Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Zweiunddreissigstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Das war ein Wunder über alle Wunder, so hoch oben in der Annenstraße bei Frau Brandauer zu sitzen – Hand in Hand –, während es wieder anfing zu schneien, und von allen diesen Dingen und von dem, was kommen sollte, zu sprechen!

»Du armes Kind, was hast du alles erlitten!« rief Hans, »aber nun sage mir auch, wie du in diesen Raum gekommen bist, wer dich hierhergeführt hat – o Gott, wie du gelebt hast in den letzten Tagen. Es ist so kalter Winter, und der geringste Vogel hat sein Nest, das ihn vor der Kälte birgt, dich aber hat man hinausgejagt –«

Franziska schüttelte wehmütig lächelnd den Kopf.

»Ich bin aus eigenem Willen gegangen«, sagte sie. »Man hat nicht das Fenster geöffnet und gerufen: Da flieg, Rotkehlchen! Ich bin freiwillig gegangen, und niemand hätte mich in jenem Hause zurückhalten können. Ach, es ist nicht viel gewesen, was ich mit meinem Herzen und mit meinen Händen tun konnte, und als das Haus nach dem Begräbnis des guten Onkels wieder in Ordnung gebracht war, da konnte ich gar nichts mehr tun. Mich fror so sehr in des Onkels Studierstube, und einen andern Aufenthaltsort gab es nicht mehr für mich im Hause; denn mein Stübchen hatte ich an ein altes Fräulein, das von der Kusine der Tante zum Trost geschickt war, abtreten müssen, und dieses Fräulein nahm auch alle Besorgungen, die sonst mir anvertraut gewesen waren, über sich. Die Tante sah ich fast gar nicht mehr. Ich hatte kein Recht mehr in diesem Hause, seit der Onkel tot war, und ich bin fortgegangen.«

»Und du hattest niemand, um dir zu raten, um dir zu helfen!« rief Hans; aber das Fränzchen lächelte zum erstenmal ganz fröhlich.

»O bin ich nicht eine fast ebenso tapfere und gewandte Pariserin wie die arme Henriette Trublet? Ich war nicht ganz von Geld entblößt, und dann bin ich ja auch das Kind des Kapitäns Götz, die Tochter des abenteuernden Soldaten und Freiheitskämpfers. Es wäre nicht sehr ehrenvoll für mich gewesen, wenn ich meinen Weg nicht gefunden hätte. Ach Gott, trotz dem tiefen Schmerz um den Onkel fühlte ich mich ja frei – meine eigene Herrin; es durfte niemand mehr zwischen mich und mein Gefühl treten – alle schweren Ketten waren von mir abgefallen! Und wahrlich, es war etwas von meines Vaters wildem Mut und Geist an dem Tage in mir, an dem ich unter meinem Regenschirm auszog, um mir ein Schlupfwinkelchen zu suchen. Ich habe dieses gefunden und nun gesessen während der letzten Tage und habe der guten Frau Brandauer viele wunderliche Fragen über mein junges Dasein beantworten müssen; aber wir sind gut miteinander fertig geworden und haben einander ordentlich ins Herz geschlossen. Ich habe an Kleophea und an den Herzensonkel Rudolf geschrieben, jetzt werden sie die Briefe wohl erhalten haben; ach, und ich wollte, ich wäre jetzt bei Kleophea!«

Sie sprachen mit leiser Stimme von dem Doktor Theophile Stein und wie er auftreten werde, nun seine Frau von der reichen Mutter verstoßen und enterbt worden sei. Das Fränzchen weinte bitterlich über das Los der unglücklichen Kleophea; und draußen schneite es immerzu, es sollte ein harter, böser Winter über die Welt kommen. –

Sie standen jetzt am Fenster und sahen auf das Gestöber – schweigend standen sie eine geraume Weile.

»Es ist ein weiter Weg nach Grunzenow«, sagte Hans. »Es wird auch ein beschwerlicher Weg sein. Wie willst du die Mühen bestehen, mein Lieb? Jetzt wollte ich wohl, ich besäße den Zaubermantel, daß ich ihn um dich schlagen und dich warm darin über das weiße, winterliche Land forttragen könnte.«

Fränzchen hob das Gesichtchen zu dem Freunde empor und lächelte durch die Tränen, welche es um Kleophea Stein geweint hatte:

»Deine Liebe ist ja der Mantel, in welchem du mich an dein Herz genommen hast! Wie könnte mich frieren an deinem Herzen, in deiner Liebe? Und dazu soll ich eine Heimat an jenem Orte finden, ich, die ich niemals eine rechte Heimat gehabt habe, ich, die ich vom Leben immer so barsch hin und her geschoben worden bin durch Mangel und Überfluß, durch allen Wirrwarr und Zwiespalt! Wie könnt ich den Schnee, den Winter fürchten unter deinem Mantel, Johannes, an deinem Herzen?«

»O Liebe, Liebe«, rief Hans, »ja du hast recht, wir sind gefeit gegen allen Erdenfrost und -sturm. Wir hören den Wind brausen, aber wir fühlen ihn nicht –«

»Und den Onkel Rudolf werde ich sehen – endlich, endlich werde ich ihn wiedersehen! Auch an seinem Herzen bin ich so sanft gebettet! Gottes Segen über ihn!« fuhr das Fränzchen fort. »Und den guten Oberst und den guten, alten Pastor werde ich sehen. O Johannes, wie großen Dank sind wir denen schuldig! Es ist so märchenhaft schön; o Gott, und das schönste ist, daß aller Kinderlebensmut dazu wieder herabgekommen ist vom Himmel. Ach, wäre nicht Kleophea, die helle, reine Kinderfreude käme auch wieder herab – o Johannes, Johannes, habe mich recht lieb, recht, recht lieb!«

Johannes Unwirrsch antwortete nicht auf diese letzten Worte des Fränzchens aus dem einfachen Grunde, weil er es nicht konnte. Er nahm die Braut nur fester in die Arme, und sie barg ihr Gesicht an seiner Brust.

Erst nach einiger Zeit sprachen sie weiter von dem Weihnachtsschnee und davon, daß es ganz und gar nicht recht sei, sich vor ihm zu fürchten. Sie sprachen von dem Onkel Rudolf, dem Obersten von Bullau samt seinem Grips und seinen Hunden; sie sprachen von dem trefflichen Pfarrherrn Josias Tillenius, und bis ins einzelnste beschrieb Hans nach besten Kräften Land und Leute zu Grunzenow an der Ostsee. Er beschrieb das Dorf, den Gutshof und das Pastorenhaus; vor allem aber suchte er den Eindruck zu beschreiben, welchen das Meer auf ihn gemacht hatte.

»Ich fürchte mich nicht vor dem Meer«, sagte Franziska.

»Manchmal kommt es mir ganz traumhaft vor; dann bin ich ein ganz kleines Mädchen in den Armen meiner Mutter, dann sehe ich den Mond aufsteigen über den schwarzen Wassern und eine lebendige, tanzende Lichtstraße wird bis zum Horizont. Es ist wunderlich, des Meeres im Sonnenlicht kann ich mich nicht mehr entsinnen, obgleich ich es oft gesehen haben muß auf der langen Fahrt von Montevideo bis Havre de Grace. Ich entsinne mich auch keines Sturmes, obwohl wir einen sehr grimmigen auszuhalten hatten, wie mir mein Vater nachmals erzählt hat. Das Schiff hieß der Amphitryon, und im Jahr achtundzwanzig oder neunundzwanzig kamen wir nach Paris zurück. Ich freue mich so sehr auf das Meer, es hat mich gar sanft geschaukelt in meiner allerfrühesten Kindheit.«

»Du hast so viel gesehen, so viel erfahren, mein Lieb«, sagte Hans ganz kleinmütig. »Eine halbe Weltumseglerin bist du, und was ist alles in Paris vor den Fenstern deines Stübchens vorübergezogen! Du hast so reiches, buntes Leben kennengelernt, und nun ziehe ich dich mit mir in die tiefste Armut und Einsamkeit, wo wir nur die alten Freunde, die armen Fischersleute, die See und uns selber haben!«

»O welch ein Reichtum – welch eine weite, weite Welt!« rief das Fränzchen, die Hände faltend. »Wie hätte ich in meinen kühnsten Träumen hoffen können, so überschwenglich reich, so unsäglich glücklich in so weitem Wirkungskreis zu werden. Ach Johannes, wer hätte es gedacht, daß wir beide so glücklich werden könnten? Aber wir wollen auch glücklich machen; wir wollen nicht selbstsüchtig nur in uns allein leben, unsere Herzen sollen in unserer Liebe nicht enge werden; – wir wollen Liebe und Glück geben, und beide sollen nicht weniger werden.«

