Frei Lesen: Der Marsch nach Hause

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

1 | 2. | 3. | 4. | 5. | 6. | 7. | 8. | 9. | 10. | 11. | 12. | 13. | 14. |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Alte Nester | Die Leute aus dem Walde | Das Horn von Wanza | Horacker | Gedelöcke |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der Marsch nach Hause) ausdrucken 'Der Marsch nach Hause' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Der Marsch nach Hause

3.

eingestellt: 9.8.2007



Du lieber Himmel, eine Zeitlang, so um das Jahr 1655 herum, trug er, der Korporal, sich mit dem Gedanken, ob er sich nicht dadurch am leichtesten ranzionieren und zugleich seinem dankbaren Gemüte am angenehmsten Genüge leisten könne, wenn er die junge Wittib freie und selber Taubenwirt zu Alberschwende werde. Eine Weile lang hatte der gute Sven die größte Lust, auch einmal das Wagstück auszuführen und zu rufen: »Ho, Frau Fortuna, sing!«, aber zuletzt wagte er es doch nicht, abgesehen davon, daß er seinen lutherischen Glauben oder vielmehr den Glauben hochseliger Königlicher Majestät Gustavi Adolfi – denn er selbst machte sich nicht viel daraus – doch nicht gern in die Schanze schlagen wollte.

Es blieb also dabei: »He, Korporal, sing!«, und Sven Knudson Knäckabröd sang; aber wie melodisch, das wollen wir lieber doch nicht weiter aufrühren. Er war eine gute Kindsmagd, und als seine Dienstjahre in dieser Hinsicht als beendet angesehen werden konnten, da tat ihm das fast leid, und als braver Veteran behielt er für alle Zeiten eine tiefe Zuneigung zu dem früheren Dienstverhältnis. Als die kleine Aloysia zehn Jahre alt geworden war, hatte das Gebirgsvolk so ziemlich vergessen, auf welche Art und Weise der schwedische Mann in seine Mitte geraten war, und die Frau Fortunata konnte ihn allein laufen lassen.

Er lief aber noch immer nicht allein; auch die kleine Aloysia Madlener hielt fürderhin in Treuen an ihm, und die beiden schickten sich gar wohl ineinander im Dorf, im Wald und auf den Matten bei jeglicher Lust und Arbeit.

Wer jene holdselige Gegend kennt, der weiß, daß im Süden des Dorfes Alberschwende der Pfad sich steil, anfangs durch Gehölz und dann über schöne Wiesen, zu einem Bergsattel emporzieht, die Lorena geheißen. Wer ihn heute geht, der findet unterwegs, ehe er zu dem herrlichen Gipfel gelangt, drei Sennhütten; um die Mitte des siebenzehnten Jahrhunderts aber lag nur eine dort, und diese ein wenig höher, der Kuppe näher am Rande eines Tannenwaldes, und die Hütte, der Wald und die Wiesen ringsumher gehörten dem Taubenwirtshaus drunten im Dorfe, und die Frau Fortunata hatte das Besitztum einst als ein trefflich Nestei dem jetzo seliglich abgeschiedenen Gatten mit in die Ehe gebracht.

In dieses Haus auf der Lorena versetzte die Taubenwirtin ihr Beutestück aus dem Schwedenkriege um das Jahr 1656, gab ihm Vieh und Weide zu bester Pflege und Wartung unter, wie sie ihm vordem ihr Töchterlein anvertraut hatte, und verwendete den Korporal wiederum also geziemlich und nützlich.

»Sie sagen, Ihr treibt auch daheim sonderliche Zucht mit allerlei absonderlichen Kreaturen in Milcherei und Käserei, Schwen. Nun seid Ihr lang genug bei uns, um zu wissen, was eine Kuh ist, und könnet wohl einen Ochsen von einem Kalbe unterscheiden. Einen Bub krieget Ihr mit auf den Berg; also jetzt zeiget Euch als einen mit Verstand begabten Menschen, haltet mir gute Ordnung und zeigt den Nachbarn, daß ich mir keinen Narren in Euch großgezogen habe«, sprach die Frau Fortunata Madlener, und Sven Knudson Knäckabröd zeigte sich wahrlich als einer, der nicht nur mit Rentieren, Elentieren und der Luntenbüchse, sondern auch wie mit dem Kinderwiegen, so mit der Milch, der Butter und dem Käse umzugehen wußte. Es hätte nun bald wenig gefehlt, daß er jetzt ebenso berühmt wurde, wie er vordem berüchtigt war.

