Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Vierunddreissigstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Das Meer und nicht die große Stadt bewegte sich rauschend am andern Morgen vor den Fenstern Hans Unwirrschs; doch wollte er es anfangs nicht glauben. Lange vor seinem Erwachen redete das Meer in seine Träume hinein, und ihm träumten wunderliche Dinge. Die ganze Nacht hindurch hatte er sich gegen das rätselhafte Sausen und Brausen zu wehren, das in der Ferne sich erhob und heran- und heraufschwellend ihn zu ersticken drohte. Die ganze Nacht hindurch kämpfte er gegen dieses geheimnisvolle Etwas, dieses Gewirr von tausend und aber tausend Stimmen, in dem seine eigene Stimme so machtlos verklang wie der Hilferuf eines Kindes im wildesten Orkan. Es war wie eine Erlösung, als er endlich erwachte und nicht mehr zweifeln durfte, daß er die See höre und nicht das Geräusch der Welt, durch die ihn sein Lebensweg geführt hatte.

Nachdem es ihm zur Gewißheit geworden war, daß er sich unter dem Dach der Hungerpfarre zu Grunzenow und nicht in der Grinsegasse oder gar in dem Hause in der Parkstraße befinde, lag er noch eine geraume Zeit mit halbgeschlossenen Augen und überließ sich dem wonnigen Gefühl des sichern Glückes und den süß-wehmütigen Gedanken und Erinnerungen, die immer und immer so unauflöslich mit diesem Gefühl verbunden sind. Der Augenblick, der dem Menschen seinen Gewinn zeigt, lehrt ihn auch seinen Verlust am deutlichsten erkennen. Wie viele treue Herzen und warme Hände fehlen uns immer in der besten Stunde!

Es war noch ganz dunkel, als Hans erwachte, nur der Schnee erhellte ein wenig die Nacht; Hans brauchte nicht die Schatten der Toten mit Blut zu tränken, um ihnen Stimme zu geben; er brauchte sie nicht zu rufen, sie kamen freiwillig; – er aber legte ihnen Rechenschaft ab an diesem Christmorgen.

Ein gebeugter, hagerer Mann, mit mildem, ernst-heiterem Gesicht stand vor seinem geistigen Auge – der Meister Anton Unwirrsch, der so großen Hunger nach dem Licht gehabt hatte und der in seinem Sohne sein Dasein, seine Wünsche und Hoffnungen vollenden wollte. »O Vater«, sagte Johannes, »ich bin den Weg gegangen, den du mir gewiesen hast, und habe mich in harter Arbeit abgemüht, die Wahrheit zu erfassen. Viel habe ich geirrt, und Ratlosigkeit und Kleinmut haben mich oft erfaßt – ich habe nicht mit stetigem Schritte vorwärts schreiten können. Die Welt war mir ein zu großes Wunder, als daß ich so keck und kühn wie andere nach ihren Schleiern und Hüllen greifen konnte; – sie erschien mir zu ernst und feierlich, als daß ich ihr gleich andern mit Lächeln entgegentreten konnte. Vater, wer aus so armen, niedern Häusern kommt wie wir, dem darf man es nicht vorwerfen, wenn er die erste Strecke seines Weges nur scheu und zögernd zurücklegt, wenn ihn Nichtigkeiten blenden, wenn ihn falsche Trugbilder verwirren, wenn ihn Irrlichter verlocken. Vater, wer unter so niederm Dach hervortritt wie wir, der muß im Guten oder im Bösen ein starkes Herz haben, um nicht nach den ersten Schritten aufwärts wieder umzukehren und in der Tiefe sein dunkles Leben weiterzuführen. Selbst die ersten Kenntnisse und Erfahrungen, die er erwirbt, dienen nur dazu, den Einklang seines Wesens zu stören; sie machen ihn nicht glücklich. Zu allen andern Zweifeln erwecken sie ihm noch den Zweifel an sich selber. O Vater, Vater, es ist schwer, ein rechter Mensch zu sein und jedem Dinge sein rechtes Maß zu geben; wer aber mit der Sehnsucht danach in der Tiefe geboren wird, der wird doch eher dazu kommen als jene, die zwischen Gipfel und Niederung erwachen und denen das Oben wie das Unten gleich unbekannt und gleichgültig bleibt. Aus der Tiefe steigen die Befreier der Menschheit; und wie die Quellen aus der Tiefe kommen, das Land fruchtbar zu machen, so wird der Acker der Menschheit ewig aus der Tiefe erfrischt. O Vater, der Mensch hat doch nichts Besseres als dies schmerzliche Streben nach oben! Ohne es bleibt er immerdar Erde von Erde genommen, in ihm und durch es richtet er sich aus aller Leibeigenschaft des Staubes auf, in ihm reicht er, wie wenig es auch sei, was er erlange, allen himmlischen Mächten die Hand; in ihm steht er auf der winzigsten Scholle, in dem engsten Kreise als Herrscher des unendlichsten Gebietes da, als Herrscher seiner selbst. Auch der Zweifel ist ja Gewinn in seinem Leben, und der Schmerz ist so edel – oft edler als das Glück, die Freude. Vater, ich bin meinen Weg in Unruhe gegangen; aber ich habe die Wahrheit gefunden; ich habe gelernt, das Nichtige von dem Echten, den Schein von der Wirklichkeit zu unterscheiden. Ich fürchte mich nicht mehr vor den Dingen, denn die Liebe steht mir zur Seite; – Vater, segne deinen Sohn für seinen künftigen Weg und bitte für ihn, daß der Hunger, der ihn bis hierher geleitet hat, ihn nicht verlasse, solange er lebt.«

