Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Neunundzwanzigstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Mit dem Nebel kam die Nacht schneller über das Land, und fast gleich einem Kinde, das sich fürchtet, lief der Kandidat hügelab über Kiesgeröll und knirschenden Sand gegen die Lichter, die ihm zuletzt allein noch die Lage von Grunzenow andeuteten. Er geriet bald in die Atmosphäre von Teer und Tran, die das Fischerdorf umgab, und kam einige Male dem Rauschen des Strandes so nahe, daß er scheu zur Seite wich und Schaumspritzer im Gesicht zu spüren vermeinte. Endlich erreichte er die ersten Hütten des Ortes und verwirrte und fing sich mehr als einmal in Netzen, die zum Trocknen ausgespannt waren; von lebenden Wesen war aber ringsum nichts zu sehen. Die See sang eintönig ihre Weise, und ein Hund bellte hinter einer Tür. Nach einigem Zögern klopfte der Wanderer an eins der Fenster, blickte natürlich zugleich in das Gemach und sah, daß er eine ganze seefahrende Familie sehr erschreckt habe. Ein halbes Dutzend Kinder drängte sich schüchtern um eine mütterlich aussehende Frau, ein alter, weißhaariger Mann sah von einer großen, aufgeschlagenen Bibel verwundert in die Höhe, ein jüngerer Mann in hohen Schifferstiefeln hatte sich von seinem Stuhl erhoben, und nur ein uraltes Mütterlein spann ruhig am Ofen fort.

»Wer will da was? »rief der jüngere Mann in seiner Mundart. Er öffnete das Fenster, und Hans grüßte sehr höflich, indem er seine Frage nach dem Gutsherrn an den Mann brachte. Nicht sehr höflich erwiderte der Fischer den Gruß, aber sehr dienstfertig zeigte er sich und erschien sogleich vor der Tür seines Hauses, um den Fremden zurechtzuweisen. Mit seiner kurzen Pfeife im Munde setzte er sich, ohne ein Wort weiter zu verlieren, in Bewegung und trabte, ohne sich nach dem Fremden umzusehen, in die Nacht hinein. Um manche Hausecke bog er, und über manchen Gegenstand, der im Wege lag und den er recht gut kannte, Hans Unwirrsch aber nicht, trat er weg. Stolpernd, zwischen Fallen und Aufstehen, folgte ihm der Kandidat und fühlte sich sehr erleichtert, als sein biederer, aber wortkarger Führer, nachdem der Weg ein wenig hügelauf geführt hatte, plötzlich stehenblieb und, wahrscheinlich mit der Pfeifenspitze, auf eine unregelmäßige Schattenmasse deutend, sagte:

»Da!«

»Wo?« fragte Hans, allein seine Frage verhallte in der Nacht, und nur die See gab Antwort darauf, aber eine ungenügende. Der Führer in den Schifferstiefeln hatte seine Pflicht getan und hatte sich umgedreht, wie ein Freudenstädter beim Klange der Eßglocke. Er war abgetrabt ins Dunkle mit seiner Pfeife und seiner bunten Zipfelmütze, und kein Hallo und Holla brachte ihn zurück.

Vorsichtig tastete Hans seinen Weg gegen die nächtlich schwarzen Massen, auf die des meerkundigen Mannes Pfeifenspitze gewiesen hatte. Er geriet richtig vor ein großes, aber geschlossenes Hoftor mit der Stirn, und ein Hundegebell, wie die Welt es noch nicht gehört hatte, brach los, als er den Klopfer fand und ihn gegen die eichenen Bohlen fallen ließ. In allen Tonarten machte das entrüstete Vieh sich Luft; und ein Mann, der etwas auf seine Waden hielt, durfte mit Unbehagen dem Konzert horchen.

