Frei Lesen: Der Hungerpastor

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebenzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Neunzehntes Kapitel | Zwanzigstes Kapitel | Einundzwanzigstes Kapitel | Zweiundzwanzigstes Kapitel | Dreiundzwanzigstes Kapitel | Vierundzwanzigstes Kapitel | Fünfundzwanzigstes Kapitel | Sechsundzwanzigstes Kapitel | Siebenundzwanzigstes Kapitel | Achtundzwanzigstes Kapitel | Neunundzwanzigstes Kapitel | Dreissigstes Kapitel | Einunddreissigstes Kapitel | Zweiunddreissigstes Kapitel | Dreiunddreissigstes Kapitel | Vierunddreissigstes Kapitel | Fünfunddreissigstes Kapitel | Sechsunddreissigstes Kapitel |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Das Odfeld | Gedelöcke | Der Marsch nach Hause | Die Leute aus dem Walde | Das Horn von Wanza |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der Hungerpastor) ausdrucken 'Der Hungerpastor' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor

Achtes Kapitel

eingestellt: 21.7.2007



Der Oheim Grünebaum im Festtagshabit war eine Erscheinung, würdig, gediegen, selbstbewußt und fest. Wer zuerst nur einen flüchtigen Blick auf ihn geworfen hatte, ließ gewöhnlich diesem Blick freudig überrascht eine minutenlange Betrachtung folgen, eine Betrachtung, die der Oheim, je nach der beschauenden Persönlichkeit, entweder mit huldvoller Gemütsruhe gestattete oder durch ein unnachahmliches »Nanu?« zu Ende brachte.

In seinem Sonntagshabit stand der Oheim Niklas Grünebaum an der Ecke dem Gymnasium gegenüber und glich insofern einem Engel, als er einen schönen, langen blauen Rock trug, welcher freilich, was den Schnitt betraf, wenig mit den Gewändern der Heiligenbilder gemein hatte. Die Taille dieses Rockes war durch den Verfertiger dem Nacken so nah als möglich gerückt, und zwei Nonplusultraknöpfe bezeichneten ihren Beginn. Deutlich zeichneten sich die Taschen in der untern Gegend der Schöße ab, und eine kurze Pfeife mit anmutig schaukelnden Quasten sah neugierig aus der einen hervor. Eine gelbundbraungestreifte Weste trug der Oheim und Hosen von grünlichblauer Färbung, etwas zu kurz, aber von angenehmer Konstruktion, oben zu eng, unten zu weit. Die Petschafte, welche unter dem Magen des würdigen Mannes baumelten, waren eigentlich einer seitenlangen Beschreibung würdig, und von dem Hut wollen wir deshalb nichts sagen, weil wir fürchten, dadurch über die Grenzen des gegebenen Raumes unwiderstehlich hinausgerissen zu werden.

Weshalb stand der Oheim Grünebaum an einem ganz gewöhnlichen Wochentage in seinem Sonntagsrock an der Ecke dem Gymnasium gegenüber? Sage uns, o Muse, den Grund davon! Nimm den Finger von der Nase, schönredende Kalliope, du hast den Meister Niklas genug betrachtet, wende dein göttliches Auge nach dem Schulhause und melde uns als ein gutes Mädchen, das es nicht übers Herz bringen kann, jemanden lange zappeln zu lassen, was darin vorgeht!

Wahrlich, es war Grund zur Aufregung für mehr als eine der Personen, welche bis jetzt in diesen Blättern erwähnt wurden, vorhanden: Hans Unwirrsch und Moses Freudenstein machten an diesem Mittwoch vor dem Grünen Donnerstag ihr Abiturientenexamen und schlossen damit, wenn das Ding gut ausfiel, ihr Schülerleben.

Deshalb hatte der Oheim Grünebaum einen außergewöhnlichen blauen Montag gemacht und stand im Feierkleide an der Ecke, deshalb behauptete er mit so anerkennenswerter Hartnäckigkeit seinen Platz im Gedränge des Wochenmarktes, deshalb griff er so krampfhaft nach den Rockknöpfen der Bekannten, die unvorsichtigerweise sich nach dem Grunde seines außergewöhnlichen Aufputzes erkundigten. Den am heutigen Tage gepackten Knopf ließ der Meister nur sehr schwer wieder los. Seine Seele war voll von dem wichtigen Ereignis. Dasselbe ließ sich unter zu vielen Gesichtspunkten betrachten! Wenn das da drüben im Schulhause so ausfiel, wie man erwartete und wünschte: wem hatte die Welt dafür zu danken? Keinem andern als dem ehrsamen Meister Nikolaus Grünebaum! – Wenn der betäubte Nachbar oder Bekannte endlich sich aus dem Griff des Meisters losgemacht hatte, so war er während der ersten Minuten durchaus nicht im reinen mit sich darüber, wer denn eigentlich examiniert werde vom Professor Fackler, ob der Oheim Grünebaum oder Hans Unwirrsch, des Oheims Neffe. –

Um zwölf Uhr sollte das Examen beendet sein, und von Augenblick zu Augenblick geriet des Oheims Nervensystem in lebendigere Schwingungen. Er nahm den Hut ab und wischte sich mit dem Sacktuch die Stirn; er stülpte ihn wieder auf, schob ihn nach hinten, schob ihn nach vorn, nach rechts und nach links. Er nahm die langen Rockschöße unter die Arme und ließ sie wieder fallen; er schneuzte sich, daß man es drei Straßen weit hörte. Er fing an, laut mit sich selber zu sprechen, und gestikulierte dabei sehr zum hohen Ergötzen sämtlicher Gaffer und Gafferinnen in den Ladentüren und hinter den Fenstern der nächsten Umgebung. Die Marktweiber, denen er den ganzen Morgen über den Weg versperrt hatte, setzten öfters ihre Eierkörbe, Gemüsekörbe und Milchkannen nieder, um ihm wenigstens moralisch seinen Standpunkt zu verrücken, aber er war taub für ihre Anzüglichkeiten. Er hätte sich heute selbst von den Hunden verächtlich behandeln lassen.

