Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Fünftes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Die Freundschaft zwischen dem Sohne des Schusters und dem Sohne des Trödlers, zwischen dem Christen und dem Juden, zog den ersten immer mehr von dem Umgang mit den übrigen Altersgenossen ab. Diese betrachteten das Verhältnis nicht von der günstigsten Seite; sie hatten mancherlei daran auszusetzen, und Hans mußte viel darum leiden innerhalb und außerhalb der Schule. Die witzigen Köpfe machten die lächerlichsten Glossen über diese merkwürdige Freundschaft. Die, welche Talent für die zeichnenden Künste besaßen, bedeckten Gartenmauern, Hauswände und Türen mit mehr oder weniger gelungenen Illustrationen der zwei Freunde; und krummnasige Abbildungen von Moses und Hans, worunter wieder andere geistreiche Bemerkungen schrieben, sah man nicht selten und auch an Orten, wo man sie nicht vermutete. Körperlich aber vergriff man sich nicht mehr an den beiden; man machte in dieser Beziehung zu böse Erfahrungen. Es war übrigens abzusehen, daß eine Zeit kommen könne, wo das Interesse an ihnen vollständig erloschen sein würde und wo man sie ruhig ihres Weges gehen lassen würde, ohne sich weiter um sie zu bekümmern.

Wie in einer Märchenhöhle saß Hans Unwirrsch in dem Laden des Trödlers, und Samuel Freudenstein war auch in seiner Art ein Zauberer, der durch sein Hantieren, durch sein Wesen und seine Worte wohl einen mächtigen Eindruck auf ein kindliches Gemüt machen mußte. Mit dem Pinsel wie mit dem Leimtopf wußte er gleich geschickt umzugehen; Vögel, allerlei Vierfüßler, stopfte er sehr naturgetreu aus und verkaufte sie in Glaskästen den Liebhabern. Er war auf einer ewigen Jagd nach Merkwürdigkeiten begriffen, saß in seinem Gewölbe wie eine Spinne in ihrem Netz und lauerte auf seine Kunden – Käufer und Verkäufer. Selten entging ihm eine römische Münze oder ein Brakteat , die den Versuch gemacht hatten, noch einmal am Weltverkehr teilzunehmen, und die vom Krämer oder vom Bauer mit Grimm und Verachtung ganz unvermutet in der Ladenkasse oder im Lederbeutel entdeckt und angehalten worden waren. Merkwürdige gläserne Pokale und Becher wußte Samuel sehr zu schätzen, er witterte sie in den dunkelsten Winkeln und Küchenschränken auf den Dörfern aus und zahlte gern dafür, was die Besitzer verlangten. Auch Ahnenbilder kaufte er gern, doch meistens mehr des Rahmens wegen. Es war ein Wunder, wie viele Leute, die auf solche »Ahnen« durchaus keinen Anspruch hatten, doch dergleichen angeschleppt brachten. Wie kamen diese Kotsassen, Halbspänner und Brinksitzer, diese kleinen Handwerker zu diesen stattlichen Herren in Perücke, Ringkragen und Brustharnisch, zu diesen hochtoupierten und gepuderten Damen, die zu ihrer Entwürdigung so holdselig lächelten und auf Rosen und Lilien rochen? Der Stolz und die Verehrung manches Geschlechts wurden in der Kröppelstraße auf das schnödeste mit dem Gesicht gegen die Wand gelehnt, und manchen gnädigen Herrn, manche gnädige Frau und manches gnädige Fräulein nahm der Trödler nur als Zugabe auf einen alten Sessel, wackeligen Tisch oder wurmstichigen Rokokokasten mit Achselzucken an.

