Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

Zweites Kapitel

eingestellt: 8.8.2007



Das Getön der Abendmette neckte sich in den Wäldern von Lehnin mit dem Horn der Hifthörner. Wo zwischen den goldumsäumten Eichen eben der Hirt niedergesunken, rauschte der Hirsch auf; wo jener die rauhen Finger zum Gebet verschlungen, reckte dieser lauschend das stolze Geweih; wo jener, Andacht auf den Lippen, die Augen schielen ließ dahin, von wo die Jagd anbrauste, stürzte dieser schon, den Kopf halb zurück, ins Dickicht; wo die Glocken der Kirche den Frieden Gottes über die Natur ausläuteten, riefen die Waldhörner des Fürsten den Krieg auf.

Aber es war das letzte Hauchen eines Sturmes; der heiße Tag ging zu Ende, die Jagdlust hatte ausgerast, es war des Blutes genug geflossen. Als der Luftzug, der durch das Gestell ging, den Schall des Abendgeläutes Joachims Ohr zugetragen, senkte er den Speer, er hielt das Pferd an. Aus dem Sattel war er gesprungen und warf sich zu Boden, sein Gefolge kniete hinter ihm; dem Hirsch war ein Tag Leben geschenkt.

»So nahe daran, wo meine Väter schlafen!« sprach der Fürst, als er sich aufgerichtet und sah in das Gold, das durch die Zweige auf sein blasses Gesicht fiel.

»Ja, durchlauchtigster Herr, dort liegt Kloster Lehnin.«

»Nach Lehnin!« gebot Joachim. »Des Mordens ist heut genug!«

Er saß im Sattel; auf dem Wege sprach er kein Wort. Der Herr Abt von Lehnin schien wenig erfreut, als die Hörner vom Ulmengange schmetterten, und die Ankunft des hohen Gastes in sein Zimmer vermeldet ward. Wars doch schon ein Tag der Unruhe gewesen, und er saß über alten Papieren und Rechnungen, und die vielen Zahlen, die er zum Abschluß bringen wollte, flimmerten vor seinem blassen Gesichte.

Da gingen zwei blasse Gesichter nebeneinander durch den Kreuzgang. In dem schön gewölbten, mit kostbarem Schnitzwerk und seltenen Teppichen belegten Fremdenzimmer ruhte der hohe Fürst; aber er sprach nicht wie ein Weidmann zu tun pflegt, der von langer Jagdarbeit kommt, dem Imbiß zu, welcher rasch aufgetragen worden, bis die Köche die Abendmahlzeit zugerichtet hätten.

»Spürt Ihr hier schon von der Ketzerei?«

Der Abt zuckte die Achseln: »Man merkts nicht eben, und –«

»Wenn Ihrs merkt, drückt Ihr ein Auge zu.«

»Gnädigster Herr!«

»Ihr seid ein kluger Mann, Abt. Das ist die Klugheit der heutigen Welt.«

»Womit haben wir die schwere Zeit verdient, frage ich mich oft im stillen Gebet.«

»Hundertdreizehn Dörfer gehören Eurem Kloster?«

»Es sind auch kleine Vorwerke darunter, viele haben sehr mageres Land.«

»Und wenn sie einmal Euch magere Zinshühner aussuchten, würde Eure Küche leiden. Darum ists besser, nicht allzuscharf auf die Finger zu sehen, oder – nach dem Gewissen zu fragen.«

»Mein gnädigster Herr und Kurfürst, nur von zweien Pfarrern weiß ich, daß sie die neuen Schriften lesen; von den Kanzeln ist noch nichts zur Ungebühr vorgefallen.«

»Ich weiß, Ihr seid aus einer altbrandenburgischen Familie, die sind keine Freunde vom Neuen.«

»Wenn auch vordem einige unter uns zweifelten –«

»So gingen Euch die Augen auf.«

»Wir schauderten, daß Gott so etwas zulassen könne.«

»Und? - Ihr schaudert noch und ringt die Hände. Und dann legtet Ihr Euch des Abends zu Bett, und standet morgens auf; aßet zu Mittag, zu Abend, auch vorher zur Vesper, legtet Euch wieder schlafen, und ein Tag wie der andere.«

»Die Anklage ist schwer, durchlauchtigster Herr, aber sie trifft uns nicht.«

»Euch nicht, den Bischof nicht; sie trifft keinen. Wir alle lassen Gott einen guten Mann sein, wie das Volk sagt. Singt, betet, eßt, trinkt, seufzt, klagt nur fort; Gott tut das übrige, wenn es der Teufel nicht vor ihm tut.«

»Davor uns der Herr in Gnaden bewahre.«

»Schlage Du mit der Hand gegen den Wind, blase gegen das Feuer, stemme Dich mit der Brust gegen den Strom, wenn nicht alle zusammenhalten!«

»Deine Diener sind immer Deines Wortes gewärtig.«

»Um die Buchstaben zu zählen; und wenn der letzte abgezählt, werft Ihr Euch hin, Ihr habt ja Eure Pflicht abgetan; was weiter kümmert Euch nicht. Ich klage Euch nicht an, Abt, Ihr seid ein Mann, nicht schlimmer wie die andern; ich klage die Menschheit an. Ich will ja keine Sklaven, keine Diener des Blickes, ich will freie Menschen, die freiwillig handeln –«

»So sollen sie Eure Befehle vollziehen, das wissen wir.«

»Wenn alle wie ich dasselbe wollten, das Gute fühlten; wenn in allen der Funke loderte; es wäre anders, es stände besser. Was helfen mir diese Werkzeuge, die mich nicht verstehen, und wenn sie mich verstehen, so tun sies ungeschickt. Meines Willens muß ich mich schämen, wenn ich sehe, was durch diese Instrumente zur Tat wurde. Es ist nicht mehr meine Tat. Als er das Aeußerste gewagt, als er die Bulle verbrannte, gegen Rom den Handschuh warf, seine freche Faust sogar gegen das Haupt des Papstes ausstreckte, da doch glaubte ich, Gesetze, Befehle seien unnötig. Eisen und Feuer und Ketten bedürfe es nicht, jeder werde zugreifen, es werde sich von selbst tun. O ja, sie erstarrten, sie rissen den Mund auf, sie schlugen die Arme über den Kopf zusammen, und was ist geschehen? Dicke Bücher haben sie nachgeschlagen, Verordnungen citiert, disputiert, reskribiert. Das deutsche Reich müßte in einer Zornesflamme auflodern, daß gerade Germanien diese Schmach getroffen! – Wo ist der Brand, der die Mißgeburt in einem Feueranhauch zu Asche verkohlte! Irrlichter, nichts als Irrlichter –«

Joachim war aufgesprungen, er leerte den vollen Pokal mit einem Zuge.

