Frei Lesen: Deutscher Adel

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebenzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Neunzehntes Kapitel | Zwanzigstes Kapitel | Epilog |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Pfisters Mühle | Die Akten des Vogelsangs | Der Hungerpastor | Die Leute aus dem Walde | Altershausen |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Deutscher Adel) ausdrucken 'Deutscher Adel' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Deutscher Adel

Vierzehntes Kapitel

eingestellt: 4.8.2007



Und nun ein Wort über guten Rat und wohlmeinenden Trost bester Freunde aus der Ferne!

Ist da wirklich viel Unterschied zwischen dem Trost und Rat, der uns aus nächster Nähe und mündlich gegeben wird?

Unbrauchbar der laufenden Stunde gegenüber ist beides meistens, und gute Worte werden nicht bloß in den Wind gesprochen, sondern auch geschrieben. Das erste und das letzte Wort hat hier wie in allen Erdenangelegenheiten die laufende Stunde, im Guten wie im Schlimmen.

Wie viele tat- und trostlose Stunden liefen noch zwischen der gegenwärtigen und der Heimkehr der Frau Professorin, ihres fiebernden Ulrichs und des zwar keine Originaldruckmanuskripte, aber dagegen recht originale Schreibebriefe liefernden Freundes Wedehop! Es führt alles immer auf den uralten, einzig richtigen Trost hin, daß alle Stunden vorübergehen, daß die Uhr in der Westentasche des auf dem Schlachtfelde gefallenen Heros fortpickt, daß es auch nach den allergrößten Katastrophen fortfährt, ein Viertel, Halb und Dreiviertel zu schlagen, kurz, daß dem Dinge ein Ende eigentlich nicht abzusehen ist und daß jedenfalls alle Zukunft gradesoweit von uns abliegt als alle Vergangenheit. Und somit sollen sie alle leben, denen der gute Rat und Trost vom Herzen kommt, sei es mündlich oder schriftlich, sei es aus der Nähe oder der Ferne. Wer hat je zuviel davon bekommen, wenn er im ersten Verdruß über die Mangelhaftigkeit und Überleidigkeit auch noch so sehr die Achseln zuckte?!

Auf den Tag, von dem wir im vorigen Kapitel sprachen, folgte eine böse Nacht, in der Natalie trotz aller treuen Freunde und freidurchgehenden Seelen ganz allein auf sich und Wassermann angewiesen war. Von drüben schickten sie noch ein Stück Verlobungskuchen herüber; und der Leihbibliothekar schlüpfte zwei- oder dreimal herüber und stöhnte jedesmal ängstlicher:

»O Gott! o Gott!«

Aber wir erzählen diesmal überhaupt von adeligen Geschlechtern, und das deutsche Fräulein mit dem welsch klingenden Namen gehörte wahrlich in eine der erlauchtesten Familien.

»Sie hat es glorreich durchgefressen«, sprach nachher Wedehop, und dann seufzte Frau Marie Schenck: »O Gott!«, jedoch in einem andern Tone als Freund Achtermann. Es ging ein gewisses Frösteln im Sonnenschein der alten Dame dabei durch die Glieder; aber sie lächelte doch und nickte, nicht den andern, sondern sich selber zu:

»Ich kenne die Leute, mit denen ich umgehe; wie sollte ich sie nicht kennen, die ich mir am nächsten habe kommen lassen?! Man kennt die Photographiegesichter in den Familienalbums und weiß, wann man sich über ein anständiges zu freuen hat.«

Von dem armen Paul besaß die Frau Professorin verschiedene Gesichter aus verschiedenen Lebensepochen in ihrem Album. Es hätte aber ein größerer Künstler als der feurige Ball im Weltraum dazu gehört, um das Andenken des Mannes vorurteilsfrei auf einem Blatt Papier festzuhalten. Es fand sich keiner; – wir existieren alle nur in den Vorurteilen, welche die Sonne über uns hat oder – die andern über uns haben.

