Frei Lesen: Der Hungerpastor

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Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Siebentes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Die Pforte, die sich nun vor unserm Hans geöffnet hatte, führte, wie jeder, welcher durch sie schritt, weiß, nicht gleich in die weiten, hohen, herrlichen Säle, wo die weißen Marmorgestalten, die aus dem Schutt der klassischen Welt aufgegraben wurden, feierlich die Wände entlangstehen. Sowohl Hans als Moses fanden das sehr bald aus, doch ersterer hatte mit dem Faktum bitterer zu kämpfen als der letztere. Verwirrt und bestürzt stolperten beide auf der heiligen Schwelle und rutschten durch den abschüssigen Gang des Vokabulariums hinab in das grauenvolle Labyrinth der Deklinationen und Konjugationen, in welchem der Kollaborator Klopffleisch als erbarmungsloser Minotaur auf seine Opfer wartete. Aber Moses Freudenstein fand sich schnell wieder auf den Füßen, während Hans Unwirrsch noch längere Zeit kläglich auf seinem Hinterteil sitzenblieb und verloren, verraten und verkauft um sich starrte. Die schnelle Fassungsgabe, das treffliche Gedächtnis des jüdischen Knaben hoben ihn schnell über die ersten Schwierigkeiten der gelehrten Laufbahn weg, und nur mühsam und keuchend konnte Hans ihm folgen.

Doch Wille ist Werk, und Hans Unwirrsch hatte den besten Willen, seinen Freund nicht aus den Augen zu verlieren; alle Kraft setzte er daran, und der Kollaborator Klopffleisch respektierte bald den Willen seines Schülers.

Glückliche Jahre! Ach wenn sie nur nicht so schnell vorüberrauschten, o Posthumus, liebster Posthumus!

Eben schien noch die heiße Julisonne durch die Fenster der Quinta auf unsere Köpfe, und wir schwitzten zu allem andern Schweiß dicke Angsttropfen über der zerlesenen Grammatik, während die Vögel draußen in den Bäumen uns auslachten und die Fliege, die frei über das blaue Heft spazierte, die frech um die Nase des Magisters summte, uns ein beneidenswertes Tier dünkte! Nun ist es schon Winter, Schnee liegt auf dem Boden und den Dächern und wird vom freien, lustigen Wind gegen die Fenster der Quarta gewirbelt. Der Wind und die tanzenden Flocken höhnen uns nicht weniger als die Sommervögel und die Fliegen; es gewährt uns nur eine sehr mangelhafte Genugtuung, daß wir uns nach Herzenslust über den Kornelius Nepos aufhalten dürfen, weil er seine Vorrede mit einem grammatikalischen Fehler anfängt und nun dubito nicht mit quin konstruiert. Eine ganz andere Befriedigung würde es uns geben, wenn wir dem edlen Römer draußen auf dem Marktplatz die Qualen und den Jammer, welche er über so manche Generation von Schulbuben gebracht hat, durch einen tüchtigen Hagel von Schneebällen heimzahlen könnten. O Posthumus, wie schnell rauschen die Jahre! Eben saßen wir noch als Tertianer wie junge Affen flegelhaft, zähnefletschend und schnatternd im Baum der Wissenschaften und fanden wenig Geschmack an den vielgepriesenen Früchten besagten Baumes: nun ist das auf einmal ganz anders geworden. Wir werden in der Sekunda mit »Sie« angeredet; weit in nebelgrauer Ferne liegt jene Zeit, wo wir selbst des Nachts in unseren Träumen nicht vor dem Rohrstock des Kollaborators Klopffleisch sicher waren; – wir haben unter den Folgen der ersten Zigarre schauerlich, aber heldenhaft gelitten; einige von uns erweitern ihre Ansicht von ihrer gesellschaftlichen Stellung und Würde dadurch, daß sie Brillen von Fensterglas aufsetzen; wir fangen an, vor den Fenstern der ersten Klasse der Mädchenschule Parade zu machen, und einen Hauptgegenstand unserer Unterhaltung bilden die Vorfälle der Tanzstunde. Grinsend stoßen wir einander unter den Tischen die Fäuste in die Seite, wenn der Konrektor Gnurrmann über einzelne Stellen und Szenen klassischer Dichtung schnell hinweggleitet oder sie ganz überschlägt; – wir haben diese Stellen natürlich längst und gründlich studiert und halten sie für die besten im Buche, und es ist ein Wunder, wenn unser Exemplar der Odyssee nicht stets da auseinanderfällt, wo Demodokos den Phäaken zur klingenden Harfe den schönen Gesang »über des Ares Lieb und der reizenden Aphrodite« singt. Es ist ein Glück, daß wir das andere Geschlecht in dieser blöden, bärenhaften Epoche unseres Daseins so sehr fürchten, daß das, was uns zum erstenmal so geheimnisvoll, so unverständlich wunderlich anzieht, uns zu gleicher Zeit in so respektvolle Entfernung zurückstößt. O selige Zeit, wo wir, ein Zwitterding vom Knaben und Jüngling, im Grunde genommen mit unserem Dasein nicht das mindeste anzufangen wissen und zwischen Verständigkeit und Unsinn angenehm für uns, sehr unangenehm aber für unsere lieben erwachsenen Angehörigen in der Schwebe hängen.