Um drei Viertel auf zwölf nahm er im nächsten Materialladen den sechsten Bittern, und es war die höchste Zeit dazu, denn er fühlte sich so schwach auf den Füßen, daß er fast dem Umsinken nahe war. Von jetzt an hielt er die Uhr, ein Familienstück, für welches ein Raritätensammler viel Geld bezahlt haben würde, krampfhaft in der zitternden Hand, und als die Glocke auf der Stadtkirche zwölf schlug, wäre er beinahe »fertig und kaputt« nach Haus gegangen, um sich zu Bett zu legen.

Er genoß noch einen Bittern; es war der siebente, und im Verein mit den andern wirkte er, und seine Folgen waren erkennbarer als die der vorhergegangenen.

Fest lehnte jetzt der Oheim an der Hauswand; er lächelte durch Tränen. Von Zeit zu Zeit machte er abwehrende Handbewegungen, als wolle er unberufene Gefühle in ihre Schranken zurückweisen; es war ein Glück für ihn, daß um diese Stunde der jüngere Teil der Bevölkerung von Neustadt sich den Genüssen des Mittagstisches hingab, es wurden ihm viele Kränkungen und ironische Bemerkungen dadurch erspart. Er fing an, die Aufmerksamkeit der Polizei zu erregen, und sie gab ihm mütterlich besorgt den Rat, nicht länger zu warten, sondern nach Haus zu gehen, was zur Folge hatte, daß er sich nur noch fester an die Wand lehnte und mit mißfälligem Gegrunz, schnaufend und glucksend die Absicht aussprach, bis zum Jüngsten Gericht an dieser Ecke auf den »Jungen« zu warten. Da er bis jetzt die öffentliche Ruhe noch nicht sehr störte, so zog sich die Polizei ein wenig zurück, behielt ihn aber scharf im Auge, bereit, in jedem Augenblick hervorzuspringen und zuzupacken.

Glücklicherweise wachte mit der löblichen Sicherheitsbehörde über dem Meister Niklas auch sein Schutzengel, oder vielmehr der kam eben von einem Privatgeschäftswege zurück, um seine Wache wiederanzutreten. Mit Entsetzen erkannte er, wie die Sachen standen, und seiner Vermittlung wars höchstwahrscheinlich zuzuschreiben, daß drüben im Schulhause dem Professor Doktor Fackler auch ein heftiger Schreck mit dem Gedanken an die mit der Mahlzeit harrende Lesbia durch die gelehrte Seele ging. Hastig sah er nach der Uhr und fuhr von seinem Sitz empor; die anderen Herren rauschten ihm nach, secundum ordinem: die Examinanden, denen allmählich alles vor den Augen schwamm, erhoben sich ebenfalls schwindelnd, schwitzend und erschöpft – – nur noch eine kleine Viertelstunde hatte der Oheim Grünebaum durch eigene Kraft das Gleichgewicht zu bewahren; – um drei Viertel auf eins sank er, fiel er, schlug er dem bleichen, aufgeregten Neffen in die Arme – – – Viktoria! Gesiegt hatte Hans Unwirrsch, gesiegt hatte der Meister Grünebaum. Der eine über die Fragen der sieben examinierenden Lehrer, der andere über die sieben Bittern – Viktoria!

Professor Fackler wollte auf den Oheim zutreten, um ihm Glück zu wünschen, unterließ es aber ganz erschrocken, als er den aufgelösten Zustand des Trefflichen erkannte; Moses Freudenstein, Primus inter pares, lachte nicht wenig über die hilflosen und kläglichen Blicke, welche Hans Unwirrsch nach allen Seiten umhersandte; die gute Stunde jedoch hatte sein Herz weicher als gewöhnlich gemacht, er bot sich dem Freunde zur tätigen Hilfeleistung an, und zwischen den beiden Jünglingen wandelte der alte, heitere Knabe Niklas Grünebaum lächelnd und lallend, schwankend und schluchzend der Kröppelstraße zu.

Was wollte es bedeuten, daß der Oheim in der niedern dunklen Stube sogleich auf den nächsten Stuhl fiel und die Arme auf den Tisch legte und den Kopf auf die Arme? Was kümmerten sich die Mutter Christine und die Base Schlotterbeck in dieser Stunde um den Oheim Grünebaum? Gänzlich überließen sie ihn sich selber und den sieben! Die beiden Frauen waren fast ebenso betäubt und verwirrt wie der Meister; durcheinander schluchzten und lächelten sie, wie jener geschluchzt und gelächelt hatte, und Hans gab ihnen an Rührung und Jubel nichts nach.

