Frei Lesen: Die Leute aus dem Walde

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Kapitelübersicht

Die hohe Polizei nimmt ein Protokoll auf | Der Polizeischreiber Fiebiger setzt seinen Chef in Erstaunen; Julius ... | Julius Schminken macht sich nützlich; Robert Wolf macht die ... | Treffliche Beschreibung des Hauses in der Musikantengasse und des ... | Große Gesellschaft bei dem Bankier Wienand Mr. Warner aus New-Orleans ... | Expektoration des Autors über die Einsamkeit; Lebensläufe aus ... | Auf dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex; Fräulein Juliane ... | Herr Leon von Poppen wundert sich ganz ungemein | Die Sterne Eva Dornbluths; Was sie sagten, wie man ihnen folgte und ... | Die Sterne Friedrich Wolfs aus Poppenhagen; Ein Stein des Anstoßes ... | Das Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse erfährt eher ... | Julius Schminkert für immer! Schlaue Bemerkungen des Autors uber die ... | Blick über die Dächer Veränderte Aussichten und Ansichten | Von einem grünen Gartenflecke, einer weißen Marmorbildsäule, einem ... | Herr Leon von Pappen zeigt sich als guter Sohn und liebenswürdiger ... | Viel Schutt und Trümmer fallen auf Helene Wienands Gärtchen, sowie in ... | Unter dem Schutt und der Asche – unter den Trümmern! | Schreckliches Unglück des Fräuleins Aurora Pogge Der deklamierende ... | Glänzende Fäden in dunkelm Gewebe | Zeigt an dem Beispiel des Barons Leon von Poppen, wie leicht es ist, ... | Große Krisis in Nummer zwölf –; höchst tragisches Kapitel Der ... | Die Lebendigen wandeln in Unruhe; – der Tod guckt in das Buch | Es kommt Nachricht von den Wanderern Robert Wolf läßt sich naßregnen ... | Reden der Weisen und Guten Herr Leon von Pappen hält sich aber auch ... | Zwischen Himmel und Erde Stimmen aus der Nähe und aus der Ferne ... | Auf der alten Stelle Zum zweitenmal soll der Schüler die Lektion ... | Robert Wolf beweist, daß man auf den alten Fleck zurückkommen kann, ... | Der Baron Leon von Poppen steigt wieder herunter vom Observatorium ... | Zeigt, daß Leute, die aus dem Blick entschwinden, darum doch an der ... | Robert Wolf steht an einem Grabe und tritt an ein Sterbebett Konrad ... | Es wird ein neuer Hügel unter den drei Fichten aufgeworfen Konrad von ... | Ein Ritt vom Stillen Ozean zum Missouri Konrad von Faber hält ... | Robert beschleunigt seine Heimreise; der Autor begleitet ihn und ... | Juliane, Freifräulein von Poppen, setzt wieder einmal ihren Willen ... | Es gewinnt den Anschein, daß die Sterne auch ihren Willen durchsetzen ... | Die Sterne setzen ihren Willen durch, ihrem Willen befiehlt der ... |

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Wilhelm Raabe

Die Leute aus dem Walde

Blick über die Dächer Veränderte Aussichten und Ansichten

eingestellt: 5.7.2007



Die verehrlichen Leser werden gebeten, sich den Erzähler vorzustellen, wie er steht, seine Historie gleich einer Frucht in der Hand hält, wie er mit bedenklicher Miene sich abmüht, den Kern aus der Schale zu lösen und sehr in Sorgen ist über die inhaltvolle Frage: Was wird man dazu sagen?

Da gibt es Leute, die haben sehr scharfe Zähne und gebrauchen sie mit Lust, und Leute gibts, welche gar keine Zähne haben. Wieder gibt es Leute, welche sehr leicht »lange« Zähne bekommen, und Leute, welche an hohlen leiden. Zähne »wie Perlen« sollen ziemlich selten geworden sein in der Welt, und falsche Zähne sollen im Überfluß vorhanden sein. Letzteres behaupten die bösen Zungen, und das kann dem Erzähler in einer Hinsicht angenehm sein, denn es bringt ihn auf diese nützlichen Glieder selber. O was für Zungen es in der Welt gibt! Spitze, scharfe, stumpfe, laute, leise, süße, bittere, silberne, biedere, giftige, wohlmeinende, falsche, ehrliche, glatte: – und für so viele und vielgeartete Zungen nur eine Frucht!