Ganz anders sieht sich Welt und Leben von den Bänken der Prima an. Selbstgefühl entfaltete sich schon im vorigen Stadium im reichlichsten Maße in unserer Brust; jetzt steht es in voller Blüte, wir werden sehr kitzlig im Punkt der Ehre. Der »erworbene« Charakter entwickelt sich nun immer schneller, bei manchem steht er bereits vollkommen fest. So recht zufrieden sind wir freilich nicht mehr mit unserm Zustand; das Studententum lockt in zu großer Nähe, und fester noch als unser Charakter steht in unserer Seele die Form des Bartes, den wir in Jena oder Göttingen tragen werden. Unsere Stimme schnappt nicht mehr über, wohl aber öfter unsere Ansicht von der Achtung, welche uns die Herren Lehrer schuldig sind; es kann vorkommen, daß unsere Anschauung in diesem Punkte allzusehr von der des Professors Fackler abweicht und daß wir in schnöder Weise deshalb vom Maturitätsexamen zurückgesetzt werden.

O Posthumus, Posthumus, was würden wir darum geben, wenn wir die Jahre zwischen dem zehnten und dem zwanzigsten noch nicht hinter uns hätten! Sie hatten ihre Leiden und Ängste; aber wir sprechen doch am liebsten von ihnen, wenn wir grauköpfig, kahlköpfig abends im Goldenen Löwen oder Silbernen Lamm, im Kasino oder in der Harmonie unsere Stühle zusammenrücken und den Staub des Berufs abschütteln oder hinunterspülen! Wir vergessen darüber die Stunde, in welcher die Frau uns daheim erwartet, wir vergessen darüber die Aktenstöße, die sich um unseren Schreibtisch türmen, die Nase, welche wir heute von einem hohen Vorgesetzten erhielten; wir vergessen darüber unsern Rheumatismus, unsere heiratsfähigen Töchter und unsern Hausherrn, der uns wieder um ein Drittel des Mietzinses gesteigert hat. Nur mit Mühe können wir bei der Nachhausekunft unserm ältesten Schlingel Eduard, welcher heute einen zwölfstündigen Karzer absaß, den gebührenden Ernst zeigen. Wir haben in demselben Karzer gesessen, und wenn seitdem die Wände nicht geweißt worden wären, so hätte unser hoffnungsvoller Sprößling mehr als eine der damaligen Lebensmaximen seines Erzeugers darin finden können. Aber die Wände sind glücklicherweise geweißt, und die Porträts des Oberlehrers Säger, welche damals unser Mitdulder Fritze Scharfnagel ebenso kühn als geistreich entwarf, sind heute durch ebenso kühne als geistreiche Karikaturen auf den Oberlehrer Dr. Scharfnagel ersetzt.

