Frei Lesen: Der Werwolf

Kostenlose Bücher und freie Werke

Kapitelübersicht

Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

Weitere Werke von Willibald Alexis

Isegrimm | Der neue Pitaval - Band 15 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 9 | Geschichten aus dem Neuen Pitaval - 3 | Der neue Pitaval - Neue Serie, Band 4 |

Alle Werke von Willibald Alexis
Diese Seite bookmarken bei ...
del.icio.us Digg Furl Blinklist Technorati Yahoo My Web Google Bookmarks Spurl Mr.Wong Yigg


Dieses Werk (Der Werwolf) ausdrucken 'Der Werwolf' als PDF herunterladen

Willibald Alexis

Der Werwolf

Fünftes Kapitel

eingestellt: 8.8.2007



Unterwegs hatte der Kurfürst erst erfahren, daß der Bischof von Brandenburg nach Berlin gekommen und schwer erkrankt im Schloß seiner warte. Darum hieß Joachim die Pferde antreiben, und die Brücke am Tor nach Teltow dröhnte schon unter ihren Hufschlägen, ja die Vorreiter näherten sich bereits dem Punkte auf dem heutigen Schloßplatz, wo jetzt die große Laterne mit den vielen Armen steht, als der Himmel abermals finster ward und neue Blitze zuckten.

Und zur selben Zeit sah oben aus dem Eckturm des Schlosses an der Spree das blasse Gesicht des kurfürstlichen Sterndeuters auf den Platz herab und der heranfliegenden Karosse entgegen. Niemand sah den stillen Zwerg jemals in Aufregung; er war nichts als eine Maschine, wenn sein Herr mit ihm sprach, welche nur die Laute von sich gibt und mit dem Ton, wie es gefordert wird. Darum aber war Carrion keine Höflingsmaschine, die immer angenehme Bilder zeigt und angenehme Weisen spielt; auf den Druck des Fingers gab er nur die Wahrheit, ob sie Joachim gut gefiel oder übel; das mußten auch Carrions Feinde rühmen. Auf seinem Gesicht fand man so wenig einen Ausdruck des Schrecks, wenn Joachim auffuhr, als auf dem des hölzernen Götzen Triglaf, dessen Figur in des Kurfürsten Zimmer stand und mit ihrem greulichen, heidnischen Gesichte oft die zarten Frauen erschreckte, welche auf den Zehen über die Teppiche huschten. So freute es ihn auch nicht, wenn der Herr über eine frohe Botschaft aus den Sternen aufjubelte. Ob es doch nie zu Carrions Schaden war, wenn er Gutes meldete, schien doch eher ein Zug wie Schmerz oder Verachtung ihm über die Lippe zu spielen, daß einer sich noch freuen könne.

Niemand hatte je den Zwerg in Aufregung gesehen; heute war ers, als er, das blasse Gesicht zwischen beiden Händen, auf das Fensterbrett gestützt, ein heiseres Gelächter ausstieß. Das Rot um seine Augen, was sie so häßlich machte, verschwand vor dem satanischen Blicke, vor dem breit geöffneten Munde, welcher das heisere Lachen rausließ. – Hier oben sah ihn niemand; hier war Carrion keine Maschine, er war ein Mensch, aber einer, vor dessen Blick ein harmlos umtobender Kobold sich geflüchtet hätte. Es war das Gelächter der Schadenfreude, ein tief innerliches; so giftiger, als er es lang verhalten, so heftig, daß es den Donner gern übertönt hätte:

»Da kommt er zurück, der große Fürst, der Ueberwinder, stolze, hohe Geist, übersprudelnd von kühnen Gedanken und Bildern, die dem Himmel seine Seligkeit abstahlen; Joachim von Brandenburg, Du Licht und Seele Germaniens! Wie kommst Du zurück? Ich führe nicht durch die breite Gasse, nicht wie bei hellem Tag. Ich schliche mich an Deiner Statt abends im Mantel durch ein Hinterpförtchen. – Wirst Du den Streich verwinden können. Du große, schöne, von Gott begabte Natur, den Stich, den Dir ein kleiner Wurm in die Ferse gab, und der große Gottmensch knickte zusammen wie die geflickte Puppe des Goliath, den die Gewandschneider um Mummenschanz genäht. Er ragt, wie der Riese, bis an die Dächer; ein Schnitt mit einer langen Schere, wo die Knoten sich nesteln, und der Koloß knickt und stürzt und die Buben lachen über den Strohmann, der sie erschreckte. – Wirst Dus überwinden? – Wieder aufstehen? – Den Spott schüttelst Du nicht ab. – Blase nur Deine Backen auf, laß Deine Stimme tönen wie die Trompeten von Jericho, das Gelächter klingelt lauter um Deine Ohren. Schüttle die Mähnen Deines Zornes, Worte und Reden, die Rinderrücken brechen; es ist vorbei, der Zauber gelöst. Die Spittelweiber kichern, beim brennenden Kienspan erzählen sie sichs, die barfüßigen Buben weisen mit den Fingern auf Dich: Der floh vor der Sündflut auf den Sandhaufen von Tempelhof. Sein Volk ließ er unten, das konnte ertrinken. Wo findest Du hochtönende Reden, das wegzudisputieren! Der Sandhaufen unter Deiner Majestät sinkt zusammen.«