Der Wolf, von dem der Knecht Ruprecht gesprochen, war nicht gewichen. Wohin er ihn trieb? – Was eilte der Abt erschrockenen Blickes durch die Hallen, was läutete er an der Glocke, was flüsterte er diesem zu, was befahl er jenem? Fackeln wurden angezündet, das alte rostige Schlüsselbund durch den Pater Guardian vom Mauernagel geholt. Wer hätte es erwartet, daß Markgraf Joachim, von der Jagd einsprechend im Kloster, ehe er den Abendimbiß einnahm, in die Gruft hinuntergeführt sein wollte, wo seine Vorfahren ruhten?

Auf den Stufen zum Gewölbe blieb der Kurfürst stehen; die Luft fuhr aus der schwer geöffneten Eisentür kalt und dumpf ihm entgegen, die vorangeschickten Fackeln brannten trübe und der Zugwind warf ihre Flammen zurück.

»Es beliebt Euer Durchlaucht vielleicht, daß ich das Gewölbe vorher eine Weile lüften lasse.«

»Luft!« wiederholte der Fürst. – »Ja, Luft von innen!« setzte er leise hinzu. »Wer zu den seligen Geistern tritt, muß sich von der eigenen Schuld entlastet haben.«

Beim letzten Schimmer des Abendrotes, der durch die bunten Kirchenfenster drang, hatte der Kurfürst vor dem Abt gebeichtet, als er jetzt mit festem Ttitt hinabstieg. Die Eisenpforte schlug hinter ihm zu. Es war niemand als der Herr des Hauses und des Landes im Gewölbe, das ßwei an die Wand gesteckte Fackeln erhellten. So ging er schweigend langsam zwischen den metallenen Särgen, die alten Inschriften lesend, die Bilder auf den Deckeln betrachtend. Nur die Nachteulen schwirrten, vom Widerhall der Tritte aufgeschreckt, um das Fackellicht.

»Das das bittere Erbe des alten Fluches, Abt, daß unsere Schwäche, das Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit, Blei an unsere Flügel hängt, und gerade dann, wo wir uns der Sonne schon nahe wähnten.«

Er hatte die Hand, wie um sich zu stützen, auf die Schulter des Abtes gelegt; er blickte ihn freundlich an, als wollte er die rauhen Worte vorhin durch Vertrauen gut machen.

»Euer kurfürstliche Gnaden haben als ein treuer Sohn der Kirche ein so vollständiges Bekenntnis von Dero Irrungen in den Schoß des unwürdigsten Knechtes derselben abgelegt. Ihr habt darauf die Absolution empfangen, und wenn Ihr des ernsten Willens Euch bewußt seid, die auferlegte Buße zu erfüllen, so steht Ihr rein und entsühnt vor diesen großen Toten.«

»Wenn ich den Witwensitz hier einrichte, wie Frau Elisabeth ihn wünscht! Ist das Buße?«

»Eure Sünden waren nur Schwächen der Natur. Mäkelt nicht und zweifelt nicht, Fürst, wenn die Kirche spricht. Das ist der Weg zur Ketzerei. Als Mensch konnte ich irren, wie Ihr jetzt irrt, wenn Ihr meint, was Ihr an der durchlauchtigsten Kurfürstin verschuldet, sei damit zu gering gebüßt. Aber nur der Mensch rechnet; die Kirche rechnet nicht, ihr Maß ist nicht von dieser Welt.«

»Ich beichtete nicht alles,« sprach Joachim nach einer Weile. Er hatte sich auf einen der Särge niedergelassen, das sorgenschwere Haupt im Arme stützend.

»Beichtet dann noch hier, mein Sohn, insofern Eure Gewissensskrupel anders sind, als derlei vage Vorstellungen und Luftgebilde, wie schauerliche Orte sie nur zu oft unseren aufgeregten Sinnen eingeben, und wir halten die Traumgespinste für Wahrheit.«

»Das Volk sagt, ich sei ein Schwarzkünstler. Auch den weisen Lehrer meiner Jugend, den gelehrten Trittheim, beschuldigte der Unverstand verbotener Kenntnis. Was kann der Verständige dafür, wenn er tiefer in die Geheimnisse der Natur blickte, als wohin das blöde Auge der Menge folgt. Auch die Sterne hat doch Gott am Himmel ausgestreut; wozu sonst, als daß wir darin lesen sollen? Zeigt mir die Stelle in den heiligen Schriften, wo es untersagt wäre.«

»Mein durchlauchtigster Fürst, der Mensch sündigt so mannigfaltig, als wie der Apostel sagt, daß der Wege zum Himmelreich viele sind. Zu große Gewissenhaftigkeit, ein immerwährendes Drängen zum Beichten wie zum Genuß am Tische des Herrn, wäre eine Schwäche der Natur; es könnte auch zur Sünde werden. Auch muß ein Fürst mehr wissen als sein Volk; er hat daher das Recht, die Pflicht sogar, besondere Wege zur Erkenntnis zu suchen.«

»Denn niemand sagt ihm die Wahrheit.«

»Wenn Ihr also nicht offenbar mit Schwarzkünstlern –«

»Vor langen Jahren sah auch ich in Berlin den Doktor Faust.«

»Den sahen und hörten viele, ohne darum an ihrer Seele Schaden zu leiden. Wiewohl es außer Zweifel ist, daß Satan ihm den Hals umdrehte, was zu Bretten in der Pfalz geschehen, und er mit ihm zur Hölle gefahren, so meinen doch viele, daß Faustus in früheren Zeiten nicht der schwarzen Magie gehuldigt; vielmehr nur einen Naturgeist, einen spiritum familiarem, um sich gehabt, der ihm gehorchen mußte; was die Kirche allerdings nicht billigt, indessen sah sie oft sich genötigt, die Augen zuzudrücken, da auch fromme Männer, selbst von ihren Würdenträgern, dieser sogenannten weißen Magie pflegten. Der berühmte Mönch Scotus, auch der Mönch Baco, vieler anderer nicht zu gedenken, hatten Verkehr mit Erdgeistern. Auch von Berthold Schwarz, der das Schießpulver erfunden, will man solchen Umgang behaupten. Wenn die Gelahrtheit es unentschieden läßt und die Kirche es ignoriert, ob diese Männer selbst durch solche Verbindung mit Elementargeistern Schaden litten, so doch keineswegs die, welche durch sie Vorteil zogen. Wenn nun der Doktor Faust erst in seinen späteren Jahren, da er sich jener Mittel nicht genügen ließ und, durch Fürwitz und Uebermut gestachelt, einen Bund mit der Hölle schloß, wofür jener verrufene Geist Mephistopheles ihm zu Diensten geschickt ward, so können doch seine vorigen Handlungen nicht als so durchaus sündhaft gelten, daß auch andere, die ihn zu Rate zogen, darum straffällig waren. Vor wie manchen hohen Potentaten hat Faust den Spiegel der Zukunft enthüllt. Und hat er nicht dem durchlauchtigsten Herzog von Parma richtig verkündet –«

»Mir verkündete er, mein Leib werde nicht in Lehnin bei meinen Vätern ruhen!« unterbrach der Kurfürst.

