Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite

eingestellt: 8.8.2007



Die kleine Prinzeß Elisabeth sah im Winkel und putzte ihre Puppe. Der Kornblumenkranz saß bald fest um die Locken vom gelbsten Flachs; aber wie oft sie derselben auch die kleine Wachskerze in die Lederhand drückte, die Lederhand wollte die Kerze nicht festhalten, und die Puppe bekam zuweilen einen Backenstreich mit der Drohung, wenn sie sich nicht geschickter und besser aufführe, solle sie im Zuge nicht mitgehen, ja, sie drohte ihr sogar, sie am Fronleichnamstage so einzusperren, daß sie den Zug auch nicht einmal vom Fenster aus ansehen solle.

Im selben Zimmer saß die Fürstin mit der Frau von Bredow am Fenster, beide mit einer Teppicharbeit beschäftigt. Am Stuhle der ersteren stand der Hofprediger Musculus, und las aus einem Papiere, oft von Frau Elisabeth unterbrochen, die ihn zur Erklärung über dies und jenes aufforderte, oder ihre eigenen Bemerkungen einschaltete. Musculus ließ dann die Schrift sinken und horchte ehrerbietig hin, denn die Kurfürstin liebte belehrend zu sprechen, und es war ihr nicht lieb, wenn man nicht acht gab. Die Frau von Bredow arbeitete aber emsig fort, ohne ihren Kopf aufzurichten.

»Doktor!« sagte jetzt die Fürstin und steckte die Nadel in die Arbeit, »ob wir nicht doch eine Sünde begehen!«

»Sie würde schreien, wenn wir ihr die Puppe nähmen, und uns in unsern Betrachtungen stören.«

»Bredow, was meinst Du?«

»Ich denke, sie ist ein Kind. Wenn der Vater im Himmel dem Spiele so vieler Großen zusieht und nicht darunterfährt, was wird ers den Kindern nachtragen!«

»Den Kindern nicht, aber denen, die für ihr Seelenheil wachen sollen, und die den Greuel ruhig mit ansehen.«

»Wenn die durchlauchtigste Frau der gnädigsten Prinzessin die Puppe hier fortnehmen, so spielt sie wieder heimlich damit. Wenn wir es dagegen still mit ansehen, so beaufsichtigen wir es auch in der Stille.«

Der Hofprediger spielte auf einen wirklichen Vorfall an. Die kleine Elisabeth war, weil die Mutter ihr das Spiel verboten, in der Nacht aufgestanden, nachdem sie fest zu schlafen geschienen, hatte Wachslichter angezündet und mit den Puppen einen kleinen Fronleichnamszug auf eigene Hand aufgeführt. Die Mutter, die es mit Schrecken gesehen, hatte sich überwunden und geschwiegen, aber ihren Seelsorger zu Rate gezogen, der ihr damals wie jetzt riet.

»Wollen Ihro Durchlaucht dann auch gnädig erwägen, daß die gnädigste Prinzessin erst seitdem Höchstdieselben Ihre bestimmte Intention ausgesprochen, daß sie Ihre Tochter nicht zum Fronleichnamstage schicken wollen, so, ich möchte sagen eigensinnig, auf dieses Spiel erpicht ist.«

»Doktor, mir wills nicht zu Sinn, daß eine christliche Obrigkeit Sünden ruhig mit ansehen soll, weil es noch schlimmer werden könnte, wenn sie täte, was sie soll. Heißt das nicht mitsündigen, denn ist nicht der Hehler wie der Stehler?«

»Wieviel größere Sünden, gnädigste Frau, sieht das Auge des Herrn, und er läßt seine Sonne darauf scheinen, und er spart seinen Zorn bis zum Tage des Gerichtes.«

»Ich unterstehe mich zu bemerken,« sprach die Bredow, »daß die Prinzessin, wenn wir ihr das Spiel untersagten, zum Kursürsten liefe und weinte, und er erlaubte es ihr gewiß.«

»Woraus ein größeres Unheil entstände,« fiel der Hofprediger ein, »wenn die Prinzessin nicht wüßte, ob sie Vater und Mutter gehorchen sollte, vor welchem Zwiespalt Gott in Gnaden dieses durchlauchtige Kind bewahren möge.«