Der kurfürstliche Wagen kam noch nicht um die Ecke; die Pferde scheuten vor einem alten Bettelweibe, das an der schwarzen Brüderkirche ihre Lumpen erhob. Sie schlugen aus, daß das Gestränge riß und die Deichsel brach. Hundert Arme von der Stechbahn und Brüdergasse stürzten hinzu, die Pferde zu halten, das Gestränge zu knüpfen und die Deichsel zu binden.

»So ists recht,« fuhr der grinsende Gnom fort, »Du zauderst noch. Ists der Instinkt? – Da ist der Platz, wo ich Dich hin haben will; Du könntest ja aussteigen, wie viel hundert Schritte sind es bis zur Schwelle Deines Hauses? Nein, Du fürchtest ihre Gesichter. Birg Dich tief in die Ecke, sie sehen Dich doch. Durch Holz und Leder brennen ihre Blicke Dich schamrot. O aber, es wird noch besser kommen. Jetzt bist Du noch berauscht von Furcht und Grimm, aber wenn Du zur Besinnung kommst, zu Deiner stolzen Besinnung, und die Nachwehen nagen an Deinem Hochmut! Wenn Du die Hand aufhebst und fühlst, der Nerv ist gelähmt; wenn Du die Lippen öffnest, die Zunge stockt, die kühnsten Gedanken, Stimmungen wie Lerchengewirbel und Posaunenschall, die Unken heulen drein, die Fledermäuse flattern durch die Choräle. Das sind Flammen, spitze, brennende, bohrende Flammen; sie prickeln und nagen schärfer und langsamer als die Brandfackeln Deiner Büttel, als die knisternden und dampfenden Ballen von frischem Kienholz an Deinem schönen Turme. Und der Wurm wird nachheizen, wenn die Flammen matt werden, und in Deiner Qual wirst Du Dich auf ihn lehnen, als einen Trost. Ich will Dir Stütze sein, wie der glimmende Querbalken, an den Du meines Vaters Hals geschmiedet, und in der Todesangst schlug er mit dem Schädel dagegen, bis – es war ja nicht mein Vater allein! – Bin ich denn allein?«

Der Astrolog sah an der Treppe den Mann sitzen mit der roten Hahnenfeder und den gläsernen kleinen Augen.

»Du meinst doch nicht, Don Holofern, daß mir die Wimpern naß werden, wenn ich an den Turm denke? Oder daß es Rache ist, um solche Kleinigkeit? Was tat mir damit Joachim, daß er meinen Vater und etliche dreißig dazu in die Rauchkammer hängte, und drunten heizen ließ, nur um zu sehen, wie lange ein Jude im Rauch aushält? Ein wissenschaftlich Exempel, ein mutwilliger Judenspaß. Pfui, wer so gemeinen Sinnes wäre, einem jungen vornehmen Herrn seinen Zeitvertreib zu mißgönnen. Auch ein paar Vettern, ein Bruder hing drunter. – Sind wir nicht alle Fraß der Würmer – selbst Würmer! Der Fuß des Menschen zertritt ihn; das geschieht täglich, stündlich, ja in jedem Atemzuge werden tausend, vielleicht tausendmal tausend Würmer und Insekten zertreten, an die Wand geklatscht, verschluckt. Das kleine Mädchen mit dem Engelskopf und den blauen Augen schleicht auf den Zehen mit dem Licht und verbrennt die Mücke, die an der getünchten Mauer schläft. Die kleine Mücke schmerzt der Feuertod, gerad wie meinen Vater, und doch lacht das Engelskind voll Unschuld, daß ihr die List gelang, und die Mutter herzt sie vor Freude, daß das unschuldige Kind ein so hübsches Vergnügen ersann. Darum kräht kein Hahn, Gottes Odem schläft, die Natur schläft auch und verdaut, und ihr ists recht; je mehr Leichname faulen, so geiler wird die Erde. Wenn nun einmal ein Wurm einem Menschen in die Ferse stach, daß er vor Schmerz Sprünge tut, darüber die Majestät von Gottes Ebenbild aus dem Gleichgewicht rutscht, etwas possierlich sogar, das nennst Du Rache, Mephisto? - Ein kleiner Zeitvertreib dem Wurme, weiter nichts!«

