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Wilhelm Raabe

Deutscher Adel

Zwölftes Kapitel

eingestellt: 4.8.2007



Anstatt dessen reisen wir und fahren mit dem Frühling, der mit uns reist, vom Süden nach dem Nordosten.

»Das nenne wir nur a kurzen Besuch«, sagte die Familie Winckelspinner. »Und da sollen wir denn wohl gar noch versichern, daß er uns gar lieb gewesen ist? Natürlich den betrübten Grund mit dem Herrn Ulrich in Abrechnung gebracht.«

Ganz speziell zu Wedehop sprach der Doktor:

»Davon, daß ich dich verflixten Nationalvereinler, Bettelpreiße und Erfolganbeter endlich wieder los werde, will i weniger sage. Hast mir mal wieder manchen guten Trunk durch deine dumme, nichtswürdige Redensarten und Berliner Korporalslogik versäuert! Der Herr sei dir aber gnädig, falle ich dir demnächst mal in deine sogenannte abgeschmackte, nichtsnutzige deutsche Hauptstadt auf den Hals! Weischt du, i brings fertig – i komm, und i zwings und bring dir meinen Vetter aus Wien mit – weißt du, in Heidelberg nannten wir ihn den Bisamberger, wahrscheinlich weil er verflucht wenig von Bisam an sich hatte; – nachher, denk ich, bringen wir die Sachen endlich zum Austrag, und da du dann Gastfreundschaft zu üben hast, verhoff ich, daß du mir au zuletzt mal zum Wort komme läßt.«

»Das wußt ich wohl, daß ich hier am Orte in diesem Erdenleben meine letzte Rührungsträne vergießen würde«, erwiderte Wedehop. »Betrachte dir das edle Naß in meinem Auge, Alter. In diesem Tropfen spiegelst du dich wider, und dein Wort habe ich dazu, und auf dich in Berlin freue ich mich unbändig; jetzt aber muß ich hinein in den Wagen – guck nur, wie sie mir den armen Jungen in Watte gewickelt haben.«

»Halt ihm nur noch ein wenig die Schulter weich«, meinte der schwäbische Doktor. »Zuviel des Guten geschieht da fürs erste noch nicht.«

Auch der Abschied der Frau Professorin von den weiblichen Mitgliedern der Familie Winckelspinner würde nun möglichst ausführlich zu schildern sein, und um so ausführlicher, als die Eisenbahnschaffner zuletzt ganz grob dabei wurden. Sie – die zweite Marie und ihre zwei Töchter – schoben der reisenden Frau Marie einen ganzen April von Sonnen- und Regenschauern in den Eisenbahnwagen, und was sie ihr an Proviant mitgaben auf die Rückfahrt nach dem kahlen, hungrigen Norden, das ging lange nicht in einen Korb und eine Tasche. Einen Gruß an die Namensschwester der Base in Tettnang gaben die beiden Fräulein von der Donau der Mama Schenck nicht mit zur Spree; das tat die Mama Winckelspinner allein, und zwar aus wirklich gutem und unbefangenem Herzen mit der bravsten Teilnahme an dem fernern Wohl und Wehe ihres jungen, »ganz netten und natürlichen und gar nit dummen« invaliden Gastes.

»Macht es allesamt gut und schreibt uns bald, daß alles gut ausgelaufen ischt. I für mein Teil habe die beste Hoffnung, denn i hab in meinem Leben auch schon die Erfahrung gewonnen daß sich die Leute ganz unnötig und für nichts und wieder nichts die Haare ausgrauft habe –«

»Na aber, Frau Doktere, – i will nit unhöflich sei, aber – zum Donner –«, schnarrte der Schaffner und schlug die Tür des Wagens zu.