Es war auch dies nicht zu Sinn der Mutter; sie schüttelte den Kopf: »Hofprediger, Ihr seid ein guter Mann, Ihr seid auch auf dem Wege der Erkenntnis, aber Ihr könnts noch nicht lassen, Ihr redet den Menschen zu Sinn. Ach, hälts denn so schwer, einen Geistlichen zu finden, der nur Gott zu Sinne redet!«

»Wir sind alle Menschen, wir empfangen und geben durch menschliche Organe, und was wir sprechen, wird anders als wir denken, durch die Mangelhaftigkeit dieser Organe,«

»Sagt lieber durch den Teufel. Ihr geht doch sonst seinen Spuren nach, wo es eine Torheit ist. Wo ist denn da etwas von Gott; ist denn das nicht gerade das rechte, echte Werk des Antichrists, dieses Schellengeläut, diese Puppen, dieser Mummenschanz mit dem Allerheiligsten. Und unsere Kinder sollen wir dazu hergeben! Das ist Satans Verlockung. O er ist schlau. Die Kinder will er verführen mit dem Weihrauch, dem süßen Geläut, den Blumen, Ringellocken; das ist alles so unschuldig, und so tief, so sichtlich, so abscheulich ist das Verderben. Manches Mal ist mir zu Mut, als sähe ich lieber mein Kind in die Spree gestürzt, als daß sie hinter den Abgöttern hergeht.«

Sie war in Heftigkeit geraten. Ein Augenwink der Bredow wies auf den Prediger, der blaß geworden. Die Kurfürstin war eine gute Frau; sie wandte sich wieder sanft zu ihm:

»Musculus, ich will Euch nicht weh getan haben. Nicht uns allen gab Gott die Stärke, alles zu bekennen, was wir fühlen, aber daß Ihr das nicht fühlen solltet, das ist unmöglich. – Setzt Euch, Doktor, Ihr seid müde vom langen Stehen; sprecht, setzt mir Eure Herzensmeinung auseinander. Ich höre Euch so gern reden, wenn Eure Rede sanft aus dem Herzen strömt.«

»Ich kann den Bösen in diesem harmlosen Spiele nicht erblicken. So bekenne ich es meiner gnädigsten Frau, daß es dieser Eifer des gewaltigen Mannes in Wittenberg ist, der mich so lange schwanken ließ, ob ich seine Sendung als rein von Gott, als ungetrübt von bösen Einflüssen anerkennen sollte. Dieser schwere Kampf in mir ist bald zu Ende. Aus jeder Prüfung, Verfolgung, Aechtung, Gefangenschaft ersteht er ja herrlicher, und Gottes Wille wird geschehen. Aber wie der Erlöser die Kindlein zu sich rief, so ist mir oft, als ob Gott die Menschen auch nur als Kinder vor sich spielen sieht. Ja, es ist mir bisweilen, als wär all unser Treiben und Suchen und Schaffen auch nur Kinderspiel vor ihm; ja, als wäre es selbst die Wahrheit in Summa, die wir erfaßt zu haben vermeinen –«

»Bis auf die, versteht sich, welche in der Schrift geschrieben steht,« unterbrach ihn die Kurfürstin.

»Da hat nun das Menschengeschlecht fünfzehnhundert Jahre gespielt vor dem Angesicht seiner Majestät und er ist nicht zornig darüber worden. Frage ich mich, wenn in diesem Spiele Satan gelauert, wenn es sein Werk gewesen wäre, hätte er da nicht längst seine Brauen zusammengezogen, seinen Scheitel geschüttelt vor Zorn, und die Wolken zerdrückt, daß sie Feuer und Wasser gespien! Ich meine, er hat nur gelächelt, wie lange wir Kinder waren, und hat uns unsere eigenen Wege gehen lassen, daß wir uns zum Rechten fänden.«

»Und darum –«

»Möchten wir nicht zu streng sein, gegen uns und andere, wenn wir itzo zur Erkenntnis kamen, daß es nur ein Spiel gewesen, was wir für die Wahrheit hielten. Wo kann der Arge in den Blumen stecken, die zu Kränzen sich winden um das Lockenhaar der unschuldigen Kindlein? Mit Blumen hat er die Wiese gekleidet, mit Ringellocken das Haupt unserer Buben und Mägdlein. Aber für ihn, was sind die bunten Kerzen, was ist der Weihrauch, was sind unsere Gesänge! Steigt der Lichtschein, der Rauch bis in den Sitz seiner Ewigkeit? ein Lallen sind unsere schönsten Stimmen vor den Chören seiner Engel. Wenn er uns sieht, ists nicht, weil wir uns anstrengen, sondern weil er will; nicht unser Verdienst ists, es ist seine Gnade, wenn unsere Bitten bis zu seinen Ohren dringen. Weiß ich aber, ob unser Spiel ihm nicht ernsthaft, und unser feierlicher Ernst ihm nicht ein Spiel dünkt?«