Nun ließ es sich freilich auf der Lorena lustiger hausen als in der niedrigen, dumpfigen, holzvertäfelten Stube drunten in der Taube, vorzüglich für einen, welcher von früher Jugend an die frische Luft gewöhnt war; und der Korporal Sven saß manch lieb langes Jahr dort oben, und ein undankbarer, hartherziger Gesell von Grund aus hätte er sein müssen, wenn er jetzt nicht sein Geschick allmählich gelobt hätte. Wir wollen zwar nicht behaupten, daß gerade er vor den andern Sterblichen der damaligen Zeiten berufen war, jubilierenden Herzens in die Pracht und Schönheit der Natur zu blicken; allein er hatte doch auch seine Freude an dem, was er von seiner Tür aus überschaute. Da hatte er zu seiner Linken den mächtigen See bis in die fernste, verschleierte Ferne; zu seiner Rechten aber, über dem Tal von Schwarzenberg, da hob es sich empor: Giebel an Giebel, Zacken an Zacken, Wand über Wand; und die Glocken seiner Kühe klingelten um ihn her, und Aloysia Madlener kam, erst ein jung, leichtfüßig Kind, dann eine hübsche Jungfer, und saß wieder bei ihm und suchte ihm jetzt die Zeit zu vertreiben, wie er früher sie ihr vertrieben hatte.

Tagelang saß sie oft bei ihm auf der Lorena, und bald kam die Zeit, wo der kriegerische Kuhhirt Besuche bekam, die ihm gar schön um den Bart gingen und doch nicht seinetwegen von allen Höhen herab und aus allen Tälern hinauf zu ihm stiegen. Eitel jung Volk besuchte ihn, die besten Buben weit umher, und einige gab es darunter, die kamen mit der Mette und gingen erst mit dem Abendgeläut, bis die Katz aus dem Sack war und der Fidel Unold, der reiche Sägmüllerssohn, es allen anderen abgewonnen hatte. Da gingen denn dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd auch wieder einmal die Augen auf, und als er seiner Verblüffung gegen die Frau Fortunata Luft machte, da stemmte diese auch wieder einmal die Arme in die Hüften und sprach:

»Schwen, daß ich einen Esel am Roten Egg aufgehoben habe, das wußte ich nach den ersten drei Tagen unserer Bekanntschaft. Na, Alterle, laßts gut sein, ich habe hier unten die Augen offen gehalten, während Ihr da oben nur das Maul aufsperrtet und vermeintet, das ganze junge Volksspiel gehe nur deshalb zu Euch her, um Eure Lügen und Heldentaten anzuhören. In acht Wochen ist Hochzeit, und Ihr seid freundlich geladen.«

In acht Wochen war wirklich die Hochzeit der schönen Aloysia Madlener und des glücklichen Fidel Unold, und der Korporal Knäckabröd spielte, obgleich er ein Esel war, doch keine geringe Rolle an dem hohen Tage. Er tanzte sogar – erst zu allgemeiner Bewunderung einen schwedischen Tanz, dann unter lautem Aufkreischen der Weiber und brüllendem Gelächter der Mannsleute einen Kroatentanz und zuletzt zu seinem allereigensten Vergnügen einen zierlichen Ländler mit der Brautmutter, der Frau Fortunata Madlener; und nur verschiedene alte Weiber, die ihm einst am Roten Egg mit aufgegeigt hatten, schüttelten jetzt noch den Kopf über ihn.

Nach den Hochzeiten pflegen die Taufen zu folgen, und so geschah es auch hier. Gar häufig holte man ihn auch zu solchen Feierlichkeiten von seiner Höhe herunter, und dann stiegen wiederum kleine Füße zu ihm hinauf, und – so gingen die Jahre vorüber und hin, und der Korporal Sven Knudson Knäckabröd, der in seinen jungen Jahren so vieles durchgemacht hatte mit Märschen, Stürmen, Schlachten, Hunger und Durst und es gar nicht besser gewußt und gewollt, der saß nun im Fett und im Frieden und wußte und wollte nichts mehr von der Welt da draußen vor den Bergen.


 

< 2.
4. >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.