Nach einigen Minuten bänglichen Harrens fuhr jemand mit der Peitsche unter die vierbeinigen Randalisten, die nunmehr zu heulen anfingen. Es fluchte jemand gräßlich, und ein schwerer Schritt näherte sich dem Tor. Der Riegel rasselte, das Schloß kreischte, Lichtschein fiel in die Nacht hinaus, aber es war zweifelhaft, ob dieses Licht von der Laterne oder von der Nase ihres Trägers ausging. Gleich einer Königin in Purpur saß die Nase in dem verwetterten Gesicht, welches jetzt aus dem Hoftor blickte und den Kandidaten Unwirrsch in der Dunkelheit suchte.

»Wer da?!« schnarrte eine Stimme, die ganz zu der Nase paßte. »Kein Gottesgeschöpfe zu sehen? Doch – da – hierher, Mann, was solls? Wo juckts Euch? Was beliebt dem Herrn?«

Hans gab kund, wer er sei und wie er auf Wunsch und Befehl des Herrn Obersten von Bullau und des Herrn Leutnant Götz hier erschienen sei und angeklopft habe.

»Warten! Rapportieren!« sagte der Mann mit der Laterne und schlug die Tür dem Kandidaten vor der Nase zu. Von neuem erhoben die Hunde ihre Stimme, und Hans fand den Empfang zum mindesten ungewöhnlich. Die Zeit wurde ihm sehr lang während der folgenden Minuten, und unwillkürlich dachte er an verschiedene Märchen aus seiner Kindheit, die in ähnlicher Weise begannen und stets damit endeten, daß irgend jemand in die Gewalt von Ogern und Werwölfen fiel und aufgefressen wurde. Aber nun ließen sich jenseits der Mauer und des Tores mehrere Stimmen vernehmen, abermals wurde die Pforte aufgerissen, abermals hielt der Mann mit der glühenden Nase seine Laterne in die Nacht hinaus, und der Oberst von Bullau im grünen, bepelzten Jagdrock und in hohen Wasserstiefeln griff zu, faßte den Kandidaten, zog ihn ins Tor und rief:

»Richtig, er ists mich! Bei Nacht und Nebel! – Mann Gottes, das gefällt mich gar nicht übel – herein mit Euch! Willkommen in Grunzenow, wo kommt das Menschenkind so spät her? Wie seid Ihr gekommen? Zu Fuß, zu Wagen oder auf einem Besenstiel?«

Hans berichtete kurz, wo er den Wagen verlassen habe, und in dem nämlichen Augenblick vernahm man das Rollen desselben im Dorfe.

»Sehr schön«, rief der Oberst, »herein mit Euch, Kandidate! Grips, sorge für die Karrete im Dorf! Marsch, mein Söhnchen, der Leutnant hüpft in seinem Stuhl wie auf einem Senfpflaster. Ihr seid mir ein schöner Hahn, Herr Kandidate, der Alte hats gut mit Euch im Sinne, er würd Euch schön den Text lesen.«

Über den, wie es schien, ziemlich umfangreichen Hof führte der Oberst von Bullau seinen Gast in das Haus, Schloß oder Kastell von Grunzenow, in dem es dann auch wild genug aussah. Die Dienerschaft, die in der großen steinernen Halle erschien, hätte dem Jean in der Parkstraße jedenfalls unsägliche Entsetzen in die zarten Knochen gejagt, denn grimmige Kerle waren es. Jagd- und Fischergerätschaften aller Art hingen an den Wänden, und hie und da dazwischen ein altes Porträt längst vermoderter männlicher oder weiblicher Bullaus. Hunde waren im Überfluß vorhanden, sie lagen, gähnten und knurrten in der Halle, sie sahen aus geöffneten, dunkeln Türen, sie schlichen hinter dem Kandidaten Unwirrsch die Treppe hinauf. Und eine solche Treppe hatte Hans auch noch nicht gesehen. Man hätte hinaufreiten können, und es ging die Sage, daß ein Bullau des Dreißigjährigen Krieges das Stücklein wirklich ausgeführt habe. Des Obersten dröhnender Baß rollte durch den Korridor und erweckte die Echos des Hauses Grunzenow bis in die tiefsten Keller.