» Grüß Gott, Wedehop! Grüß Gott, Herr Ulrich! Schreibt bald – wir bleibe hoffentlich im briefliche Verkehr –«

»Das waren ganz gemütliche Wochen«, seufzte Wedehop bei der Ausfahrt aus dem ersten Tunnel. Es hatte sich seltsamerweise in der Dunkelheit ein merkwürdig intensiver Duft von Kirschengeist verbreitet, und der Übersetzer suchte etwas angerötet nach einem Kork zwischen den Füßen seines Gegenübers, seines jungen Freundes Schenck:

»Dem alten Unglücksuhu Achtermann werde ich einiges mitzuteilen haben, wenn mich der Herrgott glücklich nach Hause kommen läßt, was ich bei meiner jetzigen Stimmung einigermaßen zu bezweifeln mich berechtigt fühle. Eins steht fest, für ne ziemliche Zeit verlier ich das Geplatsche des alten Brunnens, Rauschen nennen es die Lyriker, auf dem Markt vor dem Ratskeller da hinter uns nicht aus dem Gehör. Mein einziger Trost für heute aber bleibt, daß der Freund Winckelspinner eine größere Neigung und Neugier auf Berlin hat, als er ›ums Verrecke wille‹ in besagtem Ratskeller kundgeben würde. Wir sehen uns alle noch einmal wieder, Frau Professorin.«

 

Und nun. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .

»Nu aber wirds klar! Jetzt guck einer det olle Weltgebäude an! Is es die Möglichkeit? Die Sonne!... Da steigt se grade bei Pannemanns uffs Dach; – das muß ich schon sagen, den Leuten passiert doch immer alles Gute zuerst; aber – einerlei! Da ist sie wieder! Sie ist mich wahrhaftig noch vorhanden in das Universum – die Sonne!«

»Wo? wo? wo?« schreit ein ganzer Chorus verschiedenartigster Stimmen, und der glückliche erste Entdecker des belebenden Strahls wird an den Rockschößen vom Fenster zurückgezogen, wird am Ellbogen genommen und beiseite geschoben; denn alt und jung will so rasch und rücksichtslos als möglich an dem wohltuenden Ereignis teilnehmen und gleichfalls einen Blick auf des Nachbars Dach und den ersten Frühlingssonnenstrahl nach sechs langen Regen- und Nebelwochen werfen. Ein Gewimmel von spannungsvollen, erregten Gesichtern drängt sich vor und erlebt wirklich auch noch einmal das Glück, erst die Sonne auf Pannemanns Dache zu sehen und sie also vielleicht auch noch, trotz der großen Konkurrenz, auf der eigenen Nase und den ausgestreckten Händen zu fühlen.

»Und wie warm schon!« ruft das älteste Glied der Familie und hält vielleicht den jüngsten Sprößling derselben in den behaglichen Schein; – dann niest der Säugling, und es ist Frühling geworden – selbst in Berlin. – – –

Durch die frohe Lichtbotschaft von oben wurde noch ein Paar gegrüßt, dem es nicht leicht zu werden schien, seinen Weg durch das muntere Gassentreiben zu finden, ein Paar, das jetzt, der Sonne zum Trotz, einzig und allein unsere ganze Teilnahme in Anspruch nimmt.

