Frei Lesen: Die Leute aus dem Walde

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Kapitelübersicht

Die hohe Polizei nimmt ein Protokoll auf | Der Polizeischreiber Fiebiger setzt seinen Chef in Erstaunen; Julius ... | Julius Schminken macht sich nützlich; Robert Wolf macht die ... | Treffliche Beschreibung des Hauses in der Musikantengasse und des ... | Große Gesellschaft bei dem Bankier Wienand Mr. Warner aus New-Orleans ... | Expektoration des Autors über die Einsamkeit; Lebensläufe aus ... | Auf dem Observatorium des Sternsehers Heinrich Ulex; Fräulein Juliane ... | Herr Leon von Poppen wundert sich ganz ungemein | Die Sterne Eva Dornbluths; Was sie sagten, wie man ihnen folgte und ... | Die Sterne Friedrich Wolfs aus Poppenhagen; Ein Stein des Anstoßes ... | Das Hinterhaus von Nummer zwölf in der Musikantengasse erfährt eher ... | Julius Schminkert für immer! Schlaue Bemerkungen des Autors uber die ... | Blick über die Dächer Veränderte Aussichten und Ansichten | Von einem grünen Gartenflecke, einer weißen Marmorbildsäule, einem ... | Herr Leon von Pappen zeigt sich als guter Sohn und liebenswürdiger ... | Viel Schutt und Trümmer fallen auf Helene Wienands Gärtchen, sowie in ... | Unter dem Schutt und der Asche – unter den Trümmern! | Schreckliches Unglück des Fräuleins Aurora Pogge Der deklamierende ... | Glänzende Fäden in dunkelm Gewebe | Zeigt an dem Beispiel des Barons Leon von Poppen, wie leicht es ist, ... | Große Krisis in Nummer zwölf –; höchst tragisches Kapitel Der ... | Die Lebendigen wandeln in Unruhe; – der Tod guckt in das Buch | Es kommt Nachricht von den Wanderern Robert Wolf läßt sich naßregnen ... | Reden der Weisen und Guten Herr Leon von Pappen hält sich aber auch ... | Zwischen Himmel und Erde Stimmen aus der Nähe und aus der Ferne ... | Auf der alten Stelle Zum zweitenmal soll der Schüler die Lektion ... | Robert Wolf beweist, daß man auf den alten Fleck zurückkommen kann, ... | Der Baron Leon von Poppen steigt wieder herunter vom Observatorium ... | Zeigt, daß Leute, die aus dem Blick entschwinden, darum doch an der ... | Robert Wolf steht an einem Grabe und tritt an ein Sterbebett Konrad ... | Es wird ein neuer Hügel unter den drei Fichten aufgeworfen Konrad von ... | Ein Ritt vom Stillen Ozean zum Missouri Konrad von Faber hält ... | Robert beschleunigt seine Heimreise; der Autor begleitet ihn und ... | Juliane, Freifräulein von Poppen, setzt wieder einmal ihren Willen ... | Es gewinnt den Anschein, daß die Sterne auch ihren Willen durchsetzen ... | Die Sterne setzen ihren Willen durch, ihrem Willen befiehlt der ... |

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Wilhelm Raabe

Die Leute aus dem Walde

Julius Schminken macht sich nützlich; Robert Wolf macht die Bekanntschaft eines Wagenrades und einer jungen Dame

eingestellt: 5.7.2007



Wenn ein edles freies Tier Unglück gehabt hat und in die Hand des Menschen gefallen ist, wenn es dann, an dem Kasten, in welchem man es den Augen der gaffenden Menschen vorführt, eine schwache Stelle, eine lockere Eisenstange bemerkend, aus seinem qual- und schmachvollen Gefängnis hervorbricht und in eine unbekannte Welt von Mauern und Volksgewühl statt in die stille Wüste und Wildnis seiner Heimat stürzt, so mag es ungefähr ein gleiches Bewußtsein seiner Lage haben, wie Robert Wolf in dem Augenblicke, wo er aus dem Polizeihause auf die Gasse sprang, von der seinigen hatte.