Der Abt erblaßte: »Und warum nicht!«

Joachim schien ihn nicht zu hören: »Laß doch sehen! In meinem Testament hab ichs verordnet,«

»Und was sah mein Fürst weiter?«

Der Abt fuhr vor einem zornigen Blicke zurück: »Pfaff! Meine Beichte anhören, hieß ich Dich. Mein erlauchtes Haus wird vor einem höheren Stuhle beichten, wenn der Herr gebietet.«

Es war nur das Aufzucken einer Flamme, die dunkle Glut loderte fort. Joachim reichte dem Abt wieder die Hand, er zog ihn näher wie zum Schutz vor den Schauern der Einsamkeit und der Gedanken, die wie Irrlichter vor dem inneren Auge gaukelten.

»Den Tod fürchte ich nicht, der mich ablöst von dem schweren Werke. Willkommen könnte ich ihn heißen; es drückt oft zu schwer auf meine Schultern – Wohltaten säen, Undank ernten, nie verstanden! Das Gold Messing, Weizen in den Flugsand!«

»Euer Durchlaucht sind noch von der Jagd erhitzt und es weht schaurige Kühlung.«

»Wenn sie kühlte! – Meine Beichte ist nicht aus. Wenn nun die Aufgabe selbst, wenn auch die Saat Spreu wäre vor dem ewigen Auge! – Wärs ein heißes Fieber gewesen, eine Krankheit, die keiner verstand, ein tolles Wüten nur des empörten Blutes –«

»Gnädigster Herr, verlaßt die Gruft.«

»Ich sah einen anderen Magus, einen schwärzeren Schwarzkünstler. O! er malte, daß die Farbe abfiel, der Glanz der Sonne schwärzte, – die schönen Linien, die edlen Formen, die hohen Münster, die zauberhaft verschlungenen Rosetten, die schlanken Pfeiler, – Tiaren, Purpur, Königsthrone, Schönheit, Anmut, die Wunder aller Menschenschöpfung, wurden Zerrgebilde, hohläugige Gespenster, zerknickte Aehrenfelder, grau, Asche, Müll –«

»Gnädigster Herr!«

»Verirrungen der Natur, so weit das Aug reicht, so weit der Sinn zurück denkt, so weit er vorwärts denkt. – Wenn das wäre, für Generationen hinaus zu sündigen, Kinder um Kinder erzeugen, zu erziehen zur Lüge, zum Spiele mit dem, das wir nicht finden!«

»Herr, welch ein greulicher Ketzer atmete diese Giftbilder in Deine Seele?«

»Einer, gegen den alle Ketzer, so die Kirche jemals strafte, demütige Lämmer sind. Sankt Peters Dom, Sankt Markus und Stephans, Kölns, Straßburgs Wundermünster, Aristoteles Weisheit und des großen Karl heilige Krone, sagt Abt, wenn alles nun nur Bilder gewesen wären, so unsere durstige Einbildungskraft sich schuf, um in Verzückungen davor zu knieen, Götzen, die wir uns geknetet und bemalt, je schöner, kunstreicher, so ärgerlicher, lästerlicher der Trug! – Alles, um unsere Schwäche vor uns selber zu verbergen, daß unser Auge nicht in die Sonne schaut, daß unsere Lunge den reinen Hauch des Aethers nicht verträgt! Wie der Molch nur im Kerkerduft, atmeten wir, die er nach seinem Aetherbilde schuf, nur in dem Dunstkreis, im Pesthauch unserer sündlichen Begierden! Da schwillt das Lichtflämmchen zum Feuerklumpen an – das sind die Nebelriesen! Und all dies, von uns stoßen sollten wir es; eine Hülle, eine Schale, einen Schleier um den anderen fortreißen, abkratzen die Farbe, die in Haut und Blut gedrungen, um den Kern zu finden!«

»Um seines Vorwitzes willen ward Adam aus dem Paradiese gejagt.«

»Und das Paradies die Natur! und unsere Aufgabe – dies Paradies wiederzugewinnen. Arm zu werden an allem, was wir zu erwerben glaubten; unseren gewähnten Reichtum in den Abgrund stoßen! – Diese Steine, diese Metallplatten, auch sie lügen! Ist dies mein Vater Johannes? Eine Fratze! – Ich kannte seine milden, schönen Züge, und doch in hundert, in fünfzig, vielleicht auch in zwanzig Jahren, wo keiner mehr lebt, der ihn gesehen, werden sie dies Bild konterfeien und schwören, es sei der wahre Johannes Cicero. Und jene unförmlichen Steinklumpm, die Ottonen! Sahen so die Askanier aus! – Dort in der Blende Sankt Stephanus, wer kannte ihn. – Die heilige Jungfrau! – Solche gesteppten Röcke tragen die Patrizierfrauen in Brandenburg, der Maler hat falsch gemalt – wer sagt denn, ob das Gesicht –«

»Allerheiligste Jungfrau! – Gnädigster Herr, Ihr seht Gespenster– das ist die böse Luft.«

»Gespenster! – Du hast recht – sie tanzen im Fackeldampf – ist da nicht Lindenberg?«

Der geängstigte Abt betete eine lateinische Beschwörungsformel, als es an die Tür pochte und eine Stimme des Kurfürsten Namen rief.

»Wer stört Seine Durchlaucht!« Der Abt rief es mit überlauter Stimme, entweder um ihn zu stören, oder die eigenen Geister der Furcht zu beschwichtigen.

»Eine wichtige Botschaft – der Marschall Bredow ist eingeritten!« antwortete die Stimme draußen. »Auch sieht man auf dem Damm Seiner Durchlaucht anderes Gefolge, auch den hochwürdigen Herrn Bischof von Brandenburg.«

»Hans Jürgen Bredow!« rief Joachim. »Nein, Hans Jürgen ist kein Gespenst. Oeffnet!«

Und die Gespenster schienen entwichen, als er hinaufstieg. Die hohen Herren, die ihn begrüßten, sahen nur den Fürsten, der mit dem stolzen, ruhigen Gesicht sie musterte, dem freundlich zunickte, den ernst fragte, zu jenem scherzte er sogar.

Der Marschall stand wie einer, der auf Kohlen steht, sagt man. Er hatte hier getroffen, wen er nicht erwartet; aber die nicht getroffen, welche er erwartet, sein Weib! Wer verargts ihm, wenn ihn nach Haus verlangte? War nicht anderes gewärtig, als Joachim werde die anderen kaum ansehen und ihn ins Nebengemach winken, daß er seine Botschaft höre. Aber Joachim hatte ihm nur zugenickt: »Ei sieh da, Hans Jürgen, Du schon zurück?« Dann hatte er gescherzt, ob seine Hosen auch den Ritt ausgehalten, und was die am kaiserlichen Hof zu der alten brandenburgischen Mode gesagt, und sich darauf zum Bischof gewandt und zum Bürgermeister von Berlin, der zur Jagd geladen worden, und allerlei Kurzweiliges gesprochen. Doch als der Abt ins Nebenzimmer zu dem guten Trunk die Herrschaften lud, bis daß angerichtet sei, hatte er Hans Jürgen einen heimlichen Wink gegeben, laut aber gesprochen, daß ers ihm ansehe, wie Frauendienst ihm heute lieber sei als Herrendienst, und er möge nur wieder nach Burg Ziatz satteln lassen. Morgen, oder wärs auch erst übermorgen, solle er seine Botschaft in Berlin ausrichten; werde es wohl bis dahin Zeit haben. Hans Jürgen hatte Urlaub genommen; aber sein Pferd mußte gar nicht von der Krippe wollen, denn noch lange nachher hörte der Bischof und der Bürgermeister, die am Fenster des Stübleins standen, es ausschlagen, und die Knechte eilten sich nicht, es zu satteln.