Es ist Natalie und ihr Vater, und das Licht der Sonne können wir viel eher missen als das bange, liebe Leuchten aus den Augen der jungen Dame, wenn an einer Straßenbiegung das Gedränge zu arg wird oder der kranke, unzurechnungsfähige Mann über einen andern Anlaß ungeduldiger als gewöhnlich. Die Sonne vermag es nicht, den armen Teufel und Pulvererfinder in ein besseres Licht zu stellen; es ist eine bedeutende Veränderung zum Schlimmern mit ihm vorgegangen, und Paul Ferrari hat es wahrlich mehr denn je nötig, daß jemand acht auf ihn gebe und das Gedränge des Lebens von ihm abhalte, seis durch die Kraft seiner Ellenbogen oder, wie jetzt, durch einen stummen bittenden Blick aus unruhvollen, angstvollen Augen. Dem armen vielfindigen Paul ist ganz naturgemäß am letzten Ende jeder Weg auf der Erde zu einem Kreuzweg geworden, auf dem er alle drei Schritte lang steht und umherstarrt und kindisch und krankhaft zaudert und nur durch die liebendste, geduldigste Gewalt zum Weiterschwanken überredet werden kann. Vielleicht – hoffentlich! – führt Frau Natalie Schenck dermaleinst ihre Kinder durch diese selben Gassen spazieren, und zu dem Behufe ist sie heute in der besten, wenn auch trostlosesten Schule. Gleich einem Kinde, das hier nicht über den Rinnstein weiterwill, weil es aus demselben eine Glasscherbe aufzuheben wünscht, das hier sich an einem Puppenladen festklammert und zehn Schritte weiter aus völlig unenträtselbarem Grunde stehenbleibt und mit Geheul gegen Bitten und Flehen, gegen Drohungen und Versprechungen, gegen Zerren und Schieben den passivsten, aber nachdrücklichsten Widerstand leistet, – gleich einem solchen Kinde war jetzt der Schul- und Bankgenosse Wedehops und Achtermanns geworden. Seine Tochter hatte ihre liebe Not mit ihm; wir aber haben dieses für alles mögliche dienende Wort von der »lieben Not« in der bittersten, grimmigsten Bedeutung zu nehmen. Der Hund Wassermann aber schien aufs genaueste in alle Verhältnisse eingeweiht zu sein; er hielt sich dicht auf den Fersen des Paares, ging mit gesenktem Kopf und wenig wedelndem Schwanze, und wenn er aufsah, so sah er sich sofort auch wie mißtrauisch nach allen Seiten um und lud durch seine Miene gewißlich niemand ein, ihm näher zu treten, als irgend nötig war. Es blieben genug Leute stehen, die dem häßlichen Köter, dem schönen Mädchen und dem weinerlichen, eigensinnigen, zusammengefallenen Manne verwundert nachblickten. –

»Papa, wäre es dir nicht auch lieb, wenn wir nun bald wieder zu Hause wären?«

»Nein, nein! Bei dir zu Hause ist es zu kalt und dunkel, Natalie. Faß mich nicht so fest an; ich bin alt genug, um allein meinen Weg zu finden. Hast du nicht mit mir hinaus in die Sonne gehen wollen?... Das nennt ihr hier nun Sonne! Damn me! Ich Dummkopf! Weshalb bin ich denn eigentlich wieder hier? In Verakruz schien die Sonne wirklich; ich will auch wieder zurück – mich friert, und alles ist mir ekelhaft; – Hundepack! – ekelhaftes, verfluchtes Hundepack – alles!«

»U-ih!« seufzte Wassermann mit einem wahrhaft menschlichen Ausdruck im Gewinsel.

»Papa! O Papa – lieber Papa!«

»Habe ich dich gemeint? Warte, bis ich dich mit deinem Namen nenne, und laß meine Hand los, ich kann allein gehen. Ja, es ist mir lieb, wenn du vorausgehst und nach dem Ofen siehst. Ich komme mit der Bestie hier langsam nach.«

»Vater, als wir von Hause fortgingen –«

Mr. Paul Ferrari drehte sich um, versetzte mit dem schon erwähnten Ebenholzstöckchen dem Hund Wassermann einen Jagdhieb und pfiff ihm dazu, als ob er eine halbe Stunde Weges entfernt laufe.

Die junge Dame hielt den Arm ihres Papas immer noch fest; und wiederum blieben Leute stehen, um den ferneren Verhandlungen zwischen Vater und Tochter lächelnd zuzusehen, und ein frecher Gesell mit einem Nasenklemmer sagte:

»Bravo, alter Herr. Nur nicht nachgeben! Gehen Sie dreist voran, Fräulein; wir kommen gleich nach. Papachen hat doch auch seinen Willen, und wir kommen gewiß und wahrhaftig gleich nach.«

Vor Scham und Aufregung glühend, stand Natalie ratlos. Der rat-, rand- und bandlose Vater lächelte wie blödsinnig und nickte dem rohen Menschen zu wie seinem besten Freunde und Ratgeber:

»Jaja; der Herr sagt es auch. Geh voraus, Mädchen; wir kommen gleich nach.«

Die Leser wissen, daß zu Anfang dieser Geschichte der Krieg noch im vollen Gange war; wir haben sie vor das belagerte Paris geführt und sie, wenigstens von weitem, die große Kanonade hören lassen. Schreckliche Schlachten sind auch seitdem geschlagen worden, und das deutsche Volk ist gottlob Sieger geblieben bis zum Ende; der Friede ist geschlossen, und der Triumpheinzug der Sieger steht vor der Tür; aber Fräulein Natalie Ferrari steht hier an der Straßenecke in einem Gefecht, das keinem der neulich in Frankreich vorgefallenen, was die Hartnäckigkeit in Abwehr, Festhalten und Angriff anbetrifft, weicht. Und nicht bloß hier an der Straßenecke! Die kleine Heldin kämpft ihren Streit aus zu Hause wie in der Gasse; und wir gehen mit ihr nach Hause und helfen ihr, auch ihren Vater dorthin zurückzuführen, und wir helfen ihr, als sie einen kurzen Augenblick lang sich besiegt glaubt von dem erbarmungslosen Gegner Welt und nahe daran ist zu sagen:

»O, ich wollte, ich wäre tot!« – –

»Ich bringe ihn Sie mit nach Hause, Fräulein, wenn Sies gefälligst erlauben wollen; ich habe doch nen Weg nach der Richtung«, sagte ein durchaus nicht melodisches Organ über die Schulter Natalies. »Und dem Kerl da schlage ich die Zähne in den Hals, wenn er noch ein einziges Wort zu Ihnen spricht, Fräulein Ferrari.«

»O Herr Butzemann, Sie sind es!« rief Natalie, und er war es wirklich, Butzemann senior aus Butzemanns Keller, der dem armen Mädchen zu Hülfe kam.

»Na, Herr Ferrari, dann geben Sie mich man Ihren Arm. Heute abend wirds vielleicht etwas fideler, aber jetzt gehen wir mal alle einen Weg, Sie und ich und Fräulein Tochter und der Köter. Das ist ja ein ganz angenehmes Zusammentreffen! Unsereiner kommt doch immer viel zu wenig aus der Dusternis und dem Keller raus ins Licht und an die frische Luft – das weiß der liebe Gott! Fräulein, ich habe Sie auch eine Postkarte vom Doktor Wedehop. Denken Sie mal, er denkt selbst bei die Weinländer da in Hinterindien oder Süddeutschland an Butzemanns Keller und erinnert sich seiner schmerzlich. Was sagen Sie dazu?«

»O, ich bin Ihnen so dankbar, so dankbar, Herr Butzemann!«

»Gar keine Ursache. Nicht die geringste. Sehen Sie mich erst mal an im Wichs. Erkennen Sie mich, fassen Sie mir hier in diesem Schniepel? I, sehen Sie mal, das haben Sie wohl gar noch nicht beobachtet? Ja, es sind so ungefähr zirka ihre fünfundzwanzig, nämlich Jahre, her, als ich in diesem Gebäude meine Gattin – meine Luise in Weiß und mit Myrten zum Altare abholte. Du liebster Himmel, wenn ich heute daran denke, und wie es immer ganz dasselbige bleibt mit die Menschheit und der eine so dumm ist als der andere und ich hier an der Ecke auf Sie und den Papa treffe, wo ich eben hingehe, weil der Herr Doktor Wedehop diesmal den Kuddelmuddler gemacht und die Liebenden zusammengebracht hat! Bei mir wars damals der Schlächtermeister Töldke, unser Nachbar gegenüber, der eine Hypothek auf meines seligen Vaters Anwesen hatte und ganz genau wußte, was meine anjetzo auch Selige einmal zu kriegen hatte. Na, na, gebohrt hat der Doktor lange genug an meinem Jungen, und daß ich gegen meinen alten guten Freund Achtermann nichts einzuwenden habe, das können Sie sich wohl vorstellen, Fräulein. Also, in Gottes Namen, los dafür! Die jungen Leute sind in Ordnung miteinander, und bei Ihnen gegenüber, Fräulein, erwarten mich jetzt offiziell als Vater von das unmündige Wurm die Eltern – ich will lieber sagen, die Madam mit das betränte Lamm, meine ganz demnächst zukünftige Schwiegertochter Meta. – Fallen Ihnen da nicht die Arme am Leibe herunter?«

Ja, war das noch der Mund, der so ganz vor kurzem noch gesagt hatte: »O, ich wollte, ich wäre tot!« – und der jetzt in so drolliger Weise aufgefordert wurde einzugestehen, daß das Leben, aller Privatstimmungen ungeachtet, ununterbrochen seinen Fortgang nehme und allerhand Allerlei in gewohnter Weise munter drin nebeneinanderher laufe?!

