Frei Lesen: Horacker

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Zehntes Kapitel | Elftes Kapitel | Zwölftes Kapitel | Dreizehntes Kapitel | Vierzehntes Kapitel | Fünfzehntes Kapitel | Sechzehntes Kapitel | Siebenzehntes Kapitel | Achtzehntes Kapitel | Neunzehntes Kapitel | Zwanzigstes Kapitel |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Die Akten des Vogelsangs | Deutscher Adel | Die Leute aus dem Walde | Abu Telfan | Das Horn von Wanza |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Horacker) ausdrucken 'Horacker' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Horacker

Neuntes Kapitel

eingestellt: 1.8.2007



Christian kannte seine Billa. Er hatte in den langen guten Jahren seines Ehestandes des öftern Gelegenheit gehabt, sie immer genauer kennenzulernen; man sollte meinen, wenn alles seine Grenze habe, so müsse das auch hier der Fall sein; allein dem war nicht so: Krischan Winckler wunderte sich immer noch von neuem über sein Weib. Die Gelegenheiten dazu rissen nicht ab.

Augenblicklich saß er, vorgebeugt mit dem Oberleibe, die Füße unter den Stuhl gezogen und die Hände auf den Knieen, und sah auf sein Weib, lächelnd, aber mit einer Runzel mehr auf der ehrlichen, heitern Stirn, bewundernd mit der Neigung behaftet, sein Käppchen noch einmal von einem Ohr auf das andere zu schieben.

Und als sich die Tür hinter seinem guten Freunde und Ortsvorsteher Neddermeier geschlossen hatte, sprach er:

»Hm – ich muß es wieder sagen, Billa, du verstehst es.«

»Das ist meine Ansicht auch, und ich tue mir auch etwas darauf zugute, aber das ist jetzt nicht die Hauptsache«, erwiderte die treue Gattin. »Jetzt komm du mal her, Lotte! Gesichterschneiden verbitte ich mir; also steh auf, zeige dem Herrn Pastor das Gesicht, das dir der liebe Gott hat anwachsen lassen, und sage uns kurz, was du zu sagen hast, nämlich ausführlich, wie es sich deinen christlichen Wohltätern gegenüber gehört. Hältst du mir hinter dem Berge, so kennst du mich und weißt, daß ich weiß, wie man einen dahinter vorlockt.«

»Gott, o Gott!« schluchzte die Angeredete, das Gesicht womöglich noch tiefer in das Stuhlkissen des Pastors von Gansewinckel drückend.

An ihrer Statt aber stand Krischan Winckler auf, legte beschwichtigend die Hand auf den Arm seiner Frau und sagte ganz leise:

»Liebe, ich glaube, dieses verstehe ich am besten.«

Es ist ein ekler Anblick, wenn man eine Spinne die andere fressen sieht, sagt der am Schluß des vorigen Kapitels beregte Gotthold Ephraim in einem seiner Briefe antiquarischen Inhalts. Keine Spinne muß müssen, sagt er hier nicht. Ach, die Welt ist eben ohne jegliche Rücksicht auf das Sittengesetz und die Ästhetik ganz antiquarisch, d. h. vom Anfang an darauf gegründet, daß eine Spinne die andere frißt!

Und dann ist da das kleine, so leicht gesprochene, so schnell geschriebene, so flüchtig ins Ohr klingende, gedruckt kaum ins Auge fallende Wörtchen: man!

Wer ist man? Man sieht nicht gern eine Spinne die andere verspeisen; – man ißt gern Austern; – man gründet ein Geschäft, durch welches man gern jedermann Konkurrenz macht bis zum Äußersten. Man hat gegründete Aussicht, demnächst im Amt vorzurücken, da man sagt, daß der Mann, dessen Platz man gern einnehmen möchte, schwerkrank am Nervenfieber liegt und sicher demnächst mit Hinterlassung einer großen Familie dran glauben wird. Man möchte unbeschreiblich gern das beste Bild in der Kunstausstellung aufhängen; man möchte im Wettkampf um die Herstellung des Monumentes des jüngst gestorbenen großen Menschen der Nation alle Mitbewerber schlagen; man möchte dies; man möchte das, und – man ist dazu berechtigt; denn wozu, fragt man, ist man sonst da in der Welt?