»Hofprediger!« sagte die Fürstin und nahm wieder die Nadel, »ich meine, Ihr kamt her, mir die Schrift vorzulesen, die sie in Augsburg aufgesetzt. Zum Plaudern ist wohl sonst Zeit,« –

»Gnädigste Frau, ich las sie bereits bis zum Schlußpunkt; es folgen nur noch die Unterschriften. Befehlen kurfürstliche Gnaden, daß ich sie noch einmal lese?«

Die Kurfürstin ergriff die Abschrift, welche ihr Musculus besorgen müssen, mit beiden Händen, und betrachtete sie nicht ohne Rührung: »Das also ist nun der heilige, gereinigte Christenglaube, nach dem wir uns richten müssen in allen Punkten zu unserer Seligkeit.«

»Wie ihn nach eifrigster Prüfung und bester Ueberzeugung die frommen Männer herausfanden.«

»Und daran kann nun nichts mehr geändert werden, in alle Zeiten hin?«

»Es ist die Augsburgische Konfession, wie sie genannt wird, der Inbegriff aller christlichen Lehren, die im Neuen Testament enthalten sind.«

»Und der Mann Gottes schrieb sie?«

»Nicht Luther selbst, der, ob seiner Acht, nicht auf dem Reichstage erscheinen durfte. Vielmehr ist sie von dem Doktor Philipp Melanchthon. Luther hat aber geschrieben: daß er nichts daran zu bessern, noch zu ändern wisse. Würde sich auch nicht schicken, hat er hinzugesetzt, denn er könne so leis nicht treten.«

»Dann würde also Doktor Luther sie anders gemacht haben?«

»Das sei nicht behauptet. Nur in Formulis und Modo des Ausdrucks würde er etwas anders gesprochen haben.«

»Wieder Euer gelehrtes Gezänk! Was soll man nun davon halten? Entweder ists Luthers Konfession, ganz wie sie ist, oder sie ists nicht, wenn auch nur etwas darin anders ist. Wenn Eure Fürstin wissen will, was sie glauben soll und darf, so lernt Euch bestimmt ausdrücken. Ist das der wahre Christenglaube, wie der Mann Gottes, Martin Luther, ihn gefunden hat, und keine Silbe zu wenig und keine zu viel darin, das frage ich Euch; wenn Ihr das mit ja beantwortet, so will ich es auswendig lernen, von Anfang bis Ende und täglich, beim Zubettgehen es mir hersagen.«

Andreas Musculus antwortete zwar nicht mit einem kurzen Ja, aber mit der Versicherung, daß alle evangelischen Stände auf dem Reichstage, so Fürsten, Herren, als Städte der Meinung gewesen; eine Versicherung, welche der Fürstin genügte, als ihr Musculus die erlauchten und uralten Namen einzeln vornannte, welche alle erklärt: sie wollten Christum auch mit bekennen, und habe ihr Fürstenhut und Hermelin für sie nicht den Wert, welchen das Kreuz Christi hat; denn jene blieben in der Welt, dieses aber begleite sie zu den Sternen.

Die Fürstin wischte eine Träne der Rührung von ihrem wahrhaft frohen Gesichte: »Und was waren die Worte, welche unser ritterlicher Vetter, Fürst Wolfgang von Anhalt, sprach, als er die Feder zur Unterzeichnung in die Hand nahm?«