Der Tag war von den beiden Knaben aus der Kröppelstraße gewonnen; den ersten Platz unter den Examinanden hatte natürlich Moses Freudenstein eingenommen; aber den zweiten hatte Hans Unwirrsch errungen.

Es hatte alles in der Stube ein ganz anderes Ansehen als sonst; ein magisches Licht hatte sich über alles ergossen. Daß die Glaskugel leuchtete, war kein Wunder, sie stand mit der Sonne auf zu gutem Fuße, um nicht an einem solchen Tage zu funkeln, als sei sie selbst eine kleinere Sonne. Wer genau hinblickte, der sah, daß in ihr sich mehr spiegelte, als er vermuten konnte: lachende und weinende Gesichter, Stücke von den Wänden, ein Stück von der Kröppelstraße samt einem Stück vom blauen Himmel, der königlich westfälische Leiblakai und der Trödler Samuel Freudenstein, welcher besagten Lakaien in seltsam hastiger Weise vom Haken riß und Laden und Tür seines Hauses schloß.

Die Base Schlotterbeck sah diesen Vorgang, welcher in der schwebenden Kugel sich abbildete, durch das Fenster und wollte eben ihre Verwunderung darüber kundgeben, als der Oheim Grünebaum das müde Haupt wieder vom Tisch emporhob und seine Umgebung mit mehr als erstaunten Blicken zu mustern begann. Er rieb sich die Augen, er fuhr durch das Haar und nahm mit der Versicherung, daß jedes Übermaß von Freude und Jubel sehr gefährlich sei und schlagflußähnliche Anfälle hervorbringen könne, wie sein »leibeigenes Exemplum« soeben dargetan habe, seine Stellung im Familienkreise wieder ein. Mit der Besinnung war ihm die Gabe der holden Rede im reichen Maße wiedergeschenkt, und er machte sogleich in gewohnter Weise einen ausgiebigen Gebrauch davon.

»So hat denn dieser hiesige junge Mann, unser Nehvö und Diszendente, seiner geliebten Anverwandtschaft alle Ehre gemacht, und es ist richtig nichts mit der Schusterei. Mit das Kapitolium ist er nun glücklich durchs Loch nach seinem Willen, und so wird er Bauch und Beine mit der Zeit und Rat wohl auch durchkriegen, und wir können wohl guter Hoffnung sein, daß er uns dieserseits von der Mauer nicht vergißt, wenn er die Füße dem Kopf hinterdreingezogen hat. Man hat ja wohl Exempel von Beispielen, daß dem Schenie bei solchem Durchgedrängel der Hirnkasten verdreht wird und daß es solchergestalt verlernt, was hinter der Mauer gewesen ist und wer allda steht und vordem nach Kräften geschoben hat; aber dieser hier gegenwärtige Hans wirds seinem Oheim, imgleichen seiner Mutter und, nicht zu vergessen, der Base Schlotterbeck gedenken, was sie an ihm getan haben und wie ers ihnen niemalen genugsam verdanken kann. Da steht er nun, Christine Unwirrsch, geborene Grünebaum; da steht er, Jungfer Base, und hat den Kopf voll von guten Dingen, und die Tränen laufen ihm über die Backen, daß es ein erfreuliches Schauspiel und schmerzliches Vergnügen ist. Wir wollens ihm auch lassen, daß er mehr gelernt hat, als er verantworten kann, und wenn ihn die Base auf griechisch fragt, so wird er auf hebräisch antworten. So wollen wir denn für die gute Gabe dankbar sein und wollen uns nicht drum kümmern, daß der Deibel die Graden und die Ungraden nimmt. Komm her, Junge, und wenn du mich auch damalen das löbliche Handwerk infamigt verachtet hast und anjetzo dem Pastor näher bist als dem Pechschuster Grünebaum, so komm her und umarme mir; dein Oheim, er sagt dir aus dem Grunde seines Herzens prost zu diesem heutigen Ehrentage!«

Es war Sinn in dem Unsinn, welchen der Onkel so pathetisch von sich gab, aber hätte er auch nichts als Blödsinn zutage gefördert, Hans würde sich nichtsdestoweniger in die weitgeöffneten Arme des wackern Mannes gestürzt haben. Nach minutenlangem Schütteln und Drücken küßte er von neuem seine Mutter ab, ging denselben Prozeß abermals mit der Base durch und gab dazwischen seinen überströmenden Gefühlen nach Möglichkeit Worte.

»O wie soll ich es euch allen danken, was ihr an mir getan habt?« rief er. »O Mutter, wenn doch mein Vater noch lebte!«

Die Mutter brach bei diesem Ausruf ihres Sohnes natürlich in lautes Weinen aus; aber die Base legte nur die Hände im Schoß zusammen, nickte mit dem Kopfe und lächelte vor sich hin, sprach aber ihre Gedanken nicht aus. Auf einmal erhob sie sich aber schnell vom Stuhl, faßte den Rock der Frau Christine und deutete geheimnisvoll nach dem Fenster.

Jeder folgte der Richtung ihres Winkes mit den Augen. Aber niemand außer ihr sah was. Die Kröppelstraße lag im vollen Mittagssonnenschein, von ihren Bewohnern war jedoch niemand zu erblicken; das Haus des Trödlers sah aus, als ob es seit einem halben Jahrhundert bereits von seinen Bewohnern verlassen worden sei; nur eine Katze benutzte den stillen Augenblick und schritt vorsichtig quer über die Gasse.