An einem Hofe kann nichts Geheimes gesponnen werden. Wo einer sehr schlau ist, etwas zu verbergen, ist der andere schlauer, es zu belauschen. Und obschon es in der Richtigkeit war, daß Joachim den Trunk nicht übermaßen, d, h. nicht wie seine Edelleute liebte, so hätte er doch selbst wohl mit den Becher geleert auf einen frohen Abendimbiß und wär nicht fortgegangen, um etwas der Ruhe zu pflegen, wie er vorgab, als die Herren zum Mahle sich anschickten durch einen guten Schluck Weines über die Kehle. Der Bischof und der Bürgermeister, ich weiß nicht, wer noch von den Hofleuten, wußten, daß der Herr nur fortging, um seinem Marschall insgeheim die Botschaft abzuhören.

»Obs der Türkenkrieg ist oder die neue Lehre?« fragte der Bürgermeister den Bischof leise.

»Die neue Lehre scheint Euch sehr im Kopf umzugehen, Herr Bürgermeister.«

Herr Reiche ward etwas rot und meinte, er sei nur auf Seiner Durchlaucht ausdrückliche Ladung hier, um ihm Auskunft zu geben über die Heeresfolge der Städte, und was jede zu stellen habe an Reisigen und Knechten im Kriegesfall.

»Eure Kenntnis darin ist wohlbekannt, Herr Reiche,« erwiderte lächelnd der Bischof, »da Ihr ja selbst, wie jeder weiß, so ehrenvoll in voriger Zeit mit zu Heere gezogen. Doch meine ich, so auch das Reich gegen die Türken zieht und Brandenburg Hilfsvölker sendet, unsere Städte werden kein Aufgebot zu bestellen haben. Die Türken sind stark, der Kaiser ists auch, aber beide sind fern. Wir haben einen andern Krieg in der Nähe, der wichtiger ist. Lieber Bürgermeister, laßt uns doch offen darüber sprechen; wir sind nicht eines Sinnes, aber eine Verständigung tut uns beiden gut. Wer weiß, ob wir nicht Freund werden. – Hier hört uns keiner. Ihr seid ein Freund der neuen Lehre –«

»Allerheiligste Jungfrau, Gott liest in meinem Herzen, ich bin kein Aufwiegler.«

»Das weiß ich, und Joachim auch. Ihr wollt auch kein Ketzer heißen. Ihr wünscht nur, daß die neue Lehre geprüft werde. – Ihr verlangt es nicht laut wie die andern, aber in der Stille – in der Stille würdet Ihrs auch nicht verschmähen, ein Wörtlein zu Gunsten der Wittenberger einfließen zu lassen. Wer verargt es Euch, es ist sogar ganz in der Ordnung; aber – erwägt auch, daß er Euch einmal mit Güte zurückwies, als Ihr mit dem Magistrat – oder vielmehr der Magistrat mit Euch die Bitte wegen der Prädikanten vortrug; aber ein zweites Mal, ich sage nicht, daß es gefährlich würde, aber Ihr setztet das günstige Gehör aufs Spiel, das Joachim Euch schenkt. – Unbesorgt, lieber Bürgermeister, die sehen nur in ihre Becher, uns hört niemand zu. – Was Ihr mir sagen wollt, lese ich alles: man solle Gott mehr gehorchen als den Menschen. Das ist Eure Ueberzeugung. Tadle ich sie etwa?«

»Es sind doch viele, – wenigstens einzelne Uebelstände –«

»Sagt ungeheure, in der Kirche, Euch, mir, Joachim, wem nicht noch sind sie ein Aergernis. Aber ändern wirs, ändern wirs in der Art wie der Wittenberger, der ein sehr braver Mann sein mag, ich wills ihm lassen, auch gelehrt, er will auch gewiß das Beste!«

»Aus Euer Hochwürden Munde dies zu vernehmen –«

»Wundert Euch. Ihr würdet Euch noch mehr wundern, wenn ich Euch meine Herzensmeinung auseinandersetzte. Dazu ist hier nicht Ort und Zeit. Mein Bester, das ist die alte Krankheit der Welt, daß man bessern will, ehe man geprüft, ob die Zeit dafür ist; mit der Zeit erst erntet man Rosen. Mein Gott, was wäre nicht überall in dieser Welt besser zu machen; aber – das im Vertrauen zwischen Euch und mir – es wird schlechter für Euch und mich. Für uns alle, nur für die da nicht. – Hört mich ruhig an, lieber Reiche, ich weiß, ich rede zu einem Freunde, auf den ich Häuser bauen kann«

Der Bürgermeister neigte sich vor dem Prälaten.

