Frei Lesen: Horacker

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Wilhelm Raabe

Horacker

Sechzehntes Kapitel

eingestellt: 1.8.2007



Er, nämlich der liebe Windwebel, hatte sich sehr geirrt in der Wirkung seiner letzten Worte. Wenn er, bevor er sich eines weitern äußerte, stumm die trockene Zunge gezeigt haben würde, so sind wir versichert, daß wenigstens Frau Billa Winckler noch einen Rest von Interesse für ihn selber zur Verfügung gehabt hätte. So aber hatte er alle freundschaftliche und gastfreundliche Teilnahme gründlich von sich abgelenkt und einem andern zugewendet. Sie fielen nur von neuem über ihn her, aber wahrlich nicht mit den Erquickungen, die Tisch, Haus und Keller boten; – wahrlich nicht seinetwegen stürzten sie sich zum zweiten Male auf ihn, und zwar in ganz bedeutend gesteigerter Erregung:

»Wie? Wo? Was?... Ne, so was!... Ist es denn möglich!... Windwebel, Sie flunkern uns nichts vor?... Sie sind gewiß, daß nicht der heiße Tag, daß kein Waldspuk dabei im Spiel ist?«

»Ja, schütteln Sie mich nur; – alles, was abfällt, steht zu ihrer Verfügung«, lachte der Kollege Zeichenlehrer. »Stellen Sie mich auch auf den Kopf, wenn es gefällig ist; das Faktum bleibt doch unumstößlich stehen: Ich bins, ders gewesen ist! Ich war es, der ihn brachte! Dort am Rande des Waldes sitzt er mit seiner Mama; und nun – laßt endlich ein verständiges Wort mit euch reden.«

»Reden Sie! Reden Sie, Windwebel!« riefen der Pastor, die Frau Pastorin und der Konrektor Eckerbusch wie aus einem Munde; der Vorsteher sprach zum drittenmal:

»Ne, so was!«

Der Kollege Windwebel aber trocknete sich von neuem den Schweiß ab, und vergnügt von einem zum andern blickend, hielt er in der Tat eine kleine Ansprache, seltsamerweise dieselbige zum größten Teil an den Vorsteher richtend.

»Lieber Neddermeier«, sagte er, »wenn mein seliger Vater sich über die Menschen, oder noch schlimmer, über einen Menschen ärgerte, so pflegte er fürchterlich zu schimpfen. Kein Wort war ihm zu hoch und keines zu tief, keines zu gut und keines zu schlecht, um seinem Ingrimm Luft zu machen. Uh, der Alte wußte mit den Injurien umzugehen; ganz Gansewinckel konnte ihm nur mit dem Kopfe zwischen den Schultern angeschlichen kommen! Und doch frage ich Sie, Vorsteher, wie schimpfte er? Ganz einfach: › Wir nichtswürdigen Bestien kommen da wieder einmal aus der Schule?! Wir verfluchtes Pack! Wir heillose Halunken! Wir abgeschmackte Narren!‹ – Das war das Schöne, daß er sich nicht ausschloß, nie ausschloß und immer mit in der Schule gewesen sein wollte. Ich aber bin meines Vaters Sohn, Herr Neddermeier. Nun bin ich aber mit dem grausamen Räuberhauptmann Horacker Arm in Arm aus der Schule und aus dem Holze gekommen, und wir (die Witwe Horacker eingeschlossen) haben uns zusammen ausgesprochen, und wir sind zu dem Resultat gelangt, daß es für uns und alle am besten sein würde, wenn man weiter kein unnötiges Aufsehen errege, vor allen Dingen keinen Lärm im Dorfe schlage, den Gemeinderat und die liebe mutwillige Jugend unsertwegen nicht nach dem Walde hinauf bemühe – kurz, wenn man uns nehme, wie wir uns jetzt in aller Freiwilligkeit gegeben haben, nämlich ganz in der Stille.«

»Ohne allen Skandal«, brummte der Konrektor Eckerbusch. »Fahren Sie fort, Kollege; ich lerne Sie eben wieder einmal von einer andern Seite kennen.«

»Ohne allen Skandal.«

»Lieber Windwebel, darf ich Ihnen, ehe Sie weitersprechen, wirklich nicht erst eine Erquickung anbieten?« fragte die Frau Pastorin loci mit wahrhaft mütterlicher Zärtlichkeit.

»Ich bitte! Also – ohne allen Skandal als ganz arme Sünder, lieber Vorsteher. Sie sind in diesem Moment und in dieser Angelegenheit der wichtigste Mann im Norddeutschen Bunde, und nur an Ihnen liegt es nun, das Beste dazu zu tun und den Hecht ans Land zu bringen, indem Sie uns Gansewinckel ganz und gar vom Halse halten und selber Ihren Hut hinlegen und sich so fest als möglich auf den Stuhl da setzen. Er hat es sich ausgebeten, daß der Herr Pastor allein kommt, um ihn zu holen. Kommt das Dorf mit, so geht er wieder ab und durch und nimmt uns mit der Angel auch die Leine mit. Ihm in den Teich nachgucken kann dann, wer will; ich für mein Teil nehme meine Puppe und gehe nach Hause.«

»Darf ich dich bitten, Billa, mir meinen Hut und Stock zu holen!« sprach der Gansewinckler Pastor.