Auch mit Büchern gab sich Samuel Freudenstein ab; alte Folianten in Schweinsleder waren ein wertvoller Handelsartikel, es gab keine Scharteke, die nicht zuletzt doch noch der Welt auf irgendeine Art nützlich wurde, an die der Autor einst nicht gedacht hatte. Manches Buch aber, welches der Zufall in den Trödelladen hinabwarf, sollte auf Hans Unwirrsch später eine Wirkung haben, mit welcher der Verfasser zufrieden sein konnte. –

Die mannigfachen Gegenstände, welche der Laden enthielt, eröffneten dem in einfachster Ärmlichkeit aufwachsenden Knaben den Blick in unendliche Räume. Was die Schule nüchtern lehrte, gewann hier bunteste und lebendigste Gestalt; und vielerlei, von dem die Schule nichts sagte, trat ihm hier zuerst entgegen.

Einst war in die Kröppelstraße ein Bilderbuch geraten, das einem Kinde wohlhabender Eltern gehörte, und sehr stolz war der Besitzer darauf und gab es nicht aus den Händen. Der arme Hans durfte nur aus der Ferne einen ganz flüchtigen Blick hineintun, worauf es ihm sogleich wieder vor der Nase zugeschlagen wurde. Wie früher von den großen Butterbroten der Genossen, so träumte Hans geraume Zeit von diesem Bilderbuche; er hätte gern tagelang gehungert, wenn es ihm dafür auf eine Stunde in die Hände gelegt worden wäre; den Besitzer hielt er für den glücklichsten Jungen, den es jemals gegeben habe. Er hatte einen großen Hunger nach diesen Bilderbuch und mußte ihn sich vergehen lassen wie so manchen andern Hunger damals und später.

Jetzt wurde ein in jeder Beziehung viel reichhaltigeres Bilderbuch vor ihm aufgeschlagen, und nach Belieben durfte er darin blättern. Nun dämmerte ihm eine Ahnung von dem Reichtum der Welt; immer bestimmtere Formen erhoben sich unter den schwankenden Märchenbildern, den verschwimmenden Gestalten und Klängen, welche durch die Base Schlotterbeck und ihre Kalenderbibliothek in der Kinderseele wachgerufen worden waren. Aus der Schule konnte Hans Unwirrsch nichts mitbringen, welchem Moses Freudenstein nicht eine andere Färbung hätte geben können; und die Worte des Vaters Samuel gewannen bald ein ebenso großes Gewicht wie die der Lehrer in der Bürgerschule. In diesem Trödelladen wuchs Hans über diese Schule schnell hinaus.

Der Vater Freudenstein hatte eine gewaltige Achtung vor den Wissenschaften, eine fast ebenso große Achtung wie weiland der arme Anton Unwirrsch. Doch wenn dieser sie um ihrer selbst willen einst verehrte, so schätzte jener sie, weil er darin den Talisman glaubte gefunden zu haben, der zugleich mit dem Gelde ein Schild und eine Waffe sei für sein immer noch ob seiner und der Väter Sünden so vielfach bedrängtes und zurückgesetzes Volk. Das Leben, welches dem Manne so arg mitgespielt hatte, hatte ihm immer von neuem diese Lehre vor die Augen gerückt, und wie der Meister Anton beschloß er, seinen Sohn mit diesen mächtigen Verteidigungs- und Angriffswaffen genügend auszurüsten. Wie Anton Unwirrsch wollte er seinem Sohn den Weg durch die Welt freier machen, als er selbst ihn gefunden hatte; wie Anton Unwirrsch lebte er seit der Geburt seines Kindes nur in der Zukunft desselben.

»Lerne, daß dir schwitzet der Kopf, Moses«, sagte er, sobald der Knabe nur irgend imstande war, ihn zu verstehen. »Wenn se dir hinhalten an Stück Kuchen und an Buch, so laß den Kuchen und nimm das Buch. Wenn du was kannst, kannste dich wehren, brauchste dich nicht lassen zu treten, kannste an großer Mann werden und brauchst dich zu fürchten vor keinem, und den Kuchen wirst du auch dazu bekommen. Se werden dir ihn geben müssen, ob se wollen oder nicht.«

Moses Freudenstein öffnete bei solcher Ermahnung die funkelnden Augen sehr weit und kniff sie dann zu und fragte wohl:

»Und ich brauch, wenn ich lern, mich nicht lassen zu schimpfen und schlagen in der Gaß? Ich kanns ihnen heimzahlen, was sie mir tun, brauch mich nicht zu verkriechen vor ihnen?«

»Wenn du hast Kunst und wenn du hast Geld, kannst du sie stecken alle in den Sack. Und wenn du jetzt sitzest im Winkel, kannst du denken: du bist die Katz, und die Mäus tanzen vor dir und pfeifen dir zum Hohn. Laß sie pfeifen und lern; wenn der jungen Katz sind gewachsen die Krallen, kann sie spielen mit der Maus, und die Maus hat das Schlimmste davon.«

»So will ich sitzen im Dunkeln und will lernen alles, was es gibt, und wenn ich alles weiß und habe das Geld, so will ich es ihnen in der Gasse vergelten, was sie mir tun.«

»Ich will dir helfen, zu kriegen das Geld!« sagte der Vater, und die alte Haushälterin in der Ecke kicherte und rieb sich die Hände und murmelte Segnungen und Flüche zu gleicher Zeit, jene über ihren Brotherrn, sein Kind und sein Haus, diese über die Stadt Neustadt und die Kröppelstraße samt allem, was dran und drum hing. –

Als Hans Unwirrsch die nähere Bekanntschaft von Moses Freudenstein machte, war dieser ihm in den meisten Elementarkenntnissen weit voraus und wußte außerdem in Dingen Bescheid, die den armen Hans mit Staunen und Bewunderung erfüllten. Er wußte, wie eine Kokosnuß aussah, denn der Vater Samuel hielt eine verschlossen im Schranke. Er wußte ganz genau Bescheid im Lande der Kokosnüsse und im Affenlande und knüpfte daran die Bemerkung, daß die Jungen in der Kröppelstraße auch zum Affengeschlecht gehörten, daß er – Moses Freudenstein – aber doch lieber ein Aff als ein Jung aus der Kröppelstraße sein wolle.

In den Geschichten des Alten Bundes war Moses natürlich sehr bewandert und sprach davon immer in der ersten Person Pluralis: Als wir in Ägypten waren – als wir abfielen vom König Saul – als wir zu Babylon in der Gefangenschaft saßen – als wir die Assyrier verjagten.

Diese Art zu reden, welche der Deutsche leider Gottes nicht kennt, hatte er auch von seinem Vater, der die Geschichte seines Volkes aus dem Grunde kannte, stolz darauf war und gern und viel davon sprach. Moses Freudenstein warf diese Eigentümlichkeit auch erst sehr spät ab; ja eigentlich verlor er sie nie völlig, selbst in jener Zeit, als er die Erinnerungen und den Einfluß des Ladens in der Kröppelstraße wie ein altes Kleid von sich gestreift hatte.

Es gab in dem Laden alte holländische Reisebeschreibungen vom Ende des siebenzehnten Jahrhunderts, voll der merkwürdigsten Kupfer. Vor diesen Foliobänden war Moses groß, Hans Unwirrsch aber vergaß über ihnen alles andere. Selbst die Geschichte vom braven Kasperl und dem schönen Annerl verblaßte vor den Wundern von Surinam, dem Hof des Großmoguls, den Elefanten und den Tigern, den stolzen Kriegsschiffen der Herren Generalstaaten, die mit ihren Kanonen die wundersamen, phantastischen indischen Städte im Kupferstisch begrüßten.

Aber das waren noch lange nicht alle Reichtümer, von denen Moses umgeben war. Noch ganz andere Wunder barg der Laden des Trödlers. Das Ei des Vogels Roch im Märchen Sindbads des Seefahrers ist ein Gegenstand, der wohl die Phantasie gefangennehmen kann; aber das wirkliche und wahrhaftige Straußenei, welches einem vor der Nase liegt und welches man mit dem Finger vorsichtig berühren darf, hat doch einen noch größeren Reiz. Der westfälische Hoflakai vor der Tür hielt alles, was er versprach; er hing Wache vor so vielen Schätzen, daß das jugendliche Gemüt durch den Reichtum fast verwirrt wurde.