»Ich habe manchen schönen Ritt anderen zu Gefallen getan,« sagte der glaubensstarke Mann, »warum soll ich denn nicht, wenn es von nöten, auch meinem Herrn und Erlöser Jesu Christo zu Ehren und Gehorsam mein Pferd satteln, und mit Dransetzung meines Leibes und Lebens zu dem ewigen Ehrenkränzlein in das ewige Leben eilen!« – So sprach auch Euer Ohm, der Kurfürst von Sachsen, als seine Theologen ihm erklärten, sie würden, falls er Bedenken trüge, an ihrer Seite zu bleiben, sich allein vor den Kaiser stellen. »Das wollte Gott nicht,« sprach er, »daß Ihr mich ausschließet, ich will Christum auch mit bekennen.« Solcher frohe Mut war bei allen; sie drängten sich zum Unterzeichnen, wie heilige Märtyrer, wie Ritter, die der Bischof weiht zum Kreuzzuge gegen die Ungläubigen; ja, es war ein anderes heiliges Pfingstfest, wo auch denen, die bis da geschwiegen, die Zunge gelöst ward zum Bekennen. Viele Herren kamen noch nachher und baten um Gottes willen, daß man sie mit aufnähme. So auch von den Städten; noch ganz zuletzt Heilbronn, Kempten und Weissenburg.«

»Nur mein Gemahl nicht,« sprach die Kurfürstin, und ließ das Haupt sinken. »Joachim unter den Widersachern Christi!«

»Es sind noch andere, und gar mächtige. Aber das Zeugnis gaben ihm auch die Evangelischen, es hat keiner so kräftig geredet, lateinisch und deutsch, als Joachim von Brandenburg, daß es ihnen manches Mal durch Mark und Bein gegangen ist.«

»Was bangte mein Herz damals, als er auszog!« sagte die Fürstin.

»Dieser 29. Mai war auch ein Schauspiel, wie man es nimmer in Berlin gesehen,« fiel Musculus ein, und rief es noch einmal der Herrin ins Gedächtnis, vielleicht um ihre Gedanken auf einen anderen Gegenstand zu leiten:

»Wie glänzte und blitzte das von dem damaligen Rüstzeuge. Vierhundertsechsundfünfzig schön aufgeputzte Pferde ritten durch die Tore. Zunächst dem durchlauchtigsten Herrn die Theologen aus Frankfurt, der Doktor Wimpina, Johannes Mensing, Rupert Elgersdorf und der Domherr Wolfgang Rhedorf. – Und wie hatten sich die Herren vom Adel ausstaffieret! Der Magnus Gans Edler von Puttlitz, der Johannes und Busso von Bardeleben, Elias von Alvensleben, der Mathias und Johannes von der Schulenburg, der Johann von Krusemark und Konrad von Wedel! Es hat den Herren manches Stück Geld gekostet.«

»Mein Herr war so freundlich beim Auszuge, auch zu mir,« seufzte Frau Elisabeth; »er sagte, er hoffe zu Gott, daß es in gütlicher und letzter Verhandlung wohl zur Ausgleichung kommen werde.«

»Man meint, Georg von Meißen habe es ihm angetan,« entgegnete der Hofprediger, »mit dem er von Augsburg dem Kaiser entgegenritt gen Inspruck.«

»Es tuts ihm keiner an, Hofprediger, er tuts sich selbst an. Das ist seines Herzens Aufbrausen und Dünkel, daß er sich für besser hält als alle, und da werfen denn die giftigen Fliegen ihr Geschmeiß drauf zu böser Stunde. – Hats Gott aber doch gewiß wohl gemeint, daß es nicht zur Ausgleichung kam. O gewiß, gewiß, der Tag in Augsburg wird wie der Tag aller Tage leuchten in alle Zeiten hinein. Erzählt mir mehr davon, ich kanns nicht genug hören; es ist gar zu erhebend, wie das kleine Häuflein den dichten Scharen der Feinde gegenüberstand, und nicht verzagend vor allen Drohungen, und der argen List der Päpstlinge. Noch einmal die schönen Worte, die unser Vetter Georg von Anspach zum König Ferdinand sprach.«

»Als der König sie aufgefordert, daß sie das Predigen ihrer Gottesgelahrten einstellen sollten, und der Prozession des Fronleichnams persönlich beiwohnen, wandte sich Herr Georg von Brandenburg geradezu an den Kaiser und sprach: »Eher wollt ich hier vor Euer kaiserlichen Majestät niederknieen und mir den Kopf abhauen lassen, als daß ich meinen Gott und sein heiliges Evangelium verleugnen sollte und beipflichten einer falschen und abgöttischen Meinung.« Und tages darauf wiederholte ers noch einmal, mit allen evangelischen Ständen um ihn: »In dieser Sache, die Gottes Sache selbst ist, bin ich durch Gottes unwandelbaren Befehl gezwungen, alles menschliche Ansehen gering zu achten, denn es steht geschrieben: man muß Gott mehr gehorchen als den Menschen.«

