Frei Lesen: Deutscher Adel

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Wilhelm Raabe

Deutscher Adel

Neuntes Kapitel

eingestellt: 4.8.2007



Die Verhältnisse an der preußisch-russischen Grenze sind jedermann bekannt. Da sind die Grenzgräben gezogen, die Schlagbäume und die Wappenzeichen der beiden Reiche aufgerichtet. An jedem Übergange sind gewiegte Beamte aufgestellt, welche die Pässe revidieren und das Gepäck eines jeglichen auf das genaueste steueramtlich untersuchen. Kosaken auf der einen Seite, Gendarmen auf der anderen bereiten bei Tag und Nacht die Grenze; – es liegt den zwei soliden Staatsregierungen zu beiden Seiten viel daran, daß keine Maus ohne den Passierschein am Schwanze hinüber und herüber schlüpfe, und doch – welch ein weites Gebiet des unkontrollierbaren Hinübers und Herübers dehnt sich in der Praxis zwischen den beiden in der Theorie sich so scharf scheidenden großen Staaten!

Wozu dies alles?

Weil wir in diesem Buche auf einem ganz ähnlichen fraglichen Grenzterrain stehen und es bedauern müssen, wenn das nicht jedermann längst klargeworden sein sollte. Auch zwischen dem Gebiete des soliden alltäglichen, bürgerlichen Menschenverstandes und dem unendlichen Reiche des Abenteuers – Dschinnistan, Avalun – kurz, wie ihr es nennen wollt – erstreckt sich weitgedehnt ein strittiger Grund und Boden, auf dem das eben bezeichnete Hinüber und Herüber nur allzu gern allen Mächten, die gern »klar sehen«, ein Schnippchen schlägt oder einen Esel bohrt und sich nach Herzenslust und Leibesbedürfnis tummelt, allen auf dem Papier gezogenen Linien zum Trotz. Daß wir, was uns selber angeht, das heilige Rußland mit Avalun und das Königreich Preußen mit Dschinnistan vergleichen, gehört wohl auch schon ein wenig zur Kontrebande.

Frei durch gehen! Ist das nicht das größte Wort, das in diesem in Stricken und Banden liegenden Menschenleben gesprochen werden kann? Jawohl, sie rühmen sich ihrer Selbständigkeit in allen Gassen, die armen Kinder der Erde; wenn ihnen das Glück gut ist, dürfen sie ihre Ketten vergoldet der Sonne entgegenhalten: bei den lachenden Göttern, wer geht frei durch? Niemand anders als derjenige, welcher Glück hat beim Schmuggel nach Avalun, der auf Seitenpfaden sich durch die Waldwildnis zwängt und geduckt bei Nacht über die Heide schleicht.

So tragen wir auch unsern Packen und suchen damit den Grenzwächtern zu entgehen. So gehen wir den Schmugglerpfad durch das Dasein mit Natalie Ferrari und der Frau Professorin Schenck, mit dem Hunde Wassermann und seinem Herrn, dem Unteroffizier und jungen Ästhetiker Ulrich Schenck vor Paris, und – augenblicklich gehen wir mit Wedehop und dem Leihbibliothekar Karl Achtermann nach Butzemanns Keller: es hat sich ja das Gerücht verbreitet, daß die soliden, allein zur Existenz berechtigten Lebensmächte einen von uns abgefangen haben, daß Paul Ferrari wieder da ist und gegenwärtig in Butzemanns Keller anzutreffen sein wird.

Es fällt wohl nicht allen gleich ein, daß, wenn ein Sünder festgenommen werden soll, auch er »zu Hülfe!« ruft?! – – –

Es war eine der bekannten roten Laternen, die ihren Schein in die Mitternacht warf und andeutete, daß auch in dieser Gasse der Stadt die alte germanische Gastfreundschaft, wenn auch nur gegen bare Zahlung, noch walte. Butzemanns Keller war in bestimmten Kreisen ein ebenso bekanntes Lokal als Achtermanns Leihbibliothek in anderen. Ein solcher Ort, der den Ruf hat, »am längsten Licht zu haben«, verbreitet einen höchst anlockenden Schein durch alle Klassen der Gesellschaft, und Nachtschmetterlinge jeglicher Art, vom seltensten Falter bis zur bescheidensten Motte, sehen den Schimmer, sagen: »Aha, da ist noch offen!« und setzen sich fest um die verführerischen leuchtenden Gläser, werden auch nicht selten dort abgefangen von allerhand gleichfalls des Nachts mit Vorliebe surrenden Gespenstern, die häufig nur ihretwegen die Wohnung oder wohl auch das amtliche Überwachungsbüro und Wachtzimmer verlassen.

