Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Sechstes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Eine schöne liebliche Nacht war auf den Tag gefolgt; über ganz Europa und seine Völker schien der Mond. Alles Gewölk war fortgetrieben und lagerte und lauerte nun auf dem Atlantischen Ozean: wer schlafen konnte, schlief; aber es konnten nicht alle schlafen!

Brautnacht und Todesnacht zugleich! Durch die Wälder spritzten die Bäche ihre silbernen Funken; die großen Ströme flossen still und glänzend. Die Wälder, Wiesen und Felder, die Seen, Flüsse und Bäche, die waren in voller Harmonie mit dem Mond, aber das wunderliche Pygmäenvolk der Menschen in seinen Städten und Dörfern, weit davon entfernt, in Übereinstimmung mit sich selber zu sein, ließ in jener Beziehung manches zu wünschen übrig. Wäre er nicht der »sanfte« Mond gewesen, hätte er nicht einen guten Ruf zu bewahren gehabt, er würde der Menschheit trotz allen Dichtern und Verliebten nicht geleuchtet haben. Er war sanft und schien; – zu allem andern rührte ihn vielleicht auch noch das Vertrauen der städtischen Verwaltungen, die sich auf ihn verließen und seinetwegen ihre Straßenlaternen nicht anzündeten.

Er schien mit gleicher Klarheit und Sanftmut über Europa – auf die wilde, arme Stadt Paris, wo so viele Tote noch unbegraben lagen und so viele blutige Verwundete mit dem Tode rangen, nicht anders als auf die winzige Stadt Neustadt in ihrem friedlichen, weiten Tal. Er guckte mild in die überfüllten Spitäler und Leichenkammern; – er guckte mild in die Reisekutsche des zehnten Karls und nicht weniger mild in die niedrige Kammer, in welcher die Frau Christine Unwirrsch mit ihrem Knaben lag.

Das Kind schlief, aber die Mutter lag wachend, konnte nicht schlafen vor dem, was sie gehört hatte, nachdem sie von ihrer schweren Arbeit so müde nach Hause gekommen war.

Es hatte ziemlich lange gedauert, ehe sie den verworrenen Bericht, den ihr Hans und die Base Schlotterbeck gaben, verstand; sie war eine einfache Frau, die Zeit brauchte, ehe sie sich in irgendeiner Sache, welche über ihre tägliche Arbeit und ihren armen Haushalt hinausging, zurechtfand. Wenn sie ein Ding begriff, so konnte sie freilich dasselbe auch ordentlich und verständig auseinanderlegen und das Für und Wider jeder Einzelheit gehörig betrachten und gegeneinander abwiegen; aber dieses Streben ihres Kindes aus der Dunkelheit nach dem Licht konnte sie kaum in seinen weitesten Umrissen verstehen.

Sie wußte nur, daß sich in diesem ihrem Kinde jetzt derselbe Hunger offenbart hatte, an welchem ihr Anton gelitten hatte, dieser Hunger, den sie nicht verstand und vor welchem sie doch einen solchen Respekt hatte, dieser Hunger, welcher den lieben seligen Mann so gepeinigt hatte, der Hunger nach den Büchern und den Wunderdingen, welche in ihnen verborgen lagen. Die Jahre, welche hingegangen waren, seit man ihren Gatten zu Grabe trug, hatten keine Erinnerung verwischt. In dem Gemüt der stillen Frau lebte der gute Mann noch mit allen seinen Eigentümlichkeiten, deren kleinste und unbedeutendste der Tod verklärt und zu einem Vorzug gemacht hatte. Wie er mit der Arbeit einhielt und minutenlang selbstvergessen in die Glaskugel vor seiner Lampe starrte, wie er auf Spaziergängen am schönen Feiertag plötzlich stillstand und den Boden betrachtete und das Himmelsgewölbe, wie er nachts erwachte und stundenlang schlaflos im Bette saß, unzusammenhängende Worte murmelnd: das alles war nicht vergessen und konnte nie vergessen werden. Wie der gute Mann zwischen Seufzern und frohen Aufwallungen, zwischen heiterer und niedergeschlagener Stimmung in seinem Handwerk sich abquälte – wie er in seinen seltenen Feierstunden so sehr studierte und vor allem, wie er auf seinen Sohn hoffte und so wunderlich hochhinauf träumte von der Zukunft dieses Sohnes: das stand der Frau Christine klar vor der Seele.