Und man ist da – seltsamerweise! – Und dann und wann heißt man Cord Horacker oder Lotte Achterhang, und selbst wenn man tagtäglich im Dorfe zu hören bekommt, daß es besser sei, wenn man nicht da wäre, so glaubt man dieses noch lange nicht; dafür aber hat man einen grimmigen Hunger, und alles, was man außerhalb seiner Haut um sich her sieht, gehört einem andern.

Im Pfarrhaus sagt man wohl: »Billa, du mußt dich einmal wieder um das Kind der Achterhang bekümmern, und ich habe mir auf heute nachmittag wieder einmal den Racker, den Cord Horacker, herbestellt. Schicke der Witwe doch meine abgelegte Winterhose – der Junge läuft mal wieder wie ein untätowierter Indianer herum, das geht so nicht! Das geht so nicht! Man kann es nicht mehr ansehen.«

Aber im Dorfe sagt man um dieselbige Stunde: »Diese Nacht sind sie mir wieder im Kohl und unter den Kartoffeln gewesen. Lebendig schinden möchte man die Schwefelbande. Selbstschüsse darf man nicht legen, und in der Schlinge, wie die Hasen, fängt man sie nicht.« O über das schreckliche, das wundervolle, erhabene kleine Wort:

m a n

Es ist der fliegende lichtbeschienene Schaum der Oberfläche; es ist die unbewegte schwarze Tiefe. Fahren wir fort, die wir schaudernd und schämig, den Königen dieser Erde gleich, es nicht wagen, das Wort »Ich!« zu schreiben. – – – Man rechnet einem oft als greuliche Unverschämtheit an, was nur die zarteste Scheu vor Überhebung ist.

Als an dem letzten Überbleibsel der ärmsten Häuslerfamilie des Dorfes hatte das Pfarrhaus vor Jahren ein gutes Werk an dem Lottchen getan. Aus argem Schmutz und völliger geistiger und körperlicher Verkommenheit hatten die zwei braven Leute, Christian Winckler und sein Weib Billa, das Kind in ihr Haus genommen und es erst im Feld und Garten, sodann aber in der Küche angestellt und das, was die Frau Pastorin »einen Menschen« nannte, aus ihm gemacht. Nur unter einer Zucht und in einer Lehre wie die der Frau Billa Winckler konnte das Erziehungsexperiment gelingen, und es gelang wider alles Erwarten von Gansewinckel.

»Gedacht haben wirs nicht, aber fertig hat sies gebracht – ein ganz nett Ding ist aus dem Vieh geworden!« sprach das Dorf.

Ja, wenn Cord Horacker nicht gewesen wäre! Nachher hätte alles glatt ab- und weiterlaufen können.

Aber Cord Horacker existierte und hatte bereits anderthalb Jahr existiert, ehe Lottchen Achterhang das Licht der Welt erblickte, und war von seinem Anfang an – wie ihre Eltern längst – ein Skandal für die ganze Gemeinde gewesen. Die Witwe Horacker hatte sich eines Tages allein mit ihrem Jungen in der Welt gefunden; und – Gesellschaft muß der Mensch haben, und wenn es auch die allerschlechteste wäre. – Die Witwe Horacker und die Familie Achterhang hielten sich zueinander, da sich sonst niemand weiter zu ihnen halten wollte.

