Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

3. Kapitel: Mundus vult decipi.

eingestellt: 8.8.2007



Joachim hatte eine Weile mit verschränkten Armen in der Mitte des Zimmers gestanden. Als die Fußtritte der Räte auf den Korridoren verhallt waren, überlief es ihn wie ein Schauer. Als man die Stimmen der Stallknechte auf dem Hofe hörte, die ein Pferd für den Hofreiter sattelten und ihre rohen Scherze sich zuschrieen, daß die Köpfe von sechs Bürgern von den vier Schenkeln eines Pferdes herabhingen, fuhr er mit der Hand über die Stirn und schritt zögernd nach der Wand zu, wo die Klingelschnur hing. –

Aber er fuhr, wie vor dem Anblick eines Gespenstes, zurück, als er in der Mauerblende das Götzenbild, halb beschattet von der bestäubten Gardine, zu erblicken glaubte, welches so lange dort gestanden, und welches unter seinen Augen vor Wochen erst in Kisten verschlagen worden, damit sein Schwager es mitnehme. Für Joachims scharfes Auge konnte die Täuschung nur einen Augenblick andauern. Es war keine Holzfigur, es war ein lebendes Geschöpf und die Ähnlichkeit lag nur in zufälligen Umständen. Es war der Mönch aus Landsberg, den die kleine Prinzessin vorhin an der Hand hereingerissen. Seine braune, zersetzte Kutte, das geschwollene Auge, die Lücken in den wenigen Haaren, welche die Tonsur ihm gelassen, und die blutrünstigen Schrammen hatten ihn entstellt: es war aber eben auch ohnedem ein Ausdruck im Gesicht, in der ganzen Haltung des Menschen, welcher ihm den Stempel des Häßlichen und Unheimlichen aufdrückte. Die seitwärts gebogene kleine, spitze Nase, die schwarzen brennenden kleinen Augen, von glatten dunkeln Brauen überschattet, gaben ihm den Ausdruck der Schlauheit, während die breiten Backenknochen, die niedrige Stirn und die grob aufgeworfenen Lippen des breiten Mundes eine innere Gemeinheit zu verraten schienen.

Der falsche Götze, als der Blick des Fürsten ihn traf, und seine Stimme ihn andonnerte: »Ein Lauscher!« war mit auf der Brust gekreuzten Händen aus seinem Verstecke hervorgekommen und hatte sich auch mit einer Art auf die Erde geworfen, welche die Manneswürde nicht aufgibt: »es ist das letzte, zu dem sich ein tief Gebeugter entschließt; so stürzt die Eiche vor der Macht des Sturmes noch mit Größe. Dieser schlängelte sich mit gelenken Gliedern an den Boden, wie ein Jagdhund, der gefehlt hat, und er kriecht, der Schläge gewärtig, an seinen Herrn, den schielenden Blick auf den Zornigen gerichtet.«

»Nicht weiter!« Der Fürst stampfte auf,

»Gnade!«

»Am Galgen.«

»Es war nicht mein Wille.«

»Meiner, daß Du heut noch hängst. Wache!« rief der Kurfürst und stampfte heftiger auf den Boden.

»Die durchlauchtigste Prinzessin hat mich in das Zimmer gerissen.«

»Und ging, als ichs befahl. Warum Du nicht?«

»Die Türen wurden verschlossen, ehe ich –«

»Sie hätten sich geöffnet, und Hände nicht gefehlt, Dich hinauszuwerfen. Wer seinen Fürsten belauscht, hat das Leben verwirkt.«

»Du sprichst es vielen ab.«

»Gewürm! Wer gibt Dir die Frechheit?«

»Der, welcher Deine Wache taub macht, daß sie Deinen Ruf nicht hört.«

Es schien allerdings auffällig, daß trotz Joachims lautem Ruf kein Kämmerer und keine Wache hereingestürzt war. Er konnte aber sich selbst den Grund dafür sagen in dem erteilten Befehl, daß seine Diener allzeit fern von den Türen sich hielten, damit kein Lauscherohr weder seine Heimlichkeiten mit den Ministern, noch mit seinen Astronomen, – vielleicht auch noch mit andern – belauschen sollte. Der Blick des Mönches schien anzudeuten, daß dieser Befehl schon manches Mal überschritten worden.

