Frei Lesen: Der Marsch nach Hause

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Wilhelm Raabe

Der Marsch nach Hause

7.

eingestellt: 9.8.2007



Die Lichter des Tages waren längst verglüht auf Gefild, Berg, Wald, Tal und See. Die glänzenden Spitzen des Kamor, des Hohenkasten und des Säntis drüben im Appenzellerland hatten sich in der Nacht verloren: der Mond sollte erst später aufgehen.

Die Lichter in den Wohnungen der Menschen waren angezündet worden, und der Tisch der drei Helden in der Krone zu Lindau bot jetzt ein seltsam Schauspiel dar.

Wenn der aus dem Land Tirol, der Rote, ein sauber Getränk ist, das des Menschen Herz erhebt, so hat der Bayern Bier auch seine löblichen Verdienste, und die drei Krieger tranken davon und hatten davon getrunken. Die beiden wackeren Schweden saßen wie aus Granit zurechtgehauen fest, mit den kurzen Tonpfeifen im Munde; aber der italienische Sprachlehrer Tito Titinio Raffa, vordem Zahlmeister im Regiment Strozzi, stand aufrecht, soviel ihm das möglich war, focht wild mit beiden Händen in der Luft umher und beweinte gellend die schönere Vergangenheit und das Elend der Gegenwart, ja die schönere Vergangenheit, deren er Genuß gehabt hatte von dem Tage an, wo sich bei Breitenfeld nach des Schwedenkönigs Wort eine Krone und zwei Kurhüte an einem alten Korporal rieben.

»Da ging es freilich mit Sang und Klang, mit Pauken und Posaunen herum im deutschen Lande«, winselte er. »Die güldenen Ketten fielen einem aus dem Pulverdampfe um den Hals, und die güldenen Dukaten raffte man zu Haufen vom Erdboden auf und kümmerte sich wenig drum, wie arg er zerstampft war. Die Fackeln und Lichter brannten im Tanzsaal von einem Jahre ins andere – und die Lust war immer dieselbe, ob man den Feind schlug oder ihm die Fersen zeigte. Im letzten Grund gab es ja gar keinen Feind, sondern nur einen lustigen Bruder, der auch zum Fest von der dummen deutschen Nation eingeladen worden war, einen vergnügten Bruder und Kriegsgesellen, mit dem man bei Geigen- und Trompetenklang eben sein Tänzlein machte, wie es sich schicken wollte: heut oben an der See, morgen mitten im Land, heut am grünen Rheinstrom, morgen an der gelben Weser und übermorgen an der blauen Donau. Gute Kameraden, nichts als gute Kameraden in jedem Lager, unter jeglicher Fahn und Standarte! Das war ein Leben, wie es die Welthistorie noch niemalen aufgezeichnet hatte und wie kein Kriegsmann zu Roß und zu Fuß es sich jemalen lieblicher ausdenken mag. Das Herz geht mir heut noch im Galopp gegen die gute alte Zeit durch, wenn ich daran denk, wie der Leutnant Schneeberg von Götzen Kavallerieregiment nach der Lützner Schlacht, nach verlorener Bataille, des Königs Gustavi Adolfi goldene Kette in Halle auf den Tisch warf und für sich allein Viktoria rief!«

»So ists, obgleich Ihr davon grade nicht reden solltet, Zahlmeister«, murrte der Korporal Sven. »Ein Türkis hing dran von der herrlichsten Art. Sie hatten ihn ausgegraben in dem Gebirg Piruskua, zehn Meilen von der Stadt Moscheda; ich hab ihn tausendmal blitzen sehen, wenn die Majestät die Front hinabritt, und wir vermeinten alle, der Stein mache schuß-, hieb- und stichfest; doch es war nicht an dem, wie sich ausgewiesen hat; aber der Teufel soll Euch doch holen, Zahlmeister, weil Ihr gewagt habt, die Hand daran zu legen!«

»Di grazia, prego perdono! Verzeihung, ihr Herren; ich rede nur davon um des Elends von heute willen. Der Domeneddio stand damals auf jeder Seite. Ihr hattet den Sieg, wir den Türkisen schwedischer Majestät. Jeglichem seinen Spaß und – freie Hand überall! Das war die Parol bis zum Jahr achtundvierzig. Nun ist es lange für alle aus, und keiner hat dem andern einen Groll nachzutragen.«