Eheu fugaces, Posthume, Posthume,
Labuntur anni!

Moses Freudenstein und Hans Unwirrsch gingen ihren Weg durch die verschiedenen Klassen, aber in beiden haben wir dem Leser zwei Ausnahmen des Schülerlebens vor die Augen stellen müssen. In einer Ausnahmestellung befand sich Moses schon durch seine Nationalität und seine Religion, welche ihn hinderten, in dem Gemeinwesen des Gymnasiums gleichberechtigt mitzu»taten« und mitzu»raten«; der Sohn der Witwe aber wurde durch seine Armut gezwungen, dem fröhlichen Gewimmel fernzubleiben. Wie früher gingen auch jetzt die beiden Freunde aus der Kröppelstraße vereinsamt auf einem Seitenpfade und warteten auf den Stundenschlag, durch welchen sie in die Mitte des Getümmels der Welt gerufen werden sollten.

Aus dem Dachstübchen, der Polterkammer, in welche sich einst der Meister Anton am Geburtstage seines Sohnes aus dem Weibertumult rettete, hatte Hans seine Studierstube gemacht. Hier hatte er seine wenigen Bücher und sein Tintenfaß aufgestellt, hier war er ein glücklicher Herrscher im Reich der Gedanken und Träume und hielt Zwiesprache mit allen Geistern, die er heraufbeschwören konnte. Harte Kämpfe kämpfte er hier mit den Wächtern, die vor den Pforten jeder Wissenschaft liegen, und überwältigte mit Schweiß und unsäglicher Mühe das, über was der semitische Grammatiker Moses spielend hinwegschritt. Letzterer hatte den Vorteil, daß die Phantasie sich ihm nicht hindernd in den Weg stellte. Geradeaus ging er mit klarem Kopf und scharfen Augen; die verlockenden Wege, die seitab ins Grüne, aber auch in die wirre Wildnis führen, waren für ihn nicht da. Moses Freudenstein sah nicht, während der Doktor Fackler die schwierigen Satzbildungen des Thucydides konstruierte, hinaus auf die blauschimmernde Fläche des Ionischen Meeres, sah nicht auf der Meereshöhe die weißen Segel von Korzyra auftauchen, sah nicht die hundertundfünfzig Schiffe der Korinther von Chimerium heranschweben. Wenn der Professor von den Thraniten, Zygiten und Thalamiten, den Arten der Ruderer, sprach, so vernahm Moses Freudenstein nicht ihr Jauchzen, wie die Flotten aufeinanderstießen. Er vernahm nicht den Befehlruf der Stolarchen, das Krachen der Schiffsschnäbel, das Triumphgeschrei des Siegers, das Wehgeheul des Sinkenden; er sah nicht die blaue Flut rotgefärbt, sah sie nicht bedeckt mit Trümmern und Leichen; und wenn der Professor plötzlich eine Frage an ihn richtete, so fuhr er nicht ratlos und beschämt auf wie der arme Hans Unwirrsch, der all das eben Geschilderte sah und hörte, der aber ganz und gar vergessen hatte, daß es sich weniger um die Schlacht am Vorgebirge Leukimme und den Beginn des Peloponnesischen Krieges als um die Ansicht des Professors Fackler über die Konstruktion mit δέ handelte.

