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Wilhelm Raabe

Deutscher Adel

Epilog

eingestellt: 4.8.2007



Wer es bis jetzt immer noch nicht gemerkt hat, daß unser Freund Wedehop, wenn er nur wollte, ein ganz gescheiter Kerl sein konnte, dem wird in dieser Beziehung und durch dieses Buch nicht mehr zu helfen sein.

Da er sich nicht auf die Anfertigung von Originalmanuskripten geworfen hatte, so hatte er von Mund zu Ohr viel häufiger guten und brauchbaren Rat für andere übrig als viele ebenso geistreiche oder gar noch geistreichere Leute. Daß er viel in der Welt umherfuhr, wenigstens auf deutschem Boden, und zu Zeiten und an Orten auftauchte, wann und wo man es am wenigsten hätte vermuten sollen, nannte er eine »individuelle Veranlagung zur gemütlichen Anteilnahme am germanischen Dasein«, nannten andere Leute dann und wann – anders.

So kam er ungefähr zwei Frühlinge nach dem des Jahres achtzehnhunderteinundsiebenzig, um uns einen Gruß vom Neckar und der jungen Frau Done zu bringen, und sagte, merkwürdigerweise ziemlich erstaunt:

»Also da sitzen Sie?! Zeigen Sie mir gefälligst doch einmal Ihre Zunge!... Belegt im hohen Grade. – Lassen Sie mich Ihren Puls fühlen!... Sehr matt!... Alle Teufel, sogar intermittierend! Nun, das deutet wenigstens unter Umständen auf ein längeres Leben. Wohl bekomms Ihnen.«

»Der Ort tut da nichts zur Sache.«

»Wem sagen Sie das, mein Guter? Mir? Ich bitte Sie; hat mir jemals irgendein Buch, welches ich in unser geliebtes Deutsch zu verlieren hatte, viel zur Sache getan? Nehmen Sie die Injurie, die ich Ihnen zu sagen habe, für genossen an. Sie waren ja sogar schon im Tumurkielande; – glauben Sie etwa, wenn ich Ihnen jetzt den Rat gebe, ein wenig ins Freie zu gehen, – ich wollte Sie abermals nach Afrika oder Rom oder – beim Satan, einerlei wohin ins Klassische oder Exotische schicken?!... Nicht mal in den grünen deutschen Wald (als ob andere Völkerschaften keine ebenso grünen Wälder hätten!), auch nicht auf die grüne Wiese, wenn ich Sie gleich da zu uns, d. h. den übrigen Wiederkäuern rund um diesen nichtswürdigen Planeten zählen darf. – Nach dem ersten besten Eisenbahnknotenpunkt sollen Sie mir!!«

»Mein bester Doktor –«

»Da haben Sie wirklich endlich einmal wieder recht. Ihr bester Doktor bin ich in diesem Moment ohne allen Zweifel. Was meinen Sie zum Exempel zu Lehrte?... Börßum ist Ihnen freilich noch etwas näher, und ich selber habe dort eben anderthalb Stunden gesessen und kann es höchlichst empfehlen. Kreiensen ist ein wenig totgelegt, sonst würde ich Ihnen Kreiensen vorschlagen.«

Selber halb totgelegt durch den Menschen, hielt ich mir den Kopf mit beiden Händen; er aber fuhr mit unentwegter Ernsthaftigkeit fort:

»Haben Sie sich wohl schon einmal das Wort ›Kriegsschauplatz‹ genauer überlegt?... Schauplatz! s ist wundervoll!... Soldaten bezahlen die Hälfte... Kreiensen, Börßum, Lehrte, Mars-la-Tour. Immer steht da ein höchst ungemütlicher Bahnhof; und nun bitte ich Sie, die schöne Natur gänzlich beiseite zu lassen: die Pachtung ist immer an den Mindestfordernden vergeben, und die schöne Natur hilft uns armen Sündern längst nicht so gefällig über die faule Minute hinweg, als ihr Poeten von Gottes Gnaden es uns einzubilden euch abquält. Von Gottes Gnaden sollen Sie auch diesmal die Vergünstigung haben, sich mit einer Zigarre zu einer Tasse Kaffee vor die Restauration setzen zu dürfen und bis zum nächsten rückfahrenden Zuge in das närrische Allerweltsgetümmel hineinzugaffen. Nennen Sie dies Mittel gegen alles Allerweltsunbehagen nicht trivial. Es ist das beste, was es gibt. Und nun leben Sie auch für dieses Mal recht wohl. Ich fühle des Lebens Überdruß mir selber bis an die Gurgel heraufsteigen, wenn ich Sie so ansehe. Soll ich etwa aus purer Gefälligkeit Ihnen zu einem Spiegel werden? Adieu.«

Er ging, fuhr ab, und – – – da sitzen wir!

