Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

Drittes Kapitel

eingestellt: 8.8.2007



»Er geruht zu arbeiten.«

Diese Antwort verwies die vielen, welche im Vorzimmer seit Stunden auf gnädigen Zulaß warten, zur Geduld.

Es waren ihrer aus allen Ständen, von der Ritterschaft, Abgeordnete aus beiden Haupt- und aus den anderen Städten, Prälaten, auch fremde Herren, die gern an Joachims glänzendem Hofe sich zeigten. Denn es galt in Deutschland für eine Ehre, in der Nähe eines so großen und weisen Fürsten gelebt zu haben, dessen Wort und Wille in allen gemeinsamen Angelegenheiten des Vaterlandes von entscheidendem Einflusse gewesen.

Doch hätten die Fremden, welche das Licht herangezogen, alle die Bemerkungen mit angehört, welche sich in den Winkeln Luft machten, schier wär es ihnen vorgekommen, das Licht, welches in der Ferne eine Sonne schien, sei hier zu einer Lampe geworden, deren Flamme der Wind bewegt, und wenn er still ist, glaubt jeder sich berufen, zu blasen, daß sie wehe, wie er es wünscht.

So still es war, so laute Mutmaßungen gingen durch den Saal, was der Fürst arbeite, und so lange arbeite? Zumal unmutig schien ein deutscher Herr, ein Komtur aus Preußen, den sein Hochmeister nach Brandenburg geschickt, um zu verhandeln wegen des Durchmarsches deutscher Hilfsvölker. Unmutig schritt dieser Herr, den weißen, schwarz bekreuzten Mantel um die Schulter werfend, auf und ab, derweil ein anderer vornehmer Fremder, der Abgesandte des Dänenkönigs, eher mit verzagter Miene, am Fenster stand.

»Wer bittet, muß warten lernen,« sagte leise der Däne. »Ich stehe hier nicht zum ersten Mal, und weiß, daß ich stehen kann, bis ich aschgrau werde.«

»Mein Anliegen ist kein Geheimnis,« sagte der deutsche Herr. »Mein Orden ist im Begriff, mit dem Ritter Franz von Sickingen abzuschließen, daß er für gutes Geld zehntausend deutsche Landsknechte uns zuführt. Es kommt nur auf den Durchzug an; die Leute, die er gesammelt, laufen auseinander, wenn sichs noch länger hinzögert. Und mein Herr ist sein leiblicher Vetter!«

»Und meiner sein leiblicher Schwager!« entgegnete der Däne. »Das Wasser geht meinem Könige bis an die Zähne, das ist auch kein Geheimnis, und ich weiß für gewiß, der Markgraf wird ihm nimmer helfen. Dennoch muß ich stehen und warten, warum er nicht helfen will. Das ist ein Hundedienst.«

»Hat er sich ausgetauscht?«

»Nur die alte Wahrheit, Ritter, wer kein Glück mehr hat, hat auch keine Freunde mehr.«

»Doch sie im Unglück warten lassen, war nicht an Joachim. Da schlägt er aus der Art.«

»Unter uns,« sprach der Däne, »nicht so ganz. Als es meinem Könige noch gut ging, hörte Christiern nicht auf des Schwagers Rat. Der Brandenburger vergibts nicht, wo jemand klug sein will ohne ihn. Fragt seine Räte. Da kommt einer.«

«Ihr Herren seid nicht schlimmer dran als wir, die er spottweis seine Geheimen Räte nennt,« erwiderte dieser, nachdem er beide in die Fensterecke gezogen. »Bisweilen erfahren wir erst von unseren Frauen, wenn sie vom Markt kommen, was der Kurfürst beschlossen hat, und das Volk glaubt, wir hätten es ihm geraten.«

»Er ist, wie die Dinge stehen,« hub der Ritter aus Preußen an, »der erste deutsche Fürst, auf den das Reich als seinen Hort blickt, als die Säule, an die es sich halten möchte, seit Kaiser Maxens Tode, wo niemand weiß, wohin der junge Karl seine spanische Nase steckt. Er kann, er darf die deutsche Art in Preußen nicht untergehen lassen, oder er fuhr doch aus seiner Art.«