»Ein solch Gewürm, selbst an meinen Sohlen mag ichs nicht, – Du bist es, der in Landsberg – die Scham, vor mir zu erscheinen, müßte Dich in den Boden versinken machen, wenn ein Elender, wie Du, für das heiligste Gefühl der Menschenbrust empfänglich wäre.«

»Der Rost frißt das Eisen.« sagte der Mönch.

Die ruhig und wie aus festem Hinterhalt vorgeschleuderten Worte schienen den Kurfürsten einen Augenblick stutzig zu machen. In seinen physikalischen Studien hatte er eine besondere Aufmerksamkeit dem Rost gewidmet, ohne daß weder sein gelehrter Meister Trittheim aus der Wissenschaft, noch er aus der heiligen Schrift die Erscheinung sich recht erklären können. Die Befremdung ging schnell vorüber. Der Mönch konnte ja durch andere von seinen Studien gehört haben.

»Du sollst nicht der Rost sein, der an meinem Stahle nagt. Ich gebe Dir die Erlaubnis hinaus zu kriechen, damit Dein elendes Dasein um so viel Augenblicke verlängert wird, bis Dich die Wache dem Büttel überliefert. Benutze sie zur Reue.«

»Du wirst mich nicht töten lassen.«

»Warum?«

»Weil Du das Urteil im Zorne sprachst.«

»Zorn gegen Dich? Allerheiligste Jungfrau. – Ich sprachs in der tiefsten Verachtung; unwillig nur um deshalb, weil – meine Majestät über solches Geschmeiß richten mußte. Das gehört für andere.«

»Du wirst mich nicht hängen lassen, weil ich Gottes Abgesandter bin.«

»In einer Stunde stehst Du vor ihm.«

»Der mich in dieser Stunde zu Dir schickte. Dich zu retten.«

»Ins Gesicht, Mönch, was solls?«

»Preise die Hand dessen, Joachim von Brandenburg, der die Hand Deiner unschuldigen Tochter mich ergreifen und in dies Zimmer reißen hieß, preise ihn, daß er mit Furcht mich blendete, als ich wieder hinaus wollte und mich versteckte; nicht weil ich Dich behorcht mit Deinen Räten, das war ein Geheimes, was jeder lesen konnte. Wer aber hätte jetzt Deinen Arm aufgehalten, da Du an die Glocke reißen wolltest, als der Wurm, den Du in Unmut zertreten willst.«

»Was wollte ich?«

»Den Blutbefehl gegen die Empörer zurücknehmen, weil in einem schwachen Augenblick Dein menschlich Gefühl über Dein Pflichtgefühl als Schirmherr der Kirche stürzte. Du wolltest Dir ein unangenehmes Gefühl sparen, wolltest Deine Hände rein waschen von Menschenblut und vergaßest darüber, daß Du für dieses eine vorübergehende Unbehagen, was nur Dich traf, Dein Volk, die Kirche, die heilige Religion in unabwendbar Unbehagen und Schaden gestürzt. Gott wollte nicht, daß Du zu spät Deinen Fehltritt bereuen solltest; es war, wenn auch diese Frevler nicht bestraft wurden, um seine Kirche geschehen; er liebt Dich, darum wollte er auch Deine Autorität vor Deinem Volke erhalten. Um deswillen hat er einen Wurm geschickt, der einen König gerettet hat.« –

»Es ist zu spät nun!« murmelte Joachim.

»Zu spät, den Boten rufst Du nicht zurück, er fliegt schon über die Heide.«

»Du treibst Magie, sagten sie,« sprach Joachim leiser und beobachtete den Mönch aufmerksamer, »kannst Du in die Ferne sehen?«

»Nicht immer, nicht wenn ich es will, nur wenn die Stunde über mich kommt, die ich nicht rufen kann.«

»Ists Deine Stunde?«

»Ich glaube, Herr – versichern kann das niemand, die Stunde kann schon um sein – ich sehe vieles –« der Mönch zitterte heftig.