»Wenn Luther und seine Freunde ihr Werk durchsetzten; nehmen wir an, es gelang ihnen, und täuschen wir uns beide nicht, sie wollen mehr, als sie jetzt aussprechen, als sie vielleicht selbst in diesem Augenblicke wissen. Die stolzen, übermütigen, habsüchtigen Prälaten und Kirchenfürsten müssen herausgeben, was sie durch Jahrhunderte eingeschluckt, an sich gerissen; nicht wahr. Eure Berliner Bürger werden sich die Hände reiben, wenn der Priester wieder arm und demütig im schwarzen Rock durch die Straßen geht, wenn für die gespickten Auerhühner eine Schüssel Grütze auf seinem Tische dampft. – Ich verarge Euch die Freude gar nicht. Ihr habt manches leiden müssen. Wer wer wirddann nun die Auerhühner speisen, wer die Fässer und Flaschen im Keller, wer die fetten Ländereien erben, aus denen Ihr sie herausjagt? Wer die Autorität, die Ihr ihnen genommen? – Ihr wahrhaftig nicht. Der Adel wird zugreifen, die Herren, der Fürst. Nun seht Euch vor. Ihr lieben Bürger, ob Ihr Euch des Sieges dann noch freuen werdet. – Lieber Reiche, vergeht einmal meinen Prälatenrock. Vor vierzig Jahren ging ich hinter meines Vaters Pflug. Ein reicher Bauer war mein Vater, ein Erbscholtiseibesfitzer; er hatte es mit manchem Edelmann aufnehmen können; aber er blieb ein Bauer und ich ein Bauernsohn. Was soll ichs Euch beschreiben, wie die Junker um Glogau auf uns herabsahen, wie sie uns mitspielten. Ich mochts nicht länger dulden; es kochte in mir die Lust, auch mal mit ihnen zu spielen. – Nun seht, sie ist mir geworden; in reichem Maße hab ichs ihnen vergolten. Die Herren mit den alten Namen und Wappen mußten vor dem Bauernsohn sich bücken, der durch zehn Jahr das Land regiert hat. Als Bischof und Gesandter meines Herrn sah ich auch deutsche Fürsten in meinem Vorzimmer warten, lauschen auf einen gnädigen Blick. Das gewährte die Kirche dem Bauernsohn; das ist der Weg, auf dem der Bauer und Bürger zum Herrn wird über den Ritter. Und diese Kirche wollt Ihr umstoßen! Ich sage Euch, sie ist die einzige Rettung gegen die Uebergriffe des Adels, die täglich ärger werden, je schlauer die Junker werden. Die Kirche ist das einzige Mittel, so das Gleichgewicht in der Welt herstellt. So wars von Anbeginn, als alles in Finsternis lag, als die rauhen Barbarenhorden die alte Welt zerrissen, als die wilden Gewalthaber die Menschen und ihre Rechte mit Füßen traten, als darauf Kaiser, Herzöge und Grafen sich in den Raub teilten, als wir unsere Köpfe, Gut und Blut hergeben mußten, um ihren Hader auszufechten; da nahm die Kirche sich des getrennten Menschengeschlechts an. Und diese Kirche wollt Ihr umstoßen? Meint, es sei nun alles gut, Ihr bedürftet ihrer nicht mehr. Probierts! Ob der Adel oder die Fürsten Euch mit scharfen Messern scheren werden, das weiß ich nicht; wir schöpften Euch höchstens von Eurem Brei den Rahm ab; aber das weiß ich, geschoren werdet Ihr werden. Ihr Bürger, daß Ihr Ach und Weh schreit. Ueberlegts, Herr Bürgermeister, seht Euch Eure durchlöcherten Mauern an, fragt, ob Ihr noch die Macht habt wie vor dreihundert, nur vor hundert Jahren, überlegts; es hats ein Bauernsohn Euch gesagt.«

Was der Bürgermeister Herr Reiche darauf überlegt hat, wissen wir nicht; geantwortet wenigstens hat er nichts, denn die Türen wur den zum Abendtisch geöffnet, und der Kurfürst saß schon mit einem fast vergnügten Gesichte auf seinem Platz, als die andern eintraten. Vorher hatte er ein ernsthaft und langes Gespräch mit seinem Marschall gepflogen, man könnte sagen zwischen Tür und Angel; wir wissen daher nur einiges davon.

Joachim hatte den Kopf geschüttelt, als sein Marschall ihm berichtet, wie kaiserliche Majestät endlich nach langen Diskussionen in seinem Geheimen Rate dahin resolvieret, daß er die Truppen nicht auf die Berge schicken und keine Magazine droben anlegen wolle. –

»Und wie hieß der kluge Mann, der das Gutachten abgab?« –

» Augustinus Niphus, gnädiger Herr. In seiner Schrift soll er mit sehr wichtigen Gründen des Stöffler Prophezeiung widerlegt haben.«

»Das glaubst Du?«

»Ich las sie nicht; aber die Welt steht noch.«

»Freilich haben wir Juli.«

»Und im Februar sollte sie untergehen.«

»Weil Stöffler sich verrechnet in der Konjunktion des Saturn, Jupiter und Mars im Zeichen der Fische. Das hat Carrion nun auch herausgebracht.«

»Nun, gnädiger Herr,« sagte Hans Jürgen lächelnd, »sie ging noch nicht unter. Das ist mir schon genug und mehr wert, als daß ich weiß, warum sie nicht unterging. So meints vielleicht Kaiser Karl auch!«

»Ich will Dir die Augen öffnen. Der Kaiser ließ die Schrift schreiben, weil ihm der Antrag des General Rango unbequem war. Das Bauen auf den Bergen ist teuer, es hätte seinen Schatz geleert, er liebt das Geld; darum bestellte er sich ein Gutachten, wie er es verlangte. Die Federn der Gelehrten sind leichter als das Geld der Könige. Eine Dublone, wie viel Federkiele wiegt sie auf! Wenn ich ein Gutachten haben will von meiner Universität Frankfurt, glaubst Du, daß die Professoren es nicht abgeben werden, wie ich es verlange?«

Welche Meinung Hans Jürgen Bredow darüber hatte, ist uns nicht gesagt,

»Und wie fandest Du es am Hofe? Im Reiche? Auf Deinem Wege?«

»Kanns nicht leugnen, überall große Angst und Verwirrung. Am Hofe meinten allerdings viele, wie mein Kurfürst, der Niphus habe dem Kaiser nur zum Munde geredet. Im Reiche sind sie in heilloser Angst; drüben im Welschland, bei den Franzosen und in Hispanien soll man oft den Prediger vor dem Zähneklappern der Weiber nicht hören. Auch baut, was nur kann, Schiffe. Das Holz an der Donau ist im Aufschlag.«

»Die Toren! Durch die Flut, die der Herr im Zorne ausgießt, in Brettelnachen steuern wollen!«

»Die Verständigsten sind des Dafürhaltens, daß es keine Flut wird wie die alte. Sie meinen, es werde nur, was sie eine Partialsündflut nennen, die gar nicht die Berge erreicht; nur was im Flachen liegt, werde das Wasser fortschwemmen. Darum retten sich auch etliche, wie ich noch eben in Wittenberg sah, nur auf ihre festen Häuser. Der Bürgermeister Henndorf ließ gerad ein neu Gebräu Bier auf seinen Boden winden, damit er, wie er sagte, während der Sündflut einen guten Trank habe. Das gab großes Aufhebens, und die Bürgerschaft murrte: wenn wir versaufen sollen, was hat der Henndorfer vor uns voraus! – Daß er Bürgermeister ist? Uebermorgen wird ein anderer gewählt. – Oder weil er ein groß steinern Haus hat an der Eck am Markt? – Wer Geld hat, kanns ihm abkaufen. – So hörte ich die Leute schwätzen, der Bürgermeister kehrte sich nicht daran. Hat Euch Mehlsäcke und Brot und Schinken hinausgeschafft, daß er meint, ein paar Wochen werde er es aushalten. Ihr mögt denken, wie sie in Wittenberg die Köpfe zusammenstecken.«

»Was sie in Wittenberg doch wichtiges zu sprechen haben! – Sahst Du – den Mann dort – ich meine den Augustiner?«

»Es traf sich so, und in erschrecklichem Zorn sah ich ihn; aber hilf mir Gott, ich mußte doch lachen, wie er die Augen rollen ließ und endlich gar vor Zorn spuckte.«

Auch Joachim lachte, als Hans Jürgen die Geschichte erzählte, und so mußte sie den Herrn erfreuen, daß er, als sie zu Ende war, den Marschall am Kragen faßte: »Die mußt Du den andern auch erzählen. Dein Pferd hat schon Geduld, so der Abt ihm noch eine Metze Hafer schütten läßt.« Bei der Tafel erzählte Hans Jürgen die lustige Geschichte, wie er den Prediger Stiefel in Wittenberg einbringen gesehen von seinen Bauern und zu Doktor Luther führen.