»Ei nun,« meinte der Däne, »man spricht doch, daß er bei der Kaiserwahl dem Könige Franz damals seine Stimme versprach. Und wäre nicht der Sickinger vor Frankfurt erschienen –«

»Das sind alte Dinge! Was hat er nicht gewollt, seit er das eigene Land befriedigte! O, es gingen Pläne in ihm um, daß einem Menschen von gesunden Sinnen der Verstand still steht. Das Reich und die Kirche, er wollte alles umfassen, bessern. Gar nicht von den Konzilien und Reichsordnungen zu reden, ich erzähls Euch nur beispielsweis, einmal wollte er das ganze deutsche Reich mit einem großen Netz von Zollhäusern umschlingen, daß der Verkehr im Innern frei werde; dagegen was von außen käme, sollten alle Deutsche, ob sie an der Maas oder an der Weichsel wohnen, über den Alpen oder am Belt, zu gleichem Eintrittszolle haben, ich glaube vier vom Hundert. Dafür sollten alle Zollstätten und Marken im Innern fortfallen.«

»Ein schlauer Plan, um Herr über das ganze Deutschland zu werden,« sagte der Däne.

»Ihr irrt, dahin fliegt sein Ehrgeiz nicht.«

»Wohin denn?«

»Wer weiß es! Seine kühnsten Pläne scheiterten. – Er grollt. Mit wem? – Wir wissens nicht; vielleicht am meisten mit sich selbst. Jetzt kriegt er gegen die wilden Tiere, Die Medici habens ihm geraten, daß das schwarze Blut ausschwitze; er jagt mit einer rasenden Leidenschaft.«

»Hat denn keine der schönen Frauen auf ihn Einfluß?«

»Keine, Herr Swen Oerebrog. Spielzeug und Zeitvertreib! Wie ein Weiser im Garten spazieren geht und Blumen pflückt. Er pflückt neue und wirft die allen fort. Es sind nicht die Blumen, es sind die Gedanken, die ihn beschäftigen.«

»So ist zu hoffen, daß doch noch ein besseres Verständnis mit seiner Gemahlin zurückkehrt!«

»Hofft auf nichts, Herr Graf, als auf die Sterne. Befreundet Euch seinen Astrologen; das ist der einzige gute Rat, den ich Euch geben kann, Meister Carrion schreibt, wie man mir sagt, jetzt an einem Buche, das Kalender heißen soll; darin wird man lesen, wie viel Finsternisse in dem Jahre eintreten; auch was geschehen ist und was geschehen wird, zum Nutzen für jedermann. Laßt ihn hineinschreiben: an dem und dem Tage eine große blutige Schlacht im Norden, darin der rote Adler den Danebrog in seinen Krallen zerzaust, – Wenns in den Sternen steht und im Kalender, läßt Joachim wohl die Trommel gegen den Holsteiner rühren; eher nicht.« –

Die Tür zu den inneren Gemächern war mehrmals rasch geöffnet worden, aber niemand ward hineingerufen. Fouriere oder Edelknaben sah man herauskommen und schnell durch die Menge gehen. Im Hofe, hörte man dann andere Diener auf die gesattelt stehenden Pferde sich schwingen und durch die Tore traben. Was arbeitete der Kurfürst? –

»Weiß man noch nichts?« flüsterte der Propst im Vorübergehen einem Hofmann ins Ohr.

»Nichts!«

Der Propst ging rasch weiter. Der geistliche Herr schien diesmal nicht die Mitte des Saales, noch die Vornehmsten zu suchen; er drückte nur einem Stallmeister, den er im Winkel fand, die Hand:

»Ihr wart dabei. Still, liebster Frobesser, ich weiß es aus dem Beichtstuhl, und was Ihr mir sagt, ist wie im Beichtstuhl gesprochen. Wie sah die Erscheinung aus? Struppig? Wild herabhängendes Haar? Vorstechende Augen aus einem bleichen Gesichte? – Ihr seht, ich weiß alles, ohne daß Ihr es mir sagt. Aber der Ton seiner Stimme? – Sprach der wilde Mann plattdeutsch?«