»Sie könnte einen am hellen, lichten Tage aus die Kontenankse bringen!« murmelte der Oheim mit einem scheuen Seitenblick auf die Base; die Mutter faßte die Hand ihres Sohnes fester und zog ihn näher zu sich: was auch Hansens Meinung von den geheimnisvollen Gaben der Base Schlotterbeck sein mochte, in diesem Augenblick war er nicht imstande, sich gegen das Gefühl, welches ihr Gebaren erregte, zu wehren. –

Welch ein Erwachen am Morgen nach diesem schweren und glücklichen Tage! Ein Sieger, der sein Zelt auf triumphierend behauptetem Schlachtfeld aufschlug, ein junges Mädchen, das sich gestern auf dem Ball verlobte, mögen in ähnlicher Weise wie Hans Unwirrsch nach seinem Examen erwachen. Die Nerven haben sich noch nicht beruhigt, aber man ist von dem beseligenden Gefühl durchdrungen, daß sie Zeit haben, sich zu beruhigen. Noch zucken einzelne Schauer der großen Aufregung durch die Seele, aber man fühlt sich trotzdem, ja gerade deshalb so sicher, daß es eine Wonne ist. Was bleibt von dem Glücke des Menschen, wenn man die Hoffnung vor dem Kampf, vor dem Erlangen des Wunsches und diese ersten verwirrten, unklaren Augenblicke nach ihm davon abzieht?

Summa cum laude! lächelte der Sonnenstrahl, der das Bett, in welchem Hans Unwirrsch mit halbgeschlossenen Lidern lag, umspielte. Summa cum laude! zwitscherten die frühwachen Sperlinge und Schwalben vor dem Fenster. Summa cum laude! riefen die Glocken, die den Grünen Donnerstag einläuteten. Summa cum laude! sagte Hans Unwirrsch, als er in der Mitte seiner Kammer stand und einen Bückling machte, welcher ihm selber galt.

Er war mit seinem Anzug noch nicht ganz fertig, als die Mutter bereits hereinschlich. Sie hatte ihre Schuhe unten an der Treppe gelassen, um die Base, die ihre Schlafkammer dicht neben Hansens Kammer hatte, nicht zu wecken. Sie setzte sich auf das Bett des Sohnes und betrachtete ihn mit naivem Stolz, und ihre Blicke taten ihm bis ins Innerste wohl.

Unten wartete der Feiertagskaffee, und die Base saß am Tisch. Sie hatte ihre Schuhe oben an ihrer Türe gelassen, um den Studenten und die Frau Christine nicht zu wecken, und es gab ein kleines Gelächter wegen der wechselseitigen Vorsicht. Ein Stück Jubelkuchen war auch vorhanden, und obgleich der Grüne Donnerstag nur ein halber Festtag ist, wie jeder weiß, der sich in harter Arbeit quälen muß, so stand es doch fest, daß er als ein ganzer gefeiert werden solle.

Zuerst ging man natürlich zur Kirche, nachdem Hans noch einmal vergeblich an die Tür des Trödlerhauses geklopft hatte. Seit der alte Samuel den Lakai des Königs Hieronymus vom Haken genommen und ihn somit seiner Stellung oder vielmehr seines Schaukelns im gesellschaftlichen Leben für immer enthoben hatte, war die Tür noch nicht wieder geöffnet worden. Was hinter ihr vorging, war ein Rätsel für die Kröppelstraße, aber ein noch größeres Rätsel für Hans, der den Freund seit ihrem Heimgang aus dem Examen nicht wiedergesehen hatte und von jedem Versuch, in das Haus drüben einzudringen, ohne Erfolg zurückgekommen war. Murx, der pensionierte Stadtbüttel, der immer noch in ohnmächtiger Wut und gichtbrüchig mehr als je von seinem Lehnsessel aus auf die Kröppelstraße achtgab, hatte bereits den gegenwärtigen Stabschwinger und Nachfolger im Amt auf den »verflucht verdächtigen Kasus« aufmerksam gemacht; ja der Bürgermeister hatte bereits das Haupt darüber geschüttelt. – Das stille Haus fing an, die Ruhe der Stadt mehr zu stören, als der betrunkenste Raufbold es vermocht hätte.

Aber die Glocken riefen zur Kirche, und dort schritt der Oheim Grünebaum heran im blauen Rock, in seegrünen Hosen und gestreifter Weste, zum Schutz gegen alle bittern und süßen Verlockungen mit dem mächtigsten aller Gesangbücher bewaffnet, eine Zierde jeder Straße, durch welche er stapfte, ein Schmuck jeder Versammlung von Christen, Politikern und zivilisierten Menschen, die er mit seiner Gegenwart beehrte.

Hand in Hand ging Hans mit seiner Mutter, und an der Seite der Base schritt der Oheim, der nur da ein wenig von seinem selbstbewußten Anstand verlor, wo man um die Ecke bog, wo er gestern – wo ihn gestern seine Gefühle übermannt hatten. Ein sehr rotes Taschentuch zog er hervor, schneuzte sich heftig, gelangte so glücklich über die böse Stelle hinweg und landete seine Würde ohne Havarie in dem Kirchenstuhl der Familie; – es ist schade, daß wir seinem Gesang nicht ein eigenes Kapitel widmen dürfen, niemals psallierte ein Schuster mit größerer Andacht und Gewalt durch die Nase.