»Hurra, Götz, wir haben ihn, er ists wirklich, aber mager und gelb wie ein getrockneter Flunder und knielahm wie ein Gaul mit der Flußgalle. Tillenius, hier ist der Kollege Schwarzrock; wenns jetzt kein Leben auf Grunzenow geben wird, so mag der Teufel dazwischenfahren, ich gebs auf!«

Eine Tür wurde von einem Gesellen aufgerissen, der, wie alles in diesem Hause, ein Drittel Seemann, ein Drittel Förstersmann und ein Drittel Kriegsmann zu sein schien. Ein Schub von der Hand des Obersten beförderte den Gast in die Mitte des Gemaches, wo der Leutnant Rudolf Götz und ein greiser geistlicher Herr vor einem mit Karten und Gläsern bedeckten Tisch saßen.

»Da ist er!« rief der Leutnant, den Versuch machend, sich aus seinem hochlehnigen Sessel zu erheben.

Mit einem Schmerzensseufzer sank er zurück, seine Beine waren in Kissen und Decken wohlverpackt, und sein linker Fuß ruhte schwer auf einem niedern Schemel. Der Leutnant hatte sich sehr verändert, er war viel älter geworden in kurzer Zeit, und Hans mußte wohl über sein Aussehen erschrecken.

»Wie geht es meinem Kinde, meinem Fränzchen?« rief er mit zitternder Stimme. »Ich will es wissen, ich will es wissen!« schrie er und schlug heftig mit seinem Krückstock auf den Boden. Der Pfarrer von Grunzenow, Ehrn Tillenius, erhob beschwichtigend die Hände.

»Jaja, ich will es wissen!« schrie der Leutnant. »Hier sitze ich Jammermann und lasse mir von der Sorge das Herz abfressen; – gib mir deine Hand, Hans – so, nun heraus mit allem, was in dir steckt!«

Hans Unwirrsch stand vor Schmerz auf einem Beine – wenn die Füße des Leutnants noch gelähmt waren, so konnte man das von seiner Faust nicht mehr behaupten; dieser Griff hatte nichts, gar nichts mit dem Chiragra zu schaffen. Wenn der Kandidat auch nicht mit der Absicht, alles zu sagen, was er wußte, nach Grunzenow gekommen wäre, so hätte er unter diesem eisernen Griffe doch beichten müssen, und zwar alles, was der Leutnant verlangen mochte.

Glücklicherweise hielt der Konfrater es für seine Pflicht und Schuldigkeit, dem jungen Amtsbruder zu Hilfe zu kommen.

»Aber Leutnant«, sagte er, »seid doch kein Wüterich. Welch einen Randal Ihr macht! Laßt doch den jungen Herrn zu Atem kommen! Und Hunger und Durst wird er auch haben. Alles der Reihe nach; Oberst, Ihr könnt mich auch dem Herrn Kandidaten vorstellen – alles der Reihe nach.«

»Ja, alles der Reihe nach, Pastor, Ihr habt recht!« rief der Oberst von Bullau. »Also Herr Kandidate, mir kennt Ihr von die Neuntötersch her, den Leutnant kennt Ihr auch, und hier habt Ihr unseren Feldprediger und Freund in diesem Leben und unsern Trost fürs andere, Josias Tillenius, derweilen mein Pastor in Grunzenow, ein Mann, geschickt in vielen Dingen und welcher es mit jedem Superndenten aufnehmen kann. Also: Ehrn Josias Tillenius – Ehrn Hans Unwirrsch und umgekehrt. Nun gebt Euch einen Kuß; da ist Grips mit dem Rapport aus der Küche.«

Einen Kuß gaben sich die Theologen zwar nicht, aber die Hände schüttelten sie einander herzhaft. Das Äußere des Grunzenower Pastors gefiel dem Kandidaten recht wohl – »und zweiundachtzig Jahre ist der Mann alt; sehen Sie es ihm an?« sagte und fragte der Oberst.