»Auch in die Vergangenheit?«

»Auch in die Zukunft, Herr, wenn mein Auge sich öffnet.«

»Ich will Dich prüfen. Das vorhin war ein Rätsel, was jeder lösen konnte, dem Gott einen scharfen Blick gab.«

»Sei gnädig, Herr, mit Deinem Knechte, wenn ich nicht bestehe –«

»Hängst Du.«

Des Mönches Glieder flogen in fieberhafter Heftigkeit mit den Lumpen, die sie umhüllten; er glich schon einem vom Galgen Genommenen, wenn nicht der Angstschweiß, der ihm von der Stirn strömte, die noch mächtigen innern Lebensquellen verraten hätte.

Der Fürst wies auf eine verschlossene Lade: »Was ist darin? Wer mit den dunklen Künsten der Naturkräfte vertraut ist, muß die Witterung von selbst haben.«

Es war, als atme der Mönch leichter auf, wie ein Flüchtling, der drei Schritt von seinem Asyl wieder Luft schöpft: »Darin ist Eisen.«

»Stahl oder Magnet?«

Der Mönch hauchte leise die Lust ein: »Es ist rohes Eisen von Rost überzogen.«

»Wie erklärst Du den Prozeß des Rostens? Ist es ein Wurm, ein Moos oder ein Giftstaub?«

»Kurfürst, ich bin kein Gelehrter; ich ahne, fühle nur und sehe.« –

»Doch eine Deutung mußt Du fühlen; ahnen, warum die Natur es zuließ, daß dies festeste, gediegenste Metall, das die Welt sich unterwürfig gemacht, und die Völker wie ein Tyrann beherrscht, warum es vom elendsten, gestaltlosesten Wesen, von einem Ding, was selbst nur Schmutz und Staub ist, zerfressen und verzehrt wird?«

»Daß es uns erinnere, wie das Festeste auf der Erde und das Höchste unter dem Himmel nicht fest ist und nicht hoch ist, vor dem, der Himmel und Erde gemacht hat; daß er das Schlechteste und Gemeinste schickt, um das Beste und Gewaltigste zu vernichten; auch den Reichsapfel fressen Würmer, auch das Schwert des Kaisers den Rost; uns zu mahnen in unserer Herrlichkeit und Schönheit, daß wir aus Kot und Staub geknetet sind und Kot und Staub wieder werden, und nichts Bestand hat als Christus und seine Kirche.«

Joachim hatte ihm mit Aufmerksamkeit zugehört. Das war Trittheims Deutung des Rostes. Was konnte der Landsberger Mönch von dem wissen, was der gelehrte Abt in Stunden der Arbeit und Weihe seinem Zögling erschlossen! Er winkte jetzt dem Mönche, der bis dahin auf den Knien gelegen, aufzustehen, und schritt an die Tür, die er öffnete und dann verschloß. Nun faßte er ihn scharf ins Auge:

»Mönch, Du weißt mehr als ein Lauscher entdeckt, doch ist Deine Prüfung noch nicht zu Ende. Schau mich an, mit zugeschlossenem Auge. Was arbeitet in dieser Brust: Einen Fürsten durchkreuzen tausend Gedanken; welcher ist es, der wie ein Schlagschatten alle anderen verdunkelt?«

Das Zittern des Mönches fing wieder an: »Erlasse mir die Antwort.«

»Nein.«

»Deine Sorgen sind mannigfaltig, die Sorgen um die Kirche –«

»Dazu braucht es nicht der Sehergabe.«

»Herr! – Herr! es lauscht ein Kind an der Tür der Mutter. Um der Unbarmherzigen willen, laß mich nicht tiefer blicken – in die Geheimnisse Deines Hauses.«

