Frei Lesen: Pfisters Mühle

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Erstes Blatt | Zweites Blatt | Drittes Blatt | Viertes Blatt | Fünftes Blatt | Sechstes Blatt | Siebentes Blatt | Achtes Blatt | Neuntes Blatt | Zehntes Blatt | Elftes Blatt | Zwölftes Blatt | Dreizehntes Blatt | Vierzehntes Blatt | Fünfzehntes Blatt | Sechzehntes Blatt | Siebzehntes Blatt | Achtzehntes Blatt | Neunzehntes Blatt | Zwanzigstes Blatt | Einundzwanzigstes Blatt | Zweiundzwanzigstes Blatt |

Weitere Werke von Wilhelm Raabe

Der Hungerpastor | Der Marsch nach Hause | Abu Telfan | Deutscher Adel | Die Leute aus dem Walde |

Alle Werke von Wilhelm Raabe
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Pfisters Mühle) ausdrucken 'Pfisters Mühle' als PDF herunterladen

Wilhelm Raabe

Pfisters Mühle

Neuntes Blatt

eingestellt: 4.8.2007



Lieblich düftevoll lag die Sommernacht vor den Fenstern über dem alten Garten, dem rauschenden Flüßchen und den Wiesen und Feldern. Ein leiser Hauch von Steinkohlengeruch war natürlich nicht zu rechnen; aber er genügte doch, um mich bei den gewesenen Bildern festzuhalten, wenn ich gleich am heutigen Abend nicht mehr meinem Weibe davon weitern Bericht gab.

Es war eben ein Herbst- und Wintergeruch, den weder die dörflichen und städtischen Gäste, noch die Mühlknappen und die Räder und mein armer, fröhlicher Vater ihrerzeit länger zu ertragen vermochten. Und die Fische auch nicht - jedesmal, wenn der September ins Land kam.

Damit begann nämlich in jeglichem neuen Herbst seit einigen Jahren das Phänomen, daß die Fische in unserm Mühlwasser ihr Mißbehagen an der Veränderung ihrer Lebensbedingungen kundzugeben anfingen. Da sie aber nichts sagten, sondern nur einzeln oder in Haufen, die silberschuppigen Bäuche aufwärts gekehrt, auf der Oberfläche des Flüßchens stumm sich herabtreiben ließen, so waren die Menschen auch in dieser Beziehung auf ihre eigenen Bemerkungen angewiesen. Und ich vor allem auf die Bemerkungen meines armen seligen Vaters, wenn ich während des Blätterfalls am Sonnabendnachmittag zum Sonntagsaufenthalt in der Mühle aus der Stadt kam und den Alten trübselig-verdrossen, die weiße Müllerkappe auf den feinen grauen Löckchen hin- und herschiebend, an seinem Wehr stehend fand:

»Nun sieh dir das wieder an, Junge! Ist das nicht ein Anblick zum Erbarmen?«

Erfreulich wars nicht anzusehen. Aus dem lebendigen, klaren Fluß, der wie der Inbegriff alles Frischen und Reinlichen durch meine Kinder- und ersten Jugendjahre rauschte und murmelte, war ein träge schleichendes, schleimiges, weißbläuliches Etwas geworden, das wahrhaftig niemand mehr als Bild des Lebens und des Reinen dienen konnte. Schleimige Fäden hingen um die von der Flut erreichbaren Stämme des Ufergebüsches und an den zu dem Wasserspiegel herabreichenden Zweigen der Weiden. Das Schilf war vor allem übel anzusehen, und selbst die Enten, die doch in dieser Beziehung vieles vertragen können, schienen um diese Jahreszeit immer meines Vaters Gefühle in betreff ihres beiderseitigen Hauptlebenselementes zu teilen. Sie standen angeekelt um ihn herum, blickten melancholisch von ihm auf das Mühlwasser und schienen leise gackelnd wie er zu seufzen:

»Und es wird von Woche zu Woche schlimmer, und von Jahr zu Jahr natürlich auch!«

»Sieh dir nur das unvernünftige Vieh an, Ebert«, sagte der Alte. »Auch es stellt die nämlichen Fragen an unsern Herrgott wie ich. Experimentiert er selber so schon damit im Erdinnern, na, so kann man ja wohl nichts dagegen sagen und muß ihn machen lassen; denn dann wird ers ja wohl wissen, wozu es uns gut ist. Aber - vergiften sie es, da weiter oben, in nichtsnutziger Halunkenhaftigkeit ihm und mir und uns, na, so müßte er denn wohl am Ende mit seinem Donner dreinschlagen, wenn nicht meinetwegen, so doch seiner unschuldigen Geschöpfe halben. Guck, da kommen wiederum ein paar Barsche herunter, den Bauch nach oben; und daß man einen Aal aus dem Wasser holt, das wird nachgrade zu einer Merkwürdigkeit und Ausnahme. Kein Baum wird denen am Ende zu hoch, um auf ihm dem Jammer zu entgehen; und ich erlebe es noch, daß demnächst noch die Hechte ans Stubenfenster klopfen und verlangen, reingenommen zu werden, wie Rotbrust und Meise zur Winterszeit. Zum Henker, wenn man nur nicht allmählich Lust bekäme, mit dem warmen Ofen jedwedes Mitgefühl mit seiner Mitkreatur und sich selber dazu kalt werden zu lassen!«...

»O, ich habe alles gehört«, sagte Emmy. »Erzähle nur ruhig weiter; ich höre alles. Es ist bloß ein Erbteil von meinem armen Papa, wenn den etwas sehr interessierte, was Mama erzählte, und er in seiner Sofaecke saß, und Mama grade wie du sagte: ›Kind, wozu rede ich denn eigentlich?‹ - Er wußte nachher so ziemlich alles, wovon die Rede gewesen war, wenn er auch mit geschlossenen Augen darüber nachgedacht hatte. Und du brauchst mich nur zu fragen, lieber Ebert, ob ich dir nicht auch alles an den Fingern aufzählen kann von dir und den Fischen in Pfisters Mühle - nein, von Pfisters Mühle und deinem Papa und den Enten und allem übrigen, den Studenten und den Gästen aus der Stadt, und wie alles so sehr übel roch jedesmal, wenn seit dem Kriege mit den Franzosen und dem allgemeinen Aufschwung der Herbst kam. Und eben hatten die Leute schon gesagt: ›Es ist Schnee in der Luft!‹ und du saßest in deiner Schülerstube am Fenster und wartetest drauf, und da war dein Papa in die Stadt gekommen, und ihr hattet wieder von den entsetzlichsten Gerüchen euch unterhalten, daß es einem allmählich ganz unwohl dabei wird. Siehst du wohl, ich weiß alles ganz genau, und zuletzt waret ihr grade in euerer äußersten Verzweiflung auf dem Wege zum Doktor Asche, und das ist eigentlich mehr, als du von mir verlangen kannst, denn du hattest seinen Namen noch durchaus nicht genannt; ich habe es mir aber gleich gedacht, auf wen die Sache hinauslief.«

»Ein Prachtmädchen bist du und bleibst du!« stotterte ich ein wenig verwundert und in einigem Zweifel darob, wieviel eigentlich unser Herrgott den Seinigen im Traum zu geben vermag. Aber einerlei, woher das liebe Seelchen es hatte; es war seinem eigenen Ausdruck zufolge vollkommen au fait und blieb helläugig und munter und schlauhörig bis weit über Mitternacht hinaus.

Ein Grund zur Eifersucht war gottlob nicht vorhanden; aber es gab glücklicherweise außer mir keine andern Individuen innerhalb und außerhalb meiner Männerbekanntschaft, die mein Weib so ausnehmend interessierten wie Doktor A. A. Asche und so gut Freund mit ihr waren wie derselbige Herr, Weltweise und Berliner Großindustrielle.

»Ja, setz deine Mütze auf«, sagte mein Vater. »Du kannst mitgehen und anhören, was seine Meinung ist und ob er auf meine Vorschläge in Anbetracht euerer Weihnachtsferien und Pfisters Mühle eingehen will. Es ist mir sogar recht lieb, wenn ich dich als Zeugen habe, der mir im Notfall dermaleinst vor dem Weltgericht bestätigen kann, daß ich mein möglichstes getan habe, um deiner Vorfahren uralt Erbe vor dem Verderben zu bewahren und es vor dem Ausgehen wie Sodom und Gomorra in Schlimmerem als Pech und Schwefel und in Infamerem als im Toten Meere zu erretten. Deine selige Mutter, wie ich sie kenne, stünde schon längst als Salzsäule dran; und in der Beziehung ist es ein Glück, daß sie das nicht mehr erlebt hat. O du lieber Gott, wenn ich mir Pfisters Mühle von heute und deine selige Mutter denke!«

Ich hatte meine selige Mutter nicht gekannt. Ich wußte von ihr nur, was mir der Vater und Christine von ihr berichtet hatten und immer noch erzählten, und ich wußte es in der Tat schon, daß sie und Pfisters Mühle »von heute« nicht mehr zueinander paßten, und daß ihr, meiner jungen, zierlichen, reinlichen, an die beste Luft gewöhnten lieben Mutter, viel Ärgernis und Herzeleid erspart worden war durch ihr frühes Weggehen aus diesem auf die höchste Blüte der Kunst- und Erwerbsbetriebsamkeit gestellten Erdendasein.