Der Mann mit der roten Hahnenfeder schüttelte den Kopf.

»Du hast recht, Don Moloch, s ist ein groß Vergnügen, einen solchen großen Menschen, so eine schöne von Gott begabte Natur in der Sprache der Affen, so allmählich untergehen zu sehen. Warum ragt sie über die andern? Jeder Riese ist bestimmt, von einem andern, einem größern, zertreten zu werden. Bisweilen macht sich dann das kleine Gewürm den Spaß, den großen Riesen zu spielen und dem kleinen ein Bein unterzuschlagen. Lust muß jede Kreatur haben, das ist ihr mehr als Lust, das Essen, Trinken, – einen kleinen Zeitvertreib, um das lange Folterseil zwischen Wiege und Grab kürzer zu machen. – Ich habe meinen Zeitvertreib mir selbst erfunden, und denke nicht, Don Lucifer, daß es mit dem Wurfe ausgespielt ist! – Meinst, er werde erwachen! Du bist ein schlechter Seelenkenner, weil Du nur die schlechten Seelen in Dein Reich bekommst, die Gimpel, die sich fangen lassen mit etwas Honig und Goldstaub. Mein Don Joachim ist ein besserer Vogel; wenn einer ihn aus dem Netze ziehen will, flattert er von selber wieder hinein. O diese schöne von Gott begabte Natur ist so eigensinnig, wie Du und die schlauesten unter Deiner Heerschar es nicht ersinnen könnten. Meinst, er werde michs entgelten lassen. Ich schweige, ich unterwerfe mich ihm. Nun denn, je heftiger die andern mich anklagen, so heftiger ist mein Verteidiger. Je schwärzer sie mich machen, desto leuchtender werd ich durch ihn. Und wenn die Sterne selbst aus ihren Sphären träten, gegen mich zu zeugen, er sieht den hellen Tag nicht, er wird sie fassen, schütteln, ihnen die Köpfe zurecht setzen und sprechen: Der ist mein treuer Diener, und das ist mir genug. Was wollt Ihr gegen ihn! Ungläubiger Don Satanas, was willst Du gegen solchen Glauben?«

Der Mann mit der Hahnenfeder stierte ihn mit einem Hohngelächter an.

»Aergert es Dich, daß ich Glauben habe? Ich glaube an mich selbst. Wie sollt ich nicht! Wie käme der kleine getretene Jude dazu, den sie, nicht aus Barmherzigkeit, nein weil sie sich schämten, die Mißgeburt in die Flammen zu werfen, nur mit einem Fußtritt aus dem Lande stießen, wie käme er dazu, dies Land und seinen weisesten Fürsten zu gängeln! Haben etwa reiche Verwandte, Freunde sich mein erbarmt? Sie stießen mich auch von sich wie ein Wechselbalg. Ich habe mich selbst erzogen; ein Schemel für ihre Füße, eine Bürste für ihre Schuhe, habe ich den Glauben und die Weisheit der Völker studiert, in Amsterdam und Paris, in Bologna, Salamanca und Cairo, die große Weisheit, daß man den Dummen ihre Wünsche ablauschen muß, ihre Träume und ihr Spielzeug, und man hat sie gefangen. – Ich nicht an mich glauben! Der ihnen eine Puppe anzog, davor sie auf den Knien liegen, und mich selbst zog ich aus, daß keiner den Juden wittert. Ich nicht Achtung vor mir selbst, der ich mit glühendem Eisen die Züge mir ausbrannte, langsam, schmerzhaft, die Abrahams Stamm verrieten, einätzte Farben in meine Haut. Mein Gesicht ist nicht mehr Gottes, es ist mein.

