Frei Lesen: Horacker

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebenzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Neunzehntes Kapitel | Zwanzigstes Kapitel |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Die Akten des Vogelsangs | Alte Nester | Der Marsch nach Hause | Gedelöcke | Die Leute aus dem Walde |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Horacker) ausdrucken 'Horacker' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Horacker

Achtes Kapitel

eingestellt: 1.8.2007



Im Pfarrhause zu Gansewinckel hielt die geistliche Frau immer noch ihren Kopf mit beiden Händen in der Gartenlaube vor dem kalt gewordenen Kaffee und der Pfarrherr den seinigen in seiner Studierstube vor der Abschrift des Dokumentes, das seinen Bauern zu dem vorhin geschilderten ganz nichtswürdigen Triumph über ihren Seelenhirten verhalf. Die Idylle war dieselbe geblieben, das Dorf und die Pfarrei sahen immer noch so hübsch aus wie vorher; aber die Aufregung der Frau Billa und der Stupor des braven Krischan Winckler hatten sich durchaus nicht gesänftiget; sie hatten sich im Gegenteil um so mehr gesteigert, je tiefer man nachdachte und je farbiger man sich die entstehenden Verhältnisse ausmalte.

Von Augenblick zu Augenblick versank die geistliche Hirtin hilfloser in die Zumutungen der Gemeinde, und je heftiger sich alle ihre Gefühle gegen diese Zumutungen sträubten, desto mächtiger arbeitete ihre Phantasie und malte ihr ihre Bauern samt den Weibern derselben vor die inneren Sinne. Sie, die Pastorin Winckler, ging sozusagen von Haus zu Haus im Dorfe und feierte den Neujahrstag im voraus.

»Da freue sich nun noch mal einer drauf!« ächzte sie und gab zum zwanzigstenmal den Versuch auf, eine gefallene Masche an dem wollenen Winterstrumpf, den sie für ihren Alten da oben strickte, wieder aufzunehmen. »Wenn das Konsistorium kein Einsehen hat, erlebe ich für mein Teil das heilige Christfest nicht. Das weiß der Herr, daß ich mich nie geziert habe, in ihren Krankenstuben herumzukriechen und an ihren Wochenbetten zu sitzen; aber was eine Bosheit ist, bleibt eine Bosheit in alle Ewigkeit, und hier kenne ich mein Gansewinckel in- und auswendig. In Chorrock und Beffchen – Böxendal hinter sich! Und sie haben es schriftlich – schriftlich; und wenn ein Bauer sich auf was Schriftliches setzt, so weiß die Welt, was das heißen will. Da kann der Papst und der türkische Sultan kommen, der Alte Fritz und der Kaiser Napoleon; sie kriegen ihn nicht herunter, wenn sie nicht was Schriftlicheres aufzuweisen haben, und auch dann noch lange nicht! Da kenne ich Gansewinckel! In der Hinsicht lernen die Dummen im Dorfe immer noch zu von den Dümmern, und die Dümmsten sind die Klügsten und stehen am festesten auf ihrem Rechte. Böxendal singt, mein Alter gratuliert, ich komme um, und das hochlöbliche Konsistorium freut sich gar noch und spricht von einem innigern heilbringenden Verkehr zwischen dem Pastor und der Gemeinde. O, die Herren vom Konsistorium kenne ich auch!«

»Wenn ich nur nicht das Konsistorium kennte«, seufzte in demselben Augenblick Krischan Winckler in seiner Studierstube. Er hatte das würdige Haupt eben aus den Händen genommen und die letzteren matt und schlaff auf die Papiere, die Kirchenregister und sonstigen Dokumente auf seinem Schreibtische gelegt. Er hatte sich mit allen auf seine Pfarrei bezüglichen Pergamenten umgeben und tastete sich von einem seiner Amtsvorfahren zum andern bis in die nebeligste Vergangenheit zurück, und aus seinem Fenster hatte er den Blick auf seine Kirche und auf die Grabsteine seiner Vorgänger im Amte, die Kirchenmauer entlang, bis in den Anfang des siebenzehnten Jahrhunderts.