Besinnung, Überlegung, alles war untergegangen in dem einen tierischen Trieb, um sich zu schlagen, körperlich sich loszureißen, körperliche Hindernisse zu Boden zu werfen. Es war die höchste Zeit, daß die so arg gepeinigte Natur des Knaben sich nach irgendeiner Seite hin Luft machte, wie flüchtig das auch sein mochte. In solcher Seelenstimmung fragt man nicht, was aus einem werde, wenn man die Hand erhebt zum tödlichen Stoß und Schlag; man wirft die Begegnenden über den Haufen, läßt sich stoßen und treiben, ohne daß man es merkt, und rennt – rennt, bis die Lungen die Brust zersprengen wollen und die Knie zusammenbrechen. Dann kann man sich halb blödsinnig an eine Ecke lehnen oder sich zu Boden werfen, sich anstarren lassen und sich – besinnen.

Der Regen hatte aufgehört, der Nebel war geblieben; im Scheine des Gaslichtes glänzte das übereiste Pflaster; und Robert stürmte über den gefährlichen Boden, ohne zu ahnen, daß ihm die Wendung seines Lebens und Geschickes so nah auf den Fersen war und atemlos hinter ihm herkeuchte in der Gestalt Julius Schminkerts, des darstellenden Künstlers.

Von dem verblüfften Wachtposten am Tor des Polizeihauses hatte sich Julius die Richtung, welche der Flüchtling genommen hatte, andeuten lassen und folgte ihr mit möglichster Schwung- und Schnellkraft. An der nächsten Ecke schon traf er auf einen ältlichen Herrn, welcher sich ärgerlich die Schulter rieb und Blicke und Worte des höchsten Mißfallens die Gasse hinabsandte. Diesen Worten oder Blicken konnte Julius ohne Aufenthalt nachsausen, ohne fehlzulaufen. Er tat es und stieß an der folgenden Straßenkreuzung auf eine Gruppe, die sich um einen auf dem Pflaster liegenden Korb und einen außer sich geratenen Menschen weiblichen Geschlechts gesammelt hatte. Wiederum, ohne sich damit aufzuhalten, der belfernden Furiosa die entfallenen Varia aufsammeln zu helfen, eilte Schminkert, die Gleichgültigkeit des Verfolgten gegen die Gefühle der begegnenden Menschheit segnend, weiter und traf noch auf mancherlei Zeichen, welche klar die Richtung angaben, die Robert Wolf genommen hatte, welche aber auch immer klarer bewiesen, daß derselbe die Zurechnungsfähigkeit, die man von einem polizierten Menschen verlangen kann, noch lange nicht wiedererlangt habe.

Durch manche Straße, über manchen Platz setzte der Deklamator dem Jüngling, an dessen Fersen ein Darlehen von zehn Talern hing, nach, würde aber wahrscheinlicherweise doch weder des einen noch des ändern habhaft geworden sein, wenn nicht ein Zufall oder, besser gesagt, ein Unfall ihm beides zuletzt in die Hände geliefert hätte. Daß dieser Unfall bei dem Seelenzustande Roberts nicht früher eingetreten war, war fast für ein Wunder zu nehmen.

Ein Wagen, der im vollen Rossestrab um die Ecke bog, setzte dem Lauf des armen Knaben ein Ziel. Von den Pferden zur Seite geschleudert, von einem Rade gestreift, verlor Robert Wolf völlig das Bewußtsein und legte sich langhingestreckt auf das kalte, mit Eis überzogene Pflaster.

Welche Bewegung solch ein Fall in den Gassen einer größern Stadt hervorruft, wird wenigen unbekannt sein. Eine Volksmenge hat sich um den Wagen und den Verunglückten versammelt, als sei sie durch Hexenwerk aus dem Boden aufgestiegen. Man fällt dem entsetzten Kutscher in die Zügel; Weiber schlagen kreischend die Hände über den Köpfen zusammen; Männer fluchen und schreien nach der Polizei; die Polizei aber hat die größte Mühe, die schreckensbleichen Insassen des Wagens vor tätlichen Beleidigungen zu schützen. Vor Worten und Gesten kann sie dieselben nicht schützen.

