Frei Lesen: Gedelöcke

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

1. | 2. | 3. | 4. | 5. | 6. | 7. | 8. |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Das Horn von Wanza | Die Akten des Vogelsangs | Pfisters Mühle | Der Marsch nach Hause | Das Odfeld |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Gedelöcke) ausdrucken 'Gedelöcke' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Gedelöcke

8.

eingestellt: 1.8.2007



»Vermelde dem Herrn Gouverneur zu Gnaden, daß wiederum ein Subjektum von der Stadt heraufgestiegen ist. Kam mit dem Schoner Margareth von Göthaborg, sitzet mit seinem Sack und mit Zähneklappen auf der Trepp und nennet sich mit seinen Namen Henrich Israel, weiland der Juden Vorsinger zu Kopenhagen.«

Dieses Mal tat der Doktor Snorro einen langen Pfiff; der Famulus David Bleichfeld schnellte gleich einem Lachs aus seinen Kissen auf, und der Obrist von Knorpp ächzte:

»Herein, herein, ich lasse alles über mich ergehen, und wo man mich in meinen Sünden vergraben wird, ist mir auch einerlei: Marsch, Korporal, bringe Er den Juden!«

Der Korporal trat ab, und nach einer Minute vernahm man draußen ein Zerren und Schlurfen und eine weinerliche Stimme, so sich höchlichst entschuldigte der großen Störung und Molesten halber; dann wurde die Türe zum zweiten Male geöffnet, und von der kräftigen Faust Peter Pompersons vorgestoßen, flog der Meister Henrich Israel in das Gemach:

»Gott Abrahams und Jakobs, welch ein Schicksal!«

Es vermag aber keine Feder das gegenseitige Anstarren zu schildern.

»Seid Ihr es? Seid Ihrs im Fleisch und Gebein, Meister Israel?« rief der Exfamulus. »Wie sehet Ihr aus? Wer hat denn Euch also mitspielen können? Eheu, eheu, welch ein Schauspiel, welch eine Wehmut!«

»Meine eigene Mutter möcht mich wohl nicht wiedererkennen; was haben die Herren nötig – feine Seif, Haarband, den Zopf zu wickeln? Tausend Lieblichkeiten; – soll ich aufmachen den Kasten, soll ich aufbinden den Sack?«

»Wer schicket Ihn dergestalt durch das Land?« fragte der Doktor Skalholt. »Was ist aus Seinem Vorsingertum worden? Wer hat Ihn also in den Klauen gehabt?«

Des armen Teufels Standhaftigkeit hielt nicht länger; in lautes Weinen brach der wandernde Krämer Henrich Israel aus, und mit Händeringen rief er:

»Bin ich noch länger Vorsinger an der Synagog zu Kopenhagen, wie ich es bin gewesen an die zwanzig Jahr? Nein, ich bin es nicht. Der arme Jud hungert und friert auf der Landstraß; sie haben ihn ausgestoßen um den Kurator Jens Pedersen Gedelöcke; sie haben ihm den Ehrenrock ausgezogen und ihm den Bettelsack angehänget. Gott meiner Väter, weil er ein Gelehrter im Tempel war und Bescheid wußt im Gesetz und reden konnt darüber, haben sie ihn gestoßen vom Stuhl und seinem Gesang ein Ende gemachet –«

»Hoho, ich riechs, ich riechs«, rief der Kommandant, »da haben wir das Schwanzende! Auf ihn, Henrich Israel, ists zu allerletzten ausgegangen, und weilen er mit dem Kurator den Mosen und die Propheten traktieret und ihm vorgesungen hat, hat seine Nation Ihm den Greuel in die Schuh geschoben und ist über Ihn hergefallen mit den Fingernägeln! Denn sintemalen nun der Jens begraben lieget auf der Jüden Kirchhof –«

»Lieget er begraben auf der Jüden Kirchhof?« schrie der Meister Israel im höchsten und kläglichsten Diskant. »Mit nichten lieget er auf der Jüden Kirchhof! Auf dem freien Felde liegt er, und das Vieh weidet über seinem Grabe.«

Der Exfamulus hatte seine Bettdecke von sich geschleudert und stand mit den nackten Füßen auf dem Boden; der Obriste Benediktus von Knorpp hatte seine tönerne Pfeife an die Wand geworfen und hielt den Exvorsinger an der Gurgel; der isländische Doktor Snorro Skalholt aber – griff ruhig nach dem Krug Schiedamer und sprach mit Gelassenheit:

»Simplex sigillum veri, sagte mein Freund, Herr Hermann Boerhavius zu Leyden; verzähle Er weiter, Monsieur Israel.«

Mit einem tiefen Seufzer hatte der Obrist die Kehle des unglücklichen Hebräers losgelassen und war kraftlos auf den nächsten Stuhl gefallen; der Famulus des weiland Kurators Jens Pedersen Gedelöcke hatte die Füße von den kalten Platten wieder in die Höhe und die Decke über sich gezogen; der Exvorsinger von Kopenhagen sprach mit Zittern weiter:

»Bin ich nicht gekommen deshalb über Fels und Wasser, durch die Wüste und den Wald, zu sagen, wie es ausgegangen ist mit dem Herrn Kuratore? Mein, wie konnten sie ihn lassen liegen unter ihren Vätern, da er doch nicht ein Jud war, sondern ein christlicher Mann, wie es keinen bessern gab im Königreich Dänemark und Norwegen?! Wohl haben sie mich aufgegriffen, um daß ich den Spott über sie gebracht hätt, und sind über mir zu Gericht gesessen, weilen mich der Verstorbene als seinen Freund hielt und mit mir das Gesetz und die Zeremonien beredete. Es war ein groß Wehklagen und Wimmern in unserm Volk ob der Unreinigkeit, so auf es geleget war; und alt und jung hat im Sack und in der Asche gesessen bei Tag und Nacht und zum Herrn geflehet, wie die Väter vordem fleheten gegen den Antiochus, gegen Assyria und Babylon, gegen den König aus dem Land Chitim und die Stadt Rom. Und der Gott Abrahams hat den Jammer angesehen und sein Volk erlöset aus der Schmach um hundert Dukaten, die hat man erleget an den Konvent, so auch das Seidenhaus genennet ist. Ist um solche hundert Dukaten eine neue Resolution ergangen, des Sinnes, daß, weilen auch die Jüden des weiland Kuratoris Jens Pedersen Gedelöcken Leichnam nicht wollten, sie ihn zum zweitenmal wiederaufgraben dörften und zum drittenmal ihn beisetzen zweihundert Schritte von ihrem Totenacker auf dem allgemeinen Feld. Haben die Rabbiner und Ältesten mich herfürgezogen aus dem Winkel und mir die Schaufeln auf die Schulter geleget und mich hingeführet zu dem Ort der Unreinigkeit; da hab ich mit Tränen die steinigte Erd aufgegraben, und mit Stricken ist der vermoderte Sarg aufgezogen und dann zum drittenmal verscharret. Da hat die Stadt wiederum ihr Gaudium gehabt; ich aber bin mit Tränen hinausgegangen aus der Gemeinde, und sie haben mir nachgespieen in das Elend. Ich bin ausgestoßen worden aus der Gemeinschaft meines Volkes; wenn ich läge, wo der Herr Kurator lieget, so würde es besser um mich bestellet sein.«

»Hat einer hierzu noch irgend etwas zu sagen?« rief der Doktor Snorro Skalholt, und als niemand den Mund auftat, sprach er selber:

»Wenn ich in Bedacht nehme, wie alt der Mensch werden kann, ohne aufzuhören ein Esel zu sein, so möchte ich mir selber zu einem Greuel werden. Da bin ich jung geworden zu Reykjavik im alten, klugen Island, und war auch meine Frau Mutter eine merkwürdig gescheite Frau. Da hab ich studieret mit dem weltberühmten Boerhavius zu Leyden auf der glorreichsten Universität, und sie haben mir ins Testimonium geschrieben, daß es nichts Geringes sei um mein Ingenium, hab mir auch sonsten zu Paris, Bologna und in Teutschland mit Finessen, Schlauheit und guter Kapazität fortgeholfen, bin mit offenem Aug an die dreißig Jahr hinter diesem hier gegenwärtigen Herrn Benediktus von Knorpp, pro tempore Gouverneur von Friedrichshall, hergezogen, einerlei ob zur Viktoria oder Retirade. Hab mir fortgeholfen bis zu dem heutigen Tage, sintemalen ich mich immer ans Messer gehalten hab und niemalen an die Fiduz auf die Menschheit. O Jens Pedersen Gedelöcke, wie hat die Narrheit dem Snorro Skalholt das Bein gestellet! Pardauz, da stolpert der Tropf über deinen Leichnam und schlägt hin auf die kluge Nase, daß es krachet. Ja, der kluge, kluge Snorro Skalholt, dem Mynheer van der Tromp und ganz Holland nicht zuviel waren, wie hat er sich durch Ihn und für Ihn übertölpeln lassen, Herr Gedelöcke! O Kommandante, wie sind sie über uns gekommen, Christen und Juden, der Herr Hieronymus Moekel wie Meister Jakob Jakobson der Oberrabbiner! Pfui, pfui, das ist noch siebenmal schlimmer denn die Bataille bei Helsingborg, wo wir so wacker vor dem Stenbock liefen; – was saget Er jetzo zu diesem stillen Winkel hinter den Leuten, Obrister von Knorpp? Hat Er Lust, seine fürwitzige Nase noch einmal hinauszuschieben in die Welt nach solcher Blamage?«

»Tornea und Wardoehuus wären mir lieber!« stöhnte der Gouverneur von Friedrichshall. »O Jens, Jens, o Jens Pedersen Gedelöcke, du magst wohl lachen da drüben; aber unsereinem wirds doch schwarz vor den Augen, und wer nicht rabiat wird, wie der alte Benedikt Knorpp, der setzet sich in die Jammerecke wie dort der David, oder ziehet mit Winseln durch das Land, wie der dort mit dem Bettelsack. Holla, an die Gewehre! Auf Schloß Friedrichsstein bin ich Gouverneur, und wer sich hinter mich stellet, der soll fürs erste fein sicher stehen. O Gedelöcke, Gedelöcke, es war doch ein lustiger Sommertag in Rosenborg-Have; – rücke Er an den Tisch, Monsieur Henrich Israel, stelle Er den Stock hinter den Ofen; – o Jens Pedersen Gedelöcke, wer lange lebt, kann vieles erleben; schiebe Er den Krug herzu, Meister Snorro, die Welt will einmal Fangball spielen, und wir könnens nicht hindern; morgen geb ichs Ihm manu propria schriftlich, daß Er mit meinem abgelegten Pelz nach Seiner Kunst und Begierde anfangen mag, was Ihm beliebet!«

Hierauf sah der isländische Feldscherer Snorro Skalholt zum erstenmal in dieser Historie aus wie ein Mensch; und mit sonderbarer Vergnüglichkeit schmunzelnd sprach er:

»Kommandante, da hat Er doch endlich einmal einen verständigen Einfall! Hätts Ihme fast nicht mehr zugetrauet.«

  • Seite:
  • 1
  • 2
< 7.



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.