Das Amt eines Geschichtenerzählers ist viel schwerer, als sich die Leute meistens vorstellen, und am Ende kann der beste nicht mehr tun, als seinen Apfel schälen und sprechen: Da, nehmt, oder laßts bleiben. Kern oder Schale, wie es euch beliebt. Haltet euch lobend an das eine oder tadelnd an das andere; oder lobt und tadelt beides oder keines von beiden. Unsereiner muß auch in manchen sauern Apfel beißen, und ihr Leute, die ihr euch über irgendein Buch ärgert, wißt gar nicht, wie glücklich ihr seid, daß ihr es nicht zu schreiben brauchtet. Aber – »Seht nach den Sternen, seht nach euern Sternen!« sagte der alte Sterngucker auf seinem hohen Giebel, wenn die Leute, welche das Glück hatten, ihn zu kennen, vor irgendeiner harten Nuß des Lebens sich scheuten, vor irgendeinem steilen Berge, über welchen ihr Weg führte, zaudernd und bedenklich standen.

»Sieh nach den Sternen, Knabe!« sprach er auch zu Robert Wolf, als der Polizeischreiber Fiebiger den Knaben zu dem wunderlichen Greise führte und dieser dem jungen Landsmann aus Poppenhagen lange in die Augen geblickt hatte. Die beiden Herren schickten dann den Knaben nach Hause, und der Schreiber fragte seinen Freund:

»Nun, Heinrich, was hast du in diesem Gesichte gelesen?«

»Es ist ein gutes Gesicht«, lautete die Antwort. »Intelligente Stirn und Augen, ziemlich charaktervolle Nase, etwas zu viel Weichheit um den Mund – alles in allem aber ein befriedigendes Gesicht! Ich will dir helfen, den Jungen zu erziehen, Fritz.«

»Danke dir, – sit saluti!« sagte der Schreiber, den Seufzer, womit der Gelehrte seine letzten Worte begleitete, gern überhörend.

Dieses Gespräch fand am frühen Morgen des Montags statt, und man sah bald darauf den Polizeischreiber im kurzen Trabe durch die Gassen seinem Bureau zueilen. Der Abend erst fand die drei Alten aus dem Winzelwalde bei dem Astronomen zusammen, und jetzt wurde Robert Wolf auch dem Freifräulein von Poppen vorgestellt. Die ganze Stadt hatte von dem Entweichen Eva Dornbluths und dem Verschwinden des jungen, reichen, interessanten Amerikaners gehört; Bescheid darum wußten aber nur diese vier. Das Himmelsgewölbe war auch heute durch Wolken verhangen und kein Stern sichtbar. So saßen denn die Alten wiederum in den hochlehnigen Sesseln um den Eichentisch, und Robert Wolf lauschte staunend im Winkel. Er vernahm das dumpfe Brausen der großen Stadt fast wie das Brausen seines Heimatwaldes; aber solche Stimmen, solche Worte hatte er im Walde nicht vernommen. Noch lange Zeit mußte es dauern, ehe der Knabe vollständig begriff, wer diese Lehrer waren, was sie ihm waren. Noch hielt auch die krankhafte Abspannung aller Körper- und Geisteskräfte bei ihm an und ließ ihn auch an diesem Abend in den Halbschlummer äußerster Erschöpfung, in welcher man das Wort der Redenden nur unbestimmt, wie aus weiter Ferne vernimmt, versinken. Einmal fühlte er, wie jemand sich über ihn beugte und sagte: »Er schläft!«

Dann schlief er wirklich, und Ulex sagte:

»Da haben wir, die Entsagenden, nun diesen Jungen im Winkel! Wir haben ihn aufgenommen in unsere Mitte und mit ihm vielleicht viel Unruhe und Sorge, jedenfalls aber eine schwere Verantwortlichkeit. Was sollen wir mit ihm anfangen? Was können die Entsagenden dem Knaben, der noch an der Schwelle des Lebens steht, geben? Dürfen wir ihm das Dasein zeigen, wie wir Grauköpfe es auffassen? Der Spruch der Kartäuser: In Schweigen und Hoffen soll eure Stärke sein, ist wohl gut für die einen; aber Fiebiger mag recht haben, wenn er meint, es sei ein Verrat an der Welt, ihn jemand aufzudringen. Haben wir nicht selbst an uns erfahren, wie die Weisheit der Einsamkeit nur von selber kommt, gleich einer Erleuchtung, gleich einer Offenbarung!«