Weiter zu beschreiben brauchen wir wohl das Lokal nicht? – »Frische Austern!« war im Schein der Laterne am Eingange zu lesen; eine gewundene Treppe führte hinabwärts zu den Räumen, wo nicht nur die Austern, sondern mancherlei anderes feucht, naß und trocken, heiß und kalt zu haben war bei Butzemann senior und – junior.

Butzemann junior war es, der den Übersetzer und Leihbibliothekar in der vordern unterirdischen, von Tabaksqualm erfüllten Höhle empfing und begrüßte, – ein vierschrötiger, verdrossener Jüngling von ungefähr fünfundzwanzig Jahren und – Wedehops erklärter Liebling und Günstling.

»Was einer ist, soll er recht sein«, sagte er, der Übersetzer. »Wissen Sie zum Exempel etwas Widerlicheres als einen dilettierenden Flegel, einen Pfuscher in der Flegelhaftigkeit? Und nun sehen Sie sich hier gefälligst meinen Freund Louis an. Ich sage ihnen – alles genial – alles echt – was? Wozu ihn die Natur bestimmt hat, das ist er – rein, voll, unbefangen. Sehen Sie diese kindlichen Züge bei Sonnenaufgang und -untergang, im Mondenschein oder in der Beleuchtung der Gaslampe über seinem Billard, sie bleiben stets die nämlichen, naiv-saugrob. Fordern Sie einmal des Spaßes wegen etwas, was sein Lokal nicht bietet, und hören Sie ihn reden, und dann – stellen Sie sich den Bengel als Geliebten, Verlobten, Gatten und Vater vor! Soll diese Art ausgehen? Non! trois fois non! wie er selber sich ausdrücken würde. Und ich gebe Ihnen mein heiliges Wort: unter den wenigen Aufgaben, die ich mir noch in der Welt gestellt habe, befindet sich vor allem die, das brutale Scheusal unter den Pantoffel zu bringen. Sie können jeden aus unserer Bekanntschaft danach fragen, ausgenommen meinen Freund Achtermann da.«

»Ja, gehen Sie nur näher, meine Herren«, grolzte Butzemann junior. »Weswegen Sie kommen, weiß ich schon. Eigentlich ists Papas Sache, und der hat ihn auch auf sich geladen. Im Hinterzimmer sitzt er schon seit heute morgen. Das sind solche alte Bekanntschaften, die unsereiner des Alten wegen nicht auffordern soll, draußen frische Luft zu schnappen! Gehen Sie nur durch; der Alte sitzt bei ihm, und der Spuckkasten steht beim Ofen.«

Die zwei Herren gingen durch, das heißt durch den Tabaksqualm in die übervollen hintern Kellerhöhlungen.

»Sie sind ein ganz lieber Mensch, Louis«, meinte der Übersetzer, im Vorwärtsgehen dem jüngern Inhaber und Teilhaber von Butzemanns Keller zärtlich auf die Schulter klopfend.

»Das sagen Sie nur, weil Sie es nicht so meinen, Herr Doktor. Aber lassen Sie sich einmal den gemütlichsten Tisch im Geschäft auf so ne Art von zehn Uhr am Morgen bis jetzt fest belegen auf die Weise und bei den Zeiten, wo einem jeder Stuhl vollsitzt von wegen dem Kriege und den Telegrammen... ein Beefsteak mit Eiern? – gleich, mein Herr.«

»Der Junge ist zu nett, Achtermann«, sagte Wedehop. »Ich brauche ihn nur anzusehen, um innerliche, bittere Tränen über mein Hagestolzenleben zu vergießen. Ja, so einen hab ich mir auch gewünscht. Ich sage dir, selbst als Schwiegersohn gönne ich ihn nur mit dem gelbsten Neide einem andern – doch – da sind wir, und – da – sitzt er: guten Abend, Butzemann, – guten Abend, Pablo!«

Der Leihbibliothekar, der nicht so wie sein Begleiter an jede großstädtische Kneipenatmosphäre gewöhnt war, hatte seit dem Eintritt in diese unterirdischen Räume viel gehustet. Jetzt entging ihm der Atem fast ganz, doch nicht allein der Tabakswolken, der Küchendüfte und der verschiedensten Dünste, welche die verschiedenen Gäste mitgebracht hatten, wegen.

»Ja«, sagte er, »Paul!« und drückte sich an den Rücken Wedehops und blickte ihm über die Schulter nach dem Manne auf dem schwarzen Ledersofa unter der einzelnen Gasflamme.

