Frei Lesen: Der Werwolf

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Willibald Alexis

Der Werwolf

Sechstes Kapitel

eingestellt: 8.8.2007



Als Frau Eva Bredow dies inne ward, und sie hatte es früher gemerkt als der Nachtwächter, war sie leise aus dem Bette geschlüpft, hatte sich leise übergeworfen, was eben eine gute Hausfrau, wenn sie nachts aus dem Bette schlüpft, überwirft, damit niemand, auch der Mondmann nicht, sie in ihrer Blöße sieht, und war sacht um das Bett geschlichen. Schon hatte sie die eine Hand ausgestreckt nach dem, was sie ergreifen wollte; denn ohne einen Zweck war sie nicht aufgestanden, und noch weniger war sie eine Nachtwandlerin, – als sie erschrocken innehielt. Vielleicht hat ihre Ureltermutter auch so einen Augenblick vor dem Baume gestanden, als sie nach der glänzenden Frucht die Hand ausstreckte; denn etwas Verbotenes, wenn nicht gar etwas Unrechtes, hatte sie vor, das sie in voraus verraten. Da lehnte sie sich über das Bett ihres Kindes, hauchte einen Kuß auf die Lippen ihres Jüngsten, sanft, daß er nicht davon erwache, und es war, als ob sie ein stilles Gebet über dem Blondkopf murmelte, welches schloß: »Ich tus ja nur um Euretwillen!«

Dem Augenblick waren aber viele Augenblicke vorangegangen. Als sie vorhin wie eine steinerne Figur auf dem Grabe gesessen, hatte Eva ein lebhaft Selbstgespräch geführt, oder wars ein Zwiegespräch mit dem Monde? Ihre Augen sahen bald auf das blasse Gesicht vor dem Fenster, bald auf einen Gegenstand, der dazwischen sanft sich schaukelte.

Und ihre Gedanken flogen weit zurück; sie weilten bei einem offenen Grabe im Kreuzgang von Kloster Lehnin; sie senkten ihren Vater in die Gruft; dann ging sie an Hans Jürgens Hand den langen Weg, seitwärts durch die Wälder, zurück nach Schloß Ziatz. Sie glaubte weinen zu müssen und schämte sich, daß sie so froh war, und wenn sie glaubte, daß, sie ein Recht habe, froh zu sein, kamen trübe Gedanken. Es war ein Apriltag, jetzt schien die Sonne durch die Wolken auf das junge Grün, die Käfer schwirrten, die Mücken summten aus den Büschen, es dampfte aus den Niederungen; da stäubte durch den Sonnenschein ein feiner Regen, der stärker ward, und Hans Jürgen umhüllte sie mit seinem schwarzen Mantel und hielt sie umfaßt an einem alten Baum, zum Schutz vor dem heftigen Schauer. Wie schlug da bang ihr junges Herz, wie bang und wonnig. Die Tränen traten ihr ins Aug, daß sie so froh sein können über einer Leichenbahre; deshalb goß der Himmel seinen Zorn über sie aus. »Sei nicht bang, Eva,« hatte Hans Jürgen gesprochen, »es kommt auch wieder besser.« Und die Sonne war wieder vorgetreten, ihre Strahlen durchschnitten schräg die fliehenden Wolken und der Regen löste sich in Perlentropfen, die von den Kiefernadeln träufelten.

