Frei Lesen: Der Marsch nach Hause

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Wilhelm Raabe

Der Marsch nach Hause

12.

eingestellt: 9.8.2007



Am siebenzehnten Juni alten und siebenundzwanzigsten neuen Stils, nachdem am Tage vorher der Schwed im Zug auf Nauen gesehen worden war, regnete es schlimm, obgleich es am folgenden glorreichen Tage, solange die Schlacht dauerte, noch viel schlimmer regnete. Was aber die Sümpfe zwischen der Havel und dem Rhin bei anhaltendem Regen zu bedeuten haben, das erprobe ein jeglicher, der Lust dazu hat, selber und lobe nachher seine Erfahrungen, wann er wieder im Trockenen sitzt!

Und von der Havel bis zum Rhin ritten bereits seit dem sechzehnten die Streifparteien der beiden schwedischen Heeresteile und der vorwärts dringenden Brandenburger gegeneinander und umeinander herum, während überall das aufgeregte, wütende Landvolk mit allerhand Gewehr und Gewaffen der Not auf den Beinen war: kurz, es war ein schwer Durchkommen selbst für zwei alte Korporale des Königs Gustav Adolf, die dem Überfall von Rathenow entwischten und nun die Ihrigen suchten, ein jeglicher bis jetzt noch für sich allein.

»Wenn mir heute einer sagte, daß ich einmal Hafenvogt zu Lindau im Bodensee gewesen sei, so schlüge ich ihm die Zähne in den Hals hinein, so wenig glaube ich dran«, brummte der Korporal Rolf Rolfson Kok, indem er am 17. Juni am Spätnachmittag zum drittenmal seit der letzten Viertelstunde vor einem neuen Sumpf vom Pferd stieg, um das Terrain als vorsichtiger Mann zu untersuchen, bevor er sich ihm mit seinem ermüdeten Gaul anvertraute, nachdem er wieder einmal mit Mühe einer nachsetzenden Patrouille des Herrn Generalmajors Lüdecke entgangen war. Ritterlich hatte er einen seiner Verfolger erlegt und dadurch den Jagdeifer der übrigen ungemein erhöht; allein einen einzelnen Mann zu jagen, lohnte sich heute eigentlich unter keinen Umständen, und so hatten die kurfürstlichen Kürassiere zuletzt doch in einem Kieferngehölze die Verfolgung aufgegeben, und der Korporal Rolf stak naß, triefend, hungrig und durstig zwischen Sumpf und Moor und suchte vorsichtig, wie wir gesagt haben, einen Übergang gen Nordost. Das war keine geringe Aufgabe, und mit steigendem Verdruß tastete und platschte er und rettete sich von neuem auf festeren Grund, bis er endlich eine Art von Fußpfad durch das tröpfelnde Gebüsch fand und ihn behutsam beschritt, seinen abgehetzten Gaul am Zügel hinter sich dreinziehend. Immerfort mit sich selber redend oder vielmehr in den Bart brummend, tappte er zu; aber schon nach zehn Minuten hielt er horchend von neuem an; denn plötzlich vernahm er vor sich aus dem Dickicht ein Schnauben und Stampfen, vermischt mit lauten und halblauten Schimpfworten und Verwünschungen, die sämtlich nicht auf dem märkischen Boden gewachsen waren. Der Korporal Rolf stand und horchte atemlos. Derjenige, welcher dort hinter den Rüstern, wie es schien, gleichfalls im Sumpfe feststeckte, verwünschte sein Schicksal in schwedischer Zunge, und nachdem der vormalige Hafenwärtel der Freien Reichsstadt Lindau nochmals die Hand hinter das Ohr gehalten hatte, schrie er:

»Vivat Schweden! Ich komme, Kamerad!« und drang mutvoll tiefer in das Moor ein, den kläglichen und verdrießlichen Kundgebungen nach.

