Frei Lesen: Der Marsch nach Hause

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Wilhelm Raabe

Der Marsch nach Hause

4.

eingestellt: 9.8.2007



»Wenn sie mich zu Hause und in Ruhe gelassen hätten, wärs besser und mir lieber gewesen«, brummte der schwedische Mann an seinem Tische auf dem Gebhardsberge unruhig auf- und abrückend. »Das Weibsvolk, das Weibsvolk – gibt es wohl Frieden? Nimmer! Kann es wohl einen in seinem Winkel sitzenlassen? Niemalen! Das muß immer herumwuseln und zerren und zupfen und einem den Bart streicheln und einen im Notfall mit Gift anschrillen wie eine Million Heugeißen, bloß um seine eigene Million Grillen durchzusetzen. Da sitze ich nun, aber wo sind sie jetzt, meine Weibsen? Da geht es mir doch wie Königlicher Majestät mit den lappländischen Regimentern Anno dreißig. Die sollt man gegen den Feind führen?! Kaum hatt man sie zusamm, so hupfts auseinander mit Gequak und Gegecker wie ein Sack voll Frösch, und der Hauptmann steht allein vor der Batterie und kann aus der Haut fahren. O potz Käs und Kuhglocken, als die Kleinen gestern nachmittag heraufkrabbelten und einen Gruß brachten von Mutter und Großmutter und die Nachricht, heute gehe es nach Hohen-Bregenz zum heiligen Gebhard, da hab ich mir bei ihrer Lust gleich gedacht, daß das für mich ein sonderlich Vergnügen werden würde. Der Tiroler ist es nicht, die Erinnerung ists, was mich auf den Kopf stellt. Dem Roten Egg bin ich seit einem Menschenalter nicht nahe gekommen, und nun muß ich der Alberschwendener Weiberstreifpartei hierher als Führer dienen! Ja, sicher wärs besser gewesen, wenn sie einen andern dazu kommandiert hätten, und doch – o, o, es ist, es ist ein sonderlich Vergnügen. Da hielt der Wrangel! Und dort fanden wir den Fähndrich Olafsson mit eingeschlagenem Schädel. Ja, klingelt nur und räuchert nur; ihr klingelt und räuchert uns nicht weg! Es war eben eine gloriose Wirtschaft, und es ist nur ein Elend, daß man nicht einen hat, mit welchem man anstoßen könnte: trink, Bruder, die schwedische Gloria soll leben – alle guten Gesellen zu Roß und zu Fuß sollen leben, und du sollst auch leben, Bruderherz! – Wo stecken nur die Weibsen? Das ist doch keine Art, einen mit der alten Zeit an einem solchen Ort alleine zu lassen! Ja, wenn ich nur die Kinder hätt, da könnt ich mich doch woran halten – ho, ho, der rote Tiroler und der General Wrangel, die haben nun die Oberhand über dich, Sven Knudson Knäckabröd – o Käs und schwer Geschütz, Sven, es ist doch eine Lust und Annehmlichkeit, heut allhier auf Hohen-Bregenz zu sitzen und Anno sechsundvierzig mit dabeigewesen zu sein, als man es mit Sturm nahm; Herrgott, die Tränen kommen einem vor Wehmütigkeit in die Augen, und wann ich heut schwedisch reden hört, ich glaub, das Heimweh stieße mir das Herz ab.«

Die »Weibsen«, welche der Korporal Sven zum heiligen Gebhard hatte führen müssen, nämlich die Frau Fortunata, die Frau Aloysia und die kleinen Mädchen der letztern, hatten ihn natürlich sogleich nach der Ankunft auf dem Pfannenberge seinem Geschick und eigenen Gaudium überlassen. Den schwedischen Mann hatten sie immer zur Hand, aber um den Altar des heiligen Gebhard da gab es Bekannte und Verwandte, Freunde und Freundinnen, die man nicht immer zur Hand hatte.

»Ich vertret mir die Füß«, sagte der Korporal, »es hilft nichts, hier festzuwachsen. Sie werden mich heute nicht als Spionen hängen, wenn ich des Ortes Gelegenheit wieder einmal erkunde. Donner, es war doch eine tüchtige Arbeit, damals bei dem gefrorenen Boden, Schnee und Eis die Artillerie den Berg hinaufzubringen!«

Er hatte sich erhoben und reckte und dehnte sich und wandelte schwerfällig durch das Getümmel und betrachtete von neuem und von allen Seiten aus den Schauplatz, auf welchem er selber einst mit der Pike in der Hand so tapfer mitagieret hatte. Er stieg um die Ringmauern.