Von der Predigt verstand Hans an diesem Tage nicht viel, und obgleich sie ziemlich lang war, deuchte sie ihm sehr kurz. Summa cum laude! grinste sogar das steinerne Skelett an dem alten Grabmal neben dem Kirchenplatz der Unwirrsche, dieses Scheusal, welches Hans lange Jahre über die Kindheit hinaus nie von dem Begriff Kirche ablösen konnte. Auch die Orgel sang durch alle Pfeifen: Summa cum laude! und begleitete damit die Familie bis vor die Tür des Gotteshauses. Summa cum laude! lächelte vor allem der Professor Doktor Fackler, der mit Kornelia und Eugenia ebenfalls in der Kirche gewesen war, der es nicht unter seiner Würde hielt, mit der Verwandtschaft seines Lieblingsschülers eine Strecke weit zu gehen, und der dem Oheim Grünebaum nun nachträglich Glück wünschen konnte.

Summa cum laude, schien auf den Gesichtern aller Begegnenden zu stehen, es war wirklich eine merkwürdige Geschichte.

Mit Gruß und Händedruck hatte der Professor sich verabschiedet, und Eugenia und Kornelia hatten die unbeholfene Verbeugung des schüchternen, errötenden Studenten mit zierlichem Knicks erwidert; – da war die Kröppelstraße wieder, und ihre Bewohner hatten bereits die Feiertagskleider ausgezogen und die Werktagskleider angelegt.

Sie arbeiteten aber noch nicht; eine große Aufregung herrschte in der Kröppelstraße; alt und jung war auf den Beinen und schrie und lief und handzappelte durcheinander.

»Holla, was ist da wieder los?« rief der Oheim. »Was hats denn gegeben? Was gibt es denn, Meister Schwenckkettel?«

»Er hats! Es hat ihn!« lautete die Antwort.

»Der Deibel, wer hats? Was hat ihn?«

»Der Jud, der Freudenstein! Er liegt auf dem Rücken und schnappt –«

Die Frauen schlugen die Hände zusammen, Hans Unwirrsch stand starr und erbleichend, der Oheim Grünebaum aber sprach phlegmatisch:

»Der Deibel nimmt die Graden und die Ungraden! Nur immer langsam, Hans – Donnerwetter, da ist er schon hin!«

Im vollen Laufe stürzte Hans nach dem Laden des Trödlers, dessen Tür jetzt offenstand und von einem dichten Menschenhaufen belagert wurde. Einer guckte dem andern über die Schulter, und obgleich niemand in dem dunklen Räume etwas Außergewöhnliches erblickte, so wäre doch keiner von der Stelle gewichen; die Kröppelstraße liebte solche nichtskostende Aufregung viel zu sehr.

Nur mit Mühe gelang es dem betäubten Hans, sich Bahn zu brechen. Endlich stand er in der Dämmerung des Ladens mit einem Gefühl, als sei er von der freien, frischen Frühlingsluft für ewig ausgeschlossen. Wie durch einen Nebel starrten die Gesichter des Volkes von der Treppe am Eingang auf ihn herab; eben wollte er die zitternde Hand auf den Griff der Tür, welche in das Hinterzimmer führte, legen, als sie geöffnet wurde.

Der Arzt trat heraus und rückte die Brille zurecht.

»Ah, Sie sinds, Unwirrsch«, sagte er. »Es geht schlecht drinnen. Apoplexia spasmodica. Gastrischer, krampfhafter Schlagfluß. Augenblicklich alle Vorsorge getroffen. Gesegnete Mahlzeit.«

Hans Unwirrsch erwiderte den letzten Gruß des Doktors nicht; denn nur dieser ging zu seinem Mittagessen, Hans aber raffte alle Energie zusammen und trat in die Hinterstube, die sich jetzt in ein Sterbezimmer verwandelt hatte. Ein durchdringender Geruch von Salmiakspiritus schlug ihm entgegen, auf dem Lager im Winkel röchelte der Kranke; der Ortsrabbiner war bereits gekommen, saß zu Häupten des Bettes und murmelte hebräische Gebete, in welche die Stimme der alten Esther von der andern Seite von Zeit zu Zeit einfiel.

Zu Füßen des Lagers stand regungslos Moses. Er stützte sich auf die Pfosten und sah auf den Kranken. Kein Muskel zuckte in seinem Gesicht, in seinen Augen zeigte sich keine Spur von Tränen, fest geschlossen waren seine Lippen.

Er wandte sich um, als Hans zu ihm trat, und legte seine kalte Rechte in die Hand des Freundes; dann aber wandte er das Gesicht sogleich wieder ab und sah von neuem auf den kranken Vater. Es war, als sei er mit dem Examentag um einen Kopf höher geworden, der Ausdruck seiner Augen war unbeschreiblich – es war, um ein schreckliches Gleichnis zu gebrauchen, als ob der Todesengel auf das Niederfallen des letzten Sandkorns lausche; – Moses Freudenstein war allmählich ein schöner Jüngling geworden.

»O mein Gott, Moses, so sprich doch! Wie ist das gekommen? Wie ist das so schnell gekommen?« flüsterte Hans.