Die Mutter richtete sich von ihrem Kopfkissen empor und blickte nach dem Lager des Kindes hinüber. Der Mondschein spielte auf der Decke und den Kissen und verklärte das Gesicht des schlafenden Knaben, welcher sich nach seinem betrübten Bericht in den Schlaf geweint hatte und auf dessen Wangen noch die Spuren der Tränen zu finden waren, obgleich er jetzt im Schlummer wieder lächelte und nichts mehr wußte von dem Kummer des Tages. Rund um die Stadt Neustadt in den Büschen und am Rande der Gewässer regte sich das Nachtgevögel; des Nachtwächters rauhe Stimme erschallte bald näher, bald ferner; die Uhren der beiden Kirchen zankten sich um die richtige Zeit und waren sehr abweichender Meinung; sehr lebendig waren alle Neustädter Fledermäuse und Eulen, die ihre Stunden ganz genau kannten und sich um keine Minute irrten; Mäuse zirpten hinter der Wand der Kammer, und eine Maus raschelte unter dem Bette der Frau Christine; eine Brummfliege, welche auch nicht schlafen konnte, summte bald hier, bald da, stieß mit dem Kopf bald gegen das Fenster, bald gegen die Wand und suchte vergeblich einen Ausweg; es knackte in der Stube der Großvaterstuhl hinter dem Ofen, und auf dem Hausboden trappelte und schlich es so schauerlich und gespenstig, daß es schwerhielt, den beruhigenden Glauben an »Katzen« festzuhalten. Die Frau Christine Unwirrsch, welche als eine ahnungsvolle Seele sonst ein scharfes, ängstliches Ohr für alle Töne und Laute der Nacht hatte und an dem Hereinragen der Geisterwelt in ihre Kammer nicht im mindesten zweifelte, hatte in dieser Nacht nicht Zeit, darauf zu horchen und die Gänsehaut darüber zu bekommen. Ihr Herz war zu voll von andern Dingen, und die Gespenster, die zwischen Erd und Himmel wandeln und mit den Nerven der Menschen ihr Spiel treiben, hatten keine Macht über sie. Die Mutter fühlte die Verantwortlichkeit für das Schicksal ihres Kindes schwer auf sich lasten, und obgleich sie eine ungebildete, arme Frau war, so war ihre Sorge darum nicht geringer, ja ihre Sorge war vielleicht noch schwerer, weil ihr Begriff von dem Verlangen ihres Kindes mangelhaft und unzureichend war.

Lange betrachtete sie den schlafenden Hans, bis der Mond am Himmelsgewölbe weiterglitt und der Strahl von dem Bette verschwand und sich langsam gegen das Fenster zurückzog. Als endlich vollkommene Dunkelheit die Kammer füllte, seufzte sie tief und flüsterte:

»Sein Vater hats gewollt, und es soll niemand gegen seines Vaters Willen sich setzen. Der liebe Gott wird mir armem, dummem Weib schon helfen, daß das Rechte daraus wird. Sein Vater hats gewollt, und das Kind soll seinen Willen haben nach seines Vaters Willen.«

Sie erhob sich leise von ihrem Lager und schlich, um den schlafenden Knaben nicht zu wecken, auf bloßen Füßen aus der Kammer. In der Stube zündete sie die Lampe an. Auf den Arbeitsstuhl ihres Mannes setzte sie sich noch einige Augenblicke nieder und wischte die Tränen aus den Augen; dann aber trug sie das Licht zu jener Lade im Winkel, von der wir schon vorhin erzählt haben, kniete davor nieder und öffnete das altertümliche Schloß, welches dem Schlüssel so lange als möglich den hartnäckigsten Widerstand entgegensetzte.