Mit allen seinen Gestorbenen verkehrte Hans an diesem dunkeln Christmorgen, ehe die Dämmerung kam. Sie schritten im langen Zuge vorüber, und er dankte jedem für das, was er von ihm als Mitgabe für den Lebensweg erhalten hatte. Daß die Mutter, die kleine Sophie, der Armenlehrer Karl Silberlöffel, die Base Schlotterbeck und der Oheim Nikolaus Grünebaum vorübergingen und ihm lächelnd zunickten, das war kein Wunder; aber es war fast ein Wunder, wie viele andere Leute aus dem Dunkel hervortraten, um ihr Teil an seinem Werden und Wachsen in Anspruch zu nehmen. Es war ein Wunder, an wie vielen Stätten die Geschichte seiner Bildung haftete, wie weit zurück oft der Ausgangspunkt jeder Seelenregung lag. Erst in diesen Augenblicken sah Hans so recht ein, wie reich sein bisheriges Leben gewesen war, welchen Reichtum er aus der versunkenen Welt seiner Jugend, aus der mit der Base Schlotterbeck und dem Oheim versunkenen Welt von Neustadt, aus der versunkenen Welt seiner Wanderjahre mit hinübernahm in das neue Leben zu Grunzenow an der Ostsee. Immer neue, immer wechselnde Bilder und Gestalten zogen vorüber und stiegen herauf, als die Kirchenglocke von Grunzenow anfing zu läuten.

Die Glocke von Grunzenow, der neuen Heimat! Die Glocke der Weihnachtskirche! Aufrecht saß Hans Unwirrsch auf seinem Lager und horchte; – sein Herz klopfte, und alle Pulse schlugen! Nach Herz und Hirn drängte sich alles Blut – – – o Fränzchen, Fränzchen!

Alle Kindheitsgefühle waren in der Brust des Mannes wach geworden. Ehe er die Treppe hinabstieg, kniete er nieder und barg minutenlang stumm das Gesicht in den Händen; er hörte es nicht, daß die Tür hinter ihm sich öffnete.

In seinem schwarzen Predigerrock trat der alte Josias in die Kammer und setzte leise das Licht, das er trug, neben die Lampe des Kandidaten. Regungslos stand er, solange die kleine Glocke läutete, solange Johannes Unwirrsch neben seinem Bette kniete. Als die Glocke schwieg und der junge Hausgenosse das Haupt wieder erhob, legte er ihm die Hand auf die Schulter und sagte gerührt, indem er sich zu ihm niederbeugte:

»Es ist ein glückliches Zeichen, mit solchem Geläut zu neuer Arbeit, neuen Sorgen, neuem Leben zu erwachen. Mein lieber, lieber Sohn, sei mir willkommen in diesem armen und doch so reichen, diesem so begrenzten und doch so grenzenlosen Wirkungskreise. Gott gebe dir Kraft und Segen an diesem Strand, unter diesen Hütten, unter diesem Dache. Gott behüte dich in deinem Glücke und segne dich in deinem Leid!« –