Büchen heißt der Ort, Station Büchen im Herzogtum Lauenburg. Mölln ist eine der nächsten Stationen, wenn nicht die nächste.

In Mölln oder Möllen ist ein ungemein berühmter Kirchhof; aber Büchen ist für uns heute doch noch der angenehmere Ort und dazu ein Eisenbahnknotenpunkt ganz und gar im Sinne unseres Freundes Wedehop.

Da sitzen wir in dem beruhigenden Bewußtsein, nur aus psychiatrischen Gründen nach Büchen gefahren und durchaus nicht verpflichtet zu sein, weiterzufahren. Da sitzen wir und blasen nach jenem klugen Ratschlag den Rauch unserer Zigarre in die Fahr-, Lauf-, Renn- und Gepächschlepp-Hast des letzten Drittels dieses neunzehnten Jahrhunderts hinein, und mit jedem Schritt, den wir nicht mitzumachen haben, »wird unsere Seele stiller«. Gottlob, die Kriegs-, Kranken- und Gefangenenzüge der Jahre siebenzig und einundsiebenzig sind bereits historische Erinnerungen; es ist wieder das ganz gewöhnliche und gewohnte Tagesgetöse, das wir vor Augen haben und als Beruhigungsmittel gebrauchen dürfen.

Und jetzt sagt plötzlich in der Tür der Restauration hinter uns eine Stimme:

»Siehst du, mein Engel, da gelangen wir nun in das Reich der roten Grütze. Es hat auch einigen roten Saft gekostet, ehe wir es, soweit es uns gehört, glücklich den Klauen und Löffeln der Fremden abgerungen haben. Darf ich euch auf seiner Grenzschwelle mit dem eminenten Genuß aufwarten?«

»Nein, jetzt lieber noch nicht!« rufen zwei muntere Frauenstimmen unisono, und wir kennen alle drei Organe und wenden uns rasch und überrascht um.

Da steht in der Pforte der Bahnhofshalle zwischen einer jungen und einer ältern Dame ein junger Mann; und eine Wärterin oder Amme trägt hinter der Gruppe ein jährig Wickelkind im Arm; und dieses Baby trägt unverkennbar eine ganz merkwürdige Ähnlichkeit mit einem unserer besten Bekannten zur Schau.

»Aber Schenck!... Sind Sie dies denn wirklich, Schenck?«

»Und mit Familie – wie Sie sehen«, erwidert mit höchster Gravität der Wirkliche Geheime Hofrat, Herr Ulrich Schenck. »Sie wundern sich; ich aber wundere mich ebenfalls. Was für ein glücklicher Wind setzte Sie denn gerade in diesem Moment auf dieser Bank hier ab?«

Ist man verpflichtet, stets mit einem stichhaltigen Grunde auf jede Verwunderung seiner Nebenmenschen zu antworten? Durchaus nicht. – Übrigens aber gehörte glücklicherweise der junge Ehemann selber viel zu sehr in den allgemeinen Reisetrubel hinein und hatte viel zuviel mit seinem Gepäck, seinen drei Regenschirmen und zwei Sonnenschirmen, kurz mit seiner ganzen »Familie«, die Amme eingeschlossen, zu schaffen, als daß er imstande gewesen wäre, seinerseits durch Fragen lästig zu werden.

Was mich anbetrifft, so gewann ich ihm wirklich noch zehn Minuten von seinen Verpflichtungen gegen Weib und Kind und sonst alles, was sein war, ab, ehe der Zug nach Ratzeburg weiterging.