Auf festen Füßen stand der alte Josias; seine Augen waren noch scharf und klar, ein wenig rötlich schimmerte freilich sein Gesicht, aber die Haare waren desto weißer. Ein echter Schifferpastor war dieser alte Josias Tillenius und konnte schon einen tüchtigen Sturmwind aushalten; er paßte ganz zu dem wetterfesten Obersten von Bullau und dem Leutnant Rudolf Götz. Es war ein Kleeblatt, wie man selten ein ähnliches unter einem Dache beisammen finden konnte, und die Wirtschaft war auch sonderbar und toll genug.

Nun setzte Grips, das Faktotum, nachdem die Spielkarten beiseite geschoben worden waren, einen Rindsbraten auf den ungedeckten Tisch, stellte andere Schüsseln daneben und klapperte unbeholfen, aber gastesfroh mit Tellern, Messern und Gabeln. Alle anwesenden Hunde hoben die Nasen so hoch als möglich.

»Fallt zu! »kommandierte der Oberst. »Ruhe im Glied, Rudolf! Der Bursch schießt mich nicht eher los, bis er geladen hat. Schiebe den Flaschenkorb heran, Grips, und fülle die Gläser . . . Herr Kandidatus Unwirrsch, ich heiße Ihnen willkommen auf Hof Grunzenow, tun Sie mich ganz, als ob Sie zu Hause wären, zieren Sie sich nicht, und ein langes Leben und gute Gesundheit – Prosit!«

Trotz seiner Fahrt und seines Marsches hatte Hans sowenig Appetit wie der Leutnant Götz, dem er gegenübersaß und der ihn nicht aus den grollenden Augen ließ. Die beiden andern Strandbewohner sprachen jedoch den guten Dingen auf dem Eichentisch mit Behagen zu, und die Hunde erhielten die Knochen. Grips räumte sodann den Tisch ab und brachte die Pfeifen der Herren.

»Nun der Reihe nach«, sagte der Oberst. »Kandidatus der Gottesgelahrtheit Unwirrsch, wo steckten Sie, als ich Ihnen in Ihrem Neste vergeblich aufsuchte und mich die Schienbeine auf Ihrer Treppe zerstieß?«

»Ich befand mich in meiner Heimatstadt, wo ich meine beiden letzten Verwandten begrub«, antwortete Hans.

»Hm!« brummte der Oberst, eine dichte Rauchwolke ausblasend; der Leutnant aber legte die Pfeife nieder und sagte:

»Wen haben Sie verloren, Unwirrsch?«

Hans gab einen kurzen Bericht von dem Tode und dem Begräbnis der Base Schlotterbeck und des Oheims Grünebaum. Aufmerksam hörten die drei alten Knaben von Grunzenow zu und schüttelten bedächtig die Häupter. Nach Schluß des Berichtes sagte der Oberst:

»Ich glaube, Rudolf, daß er in diesem Punkte entschuldigt ist, weil er seinen Posten verlassen hat.«

»Auch meine Meinung!« sagte der Pastor. »Ehre Vater und Mutter –«

»Base, Oheim und die übrige Sippschaft«, fiel der Oberst ein, »auf daß es dir wohl gehe et ceterum. Vorwärts, Leutnant, inquiriere mich ihn weiter, das Gros steckt noch im Defilee.«