Der Fürst winkte mit der Hand. Er war aufgestanden und ging wieder mit verschränkten Armen im Zimmer auf und ab: – »Mein Haus ist größer – es ruht nicht auf vier, nicht auf zehn, nicht auf zwölf Augen, es wächst über die Grüfte hinaus. Darum ist eines Fürsten Sorge größer; sie gehört der Zukunft an, deren Schmerzen und Freuden er nicht mehr teilen wird. – Hier, Mönch, öffne Dein Aug, hier stehts geschrieben und versiegelt, was mein Astronom Carrion von der Zukunft der Hohenzollern in den Steinen las.«

»Das ist mit Hilfe der Wissenschaft ausgerechnet, das ist mir fremd, mein Herr und Fürst. Ich schaue nur mit dem Glauben.«

»Du hast recht, das ist ausgerechnet und gemacht zu einem Zwecke. Ein Prachtstück für andere, eine Schmeichelei für mich. Aber sieh hier.« – Er zeigte auf einen kleinen Metallkasten, der mit drei Schlössern verschlossen war; eine heidnische Urne, aus einem Hünengrabe entnommen, stand zur Belastung darauf.

»Dies ist ein Testament von mir. Nicht meine Kinder, noch Kindeskinder sollen es öffnen, es ist bestimmt für kommende Jahrhunderte, und in meinem bleiernen Sarge soll es ruhen in der Gruft zu Lehnin. Ein großer Magus, – und doch vielleicht nur ein Gaukler wie Du – ließ mich einst in den Spiegel blicken. Hier liegts verschrieben auf Pergament, niemand hat es gesehen, niemand eine Silbe aus meinem Munde gehört. Die Schlüssel zum Kasten habe ich in die Havel versenkt. – Tritt näher – Du zitterst, bebst wieder?«

»Das riecht nach dem Höllenzwang.«

»Die Schale erkanntest Du –«

»Erlaßt mir den Inhalt.«

»Dringen Deine Augen nicht durch das Blei?«

»Die Schrift flammt auf bis zu den Wolken.«

»Flüstert Dir der Geist nur Ausflüchte? Geh hinaus, Mönch, das Leben sei Dir gefristet.«

»Ich lese – was kein Mund aussprechen kann – in weiter Ferne – Königsbilder, Kronen, Lorbeerkränze –«

»Weiter.«

»Sein Boden, darin der Baum wurzelt, sind seine Werke.«

»Weiter.«

»Des Adlers Fittich steigt zur Sonne.«

»Wer schwirrt neben ihm?«

»Das sind Fledermäuse – aber das andere, ein Ungetüm, es springt aus seiner Stirn –«

»Genug!« rief der Kurfürst.

»Es bäumt wie ein wild Roß.«

»Schweig!« donnerte der Fürst, »Dein verruchter Mund soll es nicht aussprechen.«

»Der Nebel fließt zusammen,« die Gestalt des Mönches, die sich über ihre gewöhnliche Größe gehoben, sank auch zusammen.

»Eigensinn!« sprach Joachim, das blasse Gesicht im Arme stützend. – »Wenn denn gestorben sein muß, wärs denn kein schöner königlicher Tod – am eigenen Sinne sterben?«

Er hörte nicht die Pendelschläge der Uhr, die schon viele sechzigmal getickt hatten. Er hatte auch den Mönch vergessen, der wieder wie eine Holzfigur an der Mauer stand. Nur seine lauernden Blicke, und ein schadenfrohes Lächeln um die wulstigen Lippen zeigten das innere Leben an.

»Was willst Du noch hier!« sprach Joachim, wie aus einem Traume erwachend.

»Ich warte auf Dein Urteil.«

Der Kurfürst warf ihm eine Börse hin, die der Mönch mit einer Gelenkigkeit, welche einem Taschenspieler Ehre gebracht, auffing. Das verächtliche Lächeln, welches auf Joachims Lippen schwebte, nahm einen stärkeren Ausdruck an.