»Da liegen sie, und hier sitze ich!« rief er, und dann schlug er plötzlich mit der flachen Hand auf die vergilbten Schriftstücke, daß der Staub von ihnen aufflog, und schrie:

»Wenns mir selber mein Dämon eingeblasen hätte, um diese lumpigen vier Pfennige den Moder der Jahrhunderte aufzurühren, so wollte ich gar nichts sagen. Ja, wenn ichs nur selber mir eingebrockt hätte!... Jetzt leugnet sie da unten in der Laube es natürlich ab, daß sie mich zuerst auf diese verruchte Ablösungsidee gebracht hat, und nachher kommt denn obendrein die landläufige Anschauung und will einem weismachen, daß man, wenn einen die ganze Welt verläßt und keinen Trost mehr gibt, denselbigen immer noch am Busen seines treuen Weibes finde. Trost? Busen? Dummes Zeug! Hat sich was! Aber den Kerl möchte ich in diesem Moment hier mir gegenüberhaben, der mir vor zwei und einem halben Säkulo um den schnöden Mammon den heutigen Nachmittag zusammengebraut hat. Der arme Teufel!... Großer Gott, was für einen entsetzlichen Hunger muß der Mann gehabt haben!... Na, ich kenne ja auch die Einkünfte der Gansewinckler Pfarre – da unten an der Mauer liegt er wahrscheinlich auch, also mag er in Frieden ruhen... Im Frieden! Wie gerne ruhte – lebte ich auch im Frieden; aber ist es denn möglich in diesem zänkischen Jammertal?«

Er seufzte schwer und schob sein schwarzes Käppchen hin und her. Sein Auge aber fiel auf seinen Lieblingströster, den alten Christian Fürchtegott, und so zitierte er denn:

»Das Streiten lehrt uns die Natur,
Drum, Bruder, recht und streite nur;
Du siehst, man will dich übertäuben;
Doch gib nicht nach, setz alles auf
Und laß dem Handel seinen Lauf,
Denn Recht muß doch Recht bleiben«,

und von neuem fiel seine Hand, jedoch diesmal zur Faust geballt, auf die Dokumente vor ihm:

»Und leider Gottes haben sie recht, vollkommen recht, recht bis aufs letzte Tüpfelchen! Ich muß dran; Böxendal muß dran! Gansewinckel pfeift, und der Kantor singt, ich aber tanze; und nachher ruhe mir mal einer in Frieden in Gansewinckel, wenn nicht – da unten an der Kirchenmauer. Selbst der Konsistorialpräsident kriegte lebendig es nicht fertig, und wenn er mich übermorgen noch so süß, milde und pastoralklug anblinzeln wird: Mein teuerer Amtsbruder, danken Sie doch dem Höchsten dafür, daß sich Ihnen hierdurch kirchenamtlich ein neuer Weg zu den Herzen Ihrer Gemeindemitglieder eröffnet hat. – Schöne Herzen! Und für den neuen Weg danke ich auch ganz gehorsamst. Von meinem Standpunkt aus mag er da sagen, was er will; von seinem aus hat er natürlich recht – uh, wenn ich doch ihn am nächsten ersten Januar zu den Bauern von Gansewinckel aufs Gratulieren ausschicken könnte!«

Dieser Gedanke, diese Idee oder Vorstellung, den Herrn Konsistorialpräsidenten an seiner Statt für die Gansewinckler Vierzeitengelder das erbauliche Äquivalent liefern und die von würdigen und frommen Vorvordern überlieferten Rechte und Pflichten der Kirche technetisch und metataktisch aufrechterhalten und an künftige Generationen weitergeben zu lassen, mußte wohl für den gegenwärtigen Pastor von Gansewinckel etwas ungemein Heiteres und Fröhliches an sich haben. Er trat an das Fenster und überflog mit einem lächelnden Blick die Reihe der Grabsteine an der Kirchenmauer.

»Mehrere von ihnen würden mit Vergnügen aufstehen, um das zu sehen«, murmelte er, und die Erquickung, die er auf diesem Seitenpfade seines Sinnens fand, war so bedeutend, daß sie ihm gestattete, von neuem nach der erloschenen Pfeife zu greifen und mit ihr an den Tabakskasten zu treten.

»Nachher hätten wir ihn denn natürlich zu Tisch hier auf der Pfarre«, brummte er weiter, »und da kenne ich meine gute Billa; – – ich möchte ihr wohl den Genuß gönnen, den Herrn Präsidenten nach dieser Gratulation zu Tisch bei sich zu haben.«

»So komm doch endlich zum Kaffee, Mann! Kälter kann er nicht werden«, rief in diesem Augenblick die Stimme der eben Apostrophierten aus dem Garten herauf, und der Gansewinckler Pfarrer rief mit fast vollständig wiedergewonnenem Behagen in Ton und Ausdruck zurück:

»Sogleich, Liebste! Ich überlege nur noch, ob ich Vossens Homer oder Vossens Luise mit herunterbringe, um den Verdruß gänzlich zu dämpfen.«

Er drückte eben die letzten drei Fingerspitzen Knaster in den Pfeifenkopf, als ihn das Schicksal selber schon von neuem wieder unter den Daumen nahm:

»Ne, Christianus Winckler, alter Knabe, später vielleicht, jetzt aber noch nicht! Der Mensch muß ja nicht immer weich und im Frieden sitzen wollen.«

Ein lautes Getöse ließ sich von den untern Räumen des Hauses her vernehmen. Es folgten schwere Tritte erst auf der Flur und sodann auf der Treppe; und zwischen das dumpfe erboste Gepolter von Mannesstimmen klang es wie ein lautes Weinen eines jungen Weibes.

»Nun bitte ich aber –« stammelte der Pfarrer von Gansewinckel, aber er hatte nicht die Zeit, seine Wünsche weiter kundzumachen. Schon wurde die Tür seiner Stube aufgerissen, und abermals hatte er das Vergnügen, sie vor sich zu sehen – die Ältesten seines Dorfes nämlich, die Dicksten, die Wohlhabendsten, kurz die, welche in der Gemeinde und dann und wann auf seiner Seele am schwersten wogen und lasteten.

Da waren sie wieder: der Vorsteher Neddermeier und Degering und Klatermann und Kumlehn, und wie sie sonst mit ihren Höfen ihre Namen von ihren Vätern ererbt hatten. So drängten und schoben sie sich wiederum herein in das stille Studiergemach ihres gutmütigen Seelenhirten; und der Vorsteher, ein junges, zerzaustes Frauenzimmer von ungefähr achtzehn Jahren am Handgelenk sich nachzerrend, schrie:

»Herr Pastor, jetzo oder niemalen haben wir Horackern fest! Das ist meine Meinung, Herr Pastor, – die Ihrige unbesehen. Jetzt gibt der Sägebock Baumöl; – diese hier – diese Landläuferin hier schafft uns den Vagabunden. Mach dein Kompliment, Mädchen, mach deinen Knicks, Lottchen Achterhang, und bedanke dich beim Herrn Pastor für gute Erziehung.«

»Allbarmherziger Vater, Charlotte?! Lottchen?!« stammelte der gute Greis in einem Schrecken, in welchem er augenblicklich nach keiner Seite hin einen Halt und Stützpunkt fand. »Bist du es denn? Bist du es wirklich? Wie siehst du aus! Wo kommst du her? Und wie kommst du hierher?«

Er stotterte, hülflos im Kreise herumgehend, den Namen seiner Frau, und das war das erste Moment rückkehrender Fassung.

»Billa! Billa!« rief er sodann mit lautester Stimme aus dem Fenster in den Garten hinab, und das war das zweite Moment.

»Jawohl«, sagte der vierschrötige Dorfgewaltige gröblich, »rufen Sie nur die Frau Pastorin. So haben wir sie, ich meine die Vagabundin, hinter Haneburgs Hecke im Busch gefunden, krummgedrückt hinter der Hecke, die Schürze voll von Haneburgs gestohlenen Mohrrüben, was gewiß ein feines Essen ist für ein Musterkind, Herr Pastor. Ja, sieh mal, so kommt es zurück ins Dorf, Ihr Musterkind, Herr Pastor, und da es uns partu nicht Rede stehen will, so haben wir gedacht, es ist das beste, wir bringen es Ihnen stantepe auf die Stube, Herr Pastor, denn Sie werden doch ja wohl noch immer damit umzugehen wissen und ihm auch jetzt die Zähne voneinanderbringen, wozu wir auch die Frau Pastorin höflich einladen, auf daß wir endlich mit Horacker zu Stuhle kommen; denn daß Horacker da, wo das Mädchen ist, nicht weit weg zu suchen ist, das wissen wir leider Gottes seit Erschaffung der Welt, nämlich seit sie beide das Dorf und die Gemeinde verschimpfieren. Wenn einer weiß, daß ich unrecht habe, so kann ers meinetwegen sagen.«

»Ne, hier hat er recht!« brummten alle Bauern im Kreise; doch um so heller und verständlicher klang dann auch, grade in diesem Augenblick, die Stimme der Frau Pastorin Billa Winckler in dieses dumpf summende Gebrumm der Versammlung der guten Freunde, Nachbaren und Gemeindemitglieder hinein.