Einmal müssen wir alle sterben: wohl dem dann, der gut stirbt! Das war der einzige Trost, den der Knecht Ruprecht an ihres Vaters Totenbette gewußt. Ja, er war gut gestorben. Aber was war vorangegangen! – Eine Kleinigkeit nur hatte sich der gute Herr Gottfried von seinem Eidam versprechen lassen. Hatte ihn an Sohnes Statt angenommen, hatte ihm sein bestes Gut übergeben, seine Eva; wem denn konnte er, was ihm demnächst am teuersten war, seinen Talisman besser vermachen? Die anderen Bredow achtetens ja nicht. Nein, Plunder sollte es nicht werden; nicht auf den Trödel kommen, nicht in die Rumpelkammer, Fraß für Motten und Staub. Auf dem Totenbette hatte Hans Jürgen dem guten Herrn Götz es geloben müssen, bei einem Heiligen – das war das Ueble, Hans Jürgen entsann sich nicht mehr, bei welchem – daß er das Kleid in Ehren halten, es nicht in Freud und Leid vom Leibe tun wolle, das Kleid, was so vielen seiner Vorfahren durch alle Nöte geholfen, ihm auch aus schwerer Angst. Eva hatte ihm heimlich genickt, als Hans Jürgen sie ansah. Kannst Du das nicht mal versprechen um mich? schien der Blick zu sagen, und er hatte auf seinen Knien die Hand erhoben und gelobt: er wolle es in Freud und Leid tragen, bis er liegen werde, gleich wie jetzt Herr Gottfried, der Stunde gewärtig, wo sein Schöpfer ihn abrufe zur himmlischen Seligkeit, als wo jeder wohl gesehen ist, in wes Kleid und Farbe er komme.

Da, als er seinen letzten Wunsch erfüllt sah, hatte sich dem Sterbenden noch einmal die Zunge gelöst; es war etwas von den Gedanken herausgeschossen, welche in ihm gewürgt und aufgespeichert lagen, nur nicht recht, wo sie sollten; und das allein wars wohl, was seinen Tod veranlaßt; nicht die Gedanken selbst, wie einige gemeint, die vorm Denken Furcht haben. Das Denken allein schadet nimmer, haben weise Meister versichert; nur das unrichtige Denken.

»Nun kommt eine andere Zeit übers Land,« hatte Herr Götz gesagt, »da wird vieles anders werden. Die Vöglein zwitschern mirs zu. Es rieselt mir durch die Adern; keiner änderts, keiner hält den Sturm auf. Aber wo nichts mehr feststeht, muß doch etwas fest bleiben; an etwas muß der Mensch sich halten, daß er nicht Spreu wird im Winde, und keiner weiß, wo er ihn hinträgt–«

An etwas muß der Mensch sich halten! hatte der Knecht Ruprecht gemurmelt, als er die Träne bei seines Herrn Leiche aus dem Aug wischte. – Was sollte sich Hans Jürgen nicht an das Erbstück halten! Ihm gehörte es ja zwiefach; hatte es ihn nicht vor Schmach und Unglück bewahrt, ja, wenn er recht nachdachte, hatte es ihm nicht zu seinem Glück verholfen? Es saß ihm auch ganz schmuck an den Lenden; ein bißchen weit, ein bißchen mußt es genestelt werden; aber zu Roß, wie prächtig schloß es, als wäre es eins mit dem Sattel; dazu die neuen, blanken Stahlknöpfe und die Riemen zu Schleifen an den Knien geschlungen. Die im Dorfe riefen: Ganz wie der selige Herr! O, er wird noch einmal werden wie der Ritter Gottfried! Frau Brigitte hatte sich auch das Auge gewischt. Ihrer Tochter band sie auf die Seele, daß sie die Hosen waschen lasse, und ordentlich und oft, denn was auf dem Lande halbwege gegangen, das ginge in der Stadt gar nicht. Und daß ihr Mann reputierlich wäre, dafür müsse sie sorgen! »Die Hosen wären schon ganz gut,« hatte sie hinzugesetzt, »wenn nur –« das übrige hatte sie verschluckt.

Die Hosen wären auch schon ganz gut gewesen, wenn nur nicht die Geschichte von ihnen bekannt gewesen. In der Kurmark und in der Priegnitz, in der Altmark und in der Neumark, ja in der Uckermark und im Lande Kottbus wußte man von den Hosen des Herrn von Bredow, seit das mit dem Lindenberg und dem Krämer passiert war. Der Schelm hatte es aller Orten erzählt und vielleicht noch aufgeschnitten. Ein Schneider aus Stendal hatte ein Lied drauf gemacht, was fein klang, und die Buben auf den Gassen sangen es ab; wenn Hans Jürgen ausritt, blieben die Bürger an den Türen stehen, die Weiber sahen aus den Fenstern und die barfüßigen Buben liefen ihm nach; der Ritter konnte gewiß sein, wo er hinkam, sie summten die Weise:

Herr Götze von Ziatz wat let he toruck? –
En Dochter, en Hus, och en old geelet Bruck.
Hans Jörgen, und willt Du min Dochtermann sin,
So mot Du din Lefdag min Bruck och antign.