Der Professor schüttelte jedoch bei solchen Gelegenheiten nur ganz leise den Kopf, ohne eine der trefflichen Reden zu halten, die er sonst so gern von sich gab. Seit an jenem längst vergangenen Sonntagmorgen das verweinte, stammelnde Bürschlein in den zu langen Hosen und der zu engen Jacke vor ihm erschienen war, hatte es stets bei ihm einen Stein im Brette gehabt; er hatte den Knaben auf seinem Wege durch die Klassen seiner Hohen Schule nicht aus den Augen verloren; er wußte, daß es von Übel sein würde, den scheuen Jüngling noch mehr zu verschüchtern, und nahm vielleicht ein regeres Interesse an ihm als an irgendeinem andern seiner Schüler. Vor Moses Freudenstein schien sich der gute Mann ein wenig zu fürchten; aber Gerechtigkeit ließ er ihm ebenfalls widerfahren. –

Einen flüchtigen Blick haben wir bereits in das Hinterstübchen des Trödlerhauses geworfen; jetzt müssen wir uns näher damit bekannt machen. Es war so dunkel, wie man es nur von einem Gemach, das auf einen so schmutzigen und dunklen Hof hinaussah, erwarten konnte. Feuchte Mauern sperrten jeden frischen Hauch von seinen niederen Fenstern ab, und der Sonnenschein war wirklich künstlich ausgeschlossen von dem Baumeister, der im angenehmen Mittelalter sicher Wirklicher Geheimer Verliesbaurat geworden wäre. Den dunkelsten Winkel in diesem Gemach nahm die alte Haushälterin ein; auf der Grenze zwischen Nacht und Dämmerung stand der Tisch und Sessel des Vaters Samuel, und in der Dämmerung des Fensters stand Moses Tisch und Stuhl.

Die schwarzen Haare zerwühlend, saß hier Moses, immer mehr beschäftigt, die bunte Mannigfaltigkeit des Lebens aufzulösen und sie in die Fächer einer unbarmherzigen Logik zu ordnen. Je mehr Wissen er aufhäufte, desto kälter wurde sein Herz; mit höhnischem Spott erdrosselte er den letzten Rest warmer Phantasie, der ihm geblieben war. Nicht Werkzeug zum Nutzen und Genuß für sich und die Welt schuf er; Waffen, nur Waffen gegen die Welt schmiedete er, und keinen Augenblick der Ruhe, des Atemholens gönnte er sich bei der Arbeit.

Der alte Vater rieb hinter seinem Geldkasten frohlockend die knöchernen Hände, wenn er auf seinen Sohn blickte.

»Er wird seinen Weg gehen«, murmelte er. »Er wird herausbrechen wie das Licht und wird seinen Rücken nicht beugen, wenn die rechte Zeit gekommen ist. Ich werde es erleben, daß die Gojim sich vor ihm neigen; Gott Abrahams, ich werde sitzen im Dunkeln, aber mein Herz wird lachen und sich freuen!«

Der Vater Samuel hatte seine Phantasie nicht ertötet wie Moses; sie trug ihn auch hochhinauf, sie trug ihn weithinaus über seine verborgene, gedrückte, dunkle Existenz, kosend wiegte sie ihn in den Traum und häufte auf das Haupt seines Kindes allen Glanz, alle Würden und Ehren der Welt. Moses Freudenstein verachtete aber seinen »halbkindischen« Vater ganz im stillen sehr, wenn er auch seine Meinung jetzt noch nicht laut äußerte.