Aus dem Gebüsche hatte ihm ein Gegenruf geantwortet und der erboste Wunsch: wenn der Kamerad wirklich ein gutes schwedisches Herz habe, so möge er eiligst kommen, es sei Not vorhanden. Der Korporal Rolf hatte geantwortet: »Hier auch!«, war aber doch drauflosmarschiert, und wieder nach einigem beschwerlichen Durchwinden drang er aus dem Gebüsch hervor und hatte das Schauspiel, das er erwartete, vor sich, wie er es sich vorgestellt hatte.

Ein großes Gestampf und Geplatsch in Moor und Röhricht – zerstampfte Binsen und Gesträuche – ein halb versunken Roß und darauf ein rotrockiger schwedischer Reitersmann, mohrenfarbig vom Sumpfwasser – triefend wie alles umher vom Regen – und dem gänzlichen Versinken in die schlammige Tiefe nahe!

»Wenn es mein leiblicher Vater wär, so würde ich ihn nicht in dem Kerl erkennen!« murrte der Korporal Rolf; dagegen erkannte der Mensch im Röhricht den Korporal Rolf sofort und schrie:

»Alle guten und bösen Geister – bist du es, Rolf Rolfson Kok? O du himmlische Güte, kommen wir wirklich noch einmal zusammen auf dieser niederträchtigen Welt? Ich bin es, Wachtkommandant! Kennt Ihr mich nicht? Ja, Herzbruder, meine eigene Mutter möcht mich wohl nach einem solchen Ritt und in solcher Farb und Zerzausung nicht erkennen!«

»Sven Knäckabröd?! Sven, Sven?« schrie der andere. »Hat dich der Derfflinger nicht ganz und vollständig geholt? Das ist freilich bei allem Elend das beste Abenteuer, was mir noch zuteil werden konnte. So schickt sich alles, und darum bin ich vorgestern von der Rathenower Stadtmauer auf einen brandenburgischen Profosengaul gefallen, um dir heute hier aus dem Malheur helfen zu können! Halt gut, noch einen Augenblick halt den Kopf über dem Wasser, Sven! Gleich hab ich dich auf dem Trockenen, soweit es bei diesem Regen von oben und diesem Morast von unten zu machen ist.«

Er hatte sofort nach dem Bündel Hanfstricke, welches von dem Sattelknopfe seines Vorgängers an eben diesem Sattel herabhing und für die Hälse der Marodeurs, Spione und sonstigen soldatischen Übeltäter beider Heere bestimmt war, gegriffen, es heruntergerissen und auseinandergewickelt. Mit vielem Geschick verknüpfte er die einzelnen Stricke miteinander und hatte bereits im nächsten Augenblick dem armen Korporal Sven Knudson Knäckabröd ein tüchtig und haltbar Seil zugeworfen – nicht um ihn damit in die Ewigkeit hineinzubefördern, sondern um ihn so sanft als möglich aus dem Sumpfe der Mark Brandenburg herauszuziehen. Nach einem ängstlichen und schweißtriefenden Abzappeln von einer Viertelstunde waren beide gerettet – der Korporal Sven wie sein Roß – und standen beide keuchend und schnaufend am Rande des verräterischen, grün überwachsenen Schlammes. Selbst der Frau Fortunata Madlener hatte Sven Knudson Knäckabröd, als er nach der Schlacht am Roten Egg unter ihrer Pflege erwachte, nicht so zärtlich die Hand geschüttelt, wie er sie jetzt dem guten Kameraden aus der Krone zu Lindau schüttelte.

»Und nun, Bruder Sven, wie ist dir außerdem, daß du aussiehst wie ein Mohrenpauker bei einer Leibtrabantengarde?« fragte der Korporal Rolf.

»Danke für die Nachfrage! Dumm, leer im Magen und jammerhaft im Sinn, Rolf Kok. Ach, Rolf Rolfson Kok, schauderhaft verbiestert!«

»In Lindau in der Krone haben sie eine Art Würste, an welche ich jetzo schon anderthalb Tage lang habe denken müssen. Und was den Wein vom vorigen Herbst betreffen möchte –« der Korporal Sven ließ ein dumpfes Geheul vernehmen gleich einem angeketteten Hofhund, welchem man ein Stück Schinken von ferne zeigt; glücklicherweise geriet der Korporal Rolf schnell auf etwas anderes.