»O Unwirrsch«, rief der Leutnant Götz kläglich, »ich habe mich in Ihnen getäuscht, ich habe mich sehr in Ihnen getäuscht. Weshalb hatte ich Sie mit so vieler Mühe in das Haus meines Bruders – meiner Schwägerin hineingebracht? Ich konnte es Ihnen doch nicht unter die Nase reiben, daß Sie mir auf mein Fränzchen, mein armes Fränzchen achten helfen sollten. Was haben Sie getan? Was haben Sie mir da genützt? Sie haben den Wolf in das Haus gelassen, ohne mir Nachricht davon zu geben, und dann haben Sie sich ohne jede Gegenwehr fortjagen lassen und haben den Staub von Ihren Schuhen geschüttelt. Ich hielt Sie für einen guten, harmlosen Gesellen, an welchem das Fränzchen eine Stütze und einen Trost finden könnte, aber Sie haben sich schier noch mehr mißhandeln lassen als das Fränzchen. Sie sind mir ein schöner Patron! Hier sitze ich auf meinem Marterstuhl und höre von gar nichts, und das Kind schreibt mir ihre armen lieben Briefe und lügt darin wie gedruckt; das ganze Leben im Hause ihrer Tante ist wie ein einziges Christfest; – zum Henker, eine schöne Bescherung ists in der Tat! Drei Millionen blaue Teufel, Herr, habe ich Ihnen nicht schon damals in Windheim gesagt, daß Ihr Freund, den Sie so herausstrichen, eine Kanaille sei? Wie konnten Sie es dulden, daß er mit meinem Fränzchen dieselbe Luft in demselben Hause atmete? Die Gicht soll mir auf der Stelle in den Magen steigen, wenn das nicht das Schlimmste ist, was mir passieren konnte. Und sie hat es ertragen und wird nur im stillen geweint haben, und ich armseliger Tropf muß hier festliegen und erfahre nicht das geringste davon, und dieser Herr konnte sich einen Gotteslohn um das Fränzchen und mich erwerben, wenn er bloß das Maul aufsperrte und gleich einem Mann auftrat. Bewahre, er läßt Gott einen guten Mann sein – wozu hat er auch sonst Theologie studiert? Was gehts ihn an, was aus der bettelhaften Nichte des alten, abgedankten, verschollenen Bettelleutnants wird? Als die Blase platzt und der Jude mit dem saubern Fräulein Kleophea durchbrennt, da salviert sich natürlich auch mein Herr Präzeptor, und durch eine alte Zeitung erfährt der Leutnant Götz zu Grunzenow von dem, was im Hause seines Bruders vorgegangen ist; es wirds keiner glauben, dem ich es nicht auf mein Ehrenwort versichere. Das Fränzchen schreibt einen Brief voll Tränenflecke, Gedankenstriche und Kleckse und meldet, der Onkel Theodor befinde sich nicht wohl – was ich wohl glaube! –, die Tante – zum Teufel mit ihr! –, die Tante halte sich meistens in ihrem Zimmer eingeschlossen und der Herr Kandidat Unwirrsch habe gleich nach Kleopheas Eskapade das Haus verlassen. Und ich liege hier wie ein Klotz und kann dem armen Wurm, meinem Fränzchen nicht zu Hilfe kommen, zapple mich ab, bis es dem Obersten zuviel wird und er das Elend nicht mehr mit ansehen kann. Also packt er auf und rückt bei Nacht und Nebel auf Kundschaft aus; als er dann wieder auf den Hof reitet, schüttelt er einen leeren Sack aus. Sie haben ihn fein abgeführt vor der Haustür der Geheimen Rätin Götz, und die Neuntöter haben nur das gewußt, was die ganze Stadt wußte, und der Kandidat Unwirrsch –«

»War nicht zu Hause«, sagte der Oberst.

»Ja, er war nicht zu Hause, aber jetzt haben wir ihn hier fest, und ausquetschen will ich ihn wie eine Zitrone!« schrie der Leutnant. »Sage für dich, was du zu sagen hast, Hans Wischlappen. Du hast mich aussprechen lassen und sollst wenigstens auch aussprechen.«

Hans sah von einem der drei Insassen des Hauses Grunzenow auf den andern, und sosehr es ihn auch drängte, seinem Herzen Luft zu machen, so konnte er durchaus keinen Anfang finden.