»Als er unserer ansichtig ward, oder vielmehr, da wir unseres Herrn ansichtig wurden, verschwand er mit einer raschen Wendung hinter dem Busch. Nachher sahen wir ihn noch auf einem Waldknollen. Er schaute uns nach. Da deuchte er uns wie ein Riese groß, zumal als er die dürren Arme aus der Kapuze erhob –«

»Was für eine Kapuze?«

»Das konnt ich nicht erkennen; sie war zersetzt von Wind und Wetter. Aber als die Sonne ihm ins Gesicht schien, leuchteten die Augen wie Kohlen aus einem Totenkopf. Es war gewiß ein böser Geist.«

Der Zug um den Mund des Propstes verriet, daß er nicht dieser Meinung war: »Habt Ihr kein hübsches Mädchengesicht – da herum – wahrgenommen?«

»Die wendischen? – Sechs Meilen rundum ist keine Diele und kein Dach.«

»Und was sprach der Kurfürst? – Ich meine nachher? Ich weiß, er hat nichts gesagt. – Aber ein aufmerksamer Diener und Freund seines Herrn – Zum Exempel wie blickte er der Erscheinung nach?«

»Ihr seid im Irrtum, ehrwürdiger Herr,« sprach der Stallmeister mit möglichst leisem Tone, sich zum Ohr des Propstes neigend. »In den Sümpfen und Heiden da versteckt sich kein Kundschafter und kein Bote. Wär irgend was zu besorgen gewesen, wir hätten ihn ja nicht aus den Augen gelassen. Und wer wußte den Tag vorher, daß er gerade dort jagen würde?«

»Mein bester Freund,« erwiderte in demselben Tone der Propst, »Ihr seid sehr ehrlich, und das sind wir alle hier, aber wenn Ihr wachsam sein wollt, daß ihm nichts zugeflüstert wird, so müßt Ihr auch keine Nußschale auf der Diele liegen lassen, ohne sie aufzuheben; denn Ihr wißt nicht, wer darunter lauscht. Seit die Spanier am kaiserlichen Hofe –«

Ein freundlicher Druck auf die Schulter unterbrach den ehemaligen Dechanten, und der alte Hofmann, welcher kein anderer war, als der ehemalige Junker Peter Melchior, flüsterte ihm von der anderen Seite etwas ins Ohr.«

»Seid Ihrs gewiß?« fuhr der Propst auf, und seine Blicke schielten nach der Seite, wo die städtischen Herren von Kölln und Berlin standen.

»Während ich mit den Uckermärker Herren sprach, hatte ich mein Ohr nach hinten. Ihr wißt, ich kann gut rückwärts hören. Der Bürgermeister Reiche rekapitulierte zum Syndikus, was er dem Kurfürsten namens des Magistrates sagen sollte.«

»Reiche! Wo kriegt der Bürgermeister den Mut her?«

»Der Angstschweiß läuft ihm auch von der Stirn. Seht doch, wie er einwärts steht.«

»Er bringts nicht von den Lippen, wenn Joachim ihn scharf anblickt.«

»Er muß, Propst, die andern stoßen ihn. Es ist heut gewaltiger Lärm im Magistrat gewesen. Die widersprachen, haben gar nicht aufkommen können.«

»Und sie wollen –«

»Bitten, daß Seine Durchlaucht gestatte, daß einer oder der andere von denen wittenbergischen Prädikanten, so in der Altstadt Brandenburg gepredigt, auch hüben und drüben der Spree auf die Kanzel trete, damit sies mit eigenen Augen sehen und mit eigenen Ohren hören, was an der Sache sei.«

»So wünschte ich doch, daß Joachim –«

»Um der Barmherzigen willen, wünscht es nicht, Propst; wenn das Gewitter losgeht, schlägts immer da ein, wos nicht soll.« –

»Wünsche sind Torheit, Ihr habt recht. Macht Euch an sie, Krauchwitz, als wüßtet Ihr nichts, was sie vorhaben. Malt ihnen das Gewitter, wie es ist, wie nur wir vom Hofe es kennen; ein wenig schärfer, dunkler; viel ist nicht nötig, so eine Probe vom Donner, daß –«

»Die Milch sauer wird, ehe sie bis zu den Lippen kommt,« fiel der Hofmann ein. »Verlaßt Euch auf mich, sie sollen schlottern und zittern, wenn sie den Mund auftun.«

Nach einem raschen Besinnen hielt ihn der Propst am Arm und zog ihn tiefer in die Ecke.