»Darum wollte er auch den Tod nicht fürchten, für die ewige, unbewegliche Wahrheit, setzte er hinzu, nicht wahr, Hofprediger? Und sei nicht gemeint gottlose, mit Gottes Wort streitende Menschensatzungen durch seine Beistimmung zu stärken und zu befestigen; sie sollten vielmehr aus der Kirche ganz vertilgt werden, damit die noch gefunden Glieder nicht vom Gifte angesteckt und befleckt würden.«

»Dies waren des durchlauchtigen Herrn Worte.«

»Und nun noch einmal, wie war es mit der Uebergabe, die sollte Freitag am Sankt Johannistage stattfinden?«

»Aber der Kaiser wußte es zu verzögern, indem er mit dem päpstlichen Legaten und den andern katholischen Fürsten Rat pflog über den Türkenkrieg.«

»Noch immer keine Nachrichten von meinem Kurprinzen!« seufzte Elisabeth.

»Und darauf ward es Abend und zu spät. Seine Majestät hatten gemeint, durchs Warten würde sich das Feuer der Evangelischen abkühlen. Und gleich wie, als wenn ers ihnen leichter machen wollte, ließ er sie auffordern, sie sollten ihm ihre Schriften zustellen, er wolle dieselben der Notdurft nach erwägen und bedenken.«

»Die welsche Hinterlist schlug aber nicht an«

»Sie weigerten sich und beharrten auf laute Vorlesung in voller Versammlung. Und Sonnabends darauf, am 25, Juni, wurden sie nicht in den großen Saal ins Rathaus beschieden, sondern in die kleine Kapellstube des Bischofs auf dem Schloß, wo kaum die zum Reichstag Gehörigen Zutritt fanden.«

»Die hispanische List half ihnen nicht. Durch die dicken Mauern ist das Wort erklungen in die ganze Welt.«

»Als nun die kursächsischen Kanzlare die Konfession vorlesen wollten, forderte der Kaiser, daß der Doktor Bruck nicht die deutsche Urschrift lese, sondern die lateinische, aber der Kurfürst von Sachsen, meiner gnädigen Frau Ohm, erhob sich und sprach: »Wir sind auf deutschem Grund und Boden, in einer deutschen Reichsversammlung. Euer Kaiserliche Majestät werden deshalb erlauben, daß Deutsch verlesen werde.« Und da half ihm sein Zaudern und Zögern nicht mehr, es hätte sonst geheißen, er sein ein hispanischer König und kein deutscher. Das möchte er wohl sein, aber jetzt solls noch nicht so heißen. Und da las Doktor Bruck mit klarer und deutlicher Stimme das deutsche Glaubensbekenntnis, so laut, daß sies unten im Schloßhof hörten. Zwei Stunden hat es gedauert und draußen wars so still, daß man die Schwalben fliegen hörte.« – »Und nicht wahr, auch von den katholischen Fürsten und Ständen waren viele überrascht; denn die Römischen halten ihnen die Lehre als eine gotteslästerliche und teuflische geschildert?«

»Man sagt, von Herzog Wilhelm von Bayern, daß er sich verwundert zum Doktor Eck, seinem Theologen, umgewandt: Das ist doch viel anders, als mans mir gesagt!«

»Und der Kaiser?«

»Man behauptet auch, daß er sichtlich bewegt gewesen, und es so nicht erwartet. Nachmalen hat er, durch den Pfalzgrafen Friedrich, den protestantischen Ständen anzeigen lassen: er werde den trefflichen, hochwichtigen und merklich großen Handel mit allem Fleiße erwägen und beratschlagen und ihnen dann seinen Entschluß zu wissen tun.«

»Und was wird er tun? – Ihr stockt. – Wittert Ihr auch darin spanische Arglist?«

»Gnädigste Frau, ich weiß nicht, ob das gerade spanische ist. Mir kommts zu Sinn, wie wenn der durchlauchtigste Kurfürst die Anträge seiner getreuesten Stände holdselig entgegennimmt, und läßt durch seine Kanzlare sagen, er werde die Sache bedenken; dann kommt nach Wochen der Landtagsabschied, und man weiß ihn immer zuvor.«

»Diesmal wird ers, er darf es nicht!« rief die Kurfürstin mit ungewöhnlichem Feuer. »Das hieße Gott selbst versuchen, wie damals auf dem Tempelhofschen Berg.«