»Guten Abend, meine Herren«, sprach Butzemann senior, sich erhebend. »Jetzt reden Sie einmal mit ihm; – sehen Sie, so liegt er mir nun mit dem Gesicht auf den Armen seit dem Lichtanstecken. Ich habe ja auch, wie ihr – Sie wissen, in alter Zeit, auf der Schulbank so bei ihm gelegen, und er hat mir immer durchgeholfen, selbst auf seine Prügel hin; und so habe ich denn heute auch den halben Tag bei ihm gesessen; jetzt aber bin ich zu Ende, und nun – reden Sie ihm zu, meine Herren, daß er wenigstens wieder aufwacht und ein vernünftig Wort von sich gibt.«

Wedehop brummte nur: »Na, na!« Es war Achtermann, der rasch zutrat und dem Gentleman-Vagabunden die Hand auf die Schulter legte: »Lieber Ferrari, willst du?«...

Der Angeredete hob den schweren Kopf. Ein regennasser, abgewetterter grauer Filzhut hing am Nagel über ihm, und ein Stock, seltsamerweise ein Ebenholzstöckchen mit feinziseliertem goldenen Knopf – ein Bettelmannsstab grimmigster Sorte – lag neben ihm auf dem Sitze.

»Ah – was?!« sagte auch Paul Ferrari, mit rotunterlaufenen Augen auf die beiden eben eingetretenen Männer starrend. »Well, das ist freundlich von euch – du bist doch Karl – Karl Achtermann? Und du Wedehop – das ist schön – setzt euch: what will you drink?«

»Fürs erste gar nichts, lieber Mann«, sagte der Übersetzer. »Sei so gut und laß mir auch ein – Beefsteak mit Eiern machen, Butzemann. Viel Zwiebeln, Alter!... Da hast du einen Stuhl, Achtermann, und nun – hier haben wir ihn denn, wie ich ihn dir heute nachmittag für den Abend versprach. Nur immer ruhig Blut, Kinder.«

Es war ein einstmals unbedingt außergewöhnlich hübsches und feines Gesicht, aus welchem der Mann mit dem eleganten Bettelmannsstock die grauen Locken zurückstrich. Dazu strich er im gleichen Augenblick mit der Hand durch die Luft wie jemand, der viele von jeder Seite Zudrängende abzuwehren sucht:

»Guten Abend, Achtermann.«

»O, ich wollte – ich könnte das auch sagen, Paul!« stotterte der Leihbibliothekar und ließ dabei erst den Hut und dann den Regenschirm fallen. »Ja, guten Abend, Paul.«

Er reichte die zuckende Hand hin, und der heimgekehrte Schulfreund sah ihn mit seinen kranken Augen eine geraume Weile an, ehe er diese brave, furchtsam Hand hastig griff und heiser sagte:

»Sieh, sieh, alter Kerl. Ja, es war Wedehop, dem ich zuerst in der Straße begegnete. Wunderst du dich?... Ich mich auch – dann und wann –«

»Ich wundere mich gar nicht, Paul«, seufzte Achtermann. »Aber – guter Paul – lieber Ferrari, aber, sieh, du weißt es ja, ich brauchte immer längere Zeit, um mich zu fassen, als – du und andere. Deine – dein Kind war auch heute nach Tisch bei mir, und – sie weiß auch noch von gar nichts –«

»Deshalb setzen wir uns endlich und reden, wenn nicht Vernunft, so doch Verstand«, brummte Wedehop. »Seht euch Freund Butzemann an, der hat auch Phantasie; – da steht er und horcht wie auf ein fernes Hundegeheul und denkt: wenn doch endlich einer den Köter ins Haus lassen wollte. Ist es nicht so, Alter?«

»Annähernd wohl, Doktor; wenn ich doch meine Meinung sagen soll.«

»Oh, Wedehop!« stöhnte der Leihbibliothekar.

»Ach was, dummes Zeug. Die Sache liegt einfach so: Wir haben ihn wieder – in unserer Mitte; er wird wieder einmal eine Generalbeichte ablegen, und nachher stellt sich in gewohnter Weise die Frage noch viel einfacher: was soll jetzt mit ihm werden? Setzen wir uns also; stehend machen wir die Geschichte doch nicht ab, Achtermann. Das ist recht, hängen Sie nur den Hut des – guten Achtermann an den Nagel, Butzemann. Wenn sich jede beliebige Maus in die Pyramide des Cheops hineinwühlt, so imponiert mir vorliegender Käse wenig. Vor allen Dingen laß jetzt den Mann da von seinen amerikanischen Fahrten Bericht erstatten. Nachher werden wir ja wohl weitergehen. Da kommt auch der Junior mit dem Beefsteak, und nun – laßt euch insgesamt ins Gedächtnis rufen, daß es mehr auf das Verdauen als das Hineinschlingen ankommt. Ich als Übersetzer muß das vor allen anderen wissen.«

Kauend warf er von jetzt an für eine geraume Zeit seine Bemerkungen in die gedrückte Unterhaltung, die nun zwischen Karl Achtermann und Paul Ferrari stattfand. Da er aber wirklich nicht nur auf das Verschlingen, sondern auch auf das Verdauen sich verstand, so ist uns jedenfalls interessant zu hören, was er bemerkte, nachdem er den Teller zurückgeschoben hatte und satt war in mehr als einer Beziehung.