»Es ist immer schlimm, einen jungen Geist herabzudrücken«, sprach das Freifräulein. »Wir dürfen es in keiner Weise tun; die Entsagung wird auch schon früh genug von selbst kommen.«

»Sie trägt schwere Nagelschuhe«, meinte der Schreiber, welcher gar nicht entsagend aussah. »Ihr Schritt ist weit hörbar. Es ist sogar unsere Pflicht, der heranmarschierenden – wollt ich sagen, der nahenden Göttin den heitern Schild des lebendigen Lebens entgegenzuhalten und unsern Schützling dort in der Ecke damit zu decken, bis er selbst den Schild halten und tragen kann. Es steht dann in seinem Belieben, ihn niederzulegen, wann er will; eine polizeiliche Erlaubnis ist nicht nötig dazu.« –

So war nun der große Umschwung in dem Leben Roberts eingetreten; aber es dauerte eine geraume Zeit, ehe der Schützling der drei Alten am Morgen beim Erwachen auf der Stelle sich klar war, wo er sich befand und was mit ihm vorgegangen war. In der ersten Zeit seines Lebens in der Stadt erwachte er gewöhnlich aus einem unruhigen Schlummer, in welchem ihm der Traum die Bilder und Szenen des Daseins, das hinter ihm lag, magisch vorgaukelte, bald treu kopierend, bald wild und phantastisch durcheinanderwerfend und verwirrend. Da glaubte er den Wald und den Dorfbach vor seinem Fenster rauschen zu hören, er sah den Pastor Tanne mit dem Spitz Fidel den Morgengang durch den betauten Garten und um das eben erwachende Dorf machen. Er hörte das dumpfe Gebrüll des Viehs, das sich aus den Ställen nach der grünen Weide sehnte. Im goldenen Glanz des Sonnenaufgangs leuchteten die Berge, und in den Sonnenaufgang hinein klang eine klare, liebliche, volle Stimme, und eine lichte Gestalt glitt durch den grünen Grasgarten unter den blütenvollen Kirschenbäumen umher. Eva Dornbluth bog die tauperlenden Blütenzweige nieder und schüttelte sie, daß die funkelnden Tropfen wie Diamantenschauer ihr über die schwarzen Locken rollten. Vor Lust zitterten die Zweige, und jeder Baum winkte dem schönen Mädchen, ihr seinen blitzenden Schmuck darbietend. Nun trat der Kuhhirt des Dorfes an die Gartenhecke, setzte das Horn an den Mund, und der unruhige Schläfer in der Musikantengasse erwachte, weil er das gewohnte Getön – nicht vernahm.

Ein anderer Traum brachte andere Bilder. Da spielte die Abendsonne im Studierstübchen des Pfarrhauses über die Bücherbretter; es hatte sich eine Wespe in das Gemach verloren und füllte es mit dumpfem Gesumm. Robert saß am Tisch des Pfarrers und folgte dem Tier mit den Augen hierhin und dahin, wie es seinen Flug nahm. Er mußte ihm folgen mit peinlichster Aufmerksamkeit; er durfte den Blick nicht abwenden von dem Tier; – hierhin, dahin schoß es, jetzt in das Dunkel der Winkel und Ecken, jetzt flimmernd in den Strahl der Abendsonne. Es war eine qualvolle Jagd, und das Summen ward immer lauter und dröhnender; immer mehr vergrößerte sich das fliegende Insekt und nahm allerlei Gestalten an, ewig wechselnde. Unheimlich und häßlich waren diese Gestalten, solange das Tier im Dunkel flog, lieblich und leuchtend, wenn es durch den Sonnenstrahl schoß, welcher in das Fenster fiel. Es trug auch wohl ein menschliches Haupt, bald unbeschreiblich schön, wie das Evas, bald über alle Maßen fratzenhaft. In immer engern Kreisen umzog es den Wolf vom Eulenbruch, das Sausen seiner Flügel klang wie der lauteste Sturmwind; der angstgepeinigte Träumer erwachte nur, wenn er im Augenblick der höchsten Bedrängung das vor ihm liegende Lexikon des Pastors Tanne nach dem gespenstischen Tiere warf.