Als der schwere Deckel zurückgelegt war, erfüllte ein Duft von frischer Wäsche und getrockneten Kräutern – Rosmarin und Lavendel – das Zimmer. Diese Lade enthielt alles, was die Frau Christine Köstliches und Wertvolles besaß, und sorgsam nahm sie sich in acht, daß keine Träne dazwischen falle. Sorgsam legte sie die bunten und weißen Tücher zurück, jede Falte sogleich wieder glättend; vorsichtig stellte sie die Schächtelchen mit alten armseligen Spielereien, zerbrochenen, wohlfeilen Schmucksachen, vereinzelten Bernsteinperlen, Armbändern von farbigen Glasperlen und dergleichen Schätzen der Armen und der Kinder zur Seite, bis sie fast auf dem Grunde des Koffers zu dem kam, was sie in der Stille der Nacht suchte. Mit scheuer Hand holte sie erst ein Kästchen mit einem Glasdeckel hervor; ihr Haupt senkte sich tiefer, als sie es öffnete. Es enthielt das Liederbuch des Meisters Anton, und auf demselben lag ein vertrockneter Myrtenkranz. Wie ferne Glocken, wie Orgelklang durchzitterte es die Nacht und die Seele der knieenden Frau; nicht klarer und deutlicher sah die Base Schlotterbeck die Toten lebendig, als die Frau Christine sie in diesem Augenblick sah. Sie faltete über dem offenen Kästchen die Hände, und leise bewegten sich ihre Lippen. Es fiel ihr zwar weiter kein Gebet ein als das Vaterunser, aber es genügte.

Ein zweites Kästchen stand neben dem ersten, ein altes Ding von Eichenholz, eisenbeschlagen, mit festem Schloß, eine künstliche Arbeit aus dem siebenzehnten Jahrhundert, welche schon seit Generationen im Besitz der Unwirrsche gewesen war. Diesen Kasten trug die Frau Christine zum Tisch, und ehe sie ihn öffnete, legte sie erst in der Lade alles wieder sorgsam an seinen Platz; sie liebte die Ordnung in allen Stücken und übereilte selbst auch jetzt nichts.

Hellen Glanz gaben die kleine Lampe und die schwebende Glaskugel, aber das altersschwarze Kästchen auf dem Tische überstrahlte sie doch, sein Inhalt sprach lauter von der Köstlichkeit der Elternliebe, als wenn ihr Preis unter dem Schall von tausend Trompeten auf allen Märkten der Welt verkündet worden wäre. Das Schloß sprang auf, und der Deckel schlug zurück: Geld enthielt der Kasten! – viel, viel Geld – silberne Münzen von aller Art und sogar ein Goldstück, eingewickelt in Seidenpapier. Reiche Leute hätten mit Recht über den Schatz lächeln können, aber wenn sie jeden Taler und Gulden nach dem wahren Wert hätten bezahlen sollen, so würde vielleicht all ihr Reichtum nicht genügt haben, den Inhalt des schwarzen Kastens auszukaufen. Mit Schweiß und Hunger war jede Münze gewonnen worden, und tausend edle Gedanken und schöne Träume hingen daran. Tausend Hoffnungen lagen in dem dunkeln Kästchen, sein edelstes Selbst hatte der Meister Anton darin verborgen, und all ihre Liebe und Treue hatte Christine Unwirrsch hinzugelegt.

Wer sah das dem ärmlichen Häuflein abgegriffener Geldstücke an?

Ein kleines Buch, bestehend aus wenigen zusammengehefteten Bogen grauen Konzeptpapiers, lag neben dem Geld; des Vaters Hand hatte die ersten Seiten mit Buchstaben und Zahlen gefüllt, dann aber hatte der Tod den Schlußstrich unter des wackeren Meisters Anton Rechnung gezogen, und nun hatte bereits durch lange Jahre die Mutter Buch gehalten auf Treu und Glauben ohne Buchstaben und Ziffern, und die Rechnung stimmte immer noch.