Das Verhältnis zwischen Hans und dem Sohn des Trödlers blieb äußerlich dasselbe; aber nur Hans glaubte noch als Pylades an Orest. Moses übersah den Jugendgenossen, und da er keinen Grund hatte, ihn in irgendeiner Hinsicht zu fürchten oder zu beneiden, so ließ er sich die Zuneigung desselben gefallen, ohne aber einen bedeutenden Wert darauf zu legen. Ein schärferes Auge als das des armen Hans würde dieses bald entdeckt haben; doch Hans gab eine Illusion nicht so leicht auf wie Moses, und so hielt er auch den Glauben an diese Freundschaft fest. Manche gute Lebensstunde brachte er in dem dunklen Hinterstübchen zu; aber soviel warmes Licht er aus seinem Kreise hineintrug, es konnte den dunklen Raum nicht heller, es konnte das kalte Herz des Jugendgenossen nicht wärmer machen. Zu allem andern kam noch ein ganz besonderer Reiz, durch welchen er in jedem freien Augenblick zu dem Trödlerhause hinübergezogen wurde. Seit sein Sohn wirklich auf dem Wege war, ein gelehrter Mensch zu werden, hatte Samuel Freudenstein seinen Bücherhandel erweitert. Es verging kaum ein Tag, an welchem er nicht einen Haufen alter Scharteken in Schweinsleder, Franzband oder Pappband in das Hinterstübchen schleppte und um den Arbeitstisch seines Sohnes aufhäufte. Wenn nun Moses den größten Teil dieser Bücher als unnützen Plunder verächtlich beiseite schob, so wühlte Hans mit gieriger Wonne darunter und verschlang alles durcheinander, wie es ihm in die Hände fiel. Griechische und lateinische Klassiker, Reisebeschreibungen, moderfleckige, abstruse Theologie, vergessene philosophische Traktate, moderne inländische und ausländische Dichter waren ihm gleichwillkommen, wenn auch nicht gleichgeschätzt. Es gab fast keinen Tröster, über den nicht sein Geist sich aus der Gegenwart verlieren konnte, um im blauen Äther, der über den Dingen ist, träumerisch lächelnd zu schweben, bis ihn die metallscharfe Stimme des Freundes durch eine ironische Frage oder Bemerkung wieder herabzog in die dunkle Stube in der Kröppelstraße, die dunkle Stube mit der schönen Aussicht auf den schwarzen Hof, über welchen so viele schnelle und feiste Ratten liefen. Der sinnreiche Junker Don Quijote de la Mancha allein hob unsern Hans vergnügt über einen ganzen, langen Winter hinaus, und die Schillerschen und Goetheschen Dichtungen, die hinunter in die dumpfige, dunkle Stube gerieten, waren imstande, alle Regentage des Lebens in ein olympisches Sprühen von Goldsonnenfunken zu verwandeln.

Hans Unwirrsch gehörte in dieser Epoche zu den Glücklichen der Erde. Der Oheim Grünebaum war vollständig versöhnt, und nachdem er anfangs die bekannte sauere Miene gezogen hatte, hatte er jetzt seinen Standpunkt verändert und behauptete, in seiner eigenen Behausung sowohl wie unter dem Dache der Frau Christine und im Roten Bock, er – Nikolaus Grünebaum – seis gewesen, welcher dem Neffen den ersten Stoß und Schub auf der Laufbahn der »Gelahrtheit« gegeben habe; er – Meister Grünebaum – seis gewesen, welcher die widerstrebende Nase des Neffen in die lateinischen und griechischen »Lexizizibus« gestoßen habe. Er fing an, fürchterlich mit seinem Hans zu renommieren, und den Professor Fackler grüßte er stets mit einem gewissen Augenblinzeln, welches nur bedeuten konnte: Na, habe ich es Ihnen nicht gesagt? Habe ich nicht recht gehabt? Vernäht mich als Pechdraht, wenn dieser Junge nicht Euren ganzen Topf voll Weisheit zum Frühstück auslöffelt! Und das sollte ein Schuster werden? Ja, es sollte mir einer damit gekommen sein!

Zu den Glücklichen dieser Welt gehörten auch die Witwe des Meisters Anton Unwirrsch und die Base Schlotterbeck. Sie trieben einen wahren Götzendienst mit ihrem Hans und ergingen sich in kaum weniger ausschweifenden Träumen über seine Zukunft, als die waren, welche Samuel Freudenstein von dem Lose seines Sohnes hatte.

Es war ein Glück, daß Hans keine Anlage zum Stolz und Hochmut hatte, sie wäre sonst durch die übergroße Fügsamkeit und Demütigkeit der beiden dummen Weiblein aufs schönste zur Blüte gebracht worden. Aber hier wie bei andern Gelegenheiten zur Selbstüberhebung brachte der Gedanke an das schwarze Kästchen in der Lade der Mutter den jungen Menschen stets schnell wieder zur Besinnung.