»Sein Astrologus ist noch in Gnaden!«

»Wer ist nicht bei ihm in Gnaden, der ihm zu Worte spricht! Es nimmt mich wunder, daß nicht mehr Tagediebe und Abenteurer aus allen Landen nach Brandenburg strömen. Sie brauchen ja nur seine Reden auswendig zu lernen. Wo sind denn seine alten, bewährten Diener! Entfernt er nicht einen nach dem andern? Er will sich nur hören. Wenn Gott nicht in seiner Gnade macht, daß ihm selbst sein Licht aufgeht, von andern kommts ihm nimmer.«

Der Hofprebiger Musculus war entlassen, er meinte nicht ganz gnädig, und er mochte recht haben.

»Bredow,« sagte die Kurfürstin, »es ist eine große herrliche Zeit, wenn nur die Menschen besser wären!«

Eva verneigte sich; bei sich dachte sie, jede Zeit müsse schon mit den Menschen vorlieb nehmen, wie sie sind. Sie sprachs nicht aus. Die Kurfürstin liebte auch nicht, daß die, mit denen sie sprach, anderer Meinung wären; nämlich wenn sie eine hatte.

»Der Musculus würde kein Reformator werden.«

»Nein, gnädigste Frau, er würde kein Reformator werden.«

»Und der Trank des Heils, nach dem ich dürste, – ja, liebe so ich mutlos wäre, wo die vielen Fürsten und Grafen und Herren so offen vor aller Welt ihr Bekenntnis abgelegt, das muß nun ein jeder auch, der bekannt – aber den heiligen Becher, aus seiner Hand will ich ihn nicht empfangen.«

»Der arme Hofprediger!«

»Nein, Bredow, wer Gott erkennt, der soll ihn ganz erkennen, der soll ihn preisen morgens und abends, auf dem Markte und in seinem Kämmerlein; er soll den alten Menschen ausziehen und mit dem alten Kleide die alten Rücksichten. Wenn alle, die da glauben, das täten, wenn sie auf die Dächer sich stellten und vor die Tore und Gottes Wort sängen, wie es unverfälscht ist, wo bliebe der Antichrist und sein Wüten! Aber sie kriechen umher und ducken sich, und lauschen und warten, wann es an der Zeit sein wird. Das sind nicht Gottes Freunde, das sind die Belials und des Mammons. Warum hat nicht einer von den märkischen Herren in Augsburg den Mund aufgetan? Im Herzen sind sie alle dem alten Pfaffenunwesen abhold, ich weiß es, und freuen sich, wenn ihnen ein Nackenschlag geschieht. Warum wagte keiner nun ein Wort zu sprechen, wo es an der Stelle war? Sie sind die Reichsten und Vornehmsten, sie waren dazu berufen, und sie schwiegen. Sind das, die sich meines Herrn treue Vasallen nennen, daß sie nicht den Mut haben, ihn ins Angesicht zu warnen; aber hinter seinem Rücken lachen sie, wenn er einen Schlag weg bekommt, und sprechen: es ist ihm schon recht, warum wollte er nicht hören! – O warum war Dein Mann nicht mit in Augsburg!«

Die Röte, welche das Gesicht der Frau von Bredow überzog, erinnerte die Fürstin, daß sie eine unangenehme Erinnerung erweckt hatte. Der Marschall Bredow war bestimmt gewesen, im Gefolge des Kurfürsten mitzureiten und die Ehrendienste zu verrichten; bis am Tage vor der Abreise es anders bestimmt ward. So willst Du zum Reichstag nach Augsburg? hatte der hohe Herr gesprochen und gelacht. Das geht nicht; sie lachen Dich und mich aus. Dort tragen sie sich alle spanisch. – Was schadets, wenn einer sich deutsch trägt, der ein Deutscher ist, hatte Hans Jürgen gesagt; aber der Kurfürst war an dem Tage gut gelaunt; das Deutsche sei schon gut zu Haus, hatte er erwidert, aber nicht in der Fremde, wo man Ehre einlegen müsse, und nimmer, wo zwei mitander verhandeln und einer dem andern den Schelm absieht, was sie Politik nennen. Hans Jürgen wäre so gern mit nach Augsburg geritten, aber er mußte zu Hause bleiben.