Es war gut, daß Hans in dieser Epoche einen so kühlen Burschen wie den kleinen Moses neben sich hatte. Dieser hatte sich längst in dem Wirrwarr zurecht gefunden und ließ sich so leicht durch nichts mehr verblüffen. Er hatte die große Gabe von der Natur empfangen, in seinem Kopf sogleich alles an die rechte Stelle legen zu können. Im gegebenen Augenblick wußte er alles sofort zu finden; – ein Kind, ein wahres, rechtes, echtes Kind war er eigentlich nie gewesen.

Ein wahres, rechtes, echtes Kind blieb dagegen Hans Unwirrsch sehr lange, fast über die gewöhnliche Zeit hinaus. Auch der Verkehr mit dem israelitischen Freunde änderte daran nichts; die Phantasie behielt noch das Übergewicht über den Verstand; der Kreis, in welchem Hans wie ein jedes andere Menschenkind stand, erweiterte sich nur und füllte sich mit immer buntern, glänzenderen, lockenderen Gestalten, Bildern und Träumen. Die zusammengerollten, farblosen Flügel der jungen Psyche entfalteten sich allgemach im belebenden Strahl der Weltensonne; ein leichter Schimmer von Azur, Purpur und Gold fing an, sie zu überziehen –; in Purpur, Azur und Gold aber wiegten sich im Garten der Welt alle Blumen und Blüten, alle Wissenschaften und Künste, und alle neun Musen, die hohen Göttinnen und Gärtnerinnen, saßen und lächelten still und freudig über all die flatternden Dinger, die verlangenden Seelen und die geöffneten prangenden Kelche.

Eines Abends trat Hans sehr nachdenklich aus der Dunkelheit des Trödlerladens hervor und stand einen Augenblick ganz geblendet im Schein der Abendsonne, der noch auf dem Pflaster der Kröppelstraße lag. Dann schoß er schnell über die Straße zum mütterlichen Hause, als ob er einen großen Gedanken so eilig als möglich hinübertragen müsse. Aber still setzte er sich neben der Base Schlotterbeck, die ihrer Gewohnheit nach um diese Zeit mit ihrem Strickstrumpf vor der Tür hockte, nieder und starrte mit offenem Munde zum Sommerhimmel hinauf.

Anfangs gab die Base weiter nicht acht auf ihn, als sie ihn aber zufällig ansah, ließ sie ihr Strickzeug in den Schoß sinken und rief:

»Hannes, was ist dir begegnet? Kind, wie siehst du aus! Junge, mach den Mund zu und gib Antwort von dir, was haben sie dir drüben angetan?«

Hans warf einen ziemlich verstörten Blick auf den königlich westfälischen Lakaien drüben, antwortete aber nicht, und die Base mußte ihn erst tüchtig an der Schulter rütteln, ehe er sich in die Gegenwart zurückfand.

»Jesus, sie haben es fertiggebracht, sie haben dem Kinde den Kopf verwirrt! O das Volk, das Volk! Hans, Hans, mein Liebling, komm zu dir und gib aus, was dir passiert ist, was sie dir getan haben!«

»Er lernt das Lateinische!« rief Hans, und jetzt sperrte die Base den Mund auf.

»Er geht zu Michaeli aufs Gymnasium!« jammerte der Junge, und die Base schlug die Hände zusammen.

»Und ich muß n Schuster werden und n Pechschuster bleiben!« heulte Hans, und strömend brachen die Tränen hervor.

