Frei Lesen: Horacker

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Wilhelm Raabe

Horacker

Zweites Kapitel

eingestellt: 1.8.2007



Nun bilden sich die Leser ganz andere Dinge ein, als in dieser Geschichte, die der Geschichtsschreiber geistig sehr miterlebte, vorkommen werden.

Da wird den Fenstern von tausend Leuten gegenüber ein neues Haus gebaut. Alle tausend Leute werden den Bau vom Ausheben der Kellerräume bis zum Einsetzen der letzten Glasscheibe mit Interesse verfolgen; aber neunhundertneunundneunzig von den tausend werden nur sagen »Das Haus gefällt mir!« – oder »Das Haus hat meinen Beifall nicht!« –, jedenfalls aber »Das gäbe eine Wohnung für mich – da könnte ich mein Sofa – meine Bibliothek – meine Schränke aufstellen, und die Aussicht ist auch ganz hübsch!« –, und – – unter den tausend ist einer, der wird sich und das Schicksal in ruhigem und etwas melancholischem Nachdenken fragen:

»Was alles kann in diesem neuen Haus passieren?«

Dieser eine sieht aus seinen wohlgezimmerten vier Pfählen in die noch leeren Fensteröffnungen, die Zimmermannsarbeit und Maurerarbeit da drüben hinein, lehnt die Stirn an seine Fensterscheibe, die dünne Glaswand, die ihn von dem Drüben trennt, und denkt an Geburt, Leben und Tod, an die Wiege und an den Sarg, und für diesen einen schreiben wir heute und haben wir immer geschrieben. Wir wünschen uns aber viele Leser.

Es hat also sechsundsechzigundeinhalb geschlagen, der Norddeutsche Bund ist gegründet worden, und der letzte Konrektor ist ein mit der weltgeschichtlichen Wendung vollständig einverstandenes Glied des Norddeutschen Bundes. Zwei seiner früheren Schüler sind unter den Preußen bei Königgrätz gefallen, einer unter den Hannoveranern bei Langensalza und einer – »ein arger Schlingel, aber sonst ein guter Junge« – verscholl bei einem Angriff ungarischer Husaren in der Schlacht von Custozza.

»Dieser arme Schelm hat mich oft genug und bestienhaft genug bis zum Durch-die-Decke-Springen gebracht, und ich habe ihm oft genug mitgeteilt, daß er ein Nagel zu meinem Sarge sein werde, und – nun ists mit ihm so gekommen!... Lieber Himmel, am Ende ist das doch das einzige, was ich ihm nicht verzeihen werde, denn nun zwingt er mich, mich dann und wann sogar im Traume mit ihm zu beschäftigen«, pflegte der alte Eckerbusch zu sagen.

»Das hab ich wenigstens fertiggebracht«, sagte der Kollege oder vielmehr Halbkollege Windwebel, »in meinen Träumen habe ich sie mir bis dato vom Leibe gehalten.

»Ja, Sie haben auch eine junge Frau, Kollege!« sprach der alte Konrektor.

Es war ein merkwürdiger Monat, dieser Monat Juli des Jahres achtzehnhundertsiebenundsechzig! Es war erstaunlich, was alles sich in der Welt ereignete und aufdringlich von der schon so konfusen Menschheit verlangte, in Obacht genommen und in Überlegung gezogen zu werden. In Paris befand sich die Weltausstellung im Gange, und Louis Napoleon, der dritte seines Namens, tat noch immer, als ob ihm ungeheuer leicht und so recht seelenvergnügt zumute sei, obgleich eben Max von Mexiko zu Queretaro vom schlimmen Juarez erschossen worden war. In den Chignons der Damen wurden die Gregarinen entdeckt, und Santa Anna, weiland Präsident der Republik Mexiko, starb auch in diesem Monat. Es versammelte sich zu seinen Vätern Heinrich der Siebenundsechzigste, regierender Fürst des Fürstentums Reuß jüngere Linie. Gera trauerte. Es verschied König Otto von Griechenland; doch blieb es unklar, ob Athen trauerte. Jedenfalls legte man keine Trauer in Deutschland an, als Thurn und Taxis sein vierhundertjähriges Postprivilegium niederlegte. Viele Bücher, Broschüren usw. erschienen immer noch über den Krieg von sechsundsechzig; doch das größte Wunder sollte gegen den Schluß des Monds eintreten: die Türken erschienen am Rhein! Sultan Abdul Aziz besuchte den König Wilhelm zu Koblenz.

Nun hätte man denken sollen, daß alles dieses und noch vieles andere nicht Aufgezählte vollkommen hingereicht hätte, die eben von uns vom hohen Berg aus überschaute Gegend hinreichend zu beschäftigen; aber – im Gegenteil!

Die Gegend kümmerte sich nicht im geringsten um die Pariser Weltausstellung, den Kaiser Napoleon den Dritten, den Kaiser von Mexiko, den Fürsten von Reuß-Schleiz, den Präsidenten Santa Anna und den König Otto von Griechenland: die Gegend kümmerte sich nur um – Horacker.

Horacker grassierte in der Gegend;

der Konrektor Eckerbusch aber ging am Donnerstag, dem fünfundzwanzigsten Juli, also am Tage nach dem türkischen Einfall, mit dem Oberlehrer Dr. Neubauer nachmittags zwischen zwei und drei Uhr in seinem Hausgarten auf und ab; wir sind darin – mitten drin, mitten – kurz in mediis rebus, wie die Lateiner sagen, und wir habens zu tun mit den Lateinern. O um unsere verschwitzte Gelahrtheit! Wir, die wir im Schweiße unseres Angesichts unser literarisch Brod essen, wissen, was es heißt, etwas gewußt zu haben!


 

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