Frei Lesen: Der Marsch nach Hause

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Wilhelm Raabe

Der Marsch nach Hause

13.

eingestellt: 9.8.2007



Der Herbst des Jahres 1675 war gekommen, lachend wie ein rechter Bruder des Frühlings. Im weichverschleierten Sonnenlicht lag die Rheintalebene zwischen den Bergen des Bregenzer Waldes und den Bergen von St. Gallen und Appenzell. Lachend tanzte der junge Fluß dem Bodensee zu, als ob er nie Felsentrümmer und Hochwaldsbäume vor sich her geschleudert, als ob er nie die Felder und Wiesen schwerarbeitender Menschen mit haushohem Schlamm und wüstem Steingeröll bedeckt habe oder als ob er doch wenigstens die Absicht habe, von jetzt an es nicht wieder zu tun.

Es war ein Sonntag in den letzten Tagen des Septembers. In jeder Schenke am Wege klang die Fiedel. Von der Höhe des Steusberges glänzten hell und weiß die Türme von Maria-Bildstein herab; es war auch ein Wallfahrtstag zu Maria-Bildstein, und alle Wege weit umher waren mit den bunten Gruppen der frommen Christen und Christinnen bedeckt, die entweder noch zum Gebet auf der Höhe emporstiegen oder bereits wieder herunter und hinab in das irdische Jubelgetümmel.

Zu Schwarzach im Löwen herrschte vor allem ein lustiges Leben; aber da das muntere Treiben hier, wie in jeder andern Schenke, sich wenig von dem zu Anfang dieser ziemlich historischen Geschichte beim Geburtstagsfeste des heiligen Gebhard geschilderten unterschied, so haben wir nicht nötig, uns an dieser Stelle auf eine abermalige Beschreibung einzulassen. Wir haben Sonderbareres zu berichten und gehen sofort ans Werk.

Den ganzen Morgen hindurch hatte unter den Kastanienbäumen vor dem Wirtshause »Zum Engel« an der Achbrücke bei Oberrieden ein Mann gesessen, der, ein wenig scheu, einen gewaltigen Durst zu löschen hatte und der jetzo langsamen und müden Schrittes durch das Dorf Schwarzach zog und, dem Anschein nach, auch auf dem Wege am liebsten niemandem ins Gesicht gesehen haben würde.

Es war ein alter, weißköpfiger, gebückter Mensch, der schwerfällig auftrat und seinen Stab nicht als eine überflüssige Zierde trug und handhabte. Er war bekleidet mit einem abgeblichenen roten Tuchkoller, über dem ein rostig-gelblicher Schimmer lag, als ob sich lange Zeit ein Eisenküraß dran gerieben habe. Er trug ein gelbledern Wehrgehäng, doch fehlte das Schwert; er trug desolate hohe Reiterstiefeln, an welchen die Sporen fehlten, und er trug einen breitkrempigen, an der Seite aufgeschlagenen Filzhut, welchem jedoch Feder und Kokarde ermangelten, der dafür aber mit einigen Rissen und Schrammen, die nur von naher Berührung mit blanken Waffen herrühren konnten, geziert war.

Die Wirtsleute und die Gäste vom Engel an der Ach hatten ihn mit ziemlicher Verwunderung beobachtet, wie er geduckt vor seinem Schoppen saß. Sie hatten natürlicherweise auch mehr als einmal versucht, ein Gespräch mit ihm anzuknüpfen; allein er hatte selbst auf die höflichste Frage nicht Rede und Antwort stehen wollen, sondern nur grimmig in seinen Krug gesehen oder denselben stumm zu neuer Füllung hingereicht. Kopfschüttelnd hatte das gutmütige Volk ihm nachgeblickt, als er sich endlich schwer ächzend erhob, ohne Gruß aus dem Schatten der Bäume fortschritt und weitermarschierte auf dem Wege durch die Felder Schwarzach zu; und alle, die ihm begegneten, blieben gleichfalls stehen und sahen ihm verwundert und kopfschüttelnd nach. Einige Male sagte auch wohl jemand: »Den sollte ich ja doch kennen!« Aber wohin er ihn tun sollte, das wußte er dann doch nicht, und erst, als der Alte auf seinem Marsche durch das große Dorf Schwarzach vor der Tür des Löwen angelangt war, fand sich einer, der es wußte.