»Lachst Du wieder, Don Negativ, drohst Du den Juden anzugeben? Tue es. Wo ist, denn ein Jude? Ich schwor ab dem Gott Jehovah, der die Würmer gemacht, daß sie von der Menschen Füße zertreten würden. Mein Gott ist die Schlange, die sich unter dem Drucke krümmt und windet, bis sie dem Unterdrücker ins Bein fährt. Mein Gott ist der Nebeltau, der die Saaten verdirbt, mein Gott ist nirgend, mein Gott gibt keine Zeichen, steckt keine Zornruten am Himmel aus, er erweckt nicht Propheten, die dem blöden Volke ein Licht anzünden und ihm den Star stechen, wie der alberne Doktor in Wittenberg will; denn es ist gut für die Sehenden, wenn die Blinden regieren, und vorteilhaft für die Klugen, wenn den Toren die Welt gehört. – O, Don Infernatis, mit meinen Kneifzangen, mit meinem ätzenden Pulver, mit Höllenstein und Glüheisen zog ich mehr aus mir als den Juden. Ich habe auch meinen Rosengarten; darin schwelge ich, trotz Salomon und Hafis in seinem von Schiras. Wenn das gottfromme Gemüt bei den Düften, die der Abendwind sammelt, beim Läuten der Abendmette, Tränen der Rührung vergießt, wie der Herr so schön die Welt gemacht und das Aug der Vorsehung über alles wacht, zähle ich die Läuse an den Blättern der Rose, ich pflege die Nester der Wickelraupen und rechne aus, das ist so mein still Vergnügen, wie die Brut sich entwickelt, bis wann sie die duftenden Blätter und Knospen umsponnen und zerfressen haben wird, und wann der Gärtner den unnützen Strauch aus dem Boden reißt und auf den Kehricht wirft. Von allem Häßlichen ist mir das Schöne das allerhäßlichste und darum das liebste, wenn ichs zerpflücken, fressende Säure in den Blütenkelch spritzen kann. Warum hat der Schöpfer zwei Fuß an mir gespart und einen Klumpen zu viel auf meine Schultern gesetzt? Was machte er mich nicht zu einem schönen Mädchen? Da, wenn ich Rosen pflückte und der Dorn meine weiße Haut ritzte, würden die jungen Leute in Verzückung aufjauchzen, nur das Blut von den Fingem zu küssen. O dann hätte ich auch ganz andere erhabene und schöne Empfindungen, da seufzte ich beim Mondenschein und liebte Gott; die ganze Menschheit möchte ich ans Herz schließen. Ha! ha! – Meine Schwester war ein solch Wesen, von Wonnedüften genährt und mit Rosenhauch gefärbt. Die hob sich auf den Zehen, hat man mir erzählt, und gab dem lieben Gott in der Luft einen Kuß vor lautre Daseins-Seligkeit. Was halfs der armen Judith, daß sie so schön und gut war, und sie liebte die ganze Welt, nur vor mir erschrak sie, weil ich so ungestalt war und häßlichen Gemüts. Ihr göttliches Gemüt war in dem Gefäß des Judenmädchens verloren, so schön das Gefäß war. Ich weiß nicht, haben sie sie verbrannt, oder ersäuft, oder ist sie am Wege verkommen? – Und der Wurm soll glauben, und lieben und hoffen! Ich hoffe auch, ich liebe auch, mich, ich glaube – an die Würfel im Becher, aber nicht an den, und daß Dus weißt, auch nicht an Dich, Du mit der Hahnenfeder. Du bist ein Nichts, ein eitel Gespenst unseres kranken Hirns. – Verschwinde!«

Als er nach der kleinen Himmelskugel griff und sie nach der Treppenmündung werfen wollte, ward Himmel und Erde ein zückendes Schwefelblau, als stürze der Himmel nieder; von dem Gerassel zitterte der Turm, und die Himmelskugel rollte im kleinen runden Gemach, derweil der Astrolog besinnungslos am Boden lag. Der Sturm hatte das Fenster aufgerissen und der Platzregen strömte hinein.

Und zur selben Zeit als die Karosse des Kurfürsten an der Ecke der schwarzen Brüdergasse hielt, erhob sich in demselben Turme, wo der Sterndeuter oben zum Fenster hinauslag, unten der Bischof Hieronymus von seinem Lager, und, von dem Arm des Domherrn gestützt, wollte er ans Fenster des Gemachs zu ebner Erde, in welches man den kranken Mann gebracht. Wer ihm ins Gesicht sah, erschrak.