Wie oft hatte sich die Frau Christine Unwirrsch hungrig zu Bett gelegt, wie oft hatte sie allen möglichen Mangel erduldet, ohne der Versuchung, die Hand nach dem schwarzen Kästchen auszustrecken, zu unterliegen! In jeder Gestalt war die Not an sie herangetreten in ihrer kümmerlichen Witwenschaft, aber heldenhaft hatte sie Widerstand geleistet. Auch ohne Schriftzeichen und Zahlenzeichen konnte sie in jedem Augenblick Rechenschaft ablegen; – sie trug keine Schuld, wenn aus dem schwarzen Kästchen nicht die glückliche, ehrenvolle Zukunft, die der Tote für seinen Sohn erträumt hatte, emporstieg.

Länger als eine Stunde saß die Frau Christine in dieser Nacht vor dem Tisch, zählte an den Fingern und rechnete, während drüben im Hinterstübchen des Trödlerhauses ebenfalls ein Mann rechnend und zählend saß. Auch Samuel Freudenstein wachte für seinen schlafenden Knaben. Manche Rolle mit Goldstücken, manche Rolle mit Silberstücken lag vor ihm; er hatte mehr in die Waagschale des Glückes seines Kindes zu werfen als die arme Witwe.

»Ich will ihn wappnen mit allem, was eine Waffe ist!«murmelte er. »Sie sollen ihn finden gerüstet auf allen Seiten, und er soll ihrer spotten. Ein großer Mann soll er werden; er soll alles haben, was er will. Ein Knecht war ich, er soll ein Herr sein im fremden Volk, und leben will ich in seinem Leben. Einen guten Kopf, ein scharfes Auge hat er; er wird seinen Weg gehen. Er soll gedenken an seinen Vater, wenn er ist angekommen auf der Höhe; leben will ich in seinem Leben.«

Die Witwe teilte ihren kümmerlichen Tageslohn in zwei Teile. Der größte derselben fiel in das Kästchen von Eichenholz zu den andern Ersparnissen so langer, mühevoller Jahre, und einen hellen Klang gaben die schlechten Münzen. Mehr als hundert blanke Taler legte Samuel Freudenstein zu dem Vermögen seines Sohnes; niemand in der Kröppelstraße hatte eine Ahnung davon, welch ein reicher Mann der Trödler allmählich wieder geworden war.

Aus der Kammer der Witwe war der Mondschein gänzlich wieder verschwunden, als die Mutter fröstelnd zurückschlich aus der Stube. Noch immer schlief Hans Unwirrsch fest und erwachte auch nicht von dem Kuß, den die Mutter auf seine Stirn drückte. Auch die Lampe erlosch, und die Frau Christine schlief bald so sanft wie ihr Kind. Um das Bett des Königs Salomo standen mit Schwertern in den Händen sechzig Starke, geschickt zum Streiten, »um der Furcht willen in der Nacht«; zu Häupten der Witwe und ihres Kindes jedoch stand ein Geist, der bessere Wache hielt als alle Gewappneten in Israel. –

Fast den ganzen Sommer hindurch dauerte der Kampf gegen den Oheim Grünebaum. Einen so hartnäckigen Schuster hatte die Welt lange nicht gesehen. Tränen, Bitten und Vorstellungen erweichten, rührten und überzeugten ihn nicht. Ein Mann, der es mit den sieben weisen Meistern in jeder Beziehung aufnahm, ließ sich durch zwei alberne Weibsbilder und einen dummen Jungen so leicht nicht seinen Standpunkt verrücken. Beschlossen hatte er in seiner zottigen Männerbrust, daß Hans Unwirrsch wie alle anderen Unwirrsche und Grünebäume ein Schuster werden müsse, und mit höhnischem Gepfeife schlug er alle Angriffe auf seinen Verstand, seine Vernunft und sein Herz zurück. Es verging kaum ein Tag, an welchem er nicht die Base Schlotterbeck aus ihrer Gelassenheit herausflötete. Je mehr sich die Frauen ärgerten, je hitziger sie in ihren Argumenten, je schärfer sie in ihren Worten wurden, desto melodiöser wurde der Oheim Grünebaum. Mit einer mutigen, kriegerischen Weise begleitete er gewöhnlich den Anfang jeder neuen Unterhandlung, und unter den schmelzendsten, sehnsüchtigsten Melodien brachte er sie ergebnislos zu Ende.