Julius Schminkert kam auf der Unglücksstätte grade zur rechten Zeit an, um dem Spektakel die Blüte abzubrechen und sich des unter den Fäusten mehrerer gutmütiger Weiber ins Leben zurückgerufenen Robert zu bemächtigen. Den Arm des niedergeworfenen Knaben aus dem Walde haltend, schickte sich der Mime eben an, im höchsten Tragödenton gegen die in donnernden Karossen über die Leichen des Plebejertums wegrasselnde Aristokratie und Plutokratie loszulegen, als ihn ein Blick auf den Wagen bewog, den Strom der beredten Rede durch ein krampfhaftes Niederschlucken zurückzudrängen und, grob und deutsch gesagt, doch lieber das Maul zu halten.

Aus dem Wagenfenster beugte sich das hübscheste Mädchengesicht, bleich vor Schrecken und Entsetzen. Eine winzige Hand im weißen Handschuh mühte sich vergeblich zitternd ab, den Schlag zu öffnen, und große angstvolle Augen baten flehentlich die Menge um Erbarmen.

Ein fetter Kommerzienrat, eine alte verrunzelte Gräfin hätten das angerichtete Unheil noch so tief empfinden und bedauern können; so rührend wie dieses junge, der Ohnmacht nahe Kind hätten sie nicht ausgesehen und also auch nicht solchen Eindruck auf die Stimmung und die Gefühle Julius Schminkerts und des übrigen Volkes gemacht.

»Erlauben Sie, mein Fräulein, ängstigen Sie sich nicht!« rief der Deklamator, höchst dienstbeflissen den Wagenschlag öffnend und der jungen Dame die Hand zum Aussteigen bietend. »Sie würden am besten tun, wenn Sie ruhig sitzen blieben«, fügte er hinzu, »es hat wirklich nichts zu sagen – eine kleine Schramme – der Tölpel wird sogleich wieder auf den Füßen stehen und Ihnen die Hand küssen.«

»O nein, nein! Bitte, lassen Sie mich aussteigen, – lassen Sie mich selbst sehen! – o, es tut mir so leid!«

Schon stand sie im Schein des Laternenlichtes auf dem kalten, nassen Pflaster, stumm angestarrt von der eben noch so drohenden, so wilden Menge. Die Lieblichkeit und Zartheit der Erscheinung und ihre schmerzvolle Angst bändigten die rohesten Gemüter im Haufen, und der mutwilligste Schusterjunge unterbrach sein Pfeifen und Geschrei und hatte eine Ahnung davon, daß es ein edel Ding sei um die Schönheit.

Während der bepelzte Kutscher dem auf dem Schauplatz des Unglücks erschienenen Mann der öffentlichen Sicherheit Bericht gab über das Geschehene und erklärte, daß dieser Wagen dem Bankier Wienand gehöre und daß die junge Dame Fräulein Helene, die Tochter des Bankiers, sei, wagte Fräulein Helene selbst die wenigen Schritte, welche sie von dem armen Robert Wolf trennten, und letzterer, die Augen öffnend, sah dicht vor sich das süße Wesen, sah in die treuen, guten, mitleidigen Augen des Kindes; und in den Schmutz, das Getümmel der Gasse hauchte es hinein, als habe der Wind im vergangenen Frühling den duftigen Atem einer blühenden Waldwiese seiner Heimat aufgenommen und irgendwo aufgehoben, um ihn in diese Stunde zu tragen. Das Geflacker der unruhigen Gaslaternen ward zu dem ruhig leuchtenden Goldglanz, in welchem die alten Maler ihre Engel der Verkündigung niedersteigen lassen. Es war freilich auch tiefes Mitleid und Mitgefühl in dem Auge des alten zerlumpten Weibes, welches den Kopf des Knaben aus dem Walde im Schoße hielt und seinen Tragkorb voll Knochen, Glasscherben und rostigem Eisen achtlos dem öffentlichen Ehrgefühl anvertraute; aber die schwache Menschennatur sieht nun einmal das Gute am liebsten in Verbindung mit dem Schönen und weiß es dann am besten zu würdigen, wenn es in anmutiger Hülle kommt. Die Hilfeleistung der alten schmutzigen Lumpensammlerin nahm Robert Wolf hin, ohne ihr großen Dank dafür zu wissen; die junge elegante Dame aber erschien ihm wie der Engel der Barmherzigkeit selbst, und als sie sich zu ihm niederbeugte und zitternd die zitternde Hand, die er gegen sie ausstreckte, berührte, da wünschte er, trotz Eva Dornbluth, in alle Ewigkeit so auf dem Straßenpflaster zu liegen in halber Bewußtlosigkeit und in solche glänzende, tränenvolle Augen zu blicken.