Auch hier wollte der Rotrock verstohlen an der entgegengesetzten Seite der Straße vorüberschleichen; allein es sollte ihm nicht gelingen.

»Halt ihn, halt ihn! Bigott, da, da! Er ist es! Halt ihn!« schrie eine quäkige Stimme aus dem offenen Fenster herab, und rückwärts sich in die Stube wendend, schien der Schreier eine seltsame Neuigkeit dem gedrückt vollen Raume zu verkünden.

Es entstand ein gewaltiges Gepolter und Aufstehen, ein lachendes, verwundertes Durcheinander von Stimmen in der Zechstube des Löwen, und hervor aus dem Hause quollen die Gäste, und die Treppe hinunter hüpfte hinkend Meister Macedon Trafojer, ein armselig, halblahm, dürr Schneiderlein, welches von Zeit zu Zeit auch nach Alberschwende auf die Flickarbeit kam und die Frau Fortunata Madlener, sowie ihren Haushalt und ihre Wirtschaft zum genauesten kannte.

»Er ist es! Da ist er wieder! Halt ihn, halt ihn!« schrie das heldenmütige Schneiderlein und jagte dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd vom Regiment Wangelin Dragoner einen gewaltigen Schrecken ein, einen panischen Schrecken in der vollsten Bedeutung des Wortes; der Korporal fuhr zusammen, sah auf, sah die Bewegung in der lachenden Gruppe sonntäglich geputzter Gäste auf der Treppe des Löwen, sah aller Blicke auf sich gerichtet, sah den koboldhaften Schneider Macedon im glühenden Eifer, der Frau Fortunata einen Gefallen zu tun, heranspringen und – – – riß aus!

Er lief. Er lief, so schnell ihn die alten, müden Beine tragen wollten, und ihm nach klang es jubelnd, lachend und höhnisch:

»Halt ihn, halt ihn! s ist der Schwed von Alberschwend! Halt ihn; die Taubenwirtin hält den, so ihn tot oder lebendig bringt, ein Jahr lang frei in Kost und Getränke!«

Das mochte nun der tapfere Meister Trafojer ganz ernsthaft nehmen; aber die andern begnügten sich doch mit dem baucherschütternden Hinterdreinlachen und stellten nur verwunderte Fragen über das plötzliche Wiedererscheinen des schwedischen Mannes untereinander. Auch das Schneiderlein mußte in Anbetracht seiner lahmen Füße die Jagd an der nächsten Ecke aufgeben, und nur die Kinder von Schwarzach gaben sie fürs erste noch nicht auf, sondern verfolgten selbstverständlich in hellen Haufen den Mann von der Lorena bis zum Dorfe hinaus, allwo er zuerst den Mut fand, sich zu stellen, und sie mit donnerndem Zornesruf und geschwungenem Stocke zurückzuscheuchen versuchte.

Das gelang ihm aber schlecht. Sie schrieen nur ärger:

»Der Schwed von Alberschwend! Ho he, der Schwed vom Roten Egg! Er ist wieder da! Er kriegts, jetzt kriegt er es, der Schwed von Alberschwend!«

Mit diesen Worten, doch auch mit einigen Steinwürfen begleiteten sie ihn bis hoch hinauf in die Berge, immer den rauschenden Bach entlang. Und als sie dann endlich doch zurückblieben, als die Felsen drohender, der Hochwald dunkler wurde und es wieder still hinter und um den armen Korporal Sven geworden war, da hielt auch er an, hielt sich den Kopf mit beiden Händen, wie auf der ersten Rast nach der Flucht von der Havelbrücke bei Rathenow, und warf sich unter einem Baume nieder, zerschlagen und wie gerädert, und was das schlimmste war, voll großer Sorgen wegen seines Empfanges – zu Hause.