»Nein, keine Feindschaft um das, was vergangen ist; ich trinke auf Eure Gesundheit, Herr Zahlmeister vom Regiment Strozzi!« rief der Korporal Rolf Rolfson Kok. »Was uns schwedische Männer insbesondere betrifft, so brauchen wir uns wenig zu grämen. Wir haben behalten, was wir gewonnen, und decken ein gut Stück deutschen Landes von Greifswald bis Verden mit unsern Piken und Musketen.«

In demselben Augenblick setzte sich der Italiener kurz nieder, und ein Grinsen der Schadenfreude überzog, trotz aller guten Gesinnungen gegen seine früheren Feinde, sein gelbes Gesicht. Er pfiff auch einen langen Pfiff und zischelte:

»Decket es mit, Camarado, es tut not. Dorten werden freilich bald genug die Trompeten noch einmal zum Antraben rufen: aber für unsereinen ist keine Freude mehr dabei, so wenig als bei des französischen Louis und des Kaisers Spektakul drüben am Rhein. Diesmal sollet ihr die Prügelsuppe für euch allein haben, ihr nordländischen Bären.«

Vier Fäuste krachten auf einmal auf den Tisch; ein halb Dutzend grausamlicher schwedischer Flüche schmetterte dazwischen, und auf den Füßen standen nunmehr die zwei Korporale und riefen wie aus einem Munde:

»Was singet der Herr da?«

Der Italiener lachte und winkte begütigend dem Hafenvogt:

»Könnt Ihr es leugnen, Camarado, daß ihr euch da unten Gewaltiges und Tückisches vorgenommen habt? Der Signor aus der Wildnis hat freilich bei seinen Murmeltieren geschlafen; aber wir andern wissen doch noch ein wenig, wie es in der Welt zugehet, und meine Opinion ist augenblicklich, daß ihr euch diesmal bei dem Handel tüchtig die Pfoten verbrennen werdet. Ha, leugnet es nur, aber es ist so! Ihr werdet ihn mitnichten halten, den zehenjährigen Neutralitätsvertrag, nun da die Katz vom Haus ist und die Kurfürstlichen Gnaden von Brandenburg mit dero hohen Sposa, dero Kurprinz und dero glorreicher Armada zum Kaiserlichen Kommandeur, dem Duc de Bournonville, am Rhein aufgebrochen sind.«

»Man wird ihn halten!« rief der Hafenwärtel.

»Ich sage no! Und ich sage dazu, nehmet euch in acht! Die Welt ist älter geworden seit unsren jungen Tagen, und neue Hände sind an einem neuen Werke.«

»Zahlmeister! Zahlmeister!« rief Rolf Rolfson Kok drohend.

»Pazienza, adagio! Möcht wohl einmal in eure Magazine in Stettin hineingucken. Das wird schon jetzt ein lustig Zufahren von Piken und Musketen, Pulver, Blei und Geschütz im Hafen von Wismar sein. Ohe, Signori, das wird ein lustiges Klingen von französischem Geld auf den Tischen von Stockholm und in den Taschen eurer Generale geben!«

»Ihr seid ja ein recht feiner, politischer Kopf, Herr Kamerad vom Regiment Strozzi«, brummte Sven Knudson Knäckabröd, ungewiß, ob er das Ding für eine Schmeichelei oder das Gegenteil nehmen solle.

»Bin ich doch Zahlmeister gewesen!« lächelte Signor Tito Titinio Raffa. »Erzürnet euch nicht, wir haben es auch nie anders gehalten. Cospetto, wünsch euch aus vollem Herzen, daß ihr euern Wunsch durchsetzen möget. Der Herr Turennius mit Eisen und Stahl am Rheinstrom und der klingende französische Sack in Stockholm werden wohl nach Kräften dazu helfen; aber – aber nehmet euch in acht, daß euch der Brandenburger nicht doch die Karten aus der Hand schlage.«

»Er wird es wohl nicht«, meinte Rolf bärbeißig.

