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Wilhelm Raabe

Deutscher Adel

Fünfzehntes Kapitel

eingestellt: 4.8.2007



Es gab in der ganzen Stadt vielleicht keinen zweiten Menschen mit so ausgesprochenem Talent für häusliches Behagen als den Leihbibliothekar Karl Achtermann und wenige, die weniger davon zu genießen bekamen als er. Wie andere vor einem wissenschaftlichen Problem, einer philosophischen Antinomie stehen, so stand er fortwährend im dauernden Halberstarren vor der unglaublichen, aber ganz einfachen Wahrnehmung, daß es eigentlich nie die wohlmeinenden Charaktere, die Leute mit den besten Absichten sind, welche die glücklichen Lebensläufe führen. Das Schicksal sucht und findet gottlob seine Heroen nicht immer unter den Männern mit dem eisernen Willen. Das würde wahrhaftig eine noch viel nettere Welt geben, als sie schon ist, wenn dem nicht so wäre!

Die alten wohltönenden Griechen, die ihre neun Musen mit Vorliebe die Pimpleïden nannten, haben für unsere deutsche »Seelenunerschütterlichkeit« ihr treffliches Wort Ataraxia, und über das Starke im Milden, über das Feste im Weichen, kurz über die Ataraxia unseres Freundes Achtermann wäre an dieser Stelle wohl noch manches zu sagen, wenn uns jene eben berufenen Pimpleïden in diesem Augenblicke nicht vollständig mit ihrem Beistande im Stiche gelassen hätten. Sie schlagen sich, die lockigen Häupter zwischen die Schultern gezogen, kleinlaut hinter die Lorbeerbüsche in dem Moment, wo uns die Aufgabe zuteil wird, den Seelenzustand des Leihbibliothekars in der Minute zu schildern, wo – ja – wo der Müller aufwacht, weil sein Rad stillsteht. Freund Wedehop hatte sein Versprechen verblüffend glänzend gehalten, und – die Damen des Hauses Achtermann hatten nicht mehr Zeit, sich um alles zu bekümmern, was den sogenannten Herrn des Hauses, den Gatten und den Vater betraf.

»Lerne endlich einmal, für dir selber zu sorgen, Achtermann«, sprach die Gattin. »Du siehst, wie wir jetzt alle Hände voll haben.«

»Jawohl, Papa«, sagte die Tochter, »einige Rücksicht könntest du in dieser Zeit nun wohl auch einmal auf uns nehmen! Louis ist da ganz meiner und der Mama Meinung und drückt sich nur etwas stärker aus.«

Der Leihbibliothekar drückte die Hand auf die linke Brustseite und atmete wie ein Kind in einem glücklichen Traume, hütete sich aber wohl, die Frauen zu unterbrechen.

»Der Vetter Butzemann meint, das wäre gar nichts für mich und Meta, das lange Fahren auf dem Omnibus mit dem Eßkorb jeden Tag, Achtermann«, fuhr die Gattin fort. »Und für ein junges Mädchen schickt es sich eigentlich auch nicht, dich jeden Abend vom Geschäft abzuholen. Louis ist ganz dagegen. Ich habe es also mit Butzemann ausgemacht, daß du von jetzt an alle Mittage dein Kuvert bei ihm belegt hast, und was das Nachhausekommen betrifft, so solltest du endlich alt genug geworden sein, um deinen Weg alleine zu finden. Es ist wirklich zu lächerlich! In jeder Zeitung liest man von dem deutschen Heldenmute, und wie Hunderttausende geblutet haben, und dieser Mann verlangt auf Schritt und Tritt, daß ihn Weib und Kind hinten am Rockschoß halten und aufrecht halten. Aber das sage ich dich, Achtermann, und es ist auch mein letztes Wort: jetzt, wo wir an die Aussteuer zu denken haben, bist du so gut und bist zum erstenmal die zweite Person! Verstanden?«

Verstanden?! – Muß man denn immer verstehen in dem Augenblicke, wo die Götter einmal gütig lächeln und ein linderer Hauch über die heißen, brennenden Lebenswunden weht? Es ist wahrhaftig durchaus nicht notwendig – es ist gar nicht nötig; – im Gegenteil – ganz im Gegenteil! Je dummer der Mensch im Behagen, im Glücke aussieht, desto besser ists für ihn. Je verwunderlicher und unbegreiflicher ihm die Geschichte vorkommt, mit desto größerer Sicherheit darf er eine Hypothek daraufhin aufnehmen, mit desto unbedingterer Sicherheit darf seine Umgebung ihm und seinem unbegriffenen und natürlich auch »unverdienten« Glücke vertrauen.