»n Schuster! Ei sieh mal – n Pechschuster und weiter nichts!« rief eine ironische Brummstimme, und ein grimmer Schatten fiel auf die Base und den Knaben. Der Oheim Grünebaum stand vor den beiden, ein würdiger Vorwurf für den Pinsel eines großen Malers. Verwunderungsvolle Entrüstung malte sich, in Ermangelung eines großen Meisters, selber in allen seinen Zügen; sie trieb ihm fast die Augen aus dem Kopfe. Jedes borstige und widerborstige Haar seines Hauptes schien einen beleidigten Schuster zu bedeuten und der ganze emporgesträubte und -gewühlte Wulst die gekränkte Würde der ehrsamen Zunft im ganzen. Im Innern des Mannes kollerte, knurrte und polterte es aufs bedrohlichste; aber nur in abgebrochenen Worten und Sätzen vermochte die gerechte Entrüstung sich Luft zu machen.

»So n Knirps – will sich an der ganzen ehrbaren Schusterei vergreifen! – der Deibel – wenn mans nicht mit höchsteigenhändigen Ohren gehört hätte, sollte mans nicht glauben – bis dahin, daß mans – mit seinen eigentümlichen Augen gesehen hätte – hallo! – Donner und Hagel, und als wenn nicht von Adam herunter ein ganzer Schwanz von Schustern hinge – einer am andern, und diese miserablige, naseweise Kröte, das Exkrementum von die ganze achtbare und notable Reihe! – I da soll ja –«

Die Base streckte dem erzürnten Meister abwehrend beide Arme entgegen, und Hans verkroch sich angstvoll hinter ihrem Stuhl und Rock.

»Raus mit ihm, Base! Wenn ich ihn nicht überlege als Mensch und wenn ich ihn nicht haue als Oheim, Pate und Vormund, so ist es mein Offizium als Meister von die löbliche Schusterzunft, daß ich ihm die Büchse prall ziehe. Stehe Sie beiseite, Base Schlotterbeck; ich will dem gottlosen und lasziven Lästermaul sein Urteil so gut hinten aufschreiben, daß er sich drei Tage nicht hinsetzen soll von wegen die Schriftzüge!«

»Aber Meister, was hat denn das arme Kind eigentlich gesagt, was Euch so aus Rand und Band bringt?« rief die Base, die ihr Leben in der Verteidigung ihres Lieblings geopfert haben würde.

»Was die Kreatur gesagt hat? Sie fragt noch?! Daß er kein Schuster werden will, weil er die löbliche Schusterei verachtet, hat er gesagt. Daß er seinen Oheim und Paten Grünebaum für n Pechesel und Phülister ästimiert, hat er gesagt. Der Deibel nehme die Graden und die Ungraden; ich aber, Niklas Grünebaum, will justement meinen Newö bei der Jacke nehmen. Diktus, faktus, gehe Sie mich stantepe aus die Sonne, gehe Sie mich auf die Stelle aus die angenehme Gelegenheit, Base Schlotterbeck!«

Die Base wich dem Zorn des göttlichen Schusters Nikolaus Grünebaum nicht; sie wurde allmählich ebenso hitzig als der wackere Meister. Erst mit sanft überredenden Worten, dann mit drohenden, zuletzt mit ausgespreizten Fingern und Nägeln verteidigte sie den armen Hans; und da die Nachbarschaft durch den Lärm in Scharen herbeigezogen wurde und da der Meister Grünebaum auf Anstand hielt und da er wußte, daß, wenn sechs, acht oder zwölf Gevatterinnen die Fäuste in die Seite stemmen, meistens ein Geschrei entsteht, welches kein Mann länger, als es unbedingt nötig ist, aushält: so gab er fürs erste klein bei oder verlegte wenigstens die Fortsetzung der Verhandlung in das Innere des Hauses. Der Nachbarinnen wegen riegelte er auch die Tür zu; aber der Frau Tiebus Entrüstung und der Frau Kiebike Verachtung drangen während einer geraumen Zeit doch hinein und ihm nach.

Der Oheim Grünebaum hielt jetzt seinen Neffen und Paten am Kragen, setzte sich auf den Arbeitsstuhl des Meisters Anton und zog den schluchzenden Sünder zwischen seine Knie, wo er ihn wie in einem Schraubstock hielt. Die Base Schlotterbeck stand kummervoll, aber machtlos daneben.