Es ging reißend schnell bergab. Paul Ferrari lachte in dem Augenblick, als seine Tochter dem Leihbibliothekar den Brief Wedehops zurückgab, so sehr mit dem Ausdruck des vollkommensten Blödsinns, daß nicht nur die anwesenden Menschen zusammenfuhren, sondern auch der Hund erschrak und den verlorenen Mann auf dem Bette wie einen Fremden heftig anbellte; und dann geschah das, was in solchen Krisen meistens einzutreffen pflegt: der Gott trat aus den Wolken, und die gemeinste, allbekannteste, verbrauchteste Hülfe erwies sich als die ausgiebigste und wirksamste.

»Sehen Sie mal, Fräulein, ich bin Ihr Mann für alles«, sagte Butzemann senior. »Daß Sie mir selbst bei diesen pressanten Umständen als Ihren Vater betrachten sollen, kann ich nicht verlangen, außerdem, daß Sie ihn leider Gottes schon da liegen haben; aber unter die Arme werde ich Ihnen greifen und will kein größer Vergnügen in meinem Leben gehabt haben. Erschrecken Sie nicht – dieses ist Madam Naucke. Mit Vornamen heißt sie Blanka, und damit servierte sie bei mir vor zirka fünfzehn Jahren, das heißt, damals noch bei meiner Seligen, und – auf meiner Seelen Seligkeit, Fräulein, da können Sie sich auf das Attest und die Schule verlassen. Fragen Sie die Frau selber. Nicht wahr, Blanka, alles für eine solide Hand obendrauf?! Nicht wahr, Madam Naucke, wir zwei wissen, was wir in jenen Tagen erfahren haben an Redensarten und reeller Moral und Erziehung und dann und wann einer Küchengerätschaft an den Kopf?! Zieren Sie sich nicht, Blanka; von Ihrem Renommee in Ihrer Nachbarschaft will ich weiter nichts sagen; aber, bitte, zeigen Sie doch einmal dem Fräulein Ihre Handgelenke. Nicht wahr, eine Droschke erster Klasse haben wir noch nie angerufen? Die halten wir einfach an! Ein Griff in die Speichen von eins von die Hinterräder, und das Karrukkulumwitä, wie der Herr Doktor Wedehop sagt, steht – ich sage Ihnen, steht feste. Nun aber, Fräulein, Scherz beiseite; woran denken Sie, daß ich in die beiden letzten Nächte einzig und allein gedacht habe? An die Verlobung von meinem Lümmel von Jungen? I Gott bewahre! An mich auf dem Altenteil und Fräulein Meta drüben ans Büffet? I bewahre mich der liebe Gott! Schlaflose Nächte haste und behältste, Butzemann, habe ich mir gedacht, also wende ihnen endlich mal nützlich an; und da bin ich denn so hier auf die Madam Naucke gefallen – reinewegs Ihretwegen, Fräulein. – Für Sie weiß ich was, Blanka, habe ich heute morgen gesagt; jetzt setzen Sie mal gefälligst Ihre Siegeshaube auf und werfen Sie sich in Paradeanzug und kommen Sie mit. – ›Mit Ihnen, Herr Butzemann, durch Wasser und Feuer, und ich danke auch schön für die Karte von unserm Louis und den Korb mit die wunderschönen Reste‹, sagt det Kind, und so gehen wir zuerst bei Achtermann vor und sehen uns seine Tränen über den guten Einfall an, und – frei lesen bis in die Puppen kann sie jetzt auch bei ihm, und so – sind wir denn hier, und jetzt, Blanka, Madam Naucke, legen Sie den Hut ab und sehen Sie sich den Patienten in der Kammer da an. Betrachten Sie sich ihn mit Ihre gewohnten Ruhe, als Friedrich Karl um Metz und Seine Majestät um Paris, bis die Bande klein beigibt. Nämlich Sie weichen und wanken mich nicht von dem Posten, bis die übrigen Herrschaften zurück sind. Nachher kann man ja weitergehen.«

Die Handgelenke der in so wirksamer Weise vorgestellten guten Frau besah sich Natalie Ferrari grade nicht; wohl aber sah sie ihr in die gutmütig-schlauen Augen, und Blanka sagte:

»Es ist ein Glück, daß Sie Herrn Butzemann schon kennen, Fräulein; denn was sollten Sie sonst wohl von mir denken. Wissen Sie, das ist nun immer mit ihm, wie wenn beim Platzregen mit eine Stange in der verstopften Dachrinne raufgefahren wird. Die Hauptsache aber ist und das Hauptsächlichste, daß ich gerne für Sie da bin, wenn ich Ihnen in irgendwas von Nutzen sein kann. Paroledonnöreken, Fräulein; daß sie mich neulich als passendste Spezialitätin von die barmherzigen Schwestern aus bei die ganz gesunde Jungens, die verwundeten Turkos meine ich, aufgestellt haben, braucht Sie nicht abzuschrecken. Das Inwendige von die Nuß ist immer die Delikatesse. Hat wer gute Zähne, so kann ich ihm auch schon ganz süße sein; und wenn Herr Butzemann da das nicht an sich selber in vergangene schöne Jahre zu manchen bösen Zeiten und Muff und Jammerstunden zu seiner Erkenntnis gebracht hätte, sehen Sie, so wäre ich in dieser Minute wohl nicht hier; und jetzt, Herr Butzemann, halten Sie mich endlich mal den Mund und lassen Sie mich wirklich den Hut ablegen und das Fräulein reden. Na, Sie da, lieber Herr, ich bin die Witwe Naucke, und wie geht es Ihnen denn heute? Besser? Nun, sehen Sie, das ist ja ein recht guter Anfang für unsere Bekanntschaft! – Schlimm? Ach was, bilden Sie sich doch keine Dummheiten ein, Herr Geheimer Rat! Wer sich in die Welt umgesehen hat, der kennt nachgerade alles.«

»Schießen Sie noch fünftausend Taler ein, Herr Kompagnon, und wir sind glatt durch«, murmelte der kranke Mann.

»Det stimmt!« sprach Blanka. »Fünftausend Taler? Mit dem größten Vergnügen! Aber nur immer hübsch stille liegen, Herr Geheimer Finanzrat; ich und Fräulein sehen derweilen die Bücher nach. So – nun liegt das Kopfkissen recht, und nun, liebes Fräulein, wenn Sie erlauben, lassen Sie mir Sie mal die dummen Tränen da wegwischen. Sehen Sie, Herr Butzemann kennt mir wirklich, sonst hätte er mir Ihnen nicht gebracht.«

Und so wurde denn Frau Blanka Naucke für diese Tage die beste Hülfe, die das Schicksal für die arme Natalie in ihrer höchsten Not im Rückhalt gehabt hatte.

»Das ist so mit das Leben. Woher stammt denn die Kindersterblichkeit, als weil wir nicht mit neun Leben geboren werden wie die Katzen, und die versäuft man. Geschmorte Pflaumen waren der Traum meiner Jugend, und heute koch ich sie meinen Kindern, aber nicht wegen mir. Da bin ich mal zu einer Gräfin rekommandiert, die meinte, Karpfen und Kartoffeln seien ihre Seele. Sie haben ihr bei Fackeln in ihr Erbbegräbnis begraben. Ich sage immer, son Platzregen, der mir bis auf die Haut durchnäßt, ärgert mich gar nicht, denn – das ist das Leben; aber was mir ärgern kann, das ist solche dumme Dachrinne, die mich auf den Kopf gießt; denn das sind die dummen Redensarten. Fräulein, was helfen Sie alle Generale und Professoren, Könige und Kaiser und Republikpräsidenten auf einer solchen Erde, wo wir das erste und das letzte Wort haben? Meine Schwester ist Hebamme, mein seliger Mann wartete bei Hochzeiten auf, und ich – na, verlassen Sie sich drauf, ich habe dem alten Butzemann versprochen – ich bleibe bei Ihnen und tue mein Menschenmöglichstes.«

Glücklicherweise rauscht die junge Frau Done immer noch in der Ferne, und die Märchenweiblein sitzen und spinnen ihre goldenen und silbernen Fäden weiter, und was das beste ist, die Eisenbahnzüge gehen wieder ganz regelmäßig. Wie groß würde wohl unter den Menschen die Kindersterblichkeit sein, wenn das Märchen nicht dem Menschen als Ersatz für die neun Leben gegeben wäre, welche die alte Mutter nicht bloß den Katzen, sondern aller ihren andern Kindern auf den Weg mitgeben will?!

< Dreizehntes Kapitel
Fünfzehntes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.