»Damit ist Dein Schweigen bezahlt!« Er hob drohend den Finger. – »Ein Laut nur, und so erbärmlich Dein Leben ist, ich muß es fordern. Nun fort aus meinen Augen. Ich werde für Dich sorgen, daß Du der Gauklerkünste nicht mehr bedarfst.«

Der Mönch verneigte sich, daß sein Gesicht fast die Erde berührte. An der Tür rief er ihn zurück:

»Du bist nun in meinem Dienst. Mir gehört Deine Wissenschaft, Ich will Dich –«

»Noch prüfen!«

»Nur nutzen. Kann Dein Auge dem Lauf der Gestirne folgen?«

»Wenn Du mir die Nativität eines Menschen vorlegst, steigt sein Tun und Sinnen vor mir auf, wenn die Stunde gut ist.«

»Ich habe einen Mann, dem ich viel vertraute. Man hinterbringt mir Ungünstiges über ihn, als täuschte er mein Vertrauen. Ich glaube es nicht. Der Neid arbeitet und miniert. Man strebt die wahren Freunde der Fürsten vor ihnen zu verdächtigen, um ihrer los zu werden.«

»Hast Du selbst Verdacht auf den Mann geworfen?«

»Ich bins, der ihn geschaffen, zu dem gemacht, was er ist; er ist durch mich, in mir, sonst nichts. Er ist treu; wenn aber seine Kunst ihm nicht treu wäre, feindliche Dämonen verwirrten seine Linien und Kreise?«

Der Mönch hatte sich mit dem Eifer eines Antiquars über einen seltenen Stein, eine dunkle Inschrift, auf die Pergamente geworfen, die Joachim ihm vorhielt. Er tastete dabei an den Himmelsglobus, schüttelte den Kopf, und sein Gesicht ward heiter:

»Der Mann ist rein wie Gold.«

»Was siehst Du bedenklich?«

»Er war in einer großen Gefahr; aber die Linien trennen sich wieder.«

»Welche Gefahr?«

»Strafe für eine Vermessenheit. Er hatte verraten, was er nicht verraten sollte. Darum geschah etwas Unerwartetes, – Herr, mein Fürst, mißtraue dem Manne nicht, er arbeitet für einen Höheren. Täusche ich mich nicht, da flimmert etwas, ein heller Schein, um sein Haupt –«

»Ich wußte es!« sagte der Kurfürst, als der Mönch entlassen war, und ging mit dem Stolz der Selbstzufriedenheit durch das Zimmer. »Was wußte dieser Mönch aus der fernen Neumark von Carrion, und wie er zu mir steht! – Nichts soll mich mehr täuschen!«

Er trat an einen Seitenpfeiler und drehte an einem Griff, worauf zuerst in der Höhe, doch weit entfernt, einige Töne, wie eine Art Glockenspiel, sich hören ließen. Darauf ein knarrendes Geräusch wie von aufgezogenen Rollen. Als es stärker ward und näher kam, öffnete sich unter den schweren Vorhängen, welche die dunkle Seite des Laboratoriums noch dunkler machten, die Decke, und auf einer Art Galerie schwebte der Zwerg Carrion herab.

Sein rechter Arm war gelähmt, er hing, wie von Holz gearbeitet, von der Schulter herab, ein unnützes Glied. Diese Verstümmelung des Körpers schien aber auf seine Lebenskraft ohne Einfluß. Er blickte so gleichgültig, in gemessenem Gehorsam wie immer, auf seinen Herrn; nur auf dessen Wink trat er aus seiner Verschränkung, und erst auf seine Frage öffnete er, wie dem Kommando gehorchend, die Lippen.

»Ist alles in Ordnung?«

»Meine Kulmination war richtig.«

»Saturn siegt –«

»Die Plejaden täuschten mich nicht mehr. Es flackert hell auf; der Scheiterhaufen ist nicht zu verkennen.«

»Ich hätte es anders gewünscht,« sagte nach einer Pause der Kurfürst.