»Ihr mögt ihnen sagen, gelegentlich versteht sich, Ihr müßtet fürchten, heute sei ein sehr unglücklicher Tag, um eine Bitte, was es sei, vorzutragen. Wenn es eine wichtige Sache wäre, bätet Ihr sie, aus Freundschaft für die Stadt, ihrer selbst willen, daß sie es aufschöben.«

»Blitz!« rief der andere mit einem jener stechenden Blicke, welche weniger dem Hofmann als dem Junker Peter Melchior angehörten, wenn er einen guten Paschwurf getan. »Blitz! laßt sie doch sich die Zunge verbrennen. Wir sind ja in der puren Wahrheit, wenn wir ihnen sagen, daß ein Gewitter im Anzuge ist. Dafür sprechen alle Zeichen. Ich möchte heute nicht von der Köpenicker Schloßhauptmannschaft anfangen, noch riet ich Euch, das Kapitel von Havelberg anzuführen, aber sie laßt sprechen. Wenn er losschnaubt, fliegen sie bis an die Wand, und damit ist die Sache abgetan, wenn sie Euch ungelegen kommt.«

Der Propst hatte die Nägel seiner Finger besehen, vielleicht spiegelte sich das Gesicht des Junkers darauf, und er fand es nicht geraten, ihn weiter zum Vertrauten der Gedanken zu machen, welche sichtlich in ihm aufstiegen und sichtlich von ihm unterdrückt wurden:

»Lassen wir alles in Gottes Hand einstweilen, teuerster Freund! – Wer weiß – ja wer weiß alles – Ja, und Ihr seid gewiß, daß niemand um das Abenteuer von gestern – Ihr versteht mich, niemand?«

»Auch Bredow weiß nicht drum.«

»Was bedeutet das?« rief der Propst mit einer Stimme, welche eine Art innerer Scheu ausdrückte. »So etwas ist noch nicht vorgekommen.«

»Doch, Hochwürdigster! Saldern und Buch erinnerten mich vorhin an den alten Vorfall mit dem verrufenen Schwarzkünstler. Es weiß noch heute niemand recht, was sich zugetragen; aber wie der Markgraf damals aus der Reetzengasse zurückkam, blaß, verstört, – er schloß sich auch ein mehrere Tage. Der Page, welcher mit ihm beim Doktor war, ist am hitzigen Fieber verstorben.«

»Dieser Faustus war nachher aus Berlin verschwunden, man erfuhr nicht wie,« sagte nachdenklich der Propst.

»Was in der Raserei der Edelknabe sprach, ist das einzige, was man von der Sache erfuhr. Joachim wird aber noch immer blaß, wenn man des Doktor Faust in seiner Gegenwart erwähnt.«

»Den hat der Teufel längst erwürgt und geholt.«

»Zu Brette in der Pfalz, wie jedes Kind weiß,« fuhr der Hofmann fort. »Allein der Knabe, es war ein von der Goltz, der draußen auf der dunklen Treppe stehen bleiben mußte, hatte es mit angehört, wie seine Durchlaucht gesagt: Was Du dem Herzoge von Parma gezeigt, will ich auch sehen, denn Du standest nicht schlechter vor dem von Parma, als Du vor mir stehst. Darauf hatte er viel schreckhaftes Geräusch vernommen, und ein Lichtschein, wie vom Blitz, war durch das Schlüsselloch und durch die Türritzen drungen.«