»Gevatter, Gevatter«, rief die Base, »wenn das Kind unglücklich wird, so ists Eure Schuld – Eure Schuld allein! Solch ein Mensch wie Ihr ist mir in meinem ganzen, lieben, langen Leben nicht vorgekommen.«

Ob nun das Lied vom Prinzen Eugen zur Beantwortung dieser Anmahnung gesungen worden war, konnte einigem Zweifel unterliegen: der Meister Grünebaum wie »selber ein Türke!« pfiff es.

»O Niklas«, rief die Schwester, »was bist du für ein Mann! Es ist ein so gutes Kind, und seine Lehrer sind so mit ihm zufrieden, und sein Vater hats gewollt, daß er alles lernen solle, was es zu lernen gibt. Denke an Anton, Niklas, und gib dich, ich bitte dich herzlich drum.«

Der Oheim Grünebaum gab sich noch lange nicht. Er drückte den Gedanken, daß die Schusterei ebenfalls ein schönes, nachdenkliches, gelehrtes Geschäft sei und daß das Handwerk einen goldenen Boden habe, sehr bezeichnend, durch die Melodie: Die Leineweber haben eine saubere Zunft, aus, ließ sich aber auf Weiteres nicht ein.

»Pfeife Er nur!« schrie die Base, erbost die Arme in die Seite stemmend. »Pfeife Er nur zu, Er Narr! Ich aber sage Ihm, Er mag sich nur auf den Kopf stellen, das Kind soll doch auf die Hohen Schulen und Universitäten. Sitze Er nur wie ein geblendeter Gimpfel, pfeife Er nur zu. Base Unwirrsch, heule Sie nicht, tue Sie ihm nicht den Gefallen, er hat nur seine abscheuliche Lust daran. Solch ein Tyrann! Solch ein Barbare; und es ist doch Ihr Kind, Base, nicht seins! Aber der liebe Gott wird schon ein Einsehen haben, lasse Sie nur die Schürze vom Auge, Base. Pfeife Er jetzt nur zu, Gevatter, aber verantworte Er nachher es auch und überlege Er sich, was Er einst dem Meister Anton da oben sagen will!«

Es schien, als ob der Oheim Grünebaum sich dereinst bei seinem seligen Schwager durch das schöne Lied: Saß ein Eichhorn auf dem Heckendorn, verantworten wolle, wenigstens pfiff er es nachdenklich und gerührt und drehte dazu die Daumen umeinander.

»O Niklas, was für ein hartherziger Mann du bist!« schluchzte die Schwester. »Die Base hat ganz recht, du wirst es nicht verantworten können, was du an deines Schwagers Kind tust.« –

»Und lieber noch n Lumpensammler als solch ein lumpiger Flickschuster, der dem lieben Gott seine Tage im Roten Bock auf der Bierbank abstiehlt. Und solch eine Kreatur will sich dagegen setzen und hinten ausschlagen, wenn ein armes Kind über ihr hinauswill! Wenn er sich nur die Hände waschen und die Haare kämmen wollte, der Mann; ich möchte den sehen, welchem es eine Ehre wäre, ihn zum Vorbild und Muster zu nehmen. Es lebt so was weiter nicht, und so einer will andere abhalten, sich rein zu waschen und ihren Eltern Ehre zu machen. Aber ich bau auf den Herrgott, Meister Grünebaum. Derselbige wird Euch schon zeigen, was Ihr eigentlich seid, s ist doch wirklich ne Lächerlichkeit, daß ein Mensch den Vormund spielen will, der sich selber nicht bemündeln kann,«