Ganz entsetzlich dumm sah in diesen Tagen der Leihbibliothekar Karl Achtermann aus, hielt sich dann und wann auf dem kleinen Sofa neben seinem Ofen in seinem Lokal den Kopf, gab, diesen Kopf schüttelnd, seine Romantik in das deutsche Publikum und – ging umher und machte, vollständig verständnislos, den besten Gebrauch von diesen seinen ersten guten Stunden seit langen, langen Jahren.

Das einzige, was ihm ganz klar war, war, daß er sich zu beeilen habe, um zu genießen. Die Dummen – Hans im Glück! – halten eben den Augenblick: es sind die Klugen, die schlau in ihr gegenwärtiges Wohlbehagen Hineinschauenden, die auf den nächsten Tag, die folgende Woche, ja sogar auf das kommende Jahr rechnen und ihre Rechnung ohne den Wirt machen.

Daß er der jungen Freiheit in seiner Weise genoß, verstand sich von selber. Andere Leute würden wohl anders über diese guten unbeaufsichtigten Stunden verfügt haben und anders um die harte Schule des Lebens herumgegangen sein. Er ging nicht seine eigenen vergnüglichen Wege, sondern er blieb auf denen des Kummers, der Not, Sorge und Angst seiner Freunde.

»Sie, Madam Achtermann, nennen meinen alten Schulkameraden Paul Ferrari einen Tagedieb, Landstreicher und Halunken«, sagte Butzemann senior. »Sie nennen seine Fräulein Tochter eine hochnäsige, eingebildete Gans. Das können Sie. Ich kann nichts dagegen machen, wenn ich auch mancherlei dagegen sagen kann. Das aber sage ich: hübsch ist es von Achtermann, daß er an die zwei Leute seinen Narren gefressen hat. Wenn Ihre Meta es noch fertigbringt und sich meinen Jungen daraufhin zurechtzieht, sehen Sie, so gratuliere ich uns beiden und ihr heute schon im voraus. Ich in meinem Keller habe lange Verzicht darauf geleistet; – dazu muß man aber unter die Bücher sitzen und alle schönen Gefühle von die Herren Poeten und sonstigen Schriftsteller ins Publikum verleihen. Schillers Gedichte und ein Glas Schlummerpunsch sind was ganz Verschiedenes; und es ist ganz was anderes, ob Sie einer Goethens Werke oder ein Beefsteak mit Kartoffeln abfordert und es nachher wieder zurückschickt, weil er nicht gesagt hat, daß er es ohne Zwiebeln will, was doch kein Mensch abriechen kann. Übrigens geht es drüben recht herzlich schlecht; und es ist recht gut, daß mein alter Kamerade und jetziger Schwiegerbruder Karl dort die bessere Seite von die Menschennatur vertritt und alle seine Freistunden bis in die tiefe Nacht hinein da versitzt. Na, seien Sie nur still, liebe Madam und geehrte Kusine, morgen sollen ja wohl die Herrschaften mit dem jungen Herrn endlich zu Hause anlangen. Nachher sind wir beide wieder schöne raus.« –

So war es. Der Leihbibliothekar versaß seine Nächte am Bette des armen Paul, seines leider zu talentreichen Schulgenossen. Es war ein halb Dutzend arger Nächte; aber bis an sein eigenes, gottlob auch heute noch nicht eingetretenes ruhiges Ende durfte der gute Mann auf den schönen Nachklang derselbigen dreist rechnen.

»Wozu bin ich denn eigentlich hier, wenn Sie wieder alles auf sich nehmen, Fräulein?« fragte manchmal Frau Blanka Naucke.

»Sie tun wahrhaftig das Ihrige im reichen Maße, und jetzt sollen Sie sich hinlegen und schlafen. O, Herr Achtermann und ich, wir verstehen es schon, einander die Stunden zu verkürzen.«

Dem war wirklich so. Sie verstanden das, der alte Leihbibliothekar und die junge Dame, wie sie einander gegenübersaßen, den Kranken zu Ruhe sprachen, ihm die Kissen zurechtlegten und flüsternd miteinander redeten über des Lebens Fährlichkeiten und – Freuden.

»Damit der Mensch weiß, was er ist, und damit ers annähernd genau sich selber und andern beschreiben kann, muß er in eigenen Hausangelegenheiten selber nach der Hebamme und der Totenfrau gelaufen sein«, hatte Madam Naucke gesagt.