»Da kamen wir mit den Leitern und verloren manchen guten Mann. Da wollten die Herren Generals zuerst Bresche legen lassen; aber wir besannen uns eines Bessern und führten das Geschütz weiter ab. Dorthinein kamen wir! Vivat, vivat! Sieh, sieh, dort stürzt ich die zehn Schuh tief hinunter auf den Kopf und dacht, es wär mein Letztes; aber ich kam doch schnell genug wieder auf die Füße und war mit unter den ersten im Tanz! Es ist nicht zum Aushalten – man muß vor seinen lieblichsten Erinnerungen Reißaus nehmen, wann es einem so ergangen ist wie mir. Da sollt man ja ersticken. Die Mauern fallen einem auf den Kopf. Ich denk, ich nehme wirklich Reißaus und steige nieder zum See. Solch groß Wasser hab ich ja auch seit dem Elend am Fallenbach nimmer wieder in der Näh zu Gesicht gehabt.«

Wer des Veltliners zur Genüge trank, der weiß wohl, wie blau ihm der Himmel werden mag. Dem braven Korporal Sven wurde mehr als eine Fiedel auf dem Wege, welchen er jetzo ging, gestrichen; aber es klang ihm wie der Schall von hunderten in das Ohr, und dazu viel andere Instrumente, Pauken und Posaunen, und dann durch alles ein fernes Grummeln gleich schwerer Konstablerei in geordneter Feldschlacht. Alle Leute, die ihm begegneten, freuten sich über ihn; er aber ging so gravitätisch seines Pfades, als es sich bei der Steilheit des Berges eben tun lassen wollte, und so kam er hinab an das Ufer des Sees und blickte mit ernstem Kopfschütteln auf die breite Wasserfläche und wandelte langsam am Gestade hin bis zu der Seekapelle, allwo, wie wir bereits sagten, die Kähne der Gäste, die über das Wasser gekommen waren, an Stricken und Ketten lagen.

Wenn es in Bregenz und auf Hohen-Bregenz, in der Stadt und auf dem Pfannenberg hoch, lustig und lebhaft zuging, so war es desto stiller am Wasser um diese Zeit. Klar und ruhig lag der See da; die Enten und die Gänse ruderten und tauchten am Ufer, und fern auf der Höhe des Spiegels schwangen sich blitzend wie silberne Punkte die weißen Seeschwalben im Kreise, und weiße Segel stiegen über den Horizont herauf oder tauchten über ihn hinab, und die Stadt Lindau zur Rechten der Bucht streckte ihre Türme und Giebel so klar in die Tiefe, wie sie dieselben gegen den lichten Himmel emporhob.

Der schwedische Mann von der Lorena nahm den Hut ab, trocknete sich die schweißtriefende Stirn und atmete tief und erleichtert; dann aber schüttelte er mehr denn je den Kopf, nachdem er sich auf einen Stein am Ufer gesetzt und die Hände auf die Kniee geschlagen hatte.

»Ich hätt auch dem nicht nahe gehen dürfen«, murrte er nach einer Weile. »Vom Berg aus darauf hinzusehen, hat mir nichts gemacht; aber in der Nähe ists ein anderes und schlimmer als da oben die Rudera. Die Weibsen können es nimmermehr verantworten, daß sie mich hierher geschleppt haben; denn wenn ich sie darhingegen nach Jönköping am Wetternsee setzen wollt, so würd ich mir wohl allerlei in die Ohren stopfen müssen von wegen ihres Geheuls und Heimweh. Jönköping! Da bin ich umhergezogen mit dem großen Gustav und nachher mit dem Banér, dem Torstenson, dem Königsmark und dem Wrangel und hab nimmer an den Wetternsee und meines Vaters Haus zu Jönköping gedacht, und heut hab ich selber Lust, darüber zu heulen wie ein Weib. Jetzt ist mir das Wasser noch ärger als das Land; – ja wahrlich, als ich mit dem großen Gustavus Adolfus über das Meer fuhr, da hab ich noch nicht gewußt, daß es doch zuletzt nur zum Kühmelken und Käsemachen ging, – o Donner und Nordlicht, hab ich das nur geträumt diese langen sechsundzwanzig Jahre, oder hab ich es wirklich und wahrhaftig erlebt? O ja, da möcht man doch auf Nimmerwiederaufgucken in den See untertauchen!«

Er war wild aufgesprungen, und dann tat er noch einen Sprung hinab vom Uferrande, doch nicht in das Wasser, sondern in den nächstliegenden Kahn, den er durch die mächtige Erschütterung fast zum Sinken gebracht hätte. Schwer fiel er auf die Bank und sah beinahe erschrocken nach der Stadt Bregenz und dem Berge des heiligen Gebhard hinüber. Aber niemand hatte ihm auf seine Schliche gepaßt, niemand auf seine Tat achtgegeben. Im nächsten Augenblick schon hatte er das Messer gezogen und mit einem Hieb das haltende Seil zerschnitten. Er war im Rausch, als er die Ruder ergriff, doch nicht vom roten Tiroler. Drei kräftige Schläge führten das leichte Fahrzeug hinaus auf den jetzt im linden Südwest sich kräuselnden See. Es gelang dem Korporal Sven Knudson Knäckabröd, den kleinen Mast aufzurichten und – er hatte nicht umsonst in seiner Jugend dem Herrgott halbe Tage mit dem Fischfang auf dem Wetternsee abgestohlen! – das Segel schiffermäßig zu entfalten und zu richten. Er war nicht im geringsten schuld daran; allein es war richtig – er war seinen Weibsen, der Frau Fortunata, der Frau Aloysia und den kleinen drei Schmelgen durchgegangen und befand sich bei günstigem Winde auf der Fahrt nach des Heiligen Römischen Reiches Freier Stadt Lindau im See.


 

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