»Weg mit der Bescherung, Junior – Butzemann junior. Räumen Sie ab, Jüngling – Schwiegersohn!«

»Schwiegersohn?« murrte Herr Louis Butzemann. »Was soll denn das heißen, Herr Doktor?«

»Daß es zu meinen lieblichsten Phantasien im Wachen und im Traume gehört, eine angenehme mannbare Tochter zu haben und Ihnen und ihr die Hände auf die – Häupter zu legen: So nehmt euch denn; – seid glücklich, Kinder!... Betrachten Sie mich immerhin als Ihren geistigen Schwiegervater, lieber Louis. Verlassen Sie sich darauf, ich verheirate Sie nicht bloß imaginär, und – nun zu euch anderen: Kerle, ich habe lange nicht so wie heute abend des Lebens Notdurft mit solchen Beschwerden heruntergewürgt als unter eurer katzenjämmerlichen Tafelmusik. Wüßte ich nicht, daß ich mich, Gott sei Dank, auf meinen Magen verlassen kann, so würde ich dem Gewinsel und Gewusel wahrhaftig schon früher ein Ende gemacht haben. Worauf läuft denn dieses alles nun hinaus? Einfach darauf, daß von hundert soliden germanischen und anderen Weltbürgern neunundneunzig sich beim Anblick und nach dem Anhören dieses verlorenen Subjektes da schaudernd abgewendet haben würden mit dem großen Worte: ›Wo man ihn eingräbt, tut er den ersten Nutzen auf der Erde, indem er sie düngt.‹«

»Wedehop?!« rief der Leihbibliothekar bittend.

»Ei natürlich, Wedehop!« mimte Wedehop nach. »Wünschest du mich noch ferner zu reizen, Achtermann, um noch deutlicher meine Meinung zu vernehmen? Nicht wahr, man kann sich nie genug mäßigen, sobald man anfängt, Vernunft zu sprechen? Aber jetzo bin ich einmal dabei und werde mich mit und ohne eure gütige Erlaubnis nicht darin stören lassen. Du würdest selbstverständlich ein Original sein, Paule, wenn es nicht Millionen deinesgleichen schon vor dir gegeben hätte. Das weiß der Henker, daß der Mensch das Maßgebende mit Vorliebe zuerst übersieht, und – so haben wir heute dich wiederum in unserer Mitte, wie du weggegangen bist – ganz derselbe, nur ein wenig wackeliger auf den Füßen, schwächer in den Knochen und wirbliger – ich will nicht sagen wo. Deine tausend Künste und Wissenschaften haben dir auch in Amerika nichts genutzt. Das Pulver hast du leider nur zuviel erfunden; einmal genügt die Entdeckung, und daß die Amerikaner auf dein letztes Phantasma, dein neues, die Verdauung regelndes und den Appetit schärfendes Universalpulver nicht anleckten, habe ich im voraus gewußt. Das war auch nur eine Idee aus zweiter Hand und hat bereits andere Schlauköpfe zu reichen Leuten gemacht und armen zu einem billigen Professor- oder Hofratstitel verholfen. Stecken Sie den Pfropfen auf die Flasche, Butzemann! Er soll jetzt nicht mehr trinken, sondern mich zu Ende hören! Wie häufig hast du wohl in deinem Leben die Wimpel nach dem Glück wehen lassen, Paule, und bist zu Schiffe gestiegen mit einem Bestallungsbrief für die Statthalterschaft von Eldorado in der Tasche? Nicht wahr, für so eine Art von Genie haben wir uns immer gehalten? Und deshalb verließen wir uns in Gottes und des Teufels Namen auf den alten Zauber, welcher dergleichen Hanswürste mit den Kindern und den Betrunkenen auf eine Stufe stellt, sie auf die Schulter patscht und beruhigend sagt: Fallt nur, so oft ihr wollt, man wird euch schon wieder aufhelfen!? Himmelelement und alle Milchsuppe, wer sich nicht wie ein Granitblock dem Pöbel in den Weg werfen kann, daß er murrend drum herumzulaufen hat, der soll einfach seine Alltags-Tagesarbeit tun und für sein Abendvergnügen ein Abonnement hier bei unserm Freunde Achtermann nehmen. Nicht wahr, Achtermann?«

»Du solltest einsehen, guter Wedehop, daß du hier eigentlich wohl ohne Ziel und Zweck sprichst«, flüsterte der Leihbibliothekar.