Der Astrolog lächelte spöttisch. »Der Lauf der Gestirne ändert sich nicht um die Wünsche der Fürsten.«

»Für ihn?«

»Dessen Gestirn uns anfangs irrte, nun aber in dieselbe Schweifung einlenkt, wie das von Huß, Savonarola und den anderen. Es ist nichts außer der großen Ordnung; nur die kleinen meteorischen Erscheinungen irrten uns dazwischen.«

Eine neue Pause trat ein. Dann fragte Joachim mit halblauter Stimme, als sollten es die Bilder und Gestalten des dunklen Zimmers nicht hören:

»Wann wird Luther verbrannt?«

»Der Tag verschwimmt noch in den Wochen, die Wochen noch in den Monden.«

»Aber die Monden nicht in den Jahren?«

»Das Jahr,läuft nicht aus, ohne daß es den Tag gebracht.«

Joachim schöpfte einen schweren Atemzug: »Es mußte so kommen. Ich hätte dem verwegenen Manne ein ander Los gegönnt!«

»Die Sterne sind stumme Diener ihres Herrn, sie wünschen nichts, sie fürchten nichts; sie tun seinen Willen.«

»Wer nicht, Carrion? – Es liegt eine Beruhigung darin, daß wirs nicht ändern, noch fördern. Sind wir nicht müde! Wir können nun die Hände in den Schoß legen.«

Die Trommel, welche von der Schloßfreiheit her wirbelte, erinnerte den Kurfürsten, daß er nicht zur Ruhe geboren sei. Der Trommel, welche dem Fußvolk voranwirbelte, das von der Seite des Schlosses ankam, wo heut der Lustgarten ist, antwortete die Pauke der Reiter, welche aus der breiten Straße, in Lederkollern und von Kopf bis Fuß geharnischt, zur Vereinigung mit den Landsknechten auf dem Schloßplatz anrückten. Beide waren die Hilfstruppen, welche Kurfürst Joachim I. dem Kaiser gegen die Türken stellte, beide sammelten sich in Kölln und Berlin, und beide sollten dem jungen Kurprinzen nachziehen, der in des Kaisers Armee befehligte, Pauken- und Trompetenschall riefen den Kurfürsten in die Rüstkammer, um sein Stahlkleid anzulegen und die Truppen zu mustern.

Seltsam! Am Abende desselben Tages klopfte es leise an die kleine, kellerartige Zelle, wo der Astrolog bei einer Lampe unter aufgeschlagenen Büchern hockte, und der Mönch aus Landsberg trat ein. Sie nickten sich vertraulich zu; nur war die Vertraulichkeit des Astrologen die eines vornehmen Mannes gegen einen geringeren. Schnell waren die Bücher fortgeräumt, Oel auf die Lampe gegossen, und der Astrolog holte aus dem Schrank eine Flasche, deren ehrwürdiger Staub ein hohes Alter und einen kostbaren Inhalt verriet. Sie waren schon in einem stillen, aber lebhaften Gespräch begriffen, als ihm einfiel, daß die Lampe ein zu helles Licht werfe, weshalb er aufstand, um die Vorhänge fester zuzuziehen. Das einzige Fenster der Zelle, im Unterbau des Schlosses, ging nach der Spree zu, deren Wasser an die dicken Mauern des Gemaches selbst spülte, und ein anderes Licht, das der Lampe unter dem Marienbilde auf der langen Brücke, schien ihm aus der Finsternis draußen entgegen. Da kam noch ein drittes Licht über die Brücke, ein Glöcklein ging ihm vorauf. Ein Priester trug das Venerabile zu einem Sterbenden.

Wie es in aller Welt Sitte war, wo Christen sind, sanken der Mönch und der Astrolog mit gefalteten Händen auf die Knie, bis der Zug vorüber, dann aber lächelte einer den andern an, als sie aufstanden. » Mundus vult decipi!« sagte der Astrolog.

Der Mönch schlürfte den Wein, während der Astrolog ihn nippte. Der Astrolog sprach in gemessenen Worten, scharf den Mönch dabei ins Auge fassend, aber der Mönch schien der Instruktion nicht die Achtung zu schenken, die der andere verlangte.