Zum zweitenmal läutete die Glocke, als Hans an der Seite des greisen Pfarrherrn die Stufen emporstieg, die hinter dem Pastorenhause auf den Kirchhof des Dorfes führten. Quer über den Kirchhof ging der Weg zur Kirche, und zwischen den weißen Gräbern und den schwarzen Kreuzen, welche auch alle Schneehauben trugen, blieben die beiden geistlichen Herren stehen, um auf das Dorf zurückzuschauen. Das Meer rauschte in der Finsternis, aber im Dorf war fast jedes Fenster erleuchtet, und reges Leben herrschte auf dem Kirchwege. Aus seinen Hütten stieg das Volk der Fischerleute zu seiner Kirche empor – Greise, Männer, Weiber, Kinder! Sie kamen mit Laternen und Lichtern, und wenn die Erwachsenen, die Ältern im Vorüberschreiten mit vertraulicher Ehrerbietung ihren Pfarrherrn grüßten, so kam fast jedes Kind zu ihm heran, um ihm die Hand zu geben; er aber kannte sie alle bei ihrem Namen, kannte ihre kleine, kurze Lebensgeschichte und hatte fast für jedes ein anderes Liebkosungswort. Von Zeit zu Zeit zögerte einer der Erwachsenen auf dem Wege oder wandte sich seitwärts, um seine Laterne niederzusetzen und sich über eins der verschneiten Gräber zu beugen; dann war der Pfarrherr von Grunzenow an der Seite der Trauernden und sprach ihnen leise zu, und die Sterne lächelten am schwarzen Winterhimmel, und es war, als ob das Meer sanfter rausche.

Zum drittenmal zog der Küster von Grunzenow den Glockenstrang, als wieder eine größere Gruppe in die Kirchhofspforte trat, und Grips wars, der hier die Laterne vortrug. Ritterlich führte der Oberst von Bullau das Fränzchen an der Spitze seiner Hofleute und sagte, als Hans Unwirrsch vor ihn stand und Grips seine Laterne erhob, um die Begrüßung zu beleuchten:

»Also pflegt der Mensch auszusehen, der nicht sagen kann, wie wohl ihm zumute ist. Da, Herr Kandidatus, da habt Ihr Euer Mädchen; ich wünsche Euch fröhliche Feiertage und viel Pläsier damit.«

Hand in Hand gingen Hans und Fränzchen mit den andern Leuten von Grunzenow in die kleine Kirche, wo der Küster bereits vor der Orgel saß. Auf dem kurzen Wege konnte Franziska dem Verlobten und Hans der Braut wirklich nicht sagen, wie ihnen zumute sei; aber beide wußten es doch. Den schönsten Gruß vom Onkel Rudolf bestellte jedoch das Fränzchen; unter dem Christbaum im Kastell saß der Onkel mit seiner Pfeife und hatte seine Weihnachtsgedanken so gut wie alle andern.

Wohl hundert Lichter erhellten die kleine Kirche; niemand hatte sein Lämpchen beim Eintritt ausgeblasen, und wunderbar feierlich erschien die Versammlung dieser Gemeinde am Ufer der See.

Auf einer der vordersten Bänke dicht vor dem Altar und der Kanzel saß der Kandidat Unwirrsch neben seiner Braut und dem Obersten von Bullau nieder und sang im rauhen Chor der Fischer das alte Weihnachtslied mit bis zu Ende, bis unter den letzten Klängen der Orgel und des Gesanges Ehrn Josias Tillenius auf seine Kanzel trat, um seine Weihnachtspredigt zu halten, bis alle die von der Sonne gebräunten, vom Sturme und Wetter zerbissenen Gesichter der Männer, bis alle die ernsten Gesichter der Frauen, bis alle Kinderaugen sich zu dem alten, treuen Berater und Tröster emporhoben. Und keiner der berühmten und beliebten Redner, die Hans in der großen Stadt gehört hatte, keiner der berühmten Professoren, die ihm auf der Universität so viele gute Lehren gaben, hätte eine trefflichere Rede halten können als der Greis von der Hungerpfarre zu Grunzenow, der sich in der Bibliothek seiner Vorgänger nicht zurechtfinden konnte und dem die moderne Wissenschaft der Theologie ein Buch mit sieben Siegeln geblieben war.

Mit jenem Gruß der Engel, über welchen kein anderer in der Welt geht, grüßte er seine Gemeinde: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Dann wünschte er allen Glück zu dem hohen Feste, den Jungen wie den Alten, den Greisen wie den Kindern; und er hatte recht, als er einst zu Hans Unwirrsch sagte, daß es ein seltsam Ding sei, wenn einem Pastor das Meer in seine Worte klinge. Er sprach von dem Guten und Bösen, was geschehen sei, seit man vor einem Jahre diesen Tag feierte; er sprach von dem, was werden könne bis zu dem nächsten Weihnachtsglockenklang. Er hatte ein Wort für die Trauernden und für die, welchen Freude gegeben worden war. Seine Vergleiche konnte er nicht wie seine Amtsbrüder weiter im Lande, die jetzt auch auf ihren Kanzeln standen, der Arbeit des Ackermanns entnehmen; er konnte nicht sprechen vom Säen, Blühen, Fruchtbringen und Verwelken; – das Meer rauschte in seine Worte.