»Wer das sagen könnte!« sagte Moses ebenso leise. »Vor zwei Stunden noch saßen wir ruhig zusammen und – und – er zeigte mir allerlei Papiere, die wir ordneten – wir haben seit gestern mancherlei zu ordnen gehabt –, da stöhnt er plötzlich und fällt vom Stuhl, und nun – da liegt er. Der Doktor sagt, er werde nicht wiederaufstehen.«

»O wie schrecklich! Ich habe gestern so oft an eure Tür geklopft; weshalb wolltet ihr niemanden einlassen?«

»Er wollte es nicht; er war immer ein eigener Mann. Er hatte sich vorgesetzt, an diesem Tag, wenn ich mein Examen glücklich überstanden hätte, sein Geschäft für immer zu schließen. Er wollte keinen Zeugen, keinen Störer haben, als er seine geheimen Kasten und Fächer mir öffnete. Ein eigener Mann ist er gewesen, und jetzt schließt mit dem Geschäft sein Leben – wer hätte es gedacht; freilich, wer hätte es gedacht?«

Die Stimme, mit welcher diese Worte gesprochen wurden, war klanglos und klagend; aber in den Augen schimmerte etwas, was keine Trauer und Klage war. Eine geheime Befriedigung lag in ihnen, ein verhaltener Triumph, die Gewißheit eines Glückes, welches plötzlich sich offenbart hatte, welches in solcher Fülle nicht gehofft worden war und welches augenblicklich noch unter dem dunklen Mantel versteckt werden mußte.

Wir wollen erzählen, wie Vater und Sohn die Zeit seit dem vergangenen Tage zugebracht hatten, und wir werden uns diesen Blick, welchen Moses Freudenstein auf den sterbenden Vater warf, erklären können.

In ebenso großer Aufregung wie die Verwandten Hans Unwirrschs hatte der Meister Samuel auf die Heimkehr seines Sohnes gewartet. Ruhelos irrte er in seinem Hause umher und fing ein Wühlen an, ein Aufundzuschieben von Kasten, ein Durchstöbern der vergessensten Winkel, als wolle er eine letzte Generalmusterung seines Besitztums und seiner tausendfachen Handelsgegenstände halten. Dabei sprach er fortwährend mit sich selbst, und obgleich er keinen Tropfen spirituosen Getränkes je über die Lippen brachte, schien er um die Zeit, als der Onkel Grünebaum dem Schulhaus gegenüber sich fest an die Mauer lehnte, mehr berauscht als dieser. Der große Entschluß, den er so lange mit sich herumgetragen hatte und welcher jetzt zur Ausführung kommen sollte, machte ihn wie trunken. Gegen elf Uhr trieb er die Haushälterin Esther aus der Hinterstube und verriegelte fest auch diese Türe. Geheimnisvolle Schlüssel brachte er nun zum Vorschein, geheimnisvolle Fächer öffnete er in seinem Schreibtisch, knarrend erschloß sich eine geheimnisvolle Tür in einem geheimnisvollen Wandschrank. Es klirrte wie Gold und Silber, es rauschte wie Staatspfandbriefe und ähnliche wertvolle Papiere, und es murmelte zwischen dem Klirren und Rauschen der Vater Samuel:

»Er ist geboren in einer finstern Ecke, er wird haben Sehnsucht nach dem Licht; er hat gesessen in einem dunkeln Haus, er wird wohnen in einem Palast. Sie haben ihn verspottet und geschlagen, er wird es ihnen vergelten nach dem Gesetz: Auge um Auge, Zahn um Zahn! Es ist ein guter Sohn, und er hat gelernt, was der Mensch braucht, um in die Höhe zu kommen. Er ist nicht ungeduldig geworden, sondern er ist stillgesessen gewesen vor seinen Büchern hier an diesem Tisch. Er hat sein Werk getan, und ich habe getan das meinige. Er soll mich finden hier an diesem Tisch, wo er gesessen hat still sein junges Leben hindurch. Er wird nun hinausgehen, und ich werde hierbleiben; aber meine Augen werden ihm folgen auf seinem Wege, und ich werde große Freude von ihm haben. Ich bin ihm immer gefolgt mit meinen Augen, er ist ein guter Sohn. Nun ist er ein Mann geworden, und sein Vater wird nichts Geheimes mehr vor ihm haben. Sechshundert, siebenhundert – zweitausend – ein guter Sohn – der Gott unserer Väter möge ihm und seinen Kindern und seiner Kinder Kindern Segen geben!«

Das Geschrei, die Segnungen und Beschwörungen Esthers draußen und ein Klopfen an der Tür jagten den Alten aus seinen Berechnungen und Gedanken in die Höhe:

»Gott Abrahams, da ist er!«

Mit zitternder Hand schob er den Riegel zurück und faßte seinen eintretenden Sohn in die Arme.

»Da ist er! Da ist er! Mein Sohn, der Sohn meines Weibes! Nun, Moses, sprich, wie ists gegangen?«

Auf Moses Gesicht zeigte sich keine Spur von Veränderung, er erschien kalt wie immer, und ruhig hielt er dem Vater das Zeugnis hin,

»Ich wußte es, daß sie schreiben mußten, was sie geschrieben haben. Sie werden schöne Gesichter geschnitten haben, aber sie mußten mir die erste Stelle geben. Spaß! Macht Euch nicht lächerlich, Vater, werdet nicht toll, Esther. Spaß! Sie hätten mir den sentimentalen Hans drüben gern vorgeschoben, aber es ging nicht an; ich wußte es. Bei allen albernen Göttern, Vater, was habt Ihr aber angefangen heute morgen? Gold? Gold über Gold? Was ist das? Was soll das? Mein Gott, woher –«

Er brach ab und beugte sich über den Tisch. Dieser Anblick warf seine gewohnte Selbstbeherrschung, für einige Zeit wenigstens, völlig über den Haufen.