»Gott in Gnaden, was Toren die Menschen sind!« sprach die Kurfürstin. »Und das sind noch die besseren! Wonach alles jagen wir in unserer sträflichen Blindheit, und was fürchten wir und schließen die Augen vor dem Heil, was uns so nahe liegt! Der Hofprediger könnte ein Mann Gottes sein und ward ein Mann des Teufels, weil er ihn sucht, wo er nicht ist. Und ist Dein Mann weniger krank, der sich kümmern läßt ein Ding, was nicht wert ist, daß man davon den Mund auftut?«

»Ach, gnädigste Frau, es ist ja das Gelübde –«

»Solche Gelübde quälen den schwachen Sinn, die vor Menschen getan sind, aber das große Gelübde, das wir alle getan, ihm allein zu leben und seiner Ehre, das kümmert uns wenig oder nicht.« Die Kurfürstin war auf gutem Wege, ihre Edelfrau zu katechisieren über ihren Glauben und ihres Mannes, eine Beschäftigung, in der sie später in ihrer Einsamkeit sich sehr gefallen haben soll. Ob Frau Eva eine sehr bereitwillige Schülerin gewesen wäre, ist zweifelhafter; wenigstens schien sie nicht geneigt, über den Glauben ihres Mannes etwas zu verraten, sie meinte, das sei eine Sache, welche diesen allein angehe. Aber es kam nicht so weit, denn ihr Zwiegespräch ward durch einen Lärm auf der Straße unterbrochen. Es wälzte sich aus der Breiten- und aus der Brüderstraße eine große Menschenmenge auf den Schloßplatz, die ihre Mützen und Hüte schwenkten, und ihre ganze Aufmerksamkeit auf einen Mann zu Roß gerichtet hatten, der in der Richtung nach dem Schlosse zu ritt, aber Mühe zu haben schien, durch die Menge zu dringen. Etwas Frohes mußte seine Botschaft sein; so viel hörte man aus dem tausendstimmigen Hallo und aus dem Hutschwenken des Reiters; auch ließ er ein Fähnlein wehen und zeigte, wie salutierend, nach dem Schlosse. Was die Menge aber schrie, war auch da noch unverständlich, als die kleine Prinzeß Elisabeth, ihr Spielzeug fortwerfend, das Fenster aufgerissen hatte und die drei Frauen sich hinauslehnten. Der Kurfürstin galt es, das sahen sie bald, aber die Stimmen waren draußen so verwirrt, daß sie nicht wußte, ob die frohe Kunde von ihrer Tochter aus Pommern, von ihrem Sohn aus der Türkei, von ihrem Bruder Christiern, der, Gott weiß wo, umherzog, oder von sonst wo her kam, als es schon die Treppen herauflief, und durch die Korridore. Der erste, der in seinem zu vollen Herzensdrange die Tür aufstieß, schrie hinein: »Der Kurprinz!« »Der durchlauchtigste Kurprinz!« Vermutlich war es ein Mann, dem eine solche Meldung nicht zustand, denn vor Schrecken verstummte er sogleich, riß die Tür wieder zu und war verschwunden, als die Kurfürstin schon vom Fenster fortgestürzt war und die Arme dem rückkehrenden Sohne entgegenbreiten wollte. Bis zur Tür konnte sie sich zwar besinnen, daß die Rückkehr ihres Joachim ein Wunder gewesen wäre, da er noch vor acht Tagen bei Belgrad gestanden, aber welche Wunder scheinen einer liebenden Mutter nicht möglich? Die zweite Botin war eine Kammerzofe, die nur rief: es sei ein Freudenbote da vom Kurprinzen, und als die Kurfürstin zitternd fragte, was er bringe? brachte sie atemlos so viel vor, daß der Prinz den Großtürken mit Mann und Maus geschlagen, und daß er Kaiser von Türkenland oder von Deutschland geworden. Mehr erlaubte es ihr die Freude nicht, oder der Atem verging ihr. Erst der dritte, ein Herr vom Hofe, der hier sprechen durfte, hinterbrachte so viel von der wirklichen Nachricht: daß der junge Kurprinz einen ungeheuren Sieg über die Ungläubigen erfochten; er ließ, ich weiß nicht, wie viel Türken erschossen und erstochen und gefangen und den Sieger mit samt dem Roß von seinen Soldaten und Rittern in die Luft gehoben werden, wobei sie ihn unter einem Jubelgeschrei, davor der Himmel gezittert, durchs eroberte Lager getragen bis ins Zelt des Großtürken.