»Damit der Mensch erfährt, was Geburt, Leben und Tod eigentlich bedeuten, braucht er nur das Buch umzudrehen, Fräulein Natalie, – die Auflösung steht immer verkehrt gedruckt unter dem Rätsel«, sagte Herr Achtermann, der dies pythische Orakulum wahrscheinlich in einem seiner vielen Bücher gefunden hatte und dem es unbedingt imponiert haben mußte.

»Ulrich hat gesagt, die besten Philosophen gäben die Rätsel des Daseins nur etwas interessanter auf; vom Lösen sei gar die Rede nicht«, sagte Natalie, und –

»Da mag er wohl recht haben!« schloß der Leihbibliothekar, und dann – durchblätterten sie eben seinen letzten Katalog; und die alte Magie, der Zauber der Phantasie, der vom Anfang an einzig und allein den Menschen in der Welt festhält, die holde, bunte Lüge, die liebe Zwillingsschwester der Wahrheit, trat wieder ihre volle Herrschaft an, pour corriger la fortune und der bittern Wirklichkeit die Volte zu schlagen. Des französischen Wortes bedient sich unser guter Wedehop außerdem gern, wenn vom literarischen Reklamemachen die Rede ist, Fräulein«, meinte Achtermann beiläufig. –

Wir könnten noch manche weise, kluge und wohl auch spaßhafte Bemerkungen über diese schweren Tage und Nächte zusammentragen; wir könnten auch einiges über die Bemerkungen der liebenswürdigen Musikenthusiastinnen, deren Klavierstunden bei der jungen Lehrerin ausfielen, und die zierlichen Billetts, in denen ihre Mütter sich nach dem Grunde bei Fräulein Natalie Ferrari erkundigten, mitteilen; allein – wozu?

Daß alle Krisen des Lebens mehr Anlaß geben, Anmerkungen darüber zu machen, als die glatt und ohne außergewöhnliche Aufregungen hingleitenden Tage, weiß ja jeder; und wie die Nachbarschaft und die sonstige Welt sich zu solchen Krisen zu stellen pflegt, das weiß ein jeder gleichfalls.

Der Tag ist da, an welchem Wedehop, Herr Ulrich und die Frau Professorin Marie Schenck wieder zu Hause anlangen und von der Frau Done, aus dem Hirsch, aus dem Franzosenkriege, der Belagerung der Stadt Paris und dem Kapitelsaal der Deutschherren und – was die Frau Marie anbetrifft – aus dem schönen, freien, mutigen Dasein nicht nur ihre Erfahrungen, denn das will nie viel bedeuten, – sondern ihren besten guten Willen zu Hülfe bringen, und das ist immer die Hauptsache.

Wie es aber dem gesamten deutschen Volke erst später klarwurde, daß es nicht so aus dem Kriege herausgekommen war, wie es hineingegangen war, so erfuhren auch diese braven Leute erst nach und nach, und zwar keineswegs durch fortwährendes Nachdenken über sich selber, sondern vielmehr stoß- und schubweise, daß sie anders nach Hause gelangten, als sie ausgefahren waren. Vor allem war dies der Fall mit unserm lieben Freunde, Herrn Ulrich Schenck, der übrigens auch wohl die meisten Gründe haben mochte, angestrengt und auch fortdauernd über sich nachzusinnen. Das Dasein ist ein biegsamer Stab, der uns in die Hände gegeben wird, auf daß wir den Versuch machen, einen Reif daraus zu biegen. Jeder probierts auf seine eigene Weise, und leider haben dabei nur wenige Zeit, auf die Überlegung, den Überdruß, die zitterige Hast oder das Phlegma zu achten, mit denen die Nachbarn am selbigen Werke beschäftigt sind. Durch welche sonderbaren Attitüden wir gewöhnlichen Leute und Alltagskerle bei unsern Versuchen Heiterkeit zu erwecken imstande sind, ist wohl gleichgültig; aber daß die Völker dann und wann ihre erlauchtesten Geister, Helden, Dichter und Weise bei den ihrigen komisch finden dürfen, grenzt doch wohl ans Tragische. Glücklicherweise halten die Frauen auch hier auf ein anständig Maß der Erregung und Bewegung, und so macht sich wenigstens die schönere Hälfte des Menschengeschlechts bei dem ernsthaften Spiel seltener lächerlich. Auch in diesem Buche vom deutschen Adel ist das der Fall.

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