»Dein! Dein! Alles dein!« rief der Vater. »Ich habe dir gesagt, daß ich das Meinige tun würde, wenn du tätest das Deinige an dem Tisch da. Noch nicht alles! da – da!«

Der Alte war wieder zu dem Wandschrank gesprungen und warf noch einige klirrende Beutel auf den schwarzen Fußboden und noch einige Bündel Dokumente auf den Tisch. Seine Augen glühten wie im Fieber.

»Gewaffnet bist du und gerüstet, nun hebe dein Haupt. Iß, wenn du bist hungrig, und greife nach allem, wonach der Sinn dir steht. Sie werden es dir entgegenbringen, wenn du bist klug; du wirst ein großer Mann werden unter den Fremdlingen! Sei klug auf deinem Wege! Stehe nicht still, stehe nicht still, stehe nicht still!«

Die schwebende Kugel in dem Hause gegenüber spiegelte wider, wie Samuel Freudenstein hervoreilte und den westfälischen Lakai von dem Haken riß und ihn in die Tiefe des Trödelladens begrub; er schloß sein Geschäft damit für immer – der Lakai hatte als Aushängeschild für manche Dinge gedient, welche mit der Trödlerei eigentlich nichts zu tun hatten; es war kein Unglück, daß er aus der Kröppelstraße verschwand.

Hätte die Glaskugel des Meisters Anton Unwirrsch doch auch das Bild Moses Freudensteins wiedergeben können, wie er in der kurzen Abwesenheit seines Vaters mit untergeschlagenen Armen vor dem so reich belasteten Tische stand! Er war bleich, und seine Lippen zuckten, er fuhr mit den Fingerspitzen über einige der aufgezählten Goldreihen, und ein leises Zittern ging dabei durch seinen Körper. Tausend blitzschnelle Gedanken überschlugen sich in seinem Gehirn, aber nicht einer dieser Gedanken stieg aus seinem Herzen empor; er dachte nicht an die Arbeit, die Sorge, die – Liebe, welche an diesem aufgehäuften Reichtum hafteten; er dachte nur daran, wie er selbst sich nun zu diesem plötzlich ihm offenbarten Reichtum stellen müsse, welch eine veränderte Existenz für ihn selbst von diesem Augenblick anheben werde. Sein kaltes Herz schlug so sehr, daß fast ein physischer Schmerz daraus wurde. Es war eine böse Minute, in welcher Samuel Freudenstein seinem Sohn verkündete, daß er ein reicher Mann sei und daß der Sohn es dereinst sein werde. Von diesem Augenblick liefen tausend dunkle Fäden in die Zukunft hinaus; was dunkel in Moses Seele war, wurde von diesem Augenblick an noch dunkler, heller wurde nichts; der Egoismus richtete sich dräuend empor und streckte hungrige Polypenarme aus, um damit die Welt zu umfassen.

Das Dasein des Vaters war in diesem sich überstürzenden, wild heranschwellenden Gedankensturm nichts mehr, es war ausgelöscht, als ob es nie gewesen sei. Nur an sich selbst dachte Moses Freudenstein, und als des Vater Schritt wieder hinter ihm erschallte, fuhr er zusammen und biß die Zähne aufeinander.

Samuel Freudenstein hatte die Tür verriegelt; die Läden hatte er geschlossen, die weite liebliche Frühlingswelt, den blauen Himmel, die schöne Sonne sperrte er mit aus – wehe ihm!

Mit den fröhlichen Klängen, den glänzenden Farben des Lebens hatte er nichts zu schaffen, sie hätten ihn nur gestört; er wollte einen Triumph feiern, zu welchem er sie nicht nötig hatte – wehe ihm! Die graue Dämmerung, die durch die schmutzigen Scheiben der Hinterstube fiel, genügte vollkommen, um dabei dem Sohne das geheime Geschäftsbuch vorzulegen und ihm zu zeigen, auf welche Weise der Reichtum, den er vor ihm ausgebreitet hatte, erworben worden war.

Die Sonne ging unter und übergoß vor ihrem Scheiden die Welt mit einer Schönheit sondergleichen; in jedes Fenster, welches sie erreichen konnte, lächelte sie zum Abschied; aber dem armen Samuel Freudenstein konnte sie nicht Lebewohl sagen – wehe ihm!

Es wurde Nacht, und Esther trug die angezündete Lampe in das Hinterstübchen. Die Kinder wurden zu Bett gebracht, der Nachtwächter kam; auch die älteren Leute verschwanden von den Bänken vor den Haustüren. Jedermann trug seine Sorgen zu Bett; aber Samuel und Moses Freudenstein zählten und rechneten weiter, und erst der grauende Morgen fand letztern in einem unruhigen, fieberhaften Schlummer, aus welchem er wiederauffuhr, nachdem er kaum die Augen geschlossen hatte. Er erwachte nicht wie Hans Unwirrsch; er erwachte mit einem Angstruf und streckte die Hände aus und zog die Finger zusammen, als entreiße man ihm etwas unendlich Kostbares, als bestrebe er sich in tödlicher Angst, es festzuhalten. Aufrecht saß er im Bett und starrte umher, faßte die Stirn mit den Händen und sprang dann empor. Er zog die Kleider hastig an und stieg in die Hinterstube nieder, wo sein Vater noch im Schlafe lag und unruhig abgebrochene Sätze murmelte. Vor dem Bette des Vaters stand der Sohn, und seine Blicke wanderten von dem Gesicht des Vaters zu dem leeren Tisch, der vorhin so reich belastet war.

