niedern Tür und dem eisernen Arm und Haken an der Tür! Alles, wie es war, nur, daß der königlich westfälische Lakai fehlte, und der hatte ja schon gefehlt, als Hans noch ein ganz junger Mann und ein angehender Student war.

Nun war die alte Zeit ganz und gar wieder lebendig geworden; Hans Unwirrsch sah so viele Geister in der Kröppelstraße, wie die Base Schlotterbeck nur damals gesehen haben mochte. Sie stiegen herauf und gingen vorüber; sie kamen zurück und versanken, um näher oder ferner wieder emporzusteigen. Immer mehr, immer mehr drängten sich heran; – fast erdrückend war diese »Fülle der Gesichte«, man konnte wohl darüber sich und die gegenwärtige Stunde vergessen. Eine Bewegung des Oheims riß endlich den Kandidaten Unwirrsch in die Wirklichkeit zurück. Es war Dämmerung, der Oheim Grünebaum war aus dem Armstuhl in die Höhe gefahren und rief mit seltsam unheimlicher Stimme:

»Alle Schuster ran! Immer herein, immer herein, wer s Letzte von s Spiel sehen will! Base Schlotterbeck, Sie hat doch recht gehabt: Lustig gelebt und selig gestorben, und auf den Rest kann ich mir nicht mehr besinnen. Bist du noch da, Hans, so komme her und gib mir die Hand. Wir sind gute Kameraden und Verwandte gewesen, aber besser wärs vielleicht doch gewesen, wenn du n Schuster geworden wärest, wie alle andern Grünebäume und Unwirrsche, und kein Pastore. Base Schlotterbeck, ich grüße Ihr, s ist mir allerweile ein Kompliment und eine Ehre, in Ihre frivole und angenehme Gesellschaft zu sein. Wenn du was an Vatern und Muttern zu bestellen hast, Hans, so rücke raus damit, s ist, wie ichs sagte, ich sage dir Valet, und der Deibel – nein, na du weißts ja. Gehab dir wohl, mein Junge, und habe dir nicht. Ich wünsche dir alles mögliche Pläsier und sage amen, und der Stiebel ist fertig; Amen, und der Stiebel ist fertig!«

Hans sprang entsetzt herzu und rief nach Licht und um Hilfe. Der Maurer mit seiner Frau pochte an die verriegelte Tür; Hans öffnete mit zitternder Hand. Man beleuchtete den Oheim Grünebaum, und der Onkel Grünebaum war so gut gewesen wie sein Wort; er war der Base Schlotterbeck nachgegangen, das aber, was er an Körper und sonstigem Eigentum auf der Erde zurückließ, wollte nicht viel bedeuten.

Vergeblich wurde der Arzt herbeigerufen, der Oheim Nikolaus Grünebaum war tot, und keine menschliche Kunst konnte ihn wiedererwecken. Nachdem er sich so viele Jahre hindurch mit der Base gekatzbalgt hatte, fraß ihm der Tod derselben das Herz ab. Ein widerhaarigerer Schuster hatte seit lange nicht den Atem aufgegeben, und jeder, welcher den Mann näher gekannt hatte und nun von seinem Verscheiden hörte, fuhr mit der Hand durch die Haare, zog die Achseln in die Höhe und sprach seine Meinung dahin aus, daß es ein Verlust nicht bloß für das menschliche Herz, sondern auch für das menschliche Auge sei. Hans Unwirrsch wurde sehr bedauert, und mehrere Leute boten ihm ihren Beistand in dieser traurigen Zeit an, und der Maurer zeigte ihm an, daß er geneigt sei, jetzt, wo die beiden Alten tot seien, das Haus in der Kröppelstraße gegen ein nicht Unbilliges an sich zu bringen. –

Und wieder stand Johannes auf dem Gottesacker, doch dieses Mal ganz allein. Das kleine Grabgefolge, das dem Oheim die letzte Ehre angetan hatte, hatte sich verlaufen; Hans hatte dem Totengräber versprochen, ihm den Schlüssel des Kirchhofes ins Fenster zu reichen – Hans Unwirrsch stand allein, und der Schlüssel wog schwer in seiner Hand.