Die Melodie: Guter Mond, du gehst so stille, muß in der Tat eine sehr besänftigende Wirkung auf die menschlichen Gefühle ausüben; der Oheim Grünebaum pfiff sie schmelzend, solange die Base Schlotterbeck redete, und wie großer Zorn auch in seinem Busen kochen mochte, die Welt bekam nichts davon zu sehen. Hans Unwirrsch, mit seinem Bücherränzel aus der Schule heimkehrend, fand die beiden Frauen in sehr erregter Stimmung, mit hochroten Gesichtern, und den Oheim sehr gefaßt, gleichmütig und kühl; – er ahnte wohl, wovon wiederum die Rede gewesen war, aber selten erfuhr er etwas Näheres über die Verhandlung.

Gewöhnlich nahm der Oheim Abschied, indem er einen Choral oder sonst eine schwermütige Weise flötete und dabei den armen Hans grinsend in das Ohr kniff; Mephistopheles hätte ihn um sein Lächeln beneiden können, und die Frauen fielen nach seinem Abmarsch gewöhnlich matt und gebrochen auf die nächsten Stühle und waren für mehrere Stunden unfähig, an die menschliche und göttliche Gerechtigkeit zu glauben.

Im Kornfelde blitzte und klang die Sense: der Oheim Grünebaum hatte noch immer nicht nachgegeben. Allerlei Früchte lösten sich, ohne daß der Wind wehte, von den Zweigen und fielen herab: der Oheim Grünebaum hielt seine Meinung hartnäckiger als je fest. Silberne Fäden umspannen die Welt und schwebten durch die Luft: der Oheim Grünebaum schwebte nicht mit, sondern lachte Hohn von seinem niedrigen Dreifuß. Bunt und immer bunter färbte sich der Wald, aber des Oheim Grünebaums Ansicht von Welt und Leben hielt Farbe. Moses Freudenstein brüstete sich immer stolzer in seinem Triumphe, und Hans Unwirrsch sah immer kläglicher und trübseliger drein. Die Singvögel flöteten ihre letzten Weisen und rüsteten sich zur Abreise nach Süden: der Oheim Grünebaum flötete auch, aber er blieb im Lande und nährte sich redlich, denn er war zu sehr überzeugt, daß er nicht zu entbehren sei in Neustadt, im Roten Bock und in seiner Familie. Kein Deus ex machina stieg herab, dem armen Hans Hilfe zu bringen, und so blieb ihm zuletzt nichts weiter übrig, als sich selber zu helfen. Er führte einen Plan aus, der längerer Zeit bedurft hatte, um in seiner kleinen Brust zu reifen, setzte dadurch die Base und die Mutter in schwindelnde Verwunderung und brachte den steifnackigen Oheim Grünebaum vollständig aus der Fassung.

An einem Sonntagmorgen zu Anfang des Septembers hatte der Gymnasialprofessor und Doktor der Philosophie Fackler das Reich allein in seinem Haus und fühlte sich geborgen, behaglich wie selten in seiner Studierstube. Die Frau Professorin und Doktorin befand sich mit ihren beiden Töchtern in der Kirche und bat höchstwahrscheinlich den lieben Gott um Verzeihung für die unruhigen Stunden, welche sie dann und wann dem »guten Mann«, d. h. ihrem Gemahl und Herrn bereitete. Die Magd hatte sich in Privatangelegenheiten entfernt: still war das Haus, ein grauer Tag blickte freilich in die mit Tabakswolken gefüllte Studierstube, aber die freudige Seele des Professors wandelte auf blauem Gewölk mit dem Liederbuch des Quintus Valerius Catullus und schlürfte die wonnigen Minuten der Freiheit –

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