»Nun noch einmal von vorn!« rief der Oheim. »Also n Pechschuster muß dieses unglückselige Opferlamm werden und will es nicht?! Soll mich doch wundern, ob ich aus das Stückchen Unglück den Grund herausquetschen kann, weshalb es nicht nur seine eigene schätzbare Familie, sondern auch noch dazu das ganze hochlöbliche Schustergewerk verschimpfiert!«

Er schob seinen Schraubstock zu, und lautauf heulte Hans Unwirrsch:

»Weil der Moses das Latein lernt und Herr wird über die ganze Straße und die ganze Stadt und alle Jungen darin. Und weil meine Mutter ne arme Witfrau ist und weil der Herr Oheim mich auch nicht das Latein lernen lassen wird und weil und weil –«

»Und weil und weil – – Base Schlotterbeck, auf Euch gehts aus. Wenn ein Mensch angefangen hat, dem Jungen Dummheiten in den Kopf zu setzen, so seid Ihr die Perschon, mit Respekt zu sagen. Was, Latein? Ich will dich Knirps belateinen! Mit dem Juden drüben ists aus. Dir werde ich das Festkleben da drüben vertreiben! Laß mich noch einmal merken, daß du da hinüberschnüffelst, so will ich dich an der Nase fassen, daß du dein Lebtag kein Schnupptuch mehr gebrauchen sollst. Latein?! Konnte dein Vater Latein? Kann ich Latein? Und wir sind doch Meister und wohlberedte Leute geworden, und wenn ich im Roten Bock den Mund auftue, so klappt das weiteste Maul zu, ohne daß ich es mit Latein stopfe. Aber in dir, Junge, kommt dein Vater wieder heraus, das war auch so ein Phantastikus, und wenn er das Latein nicht konnte, so hatte er sich doch auf andere Schrullen gelegt; aber ich habe ihm auf dem Todbette versprochen, einen Menschen aus dir zu machen, und das soll geschehen. Da ist jetzt grade der König Karl in Frankreich, der macht es grade jetzt so mit seinen geliebten Untertanen und französischen Landeskindern, wie ich es mit dir machen werde, Hans Unwirrsch: willste nicht, so sollste. Also in aller Güte, willst du nun ein Schuster werden wie deine Vorfahren oder nicht?«

Da diese letzte Frage, mit einem neuen heftigen Druck des Schraubstocks verbunden, an Hans gestellt wurde, so konnte letzterer nicht umhin, seine vollkommene Übereinstimmung mit den Ansichten des Oheims kundzugeben. Die Tränenfluten aber, welche das Versprechen begleiteten, nahmen ihm freilich den größten Teil seines Wertes, und in dem sehr legitimen König Charles dix hatte sich der gute Meister Grünebaum auch nicht das rechte Muster für sein Verhalten ausgesucht. Es ist, als ob das Schicksal hinterlistigerweise manche Wegweiser nur deshalb aufpflanze, um sich mit der Menschheit einen nicht immer harmlosen Fastnachts- oder Aprilspaß zu machen.

Stumm hatte die Base des Meisters Wortschwall über sich ergehen lassen; als er nun aber endlich seine Meinung von der Seele los war, begann sie die Antistrophe zu singen, und das Wort ließ sie sich sowenig wie der Oheim Grünebaum nehmen.