O über den Hunger, den schrecklichen Hunger, von welchem Moses Freudenstein gepeinigt, verzehrt wurde! Zwischen dem Mahl und dem Hungrigen stand ein überflüssiges Etwas, das Leben eines alten Mannes. Die Zähne des Sohnes dieses alten Mannes schlugen aneinander, wehe auch dir, Moses Freudenstein!

Wie war die Sanduhr von der Kanzel der christlichen Kirche in den Trödelladen gekommen? Sie war da und stand neben dem Bett des Greises in einem Fach an der Wand. In früheren Jahren hatte sie Moses und Hans oft als Spielwerk gedient, und sie hatten sich an dem Niederrinnen des Sandes ergötzt; nun hatte schon längst keine Hand sie mehr berührt, die Spinnen hatten ihr Gewebe um sie gezogen; es war auch ein nutzloses Ding. Was fuhr dem Sohn des Trödlers plötzlich durch den Sinn, daß er das alte Stundenglas von neuem umdrehte? Die erschreckte Spinne fuhr an der Wand hinauf; der Sand rieselte wieder nieder, und Samuel Freudenstein erwachte schreckhaft. Er zog die Decke zusammen und griff nach dem Schlüsselbund unter seinem Kopfkissen; dann fragte er fast kreischend:

»Was willst du, Moses? Bist du es? Was willst du? Es ist ja noch Nacht!«

»Heller Tag ists. Hat der Vater vergessen, daß wir noch nicht fertig geworden sind gestern. Es ist heller Tag; der Vater hat mir noch so viel zu sagen.«

Der Vater blickte den Sohn starr an und sah ihn wieder an. Dann fiel sein Blick auf die Sanduhr.

»Weshalb hast du umgewendet das Glas? Weshalb weckst du mich vor dem Tag?«

»Spaß! Der Vater weiß, daß die Zeit ist kostbar und verrinnt wie der Sand. Will der Vater aufstehen?«

Der Alte wendete sich unruhig in seinem Bette hin und her, und immer von neuem blickte er auf den Sohn, bald forschend, bald angstvoll, bald zornig.

Moses hatte sich umgewendet und ging zu seinem Schreibtisch am Fenster, aufrecht saß der Alte und zog die Knie in die Höhe. Der Sand in der Uhr rieselte nieder – nieder, und die Augen des Greises wurden immer starrer. Ob er in seinem kurzen Schlaf einen Traum gehabt hatte und nun überlegte, ob dieser Traum nicht Wahrheit sein könne, wer konnte das sagen? War es ihm urplötzlich klargeworden, daß er seinem Kinde mit einem so lange und gut verborgenen Schatz nur Finsternis und Verderben gegeben hatte? Welch ein Leben hatte er geführt, um die gestrige Stunde feiern zu können! Wehe ihm!

Scheue Blicke warf der Sohn über die Schulter auf den Vater:

»Was ist dem Vater? Ist er nicht wohl?«

»Ganz wohl, Moses, ganz wohl. Sei still, ich will aufstehen. Sei nicht zornig. Still, still – – auf daß du lange lebest auf Erden.«

Er erhob sich und kleidete sich an. Esther kam mit dem Frühstück, aber sie hätte das Tassenbrett fast fallen lassen, als sie ihrem alten Herrn in das Gesicht sah.

»Gott der Gerechte! Was ist dem Freudenstein?«

»Nichts, nichts! Sei still, Esther; es wird vorübergehen.«

Er saß den ganzen Morgen in seinem Stuhl, ohne sich zu regen. Nur sein Mund bewegte sich, aber ein lautes Wort kam nur einmal über seine Lippen; er wollte jetzt, daß man die Tür und die Laden wieder öffne.

»Was soll die Esther aufsperren das Haus?« fragte Moses. »Wollen wir doch erst zu Ende bringen das Geschäft von gestern und brauchen dazu keine Gaffer und Horcher.«

»Still, still, du hast recht, mein Sohn. Es ist gut, Esther. Nimm die Schlüssel unter meinem Kissen, Moses.«

Die Sanduhr war wieder abgelaufen; Moses Freudenstein selber hatte den Wandschrank abermals geöffnet und kramte in den Papieren. Der Greis rührte sich nicht, aber er folgte jeder Bewegung seines Sohnes mit den Augen und fuhr dann und wann fröstelnd zusammen. Esther hatte ihm eine alte Decke um die Schultern gelegt; er war wie ein Kind, das alles mit sich geschehen lassen muß.

Wieder nahm Moses einen Geldsack hervor, er glitt ihm aus den Händen und fiel klirrend auf den Boden, wobei ein Teil der Münzen über den Fußboden hingestreut wurde. In das Klirren und Klingen mischte sich ein Schrei, der das Blut erstarren machte. –

»Apoplexia spasmodica!« sagte eine Viertelstunde später der Doktor. »Hm, hm – seltener Fall bei einer solchen Konstitution!«

< Siebentes Kapitel
Neuntes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.