»Will es euch wünschen; aber – aber saget doch: mit dem Herrn Feldmarschall Carolo Gustavo Wrangelio, dessen Bild und eisern Gastgeschenk da draußen aufgehängt ist, seid ihr vordem hierher gekommen?«

»Mit demselbigen!«

»Nun denn; wann ihr heut abend noch von hier abreiset, so trefft ihr ihn vielleicht schon auf dem Marsche nach Berlin.«

»Vivat! Es lebe der Held aus Mitternacht!« schrie der Korporal Sven, der bis jetzt mit immer steigender Verwunderung von einem der beiden Politiker auf den andern gesehen hatte und nur mit Mühe den Sprüngen ihrer Unterhaltung gefolgt war. Jetzo aber war es ihm auf einmal ganz klar geworden, wieviel Welthistoria er im Bann und Dienste der Frau Wirtin zur Taube in Alberschwende und bei seinen Kühen und Geißen auf der Lorena versäumt habe.

»Schulterts Gewehr! An die Piken! Aufgesessen, Kürassiers und Dragoner!« brüllte er und fügte im leiseren Ton hinzu: »Aber es gehet mir auf wie ein Nordlicht, daß ich schon einmal darbeigewesen bin mit denen Brandenburgern, und damals wars nichts Großes, und wir lachten auch allsamt über den Spaß. Ja, es war Anno einunddreißig, Korporal Rolf, Ihr wisset, als auch wir zuerst auf Berlin marschierten, fünfzehnhundert Mann zu Fuß und zu Pferde mit dem Könige und vier Kanonen. Wir kamen von Köpenick, allwo das große Lager war und hatten unsre Lust mit dem damaligen Kurfürsten Georg Wilhelm und seiner Kurfürstin. Sie handelten mit uns bis zum letzten Augenblick und kamen zum Vergleich erst, als die Konstabler die Lunte aufschlagen wollten, um ihnen das Verständnis zu wecken. Jawohl, jetzt fällt es mir genau bei. Sie gaben uns nach endlich abgeschlossenem Pakt das Geleit vor die Stadt, und da wollten ihnen beim Abschied Königliche Majestät doch noch eine unverdiente Ehre antun und ließen eine Generalsalve geben aus großem und kleinem Gewehr. Das war der Spaß! Der Feuerwerker hatte vergessen, das Geschütz von der Stadt abzurichten, und weil wir zuerst als Feinde gekommen waren, so schossen wir nun auch als Freunde scharf und deckten ihnen ganz ohne bösen Willen die Dächer ab. Das gab denn freilich ein groß Geschrei der Damens, und Königlicher Majestät wars sehr unangenehm.«

»Ich war nicht dabei, Korporal Sven«, sprach der Korporal Rolf, »ich stand damals in Köpenick mit der Hauptmacht. Aber die Sache ist so, und zuviel ist da auch niemandem geschehen; denn während wir ihnen nur ein paar lumpige Schindeldächer abdeckten, deckte uns der alte Korporal, der Tilly, die ganze Stadt Magdeburg ab. Der Gustavus Adolfus hat es dem Brandenburger nie vergeben.«

»Das sind alles alte Geschichten«, meinte der Signor Raffa gähnend. »Auch ist es nicht weit von Mitternacht, und morgen früh reis ich zurück nach Augsburg, sintemalen niemand der hiesigen Barbaren, weder Mann noch Weib, ein Gelüst zeigt, die bella lingua toscana zu erlernen. Cospetto, um nichts Ärgeres zu sagen! Die Herren und Kameraden mögen einen guten Schlaf tun; – es war mir ein groß Ehr und Vergnüg, mit meiner angenehm Conversazione aufzuwarten.«

»Möge dem Herrn unsere schlechte Gesellschaft gleichfalls gefallen haben«, sprach der Korporal Rolf, während der Korporal Sven stumm, aber mit militärischem Anstand salutierte. Die Schenkstube der Krone hatte sich allmählich mit Gästen sehr gefüllt; aber die drei Kriegsmänner hatten wenig davon gemerkt und gar nicht sich darum gekümmert. Sven und Rolf verwunderten sich dann erst darüber, als der Zahlmeister vom Regiment Strozzi zierlich Abschied genommen hatte.

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