»O, wie schrecklich ist das! O, wie leid tut es mir! Fühlen Sie viel Schmerzen?« rief Helene Wienand, und ihre Stimme war gleich ihrer Gestalt lieblich und harmonisch. Wie Musik schlug sie an das Ohr Roberts; er konnte nichts, als den Kopf auf die ängstlichen Fragen schütteln und die Fragerin anstarren. Er war in einer seltsamen Phantasmagorie befangen; die durch den vorhergegangenen Sturm abgespannten Nerven zitterten aus in einem physischen und psychischen Herzklopfen, während welchem das Bewußtsein von Raum und Zeit fast vollständig verloren gegangen war. Die Gestalten von Eva Dornbluth, dem Herrn von Poppen, den verschiedenen Polizeibeamten tanzten zwar noch einen gespensterhaft unheimlichen Reigen durch das Gehirn des Knaben; aber ihre Umrisse waren schattenhaft und verwirrt und flössen so sehr ineinander, daß keine Gestalt sich recht von der ändern ablöste, sondern alles nur ein häßliches Gemisch und Gewirr war. Auch das Getümmel des ihn umgebenden lärmenden Volkes trug dazu bei, diese vor kurzem noch so inhaltvollen Figuren in der Seele Roberts in solcher Weise aufzulösen zu farblosen Schemen. Er blickte zu dem dunkeln, sternleeren Nachthimmel empor, in welchen das rötliche Leuchten der großen Stadt hinaufschlug, und aus diesem dunkeln Hintergrunde trat in diesem Moment einzig und allein die zarte Gestalt und das Kindergesicht Helene Wienands klar und deutlich hervor, nahm alle Gedanken des Knaben für sich in Anspruch und fing sie in dem Schleier, welchen sie von dem Rosahütchen zurückgeschlagen hatte, und in den Löckchen, die unter eben diesem Hütchen so üppig hervorquollen.

Aber der magische Augenblick, die Verzückung verging blitzschnell. Durch die immer mehr anwachsende Menge drängte sich der Polizeischreiber Fiebiger, welchen ein dumpfes Gerücht: in der Glockenstraße sei ein junger Mensch von einem Wagen total gerädert worden, – richtig zur Stelle geführt hatte. Der praktische Polizeischreiber brach den Zauber zuerst dadurch, daß er nach einem Wundarzt rief, worauf ein wohlbeleibter behaglicher Herr in einem warmen Mantel, vom Schreiber und mehr als einem in der Menge als »Doktor Pfingsten« begrüßt, hervortrat und sich mit einem vertraulichen Nicken gegen Fiebiger und einem freundlich beruhigenden Gruß gegen das Fräulein zu Robert Wolf herniederbeugte.

Nach einer kurzen Untersuchung tat er den Ausspruch: »Subjekt möge versuchen, sich auf den Status quo, nämlich seine beiden Beine, zu stellen.«

Unterstützt von mehreren hilfreichen Händen erhob sich Robert von der Erde und aus dem Schoß der alten Kehrichtdurchwühlerin und ging mit einigen unbedeutenden Schrammen und Quetschungen, einigen sehr bedeutenden Rissen in Rock und Hosen und ungemein strubbeligem Haar aus dem Unglück hervor.