Min Dochter, min Hus, och min old geelet Bruck,
Die lat ik Dy nu, min Hans Jörgen, toruck.
Min Hus mag verbrenn, och min Dochter mag starv,
Min Brucker, det segg ik Dy, most Du verarv!

Damals fingen sie schon an zu meinen, daß Schriften, die gedruckt wurden, vorher von einem eingesehen werden müßten, der sagen sollte, ob sie gut wären, und wenn sie nicht gut wären, nämlich wenn der eine es meinte, so verbot man sie oder verbrannte sie; aber was die Leute auf den Straßen sangen und sagten, konnte man nicht verbieten. Und das war oft schlimmer, als was jetzt gedruckt wird.

Manches Ding ist nicht schlimm, aber es wird schlimm, wenn es öffentlich wird, meinten einige, die sich Hans Jürgens Freunde nannten. Sie sagten, er dürfe das nicht dulden; wenn nicht um seiner selbst, um des Kurfürsten willen, dessen Diener er sei; jede Kränkung, ihm zugefügt, sei auch dem durchlauchtigsten Herrn zugefügt; seine Ehre sei dessen Ehre, wie dessen, seine. Wenn einer ab intimes des Landesherrn, sagte ein römischer Jurist, solcher öffentlicher Verhöhnung ausgesetzt werde, involviere dies ein crimen laesae majestatis, was, wenn es ungestraft hingehe, allen Respekt und Autorität übern Haufen werfe, Anlaß werde zu immer frecheren Angriffen, wo man nicht wisse, wie das enden solle; dem Lande und der Regierung gereiche es aber zum unvermeidlichen Schaden auch im Auslande, wenn es heiße, so würden dort ungestraft die Diener und Räte des Fürsten bei ihrem Heiligsten und Eigenen angetastet und in den Kot gerissen, und der Fürst, der es nicht ahnde, gefährde, daß man ihn für schwach erachte, und büße an seinem Ansehen. So eifrig war der römische gelehrte Freund, daß er Hans Jürgen einen Aufsatz geschrieben, was er ein pro memoria nannte, darin er alle Gründe auseinandergesetzt und submissest den Kurfürsten gebeten, daß er derowegen verbiete, daß das libellische Lied in seinen Landen gesungen werde, bei Strafe; auch daß den Jungen auf den Straßen untersagt werde, nachzulaufen, wenn er ausritte, noch unter unziemlichem Geschrei mit den Fingern auf sein Beinkleid zu weisen. Desgleichen, daß Seine kurfürstliche Gnaden hochgeneigtest sich veranlaßt finden möchten, einem edlen Magistrat aufzugeben, löblicher Bürgerschaft zu bedeuten, wie es unziemend, aus den Fenstern und Türen einem kurfürstlichen Rate nachzugaffen als wie einem fremden Tiere.

Hans Jürgen hatte das Ding gelesen und wußte nicht, was dazu sagen; seine Frau nahm ihm die Schrift aus der Hand und warf sie in die Flammen. »Hans Jürgen, das war ein falscher Freund und ein falscher Rat. Ein Feuer, darin man rührt, flackt nur heller auf. Laß es ruhig brennen, dann brennt es aus, und es bleibt nichts als Asche.« So hatte die verständige Frau gesprochen. Es sind nicht alle so verständig.