Damals führte noch keine Kunststraße durch den Wald, und wer den Weg bei dämmerndem Abend oder gar bei Nacht zu machen hatte, der mußte wohlbekannt in der Gegend und dazu recht sicher auf den Füßen sein, wenn man ihn nicht am andern Morgen mit zerbrochenen Gliedmaßen am Ufer der Schwarzach finden sollte. Der Korporal Sven Knudson Knäckabröd war eigentlich beides nicht; aber um keinen Preis in der Welt wäre er heute noch bei hellem Tageslichte in Alberschwende eingezogen.

Da lag er denn unter seiner Tanne, zerschlagen und hinfällig, und es war ihm sehr schlecht zumute. Ein uralter nordischer Waffensegen fiel ihm gerade jetzt ein, und er summte ihn vor sich hin:

Sieg in deine Hand! Sieg in deinen Fuß!
Sieg in alle deine Glieder gut!
Gott der heilige Herr segne dich!
Wach und regiere über dich!«

Aber viel Erquickung und Ermunterung zog er nicht heraus. Sehr kläglich war ihm zumute, und so lag er, mit beiden Händen unter dem Kopfe, bis die rote Abendsonne erst von den Stämmen, dann von den höchsten Wipfeln und zuletzt von den allerhöchsten Felsenkuppen sich verzog. Dann erst erhob er sich tief seufzend und wankte weiter bergan, durch die beginnende Nacht. Gegen elf Uhr abends erreichte er Alberschwende.

In der Taube war natürlich ebenfalls Musik und Tanz, und der arme Sven sah schon von weitem die hellen Fenster und vernahm schaudernd die lustigen Jauchzer.

»Das ist schlimmer als der Angriff des Homburgers, des Prinzen mit dem silbernen Bein, bei Fehrbellin!« murmelte er. »Der Faustschlag Seiner Exzellenz des Herrn Generalfeldmarschalls Derfflinger an der Rathenower Bruck war nichts Geringes; aber – o du liebster Himmel, was wird sie sagen?!«

Die Tür des Wirtshauses »Zur Taube« stand weit offen, und der Korporal stieg die Treppe, welche zu ihr emporführte, langsam und mit eingezogenen Schultern hinauf. Der Hausflur war augenblicklich leer, und da die Stubentür ebenfalls offen stand, so hinderte ihn nichts, geduckt und vorsichtig um die Ecke in das weite, trüb erleuchtete, niedere Gemach, in das kreischende, jubelnde Tanzgewirbel zu lugen. Er fuhr sofort zurück; denn als in diesem Moment die Reihen der Tanzenden sich lösten, da sah er sie – da sah er sie mit in die Hüften gestemmten Armen neben ihrem Schenktisch stehen, an demselbigen Tische, neben welchem er Anno 1647 nach dem Überfall am Fallenbach aus seiner Ohnmacht erwachte und sie, die Frau Fortunata Madlener, ebenfalls mit in die Seiten gestützten Armen vor sich stehen sah.

»Es ist nicht menschenmöglich«, stöhnte der Deserteur. »Selbst der tapfere Karl Gustavus, der Feldmarschall Wrangel, würde es nicht fertigbringen! Selbst der große Gustavus Adolfus, der streitbare Löwe aus Mitternacht, brächt es nicht zustande, ihr jetzo unter die Augen zu treten!«

Rückwärtsschreitend zog sich der Korporal Sven Knudson Knäckabröd von Wangelins Dragonern zurück und schlich sich wieder aus dem Hause, stieg die Treppe wieder herab und verlor sich von neuem in der dunkeln Nacht.