Sie hatte sich Platz zu machen gewußt durch den Andrang auf dem Vorplatze, und nun stand auch sie in dem Stübchen ihres Gatten mit dem innigen Wunsche, ganz genau zu erfahren, was nun wieder vorgefallen sei. Selbstverständlich übersah sie die Hauptperson, die sie über den neuen Lärm auf einmal aufgeklärt haben würde, in der ersten Aufregung ganz und gar und mußte erst durch eine wortlose Handbewegung ihres Christian auf dieselbe aufmerksam gemacht werden.

Mit einem langgezogenen Schreckensruf erhob Frau Billa die Hände.

»Jesus Christus – Lottchen! Und wieder in derselben Verfassung, wie wir dich aufgelesen haben vor zehn Jahren! Mädchen, Mädchen, hat diesmal das Dorf wirklich recht gehabt und ich unrecht? Ist das der ordentliche Mensch, den ich aus dir gemacht habe? Mädchen, o Mädchen, wo kommst du her, und was willst du heute in diesen Lumpen und sonstiger Verwahrlosung in Gansewinckel?«

Das unglückselige Geschöpf war aus Ermattung, Scham und jedenfalls aus überwältigendem Elend langsam an dem Lehnstuhl des Pastors niedergesunken und hatte schluchzend den Kopf auf die Arme gelegt; und ohne das Gesicht emporzuheben, schluchzte es jetzt weiter:

»Der Herr Pastor Nöleke hat es ja aus der Zeitung vorgelesen, und – so komme ich von hinter Berlin her zu Fuße. Ja, ich habe mich versündigt gegen meine Herrschaft und gegen die Frau Pastorin Winckler und gegen den Herrn Pastor; – aber – ich habe nicht anders gekonnt. Ich bin in der Nacht wie ein Dieb weggelaufen, nachdem der Herr Pastor es am Morgen aus der Zeitung vorgelesen hatte.«

»Kannst du einen Sinn da hereinbringen, Winckler?« fragte die Frau Billa, die Hände zusammenschlagend.

»Wenn das Kind zu Fuß von Berlin gekommen ist, so kann es natürlich nicht bei vollem logischen Bewußtsein sein. Nun, Lottchen, besinne dich einmal, nimm dich zusammen; – sei noch einmal ein gutes Mädchen. Was hat der Kollege Nöleke aus der Zeitung vorgelesen?«

Mit einer fast wilden Bewegung erhob das arme Ding das sonnverbrannte, hagere, nicht sehr reinliche, tränenüberströmte Gesicht aus dem vorquellenden Pferdehaar des alten Polsterstuhls auf und sah dem guten alten Krischan Winckler in sein Gesicht, als ob es den besten Trost des Erdenlebens da suche.

»Daß sie Cord Horackern im Walde suchen! Daß Cord ein Räuber, daß Cord ein Mörder geworden ist! Und es ist aus einer Zeitung in die andere gegangen, und ich habe einen Brief in meiner Kammer auf meinem Koffer zurückgelassen und habe um Gottes willen um Verzeihung gebeten, weil ich ja gewiß und wahrhaftig niemand Schande machen will als mir selber. Und seit acht Tagen bin ich in keinem Bett gewesen und habe nichts zu essen gehabt, als was auf dem Felde wächst; nur ein Stück Brod hat mir einmal ein Kind gegeben und ein Soldat zwei Groschen auf der Chaussee, damit habe ich mir ein anderes Brod gekauft in einem Dorfe, als es dunkel war.«

Die Frau Pastorin legte die Hände auf den Rücken, wendete sich halb und betrachtete sich stumm einen Moment den Vorsteher von Gansewinckel. Dann sprach sie merkwürdig gefaßt, während ihr Eheherr vollständig die Fassung verloren hatte und sämtliche Bauern die Nase zwischen den Zeigefinger und den Mittelfinger nahmen, um ihren Unglauben durch ein allgemeines Geschneuze kundzumachen.

»Nun will ich Ihnen mal was sagen, Neddermeier, jetzt haben Sie das Lottchen Achterhang hier meinem Manne auf die Stube gebracht, und Sie konnten diesmal gar nichts Besseres tun. Wissen Sie aber, was jetzt das Zweitbeste ist, was Sie tun können?«

»Ne!« sprachen alle Bauern im Chor.