Die Hosen wären schon gut gewesen, wenn alle, wenn nur einige auch solche Hosen getragen hätten. In einem Flug Tauben, in einer Herde Lämmer, wenn viele schwarz und gefleckt find, fällt es nicht auf; aber auf die eine schwarze Taube unter den weißen stürzt der Habicht, und der eine gefleckte Bock ist ein Wahrzeichen den Hunden und dem Wolfe. Herr Gottfried hatte ein prophetisches Wort gesprochen auf dem Totenbette: »Es kommt eine andere Zeit und vieles wird anders werden.« Die Zeit der Lederhosen war um, ganz um. Einesmals war der Ritter ganz betrübt nach Haus gekommen. Der neue junge Scharfrichter war vom Wedding mit seinen Freiknechten eingezogen, zur Mutung seines Amtes – und auch er in schillernden, seidegesteppten Pluderhosen! Selbst der Scharfrichter und des Kurfürsten Marschall –

»Wenn der Kurfürst nur etwas getan hätte für seinen Liebling! Ach ein Fürst hat so große Macht! Nicht verbieten sollte er das Lied und Gerede, aber er hätte selbst doch, wenn er Hans Jürgen so gut war, als er fürgab, ein und das andere Mal im Leder bei Hof erscheinen mögen – sein Vater, Johannes Cicero, trug niemals Wollenhosen, und wie oft hatte es Joachim laut ausgesprochen, daß er nur auf seines Vaters Wegen und in seines Vaters Fußstapfen gehen wolle – er hätte können seine Leibwache in Leder kleiden, Hans Jürgen zu ihrem Hauptmann ernennen! – Das meinte Frau Eva. Hans Jürgen schüttelte den Kopf: »So ich ihnen ein Dorn im Aug wäre, oder daß sie mich heimlich hänseln, das ist ihm gleich, wenn ich nur nichts bin durch mich. Alles, was ich bin, durch ihn soll ichs sein. Und klug ists von ihm. Wo die Leute erst merken: so stehts bei uns, da kriechen sie aus dem Kehricht heran, daß sie in seiner Gnade sich sonnen wollen, und das wird das rechte Regiment der Würmer! Nein, Eva, daher ist keine Hilfe mir.«

Als er den Georg, seinen Liebling, auf den Knien geschaukelt, und er ihn gefragt: »Vater, wenn ich groß bin, krieg ich auch die schönen gelben Hosen wie Du?« Da hatte er ihn erschreckt niedergesetzt: »Gnade mir Gott, das fehlte noch, daß der Schatten bis auf Kind und Kindeskind fällt!«

Es war keine klirrende Kette von Eisen, sie war zäh und weich, aber lang wie sein Leben, und sie schlang sich lähmend, ein schwerer Luftdruck, ein schleichend Gift, um seine frischeste Tatkraft.

Woher sollte Hilfe kommen? Eva meinte, der liebe Gott habe jedem guten Menschen gerade so viel Witz zugeteilt, als er für den Haushalt braucht, und wenn er sich ein bißchen anstrenge, finde er bei sich selbst bessern Rat als bei andern. Und in ihrem Hauswesen, bei der Kinderzucht hatte er auch noch immer ausgereicht. Wenn der Kurfürst in der Fensterblende mit anmutigem Gespräche sie festhalten, wenn er ihre Hand fassen wollte, sie hatte sich selbst am besten geholfen. Ein anderer hätte ihr vielleicht geraten, daß sie die Hand fortreißen und wegstürzen sollen, als wie tief erzürnt oder zittern, oder auf die Kniee fallen, und den durchlauchtigsten Herrn mit Tränen beschwören, daß er ihre Tugend und ihren guten Namen schonen wolle; und daß sie spornstracks den Wagen anspannen lasse und aus Berlin fliehe. Sie meinte, dann hätte es erst ein rechtes Gerede gegeben. Wenn er sanft ihre Hand drückte, so zitterte sie und sperrte sich gar nicht, sondern sie drückte herzhaft zu und schüttelte dem Herrn seine, als wären sie die besten Freunde, und wenn er leise sprach, antwortete sie ihm so laut, und wenn er Süßes ihr ins Ohr flüstern wollte, lachte sie darüber recht herzlich vergnügt, daß der Herr so gütig sei, aber so, daß es die im Nebenzimmer hörten. Und wenn sie rot ward, war es eine Röte, die sie jedem zeigen konnte; Joachim ward auch rot, aber er wandte sein Gesicht nach den Scheiben. Meinte vermutlich, es sei besser, wenn er sein Rotwerden nicht jedem zeige. –