Der Pastor Tillenius nahm nunmehr seine Pfeife aus dem Munde und sprach:

»Wäre es nicht besser, wenn der Herr Kollege dir seine Enthüllungen privatim machte, Götz! Wenn man die Sache von der rechten Seite betrachtet, so scheints mir, daß der Oberst und ich ziemlich überflüssige Beisitzer in diesem Falle sind.«

»Nein, nein«, rief der Leutnant. »Ihr beide kennt diese Verhältnisse so gut wie ich selbst. Ich habe euch oft genug meine Jammerlieder darüber vorgesungen; ihr bleibt hier und hört an, was der Herr Kandidat zu sagen hat; ich jetziger Krüppel kann ohne euren Rat und eure Hilfe ja doch nichts tun.«

»Gebe Er dem Herrn Leutnant einen Fidibus, Grips«, sagte der Oberst. »Und dann schere Er sich zum Tempel hinaus. Vorwärts!«

»Marsch!« kommandierte Grips sich selber und marschierte ab.

»Herr Leutnant«, hub der Kandidat Unwirrsch an, »ich wußte es, daß Sie in ähnlicher Weise zu mir sprechen würden. Ich habe mich auf dem ganzen Wege hierher damit getragen und habe es auch tief bedacht, was ich Ihnen erwidern könnte. Ach Herr Leutnant, dieses Jahr ist das schwerste meines Lebens gewesen, und Sie, Herr Leutnant, Sie haben mich hineingestoßen in alle Wirbel und Wirrnisse, mit denen ich kämpfen mußte, mit denen ich noch kämpfe. Ich bin Ihnen zufällig auf der Landstraße begegnet, und Sie haben Gefallen an dem armen, unerfahrenen Studenten gefunden; Sie haben später den ebenso unerfahrenen Hauslehrer da vorgeschoben, wo Sie selber nichts vermochten. Sie haben wenig daran gedacht, was aus mir werden würde. Sie wollten um Ihrer Fräulein Nichte willen einen Vermittler zwischen sich und das Haus Ihres Bruders stellen, und wenn dieses Mitglied die ihm zufallende Rolle vielleicht gar nicht ahnte, so war das um so besser. Ach Herr Leutnant, wir sind beide nicht zu Diplomaten gemacht, wir haben nicht das geringste am Lauf der Dinge geändert, und das Schicksal hat böse Geister aufsteigen lassen, an die keiner von uns beiden gedacht hat. Sie haben mir vorgeworfen, Herr Leutnant, daß ich dem Doktor Theophile Stein nicht entgegengetreten sei; das ist zum größten Teil Ihre Schuld, denn Sie haben mir meine Rolle gegeben, ohne sie mir zu deuten, und haben mich in fremde Verhältnisse geschoben, ohne die meinigen zu kennen. Bei unserm ersten Begegnen sprachen Sie harte Worte über denjenigen, welcher sich später Theophile Stein nannte, aber was Sie dazu trieb, haben Sie mir nicht erklärt. Und jener war mit mir aufgewachsen und erzogen; ich hielt ihn für meinen Freund und konnte ihn nicht auf das flüchtige Wort eines Fremden hin verleugnen, zumal da er fern war und sich nicht verteidigen konnte. Als ich erkannte, daß er falsch, treulos, ein Egoist und Verächter des Göttlichen und Menschlichen sei, habe ich ihn aus meinem Herzen gerissen, und sein Name ist ein leerer Schall für mich geworden. Schwer, schwer habe ich für meinen Glauben an ihm gelitten. Sie, Herr Leutnant, tragen die Schuld daran, daß mich das Fränz– Ihre Nichte für ebenso falsch und heuchlerisch wie den Moses Freudenstein halten mußte. Sie haben mich elend und unglücklich über alles Maß gemacht, denn Sie hatten mich in eine Lage gebracht, in der ich mich nicht verteidigen konnte, in der ich es dem Zufall überlassen mußte, den stummen, trüben Vorwurf der Gemeinheit und Treulosigkeit von mir zu nehmen. Wie ich in dem Hause ihres Bruders gelitten habe, kann ich nicht sagen; Sie aber sind gewiß nicht berechtigt, mehr Rechenschaft von mir zu verlangen, als ich Ihnen geben will.«

In dieser Rede zeigte Hans Unwirrsch aus der Kröppelstraße, daß seine Lehrjahre nicht nutzlos vorübergegangen waren. Er stand wie ein Mann vor dem Leutnant Rudolf Götz, und der Eindruck seiner Worte auf diesen sowohl wie auf die beiden andern Herren war merkwürdig und dem Sachverhalt angemessen.