»Und wir wissen doch nicht, was er gesehen.«

»Wir wissens: Alexandrum Magnum, den König von Griechenland. So groß ist er an der Wand erschienen, daß Seiner Gnaden sich entsetzt. Nachmalen gerieten Sie aber in Zorn, daß sich ein hergelaufener Mensch ohne Distinktion unterstanden, ein gekröntes Haupt aus seiner Grabesruh zu citieren, daß Sie aufsprangen und dem Magnus einen Fußtritt gaben. Da ist der Doktor auf sein Knie gefallen und hat zu Gnaden gebeten, ihm zu verzeihen, da er doch nur dem Befehl des weisesten aller Fürsten nachgekommen, und sei Alexander zwar ein großer König, aber doch nur ein Heide gewesen; darum habe er Macht, daß er auch ihn citierte. Und danach hat der Markgraf denn noch etwas sehen wollen, das hat der von der Goltz nicht gehört, was es war, und der Schwarzkünstler hat himmelhoch gebeten, daß er ihm das erlasse. Endlich aber hat er mit Zittern dran gemußt, und da hat der Markgraf einen Schrei ausgestoßen und ist, wies dem Knaben bedünkt, in Unmacht gefallen. Der hat sich vor Zittern und Angst an das Treppengeländer gehalten; dann aber hat er sich zusammengenommen und wollen die Tür aufstoßen, aber Joachim ist ihm entgegengetreten, blaß wie der leibhafte Tod, die Zähne klappernd, und hat ihn nicht gesehen; so ist er die steile Treppe hinuntergestürzt, und erst am Ende der Reetzengasse hat ihn der Knab eingeholt. Da hat der Markgraf sich in seinen Mantel vermummt und ihn gefragt, ob er was gesehen und gehört, und der Goltz hat gesagt, nein, er hätte nichts gehört und gesehen, sondern wär fast vor Angst umgekommen, daß die Geister, so im Flur gepoltert, ihn nicht erwürgten. Da hat Joachim zu ihm gesagt: das sei ihm gut, denn so er etwas gesehen und gehört, ließe er ihn in einen Sack tun und in die Spree versenken mit einem Stein dran. Davon ist der Knabe nachher ins Fieber gefallen und nicht wieder genesen«

In dem Augenblicke machte sich wieder eine Bewegung bemerkbar. Es lief etwas durch den Saal und teilte sich, ohne daß man es laufen sah, von einer getrennten Gruppe zur anderen mit. Es gibt eine Sprache an den Höfen, die keiner Worte, ja keiner Laute bedarf, und die sie verstehen, verständigen sich doch im Augenblick. Alle wußten fast zu gleicher Zeit das Geheimnis des Kabinettes, in das doch noch kein Auge gedrungen war. Der Kurfürst dachte nicht an den Türkenkrieg, nicht an seinen Schwager, den Dänen, noch an Kaiser Karl V. und das deutsche Reich, sondern die vielen Eilboten, die er ausgeschickt nach dem Unter- und Oberbaum, nach Köpenick und Spandow, sollten ihm nur etwas berichten, was er selbst mit ungeteilter Aufmerksamkeit beobachtete – den Stand des Wassers in der Spree und Havel. Die jüngst Angekommenen berichteten es, und wer in der Nähe der Tür war, schlüpfte hinaus, um sich von den Fenstern des Korridors selbst davon zu überzeugen, – der Kurfürst stand in dem vorspringenden Wasserturm am Fenster und schaute mit unterkreuzten Armen unverwandt nach den Pfeilern der langen Brücke.

Da sah einer den andern an, und aus ihren Blicken hättest Du manches lesen mögen. Die einen unterdrückten ein böses Lächeln, die anderen sahen blaß und fragten: Steigt es wirklich?

Die Ankunft zweier vornehmen Herren unterbrach, ich weiß nicht, ob die Gedanken, aber das Gespräch. Der Bischof von Brandenburg erschien, vom Marschall Bredow geführt. Joachim hatte den Prälaten rufen lassen, und ihre Namen wurden hineingemeldet. Wer hätte nicht gesucht, dem einen oder dem anderen sich zu nähern, denn beide waren von allen Räten und vom ganzen Hofe unzweifelhaft die Männer, welche Joachim am nächsten standen. Die Versammelten schöpften Atem; nun durfte der Fürst nicht länger zögern. Und wenn die Sonne seines Antlitzes mit Wolken umdüstert war, mußten die Lippen seines besten Rates, die Augen seines liebsten Günstlings die Nebel verscheuchen.