»Ich bin schon auf dem Wege, Alter!« rief die Gattin, die wirklich bereits auf dem Wege war.

Neddermeier brummte:

»Ich sitze hier ja wohl recht gut, insoweit ich Sie verstanden und begriffen habe. Was ich mir bringen lassen kann, hole ich mir gewißlich nicht selber, Herr Zeichenpräzeptor.«

Der Konrektor Eckerbusch schritt, seine Brillengläser mit dem Taschentuche putzend, zwischen den Buchsbaumeinfassungen des nächsten Gartenpfades auf und ab. Er ruminierte; – wir aber, wenn wir das lateinische Wörterbuch nachschlagen, finden daselbst: rumen der Schlund – ruminare wiederkäuen, etwas hin und her bedenken, erwägen, reiflich überlegen. Er ruminierte hörbar, bis er plötzlich mit einem Ruck die Brille wieder aufsetzte, sich weitbeinig und fest vor dem Wandergenossen aufstellte, ihn abermals an den Rockklappen faßte und mit Nachdruck sprach:

»Kollege, ich gratuliere von neuem unserm Lehrerkollegio zu der an Ihnen gemachten Akquisition!«

Und Kinn, Nase und bebrillte Äugelein gen Himmel richtend, setzte er, sich mit seinem Wohlgefallen an den abendlichen Zeus wendend, hinzu:

»Nein, er ist ein ganz kurioser Kerl!«

Vier bedächtige, verständige, wohlüberlegende Männer ließ die Frau Billa in der Gartenlaube zurück, sich selber natürlich auf dem Wege schon und noch mehr vom Eintritt in das Haus an allen Eingebungen des Augenblicks und des Gemüts überlassend.

Nach seinem Hut und seinem Stock hatte sie ihr Christian ausgeschickt; sie aber wäre wahrlich kein Weib, wie unser Herrgott es will, gewesen, wenn sie sich einfach darauf beschränkt hätte, das zu holen und zu bringen, was man ihr aufgetragen hatte.

Sie verlor einen Pantoffel auf der Treppenstufe der Hauspforte und nahm sich nicht die Zeit, sich nach ihm zu bücken und ihn wieder anzuziehen. Alles hatte Zeit, nur ihr Bedürfnis nicht, ihren Gefühlen Raum zu schaffen! Worte – Lärm – Skandal, Feuer im Dorf! Ei ja, da saß der Biedermann, der Vorsteher – da saß der wackere Nachbar Neddermeier ruhig genug bei den andern Herren in der Laube und wartete sogar ausnehmend phlegmatisch auf den Hut und Stock seines geistlichen Hirten. Horacker? Was sollte er, Neddermeier, sich jetzt noch viel Mühe geben, Lärm zu machen in Gansewinckel?

»Horacker!« ächzte die Frau Pastorin unter der Haustür. In die Küchentür hinein rief sie nur: »Daß sich mir keines hier von der Stelle rührt; in einer Viertelstunde bringt ihn mein Mann! Wenn was kommen soll, so kommt alles über einen Haufen!«

Damit war sie bereits auf der Treppe, die zu dem Oberstock des Hauses emporführte; im nächsten Augenblick griff sie in der Stube ihres Alten den Hut vom Nagel und den Stock aus dem Winkel.

Es führte eine andere, noch mehr leiterartige Treppe zu den Dachkammern und Bodenräumen des alten Dorfpfarrhauses; und einen Moment bedachte sich Frau Billa, mit der Hand auf dem gebrechlichen Geländer; aber die Versuchung war zu mächtig.

»Wenn sie nur noch schliefe!« flüsterte die Gute. »Am besten wäre es, wenn das dumme, närrische Ding ruhig weiterschliefe. Das Gezeter fehlte mir gerade noch.«

Und schon war sie auch die zweite Treppe emporgeschlichen und öffnete so leise als möglich die Tür des Kämmerchens. Vorsichtig schob sie den Kopf hinein –

»Ach du lieber Himmel!« rief sie, als sie dem aufrecht sitzenden Lottchen geradeaus in die weit offenen Augen sah. »Hab ich es mir doch gedacht! Munter wie eine Eule, wenns Abend wird!«

Es war aber auch Abend geworden. Der purpurne Strahl lebendigen Lichtes war aus der kleinen Kammer entwichen; und Lottchen Achterhang hatte schon seit längerer Zeit aufrecht auf dem Bettrande gesessen. Freund Wedekind mit seiner Begleitung war eben an Förster Rauhwedders Gedächtniskreuze vorbeigerollt, die Frau Konrektorin Eckerbusch mit ihrer Gesellschaft in der Grüngelben erreichte eben, von der Stadt her, den Rand des Waldes; und es liegt uns viel daran, in den Zeitbestimmungen möglichst genau zu sein; wie wir denn auch die Leser auffordern, uns durch eigenes Nachrechnen und Zurückblättern ein wenig zu Hülfe zu kommen.

