Frei Lesen: Der Marsch nach Hause

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Wilhelm Raabe

Der Marsch nach Hause

8.

eingestellt: 9.8.2007



Wer in dieser Nacht durch die Gassen der alten Freien Reichsstadt Lindau wandelte und, was freilich nicht zu vermuten stand, einen Sinn für Naturschönheit hatte, der mochte wohl über der augenblicklichen Lieblichkeit der Erde vergessen, wie wild es auf eben dieser Erde immer noch aussah, trotzdem die drei greisen Kriegsgesellen sich soeben erst über die nichtswürdige Friedensseligkeit und jammerhafte Langeweile, die ihnen in ihrem Alter zuteil geworden waren, so herzzerbrechend beklagt hatten. Im silbernen Mondenglanz lag jetzt der See rund um die Inselstadt her und spülte nur lind und leise an die uralten Mauern. Drüben kam der junge Rhein wahrlich friedlich aus dem Graubündnerland hervor; aber auch der, nachdem er den großen See durchströmt, Konstanz gegrüßt und bei Schaffhausen den lustigen Sprung gewagt hatte, sah und vernahm in seinem fernern Laufe mancherlei, was nicht nach Frieden klang und aussah. Sie waren hart am Werke miteinander: der Kaiser Leopoldus, daß er das Elsaß, um der ewigen Verdrießlichkeiten darob entledigt zu werden, so anständig und still als möglich losschlage, – König Louis, daß er es mit größtmöglichstem éclat, Jubel und Feuerwerksgeprassel in Empfang nehme. »Uns gefällt nicht ein mächtiger Fürst der Wenden an der Ostsee!« hatte der allezeit Mehrer des Römischen Reiches Deutscher Nation in Wien gesagt und seinem Feldherrn im Lager bei Straßburg, dem Herzog von Bournonville, Befehl gegeben, sich lieber dreimal von den Franzosen schlagen zu lassen, als einmal dem brandenburgischen Kurfürsten Friedrich Wilhelm Gelegenheit zu geben, seine Pflicht gegen das Reich mit Gloria zu erfüllen. Da hatte denn der Herr von Turenne natürlich ein leicht Spiel und hat es auch trefflich benutzt; – doch das sind alte Geschichten, wie Signor Tito Titinio Raffa sagen würde, und wir haben uns an dieser Stelle nicht weiter damit zu beschäftigen.

Auf den Mauern der Inselstadt Lindau schritten die wenigen Wachen unter den Linden und zwischen den Geschützen langsam auf und ab, und auch auf ihren Partisanen und Musketen blitzte das Mondenlicht. Der berühmte Gasthof »Zur Krone«, dicht hinter der Stadt- und Hafenmauer gelegen, lag im tiefsten Schatten bis auf die gleichfalls weiß glänzenden Giebel und die Wetterfahnen. Die beiden späten Zecher, welche jetzt aus demselben hervortraten, standen anfangs ziemlich unschlüssig ob ihres Weges in dem Dunkel.

»Nicht unter Dach«, schluchzte der Korporal Sven Hahnentritt. »Bruderherz, nicht unter Dach! Ich hielts nicht aus! Mir summts im Kopfe, als ob zehentausend Trompeten drin zum Angriff bliesen, mir kocht es in den Adern, als ob die Regimentssudler drin für eine Armee von zwanzigtausend Mann die Feuer schürten. Unter Dach, und wäre es von purem Golde, müßt ich ohne Gnad und Ranzion elend ersticken.«

»Nicht unter Dach, Bruder«, schluchzte auch der Korporal Rolf, zu Lindau genannt das Gockele. »Du hältst mich und ich dich, und so kommen wir ohne Halsbrechen jene Walltreppe hinauf, und da setzen wir uns und reden weiter vom glorreichen Schweden und dem großen Könige und dem großen Kriege. Hupp – marsch – hoho, ich glaube, die Weiber nennen das Wehmut, was uns beide am Schopf gepackt hält; ich glaub, wenns möglich wär, käm ich heut nacht zum erstenmal in meinem Leben zum Heulen und Greinen.«

Sie schwankten hinein in den Mondschein und kamen glücklich auf die Mauer, und da saßen sie nieder auf der Bastion auf einer alten bronzenen, wirklich schlangenhaften Wallschlange, die vielleicht schon den Kaiser Maximilian begrüßt hatte, als er zum Reichstag nach Lindau kam, um »die Reichskammergerichtsordnung zu Faden zu schlagen«.

Da saßen sie, ein Paar alter, grauer, nordischer Seebären, im Mondenlicht und sahen hinüber nach den Schweizer und Tiroler Bergen und unterredeten sich gar lieblich von neuem. Es waren zwei sehr unromantische Burschen; allein sie hatten beide genug erlebt, daß ihr Gespräch, ohne daß sie es wußten, fühlten und wollten, im hohen Grade romantisch war, vorzüglich der Teil, welchen der Korporal Rolf auf sich zu nehmen hatte.

