Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

6. Kapitel: Die erste Kommunion

eingestellt: 8.8.2007



»Geh nun zu Bett, mein Kind,« sprach die Kurfürstin.

»Mutter, Deine Lippen sind so kalt, Du küssest mich nicht wie sonst,« sagte die Prinzeß, als sie zögernd ging, und noch einen verstohlenen Blick von der Schwelle zurückwarf.

»Sie hat recht, Bredow,« sprach die Fürstin, die schwarz gekleidet auf ihrem Ruhebette saß; »ich kann das Kind nicht wie sonst ans Herz drücken; Gott vergebe mir die Sünde. Es schauert mich, wenn ich es ansehe, seine blonden Locken, mit denen ich so gern spielte, kommen mir wie Schlangen vor.«

»Das sind Gebilde einer trüben Einbildung, gnädige Frau; sie werden vergehen, wenn besser Wetter eintritt. Diese Schlacken und Regen machen auch die Mutigsten verstimmt.«

»Wann wird besser Wetter eintreten! – Wenn nun einmal die Sonne aufhörte zu scheinen, die Wolken nicht mehr vom Himmel fortziehen wollten!«

»Der Hof-Astrolog –«

»Schweige mir von dem.«

»Er ist doch nicht die Ursache, daß unsere Prinzessin dem Willen ihres Vaters gehorchen mußte.«

»Hätte sie allein gehorcht, Bredow! Das ist keine Sünde, wenn man zu einem heidnischen Opferaltar geschleppt wird; die Sünde kommt auf die, welche die Opfer hinschleppen. Aber mit welcher Freude ging sie, sahst Du ihre Augen blitzen? Und sie hatte meinen Schmerz gesehen, sie hatte auf meine Gründe gehört; ihr Verstand ist über ihre Jahre hinaus. Sie hatte das Unrecht schon eingesehen, sie weinte und küßte meine Hand und versprach ein artig Kind zu sein.«

»Und der Vater war unerbittlich.«

»Des Vaters Segen baut den Kindern Häuser, aber der Mutter Fluch reißet sie wieder nieder.«

»Gnädigste Frau!«

»Nein, ich fluche meinem Kinde nicht, ich fluche niemand, am wenigsten in dieser heiligen Stunde. Aber der Tag –! O, wenn er eine unvergängliche Saat in das Herz des Kindes gestreut hätte!«

»Wer weiß, wozu es gut war, Durchlaucht!«

Ein klarer Blick der Fürstin antwortete der Edelfrau: »Du sprichst recht, es war gut. Denn ich war schwach gewesen, ich zauderte, ich scheute mich vor dem Entschluß. Ich bin ja auch nur ein Weib. Weiß Gott, welche inneren Kämpfe ich gerungen, welche einlullenden Stimmen mir ums Ohr schwirrten, daß ich das nicht täte, was recht sei: Ich könnte ja im Herzen der Sache anhängen, damit sei genug getan, Gott fordere nicht mehr von einer schwachen Frau; ich sollte den Hausfrieden bedenken, das Glück meiner Kinder, auch meines Gemahls Glück, für dessen Wohl zu sorgen, auch wenn er nicht für meines sorgt, meine Christenpflicht sei. O, wie schön stellte es mir der Verführer vor: so für ihn zu dulden, ohne daß er es wisse, feurige Kohlen auf sein Haupt zu sammeln. Und was wirke denn mein öffentlicher Beitritt, eine feierliche Erklärung, welche nicht allein meinen Frieden, auch den unseres Hauses, unseres ganzen Landes breche? Ich solle demütig schweigen, die Wahrheit in meiner Brust verschließen und warten, daß Bessere mir vorangingen. So sprach der Verführer, und seine Macht war groß an jenem Freudentage. Ach Gott, was schlug mein Herz; mein Sohn in Glorie, als Retter der Christenheit, sein Empfang in Wien und meines Gemahls Freundlichkeit. O, ich schwelgte im Stolze einer Mutter! Seit wie lange hatte Joachim so mich nicht angeblickt, so nicht zu mir gesprochen! Ich malte mir vor, die gute alte Zeit unserer Einigkeit könne wiederkehren. Da hatte Satan mich schon in seinen Krallen, fester noch als das arme Kind; über die Wonne des Friedens, über seine Freundlichkeit vergaß ich den Durst nach dem Quell des Heiles. – Ja, Bredow, ich wäre verloren gewesen in Lauheit und Selbstsucht, wenn er nicht den Erwecker gesandt.«

»Es schnitt uns allen ins Herz, als Ihr auf die Kniee fielt und den Zipfel seines Aermels ergrifft, und ihn anflehtet: es Euch nicht anzutun. Ach, der zornige Blick des Herrn!«

»Sage, es war ein böser Blick. Aber der weckte nun auch meinen Zorn, ja ein sträfliches Rachegefühl gegen den Mann, der so sein Weib anblicken kann, und vor dem Gesinde. Da war ich noch nicht erweckt, nicht als Christin, nur als beleidigtes Weib. Aber am Tage selbst, als er mich zwang, auf dem Altan zu stehen und dem Greuel mit zuzusehen, als ich mit allen auf die Kniee fallen mußte, da brannte der Stein unter mir wie höllisch Feuer, da wars, als riefe eine Stimme zu mir aus den Wolken: Elisabeth! Du willst Gottes sein, und fällst vor Baal auf die Kniee. Du kannst es ruhig ansehen, wie Dein Kind geschmückt unter den Opferdienern tanzt, und Dein Herz empört sich nicht in der tiefsten Seele! Aufstehen konnte ich nicht, ich war wie geknickt, aber da tat ich ein heiliges Gelöbnis, ich wollte nicht mehr lau, nicht mehr schwach sein, ich wolle meinen Gott preisen und erkennen vor allem Volk. Nun endlich ist die Stunde gekommen. Gepriesen sei er in Ewigkeit, der den Schwachen Mut gibt.«

