Frei Lesen: Horacker

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Wilhelm Raabe

Horacker

Siebentes Kapitel

eingestellt: 1.8.2007



O du liebster Himmel! rufen auch wir und finden uns vollständig in unserm Rechte. Hier sind auch wir mal wieder in der Stimmung oder Laune, ehern gefaßt von dem Bedürfnis, groß zu fühlen, ohne im geringsten wieder mal mit dem erhabenen Gefühl irgendwohin zu wissen! Und so geht es jedesmal, wenn uns das Bedürfnis kommt, in Blut und Brand, eroberten Städten, empörten Meeren, feuerspeienden Bergen, zerschmetterten Schädeln, spritzendem Gehirn und vorquellendem Eingeweide zu wühlen. Der Henker weiß es; wenn andere immer ihren Willen kriegen und ihr historisch-tragisch-romantisch Mütchen nach Belieben kühlen dürfen, so kümmert sich um unsere hohen Anwandlungen kein Teufel, kein Hund und keine Katze und am allerwenigsten Klio, die Muse der von den gebildeten Ständen der Gegenwart bevorzugten Geschichtsklitterung.

Das kommt davon, wenn man hell es achtzehnhundertsiebenzig hat schlagen hören, nicht in das Leere, das Klanglose hinein, sondern hinein in den Nachhall alter, feierlicher Glocken. Wie viele sind ihrer, die auf den Nachklang und Widerhall horchen unter dem scharfen Schlag der vorhandenen Stunde? – An dem Flügel einer grauen Jacke, wie sie die Landesbesserungsanstalten ihren Pflegebefohlenen liefern, hielt die alte Mutter ihr Söhnchen; und Horacker der Räuber folgte der hagern, zitternden Hand, selber sehr schwach in den Knieen – zitternd, abgezehrt, zerfetzt –, ein durch Hunger, Kälte, Feuchtigkeit und alles sonstige Ungemach eines längern obdachlosen Aufenthalts in der freien Natur zum Tiefsten heruntergebrachtes Menschengeschöpf! Ein lang aufgeschossener – auch noch aus der Besserungsanstaltshose herausgewachsener Junge von neunzehn Jahren! Eine Jünglingsfigur, bei deren Anblick dem Künstler Windwebel wieder das Wasser im Munde zusammenlaufen konnte.

Sonderbarerweise aber ließ er, der Zeichner, nur die Arme schlaff hängen und starrte mit offenem Munde den Sohn der Wildnis an, bis er sich so weit faßte, um den Kollegen Eckerbusch – auf den Banditen aufmerksam zu machen.

»Erblickt auf Felsenhöhn
Den stolzen Räuber wild und kühn«

stammelte er; und Eckerbusch, sich gleichfalls mit Mühe sammelnd, stammelte seinerseits:

»In des Waldes tiefsten Klüften und in Höhlen tief versteckt,
Ruht der allerkühnste Räuber, bis ihn seine Rosa weckt!«

»Ja, ich bin die Witwe Horacker«, jammerte die Alte, »und dieser hier ist er, und jetzt sehen Sie sich ihn nun einmal an, meine lieben, besten Herren, ob das nicht ein Anblick ist zum Verbarmen! Da muß man seine Mutter sein, um zu erfahren, daß man ein Herz hat und daß es sich im Leibe umwenden kann. So treibt er sich um im Holze und verschimpfiert die Gegend, seitdem er aus dem Korrigendenhause durchgegangen ist, allwo er doch ein so braves Testimonium hatte und in einem halben Jahre zum Heiligen Christ ganz losgekommen wäre und auf einen Schneider ausgelernt hatte. Da soll man eine Mutter sein, wenn die Polizei tagtäglich bei einem ist und ganz Gansewinckel und alle Dörfer sonst einem bei Tag und Nacht auf die Finger und die Wege passen. Da bringen Sie ihm einmal das Essen in den Wald und halten Sie ihn reinlich in der Wäsche!... O Cord, Cord, die Ewigkeit kann nicht so lang sein – als die Nächte, die ich wach um dich auf dem Strohsack gesessen habe!«

»Sie scheinen mir in der Tat ein sauberer Patron zu sein, Horacker«, ächzte der Konrektor, und dann schneuzte er sich merkwürdig laut, und dann faßte er die Witwe am Arme und rief: »Setzen Sie sich, Mutter; setzen Sie sich da – da hab ich gesessen, der Stumpf ist am bequemsten!... Windwebel, ich wollte, wir hätten unsere Weiber hier!«

»Oder den Kollegen Neubauer«, murmelte der Zeichenlehrer.