»So! Also Er ist fertig, Gevatter, und hat gesagt, was Er zu sagen hatte? Das ist ein Glück für mich, das Kind und die vier Wände. Da sollte man ja auseinandergehen vor Grauen vor solcher Trompete. Ihr seid mir ein schöner Mann, Gevatter. Im Roten Bock mögt Ihr wohl allein das große Wort haben; aber hier haben doch auch noch andere Leute dareinzusprechen. Das Kind hat nichts gesagt, was einen halbwegs vernünftigen Mann aufbringen kann, und wenn es eine fremdländische Sprache lernen will, von der Er nichts versteht, Gevatter, so braucht Er darum noch lange nicht solch einen grausamen Aufruhr zu stiften. Ihr laßt Euer Vogelviehzeug auch nicht einzig singen, wie ihm der Schnabel gewachsen. Pfeift Ihr nicht etwa Eurem Dompfaffen tagelang den alten Dessauer vor, Gevatter Grünebaum? Ihr seid wohl ein rechter Schuster? Ihr habt wohl Grund, Euch Eures Handwerks zu rühmen? Ach du lieber Gott, ja, wenn man die Stiefel mit alten Lügenzeitungen flicken könnte und wenn man die Schusterei am besten nur auf der Bierbank im Roten Bock treiben könnte, so wäret Ihr wohl der Mann dazu. Seht mir doch! Er hat es wohl mit seinem Räsonieren vors ehrbare Handwerk weit darin gebracht, Grünebaum? Sei Er ganz still – die ganze Stadt weiß ja, wies mit Ihm bestellt ist. Keinen ganzen Stuhl im Haus, keinen heilen Rock am Leib – besehe Er sich nur in dem Spiegel und dann spreche Er die Wahrheit, ob Er ein Musterbild und Exempel von m Schuster für die Menschheit ist. Grünebaum, Grünebaum, wenn das Kind nicht dabeistände und ich mir davor zusammenhielte, so wollt ich Euch den Text schon lesen; Ihr seid mir ein schöner Vormund; aber laßt nur die Christine nach Hause kommen!«

Auch die Base Schlotterbeck hatte den trefflichen Meister Grünebaum in den Schraubstock genommen, und jedesmal, wenn sie zukniff, zuckte der arme Mann nicht weniger zusammen als vorhin Hans Unwirrsch. Er wand sich wie ein Aal, welchem die Köchin lebendig die Haut vom Leibe zieht. Mit beiden Händen griff er nach dem Kopfe, fand jedoch wenig Erleichterung darin, daß derselbe nicht auf den Küchentisch genagelt war. Sein Selbstgefühl erlitt beträchtlichen Schaden, und als die Base notgedrungen Atem schöpfen mußte, gab es, trotzdem daß sie sich so meisterlich zusammengehalten hatte, in ganz Neustadt keinen Schuster von kläglicherer Erscheinung als den Meister Niklas Grünebaum. Rückwärts schreitend zog er sich gegen die Tür zurück, ein Bild äußerster Entwürdigung innerlich und äußerlich.

»Himmeldonnerwetter!« brummte er, den Riegel wegschiebend und die Tür öffnend; aber das Brummwort bedeutete keinen Fluch, keine Verwünschung; es war nur eine unwillkürliche Interjektion der allerbedrängtesten Verblüfftheit. Für jetzt war der Oheim Grünebaum nicht mehr fähig, den Kampf gegen die Sprache der Römer fortzusetzen. Und dazu brachte der Postkurier für Stadt und Land an diesem selbigen Abend so wichtige, unerhörte, kuriose Nachrichten: Rewwolution in Paris! Bollinjak an die Beine aufgehängt! Fünfzigtausend Pariser niederkradätscht! Garden, Linie und Schweizer totalemang kaputtgemacht! Thron von Frankreich und Navarra in die Luft geflogen! Güljottine, Marseljäse, Barrikaden! . . .

Der Politiker, Schuster, Vormund und Oheim Nikolaus war wie vor den Kopf geschlagen: es kostete im Roten Bock mehr als einen Extraschoppen, ehe er sich zu der Überzeugung, daß er das große politische Ereignis längst vorhergewußt und vorausgesagt habe, emporschwingen konnte. Endlich brachte er es aber doch gottlob wieder fertig, und je schwankender sein körperlicher Zustand wurde, desto mehr wuchs wieder der Glaube an seine moralische und staatsmännische Unfehlbarkeit. Er trug sein schweres Haupt in vollkommener Zufriedenheit mit sich selbst zu Bett und schlief den Schlaf des Gerechten, was Hans Unwirrsch und seine Mutter nicht taten und die Base Schlotterbeck auch nicht.

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