Fräulein Helene schlug mit einem kindlich jauchzenden Freudenschrei die Hände zusammen, der Schreiber nahm beruhigt eine Zigarre hervor; nur Julius Schminkert schien das Wohl und Wehe des »unzivilisierten Geschöpfes«, dessen Einfangung ihm übertragen worden war, ganz gleichgültig zu sein. Er hatte sogar die versprochenen zehn Taler Wildfangsgeld, er hatte die Tochter eines barbarischen Vaters, Fräulein Angelika Stibbe, vergessen. Dagegen drückte er die Hand auf die Stelle, wo er das Herz vermutete, nämlich die Stelle, wo gewöhnlich die Milz zu suchen ist, starrte unverwandt auf Fräulein Helene Wienand und murmelte etwas von »Herzschlag mit Hochdruck, Sternenaugen und komprimiertester Wehmut«, verdrehte und schloß gleich einem Automat mit mangelhafter Mechanik die Augen und seufzte:

»Perennierender Eindruck!«

Nicht den vorübergehendsten Eindruck machte er jedoch durch solches Gebaren auf die junge Dame. Sie hatte noch nicht den geringsten Begriff davon, daß ein Mensch ihretwegen die Augen verdrehen könne, – eine sehr seltene und recht klägliche Unwissenheit bei dem schönsten Geschlecht aller Zeiten, dem schönen Geschlecht der so äußerst gescheiten und unterrichteten Jetztzeit.

»Guten Abend, Fiebiger; – Ihr Diener, Helene. Nun, junges Fräulein, wollen wir jetzt über die Leiber unserer Mitmenschen fahren, wie wir demnächst über ihre Herzen fahren werden? Beruhigen Sie sich, liebstes Kind, dem Bengel ist kein Schaden geschehen. Schnell wieder in Ihren Wagen, oder es setzt einen Katarrh der Nasenschleimhäute oder gar eine Grippe, für welche ich dem Papa dann verantwortlich bin. Man darf die Männer der Börse in diesem Jahrhundert nicht ärgerlich machen; steigen Sie ein, Fräulein Wienand; ich wollte, meine Gliedmaßen wären in so gutem Zustande wie die des Jungen hier. Steigen Sie ein, und nehmen Sie mich mit. Sie fahren doch nach Hause, he?«

Helene bejahte die Frage des Arztes; aber sie zögerte noch, den Fuß auf den Wagentrkt zu setzen. Ihr Blick schweifte immer noch mit tiefem Bedauern zu Robert Wolf hinüber.

»Nun? Eh?!« fragte der Arzt, und Helene flüsterte ihm etwas in das Ohr, indem sie ihm zugleich verstohlen ihre Börse in die Hand gleiten lassen wollte.

»Aha«, brummte der Arzt. »Was ist da zu flüstern? Geben Sie, ich will schon –«

»Lassen Sie, ich bitte, Herr Sanitätsrat«, sagte aber schnell Fiebiger. »Der junge Mann steht unter meinem Schutz und gehört mir an.«

»Das ist etwas anderes. Bitte um Entschuldigung. Guten Abend, Fiebiger. Steigen Sie ein, Helene; hier ist Ihre Börse zurück.«

Jetzt trat das junge Mädchen, Schreckhaftigkeit und Schüchternheit niederkämpfend, ganz mutig auf Robert zu:

»Es tut mir so leid, – ich – ich –«

Der ungeduldige Arzt hob die zarte Gestalt fast mit Gewalt in den Wagen, ehe sie ihre Rede vollenden konnte.

Er stieg ihr auch sogleich nach und schlug den Wagenschlag zu:

»Fort nach Haus, Johann, du unvorsichtiger Tolpatsch!«

Polizeimann Schnaubert steckte die Brieftasche mit den dienstlichen Notizen über den Fall in die Brusttasche, berührte mit der Hand den Mützenrand gegen den Polizeischreiber und trat zurück unter den Chor des Volkes. Die Pferde zogen an. Noch einmal blickte ein bleiches Gesichtchen aus dem Wagenfenster auf die Unglücksstelle. Der Wagen rollte um die Ecke, und die Menge, welche zum größten Teil jetzt bedauerte, daß die Geschichte so gut abgelaufen und das Schauspiel so schnell zu Ende sei, zerstreute sich. Der Polizeischreiber, Robert Wolf und Julius Schminkert blieben allein zurück in einer kleinen Schar hartnäckiger Maulaffen.