Der Räuber heulte leise; die Alte saß und hielt das Gesicht in den Händen.

»Geben Sie ihr einen Schluck Roten und geben Sie dem Schlingel, dem Zähneklapperer da auch einen, Windwebel!« schneuzte der alte Eckerbusch; und die Witwe, die die »Erinnerung an Pyrmont« immer noch mechanisch im Schoße hielt, wehrte für sich ab und deutete bittend auf ihren Sohn.

»Geben Sie ihm noch einen Schluck, bester Herr. Wenn Sie auch noch eine Mutter haben, solls ihr bekommen! Das Fieber hat er nämlich auch, der Junge; und alles, was er sich selber mit Gewalt von der Menschheit genommen hat, ist ein Topf mit Schmalz gewesen, den er der Brinckmeierschen aus Dickburen aus der Kiepe genommen hat, als sie am Wege eingenickt gewesen ist, und dafür ist er nachher als Mörder und Jungfernschänder in die Zeitung gekommen, und der Herr Untersuchungspräsident ist bei mir gewesen, und zwei Dragoner haben mich zum Ortsvorsteher geholt. Dreimal haben sie in allen Dörfern im Walde von wegen seiner Sturm geläutet; und nun sehen Sie ihn an, und sagen Sie selber, meine besten Herren, ob so ne Kreatur aussieht, als ob sie tagtäglich ihren Mord begehe! Auch einen Herrn vom Gerichte soll er totgeschlagen haben, und mich haben sie in Gansewinckel totschlagen wollen, weil ich nicht eingestehen wollte, daß dies armselige Skelett und Menschengerippe eine Bande von dreißig Mann hinter sich habe. Kein Sperling braucht sich doch vor ihm zu fürchten, wenn die Herren ihn in ihr Erbsenfeld stellen wollen; und jetzt, Cord – Unglücksjunge – sags den Herren selber, wie es dir zumute ist; ich bin zu Ende in meinem Elend!«

»Halt, Witwe Horacker«, rief der Kollege Eckerbusch, der sich an dem entsetzlichen Räuberhauptmann gar nicht satt sehen zu können schien, »was an Vorrat noch vorhanden ist, wird erst in ihn hineingestopft! Halten Sie ihm die Flasche an den Hals, Windwebel! O wenn ihn doch so meine Ida sehen könnte!... Geben Sie ihm gleich die ganze Flasche, Windwebel! Geben Sie ihm gleich die ganze Wurst... Mensch, Jammerbild, Horacker, sind Sie es denn wirklich?... In Öl wünsche ich ihn auch von Ihnen, Windwebel! – Jetzt liegt nun der Kollege Neubauer auf seinem Lotterbett und meint, er erlebe in seiner Phantasie was! Hat sich was!... O Horacker, Horacker!... Nehmen Sie sich Zeit, Horacker... es steht Ihnen alles bis auf den letzten Brocken zur Verfügung! O hätte ich doch die Proceleusmatica hier!«

Der große Bandit schlang und schluckte, wie nur ein gänzlich Ausgehungerter das vermag. Dazu winselte und ächzte er leise gleich einem kranken Hunde. Zu sprechen vermochte er fürs erste noch nicht, aber die Tränen wischte er von Zeit zu Zeit mit dem zerrissenen Ärmel seiner Jacke von der hagern Backe und aus den roten entzündeten Augen.