Nun richtete sich Robert Wolf von seinem Lager empor und sah sich verstört in der fremden Umgebung um. Verschwunden war der Traum von der Heimat mit allen Einzelheiten. Der alte, greise, gute Pastor war fortgegangen, fort aus dem blühenden Pfarrgarten, aus dem erwachenden Walddorfe; er hatte die lange Pfeife in den Winkel neben seinem Schreibtische gestellt; so früh am Morgen war er wieder schlafen gegangen – schlafen gegangen auf dem kleinen bebuschten, grünen, hügeligen Plätzchen neben der Kirche. Unter den andern Hügeln und schwarzen Kreuzen war das letzte Bett des Pastors Tanne gemacht worden, und mit goldenen Buchstaben verkündete eine Tafel des trefflichen Alten Namen, Geburtstag und Todesstunde. Der weiße Spitz war toll geworden und erschossen in der Dorfgasse; – die schöne wilde Mädchengestalt lehnte nicht mehr unter dem Eschenbaum an der Hecke; Eva Dornbluths Stimme erklang nicht mehr in dem sonnigen Grasgarten hinter den blühenden Bäumen, hinter den Stachelbeerbüschen. Die Tautropfen hatten sich in Diamanten verwandelt, verloren hatte sich Eva Dornbluth in dem großen Walde, in der schrecklichen, geheimnisvollen Ferne und Fremde. Aber auch das summende geflügelte Tier, die Wespe, war verschwunden mit dem Erwachen. Robert Wolf rieb die Augen und warf einen Blick auf die grauen Brandmauern vor seinem Fenster, auf die schmutzigen, regennassen oder beschneiten Dächer, die qualmenden Schornsteine und Kaminröhren, welche den Dunst vermehrten und sich in ihm, in der Ferne, schattenhaft verloren. Der Qualm der Steinkohlen, der verschiedenartigen Gase füllte die Brust des Knaben, wenn er das verquollene Fenster mit Mühe geöffnet hatte. Und unter dem grauen Schleier rauschte und knarrte, pochte und kreischte und rollte das große Leben der Stadt, so fremd, so beängstigend, so erdrückend, daß Robert unwillkürlich nach der Kehle griff, gleich einem Erstickenden. Nun richtete sich aber sein Blick auf einen von den vielen Giebeln, und von dort her kam ihm der erste Trost, der erste Anhalt in dieser schwindelerregenden fremden Welt. In jenem Giebel schlief Ulex, der Sternseher, seinen langen Morgenschlaf nach ernst durchwachter Nacht. Und ein noch höheres Gefühl von Sicherheit und Dankbarkeit regte sich in der Brust des Knaben, wenn nebenan im Gemache der alte Beschützer Friedrich Fiebiger sich rührte, hustete, grunzte und nieste und ein großes Wassergeplätscher machte. Es verklang der Schmerz, den die Nacht noch immer wachrief, in dem neuen Leben, welches jeder neue Tag brachte.

Jetzt erschien Ludwig Tellering trotz der Kälte in Hemdsärmeln vor der Tür der Hofwohnung und rief dem Jüngling einen fröhlichen Morgengruß hinauf. Hell klang hinter den dunkeln Fenstern Luise Tellerings hübsche Stimme, und der Hammer des Alten begleitete das Lied ganz taktmäßig. Mit der Tischlerfamilie stand Robert bald auf sehr freundschaftlichem Fuße. Er besaß eine natürliche Anlage für das Schreinerhandwerk, hantierte gern mit Hobel und Säge, und Fiebiger legte dem nicht nur kein Hindernis in den Weg, sondern begünstigte es sogar sehr, denn er wußte recht gut, welch eine treffliche Panazee körperliche Arbeit und Anstrengung gegen alle Seelenkrankheiten sei. Manchen guten Handgriff lernte Robert Wolf von Ludwig Tellering, und große Fortschritte machte letzterer mit Hilfe Roberts in der Geographie von Europa und Amerika.