»Er kommt.«

»Ihr werdet ihn sprechen, hochwürdiger Herr – morgen – zu gelegener Zeit. Gönnt Euch heute nur die nötige Ruhe. Morgen werdet Ihr besser bei Kräften sein.«

»Meinst Du, Mathias?« Der gläserne Blick des Bischofs war wie ein schwarzer See, der aus hohen Ufern gen Himmel schaut.

»Auch ist der Markgraf heut aufgeregt, ermüdet; wenn Eure Meldung eine wichtige, verspart sie, bis Ihr eines günstigeren Gehörs gewiß seid.«

Hieronymus hielt sich nicht mehr am Fenster, an das ihn der Domherr gelehnt; er mußte sich wieder auf das Ruhebett zurückleiten lassen: »Was ist wichtiger, als eine Beichte, die –«

»Doch ist es nur die Gewitterluft, die Euch jetzt den Atem raubt; morgen werdet Ihr freier reden können.«

»Freier, ja – Mathias – sehr frei, – aber ob ein irdisch Ohr den Ton meiner Stimme noch hören kann!«

»Ich will, Hochwürdigster, sobald er in dem Hof ist und aussteigt, versuchen ihn zu bewegen, daß er selbst zu Euch kommt. Er ist edel und großmütig; er wird einem – Kranken diese Bitte nicht verweigern, und einem so langjährigen Freunde«

»Diese« – sagte mit Betonung der Bischof. »O Freund, bete, daß er meine andere erhört. – Wir sollten immer den Augenblick nutzen, wo eine gute Regung –«

»Ihr habt vorhin dem Franziskaner gebeichtet.«

»Meine Sünden. – Was verstand der Mönch von der Sünde gegen den heiligen – gegen den Geist der Wahrheit, eine so ungeheure Sünde –«

Der Kranke faßte ihn krampfhaft am Arm: »Bleib, ich werde ihn nicht mehr sehen, er wird mich nicht mehr hören. So straft Gott, wer seine Gaben vergeudet. Was haben wir verplaudert – Das ist es nicht – aber die Lüge!«

Der Domherr glaubte, es sei zu spät, aber Hieronymus richtete sich noch einmal mit dem Oberleib auf; seine Stimme klang nicht mehr wie von dieser Erde:

»Mein Testament! – Der Geist, der in Deutschland erwacht, wir töten, wir erdrücken ihn nicht mehr – er kommt von anderswo. Es löst sich vieles, es ringt und bricht. Lange schon ahnte ich es, daß sein Finger – ich wußte es, und kämpfte gegen das bessere Wissen mit falschen Gründen. Heiliger Gott! Heiliger Gott, das erdrückt mich; wer wird mein Fürsprecher sein an dem Throne, wo alles Licht ist!«

»Ein Ehrenmann war Hieronymus Scultetus. Den Nachruhm wird jeder ihm zollen.«

»Doppelt so der Fluch, wenn ein Berufener aus Furcht schweigt; dreidoppelt Wehe, wenn er, um den Mächtigen zu gefallen, falsch spricht, ihnen falschen Rat gibt. –«

»Habt Ihr Aufträge für mich, hochwürdigster Freund, ich will sie gewissenhaft –«

»Sage ihm, er leckt gegen den Stachel. – Der Geist Gottes läßt sich nicht länger binden. – Das waren gute, schöne Bilder, als wir Kinder waren. – Wir sind über die Bilderbücher hinaus gewachsen, die Dinge selbst zu sehen. Es ist vom Uebel, wer Erwachsene noch am Gängelbande führen will. Das heißt eingreifen in Gottes Allmacht; Vermessenheit ists! – O, Mathias, wage das ihm zu sagen. Sei ein wahrer Freund, nimm meine Last auf Deine Schultern, daß ich leichter vor den Herrn trete: denn ich, ich wars, der die Dunstgebilde, die um sein Hirn gaukeln, durch falsche Schlüsse einst gefestet.«

Der Domherr war auf seine Kniee gesunken, wie um den Segen eines Sterbenden zu empfangen.