Stiefel nämlich, der Pfarrer war zu Lochau und Holzdorf bei Wittenberg, war ein grundgelehrter Mann und hatte auch auf seine Hand herausgerechnet und gefunden, daß die Sündflut kommen und die Welt untergehen werde. Aus einundzwanzig Gründen wußte ers für gewiß; nur über Jahr und Tag war er noch in Ungewißheit geblieben, und seine Bauernschaften mit ihm, die ihn doch drängten, daß ers ihnen gewiß mache, damit sie ihre Felder danach bestellen könnten und auch für ihr Gewissen sorgen. Endlich hatte er es aus verschiedenen Quadratzahlen herausgerechnet, daß die Wassergüsse losbrechen würden am 3. Juli dieses Jahres, morgens um 8 Uhr. Die Bauern in Lochau und Holzdorf trauten mehr auf ihren Pfarrer Stiefel, als auf den Doktor Luther in Wittenberg, denn er hatte noch mehr große Bücher in seinen Spinden und eine Stimme, die wie eine Trompete klang. Darum glaubten sie ihm auch, als er von der Kanzel versicherte, was etliche täten, daß sie sich nach Bergen und Kähnen umsahen, hälfe nichts, weil Gott in seinen Wassersäulen und den Strudeln und Wirbeln die ganze Erde fortspülen werde, gleich wie die Elbe den Sand im Frühjahr. Aber sorgen und klagen sollten sie nicht; denn nach dem jüngsten Tage käme ein neuer Tag, wie nach den Frühjahrwassern der Elbe die Ufer neu grünten und blühten. Und er selbst, Stiefel, werde beim Weltuntergange als letzter Engel die siebente Posaune blasen. Des habe Gott ihn gewürdigt!

Wer von seinen Bauern konnte zweifeln, wenn er ihm ins Auge sah und seine Stimme hörte, davon das Gewölbe der kleinen Kirche zitterte. Und wenn gerade ihr Pfarrer am Gerichtstage gewürdigt war, die Posaune zu blasen, die letzte Posaune, welche die letzten Versprengten zusammenrief, welche Fürsprache war das für die Gemeine! Da konnte jeder dem Tage in Ruhe entgegensehen. Wer in Lochau war, war in voraus gerichtet und gerettet. Und die von Holzdorf, wenngleich nur ein Filial, doch desselben gleichen; wiewohl ein kleiner Streit sein mochte, wer voran ins Himmelreich schreiten werde? Der Pflug blieb auf den Aeckern stehen, sie ließen ihr Vieh auf den Saatfeldern grasen. Wer häuft Schätze, wenn die Welt untergehen soll? Die Bettler hatten goldene Zeit, die durch Lochau zogen, mit vollen Taschen und Säcken auf dem Rücken machten sie sich lachend davon. Die ungläubigen Nachbarn hatten auch gute Zeit, wenn sie mit den Holzdorfern und Lochauern rechneten und zechten. Die Keller und Speisekammern wurden leer und die Tische dampften morgens und mittags und abends von den vielen Schüsseln; es war ein gesegnetes Jahr, das vorige, gewesen. Wer nimmt in die Ewigkeit mit Wecke und Schinken und Gerstensaft? So dachte auch der Pfarrer und verschenkte seine teuren Bücher, wer sie haben wollte. Droben braucht man keine Bücher.

Nur in der letzten Nacht hatten sie nicht in der Schenke getobt, gezecht und getanzt. Wenn nun im Sausen des Weltsturms ihrem Pfarrer die Posaune aus der Hand fiele! Würde es der Erzengel Michael ihnen glauben, wenn sie riefen: Wir sind Lochauer! Wir sind Holzdorfer! Würde Sankt Peter auf ihr bloßes Wort die Himmelspforte ihnen aufschließen! – Und wenn Stiefel sich geirrt habe, er wäre gar nicht berufen gewesen, die siebente Posaune zu blasen! – Wer sollte dann für sie bürgen, und sie hatten nicht durch Gebete, gute Werke und den Glauben sich vorbereitet! Alles das sollte in einer Nacht nachgeholt werden! In der Kirche heulte es und klapperten die Zähne; das ganze Dorf war wüst und leer. Die Diebe hätten, wenn sie noch etwas fanden, frei Feld gehabt; es war keine Tür verschlossen, kein Wächter gestellt.

Niemand aber war zerknirschter gewesen in jener Nacht als der Pfarrer Stiefel selbst; seine Zähne hatten auch geklappert, er hatte kaum vorbeten können. Und wie blaß schritt er am Morgen durch die Reihen, als die Lochauer und Holzdorfer in Trauerkleidern, Asche auf ihren Haaren, die barfuß, die gar in Lumpen, einen Strick um den Hals, aufs Feld zogen und sich auf die Kniee warfen. Schwarz zog es um sieben über die Elbe her, und um acht fing es zu tröpfeln an, aber es blieb beim Tröpfeln, der Wind jagte die Wolken, die Sonne kam wieder vor und brannte das bißchen Nässe von ihrem Rücken und Nacken trocken. Da richtete einer nach dem andern den Kopf auf nach dem Pfarrer, der aufgestanden und bald die Hände rieb, bald sie gefaltet gen Himmel hob. »Wartet nur, liebe Kinder, ich könnte mich verrechnet haben in der Stunde.« Es ward neun, es war zehn, die Wolken kamen nicht wieder, die Julisonne brannte fürchterlich. Einer hatte sich nach dem andern aufgerichtet, einer immer grimmiger als der andere. Als es Mittag von den Dörfern läutete, waren sie alle aufgesprungen und standen wie Irre, die das Fieber oder der Hunger schüttelt, um den zitternden Pfarrer. Der wollte ihn mit den Augen durchbohren, der rüttelte ihn an der Brust, der zog ihn an der Schulter: allen sollte er Rede stehen, und konnte doch auch nicht einem einzigen ein Wörtlein antworten.

Da banden sie ihm die Hände mit Stricken auf den Rücken, er war ja kein Engel mehr; statt der Posaune hingen sie ihm des Nachtwächters Horn um die Brust. So schleppten sie ihren Prediger, die ganze Gemeinde dahinter, die heulenden Frauen wie ein Chor von Plagegeistern, nach Wittenberg. Wenn er ihnen nicht, mußte er doch dem Doktor Luther Rede stehen.

Das erzählte Hans Jürgen, und wie er vor dem Augustinerkloster den Haufen stehen gesehen, just als er aus der Stadt reiten wollte, und wie Luther aus seiner Zelle heruntergeholt worden, und jeder aus dem tollen Haufen hätte zuerst reden wollen und alle sich überschrieen, bis der Augustiner mit seiner Donnerstimme drunter gefahren, Ruhe geboten und dem Schulz geheißen, daß er allein spreche. Wie aber der Schulz doch nicht allein gesprochen, denn die Weiber hätten sichs nicht nehmen lassen, auch nicht vom Doktor Luther, daß sie nicht mitredeten.