So viel wußte der Kammerherr, auch gewiß, daß es nun mit dem Türkenreich zu Ende sei. Das Volk auf dem Platz draußen wußte viel mehr. Dreimal hunderttausend Türken hatte der Kurprinz mit seinen Brandenburgern in einer Schlacht geschlagen, die sieben Tage gedauert, und das Blut floß so, daß sie in der Nacht nicht auf dem Boden schlafen konnten, und bei Tage wateten sie darin bis an die Knöchel. Am letzten Tage hatten die Sieger die Feinde ins Meer gejagt, das davon röter wurde, als die untergehende Sonne, und von den ganzen dreimal hunderttausend Mann war nicht ein einziger davongekommen. Am Spandower Tor wußten sie nach einer Viertelstunde, daß seine Soldaten den Kurprinzen, auch hier samt seinem Pferde, von der Walstatt bis nach Konstantinopel getragen hatten, was ein weiter Marsch ist; am Stralower Tor, was noch weiter ist, nämlich als das Spandower vom Schloß zu Kölln, daß er mit einem Satz vom Pferde auf den Thron des türkischen Kaisers gesprungen und sich eigenhändig dessen Krone auf den Kopf gesetzt hatte. In Sankt Georgen vor dem Tor erzählten sich endlich die Spittelweiber am Abend, daß gleich nach der Eroberung von Konstantinopel die deutschen Adler geflogen gekommen waren und sich auf die Kirchtürme gesetzt hatten; und als am andern Morgen die Sonne aufging, wurden die Adler, die ruhig über Nacht sitzen geblieben, plötzlich golden. Denn ehedem waren die kaiserlichen Adler golden, aber aus Trauer darüber, daß Konstantinopel genommen, waren sie schwarz geworden, um wieder golden zu werden, wenn die Christen die Stadt wieder nahmen. Die Spittelfrau, die es erzählt, hatte es aus des Sendboten eigenem Munde gehört; – wenn auch nicht selbst, so doch von einer andern, die es wieder von einer andern gehört.

Das erste, was die Kurfürstin tat, sie drückte ihre Tochter Elisabeth, die halbwegs zu ihr hinaufsprang, an ihre Brust, und bedeckte sie mit tausend Küssen. Dann schloß sie auch die Edelfrau an ihr Herz, dann fragte sie den Kammerherrn: »Ist auch mein Sohn gesund?«

»Heil und gesund und in Glorie!«

»Ists aber auch wahr? – Wo ist der Bote?«

»Zu Seiner Durchlaucht. Alle stürzen hinauf, vornehm und gering, in den großen Treppensaal, es mit anzuhören. Der Kurfürst hat befohlen, alle Türen aufzutun; die frohe Kunde könne jeder hören.«

»Und ich nicht!« rief Frau Elisabeth, es war aber nichts Bitteres in ihrem Ton. Der Kammerherr hatte schon die Tür geöffnet, die zur Galerie nach dem Treppensaal führte,

»Kommt alle, alle! Ich bin doch eine glückliche Mutter!«

Aber an der Tür wandte sie sich noch einmal um und warf sich vor ihrem Betpult nieder. Dem Herrn, der ihren Sohn behütet, gebührt ihr erstes Dankopfer. Sie betete nicht lang, aber innig. Elisabeth, das Kind, kniete neben der Mutter, und als die Kurfürstin aufstand, drückte sie einen feierlichen Kuß auf die Stirn ihrer Tochter.

Zur Frau von Bredow aber sagte sie im Hinausgehen: »Das war eine zu sichtliche Fügung des Herrn, als daß ich ihm nicht gehorchen sollte, und daß ich nicht in der Stunde der Schwachheit wanke, und meine, es habe es ja niemand außer Gott, der mirs verzeihen werde, gehört, vertraue ich es Dir, und Du wirst mich mahnen, wenn ich meine Pflicht vergesse.«

»Gnädigste Frau, wie könntet Ihr sie je vergessen?«

»Ich könnte heute schwach werden, wenn Joachim in mich dringt. Nein, hier hab ichs gelobt; dem Herrn, der so wunderbar über meinen Sohn gewaltet, tue ichs nicht an. Nie, nimmermehr gebe ich meine Zustimmung, daß sie mein Kind zum Götzendienst in die Fronleichnamsprozession führen.«

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