Fürs Hauswesen war das gut; aber wo es über das Haus hinausging – ? Wer löst ein Gelübde? – Der, dem man es geleistet. – Ach, wenn der selige Herr Gottfried, ihr Vater, die stillen Aengste ihres Eheherrn aus jenen stillen Räumen mit ansehen können, wie gern, wenn es ihm erlaubt, wäre er herabgestiegen, seinen Eidam des Wortes zu entbinden. Er hatte ein gar zu gutes Herz auf dieser Erde. Aber er war niemand, nicht in Ziatz, nicht in Lehnin, erschienen; es mußte ihm in jener Heimat wohlgefallen, oder er gefiel den seligen Geistern, sie wollten ihn nicht loslassen. – Wer hat sonst Macht, ein Gelübde zu lösen? – Gewiß der Heilige, vor dem es abgelegt worden. Das aber eben war das Unglück, daß von den dreien, die es damals gewußt, einer gestorben war, nämlich der Vater, und zwei, nämlich er und sie, den Heiligen ganz und gar vergessen hatten. Sonst wär er gepilgert Gott weiß wohin! Aber wie auch Eva ihrem Mann anlag: Besinne Dich doch! er konnte sichs nicht entsinnen, und sie konnte ihm nicht helfen.

Nach Rom – zum heiligen Vater! der hat Macht zu binden und zu lösen. Aber auch da waren manche Bedenken. Einmal, was würde der heilige Vater gesagt haben, wenn der Ritter ihm bekannt: daß er den Heiligen vergessen, bei dem ers gelobt. Hätte der Papst nicht voll Zornes rufen müssen: Das ist ein sicheres Zeichen, daß Du des Gelübdes nicht entbunden werden sollst. Zweitens ist eine Reise nach Rom und der Papst sehr teuer. Und drittens, was würde die alte Frau von Bredow gesagt haben, die einmal gesagt haben sollte: Wer denn wisse, ob der Papst nicht selbst ein Sünder sei!

Wohl regte sichs in ihm, als der Dominikanermönch zuerst mit den Ablaßbriefen in der Mark handelte, ob er nicht auch für sein Gelübde einen Ablaß laufen könne? Freunde klopften für ihn bei Tezel auf den Busch, der Doktor aber, seit seinem Unfall bei Jüterbog vorsichtiger, ließ antworten: daß der edle Herr, dem sein Gelübde zu schwer werde, sicherer tue, wenn er dasselbe vorher breche und nachher einen Ablaß nehme. Vorher lasse sich die Sünde nicht so genau abschätzen. Hans Jürgen wollte aber nicht vorher sündigen, um nachher zu büßen.

Mit dem Hofprediger Musculus, welcher der Familie näher befreundet stand, hatte er dagegen oft im Vertrauen ernste Gespräche über den Gegenstand gepflogen.

Der sanfte Mann erklärte den Hohn, welchen der Ritter erdulden müsse, für Anfechtungen Satans, die um so stärker würden, je mutiger er ihm trotze. Natürlich reize es diesen, daß in dieser Zeit der Verderbnis, wo er den Sieg schon in der Hand zu haben vermeine, noch Männer lebten, die sich nicht verstricken lassen, die, auch wenn sie nicht siegen, durch ihre Ausdauer im Widerstande, dem Volke das Exempel von Tugend, Männlichkeit und Heroismus zurückließen. Satans List sei es nicht sowohl, die Feinde seines Reiches tot zu schlagen, er wisse zu gut, daß aus dem Blute der Erschlagenen immer neue aufwüchsen, oder vielmehr er mühe sich, die Helden seiner Widerpart vor sich selbst und den Ihren zu verkleinern. »Er läßt sie fallen in Wankelmut, Nachgiebigkeit, er spielt den Vermittler; er spricht vom Frieden Gottes und der Menschen, daß man um dieses Friedens willen, um Aergernis zu vermeiden, nur zum allgemeinen Besten nachgeben solle. O er ist der liebenswürdigste Mann, wo es Verträge stiften gilt, Eintracht zwischen Schwarz und Weiß. Darum sind ihm nicht die Helden, welche überwinden, sondern die, welche unterliegen, die Märtyrer für ihre Ueberzeugung ein Dorn im Auge.«

Hans Jürgen wußte, man müsse den Doktor Musculus ausreden lassen. Wenn man ihn nicht störe, daß er ausströmen ließ, was ihm auf dem Herzen lag, sprach er nachher so vernünftig und lehrreich.