Man sucht sich nicht selber die Weise und Gelegenheit aus, unter welcher man die Nase in die Welt steckt. Daß Cord Horacker heute, im neunzehnten oder zwanzigsten Lebensjahre, aber überhaupt noch eine Nase aufzuweisen hatte, war schon an und für sich ein Mirakel. Seine Dorfgenossen, alt wie jung, hatten ihm oft, sehr oft darauf geschlagen, und dieses dann und wann bei recht mangelhafter Berechtigung dazu. Eine vaterlose Waise – klingt ganz hübsch, zumal wenn die Mama eine wohl oder auch nur annähernd behaglich gestellte Witwe ist; allein die nichtsnutzige Krabbe der Witwe Horacker durfte in Hunger, Frost und Krankheit weniger Anspruch darauf machen, rührend in ihrer Hülflosigkeit gefunden zu werden.

So war es denn zuweilen nur die bittere Notwendigkeit, die den Jungen zwang, sich selber zu helfen, auch wohl der Süßigkeit der Rache wegen (andere Süßigkeiten kamen nicht viel an den armen Gesellen) eine kleine Tücke in den Handel zu geben.

Unser Manuskript beweist es, daß wir nichts Übles von dem guten Pastorenhause zu Gansewinckel reden wollen; aber gegen ihre Neigungen vermögen wenige Menschen viel auszurichten. Und das Pastorenhaus hatte eben seine Neigung dem Lottchen zugewendet. Der Pastor Krischan Winckler machte sich nachher wenigstens Vorwürfe genug darüber, und kein anderes Glied seiner Herde erschien ihm so häufig als Cord in seinen Träumen, wenn er im Winter vom warmen Ofen bis zu dem verhangenen Fenster auf und ab wandelte, oder in der erquicklicheren Jahreszeit beim Spargelstechen. Jedesmal hielt er dann inne im Wandel oder Gartengeschäft:

»Heute will ich doch auch wieder mal von wegen des Schlingels, des Cord, an Freund Trolle schreiben.«

Die betreffende Staatsbehörde hatte nämlich zuletzt ihrerseits sich des verwahrlosten Knaben und der Gansewinckler Gemeinde angenommen. Sie hatte den alten Jungen genommen, ihn gewaschen, gekämmt, ihn in ein reinlich grau Kostüm gesteckt und behielt ihn zum Frommen der Weltentwicklung in der nächstgelegenen Besserungsanstalt unter scharfer Aufsicht bei genügender Arbeit und nur angemessener Kost. Man mußte es der hohen Behörde lassen; auch in geistiger Hinsicht vernachlässigte sie ihren schmalen Kostgänger nicht. Wenn der Gansewinckler Pfarrherr wirklich sein Vornehmen ausführte und an den Anstaltskollegen »von wegen Horackern« schrieb, so kam immer eine Antwort zurück, und die letzte lautete zum Schluß, nachdem der ehrwürdige Korrespondent im Anfang natürlich von allen möglichen andern Dingen gehandelt hatte:

»Deinen Horacker anbelangend, kann ich Dir gottlob nur Gutes mitteilen. Das Subjekt macht und hält sich immer noch löblich. Auch die gewöhnliche Institutsmelancholie (in meiner persönlichen Abwesenheit notabene unter sich sind die Burschen heiter zur Genüge) hat sich bedeutend gelegt, und ich bin psychologisch und physiologisch mit dem Blicke seiner Augen ganz zufrieren, wenn ich ihm sage: Jetzt sieh mir grade ins Gesicht, Horacker! Verhoffe also, Dir seinerzeit ein durch Deinen unwürdigen alten Hallenser Stubenbursch, vulgo Hausknochen, der Menschheit zurückgewonnenes Individuum zuschicken zu können. Bitte dagegen vorher noch um eine neue Abschrift Deiner Rheumatismussalbe; die meinige habe ich auf der letzten Pastorenkonferenz weitergegeben und kann mich nicht entsinnen, wem.

  • Seite:
  • 1
  • 2
< Achtes Kapitel
Zehntes Kapitel >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.