»Und Rathenow haben sie; und wer weiß, was sie noch alles haben. Zu Hunderten liegen die Unsrigen vom Regiment Wangelin in den Gassen und in den Häusern. O Sven, ich gäb heut noch mehr darum als damals auf der Bastion zu Lindau, wenn ich den Weg zum Wrangel fände. Bei solchem Hunger und Durst solche Wehmütigkeit und solchen Grimm erdulden zu müssen, das hält nicht einmal ein Mensch aus, der mit dem großen Gustavus Adolfus auf Usedom landete und nachher alles mit durchmachte.«

»Das nächste Mal reiß ich nicht wieder aus, wenn die Brandenburger mich zu Gesicht kriegen; – ich halte stand und lasse dem Trübsal ein Ende machen«, ächzte Sven.

»Das beste ists; ich bin mit von der Partie, Bruder«, sprach Rolf ebenso verzweifelt-grimmig. Im nächsten Moment horchte er wieder und rief sodann:

»Sieh, da ist die angenehme Gelegenheit schon. Horch, da sind sie wieder aneinander! Zu Pferde, zu Pferde und darauf los! Die Mähren brauchen eben doch nicht länger bei Atem zu bleiben als wir. Heraus mit den Plempen, und: Vivat ein ehrlicher schwedischer Reitertod! Was aber das übrige anbetrifft, so wär es mir allmählich einerlei, wer den Weltball hinnähme, ob die Kron Schweden oder dieser Kurfürst von Brandenburg mit seiner verwetterten Kavallerie!«

Sie stiegen mühselig von neuem auf ihre Gäule, die auch wieder und zwar fast menschlich seufzten. Um den verräterischen Sumpf herum ritten sie abermals in den Kiefern- und Rüsternwald hinein, dem vernommenen Schall des fernen Kanonendonners und der nahen Büchsenschüsse, Trompetenstöße und Menschenstimmen nach.

»Das ist Nauen, um welches die Konstabler spielen; und jetzo weiß man wenigstens wieder, nach welcher Richtung man die Nase zu drehen hat. Das ist auch ein Trost; aber der andere Lärm beweist mir, daß Schweden noch immer auf dem Rückzuge ist. Vorwärts, Bruderherz; einmal müssen wir unsere Löffel noch in den Brei tunken!«

»Sprich mir nicht von Brei, Rolf Rolfson Kok!« bat Sven Knäckabröd kläglich. »Du könntest ebensogut von einem gebratenen Ochsen reden. Das Herz wendet sich mir jedesmal, wenn ich dich von Löffel, Messer und Gabel diskurrieren hör, im Leibe um. Ja, vorwärts, Kamerad, und wollt, es würde endlich einmal wieder licht vor uns, was wir auch auf der Landstraße finden möchten!«

Der Wunsch, welchen der Korporal Gockele vollkommen teilte, sollte ihnen noch vor Sonnenuntergang – wenn man an einem solchen Regentage von Sonnenuntergang reden konnte – gewährt werden. Nachdem sie noch manche Fährlichkeit des Weges überwunden hatten, kamen sie endlich wirklich aus dem Walde heraus, und zwar mit immer heftiger pochenden Herzen, und das war wahrhaftig kein Wunder.

Es war ein Brausen, Schwirren, Brüllen, Rufen und Kreischen in den Lüften, als ob sich auf der Erde Tausende und aber Tausende auf einem engen Pfade in höchster Not drängten – ein Brausen und Geschrei wie von Tausenden auf dem Marsche, und zwar auf einem Rückzugsmarsche! Das hallte von ferne unter den schweren, grauen Regenwolken her, als ob der Himmel es nicht hören wolle und das Gewölk wie eine Wand zwischen sich und den irdischen Jammer gelegt habe.