Die Existenz dieses Kästchens war ihm bald nach seiner Aufnahme auf das Gymnasium bekannt geworden.

»Rücke heraus damit, Stine«, hatte der Oheim Grünebaum gesagt. »Stelle es ihm auf den Tisch, Stinchen, daß der Knirps einsehe, was für merkwürdig anständige, verehrungswürdige und politische Personen seine Eltern gewesen sind, daß er sich nach der Decke strecke und daß er nachher seinen Kindern davon erzähle, wie sein Vater und seine Mutter für ihn gehungert haben.«

Hans Unwirrsch hatte damals wenigstens schon geahnt, was dieses Kästchen bedeutete, und je älter er wurde, desto mehr begriff er die Entsagung, den Heroismus, welche darin verborgen lagen. Die beiden Frauen hatten ihn, jede nach ihrer Weise, verworren-klar von seinem Vater erzählt und schmückten ihren Bericht noch täglich mit neuen Zügen. Hans selbst tat das Seinige dazu und schuf sich so ein Bild des toten Mannes, das seine ärmliche Umgebung in wahrhaft magischer Weise verklärte. Des Vaters Kampf mit der Unwissenheit, sein Streben nach dem Höhern, sein Hunger nach dem Ideal hatten eine Fortsetzung in dem Sohne gefunden, und alles, was es Edles in dem Wesen des Toten gab, wirkte viel mächtiger auf den Sohn ein als das, was Samuel Freudenstein seinem Moses geben und sagen konnte.

Früh fühlte Hans, daß er alle Kraft anwenden müsse, die Vorsorge seines Vaters und die Aufopferung seiner Mutter zu verdienen, und daß er keine Gelegenheit, durch eigene Anstrengung sich den Weg durchs Leben weiterzubahnen, versäumen dürfe. Die Wege der Not verwandelten sich ihm in teuere Pflichten, wie das bei allen edleren Naturen der Fall ist. Was für schöne Tage – lächelnde Gesellen in weißen Gewändern, mit Kränzen auf den Häuptern und Lilienstengeln in den Händen – hinter dem dunklen Vorhang auf ihre Zeit warten mochten: die Tage der Gegenwart streuten im Vorüberziehen ebenfalls ihre Blüten aus, und Hans Unwirrsch konnte sie niemals vergessen, wie großes Glück auch später ihm zuteil wurde.

Wie süß war später die Erinnerung an jene Abende, wo die rote Sonnenkugel in den Winternebel versunken war, der Schnee bleich von der Gasse in das Fenster blickte und der Schüler nach einem in fleißiger Arbeit verbrachten Tage neben dem Stuhle der Mutter saß. Wie süß wars, beim Schnurren des Spinnrades der Mutter, beim Klirren der Stricknadeln der guten Base aus den eigenen Gedanken und den einfältigen Worten der beiden armen Weiblein Luftschlösser zu bauen. Wie süß wars, für jede Phantasie, für jedes Wort in klassischer oder moderner Zunge zwei so andächtige Zuhörerinnen zu haben, Lauscherinnen, die um so andächtiger wurden, je weiter sich der Redner aus ihrem Gesichtskreis entfernte, je höher er sich erhob über die Dächer der Kröppelstraße und der Stadt Neustadt.

Es war die Zeit gekommen, wo nicht bloß die Kronenträger, die Weisen, Helden und hohen Frauen der Vorwelt durch die Dämmerung der armen, niedern Stube schritten: Hans war ein Mann der großen Welt geworden und blickte durch mehr als eine Ritze und Türspalte in den Haushalt der Weisen, Helden und hohen Frauen, die noch in Fleisch und Blut sich in Neustadt das Leben so angenehm als möglich machten und vor deren Haustüren der arme Knabe sonst nur im Schwarm der Menge gaffen durfte, wenn sie in den Mietwagen stiegen, um zum Ball nach dem Kasino zu fahren.