Aber es wohnten noch andere Leute in dem Hause Nummer zwölf in der Musikantengasse. Da erwachte der Hausherr, der beschauliche Herr Mäuseler, fütterte seinen Dompfaffen, stäubte das Bildnis seiner Seligen mit dem Federwedel ab und durchschlurfte in Filzpantoffeln das Haus, überall auf den Treppenabsätzen sein dummes breites Gesicht zeigend. Fräulein Aurora Pogge machte an dem jungen Tage mit den Rosenfingern den ersten Angriff auf die Augen ihrer Magd Hulda; die vornehme Angorakatze machte den ersten Buckel und zeigte sich unzufrieden mit dem Frühstück. Im Atelier des Monsieur Alphonse Stibbe regte es sich; der Lehrling erhielt seine erste Ohrfeige von dem Maitre und seine ersten Fußtritte von den Herren Gehilfen. Sein Geheul klang melodisch in den Morgentraum Fräulein Angelikas. Am längsten schliefen im Hause Nummer zwölf der Musikantengasse jedenfalls Angelika Stibbe, die holdanlächelnde Jungfrau, und Herr Julius Schminkert, der treffliche, biedere und bescheidene Jüngling. Die Welt verlor dadurch nichts, und so mochten sie schlafen, so lange sie wollten; wenn Julius dann mit heiserer Stimme den Morgen ansang und kläglich sein Geborensein und Dasein bejammerte, so kümmerte sich die Welt auch nicht im mindesten darum.

Aus dichten Rauchwolken hervor gab Fiebiger, der Mann der Polizei, seinem Schützling Anleitung zur Bereitung des trefflichen Kaffees und andere gute und nützliche Lehren. Immer tiefer weihte er ihn in die Geheimnisse seines Lebensgrundsatzes: Gib acht auf die Gassen, ein, im Gegensatz oder vielmehr zur Ergänzung des Axioms des alten Ulex: Sieh nach den Sternen.

Solange der Polizeischreiber und Robert zusammen waren, war von Büchern nicht die Rede. In die Musikantengasse hinab, nach den gegenüberliegenden Häusern blickten die beiden, und der Mann der öffentlichen Sicherheit wußte von Amts wegen von manchen Dingen Bescheid, die andern Menschen verborgen blieben. Er sah Individuen und Verhältnisse mit scharfen Augen, und manche Maske, unter welcher sich der Träger oder die Trägerin sehr sicher und behaglich fühlten, fiel vor dem Blicke des Polizeischreibers. So konnte er in dem Gewühl, welches bunt vor den Augen Robert Wolfs vorüberzog, andeuten, aussondern und zusammenfassen, und, wie kein anderer, dem Jüngling ein Bild des Lebens, wie es ist, geben. Da schwand mancher Glanz, welcher den Unerfahrenen wohl blenden konnte; da fing aber auch das Dunkle an, zu leuchten und einen hellen Schein zu geben. Das eine verlor, das andere gewann; Gegensätze glichen sich aus; was durch unendliche Fernen für immer getrennt schien, griff ineinander zu Gutem und Bösem; der Mann in Purpur und köstlicher Leinwand mußte nach der harten, mit Schwielen bedeckten Hand fassen, um sich aufrecht zu erhalten im Gewühl. Die Räder des eleganten Wagens, der in weichen seidenen Kissen die schöne vornehme Dame trug, drehten sich lange nicht schnell genug, um den Schmerz, den Kummer, die herzzerfressende Sorge hinter sich zu lassen. Je mehr das Menschenkind von den beglückenden Schleiern Fortunas umhüllt erschien, desto dunklere Hände griffen von allen Seiten nach den schützenden Hüllen, um sie herabzureißen und die arme Seele nackt, frierend und zitternd in das allgemeine Menschenlos zu ziehen. Wie die Volkswogen durch die Musikantengasse rollten, löste der Lehrer sie auf in ihre einzelnen Tropfen und zeigte, wie die Welt sich in jedem auf eine andere Art spiegele. Aber nicht im pedantischen Lehrerton gab er seine Weisheit kund. Dazu war er allzusehr Humorist und sah mit zwinkernden Augen in das Durcheinander, den Gestaltungsprozeß der Gesellschaft. Er warf sein Netz aus wie Petrus der Fischer und zog es hervor voll von Geschöpfen aller Art; er freute sich über das Gekrabbel und Gekribbel und ließ der Molluske, dem Tintenfisch und Krebs wie dem Hecht, dem Karpfen und der Forelle ihr Recht.