»Und was forderten sie vom Doktor Luther?«

»Was anders, als daß er ihren Prediger zwinge, daß er seine Prophezeiung wahr mache, oder ihnen das Ihrige wiederschaffe. Die armen Schelme sind übel daran.«

»Und was entschied der gelehrte Mann? Er soll ja auch Rechtens studiert haben.«

»Gnädigster Herr, die Worte des Mannes kann ich nicht wieder hersagen; der spricht nicht mit dem Mund allein. Ich meine, der Platzregen müßte schon stark gewesen sein, ders den Leuten so auf den Pelz gegeben, als Luthers Worte taten. Da hagelte es von Tagedieben, faulen Knechten Gottes, falschen Propheten, von Dünkelmut und Lästerei, und er sagt es ihnen gerad raus, daß es der Teufel allein sei, der die Stänkerei angerichtet.«

»Was dem armen Teufel alles in die Schuh geschoben wird!« lachte der Bischof. Der Kurfürst aber sagte:

»Der gelehrte Augustiner hätte doch dem armen Stiefel die Ausrede überlassen sollen. Ein solcher Mann, mein ich, brauchte nicht des Teufels Hilfe, wenn er Unsinn spricht; er wäre sich selbst Autoritäts genug,«

»Was mich am meisten Wunder nimmt,« sagte der Bischof, »ist, wo die armen Bauern von Lochau noch ein Mittagsessen fanden. Sie hatten nicht zugekocht und ihre Speisekammern waren leer.«

»Wenn bischöfliche Gnaden erlauben,« erhob sich der Subprior, der, wenn es zu Tische ging, immer nüchtern wurde, »vielleicht wie Kaiser Karl IV., dessen Andenken Gott gesegne, jener Zeit in unserm armen Kloster Lehnin.«

»Friede seiner Asche und Ehre seinem kaiserlichen Andenken,« sprach der Kurfürst, sein Barett berührend. »Was fand mein glorwürdiger Vorfahr in diesem Kloster?«

»Einen leeren Tisch, durchlauchtigster Markgraf, nichts in Küch und Keller, und einen Abt, der nicht, wie unser Hochwürdigster, in der Not sich zu helfen wußte. Aber er ward doch satt.«

Es war offenbar ein Schwank, der auf den Lippen des kupfrigen Gesichtes schwebte, eine Geschichte, die vielleicht den meisten, selbst dem, welcher danach fragte, bekannt war; aber lustige Geschichten gehörten als Nachtisch zu allen Gelagen unserer Vorväter. In den wohlhabenden Mönchsklöstern waren sie zu Hause, und dünkten nirgend besser angebracht, als wo es galt, ernstliche Betrachtungen und verdrießliche Gedanken zu verscheuchen. Wenn Kriegsleute knöcheln um Mitternacht in einer Gruft, und der Klang der Würfel auf dem Leichenstein schallt wieder durch die dumpfen Gewölbe, glaubst Du, sie tuns aus Mut? Ich sage Dir, es ist die Furcht, vor den andern mutlos zu erscheinen, die jeden antreibt, ärger zu fluchen, gottlosere Lieder zu singen als die andern; wärs nicht um die, er schlüge ein Kreuz und liefe davon. Von denen am Tisch fürchteten wenigstens drei, was die Bauern in Lochau gefürchtet, jeder gab aber viel darum, daß der andere nichts von seiner Furcht merke.

»So kams,« hatte der SubPrior erzählt, »daß Kaiser Karl IV., der Lützelburger, von einer Jagd mit seinem fürnehmen Gefolge, als wie man jetzt sagt, wie eine Bombe bei uns ins Haus fiel. War Kirmeß gewesen, oder eine Schatzung von Schnapphähnen, kurz, ich weiß nicht was, aber es war auch nicht ein Pfund Fleisch im Hause, und der Kaiser sehr hungrig. Da war der Abt ganz außer sich; aber er hatte einen treuen Mann, der oft für ihn dachte und manches Mal für ihn handelte. Dietrich Kagelwid hatte wohl die Weihen, aber mit seiner Gelahrtheit solls nicht weit hergewesen sein; und machte sich lieber in der Küche zu schaffen, als in der Bibliothek. Da wußte er Kunststücke, daß den Konviktualien das Wasser über die Zunge lief, und hatten ihn sehr lieb. – Kagelwid, Du mußt mir helfen, sagte der Abt. – Ja wie denn? – Ein gut Gericht, eine Kraftsuppe, wie sie ein Weidmann, der ausgehungert ist, liebt. – Domine Abba! sprach Kagelwid, erst Fleisch her, dann eine Suppe. Hat der Kaiser einen Dammhirsch oder einen Rehbock in der Tasche? – Ach, er hat nur Böcke geschossen. – Davon kocht Schmalhans nur eine Windsuppe, sagte Kagelwid. – Ach, Kagelwid, allerliebster Kagelwid, hilf mir, sprach der Abt, so er hungrig abzieht, trägt ers uns nach, und er ist ohnedem denen in Chorin holder als uns. – Da wären also nur unsere Schweine !– Maria Josef! Kagelwid, wovon sollen wir den Winter leben, auch sind sie noch nicht gemästet; wo hast Du auch je gehört, daß eine Suppe von Schweinefleisch gut schmeckt? Das sage ich Dir, Kagelwid, daß Du mir auch nicht ein Schwein schlachtest.