Näher und näher erscholls, je weiter die beiden Korporale vorwärts drangen, und als sie endlich den Wald sich lichten sahen, da erblickten sie schon zwischen den letzten Kiefernstämmen den Grund des Getöses, und als sie hervorritten aus der Dämmerung des Gehölzes, da spielte das große, aber schreckliche Schauspiel auf Entfernung von einigen hundert Schritten vor ihren Augen sich ab!

In der graufahlen Beleuchtung des abendlichen Regenhimmels dehnten sich die großen Sümpfe, das Havelland-Luch, – und durch das Luch zog sich der schmale Damm, und auf demselben, soweit das Auge reichte, von einem Horizont zum andern, wälzte sich der schwedische Rückzug – Reiterei und Fußvolk, Geschütz, Bagage, Weiber und Schlachtvieh durcheinander – im wirren grausigen Getümmel vorüber; fern im Süd aber klang und donnerte das Gefecht der Nachhut. Die Brandenburger taten dort ihr möglichstes, den Schrecken und die Verwirrung in den Gliedern des Feindes zu erhalten und den Kehraus nach besten Kräften vorzunehmen.

Wie zwei Bildsäulen saßen die zwei alten Kriegsgenossen des großen Königs Gustav Adolf auf ihren Pferden und starrten auf das erstaunliche Spektakel. Hunger, Durst und Ermüdung waren vollständig vergessen. Für sich und an sich selber fühlten sie nichts mehr. Sie starrten – stierten – und dann nickten sie beide zu gleicher Zeit mit ihren Köpfen, und dann – rollten wirklich ihnen die Tränen hell aus den Augen und verloren sich mit den ihnen ins Gesicht schlagenden Regentropfen in den weißen Bärten. – –

»O Sven«, stöhnte endlich Rolf Kok, »sind wir darum so weit hergekommen? Sind wir darum aus dem Schlaf auferwecket, um das zu erleben? O Sven, o Sven, es ist aus mit uns, und ich wollte, der Herrgott hätte uns in unserer Versprengung belassen und uns nicht das Herz erregt durch einander und durch den welschen Signor Tito Titinia Raffa, oder wie er hieß, der Ruffian!«

»Ich wollte es auch, Rolf«, seufzte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd. »Auf mich und dich kommt es wohl nicht an, und was wir darüber denken, ist auch gleichgültig; aber daß dieses dem Karl Gustav, dem gewaltigen Connetable Wrangel passieren muß, das ist das Elend! Sieh, und da sind die Kürassiers von Wachtmeisters Regiment. Da sieh nur, wie die Schufte in den Sätteln hängen und wie reitende Feldhasen über die Schultern gucken. Und das trägt Harnisch und Schwert! Da, da – sieh – da drängen sie sich gar gegenseitig von der Straße, um nur ja die eigene Schande unversehrt in Sicherheit zu bringen! Ach Schweden, Schweden, an manchem Sommerabende hab ich dich über die Berge und den See weg gesehen, sitzend wie eine Königin in Purpur. Da hab ich mein Heimweh stillen müssen, und nun sehe ich dich als ein Bettelweib, wie mit dem Knittel aus einem fremden Hause gejagt! Was sagst du, Bruder? Ich sage, wir reiten nun eben mit bis zum Ende.«

»Wir reiten mit bis zum Ende!« rief der Korporal Rolf Kok, und blind trieben die beiden tapfern Grauköpfe unter den letzten Bäumen und aus dem letzten Gestrüpp des Waldes ihre Rosse mit wilden Sporenstößen hervor und hinab in den Sumpf, der sie von dem berühmten Damme trennte. Ihr Fatum aber schien sie wirklich bis zum Schlusse der Tragödia mitspielen lassen zu wollen. Der Sumpf verschlang sie nicht, sie erreichten den betrüblichen Strom von Menschen und Vieh, der in dem dunkelnden Abend durch die verregnete Mark heranwogte, und so wurden sie fortgerissen und fortgewirbelt – zwei Tropfen in der kläglichen Flut der schwedischen Retraite – fortgewirbelt, dem Rhin entgegen.

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