Er sprach von den Angehörigen seiner Gemeinde, die jetzt in der Fremde schifften, von denen man nicht wußte, ob sie lebten oder ob sie tot seien: die Erde vom Nordpol bis zum Südpol mußte Raum finden in seiner Predigt. Er sprach von den Verschollenen, deren Platz am Herde seit Jahren leer war, nannte zwei weinende Mütter bei ihren Namen und tröstete sie mit der Verheißung, daß niemand, niemand verlorengehen könne, so weit die Welt auch sei, da geschrieben stehe, daß Gott die Meere in der hohlen Hand halte. Er sprach von dem großen Weihnachtsbaum der Ewigkeit, unter welchem einst alle, alle versammelt sein würden.

Hans Unwirrsch dachte an die Hungerpredigten, welche er in der Grinsegasse hatte schreiben wollen, um durch ihren Druck einen Namen zu erwerben und Tausende dadurch zu rühren und zu erheben. Er ließ das Haupt sinken vor der Rede dieses Greises, die gewiß nicht druckfähig war und doch den Hörern bis ins tiefste Herz drang. Das Fränzchen weinte ihm zur Seite, der Oberst von Bullau räusperte sich von Zeit zu Zeit sehr vernehmlich und murrte in den grauen Bart; das Volk der Fischer seufzte und schluchzte; – der Kandidat Unwirrsch hatte keine Zeit, die Erinnerung an sein Manuskript und die Grinsegasse weiterzuverfolgen.

Ehrn Josias Tillenius war an den Weihnachtsbaum jeder Hütte seines Dorfes getreten; nun stand er plötzlich im Schatten des Baumes der Weltgeschichte, durch dessen Gezweig der Stern der Verkündung auf die Krippe zu Bethlehem niederleuchtete. In einfach-ergreifender Art erzählte er seiner Gemeinde, wie es aussah auf Erden, als die Engel ihren Gruß vom Himmel niederbrachten. Von der Stadt Rom erzählte er und von dem römischen Kaiser Augustus, von den stolzen Tempeln, den stolzen Weisen, Kriegern und Poeten. Er sprach davon, wie die Sonne, der Mond und alle Gestirne damals so segensreich ihren Weg gingen wie heute, wie die Erde ihre Früchte trug, wie das Meer seine Schätze ebenso gutwillig hergab wie jetzt. Er erzählte, wie die Menschen sich damals in ihrer Zeit eingerichtet hatten: wie Zoll gefordert und gegeben wurde, wie die Seen und Flüsse und das Meer voll Schiffe, wie die Landstraßen voll Wanderer und die Märkte voll Kaufleute waren. Er berichtete, wie die Schätze der Nationen wie heute hin und her getragen wurden, und dann – dann sprach er von dem großen Hunger der Welt.

Die schönen Götterbilder in den herrlichen Tempeln waren Masken, die kein Leben hatten. Die Priester, welche ihnen dienten, spotteten ihrer und des Volkes, das vor ihnen kniete; die Weisen und Klugen aber schämten sich der Götter und der Priester. Die Welt war zu einem Durcheinander geworden, in dem es keinen Halt mehr gab. Frieden fand der Mensch weder in seinem Herzen noch in seinem Hause noch draußen auf dem Markte. In dem römischen Kaiserreich hatte die Menschheit sich an sich selber verloren, sie lag in Ketten unter dem Purpurmantel, der ihre blutenden, zerschlagenen Glieder deckte; der Himmel war dunkel über ihr, und das Licht, das von ihrem goldenen Diadem ausging, war nur das fahle Leuchten in der Nacht des Todes. Trotz aller Pracht und Bewegung des Lebens war die Erde wüst und leer geworden wie vor dem Erschaffungswort. Ehrn Josias Tillenius sagte das in Worten, die seine Gemeinde verstand. Es wagte niemand, sich zu regen; man hörte nur das schnellere Atmen der Zuhörer, und als der fast hundertjährigen Urgroßmutter Margarete Jörensen, die allein schlummerte in der Versammlung und nach einem früheren Gebot des Predigers unter keiner Bedingung geweckt werden durfte, das große Gesangbuch vom Schoß rutschte und zu Boden fiel, ging es wie ein jäher Schrecken durch jedes Herz, und die abgehärtetsten Seeleute fuhren zusammen.

»Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Es war, als ob das Wort den Bann, der auf dem Volk von Grunzenow lag, löste, wie einst die Fesseln der ganzen Menschheit.

Über der Hütte zu Bethlehem stand der Stern der Erlösung; der Heiland war in die Welt des Hungers geboren worden; der Schmerzenssohn der Menschheit, der Sohn Gottes, der die Sünde seiner Mutter auf sich nehmen sollte, war erschienen, und vom Felde kamen die armen Hirten, denen die Könige und Weisen erst später folgten, hergelaufen, um das Kind in der Krippe zu begrüßen, dieses Kind, das nun noch mit in die Register der Bevölkerung des römischen Reiches, die der Kaiser Augustus anfertigen ließ, aufgenommen werden konnte. Nun war die Zeit erfüllt und das Reich Gottes erschienen. Die hungrige Menschheit aber reckte die Hände auf nach dem »Brot, das vom Himmel kommt und der Welt das Leben gibt«. Der Himmel, der so finster und leer gewesen war, öffnete sich über den Kindern der Erde: alle Völker sahen das große Licht – die Menschheit riß die Krone von dem gedemütigten Haupt und warf den Purpurmantel von den Schultern. Sie schämte sich ihrer blutenden Wunden, ihrer gefesselten, zerschlagenen Glieder nicht mehr – sie kniete und horchte. Wahrheit! jauchzte es vom Aufgang; Freiheit! jauchzte es vom Niedergang – Liebe! sangen die Engel um die Hütte, in welcher die Erbtochter des Stammes David und Joseph, der Zimmermann von Nazareth, den Hirten das Kind zeigten, das in der Nacht geboren worden war. Ehrn Josias Tillenius aber zeigte es jetzt den Kindern seines Dorfes; denn das Weihnachtsfest ist das Fest des Kindes, welchem die erhabenen Ostern fremd bleiben, bis es über den ersten wahren Schmerz nachdenken mußte. In die Weihnachtsworte aber, die der alte Prediger zu den Kindern sprach, dämmerte der neue Tag. Es wurde Dämmerung vor den Fenstern der kleinen Kirche, und das Licht der Lampen und Wachskerzen erbleichte vor dem rosigen Schimmer, der den Winterhimmel überzog. Wieder erklang die Orgel, die Gemeinde von Grunzenow sang den Schlußvers des Weihnachtsliedes, die Kirche war zu Ende.

Hans und Fränzchen standen auf dem Kirchhofe neben dem Prediger und dem alten Oberst, und alle Grunzenower, die an ihnen vorübergingen, um wieder in das Dorf hinabzusteigen, nickten ihnen zu oder kamen auch wohl heran, um ihnen die Hand zu geben und sie in ihrer Mitte willkommen zu heißen. Röter und röter färbte sich der Himmel, die Lichter des Dorfes erloschen in der Dämmerung wie die Lichter in der Kirche. Die Orgel schwieg, der Küster kam auch lächelnd-scheu, den Kandidaten Unwirrsch zu beglückwünschen. Es wurde Tag, aber die Stimme des Meeres verklang nicht.

Die letzten Bewohner des Dorfes hatten sich entfernt; Ehrn Josias Tillenius sah auf das Brautpaar und sagte dann:

»Kommt, Oberst! Ihr müßt mir wie gewöhnlich Euren Arm leihen. Die jungen Leute werden schon ihren Weg allein finden.«

Der Oberst von Bullau sah auf Hans und Fränzchen und zog die Hand des alten Freundes unter seinen Arm.

Auch der Pastor und der Herr von Bullau stiegen herab von dem Kirchhofe; – Hans und seine Braut standen allein unter den schneebedeckten Gräbern. Sie standen und hielten einander fest umschlungen. Zu gleicher Zeit kam beiden derselbe Gedanke, daß sie dereinst auch auf diesem kleinen Kirchhof liegen und schlafen würden; aber sie lächelten und sehnten sich nicht fort.

Arbeit und Liebe! zitterte es durch ihre Herzen, und sie wußten, daß ihnen beides gegeben worden war. Klar kam der Tag vom Osten; über der See zerrissen die Nebel – von der Freiheit sang das Meer, von der Wahrheit sang die Sonne; die Welt aber gehörte nicht dem Doktor Theophile Stein, der einst Moses Freudenstein hieß; über den Gräbern des armen Dorfes Grunzenow standen Johannes und Franziska und fürchteten in der Liebe weder das Leben noch den Tod.

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