Um die zwölfte Stunde hörte der Bub in der obersten Hütte auf der Lorena, plötzlich aus dem Schlafe erwachend, erst ein wildes, wütendes Anschlagen des Hundes, dann ein unterdrücktes Freudewinseln des Tieres und zuletzt ein Gepoch an der Tür. Zitternd und entschlossen zu gleicher Zeit, griff er nach dem Handbeil neben seinem Bett und schrie:

»Wer ist draußen? Hex, Unhold und Strolch soll draußen bleiben – gut Freund komm eini!«

Da antwortete ihm eine heisere Stimme:

»Gut Freund, gut Freund!«, und der Bub schlug Licht und kam mit dem Kienspan an die Tür und öffnete. Eine schwere, harte Hand legte sich ihm auf den zu einem lauten Schrei aufgerissenen Mund, und Sven Knudson Knäckabröd flüsterte:

»Ja, Bursch, ich bins. Schrei nur nicht. Den Hund nehm ich mit herein – schließ die Tür, Melchior; ich bins in Fleisch und Blut; marsch auf dein Stroh zurück, ich krieche in meinen eigenen Winkel dorten; morgen früh wird sich ja wohl das übrige finden.«

Das war der festeste Schlaf, den der Korporal Sven Knudson Knäckabröd je schlief; aber der Bub Melchior Rädler schlief gar nicht wieder ein in dieser Nacht. Solange es noch dunkel war, saß er aufrecht auf seinem harten Lager und horchte auf das donnernde Geschnarch aus entgegengesetzter Ecke der Hütte. Und als es dann allgemach licht wurde, saß er noch aufrecht und blickte stier nach dem Schlafgenossen hinüber. Als aber die Spitzen der Berge im ersten Lichte des neuen Tages zu scheinen begannen, da erhob er sich; fuchsartig, verstohlen beugte er sich noch einmal über den heimgekehrten Korporal und schlich aus der Tür. In dem Augenblick, wo er sich draußen fand, fing er an zu laufen; in den weitesten Sätzen sprang er bergab, nach Alberschwende hinunter, und klopfte und hämmerte wie wahnsinnig an der Pforte seiner Brodherrin. Nach zehn Minuten befand sich das ganze Haus im hellen Alarm, und nach einer weitern Viertelstunde, als sich schon der Himmel im Osten mit schönster Glut färbte, hatte sich der Lärm bereits durch das ganze Dorf verbreitet.

Noch sprachen zwar die Bequemsten und Ungläubigsten von ihrem Bette aus: »Der Bub Melchior hat geträumt!« Allein der Bub Melchior war seiner Sache eben gewiß, und die Frau Fortunata Madlener war um diese Zeit schon – auf dem Marsche zur Lorena empor.

Sie stieg bergan, gestützt, geschoben und gezogen von den stärksten Händen ihres Haushaltes. Aber auch der schwächere Teil ihres Haushaltes stieg mit. Daß die Hunde sich nicht ausschlossen, verstand sich von selber; aber auch das halbe Dorf folgte dem Zuge, und es war freilich ein sonderlicher Zug durch die graue Frühe, über die taufeuchten Halden und durch den noch phantastisch in Wolken und Nebel gehüllten Tannenwald.

»Ich will sanft gegen ihn sein wie ein eintägig Lämmle«, murmelte die Taubenwirtin. »O, er soll es schon verspüren, wie sanft ich gegen ihn sein will; aber gestehen soll er, wo er sich umgetrieben hat. Was meinst, Aloysle, ob ich es wohl aus ihm herausschmeicheln und -streicheln werd? Ei, er soll sich schon wundern, wie schön man einem solchen wie er tut, wann er endlich nach Hause kommt. Ah – oh – uh, den Stein überleb ich nicht; stemm die Schulter an, Kasperle! Sachte, Fridolin, den Arm brauchet Er mir nicht auszureißen; – uh – oh – da – jetzt noch einmal zum letzten – da wä–ren – wir – o–ben!«

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