»Ja, ich bekenne,« fuhr der Doktor fort, »als die Anzeichen herankamen, von allen Seiten und immer dringender, daß der Leim dieses Erdballs sich löse, daß er unter Fluten oder Feuerströmen zusammenbrechen werde, gab ich der Furcht Raum, daß Gott nicht mehr widerstehen könne dem so sichtbaren, alles überflutenden, sein Ansehen verhöhnenden Treiben des Bösen; daß er im Zorn ausrufe: Nun, Satan, hole sie; sie sind nicht wert mehr, daß meine Sonne über sie scheint! – Aber die Welt wird nicht untergehen, der Herr ließ nur auf eine Weile das Spiel zu, um den Menschen ihre entsetzliche Torheit recht vor Augen zu rücken.«

Hans Jürgen hatte sich auch eigentlich nie recht vor dem Untergange der Welt gefürchtet; und als der Hofprediger nun weiter auf sein Lieblingsthema kam, hörte er ihm in Ergebung zu. Sprach sich doch auch in Musculus Demonstration eine Ergebung aus. Er war zu einem beruhigenden Abschluß mit sich selbst gekommen, warum Gott so lange und ruhig dem Unwesen zugesehen.

»Gott hat ein gewisses Maß seiner guten Gaben über die Erde ausgegossen, was richtig verteilt, einem jeden ihrer Bewohner gerade so viel gewährt, als er braucht. Daß es ungleich verteilt ward, ist Satans Werk; daß dieser auf Sand säen und ernten muß, wo jener fußtiefen schwarzen Boden hat, daß dieser darbt, wo jener schwelgt. Ist diese Ausgleichung gefunden, dann ist Satans Reich auf dieser Erde zu Ende. Das, mein teurer Ritter, ist das Werk der kommenden Jahrhunderte, vielleicht erst von Jahrtausenden. Aber betrachtet: unter unsern Füßen ward, noch sind es nicht viele Jahre her! ein anderer Weltteil entdeckt, wo, was uns gebricht, das Gold und Silber in Scheffeln liegt, wohingegen die armen nackten Menschen dort der Segnungen unserer heiligen Religion, unserer christlichen Sitte, ja sogar der Kleider entbehren. Da heißt es: tauschet, teilet, Ihr Menschenkinder! Diese armen Indianer, Federn hängen sie sich um, Geschmeide, aber ihre Leiber sind ohne Wams, ohne Hosen. Faßt Ihr nun, woher hier die Pluderhosen aufkamen? Wir umhüllen uns zum Ueberfluß mit dem, was die Blöße jener decken sollte. Weil sie nichts haben, haben wir alles, und wer nahm es jenen, wer trug es uns zu, wer schuf die Verwirrung? – Der Böse. Wer dagegen ließ die neue Welt entdecken? Wer wird gebieten: teilet, zieht Eure überflüssige Hülle aus und kleidet die Nackten dort, damit zu gleichem Maße gemessen werde für alle?«

Wie lichtvoll glänzte das Gesicht; die Irrlichter zückten nicht mehr über seine blasse Stirn, ein süßes Lächeln schwebte über die Lippen. Aber für Hans Jürgen war es kein Trost.