Eine Seele ist geschieden vom Leibe, das schwere, mühselige Erdenleben liegt hinter ihr. Durch das Weltall sucht sie ihren Weg dahin, woher sie stammt. Aber das Weltall ist dunkel; das Licht klebt nur, wie wir wissen, an den kapriziösen Bällen, welche durch die ewige Finsternis ihre rätselhaften Bahnen gehen. Die arme Seele ist ratloser auf diesem Wege als auf irgendeinem andern, welchen sie auf Erden zwischen weltlichen und geistlichen Gewalten, Ver- und Geboten jemals wandelte. Schwankende Zustände mag sie auch auf ihren Erdenwegen gekannt haben; aber das war alles nichts gegen die Schwierigkeiten, welche sie jetzt vor sich findet. Sie wirbelt durch die ewige Nacht wie ein Blatt im Winde und erkennt die ganze schreckliche Bedeutung des horror vacui. Sie fängt an zu bedauern, daß die Seelen nicht auch, dem Lichte gleich, bloß an den Körpern kleben; – da – plötzlich – fällt ein Schein auf ihren Pfad, ein Glänzen geht blitzschnell vor ihr vorüber, und in dem Glanz ein prachtvoller weißer Engel, ein glänzender Schmetterling der Unsterblichkeit, ein echter Paradiesvogel. Verschwunden ist das Leuchten, wie es kam; aber die arme irrende Seele hat wenigstens den Glauben wiedergewonnen, daß es wirklich einen Weg zum Himmel gibt.

Ein ähnliches Gefühl erfüllte nochmals einen kurzen Augenblick hindurch die Seele Robert Wolfs, nachdem der Wagen, welcher Helene Wienand von dannen führte, um die Ecke verschwunden war. Dann gewannen die vorige Verworrenheit und Dunkelheit von neuem die Oberhand, und der Polizeischreiber Friedrich Fiebiger war für das Wohl des jungen Mannes fürs erste ein bei weitem wichtigerer Faktor als alle Lichterscheinungen, Engel und Heilige in und über der irdischen Welt.

Sanft nahm der Schreiber den Arm des Knaben und sagte:

»Wir wollen nicht hier in der Gasse zum Ergötzen des unbeschäftigten Publikums stehen bleiben, lieber Robert. Kommen Sie!«

Verwundert blickte der Angeredete den Alten an:

»Ich soll mit Ihnen gehen? Was wollen Sie von mir? Sie haben mich ja freigelassen, oder nicht?! Sind Sie nicht der Mann aus der Polizeistube?«

»Das kann ich leider nicht leugnen, wie gern ich es auch möchte«, sprach der Schreiber lächelnd.

»Achtenswerte Stellung, von etwas penetrantem Duft umhaucht!« brummte Schminkert drein; aber Fiebiger fuhr fort:

»Nehmen Sie an, ich sei Ihr Freund, Robert Wolf – der Freund Ihres Vaters.«

»Mein Vater hatte keine Freunde, und ich habe auch keine. Der Pastor Tanne ist tot.«

»Über alles das wollen wir später mehr sprechen; jetzt bitte ich Sie, Robert Wolf, mir zu folgen. Sie werden doch nicht einem alten Manne und Landsmanne, der Ihnen ein Obdach und Nachtessen anbietet, sein gutgemeintes Wort vor die Füße zurückwerfen?«

»Seid kein Narr, edler Fremdling, krasses Beispiel moralischer und sozialer Übel«, mischte sich Julius wieder ins Gespräch. »Ich kenne Leute, welche für ein Nachtessen ihre Seele dem Teufel verkaufen würden. Werft auf die Banner, schmettern laßt Posaunen; die Mitwelt soll, es soll die Nachwelt staunen – nämlich über den Appetit, welchen ich an dem gastfreien Tische dieses hochherzigen Bureaukraten, der mir, beiläufig gesagt, zehn Taler schuldig ist, entwickeln werde.«