Dominus Blasius Fackler, welcher als Professor und Doktor der Philosophie die Schlüssel des griechischen und römischen Olymps hielt, hatte durch seine Stellung im Staat und durch seine holdanlächelnde Gattin auch einen Einfluß auf den Neustädter Olymp und benutzte denselben bestens für seinen Schützling. Ein ungezähltes Heer von Grillen und gelehrten Schrullen durchsummte das Hirn des gelehrten Mannes und fuhr dem Unvorsichtigen, der sich ihm von der falschen Seite oder zur unrechten Stunde näherte, ins Gesicht, wie der Chor der Insekten, welchen Mephistopheles aus dem Schlafrocke Fausts schüttelte. Aber der gelehrte Mann war zu gleicher Zeit ein guter Mann und um so mehr imstande, sich in die Seele seines Schülers zu versetzen, weil er ebenfalls ein Sohn der Armut und des Hungers war. Sein Vater, ein Leinweber, hatte nicht einmal sein Leichentuch weben können; er wurde auf öffentliche Kosten eingewickelt und im Armenwinkel verscharrt. Der Professor Fackler hatte einen mühevollen Weg zurückgelegt, ehe er sich auf seinem Lehrstuhl niederlassen konnte; er vergaß die harten Tage seiner Jugend nicht, er machte auch, was ein großer Ruhm vor Gott ist, niemals den Versuch, sie zu vergessen.

Eines Morgens nach der »Tacitus-Stunde« beschied er Hans Unwirrsch im Feiertagsgewand zu sich, gab ihm ein Glas Burgunder zur Herzstärkung, trug ihm eine für diese Gelegenheit ungemein passende Abhandlung über das Patronen- und Klientensystem bei den Alten vor und führte ihn sodann zu dem Hause eines der honoriertesten Honoratioren der nie genug gelobten Stadt Neustadt. Mit Beben und Herzklopfen folgte ihm Hans durch die Gassen, um dann einem kahlköpfigen Herrn, welcher recht gut die Stelle des königlich westfälischen Kammerlakaien vor Samuel Freudensteins Trödelladen hätte ausfüllen können, von dem Professor als das besprochene Individuum, das augenblicklich die meisten Talente zum Erziehungsfach in seiner Schule verrate, vorgestellt zu werden. Ein höherer Justizbeamter in einem kleinen Staat ist freilich ein gefährlich Ding; aber mit der Zeit gewöhnt man sich doch an seinen Anblick und fühlt sich wieder in seiner Haut sicher. Auch Hans Unwirrsch erhob das Haupt wieder, nachdem der erste Eindruck des Feierlichen, Erhabenen und Geheimnisvollen überwunden war. Mit Eifer suchte er die Befähigung zum Erzieher, die man an ihm loben wollte, an zwei verzogenen Rangen von sechs bis acht Jahren zu betätigen. Was für Erfolge er erzielte, braucht hier nicht erörtert zu werden; aber über andere Eindrücke, welche ihm in dem Hause des Kanzleidirektors Trüffler zuteil wurden, dürfen wir nicht schweigen.

Die Frau Kanzleidirektorin liebte einen großen Verkehr, es gab außer den beiden hoffnungsvollen Söhnen auch einige erwachsene Töchter im Hause, welche zu nicht geringeren Hoffnungen berechtigten. Sie waren die unschuldigen Urheberinnen der neuen Ahnungen, die in Hans Unwirrsch aufgingen, mit welchen neuen Ahnungen und Sensationen übrigens die Dea omnipotens, die Liebe, nichts zu schaffen hatte. Die Personen in ihren modischen Gewändern, deren Fasson um ein Halbjahr von Berlin und um ein Jahr von Paris differierte, waren zu sehr Geschöpfe einer andern Welt, als daß sich das Auge des staubgeborenen Hans anders als in tiefster Demut zu ihnen erhoben hätte.