»Es hängt was an mir, das mich an der Ferse kneift, wenn ich springen will; das mich am Ellenbogen kitzelt, wenn ich ziele. Warum denn! Zwischen vier Wänden sag ichs dem Kurfürsten manchmal, und Gott legts mir auf die Zunge; und tät er, wie ich ihm rate, so unterbliebe manches. Weiß ich doch, was der Märker denkt und ihm not tut. Aber wenn er nicht mehr zu antworten weiß und unwirsch wird, klopft er mir auf die Schultern: Hans, kümmere Dich um Deine Hosen, das verstehst Du. Ehrwürdiger Herr, das ist schon recht, ich bin kein Gelehrter, aber manchen Nagel Hab ich auch auf den Kopf getroffen. Das ist der Schatten, der an mir hängt, und womit hab ichs verdient?«

»Womit hatte Hiob verdient, daß Gott ihn heimsuchte! Und doch, mein teuerster Ritter, war Hiob noch glücklich; er ward bedauert, nicht belächelt. Aber welchen Trost hat der, der das Beste will, redlich sich bewußt, daß er das Beste tut, und er darf es nicht äußern, weil niemand ihn versteht, weil die Toren ihn für einen Toren achten? Steht Ihr denn allein da? Trifft uns nicht beide derselbe Fluch, für den gar keine Hilfe bei den Menschen ist, der Fluch des Lächerlichen! Weil dieser einen schiefen Mund auf die Welt brachte, jener einen Buckel, eine Warze, wo sie nicht hingehört, dieser stottert, jener sich überstürzt oder singt, wo er sprechen sollte, darum ist das Wohlgetane nicht wohlgetan, darum mißraten seine besten Entwürfe, darum werden die, so Zähler werden könnten, an heller Einsicht und Mut, darum werden sie Nullen. Seid Ihr der Unglücklichere von uns beiden, Ritter? Ich fühle ja mit Euch; wer aber fühlt mit mir? In jedes Gedanken lese ich: Er ist ein Narr, er hat einen Sparren im Kopfe; wenn das nicht wäre, wäre er ein ganz erträglicher, guter Mann. Still, Herr von Bredow, jeder glaubt es, auch Ihr, auch in diesem Augenblicke. Ihr fragt Euch: Mein Gott, wie kann ein sonst so vernünftiger Mensch von einem so tollen Gedanken sich beherrschen lassen. Seht, das weiß ich, weiß auch, daß ich niemand überzeugen werde, ich muß meinen Glauben verstecken, wie glühende Kohlen in der Tasche, meine Worte herunterschlucken, komme mir oft wie ein Gespenst vor, das unter Lebendigen schleicht, und doch lebe ich noch. Nicht mehr wie damals als junger Mann, wo ich den Mond vom Himmel reißen wollte, glaubte, ich werde die Blinden sehend machen. Aber Gott hat mich selbst sehend gemacht, eine andere, heilige Ueberzeugung hat er mir eröffnet. Wer schlägt mit Keulen ein Feuer aus? Wer überwindet Satan? Gott hat ihm den Ueberwinder bestellt; es ist Satan selbst. Nur Geduld fordert er von uns.«

»Ach, Ihr seid ein heiliger Mann,« hatte Hans Jürgen geseufzt.

Musculus hatte mit einem wehmütigen Lächeln geantwortet, dann hatte er so geschlossen:

»Und, teuerster Ritter, sind wir beide die einzigen Wanderer auf dieser Straße? Als wie Gott kein Blatt, kein Menschenantlitz dem andern gleich schuf, und jedem ein eigenes Anzeichen gab, so hat auch jeder in seinen Gedanken einen eigenen Keim, oder Auswuchs, ein Horn vielleicht – die Leute nennens Sparren. Daß es der Wegweiser ist, den Gott ihm mitgab, um unter den Gemeinen nicht auch gemein zu werden, das begreifen sie nicht, noch darf mans ihnen sagen; sie steinigten uns. Bei diesem Zeichen faßt uns der Verführer an, seis, daß er die Menge auf uns hetzt: seht, die wollen besser sein als Ihr! Bei, diesem Zeichen aber ruft uns auch der Herr, wie bei der Feuersäule das Volk Gottes, wie die Ritter bei ihrer Standarte: Wachet, haltet Euch aufrecht, daß Ihr nicht verirrt auf dem Wege zu mir und verloren geht!«

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