Der Polizeischreiber warf einen bedenklichen Blick auf den Redner, dann wandte er sich von neuem an Robert:

»Sie als Schüler des Pastors Tanne müssen ja wissen: levis est dolor, qui capere consilium potest, leicht ist der Schmerz, der noch auf guten Rat hört. Sagt nicht so der Hofphilosoph des Nero, der Kaiserliche Wirkliche Geheime Hofrat, Prinzenerzieher und Professor Lucius Annäus Seneca? Na ja, so weit kamen Sie aber vielleicht noch nicht unterm Pastor Tanne in Ihren klassischen Studien. Was meinen Sie, Wolf; wie wäre es, wenn Sie versuchten, augenblicklichen guten Rat anzunehmen? Starren Sie mich doch nicht so eulenhaft an; ich will Ihre Seele weder kaufen noch verkaufen.«

»Herr, – ich – ich –«

»Ich wäre ein Esel und nichts mehr, wenn ich einem alten Mann seine Bitte, einen Abend bei ihm zuzubringen, aus grundlosem Trotz abschlagen würde. Kommen Sie, Sie holen sich sonst bei Ihrem aufgeregten Zustand ebenfalls noch eine Erkältung von dieser Stelle.«

»Ich erkälte mich nicht!« sagte Robert.

»Desto besser für Sie, junges Blut. Ich aber würde mir durch längeres Verweilen einen tüchtigen Rheumatismus in den Schreibearm zuziehen, und das ist ein bedenklich Ding in dieser tintensüchtigen Zeit.«

Das Ende dieses Hin- und Hersprechens war, daß Robert Wolf die kalte Nacht nicht obdachlos und verlassen in den Straßen zubrachte, sondern daß er zwischen dem Komödianten und dem Schreiber der Behausung derselben zuwanderte. So abgespannt und zerschlagen an Geist und Körper war er geworden, daß er sich zuletzt willenlos und gleichgültig dem überließ, was ihn schob und führte, und daß er die Verantwortung für sein armes Leben, seine todmüde Seele ganz und gar den Leuten anheimgab, welche sich damit befassen wollten.

»Sie sind doch ein sonderbarer alter Kauz, Fiebiger«, meinte Julius Schminkert. »Was wollen Sie nun mit diesem schlaftrunkenen Lümmel, der jetzt im Gehen vollständig schläft, beginnen? Wollen Sie einen Handel mit fremden Lumpen anfangen? Ein Taschendieb, der in Ihrer Tasche nach dem Taschentuch suchte, würde mehr als eine Grille und Unbegreiflichkeit damit hervorziehen.«

»Einheimische Lumpen haben wir freilich übergenug«, meinte der Alte lächelnd. »Daß Sie aber ein großer Mann, ein Weiser, ein Denker und eine Zierde der Gesellschaft sind, hat noch niemand geleugnet.«

Das Lächeln des Schreibers verstand der Denker Julius Schminkert nicht im mindesten, obgleich es viel besser war als das Licht der Gaslaterne, welche eben das faltenreiche Gesicht des Polizeischreibers beleuchtete. So hielt er sich denn an das Faktum der gewonnenen zehn Taler und war glücklich im Bewußtsein des Besitzes; denn zehn Taler in der Hand eines Toren können mehr Vergnügen gewähren als eine Million in dem Geldschranke eines Weisen.

In der Musikantengasse zwölf wohnten, wie gesagt, der Schreiber Fiebiger und Julius Schminkert in ein und demselben Hause, und viel Volk wohnte mit ihnen darin.

Es fing wieder an zu regnen; der Nordwind machte sich von neuem auf, als wolle er seine Rasiermesser an der Welt schärfen; Robert Wolf aber ward nach dem wildesten Tage seines Lebens glücklich – unter Dach gebracht.

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