Aber sie rauschten und schwebten an ihm vorüber, wenn er kam, um seine Lektionen zu geben; er vernahm ihr Klavierspiel, ihr silbernes Gelächter durch halbgeöffnete Türen, sie erschienen ihm unbeschreiblich schön, elegant, vornehm; sie eröffneten ihm den ersten Blick in jene Welt, welche so viele demütige, dumme, hungrige arme Teufel, die sich vergeblich hineinsehnen, die »vornehme« nennen.

Die Töchter des Kanzleidirektors und ihr Umgangskreis waren schuld daran, daß Hans während eines gottlob nur kurzen Zeitraums Augenblicke hatte, in denen er nicht nur den Oheim Grünebaum gründlich verachtete, sondern in welchen er auch die Base Schlotterbeck zwar für eine gute, aber sehr alberne und langweilige alte Jungfer hielt.

Seltsamerweise war es Moses Freudenstein, der »Primus«, welcher Hans seine Gemütsstimmung klarmachte, sie natürlich aufs schärfste analysierte und ihn dadurch zur Besinnung brachte.

»Ich will dir was sagen, Hans«, meinte er, indem er mit den Augen zwinkerte und die Knie aneinander rieb – eine Gewohnheit, die er von allen anderen Eigentümlichkeiten allein nie ganz ablegen konnte –, »ich will dir sagen, was dich jetzt so grob macht. Neidisch ist der Hans! Es wird ihm eine Tür vor der Nase aufgemacht; aber niemand ruft: Treten Sie ein gefälligst, Herr Unwirrsch. Er muß stehen und zuschauen, wie die andern ihren Spaß haben in der Welt; er muß stehen wie unsereiner. Nicht den Mund darf er auftun; und wenn er grüßt und man dankt nicht, muß er auch zufrieden sein. Mein Fräulein, darf ich um den nächsten Walzer bitten, darf er schon gar nicht sagen; – er kann nicht einmal tanzen – er wird es auch niemals lernen, aber ich werde es lernen!«

Das letzte sagte der Sprecher mit einem merkwürdigen Nachdruck und fügte bei: »Werde aber nicht tanzen mit diesen naseweisen Äffinnen, Hans Unwirrsch; – sieh mich also nicht an wie ein Bär. Ich bitte dich, friß mich nicht.«

Die beiden Freunde kamen von einem Spaziergange heim und näherten sich eben der Kröppelstraße, als Moses an viele andere Auslassungen über das Volk von Neustadt diesen Schluß hing. In die dunkle Gasse fiel der Schein der Lampe durch die niedern Fenster des Vaterhauses. Hans ließ den Arm des Genossen los und eilte schneller voran. Er blickte in das Fenster, die glänzende Kugel schwebte über dem Werktisch des Vaters; in dem Lehnstuhl saß die Mutter und hielt die Hände über dem Strickzeug im Schoß gefaltet: sie schlummerte, oh, sie sah so müde aus, so abgearbeitet müde, müde! Die Base Schlotterbeck hatte die große Bibel vor sich liegen, fuhr mit dem Finger den Zeilen nach und nickte nach ihrer Art mit dem Kopfe. Hans Unwirrsch fuhr heftig zusammen, als Moses sich schwer ihm auf die Schulter hing und seine scharfe Nase ebenfalls gegen die trübe Scheibe vorschob. Er schüttelte ihn durch eine hastige Bewegung ab und sagte ihm kürzer als sonst gute Nacht.

Welch eine Zaubermacht lag in der schwebenden Glaskugel? Sie verklärte die Welt mit den schönsten Farben, und doch konnte sie auch jedes Ding wieder in das rechte Licht stellen. Wir können dreist unsern Hans bei ihrem Schein seine Luftschlösser bauen lassen. –

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