Da rieb sich Kagelwid die Stirn, aber er kriegt es raus. Bald brodelte ein Kessel mit Erbsen überm Feuer, die quollen auf und hülseten sich, und er fuhr mit dem Quirl darin um, und streute ganze Hände voll Pfeffer, und dann ging er doch in den Schweinestall, aber heimlich, und ein Messer unter dem Habit. – Und die Suppe schmeckte dem Kaiser und seinen Grafen und Herren und dem Abt und allen über die Maßen; alle lobten sie, daß sie so kräftig und würzig und nahrhaft, und zum Trinken rechten Appetit machte. Aber was ist das für ein Fleisch? sprach der Kaiser, das so süß und so zart schmeckt, und darin herumschwimmt? – Kaiserliche Majestät halten zu Gnaden, das ist kein Fleisch, sagte Kagelwid. Da rieten sie umher, was es sein könne. Einige meinten, es sei eine Quappe, andere eine Art Schnecken; noch andere, es sei wohl ein besonder Tier aus der Vorzeit, daß sich hier erhalten, und sie kenneten seine Art nicht, bis einer den Kopf schüttelte: Das schmeckt nach Schwein. Da fuhr der Abt auf: Kagelwid, hast Du mir das getan? – Hochwürdigster Herr, wie könnt ich Euch das tun. Höret doch, wie Eure Schweine in den Koben grunzen, und zählet sie, so werdet Ihr sehen, Euch fehlt keines. – Da wurden alle neugierig und gingen mit dem Kaiser und dem Abt in den Stall, und die Schweine grunzten furchtbar, und sie zählten sie, und wie er gesagt, es fehlte keines; es war aber auch keines, das auch nur noch ein Ohr gehabt. Kagelwid hatte alle Ohren abgeschnitten und in der Suppe verkocht. Da war ein Lachen und eine Lustigkeit, wie man selten gesehen, und die Keller mußten herhalten, und Kagelwid hörte viel Lobes und Rühmens. Denn bis dahin hatte man in Deutschland nicht gewußt, daß man die Schweinsohren essen kann, sondern sie auf den Mist geworfen. Also war Kagelwid ein großer Erfinder. Wenn ihn sein Abt schelten mögen, so kams zu spät, denn der Kaiser, der nie in seinem Leben eine so schmackhafte Suppe gegessen, nahm ihn aus dem Kloster und mit sich an seinen Hofhalt. Und seitdem ist in der Mark Brandenburg die Erbssuppe aufgekommen mit Schweinsohren, und heißt die Türkensuppe. Man schlachtet aber jetzt die Schweine und schneidet ihnen dann erst die Ohren ab. Denn was die in Chorin geglaubt, die uns immer, neidisch waren und uns zuvor tun wollten, das traf nicht zu. Nämlich sie meinten, die Ohren wüchsen nach als wie Grummet auf der Wiese, und man möge des Jahres zwei- oder dreimal sie den Schweinen abschneiden, was einen guten Profit gäbe. Da sie die Schweine von den Itzenplitzens auf der Mast hatten in ihren Eichenwäldern, so versuchten sies, aber die Ohren wuchsen nicht wieder, und statt Vorteils hatten sie Schaden und Aergernis, als die Itzenplitze im Herbst ihre Schweine holten. Da gings unsern fürwitzigen Brüdern in Chorin fast an die eigenen Ohren, und die Leute sagten: Was einem gut steht, das kleidet noch nicht den andern. Wills aber nicht verschweigen, was einige meinen, der Kagelwid selbst wärs gewesen, der das einem Choriner gestochen, der hergeschickt worden, um auszuspüren, woher es denn käme, daß der Kaiser unserm Lehnin so gewogen. Denn er war ein Schelm und hatte ein gut Lehninsch Herz. Und kam beim Kaiser in große Ehren, weil er sagte, der weiß zu raten und zu treffen, und mußte ihm bei manchem Gericht, was er braute, kochen und zuschneiden helfen. Soll ihm auch bei der goldenen Bulle geholfen haben, denn, sagte der Kaiser, wer es versteht, eine Herde scheren ohne Geschrei und Ohren zu stutzen, und man merkt es nicht, der ist einem Fürsten mehr wert, als einer, der Gold macht. Und er ging selbst in Seiden und Gold. Als ihn aber ein alter Bekannter fragte: Kagelwid, wie hast Dus angefangen. Du wußtet doch nie, wies am Hofe zuging? Da antwortete er: Das kommt daher: den andern ging ich um die Ohren, aber meine hielt ich steif.«

Als des Morgens sehr früh der Kurfürst ausritt, wollte der Abt ihn durch einen andern Weg nach dem Tor führen, als sonst. Wenn Joachim das merkte, ging er immer den Weg, den er wollte. Man kann wohl die Fürsten führen, aber man muß es sie nicht merken lassen.

Da stand die Arche, von der Morgensonne angeleuchtet. Und sechs oder acht Mönche saßen darin und ruderten mit den langen Rudern in der Luft, was gar kurios für den aussah, der nicht wußte, was es sollte. Sie übten sich, und ein Schiffer aus Brandenburg zeigte es ihnen, wie sie ausgreifen müßten und Takt halten. Als sie den Kurfürsten kommen sahen, dessen sich keiner so früh gewärtigt, senkten sie die Ruder, der Abt aber senkte den Blick, derweil der Kurfürst das Zimmerwerk und die Ruderer gar groß anschaute und dann den kleinen Abt.

»Wer hat Euch das gelehrt, Abbas?«

»Durchlauchtigster Herr! Wie man uns geschrieben, haben Unterschiedliche in den Ländern gen Mittag derlei Fahrzeuge für den Notfall erbaut; als auch der Präsident des Parlaments zu Toulouse, der Monsieur Auriol.«

»Das mag sich schicken an den Bergen, wo die Regengüsse plötzlich als Ströme kommen.«

»Für Gottes Kreatur zu sorgen und der Not, die da kommen mag, in voraus zu gedenken, hielten wir an einem guten Hirten.«

»Sollen Eure Herden hinein, die dort grasen, oder Eure Untertanen?«

»Gnädigster Herr, – dazu wäre das Schiff zu klein.«

»Wer denn, Abt? Eure Mönche und Ihr selbst?«

Der Abt antwortete nicht; das war eine deutsche Antwort:

»Gottes Element und Gnade! Und schämt Ihr Euch nicht vor Euern Bauern und Vasallen! So Gott wirklich seinen Zorn ausgösse und die schwebten in Aengsten auf ihren Dächern und in den Bäumen, Himmel und Heilige! sie schrieen Euch an: Rettet uns! Und ihr Herr und Abt, ihre Seelsorger, ihre Beichtväter salvierten sich in dem Bretterkasten! Ist das Hirtenschaft, ists Christenpflicht, ists Obrigkeit? – Antwort, Abt.«

Der Abt hatte sich zusammengenommen und sprach sich tief beugend: »Antworten könnte ich, der Herr rettet den, den er gerettet haben will, und wir tun nichts dazu. Denn warum sprach er zum Noah: Baue ein Schiff; und warum zu Lot: Gürte Deine Lenden und fliehe aus Sodom! – Warum sprach er nicht zum Schulzen drüben: Baue Dir ein Floß! Warum nicht zu dem Fischer, der dort seine Hütte am See gezimmert und geklebt: Richte sie auf der Höh! Ist der Herr doch so reich an Mitteln, daß er jeden retten kann, wenn er will, und jeder hat Ohren, daß er seine Stimme hört. – Ich bin nicht stolz, daß ich spreche: Er hat mich auserkoren! Denn weiß ich, ob er mich nicht in Versuchung führen will, ob nicht der nächste Sturm mein Schiff umschlägt, derweil er die festen Bäume nur schüttelt und die in den Aesten die Fluten wieder sinken sehen und ein Halleluja anstimmen, wo mich die Wellen nach dem Meere treiben? Nicht wärme ich meinen Stolz mit dem Gedanken: Er will seine Erwählten und Gesalbten retten wie den Noah und die Seinen, damit sie, wenn die Wasser sich senken, wieder die wahre Kirche Gottes auf der Erde erbauen und seinen Glauben aussäen. Nein, bewahre mich der Herr in Gnaden vor diesem Hochmut. Ich spreche: Gnade mir, Herr! ich bin nur eine Gotteskreatur wie die andern, und darum schwach, und darum furchtsam. Und wer kann sagen, er ist stark, daß ihn nie die Furcht schütteln, nie die Schwäche ihn überkommen wird!«

Der Kurfürst hatte nicht geantwortet, als er aus dem Tore ritt; er sprach kein Wort, noch auch der Bischof von Brandenburg neben ihm. Im Walde durchfröstelte es ihn oft, und es ward doch ein heißer Tag.

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