»Das wollen wir!« sagte Hans, und in seinen Gedanken stand er wieder im nächtlichen Schneetreiben mit dem Pastor von Grunzenow an der Mauer der dunklen Hütte, in der kein Licht mehr brannte, auf deren Herd kein Feuer mehr glimmte, deren Leben erloschen war für alle Zeiten. –

Es schneite immer lustiger. Die Kinder in der Gasse sprangen und jauchzten in dem wirbelnden Gestöber. Ein schwarzer Rabe flatterte über die Dächer, setzte sich auf einen Schornstein, schüttelte den Schnee von den Fittichen und schrie mit heiserer Stimme sein Behagen in die Welt hinaus. Hans hielt sein Mädchen umschlungen, und immer tiefer und tiefer versanken alle die dunklen Zeichen und Merksteine auf ihren jüngst durchschrittenen Wegen. Trotz der frischen Gräber, trotz der armen Kleophea wurden Hans und Fränzchen immer mehr und mehr von der sicheren Ruhe des Glücks überkommen. Hans sah sich in dem Stübchen seiner Braut um und verglich es mit seinem Aufenthaltsort in der Grinsegasse; er zeigte sich als ein ungemein würdiger und aufmerksamer Haushalter und Beobachter, bis das Fränzchen zu seinem großen Unbehagen nach dem Hungerbuche fragte.

Er wehrte sich anfänglich so gut als möglich gegen die Fragen, bis er endlich zwischen Lachen und Erröten gestand, wie es mit dem Ding bestellt sei und wie oft er das vortreffliche Schriftstück wieder zerrissen habe.

Nun war es sehr hübsch, wie das Fränzchen für das berühmte, aber leider noch nicht in die Erscheinung getretene Werk Partei nahm und das Wort ergriff.

Der Kandidat Unwirrsch konnte nur leise auf die Zeit der Muße zu Grunzenow hindeuten und mit Behagen auch in dieser Hinsicht herrliche und liebliche Dinge in Aussicht stellen, nachdem er wieder einmal alle Zweifel an der Möglichkeit der saubersten Vollendung der Handschrift niedergekämpft hatte.

Nun ließ sich ein nicht sehr leichter Schritt auf der Treppe vernehmen, es klopfte an der Tür, und eine martialische Frau trat, ohne den Hereinruf abzuwarten, ein, setzte den schweren Marktkorb nieder und verwunderte sich nicht wenig über den Besucher ihres »Fräuleins«. Als sie aber mit Namen, Stand und sonstigen Eigenschaften und Würden des jungen Herrn bekannt gemacht worden war, erheiterte sich ihr Blick, sie reichte dem Kandidaten zum Gruß eine Hand, die ihn lebhaft an die arbeitselige Hand seiner Mutter erinnerte. Und der Geruch von Seife und frischer Wäsche, welchen die Frau Brandauer in das Zimmer mitbrachte, mußte ihn ebenfalls ganz und gar anheimeln. Hans erkannte zu seiner hohen Freude, daß das Fränzchen wirklich hier in gute Hände gefallen sei und daß das Geschick freundlich über sie gewacht habe.

Er stattete der Frau Brandauer seinen und des Herrn Leutnants Götz besten Dank ab, wurde aber grob angeschnauzt und gefragt, was er sich denke, ob solch ein liebes Fräulein einem nicht vom Himmel auf die Seele gebunden würde wie ein verlorenes Königskind!

Die Frau Brandauer verlangte den Dank des Herrn Leutnants Götz und des Herrn Kandidaten Unwirrsch nicht, aber sie ließ den erstern Herrn bestens grüßen, empfahl sich seinem »gnädigen Wohlgefallen« und ließ ihm sagen, daß sie erhoffe, er werde dankbar für den Schatz sein, den ihm der liebe Gott in dem lieben Fräulein verliehen habe.

Darauf hätte sie den Kandidaten sehr entrüstet fast beim Kragen genommen, weil er sich nicht schämte, »in solcher Jahreszeit und bei solchem Wetter solch eine arme, herzige junge Dame zu den Mongolen, Tartaren und Lappländern wollens und nollens zu schleppen«. Sie bat das Fränzchen, ja die Sache dreimal zu überlegen; hier sei der Ofen warm, und jede Hyazinthe besehe sich bei solchem Wetter den Schnee am besten durchs Fenster. Als ihr der Gedanke kam, daß es »da oben« sogar noch Wölfe und Bären gebe, wurde sie von ihren fast mütterlich sorglichen Gefühlen so sehr überwältigt, daß alle tröstenden Versicherungen des Kandidaten und Franziskas sie nicht beruhigten; und nur die Frage, ob es möglich sei, den Herrn Johannes zum Mittag einzuladen, konnte sie wieder zum Bewußtsein und auf die Füße bringen.