Noch reichte Fräulein Natalie dem braven Butzemann mit einem etwas weinerlichen Lächeln die Hand; aber im nächsten Augenblick schon sagte sie leise: »Ach, wenn mich die Frau Professorin so sähe!«, und sofort rief sie laut und mit dem alten sieghaften Augenzwinkern:

»Wie freue ich mich, daß wir gerade heute einen Weg gehen, Herr Butzemann! Nun sehen nur auch Sie recht munter aus – bitte! Seinen Verdruß hat jeder in der Welt, selbst bei den besten Dingen, die einem in den Weg gelegt werden. Papa, jetzt müssen wir rechts!... Und ich wünsche Ihnen so herzlich – wirklich vom ganzen Herzen Glück – und nun sehen Sie selbst nur recht vergnügt aus; guten Leuten – Papa, bitte, laß nur Herrn Butzemann deinen Arm, er kennt den Weg! – geht es immer gut. Ich wollte nur, Fräulein Achtermann erlaubte, daß ich –«

»Ein heiliges Donnerwetter soll dreinschlagen, wenn sie mich da drüben jetzt noch mit einem einzigsten Worte gegen Sie kommen, Fräulein!« schnarrte Butzemann hervor. »Dafür komme ich Ihnen anjetzt in die Familie und stehe Ihnen gut. Ich sage nichts weiter, aber das sage ich Ihnen, bei so nem Verkehr, wie ich ihn bis zirka ans fünfzigste Jubiläum in meiner Wirtschaft, im Keller – Butzemanns Keller, Fräulein! – genossen habe, da lernt man sich ausdrücken, wenns notwendig ist; und wenn ihnen mein Flegel von Junge zuguterletzt gut genug gewesen ist, so sollen sie sich nur ja nicht einbilden, daß sie mir nicht mit in den Handel kriegen. Na, da paß auf: die sollen schon erfahren, wie es sich zu zweien drischt; und der Achtermann, das Unglückswurm, den heirate ich persönlich jetzt – mir an! – Verstehen Sie wohl, Fräulein? Und nun, Herr Ferrari, jetzt hier nur noch um die allerletzte Ecke; und – da stehen wir denn, jeder vor seiner Schicksalstür.«

»Dann bringe du mich die Treppe hinauf, Natalie. Ja, ich gehe zu Bette – es ist das beste«, lallte Herr Paul Ferrari. Die junge Dame drückte noch einmal diesem wahren Freund Butzemann die Hand. Butzemann aber stand da in seinem schwarzen Hochzeitsfrack von »Anno Toback« und sah dem Paar nach, und grimmig und bärbeißig genug sah er dabei aus. Es gehörte schon ein gewisses gleich vierschrötiges Etwas dazu, um ihm noch weiter in die Quere zu kommen.

»In die richtige Stimmung wären wir gottlob!« brummte er. »Siehste, Butzemann, da hast du dir mal wieder die ganze Nacht durch unnötige Sorge gemacht von wegen zu großer Flüssigkeit und Weichmütigkeit an unrichtiger Stelle und Stunde. Na, denn nur dreiste gleichfalls die Treppe nauf und dreidrähtig rin ins Familienglück! Als Großvater kannste dir ja immer noch beizudenken und dirn Ventil für deinen alten Freund und Schulkumpan Karl offenhalten. ›Stimmung! Das ist die Hauptsache‹, sagt Doktor Wedehop, der mich übrigens auch nur erst mal wieder zum erstenmal in meinen Keller kommen soll!... Na, nu in Gottes Namen.«

Auch er schritt ins Haus, und in einem der oberen Stockwerke fuhren zwei Frauenköpfe mit möglichstes Raschheit vom Fenster zurück, und zur Tochter sprach die Mutter:

»Jetzt denke an alles, was ich dich gesagt habe, Meta, und nimm dir zusammen. Ich höre ihn schon schnaufen im ersten Stock. Achtermann, dich rate ich, daß du mich kein unnötiges Wort dazwischensprichst und daß du mir einfach einzig und allein auf mich dein Auge hältst.«

»Meine Liebe –«, lallte der Leihbibliothekar. Auch das ereignete sich nun ganz anders, als wie es ihm seine Abonnenten oder sonstigen Zufallskunden aus seiner Bibliothek tagtäglich abholten! Seine Liebe aber wendete sich mit dem sonnigsten Brautmutterlächeln gegen die Tür.