»So weihe ich Dich – zu dem großen Werke, Mathias! Mut und Klugheit gebe Dir der Herr. – Halte ihn fest am Zipfel seines Kleides – daß er nicht weiter verirrt in die Nebel – ruf ihn zurück zu seinem Volke – daß sein Volk nicht von ihm verirrt. Wehe, wenn ein Volk und sein Fürst verschiedene Wege gehen. – Gelobst Dus mir –«

»Bischof! ich, ein unterer Clericus!«

»Ich weihe Dich zu meinem Nachfolger!«

»Dietrich von Gardenberg ist von der Kurie schon dazu designiert,« sprach leise der Domherr; was sollte der Sterbende die Kunde, die ihn nichts mehr anging, und die ihn doch schmerzen durfte, hören? Aber er mußte gehört haben. Da stand Hieronymus mit wunderbarer Kraft vom Lager auf, seine Arme erhob er:

»Du wirst mein Nachfolger, Mathias, so wahr die Wolken sich dort öffnen, Dein ist das Werk, Du wirsts vollenden!«

Die Wolken hatten sich geöffnet; im Augenblick, als die kurfürstliche Karosse über den Schloßplatz nach dem Burgtore fuhrzuckte der Blitz nieder, der Berlin und Kölln in eine blaue Schwefelflamme hüllte. Als der Donner niederkrachte, daß die Häuser der Brüder- und Breitenstraße zitterten, war Hieronymus Scultetus, ein regungsloser Körper, in die Arme des Dommherrn gesunken, der ihn mit Anstrengung auf das Ruhebett sinken ließ. Nie in seinem Leben konnte Mathias die starren Blicke des Toten vergessen. Als wollten sie noch immer sprechen, stierten die großen Augen aus ihren Höhlungen ihn an.

Kurfürst Joachim von Brandenburg hat seinen langjährigen Freund nicht mehr gesprochen. Als der Wagen über den Schloßplatz rollte, fuhr er plötzlich aus seiner Ecke auf: »Da ruft jemand nach mir.«

»Der Versucher!« sprach die Kurfürstin.

»Ach Gott, das hagere Bettelweib wieder!« rief Eva, die mit im Wagen saß.

»Was ist das!« riefen drei andere Stimmen, denn in dem großen Wagen saßen mehrere vom Hofe, und der Wagen schien ihnen plötzlich still zu stehen, als das geisterhafte Licht alle Gesichter blau färbte.

»Da geht Lindenberg und weist mir die Zähne,« hatte Joachim zitternd gesprochen, als der Donner niederschlug. Der Wagen krachte, als sollte er auseinanderfahren. Draußen ein entsetzlich Geschrei. Die Frauenzimmer fielen in Unmacht. Als man die Türen aufriß, mußte man sie hinaustragen.

»Hilf Du dem Kurfürsten!« sprach Eva, als Hans Jürgen sie unterfassen wollte. »Er ist auch unmächtig.«

Da Joachim zwei Schritt im Platzregen auf Hans Jürgens Schulter gegangen, und er ihm ins Gesicht sah, schrak er zurück: »Wer bist Du?«

»Ich bin Euer Marschall Bredow.« »Ich glaubte, Du wärst Lindenberg. Ach nein, da liegt er zwischen den Pferden. Den ließ ich doch nicht vierteilen.«

Haftiz, welcher uns diese Geschichte aufbewahrt hat, erzählt sie also: »Den 15. Juli (1525) als Markgraf Joachim, Kurfürst zu Brandenburg, durch seinen Astronomen heimlich verwarnet, daß ein grausam Wetter würde ankommen, da zu besorgen, beide Städte, Berlin und Collen, möchten untergehen, daß er mit seinem Gemahl und junger Herrschaft und fürnehmsten und geliebten Offizieren auf den Tempelhofischen Berg bei den köllischen Weinbergen gerückt, den Untergang beider Städte anzusehen. Als er aber lange daselbst gehalten, und nichts draus geworden, hat ihn sein Gemahl (weil sie eine überaus fromme und gottesfürchtige Fürstin gewesen) gebeten, daß er doch wieder möchte hineingehen, und mit seinen Untertanen auswarten, was Gott tun wollte, weil sie es vielleicht nicht allein verschuldet hätten. Darüber er bewogen und ist um vier Uhr gegen Abend widder zu Collen eingezogen. Ehe er allda widder ins Schloß kommen, hat sich plötzlich ein Wetter bewiesen. Und wie er mit der Kurfürstin ins Schloß kommen, hat ihm das Wetter die vier Pferde mit samt dem Wagenknechte erschlagen und sunsten keinen Schaden mehr getan.«

Haftiz, der als alter Mann etwa fünfzig Jahre später seine Chronik niederschrieb, wird diesen Vorfall noch als Kind erlebt haben.

< Viertes Kapitel
Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... >



Die Inhalte dieser Seite sind Eigentum der Öffentlichkeit.
Sollten trotzdem Urheberrechte entgegen unserem Wissen verletzt worden sein, bitten wir Sie mit uns Kontakt aufzunehmen.