Es mußte möglich sein, und es war möglich. Ein köstlicheres, seligeres Mahl hatte man dem armen, hungrigen Kandidaten noch niemals in seinem Leben bereitet. Immer märchenhafter wurde die Welt – immer märchenhafter. Das geringste Gerät in dem Gemach und auf dem Tische war wie ein Stück Hausrat aus dem Haushalt der guten Feen, der guten Waldmütterchen; – alles hatte ein Etwas an sich, was nicht aus der Werkstatt, der Fabrik oder dem Kaufmannsladen stammte. Hans Unwirrsch würde sich gar nicht verwundert haben, wenn das irdene Salzfaß einen Tanz um die Suppenschale begonnen, wenn die Suppenschale ihm und der Braut aus der Tiefe ihres Bauches Glück gewünscht hätte und wenn der Rabe, der vorhin sich auf dem Schornstein niederließ und den Schnee von den Flügeln schüttelte, an das Fenster gekommen wäre, um dem Brautpaar einen Gruß aus dem Reich der Zwerge und zwei goldene Ringe von dem Könige der Bergkobolde zu überbringen.

Daß er – Hans Unwirrsch – dabei unaufhörlich an jene Zeit denken mußte, in welcher er ebenfalls an des Fränzchens Seite, aber an dem Tische der Frau Geheimen Rätin Götz gesessen hatte, vermehrte nur noch den Zauber des Augenblicks. Zu kurze Wochen waren seit jenen häßlichen Tagen vergangen, als daß es nicht gespensterhaft aus ihnen in die blühende Gegenwart herübergehaucht hätte; aber dieses Gruseln gehört zu dem Märchenbehagen wie alles andere.

Es wurde nun das Nähere über die Reise nach Grunzenow verabredet, und die Frau Brandauer gab auch ihren besten Rat dazu. Es war jedoch nicht viel zu bereden, nachdem die Stunde der Abfahrt festgesetzt worden war. Fränzchens Habseligkeiten hatten in einem winzigen Koffer Raum; sie war mit noch weniger Gepäck belastet als Hans, da sie keine Bibliothek mit sich herumschleppte wie dieser gelehrte Thebaner. Auf den kürzesten Wink konnte sie, ein echtes Soldatenkind, zu jedem Marsch bereit sein.

O über diesen kleinen Koffer! Er wurde dem Kandidaten Unwirrsch gezeigt, und der Kandidat Unwirrsch stand daneben und sah auf ihn und das Fränzchen, welches kniend den Deckel abhob, um dem Freunde das Miniaturbild ihrer Mutter und den polnischen Orden des Weißen Adlers ihres Vaters zu zeigen. O über diesen armen, kleinen Koffer! So zierlich geglättet und gefaltet, so sorglich eingeschachtelt und künstlich an seinen Ort gelegt erschien alles darin! Wie die Zaubernuß, die drei Ballkleider und eine sechsspännige Kutsche mit Kutscher, Läufer und Lakaien barg, war dieser Koffer; – eine ganz behagliche und wohleingerichtete, stille und friedliche Haushaltung stieg in der Phantasie des Kandidaten daraus hervor, und hundert freundliche Geisterchen flogen empor, summten um des Kandidaten Haupt und flüsterten ihm von dem Meer, dem Gutshof und dem Pfarrhof von Grunzenow, vom knisternden Feuer am Winternachmittag, von diesem und jenem so vielerlei, so bunt durcheinander ins Ohr, daß er sich – auf den nächsten Stuhl setzen mußte, weil ihm Kopf und Herz zu sehr aus dem Gleichgewicht gerieten.

Nicht das geringste fand sich, was das Fräulein hätte hindern können, schon am folgenden Tage mit dem Mittagszug dem Kandidaten nach Grunzenow zu folgen; – immer märchenhafter, immer märchenhafter wurde das Leben, je klarer und einfacher es sich gestaltete. Nun waren gar die Stunden zu zählen bis zu dem Augenblick, in welchem Hans die Braut aus dieser Stadt, die ihnen beiden so wenig freundliche, freudige Tage, aber dabei das höchste Glück ihres Lebens gegeben hatte, fortführen konnte. Nun kam der Abend, und die Lichter flammten auf in der Annenstraße, und es leuchteten alle Fenster hinaus auf den weißen Schnee, der keinen Schritt und kein Geroll der Räder lautwerden ließ. Die Frau Brandauer zündete ebenfalls ihre kleine Lampe an, und der Tag, der für den Kandidaten Hans Unwirrsch in so großer Unruhe, Verwirrung und Angst begonnen hatte, neigte sich in Seligkeit und im süßesten Frieden seinem Ende zu.