Wenn der Staatsanwalt in Gansewinckel anlangt, befindet sich Krischan Winckler eben mit Horacker und der Witwe Horacker vom Waldrande auf dem Wege dahin. Wenn die Frau Konrektorin mit dem Kollegen Neubauer und der Kollegin Windwebel ankommt, so hat er – der Arm der Gerechtigkeit – ihn – den Verbrecher – bereits beim Kragen; und die Geschichte ist, wie viele Leute sagen werden, eigentlich so ziemlich zu Ende.

»Wenn ich meinen Hut haben will, meine Herren, so werde ich, wie ich glaube, ihn mir selber holen müssen, wenn ich nicht noch ziemlich lange auf ihn warten soll«, sagte der Pastor zu Gansewinckel.

Der Pastor Krischan Winckler wartete auf seinen Hut, unsere Leser und Leserinnen warten auf das Ende unseres Berichtes; und – einem ruhig in den Wirrwarr der Welt und des Lebens Hineinschauenden macht seine Umgebung immer den Eindruck, als warte sie auf etwas. Und worauf wartet sie? Natürlich nur auf das Eintreten oder Hereinfallen irgendeiner, oft merkwürdig geringfügigen und nahegelegenen, aber stets unbedingt notwendigen Tatsache. Das und das, dieses und jenes nur braucht zu geschehen, sich zu ereignen, und man wird von da an in alle Ewigkeit hinein sehr vergnügt und vollkommen zufrieden mit sich und der Welt zu allem übrigen Verkehr auf Erden bereit sich finden lassen: wir aber, wir haben gefunden, daß es stets einen gewaltigen Eindruck macht, ein Menschenwesen zu finden, das nicht wartet, ja das nur den Eindruck macht, als ob es nicht auf etwas warte. Vorzüglich die Augen eines solchen ruhig gewordenen Individuums pflegen stutzig zu machen; es ist etwas drin, was auch dem gewöhnlichen. dem gleichgültigen Betrachter auffällt und ihn zwingt, seine Überraschung auszusprechen.

»Mein Leben, Mädchen, wie siehst du mich an?« rief Frau Billa Winckler.

Eine Antwort ließ sich schwer auf die Frage geben; die Frau Pastorin erwartete aber eine solche auch gar nicht.

»Das ist Verrücktheit, einen so dumm anzustieren, Kind. Hab ich dich darum ausschlafen lassen, damit du alberne Trine mir solch ein Jüngstes-Gericht-Gesicht schneidest? Courage, Mädchen – Lottchen! Wenn du wieder auf den Beinen bist, so komme herunter in die Küche; ein ordentliches Abendessen wird dir besser als alles andere tun. Was den albernen Jungen, den Cord – deinen Schlingel, den Horacker, angeht, so hat der wahrscheinlich sofort deine Ankunft in Gansewinckel gerochen. Droben an der Waldecke sitzt er und ziert sich nur noch ein bißchen, noch weiter herunter zu kommen. Seit die Jungfer Schnelle meinen Alten zum letzten Trost rufen ließ, als ihr der Doktor ein Lavement verordnet hatte, ist so was nicht dagewesen. Mädchen – der Herr Pastor möchte persönlich kommen und ihn holen, hat er hersagen lassen, und drunten in der Laube wartet mein Alter auf seinen Stock und seinen Hut. Meiner Meinung nach genügte der Stock allein; ich würde mit demselbigen hinter dem Rücken ganz einfach geduldig, still und ruhig meine Zeit an der Gartentür abpassen.«

»Billa, wo bleibst du denn?« rief in diesem Moment die außergewöhnlich ungeduldige Stimme des sonst so geduldigen guten Hirten.

»Hier!... Im Augenblick!« rief die Hirtin zurück, und in aller Eile trippelte sie die Treppen wieder abwärts, ohne sich danach umzusehen, in welcher Verfassung sie, aller ihrer Gutmütigkeit zum Trotz, ihren Schützling auf dem Bettrande zurückließ. Glücklicherweise hatte auch der Pastor Christian keine Ahnung hiervon, als er so schnell, wie es ihm die Jahre erlaubten, auf dem Feldwege dem Walde zustieg.

Die beiden Augen, die vorhin auf nichts mehr warteten, hatten sich jetzt für eine geraume Zeit ganz geschlossen.

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