Jetzt hatten alle drei ihre Tonpfeifen weggelegt und starrten auf den Redner, wie auf etwas ganz und gar Neues.

Der erste, der sich von seiner Verwunderung erholte, war der Oberst von Bullau.

»Potz Blitz, Rudolf«, rief er, »da rieche drauf! Davon kannst du mich manches gebrauchen und in die Tasche stecken. Tillenius, Mann, nächsten Sonntag soll dieser Jüngling uns eine Predigt halten. Donner und Wetter, Herr Kandidate, das geht Sie ja recht glatt ab, und ich glaube, einigemal haben Sie den Nagel richtig auf den Kopf getroffen. Alert, Götz, so was kann nicht ungerochen hingehen! – Was hast du ihm nun wieder drauf zu antworten, Kamerade?«

Der Leutnant zog einen Seufzer aus seinem tiefsten Innersten hervor und sagte, ohne den gesenkten grauen Kopf emporzuheben:

»Ich will mit Wissen keinem Menschen ein Unrecht antun, und wenn es mir doch passiert ist, so will ich ihn gern um Verzeihung bitten. Jetzt bin ich wirblig und konfus im Kopf und muß mich erst besinnen auf das, was ich noch zu sagen habe. Gib mir die Hand, Hans, und erzähle mir morgen genau, wie es dir in meines Bruders Hause ergangen ist, du wirst mit einem alten, kranken Burschen Geduld haben; – o das Fränzchen, mein Fränzchen!«

Hans ergriff mit tiefer Rührung die jetzt so zitternde Hand, die ihm entgegengestreckt wurde. Er drückte sie heftig – er hatte ja dem Alten noch so viel zu sagen. Er hatte ihm zu sagen, daß er ihm auf den Knien danken müsse für all die Unruhe, Sorge, all den Zwiespalt, Kummer und Schmerz, die er auf seine Seele geladen habe. Er hatte ihm zu sagen, daß er, der hungrige Hans Unwirrsch, seinen schönsten, edelsten Hunger, sein schönstes, edelstes Sehnen ihm, dem alten treuen Eckart, Rudolf Götz, verdanke. Er hatte ihm so viel von sich und dem Fränzchen zu erzählen, aber es ging gleichfalls noch nicht an; der Augenblick dazu war noch nicht gekommen.

Der Schifferpastor Tillenius sah kopfschüttelnd auf den Leutnant, der dem Augenblick und der Gesellschaft gänzlich entrückt zu sein schien; dann sagte er zu Hans:

»Sie werden von Ihrer Reise müde sein, Herr Amtsbruder. Grips soll Ihnen Ihr Zimmer anweisen. Ich hoffe, wir werden gute Freunde, wenn Sie länger hier verweilen. Der Wind, der über die See kommt, macht die Haut hart und rauh; aber dem inwendigen Menschen kann er weniger anhaben, als man glaubt. Geben Sie mir Ihre Hand zur guten Nacht; ich will auch heim in mein Nest. Sie schlafen ja wohl zum erstenmal beim Rauschen des Meeres? – Geben Sie Achtung auf Ihre ersten Träume: es ist ein eigen Ding, sich von den Wellen in den Schlaf singen zu lassen.«

»Schlaft wohl, Tillenius«, rief der Oberst. »Ich empfehle Euch Eurer Haushälterin. Nehmt einen Kerl mit einer Laterne vom Hofe mit und haltet Euch rechts bei dem Graben; – Vorsicht ziert den Mann, selbsten wo er den Weg schon seit vierzig Jahren kennt.«

»Gute Nacht, Rudolf«, seufzte der alte Pfarrer, dem Leutnant sanft die Hand auf die Schulter legend. »Richte den Kopf auf, mein Alter; morgen gibts einen heitern Tag.«