»Jaja«, seufzte die Frau Brandauer, »junges Volk will seinen Weg gehen; es liegt einmal so in der Natur. Wer hätte gedacht, Herzensfräulein, als Sie neulich so leise, leise an meine Tür klopften und fragten, ob hier das Stübchen wäre, das in der Zeitung stände, wer hätte gedacht, daß Sie dem Stübchen und der alten, dummen Witwe Brandauer so bald wieder untreu werden würden. Oje, oje, Herr Kandidate – da in der Tür stand das Fräulein in ihrem schwarzen Kleide wie ein Engel, und die Händchen waren so kalt und die Füße; und wir alle zwei beide standen und sahen uns an, und dann gab es mir einen Knuff in den Rücken wie von oben, und ich knickste und sagte ja, und der Nachbar Grillmann auf der andern Seite des Ganges hintenheraus habe mir geholfen, es in die Zeitung zu bringen. Da haben wir denn diese Wochen zusammengehalten wie zwei gute Leute. Ach Gott, das Beste vergeht immer am schnellsten, und der Sommer dauert einem lange nicht so lange als der Winter, und so ist denn keine Hilfe, morgen sitze ich wieder allein, und diese Stube ist wie ein alter, leerer Scherben, in dem das Winterröschen ausblühte.«

»Wir wollen einander nicht vergessen«, rief Franziska, die Hand der guten Frau gerührt drückend. »Der liebe Gott hat mich zu Ihnen geführt, und Sie haben die Fremde empfangen, wie eine Mutter ihre Tochter in der Verlassenheit aufnehmen würde. Ich will auch immer wie eine Tochter an Sie denken, liebe, liebe Frau Brandauer.«

Die gute Witwe lachte und weinte und küßte das Fränzchen:

»Herzchen, es wäre ja das größte Unrecht, wenn ich Ihnen das Glück mißgönnte; – so einem kleinen, ängstlichen, abgejagten Vögelchen! Herr Kandidate, Gott hat Ihnen ein gutes Gesicht gegeben, und so hoffe ich, daß der Ihnen ein gutes Herz dazu geschenkt hat; – in Gottes Namen denn, nehmen Sie das Fräulein mit sich fort, und Gott helfe Ihnen beiden weiter, anjetzt durch den Schnee und dann durchs liebe lange Leben bis in die ewige Seligkeit, und ich will an diese Tage und Wochen denken, als ob ich ein Zeichen in mein Leben gelegt hätte wie ins Gesangbuch.«

Hans dankte der guten Frau aus vollem Herzen für ihr Vertrauen und ihre guten Wünsche; dann aber mußte er der Nachbarn wegen, und vorzüglich des Nachbars Grillmann wegen, der ein ziemlich neugieriger und naseweiser Patron zu sein schien, für diesen Abend Abschied nehmen. Wie schwer er sich von dem Stübchen im vierten Stockwerk der Nummer Vierunddreißig in der Annenstraße trennte, wollen wir nicht beschreiben; wie er dann unten im Schnee stand, die Hand auf das jubelnde Herz drückte und nach dem Lichte in die Höhe starrte, wollen wir der Einbildungskraft der Leser überlassen. Wie er, berauscht vom Glück, es möglich machte, die Grinsegasse zu finden, wie er seiner tauben Wirtin die Wohnung kündigte, wie er seinerseits seine Sachen zusammenpackte und die Glaskugel des Vaters vorsichtig von der Decke nahm, wie er die letzte Nacht in der Grinsegasse schlief – das alles mag der Leser sich ebenfalls ausmalen. Der Morgen fand ihn wach, aufgeregt und reisefertig; der Mittag fand ihn an des Fränzchens Seite im Eisenbahnwagen.

Und die Sonne schien auf den Schnee; es war sehr kalt, und die Schaffner und die Reisenden hatten sehr rote Nasen. Rotgeweinte Augen hatte die Frau Brandauer, die mit dem Taschentuch zum Abschied winkte.

Ja, junges Volk will seinen Weg gehen! Ein letzter Gruß für die brave Frau aus der Annenstraße – ein letzter Blick auf das zurückbleibende Menschengedränge – »Alles fertig – vorwärts!«

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