»Wir haben uns ein mildes Seebad ausgesucht und sind auf Travemünde gefallen. Ihnen geht es hoffentlich nach Wunsch, lieber Herr und Freund?«

»Jawohl! Aber was fragen Sie danach? Sie sehen mir nicht aus –«

»Sehen Sie sich vor allen Dingen meinen Jungen an. Gleich gehts weiter, Natalie; reich ihn mal herüber. Der alte Freund interessiert sich wirklich für ihn.«

Halben Leibes in das Kupee hineinhängend, besehe ich mir – über den Jungen weg – die Mama, den Papa und die Großmama freilich mit dem größten Interesse. Der jugendliche quatschlige Weltbürger gefällt mir zwar ganz wohl, aber noch viel besser gefallen mir die junge glückliche Mutter und die muntere, hell- und klugäugige Großmutter. Daß ich ihre Geschichten und Zustände so sehr genau kenne, tut vieles – doch wir haben nicht viel Zeit zum Austausch unserer Gefühle: »Ich freue mich, Ulrich.«

»Ich auch, mein guter Alter.«

»Das klingt ja ganz wie Freund Achtermann! Hat er die Tage des Trübsals und der Verwirrung überwunden wie ihr?«

»Meta Ach – Butzemann ist ebenfalls eine Mama«, sagt Frau Natalie errötend. – Die Frau Professorin lacht:

»Ja, dieser Wedehop! Er hat seine Sache doch ganz ausgezeichnet gemacht. Unser Freund Louis ist ihm vielleicht nicht ganz so dankbar, als es sich gebührt, aber – die beiden Schwiegerväter! O Sie sollten die beiden Schwiegerväter sehen. – Ulrich, du hast doch den armen Wassermann möglichst behaglich in seinem Reisebehälter untergebracht?«

»Nach Möglichkeit, Mama, und er findet sich ganz ruhig auch hier in das Unabänderliche«, sagt der Geheime Hofrat; ich aber rufe:

»Ei freilich! Wassermann! Also er geht mit nach Travemünde?«

»Die ganze Familie!«

Wir haben immer weniger Zeit; die Schaffner fangen bereits an, die Wagentüren zuzuschlagen:

»Wollen Sie erlauben, mein Herr?«

»Gleich, Kondukteur. Also für jetzt noch ein letztes Wort, liebste Freunde. Auf Ehre und Gewissen, Frau Natalie, – Sie sind doch wirklich Wirkliche Geheime Hofrätin? Wedehop hat es mir fest versichert.«

Diesmal lacht die junge Frau, ohne zu erröten.

»O dieser Wedehop!.. . Doktorin der Philosophie bin ich, und zwar auf eine Abhandlung Ulrichs über die Lübecker Ziegelbauten hin. Mein Mann schwärmt für Lübeck, und es schwärmt natürlich für ihn. Wissen Sie, was deutsches Kunstgewerbe ist? Wenn nicht, so sehen Sie uns an. Es ist die höchste Zeit, daß es nach diesem glorreichen Kriege wieder auf den Damm kommt, sagt Ulrich, und so haben wir es uns denn fürs erste als Lebensaufgabe gestellt, es theoretisch (auch das ist ein Wort von Ulrich) wenigstens auf den Damm zu bringen. Wir reisen dafür und halten Vorlesungen; wir schreiben darüber, und es ernährt uns so ziemlich. Mama, die über alles nachgedacht hat, meint, dieses hätte sie wirklich nicht für möglich gehalten.«

Jetzt lachte der deutsche Ästhetiker Ulrich Schenck:

»Auf den alten braven Jungen, meinen fürstlichen Freund, Kommilitonen, Kriegskameraden und Gönner lasse ich aber doch nichts kommen. Was kann er denn dazu, daß er mich augenblicklich nur bei dem Theaterwesen seines Papas in Verwendung bringen kann? – Jetzt reist er in Italien, um sich von den Strapazen des Feldzuges wiederaufzurichten. Er hätte mich nur zu gern mit sich genommen; aber die da kam ihm zuvor, und dafür kann ich nichts! Nicht wahr, Natalie?... Laßt mir diese Hoheit nur erst an die Regierung gelangen! Weiter sage ich nichts.«

Weiter sagte er in der Tat nichts. Der Schaffner schlug jetzt – und sogar ein wenig gröblich – die Wagentür zu. Da fuhren sie hin, und ich blieb, um eine halbe Stunde später auch zu fahren, jedoch nach der entgegengesetzten Richtung.

Sonnenlicht über die Lübische Bucht! Soviel als möglich davon!

Wer stimmt nicht mit in den freundlichen Wunsch ein?

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