»Merke dir das, mein Junge«, sagte er, »erlaubt muß Dorern sein, dorisch zu sein, und Ioniern ionisch; und nichts ist oft einem Tölpel ähnlicher als ein sehr gelehrter Mann. Maurer und Zimmerleute werden sich in alle Ewigkeit hassen und große Schlachten gegeneinander führen, und das uralte Problem, alle Schuhe über einen Leisten zu schlagen, hat noch niemand gelöst. Sehr viele Menschen gelangen zu der Bezeichnung ›Ehrenmänner‹ durch wohlfeile Redensarten, ergo laß dich nicht verblüffen. An manchem Kerl ist nichts Gutes als sein Herz, von welchem die Welt nichts wissen will; halte dich an einen solchen Kerl und laß die Welt die Nase zuhalten. Es ist mehr daran gelegen, daß das Volk nach grüner Seife rieche, als daß der und der, die und die nach französischen Parfüms und Essenzen dufte. Hüte dich vor übergroßem Ekel; denn oft hängt nicht nur des Menschen Appetit, sondern auch des Menschen Seele an einem Haar. Wer mit dem Teufel glücklich kämpfen will, der stellt sich besser fest auf seine Füße und beißt die Zähne zusammen, als daß er sich unter dem Rock des heiligsten Engels verkriecht. Es gibt viele Leute, welche alle das, was sie selber nicht glauben, aus allerlei nützlichen Ursachen andere glauben machen möchten; halte dich an das Wort der Königin Christine von Schweden: Man muß sich am meisten vor lebenden Heiligen hüten. – Die Heuchelei ist eine schöne Kunst und würdig, bis auf den Grund studiert zu werden. Studiere sie, es gibt kaum einen größern Genuß, als die Entlarvung eines echten Heuchlers. Da schlägt es neun Uhr; vorwärts, – immer mit in der Mühle! Die Zeit und die hohen Behörden lassen oft auf sich warten, warten selbst aber auf niemand.«

Damit klopfte der Gassenphilosoph seine Pfeife aus, zog den bekannten Überrock ächzend an, nahm den Regenschirm unter den Arm und begab sich nach seinem Bureau, um in der Gesellschaft des Rats Tröster, der großen Register und des Wachtmeisters Greiffenberger mehr nützlich als angenehm dem Staate zu dienen.

Noch einige kurze Augenblicke mochte Robert den weisen Aussprüchen seines Beschützers, die allesamt mehr oder weniger unmittelbar mit den Vorgängen oder den Passanten der Musikantengasse zusammenhingen, nachsinnen, ehe er sich zu dem Sternseher verfügte. Für das Glänzende der neuen Welt, in der er sich jetzt bewegte, hatte er noch nicht den rechten Sinn; um so abschreckender erschien ihm dagegen der Schmutz. Wahrlich, es war etwas ganz anderes um den Schnee, welcher im Winzelwalde die Zweige der Fichten zur Erde bog, als um die unbeschreibbare Materie, welche den Kot der Musikantengasse vermehrte; es war etwas anderes um den Regen, welcher auf den Blättern vor den Hüttenfenstern rauschte, der die Waldbäche anschwellte und jeden Felsensteig in einen Wasserfall verwandelte, als um den Regen, der auf die Ziegeln niederklatschte und klopfte, und um die schwarzen Ströme, welche den Steinkohlenniederschlag von den Dächern spülten.

Nur scheuen Schrittes wagte sich der Knabe auf den Gang; geduckt und schnell schritt er die Treppe hinunter unter dem krächzenden Gesang des jetzt erwachten Schminkert, angestarrt von dem Partikulier Mäuseler, furchtsam einer Begegnung des Fräulein Pogge oder der unholden Hulda ausweichend. Scheu und geduckt trat er hinaus in die Gasse, und geborgen fühlte er sich erst in dem dunkeln Gäßchen, welches an dem Telleringschen Fenster, an welches vor einigen Wochen die kleine Marie klopfte, vorüberführte. Hier erwiderte er gewöhnlich im Vorbeigehen ein freundliches Zunicken der Meisterin oder der niedlichen Luise. Erst auf der steilen Treppe des Sternsehers hob er den Kopf völlig in die Höhe.