»Wir wollen es wünschen!« sagte Götz. »Grips, rolle mich in mein Loch. Gute Nacht, ihr Herren! Gute Nacht, Hans Unwirrsch, mein Junge; du hast mir eine harte Nuß mit ins Bett gegeben. Halte dich selber an das Wort des Pastors und laß dich sanft in den Schlaf singen.«

Ehrn Josias Tillenius, der Pfarrer von Grunzenow, war abgehumpelt; Grips hatte den Leutnant Götz in seinem Rollstuhl zur Tür hinausgeschoben; jetzt griff der Oberst von Bullau ein Licht von der Tafel auf und sagte:

»Ich werde Sie selber Ihr Zimmer zeigen, Herr Kandidat; nochmalen heiße ich Ihnen von Herzen willkommen auf Grunzenow. Wenns Ihnen etwas wüste scheint, so nehmen Sies nicht für ungut, wir leben hier wie im Felde und halten das Weibervolk soviel als möglich vom Leibe. Also gucken Sie mich nicht zu genau in die Ecken, s ist eine Wirtschaft von Kriegsleuten und Mannsleuten. Put, put, mein Hühnchen.«

Hans Unwirrsch folgte dem Kastellan von Grunzenow durch den langen gewölbten Korridor in das Gemach, das er bewohnen sollte. Der Oberst setzte das Licht auf den Tisch, schüttelte seinem Gast nochmals die Hand, und Hans war allein. Er horchte, wie der schwere, soldatische Schritt seines braven Wirtes verhallte, er horchte, wie noch mehrmals Türen in der Entfernung krachend zugeschlagen wurden; er horchte nach dem Fenster hin, fuhr mit der Hand über die Stirn und sah auf und umher, doch nicht in die Ecken, wie es ihm der Oberst geraten hatte.

Das Zimmer war nur auf das Notwendigste eingerichtet, die Stühle, der Tisch, der Schrank von dunklem Eichenholz hätten ein modernes Haus wahrscheinlich zum Einsturz gebracht; von den Wänden hingen Fetzen einer uralten Ledertapete. Das Bett war von spartanischer Einfachheit; aber auch in diesem Gemach verbreitete ein uralter holländischer Ofen eine wohltuende Wärme. Auf dem Tischchen neben dem Bett stand zum Nachttrunk eine Flasche Bordeaux, die jedoch der Herr Kandidat mit Abneigung betrachtete. Er schritt zu den Fenstern und fand zwischen beiden eine Tür, die auf einen kleinen Balkon führte, der mit einer kugelfesten Brüstung von Stein umgeben war. Im kalten, schneidenden Nachtwind stand er, bezaubert von dem, was er sah und was er hörte. Zur Linken lag das schweigende Dorf, in welchem jetzt kein Licht mehr glimmte; vor ihm dehnte sich der kahle Strand, über den sich in den letzten Abendstunden eine leichte Schneedecke gelagert hatte und der sich im weiten Bogen im Dunst und Nebel verlor. Über Dorf und Strand aber hinaus bewegte sich das Meer, beleuchtet vom Monde, der, verschleiert vom Gewölk, sich dem Untergang zuneigte: das Meer – »gekleidet in Wolken und in Dunkel eingewickelt wie in Windeln«.

»O Fränzchen!« sagte Hans, wußte aber nicht, weshalb er es sagte. Dann verging diese erste Nacht, die er in dem alten Herrenhause verbrachte, ruhiger, friedlicher und stiller, als er geglaubt hatte. Er hörte das Meer in den tiefsten Schlaf hinein; aber er hörte es nicht dräuend und unheilverkündend. Die Geister der Wasser verliehen ihm keinen klaren, bestimmten Traum, wie es ihm der Pastor Tillenius verheißen hatte. Mancherlei Bilder und Gestalten sah er wieder; er mußte viel an die arme Kleophea denken. Als er erwachte, war es Morgen, und was ihn weckte, war nicht der Wogenschlag an Fels und Düne, sondern Grips, der mit der Faust an seiner Tür trommelte und dienstlich meldete, daß das Frühstück auf dem Tische stehe.

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