»Weil der Mensch da schon wieder mit dem Kopfe auf den Armen liegt und uns demnächst im vollen Stupor anschnarchen wird. Alle Donnerwetter, was soll denn aber jetzt werden? Willst du ihn mit dir nach Haus nehmen oder soll ichs? Wir können ihn doch unmöglich jetzt, mitten in der Nacht, seinem armen lieben Kinde in die Tür schieben: Da haben Sie Ihren Papa, Fräulein, und nun – wünsche wohl zu schlafen!... Wie tapfer hat das kleine, brave Heldenmädchen ihr Leben eingerichtet und sich durchgeschlagen mit ihrem Pianino und ihrer Sticknadel, während der von neuem drüben in Mexiko sein Pulver verschoß!«

»Wenn er für heute hier auf dem Sofa –«, wollte Butzemann senior gutmütig vorschlagen; aber Wedehop nahm ihm selbstverständlich sofort das Wort wieder ab.

»– übernächtigen wollte, so würde dein Junge sicherlich mit Vergnügen die sonstige Bedienung und das Aufwecken besorgen. Danke, lieber Alter! Daß du zu uns gehörst, weißt du, und so habe ich darüber nichts weiter zu bemerken. Mein Sofa steht ihm auch zur Verfügung; aber das Mädchen – das kleine Mädchen mit seiner Musikmappe und seinem Resedatopf und seinem Kanarienvogel! Ich habe Michelets Buch über die Weiber übertragen, ich habe auch Feydeau übersetzt – La dame aux camélias – und übersetze weiter. Ich tue wahrhaftig mein möglichstes, das deutsche Volk zu bilden und zu bessern; aber – nachher komme mir denn auch einer und suche mir meine grünen Rasenflecke zu zertrampeln und meine Privatidylle über den Haufen zu werfen! Glaubt ihr, daß ich – ich – ich vor den anderen in der Laune sei, mir das gefallen zu lassen? Ich sage dir, Achtermann, wenn du dir von dem Geruch der Rose erzählen lassen willst, so frage den Schundkönig danach aus! Und jetzt werde ich elegisch und also mir selber zum Ekel und gehe nach Hause. Allons, Paul, aufgeguckt, Mensch! Butzemann, greifen Sie zu und helfen Sie mir, ihn auf die Beine zu bringen.«

»Du willst ihn also mit dir nach Hause nehmen, Wedehop?« rief der Leihbibliothekar. »O wie danke ich dir, guter –«

Der Übersetzer klopfte dem alten Freunde gemütlich auf die Schulter.

»Alter Schäker, wer kann gegen seine Natur? Die deinige ist im Grunde durch dein ganzes Leben gewesen, den Leuten am meisten zu trauen, die ihre Worte auf die feinste Goldwaage zu legen verstehen. Weit damit gekommen bist du freilich nicht, sondern nur zu der schönen, aber kläglichen Redensart: Ja, so sind die Leute!... In der Tat, so alt sind wir doch gottlob noch nicht geworden, daß wir uns nicht jener Jahre entsinnen sollten, wo der da alles, was er hatte, mit uns teilte, und zwar ohne sich ein Verdienst daraus zu machen. Er war doch immer der Millionär unter uns, und weiß der Teufel, gepumpt wurde ihm auch dreimal lieber als uns, und er hat auch das redlich mit uns geteilt – mit mir zum wenigsten ganz gewiß, und also, Butzemann, entsende deinen süßen Knaben oder einen deiner Kellner nach einer Droschke. Dem kleinen Mädchen werden wir mit unserer Erfahrung, Achtermann, und mit anderer guter Leute Beihülfe wohl auch noch einmal über dies vergnügliche Wiedersehen hinweghelfen. Auf deine Frau Professorin zum Exempel rechte ich fest.«

Axiom: Man kann zu Zeiten auch eine Nachtdroschke benutzen, um die zu Anfange dieses Kapitels erwähnte Grenzlinie zu kreuzen. Man kann sie aber auch überschreiten, indem man steht und eben dieser Droschke weinerlich-beruhigt mit halboffenem Munde nachstarrt wie der Leihbibliothekar Herr Karl Achtermann. – –

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