»Sie können sich auch setzen, wenns Ihnen bequemer ist, Horacker«, schlug der Zeichenlehrer vor. »Hinter Ihnen steht der Stumpf. Langsam! So!... Nicht so hastig, nicht so hastig – – das ist ja ein wahres Glück, daß dieser Mensch nicht bei der Speisung der Fünftausend zugegen gewesen ist, der hätte das ganze Wunder umgedreht! Fünftausend Brote reichen hier nicht für einen, und ich habe nichts weiter bei mir als eine Düte mit Pfeffermünzküchelchen, die mir meine Frau in die Tasche gesteckt hat.«

»Stopfen Sie sie ihm ein«, rief der Konrektor eifrig.

Der große Räuber saß auf seinem Baumstumpf, von den zwei Schulkollegen zur Rechten und zur Linken bedient wie ein krankes Kind von seinen Wärterinnen. Das Räubermütterchen aber saß ihm gegenüber mit gefalteten Händen und sah ihn essen und trinken, schlucken und schlingen, schluchzte immerfort und wußte dazu kein Ende seiner Segenswünsche für die beiden guten Herren zu finden. Sie konnte weder ihrem Gram noch ihrem Behagen, weder ihrer Angst noch ihrer Dankbarkeit genugtun: wenn wir einmal in den Schluchten des Apennins den Schlaf Rinaldo Rinaldinis schliefen, so würden wir uns jedenfalls lieber von ihr als von der allerschönsten Rosa wecken lassen. Auf die Witwe Horacker ist immer Verlaß, und wenn ihr auch ganz Gansewinckel auf die Finger paßt; unter welchen Bedingungen dagegen die schöne Rosa zu den Karabiniers übergeht und sich vom Rittmeister derselben hinten aufs Pferd nehmen läßt, ist noch nicht ganz sicher ausgerechnet.

»Cordchen! O Cordchen«, murmelte die alte Frau, »siehst du, siehst du – o wärest du doch eher wieder aus dem Holze gekommen!«

Doch Cord Horacker stieß nur einen rauhen, fast tierischen Laut aus und sah scheu über die Schulter. »Herrgott!« rief die Alte. Es war ein Reh vielleicht, das fernab im Walde durch das Buschwerk rauschte und ihr den Angstruf abpreßte, trotz ihrer letzten Worte. Kein Mörder horchte je angsthafter als sie auf den Wind im Gezweig: das allerbeste Gewissen ist leider ja in dergleichen nervösen Aufregungen der Situation nicht gewachsen. Die Witwe griff einmal sogar nach dem Rockschoß des Konrektors Eckerbusch und ließ denselben erst wieder los, als der Kollege sich zwischen sie und den Meister Lampe stellte, der natürlich sofort kehrtummachte, als er die absonderliche Gesellschaft auf der Waldblöße zu Gesicht bekam.

»Nur ruhig Blut, Frau«, sprach der alte Eckerbusch. »Da geht er hin nach der dritten Deklination lepus, leporis, lepori! Ganz Epicoenum! Ein grammatisches Genus, welches beide Geschlechter begreift, Sie und mich, Witwe Horacker!... Ja, gottlob, es war nur ein Hase; beruhigen Sie sich, Windwebel! Bleiben Sie sitzen, Lips Tullian!«

Der Lips Tullian stammte aus dem Gellert des Pastor Winckler zu Gansewinckel, und zuerst jetzt ging dem Konrektor die Idee auf, seinen Räuber mit nach Gansewinckel zum Pastor Krischan Winckler zu führen. Er nannte das, verhältnismäßig erleichtert, »einen Gedanken«; und er hatte recht, es war einer.

»Uh, die Herren sollten nur einen Tag und eine Nacht das Leben führen, das ich drei Wochen lang ausgestanden habe, es würde ihnen guttun«, ächzte jetzt Cord Horacker, zum erstenmal das Wort ergreifend, wenn man sein heiseres Keuchen so nennen wollte. »Der Mensch hat es zu gut im Arbeitshause. Weiter weiß ich nichts zu sagen.«

»Ach Cordchen!« winselte die Witwe.