In dem gelben, zerwühlten Boden zu seinen Füßen lagen jetzt alle, die einst, jedes in seiner Art, so treu, freundlich und fest zwischen ihm und der harten, kalten Welt der Wirklichkeit gestanden hatten. Unter den Hügeln lagen die Wächter seiner Jugend, und er, den einst ein so mächtiges Sehnen aus ihrem Kreise weggetrieben hatte, er stand jetzt und sehnte sich wieder, doch nicht mehr in die Ferne. Der rostige Schlüssel in seiner Hand zog ihn fast zur Erde nieder; es war kein Gewicht der Welt dem seinigen zu vergleichen. Hinter der Pforte, welche dieser Schlüssel öffnete, war alles vollendet, und Hans Unwirrsch hatte Lust, den andern nachzusteigen in die Tiefe.

Da aber trat aus dem Dunkel und der Bedrängnis, die ihn umgaben, eine lichte Gestalt, diese hielt ihn zurück, und um ihretwegen sagte er, daß seine Zeit noch nicht gekommen sei. Einen letzten Blick warf er über die Gräber, dann ging er fort und schloß die Pforte des Kirchhofes hinter sich, wie er es versprochen hatte. Er gab den Schlüssel, der so rostig war, obgleich er doch soviel gebraucht wurde, in der Wohnung des Totengräbers einem lachenden, hübschen Kinde, welches versprach, ihn an den Vater abzuliefern. Wie er den Rest des Tages und die Nacht verbrachte, konnte er später nicht sehr genau angeben; – er saß in dem Stübchen der Base Schlotterbeck in dem Lehnstuhl, in welchem der Oheim Grünebaum gestorben war, und sah die Lampe, die ihm in seiner Kindheit geleuchtet hatte, durch die gläserne Kugel scheinen. Er sah sie langsam erlöschen und sah den Morgen über dem Hause dämmern, das einst der Trödler Samuel Freudenstein mit seinem Sohn Moses bewohnt hatte.

In den folgenden Tagen besuchte er alle Orte, an die sich eine Kindheitserinnerung knüpfte, und viele Menschen, die ihm einst nahegestanden hatten, besuchte er auch. Der Professor Fackler war jetzt auch ein alter Mann und ebenfalls ein wenig kindisch; er konnte den Namen des Kandidaten Unwirrsch nicht behalten, und an Moses Freudenstein erinnerte er sich gar nicht. Seine Frau war gestorben, aber auch das vergaß er dann und wann und redete seine jüngste Tochter mit dem Vornamen der Gefürchteten an. Der Kanzleidirektor Trüffler hatte längst das Zeitliche gesegnet, und seine Nachkommen hatten die Stadt verlassen. Auf der Schwelle eines ärmlichen Judenhauses sah Hans auch Esther, die Haushälterin des Trödlers Freudenstein. Sie war das älteste Weib der Stadt, grade hundert Jahre alt. Der Segen des Herrn war bei ihr, ihr Geist war noch scharf und klar; in welcher Weise sie gegen Hans über Moses, den Sohn Samuels, sprach, darüber redete Hans niemals.

Ein Schulgenosse, der das Jus studiert hatte und jetzt eine ähnliche Rolle in Neustadt spielte wie der Armenadvokat Siebenkäs in Kuhschnappel, ordnete währenddem die Vermögensverhältnisse des Kandidaten Unwirrsch. Das Haus in der Kröppelstraße wurde versteigert und dem Maurer für bare dreihundert Taler zugeschlagen. Fünfzig blanke bare Taler wurden gelöst aus der fahrenden Habe der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum, aber die Glaskugel wurde nicht verkauft. Hans Unwirrsch hatte so viel Geld niemals auf einem Tische zusammen gesehen, aber auch niemals hatte ihn ein Haufen so angewidert und so unglücklich gemacht. Mußte es ihm doch zumute sein, als ob er alle seine süßesten und liebsten Erinnerungen zu Gelde gemacht habe; und von welcher Seite er auch den Mammon ansehen mochte und wie vernünftig und verständig er sich auch die Sache vorstellen mochte, seine Gefühle blieben dieselben. Und wenn ihm jemand das Geld gestohlen oder abgeschwindelt hätte, so würde er sich gewiß nicht an die Polizei gewendet haben, sondern wäre dem Halunken noch dankbar gewesen.