Die Tür öffnete sich, aber nicht der Kurfürst trat heraus, der diensthabende Junker, der hineinrief –

Natürlich den Bischof von Brandenburg, den jüngst angekommenen, den vornehmsten Gast, den ersten Rat. So dachte jeder, auch der Komtur aus Preußen, der zwischen den Zähnen murmelte: »ein Pfaff geht allen hier vor,« und mit schlecht verhehltem Unwillen dem Bischof den Rücken kehrte, als dieser, aus dem ehrerbietig sich öffnenden Kreise, demütigst geneigt, doch im vollen Bewußtsein, auf die Tür zuschritt.

Der Junker rief nicht seinen, sondern den Namen des Ritters Hans Jürgen von Bredow.

Hieronymus Scultetus war ein Hofmann, aber auch ein Fürst in seinem Sprengel. Er war ein stattlich, wohlbeleibter Herr, der mit der Zunge sich leicht wandte, aber mit dem Körper wars ihm schwerer. Ein Hofmann von heut hätte sich behender umgewandt, daß mans nicht gemerkt, was sie heut nennen würden: er war abgeblitzt. Der Komtur aus Preußen stieß ein helles Gelächter aus. Es war eine schlechte Sitte damals, aber der Komtur war müde, und in Preußen war ers nicht gewohnt zu warten.

Indes hatte sich der Bischof umgewandt, so gut es eben ging; und so freundlich einer aussehen kann, dem der Aerger durch den Leib fährt, ging er am Arm des Propstes an der leeren Wand des Saales auf und ab. »Sie konferieren über wichtige Dinge,« meinten einige, und die das meinten, mögen wohl recht gehabt haben. Ihre Blicke flogen oft hinüber nach den Berliner Herren.

»Ihr irrt,« sagte Hieronymus lauter, als sie in einer unbelauschten Ecke standen. »Ueberlegen, wenn es noch an der Zeit ist, zaudern und hinhalten, wenn man mit sich selbst uneinig ist, aber handeln, wenn die Zeit drängt. Und drängt sie nicht?«

»Aber nach dem, was ich eben die Ehre hatte – wir wissen ja nicht, was die Glocke drinnen geschlagen hat. Der Kurfürst –«

»Wird unter allen Umständen, wenn die Bürger sich das erfrecht, lospoltern; je unerwarteter es ihm kommt, desto ärger. Was konnten wir mehr wünschen?«

»Seine Würden, der Bischof von Brandenburg!« ertönte die Stimme des diensttuenden Junkers durch den Saal. Als Hieronymus nach der Tür schritt, durch die so viele ängstliche Blicke warfen, begegnete ihm der Ritter Hans Jürgen, der in Eil sich durch die Gruppen drängte. Beide konnten keine Blicke tauschen. Aber der Propst wollte ihn auffangen, indem er sich an seinen Arm hing und ihn nach der Tür begleitete.

»Ehre, wem sie gebührt. Wo Kirchenfürsten und Abgesandte von Königen warten mußten, eine ganze Stunde im vertraulichen Zwiegespräch mit dem Erlauchten –«

»Der mir auch keine Sekunde erlaubt, Euch für Euren Glückwunsch zu danken,« antwortete der Ritter und war die Wendeltreppe schon hinunter.

»Soll der auch nach dem Wasser sehen,« sprach der Propst, als man ihn hörte in den Sattel steigen.

Im selben Augenblicke erschien der Junker wieder an der geschlossenen Tür, den Anwesenden verkündend, daß der durchlauchtige Kurfürst für heut die Audienz schließe und die Versammelten in Gnaden entlasse.

Der Bürgermeister Reiche atmete auf und wischte den Schweiß von der Stirn, als seine Kniee sich beugten, nicht zum Knieen, sondern die Stufen der Treppe hinabzusteigen. Die anderen Bürgerherren senkten etwas den Kopf und schüttelten ihn leise. Es schüttelte mancher den Kopf, wenn auch nicht jeder so deutlich als der Komtur aus Preußen. Zuletzt kam der dänische Abgesandte, der einzige, um dessen Mund ein Lächeln schwebte. Er schien jede Stufe der Treppe zu beobachten, wie alte Bekannte, die er so oft gezählt. Vielleicht, daß er sich gefreut, wenn einmal seine Rechnung falsch war, aber er hatte sich nicht verrrechnet.

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