»Euer Spiel ist ein gefährliches, Bruder Eustach,« sagte Carrion, »wenn Ihr Eures Leichtsinns nicht Meister werdet.«

»Wozu lebt man, wenn man nicht genießen soll!«

»Der Mensch genießt anders als das Tier, und unter den Menschen ist der Genuß des Klugen verschieden wie schwarz und weiß vom Genuß dessen, der in den Tag hineinlebt. – Er will Euch zum Pfarrer in Spandow ernennen zur Entschädigung –«

»Für meine Prügel in Landsberg! Ist das eine Entschädigung, wenn ich umgittert sitzen soll und umpanzert von Ehrbarkeit, aushauchen Tugend und Sittsamkeit, und einhauchen die Sumpfluft des Nestes.«

»Ihr habt die Wahl.«

»Euch ists wohl recht bequem, wenn Ihr mich nach dem Dienst«, den ich Euch geleistet, vom Hofe los werdet?«

»Wohin Ihr nicht gehört.«

»Ihr etwa! Ich hab nicht Lust dazu, Gefahr ist überall: aber nur, wo sie mit Vergnügen gewürzt ist, geht ein Vernünftiger drauf los. Hier wär mein Feld. Wie lange, das kümmert mich nicht. Jetzt wärs. Ich wollte von der Kanzel donnern, daß die Weiber ohnmächtig würden; Visionen wollte ich haben aus der Hölle, Luthern und Melanchthon hätte ich gesehen, als verpuppte Teufel mit Satans Großmutter auf dem Blocksberg walzen. Die Kirche sollte einen Zulauf haben, daß die Sigristen und Meßner an die Decke sprängen.«

»Auf drei Wochen, vielleicht drei Monat.«

»An weiter denk ich auch nicht.«

»Es geht nicht. Ihr seid als sittenloser Mensch zu verrufen.«

»Ich habe den rechten Glauben, das ist mehr wert. – Wollt Ihr mir im Wege stehen?«

»Ich hob Dich auf, ich brauchte Dich nur fallen zu lassen.«

»Mich? der Dich aufrichtete, als Du schon gefallen warst. Ich habe Dich gemacht zu einem unbescholtenen Mann, zu einem untrüglichen Propheten; ein Wort nur kostete es mich –«

»Und Du fielst zuerst, von wo Du nicht wieder aufstandest.«

»Probierts,«

»Ich wage nie etwas; ich gehe sicher. Mit Leib und Seele bist Du mein Eigner, Zabel Tschoppeck; Dein Großvater war ein Hussit, von ihren ruchlosesten, ein Adamit, Deine Mutter, ein fanatisch Weib, ließ Dich als Knaben schwören, am Glauben der Kelchner festzuhalten. An was Du heute glaubst, das weiß ich nicht, aber an Deinen katholischen Glauben glaubt niemand mehr, wenn ich verrate, daß Du ein Hussitenkind bist und sage, streift ihm den Aermel auf: dort brannte er sich den Kelch auf die Schulter, als er der Mutter schwor, Rom und seine Kirche bis auf das Todbett zu hassen.«

Der Mönch hatte das halbvolle Glas von den Lippen gesetzt und war mit der Hand unwillkürlich an die Schulter gefahren, als wolle er sie schützen. Aber rasch sprang er auf, beugte sich über den Tisch und schrie den andern grinsend an:

»Und wer wird an Dich glauben, wenn ich ihnen sage: Carrion ist ein Jude?«

Zuerst ward der Astrolog blässer, als er gewöhnlich war, aber er wich nicht zurück, er richtete unverwandt seinen Blick auf den andern. Je länger sie sich in dieser Stellung ansahen, je mehr wich mit dem Schrecken der Zorn. Endlich lächelte der eine und der andere lachte auf. Das Gelächter schallte grauenhaft in der mitternächtlichen Stätte des Gewölbes. Dann reichten sie sich über den Tisch die Hand, und der Mönch wiederholte den Spruch des Astrologen: Mundus vult decipi! Auf ihren schönen Bund zur Unterstützung der rechtgläubigen Kirche, meinte der Mönch, müßten sie noch eine Cyper leeren, und Carrion öffnete den Schrank.

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