Es kam der Tag – ein schneedrohender Novembertag wars –, an dem Hans Unwirrsch nichts mehr in seiner Vaterstadt zu schaffen hatte. Er konnte gehen, wann es ihm beliebte, und eine große Öde ließ er hinter sich zurück. Für die Gräber auf dem Kirchhofe hatte er nach Kräften gesorgt; Abschied hatte er von den Toten und den Lebenden genommen, der Advokat gab ihm das Geleit zum Posthause und sah ihn abfahren, kehrte frierend heim und dachte eine Viertelstunde nachher nicht mehr an ihn. Als die Post sich mühsam zu den Höhen hinaufarbeitete, fing es wirklich an zu schneien, und durch das runde Fenster an der Hinterwand des Wagens sah Hans seine Heimat im Dunst und Nebel versinken. Er war allein im Wagen und hatte Zeit und Gelegenheit zum Nachdenken, aber er war nicht dazu imstande. Nur verworrene Bruchstücke von allerlei Erlebnissen, Gedanken und Bildern durchfuhren seinen Geist. Körperlich und geistig durchgerüttelt und durchgeschüttelt, erreichte er am Mittag die Eisenbahnstation und kroch als der erste in einen leeren Waggon, der jedoch nach einigen Augenblicken voll wurde. Es stiegen verschiedene Damen und Herren ein, die der Kandidat Unwirrsch bereits kannte. Der Kasten mit dem Titi langte an unter dem Arme jenes groben Barbaren, der so unhöfliche Bemerkungen machen konnte. Die beiden jungen Damen mit dem Wildentiergeruch waren nicht verlorengegangen, und die Krone des Ganzen erschien, die Herrin der wandernden Horde, die dicke Madam mit der männerhaften Stimme und dem ausgezeichneten Pelzrock. Nichts von alledem, was die Herreise so gemütlich für Hans machte, fehlte auf der Rückreise, und da die Gesellschaft schlechte Geschäfte auf ihrer Razzia gemacht und dazu den Waschbären an der Schwindsucht verloren hatte, so war ihre Stimmung womöglich noch heiterer und liebenswürdiger als bei der ersten Begegnung.

Mitten in der Nacht langte Hans in der Grinsegasse an und fand in seiner Wohnung nicht alles in der richtigen Ordnung. Es wurde viel Kinderwäsche darin getrocknet, und sehr böse Dünste herrschten darin. Mit grimmigem Kopfweh behaftet, saß Hans auf dem Rande seines Bettes, während die taube Wirtin das Gemach zu einem Aufenthaltsort für Menschen machte; aber die Karte, die der Oberst von Bullau für den Kandidaten zurückgelassen hatte, vergaß sie natürlich und erinnerte sich erst am andern Morgen daran.

Als am andern Morgen Hans die Karte erhielt, fuhr er freilich hoch empor von seinem Stuhl und überhäufte die gute Frau mit Fragen nach dem, welcher sie gebracht, wann er sie gebracht und was er gesagt habe.

Die Wirtin erschrak nicht wenig vor der Heftigkeit, mit welcher diese Fragen gestellt wurden. Sie berichtete, es sei vor acht oder vierzehn Tagen ein alter Herr mit einem weißen Schnauzbart gekommen, der arg über die Treppe und die Dunkelheit auf der Treppe geschimpft und sich böse am Waschfaß vor der Tür die Knie zerstoßen habe. Die Kinder hätten vor Angst sehr geschrien, er aber habe jedem ein Viergroschenstück geschenkt und sich dann nach dem Herrn Kandidaten erkundigt und habe dabei sehr grimmig ausgesehen. Als er vernommen habe, daß der Herr Kandidat verreist sei, habe er wieder geflucht und habe die Karte auf den Tisch geworfen und gesagt, wenn der Kandidat Unwirrsch heimkomme, möge er in den Grünen Baum gehen, da werde er das Weitere erfahren. Darauf habe sie, die Wirtin, ihre Lampe anzünden und dem Alten die Treppe hinableuchten müssen, obgleich es heller Tag gewesen sei. Auf der Straße habe er gesagt, sie möge sich zum Teufel scheren, und die ganze Grinsegasse habe sich über diesen Herrn verwundert, und das sei auch nicht zum Verwundern gewesen.

Nach dem Grünen Baum! O Fränzchen Götz!

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