»Das wird allmählich anjetzo ein Aufsehen um mich da drüben geworden sein«, sagte Sven. »Hui, lug, da geht noch eine Rakete auf, als ob sie mich zurückriefe. O Rolf Rolfson, es wird mir wunderlicher von Minute zu Minute.«

»Das macht der Mond und die Feuchtigkeit in der Krone und der welsche Signor, Kamerad. O Sven, Sven, auch mir steigt es warm und heiß und immer heißer herauf. Stelle dir vor, daß das alte Schweden da so ruhig an seiner Stelle liegengeblieben ist mit allem, was darzu gehört, und daß wir so weit in der Welt herumgekommen sind zu Roß und zu Fuß, als Sieger und als Gefangene der Weiber und Spießbürger! Es drückt mir das Herz ab, wenn ich jetzt auf das helle Wasser sehe und denke an die Ostsee und die große Flotte und den großen König Gustav, und wie wir landeten, die Mannen aus allen Provinzen, Ost- und Westgoten, Dalkarlen, Finnen und sogar die einfältigen, albernen Lappen! Wenn ich dran gedenk, wie wir niederknieten, Gott zu danken, dann wiederaufstanden und an die Arbeit gingen und darbei blieben achtzehn Jahre, achtzehn lange, glorreiche Jahre durch! O Bruder Sven, die Schweizer dorten, die reden immer von ihrem Heimweh, auch wenns niemand verlangt; aber du, Sven, hast mir das Heimweh heute mitgebracht! Ach Schweden, Schweden! Sven, möchtest du nicht auch nochmalen die blauen und die gelben Regimenter in Linie sehen mit der Sonne auf den Helmen und Kürassen und den Herren Generals und Obristern vor der Front?«

»Sei still, ich komme um!« winselte der Korporal Sven Knudson Knäckabröd. »Ich habe die Kühe gemelkt und saß zwischen den Käsen, bis gestern morgen; und sie schulterten bis an die Weser vor den gewonnenen Städten, sie schlugen weiter gegen die Polen und gegen die Jüten! Sie schlugen bei Warschau drei Tage lang, sie marschierten über das Eis nach Seeland; um Kopenhagen lagen und ritten sie. Sie schlugen die Russen, und ich hab das alles erst heut abend durch dich und den welschen Signor erfahren, und ich ließ mich von den Weibern fangen und zum Kinderwarten abrichten, anstatt den Verband abzureißen und in Ehren zu sterben!«

»Du hast es doch noch gut gehabt, Kamerad. Du saßest da in deiner Wildnis und sahest nichts und hörtest nichts, und alle die guten Dinge, von denen du eben sprachst, sind dir freilich erst heute abend zu Kopf gestiegen. Mir aber hat bis zu dieser Stunde die Kugel unseres Feldherrn in der Krone auf dem Herzen gelegen. Ach Korporal Knäckabröd, was meinet Ihr, wenn wir den Weg fänden?«

»Den Weg wohin?« schrie der Hirte von der Lorena atemlos.

»Den Weg nach Hause! Den Weg zu den Fahnen mit dem Löwen von Mitternacht!« schrie der Hafenwärtel von Lindau emporspringend. »Korporal – Kamerad, Herzbruder, wenn wir zur rechten Zeit kämen, um noch einmal – vor Torschluß, Sven! – noch einmal, einmal in Reih und Glied zu treten?! Der Karl Gustav, der Wrangel, unser General ist ja wieder an der Spitze, der nicht jünger ist als wir! Der Wrangel marschiert, der Wrangel, mit dem wir hierher kamen! Das ist das Heimweh, Kamerad, und wir gehen, Kamerad, – wir marschieren, Herzbruder; wir desertieren – wir gehen zum Wrangel – in dieser – Nacht noch!«

»In dieser Nacht noch!« ächzte der Kriegsgefangene der Frau Fortunata Madlener zu Alberschwende und drückte beide Fäuste auf die Augen. Dann sprang er von dem Geschützlauf empor und sang im halben Wahnsinn des höchsten Jubels in die Mondenscheinnacht hinaus:

»Auf Dovrefjeld im Norden
Liegen die Kämpfer ohne Sorgen.

Ruhe im Glied!... Wir gehen zum Wrangel! O wenn es doch wahr wär, wann ich morgen früh aufwache!«

»Hast du ein Eigentum, drüben bei den Hirten im Gebirge, Sven?«

Der Korporal schüttelte den Kopf und schob die Hände tief in die leeren Hosentaschen.

»Ich hab in meinem Turm dorten aller Welt Schätze«, grinste Rolf Rolfson Kok; »einen Tisch, einen Stuhl, einen Strohsack, eine Muskete, ein halb Dutzend Angelruten und allerhand Netzwerk, drei Töpfe, eine Pfanne und einen Finken im Bauer. Den Vogel laß ich fliegen, denn wir fliegen ja selber; – dreißig Gulden hab ich auch, die hol ich, und alles andere vermach ich dem Rat und der Bürgerschaft von Lindau. In zehn Minuten sind wir reisefertig. Dort liegt mein Kahn – in zehn Minuten schwimmen wir auf dem See und, weißt du, in Nonnenhorn landen wir und müssen dann sehen, wie wir den Weg weiter finden. Courage, Alter; sitze still, bis ich wiederkomm. Jetzt mach ich den Kehraus in meinem Quartier, und morgen früh sind wir weit hinaus auf dem Marsche nach Hause!«


 

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