Im Tagesschein verlor der Aufenthaltsort des Gelehrten viel von der Sonderbarkeit seiner Erscheinung, die er am Abend darbot; doch auch jetzt erkannte man immer noch, daß kein gewöhnlicher Mensch hier hause. Ein stummes Kopfnicken des Greises begrüßte den eintretenden Jüngling, welcher sich bereits recht gut in die Art des Alten gefunden hatte und ebenso stumm sich an einem ihm angewiesenen Platz am Tisch, in der Nähe des Fensters, niederließ. Die Bücher, welche am Todestage des Pastors Tanne sich für Robert Wolf für ewige Zeiten geschlossen zu haben schienen, öffneten sich ihm von neuem, und Heinrich Ulex war ein noch besserer Lehrer als der Pfarrer von Poppenhagen. Der Sternseher begnügte sich nicht damit, seinen Schüler in die Geheimnisse der lateinischen und griechischen Sprache einzuweihen; er hob ihn hoch darüber hinaus in das wundersame Reich, welches so weit über den Einzelheiten des irdischen Lebens liegt. In den Gassen wußte der Sternseher nicht so gut Bescheid wie der Polizeischreiber; er führte andere Register als dieser. Die Sterne ziehen gesetzmäßigere Bahnen als die armen Erdenbürger, deren irrwischartigc Lebensläufe der Schreiber in seine Folianten eintrug. In den Gassen mochte dem Astronomen im Wege liegen, was da wollte, er trat drauf oder drein; das war nicht so in des alten Zauberers eigenem Reiche. Es war ein leuchtender Kreis, welchen er beherrschte, und dieser Kreis dehnte sich über alle Fernen, über Zeit und Raum. Was die Welt an Schönem und Erhabenem besaß, das war in diesem Kreise heimatsberechtigt. Auf das trefflichste ergänzten die Lehren Heinrich Ulex, des Sternsehers, die Lehren, welche Friedrich Fiebiger, der Polizeischreiber, dem Knaben aus dem Winzelwalde gab. Alles Übel in der Brust des Jünglings, welches den Worten des einen nicht wich, wich den Worten des andern.

»Sieh nach den Sternen«, sagte der Greis. »Da droben ist alles Harmonie und Ordnung; nach ewigen Gesetzen wandelt jedes Glied der großen, glänzenden Gemeinschaft; selbst die regellosesten unter ihnen, die Kometen, ziehen ihren vorgeschriebenen Weg. Welch ein Kontrast gegen das Getümmel hier unten! O sieh nach den Sternen, Knabe, und wenn der dunkle Erdentag, wenn das irdische Gewölk sie dir verbirgt, so denke an sie und vergiß nie, daß sie über allen Wolken und Schatten, über allem Sturm und Ungewitter ruhig lächeln.«

In unendlicher Weise benutzte der Alte dies sein unerschöpfliches Thema; in alles verflocht er die Bilder und Lehren, welche er seiner Lieblingswissenschaft entnahm; wer ihn hörte, mußte gestehen, daß es doch etwas Schönes um den reinen Idealismus sei; und selbst diejenigen, welche ihm am wenigsten auf seinem Wege folgen konnten, blickten ihm mit einer gewissen scheuen und staunenden Bewunderung nach.

Gleich einer Liederweise verhallte das frühere Leben Robert Wolfs im Anhauch solcher neuen Lebens- und Welterfahrungen. Der wilde Schmerz um die verlorene erste Liebe löste sich in sanfte Traurigkeit auf, und – ach – auch diese Traurigkeit verklang immer mehr. Die Gestalt Eva Dornbluths ward immer nebelhafter in dem Herzen Robert Wolfs; selbst im Traum quälte er sich seltener mit der Vergangenheit, selbst aus dem Traum verschwand die Gestalt und Stimme des Mädchens. Wenn der Knabe anfangs noch die Bücher nur als ein Mittel ergriff, um sich seinen Gedanken zu entziehen, wenn anfangs der Eifer, womit er sich wieder in die Wissenschaften vertiefte, zum großen Teil seinen Grund in dem Fieber hatte, von welchem er verzehrt wurde, so änderte sich auch das noch im Laufe des Winters. Es liegt eine eigene Macht in diesen magischen Rollen, welche so lange unter dem Schutt der Jahrhunderte begraben lagen. Ein Hauch überzeugendster Beruhigung kommt aus diesen Blättern, in welchen so viele und großartige tragische Geschicke, so viel Weisheit und Poesie, so viele Rezepte für jedes unruhige, kämpfende Geschlecht der Menschen niedergelegt sind. Unter diesem Hauche und unter den inhaltvollen Worten:

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