»Herein! Bitte, treten Sie gefälligst herein, Herr Butzemann. Wir haben Ihnen schon längst erwartet!« – – –

Wir folgen jener leider viel geringern Zahl von Lesern, die den ferneren Vorgängen in der Familie Achtermann für jetzt nicht weiter anzuwohnen wünscht: wir selber haben in dieser Hinsicht selbstverständlich weder Wunsch noch Abneigung; wir gehen immer, wohin wir müssen: wenigen nach und hoffentlich zuletzt denn doch auch vielen vorauf.

Es hatte ihrerseits die arme Natalie noch viel Mühe gekostet, den Papa die Treppe hinauf und in das leere Stübchen zu bringen, von dem Freund Achtermann in unserm vorigen Kapitel dem Freund Wedehop geschrieben hat. Und nachdem der alte Tunichtgut noch einiges von schofeler Welt, Canaillen, Hundepack und unkindlicher Impertinenz gemurmelt hatte, hatte er sich mit seinem ruinierten Nervensystem in der kleinen Kammer neben der Stube auf das Bett fallen lassen und war in fiebernde Bewußtlosigkeit hinübergeschlummert. Wassermann hatte ihn fallen sehen, war einen Augenblick lang unter das Bett gekrochen, aber sofort nach besserer Überlegung wieder drunten hervor. Da stand er wedelnd neben dem jungen Mädchen am Fenster und leckte ihr mit tröstendem Gewinsel die Hand.

»O Wassermann«, seufzte Natalie, »was sollen wir anfangen? Morgen holen sie uns auch unser Piano weg.«

Ein mattes Lächeln überflog bei den letzten Worten das müde Gesicht:

»Danach fragst du freilich nicht, du unmusikalisch Vieh! Ach, und wie hab ich neulich in – Ulrichs Zimmer gelacht über Trutens Gesicht. Ach Gott, und – der – arme Junge hatte doch wenigstens den großen Dintenklecks noch auf dem Boden zurückgelassen. Sie sagen gottlob alle, daß er trotz allem was gelernt hat in wissenschaftlicher Hinsicht; aber ich – ich habe gar nichts gelernt; und jetzt ohne die Frau Professorin verlerne ich auch noch, den Mut nicht zu verlieren. O, es ist zum Weinen, so dumm es ist. Es ist wirklich, wirklich zum Weinen – und – so – natürlich wie Regen und Schnee und – alles schlechte Wetter auf der Erde!«

»Weshalb haben Sie denn bei uns nicht vorgeguckt, Fräulein?« fragte in diesem Augenblick eine Stimme in der geöffneten Tür. »Sie denken natürlich auch nur an Ihre jungen Beine; aber steigen Sie erst mal mit fünfundsechzig die Treppe! Der Briefträger hat einen Brief für Sie bei uns abgegeben, während Sie ausgegangen waren.«

Der Brief war von der Frau Professorin und lautete in der Übersetzung aus dem gerührtesten, bewegtesten und ängstlichsten Herzen in Feder, Dinte und Papier:

»Was schreibt uns Achtermann da, Kind? Daß ihm Wedehop noch ausführlich antwortet, glaube ich nicht; ich aber teile Dir mit, daß Ulrich in acht Tagen reisen darf und daß ich seit Empfang Eures dummen Schreibens, d. h. seit einer Viertelstunde, bereits in der Phantasie meine Siebensachen zusammensuche. Ich komme zu Dir, Kind; – schone vor allen Dingen Deine Gesundheit! Wir grüßen Dich alle.

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