»Dann will ich es Ihnen gleichfalls eröffnen; Sie tun mir nämlich die Liebe an und lassen mich und den Pastor und das Mädchen fürs erste jetzo allein miteinander.«

»Ja, aber Horacker, Frau Pastorin –« wollte der Vorsteher einwerfen. »Ich bin doch von Amts wegen –«

»Von Amts wegen bin ich jetzt einzig und allein für das Lottchen Achterhang da. Ich allein! Verstehen Sie mich, Neddermeier? Ich bin nicht ohne Nutzen fast bis ans fünfundzwanzigjährige Amtsjubiläum ran Pastorin hier im Dorfe gewesen. Ja, gehen Sie nur leise auf der Treppe, Vorsteher; über das Neujahrsgratulieren sprechen wir beide auch noch ein Wörtchen zusammen. Da können auch alle andern lieben Freunde im Dorfe sich heute schon gratulieren; ich komme jedenfalls nächsten ersten Januar und werde nicht umsonst von Haus zu Haus im Dorfe gehen. O ich habe meine Wünsche und Sprüchlein heute schon parat! Ne, ne, die Geschichte ist mir auch ganz lieb so, wie sie ist; – die Gelegenheit hat mir immer gefehlt! Verlasset Euch darauf, Nachbaren; die Pastorei wird sich von jetzt an nichts mehr von der Gemeinde schenken lassen; – Ihr zahlt, und ich und mein alter lieber Christian da, wir kommen und bedanken uns. O ich habe mich seit langer Zeit auf nichts so sehr gefreut als auf den nächsten Neujahrstag! Für jetzt aber tut mir auch die Liebe an und geht nach Hause; wenn ich Sie, Vorsteher, auch für diesen jetzigen Fall heute noch brauchen sollte, so schicke ich...«

Wenn nun der Pastor von Gansewinckel, Herr Christian Winckler, alles dieses, und zwar in einem ähnlichen Tone wie sein Eheweib vorgetragen haben würde, so würden wir uns ganz gehorsamst dafür bedanken, irgendeine Bürgschaft für den Erfolg der Rede zu übernehmen. Uns steht es sogar ganz fest, daß die Bauernschaft von Gansewinckel mehreres eingewendet, anderes anders aufgefaßt hätte und sicherlich fürs erste noch nicht gegangen wäre.

So aber, auf die Rede ihrer Seelsorgerin, ging sie – drängte sie sich sogar in einen Klumpen – rückwärts schreitend aus der Tür und zur Treppe hin.

Nur der Vorsteher wagte sich noch mit einem Wort hervor.

»Daß Sie alles besser wissen als wir alle, Frau Pastorin, wissen wir alle; und wenn der Herr Pastor Ihrer Meinung ist, so sind wirs auch. Das gilt für Lotte Achterhang und Cord Horacker. Was nun das Vierzeitengeld betrifft, so haben wir das Ding nicht aufs Tapet gebracht, und wenn Herkommen Herkommen ist, so sind auch wir nur hierhergekommen mit unserm Schriftlichen von Vorvaterzeiten, weil doch, was dem einen recht, dem andern billig ist und nichts für umsonst in der Welt, und das wissen wir Bauern am besten – nichts für ungut. Sie aber, Frau Pastorin, sind mir immer angenehm auf dem Hofe wie ein Regenwetter zur richtigen Zeit, und gratulieren Sie mir, so gratuliere ich Ihnen; und mit unsern Deputaten und Leistungen und Pfarrzehnten und sonstigen Auflagen sind wir niemalen rückwärts gewesen, solange Gansewinckel steht. Was aber Recht ist, bleibt Recht, bis es anders ausgemacht wird, und daß ich als Vorsteher mich vors allgemeine Beste stelle, das ist meine verfluchte Pflicht. Das wäre mir ein richtiger gewählter und von der hohen Behörde bestätigter Ortsvorsteher, der ganz gutwillig hinginge und der Gemeinde den Kopf zwischen den Fäusten Knieen hielte, wenn mit einemmal ganz auf den Plotz einer kommt und ihr ihre gute Berechtigung an Pastor und Kantor aus der Nase ziehen will, woran seit tausend Jahren keiner gedacht hat.«

»Schön, schön, Neddermeier!« keuchte Frau Billa. »Verlaßt Euch drauf; ich bin sicherlich am ersten Januar da, wenn mein lieber Alter hier verhindert sein sollte; und der Herrgott wird gewißlich meinen guten Wünschen Folge und Gedeihen schenken. Im Notfall nehme ich dann auch Böxendals Verpflichtung auf mich und singe Euch einen recht schönen Vers aus dem Gesangbuch. Nummer und Vers schwanen mir schon – lieber Gott –

  • Seite:
  • 1
  • 2
< Siebentes Kapitel
Neuntes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.