»Zwei Jahre legen sie mir drauf, sowie sie mich wieder beim Fittich haben, und die alte Frau hats auch nicht besser drum –«

»Es war nämlich von wegen der Liebe, meine Herren, daß er durchgegangen ist!« schluchzte die Witwe Horacker dazwischen; und der Räuberhauptmann legte die Arme auf die Kniee und den Kopf auf die Arme. »Das lassen Sie sich nur von der Frau Pastorin in Gansewinckel erzählen und von dem Herrn Pastor; die haben ja alles aufs beste eingerichtet –«

»Und hier sitze ich!« heulte Cord; der Konrektor Eckerbusch aber, dem es allgemach immer »fataler« zumute wurde, wendete sich mit einem höchst charakteristischen:

»Nun Kollege? Begreifen Sie etwas, Kollege?« an den Zeichenlehrer.

»Nur noch einen Moment, Herr Kollege!« murmelte Windwebel, von seinem Skizzenbuch emporsehend. »Nur noch drei Striche, und ich habe ihn. Tun Sie mir den Gefallen und heben Sie noch für eine Minute den Kopf in die Höhe, Horacker. Wie wird sich der Staatsanwalt freuen –«

Der Staatsanwalt!

Es würde besser gewesen sein, wenn der Kollege Windwebel dieses Wort nicht ausgesprochen hätte. Horacker der Räuber hob freilich daraufhin den Kopf in die Höhe, aber nur um den zeichnenden Künstler einen kürzesten Augenblick hindurch mit offenem Munde und weit aufgerissenen Augen anzustarren. Im nächsten Moment war er bereits aufgesprungen – war er fort – verschwunden – in drei Sätzen über den Baumstumpf, durch Heide und Ginster Hals über Kopf hinein in den Busch; – mit offenem Munde seinerseits und auch sehr weit geöffneten Augen durfte ihm der Zeichenlehrer nachstarren.

Der Konrektor hatte in der Überraschung das Gleichgewicht auf seinem Sitzplatz verloren; die alte Frau stand mit hochgereckten Armen im höchsten Schrecken und zeterte nur:

»Cord! Cordchen! Nimm Vernunft an!«

Doch nur weit, weit und fern im Walde rauschte es noch, und Cord Horacker nahm nicht Vernunft an.

»Da sehen Sies nun«, jammerte die Witwe, »so war er immer. Jetzt kann ihm nun die ganze Welt wieder nachlaufen, ohne ihn einzufangen. So läuft er nun wieder gut seine vier Wochen lang, und alles, alles, was es Grauliches gibt, wird ihm und mir wieder in die Schuh geschoben! So war er immer, und ich sage, er hats von seinem Vater, wenn mir auch da keiner glauben will. Ach lieber, lieber, liebster Gott, und ich bin seine Mutter und kenne ganz einzig und allein in der weiten Welt sein gutes Herze!«

»Das ist ja eine ganz niederträchtige, eine ganz heillose Geschichte!« rief der Konrektor Eckerbusch, mit Mühe sich von neuem auf den Füßen feststellend. »Aber so sind Sie immer, Windwebel! Sie kennen doch Ihre eigenen Nerven! I, so wollte ich doch –«

»Meine eigenen Nerven?« schrie Windwebel. »Ei, so soll doch ein heiliges Kreuzdonnerwetter dreinschlagen!« Und sein Taschenskizzenbuch mit dem Albumblatt für den Staatsanwalt rasch in die Tasche schiebend, griff er nach seinem Weißdornstock und sprang nun seinerseits mit einem Satze durch Heide, Ginster und Buschwerk dem Räuber Horacker nach.

»Jetzo wollte ich aber meinerseits mehr denn je, daß wir den Kollegen Neubauer hier mit uns gehabt hätten!« stammelte der alte Eckerbusch, matt sich von neuem setzend. »Der würde sicherlich den Schlingel ganz dingfest gemacht haben, ehe und bevor er ihm den Chateau zur Stärkung gereicht hätte. Hm, hm, langweiliger ists, aber seine Vorzüge hat es auch, wenn so ein recht verständiger Mensch mitgeht, wenn zwei solche Burschen wie ich und der Kollege Windwebel von ihren Frauen losgelassen werden und in die freie Natur hinausdürfen.«

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