Ich setzte meine Mütze auf und nahm den Arm meines alten, einst so fröhlichen Vaters. Er hatte mich sorgsam und nach bestem Verständnis geführt, solange er die alte Lust, das alte Behagen an seinem Leben hatte. Heute abend auf der steilen Treppe, auf dem Wege zu unserm beiderseitigen Freunde, Doktor Adam Asche, überkam mich zum erstenmal die Gewißheit, daß in näherer oder fernerer Zeit an mir wohl die Reihe sein werde, sorgsam und liebevoll seine Schritte zu unterstützen. Es war kein kleiner Trost, daß das lichte, liebe Bild, das er eben durch Erwähnung meiner Mutter wachgerufen hatte, uns freundlich und ruhig und lächelnd voranglitt.

Die Witterung draußen war längst nicht so behaglich, wie sie sich vom Fenster aus ansehen ließ. Der Wind blies scharf, und ich hatte häufig die Kappe mit der freien Hand zu halten auf dem Wege zu »unserm Freunde«.

Der pflegte, wie gesagt, häufig mit seinen Wohnungen zu wechseln, wenn er im Lande war, das heißt, wenn er sich in seiner Vaterstadt aufhielt. Diesmal hatte er sein Quartier in einer entlegenen Vorstadt aufgeschlagen, und zwar, wie immer, nicht ohne seine Gründe dazu zu haben; und ich, der ich, um die Schülerredensart zu gebrauchen, die Gegend und Umgegend natürlich wie meine Tasche kannte, hatte zwischen den Gartenhecken und Mauern, den Gartenhäusern und Neubauten in dem nur hier und da durch eine trübflackernde Laterne erhellten Abenddunkel mehr als einmal anzuhalten, um mich des rechten Weges zu ihm zu vergewissern.

Ein enger Pfad zwischen zwei triefenden Hecken brachte uns zu einer letzten Menschenansiedlung, einem dreistöckigen, kahlen Gebäude, mit welchem die Stadt bis jetzt zu Ende war und hinter welchem das freie Feld begann. Aber Lichter hie und da in jedem Stockwerk zeigten, daß auch dies Haus schon bis unters Dach bewohnt war, und mancherlei, was umherlag, -hing und -stand, tat dar, daß es nicht grade die hohe Aristokratie im gewöhnlichen Sinne war, die hier ihren Wohnsitz aufgeschlagen hatte.

Bei einer halbwachsenen Jungfrau, die in sehr häuslicher Abendtoilette eben einen Zuber voll Kartoffelschale über den Hof trug, erkundigte ich mich, ob Herr Doktor Asche zu Hause sei, und erhielt in Begleitung einer Daumenandeutung über die Schulter die eigentümliche Benachrichtigung:

»In der Waschküche.«

»Wo, mein Herz?« fragte mein Vater ebenfalls einigermaßen überrascht; doch ein ungeduldiges Grunzen und Geschnaube aus einer andern Richtung des umfriedeten Bezirkes nahm das Fräulein so sehr in Anspruch, daß es nichts von fernerer Höflichkeit für uns übrig behielt. Zu dem Behälter ihrer Opfertiere schritt die vorstädtische Kanephore; und wir, wir wendeten uns einer halboffenen Pforte zu, aus der ein Lichtschein fiel und ein Gewölk quoll, welche beide wohl mit dem Waschhause der Ansiedlung in Verbindung zu bringen waren.

»Du lieber Gott, er wird doch nicht - es ist zwar freilich morgen Sonntag; aber er wird doch nicht jetzt noch sein frisches Hemde selber drauf zurichten?« stotterte Vater Pfister, und ich - ich konnte weiter nichts darauf erwidern als.

»Das müssen wir unbedingt sofort sehen!«

Ich stieß die Tür des angedeuteten Schuppens mit dem Fuße weiter auf. Das vordringende Gewölk umhüllte uns und -

  • Seite:
  • 1
  • 2
< Achtes Blatt
Zehntes Blatt >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.