Eva war an eine Nebmtür im Getäfel getreten und hatte sie leise geöffnet, aber wieder zugemacht: »Es war nur der Wind in den Gängen.«

Die Kurfürstin legte die Hand auf ihre Schulter: »Meine liebe Freundin, das bist Du mir, habe ich Dich je gekränkt, so vergib mir. Habe ich harte Worte gegen meinen Gemahl ausgestoßen, sage es mir, ich bereue sie; habe ich auf mein Kind gescholten, ich nehme es zurück. Ach, mich durchschauert es so bang und heilig; ich möchte alle fragen, ob ich ihnen kein Unrecht getan, ob sie mir vergeben? Was Priesterlist durch so viel hundert Jahre tausendmal Tausenden meiner Mitmenschen entzogen, soll ich, Glückliche, in dieser Stunde genießen! Es ist fast zu viel, däucht mich, der Wonne. Warum bin ich denn die Beglückte, Erwählte, frage ich mich, wo in dieser Stadt, in diesem Schlosse selbst, so viele Seelen sind, die gleich mir nach der Himmelsnahrung schmachten, und die sie mehr verdienen, als ich Sünderin.«

»Gnädigste Frau, wer ertrug darum so viel Prüfungen und Trübsale als Ihr?«

»Und dennoch, frage ich mich, liebe Bredow, ob ich nicht aufs neue sündige, weil ich es nur heimlich tue? Wär es nun nicht gerade meine Pflicht, offen vor aller Welt zu bekennen, komme, was da will?«

»Ihr habt es ja gewollt: und es ist nur auf den ausdrücklichen Wunsch Seiner Majestät, Dero königlichen Bruders, daß Ihr kein öffentliches Aergernis durch die heilige Handlung geben wollt. Und König Christiern ist wieder aufrichtig zum protestantischen Glauben zurückgekehrt.«

»Aufrichtig!« seufzte die Fürstin. »Das Unglück mag seine Seele erweicht haben. Aber denkt er nicht noch immer daran, daß mein Gemahl anderen Sinnes werden und ihn unterstützen könne, seine irdische Krone wieder zu erobern. Das ist der Grund; er wills nicht mit ihm ganz verderben. Ach, diese irdische Krone glänzt noch wie ein Irrstern in seinen Augen.«

»Aber er pflog mit Eurem Ohm, dem frommen Johann von Sachsen, darüber Rücksprache. Beide, und auch der Doktor Luther wurden endlich einig, daß es so am besten sei.«

»Der Mann Gottes hat es gebilligt; das ist mein Trost, das mein Vertrauen! – Wie spät ist es?«

»Der Nachtwächter hat schon die zehnte Stunde abgesungen.«

»So naht meine heiligste. – Ach, daß er auf der Schloßwache unter den rohen Kriegsknechten seine Zeit verbringen muß!«

»Er ist dort am sichersten. Sorgt nicht, gnädige Frau, wir haben uns vorgesehen. Hans von Dolzig ordnet und überwacht alles; er kann nirgend, nicht auf der Treppe, nicht auf den Gängen, wem begegnen, der ihn verriete. Es ist angeordnet, daß mein Mann ihn laut rufen läßt, und zugleich bescheiden, daß er sein Pferd sattle, um sofort eine Sendung auszubringen. Für die Wächter an der Mauer hat er einen Paßschein. Und hier kann niemand lauschen und horchen; alle Türen sind abgeschlossen bis auf die nach der Kinderstube.«

»Was war das? – Er kommt!«

Sie horchten mit angehaltenem Atem. Ein Reiter war im Hof vom Roß gesprungen und seine schweren Stiefeln knarrten jetzt auf der steinernen Treppe; aber andere laute Stimmen begleiteten ihn, sie kamen den Gang herauf und gingen an der Tür vorüber. –

Eva war, den Finger an den Mund, zur kleinen Tür auf den Zehen hinausgeschlichen, und brachte bald die Nachricht zurück, daß es nur ein Bote aus dem Reiche sei, mit wichtiger Meldung an den Kurfürsten; um so sicherer könne man nun sein, daß Ankunft und Weggehen des Boten, welchen Elisabeth erwartete, zu keinem Argwohn Anlaß geben werde.

Ein kurzer pfeifender Ton ließ sich jetzt draußen hören; es mußte ein Zeichen sein, weil beide Frauen sich zuwinkten; bald darauf hörte man feste männliche Tritte und das Klirren einer Degenscheide auf den Fliesen des Ganges. Je näher sie kamen, so banger schien die Kurfürstin zu werden. Sie stand am Tische, mit der einen Hand darauf gestützt, ein leises Zittern schüttelte sie, und ihrs Gesicht ward unter den langen Atemschlägen blaß und rot, wie vielleicht die Sünderin im letzten Augenblicke vor dem ersten Fehltritte. Die Verführung hat schon lange ihre Netze um sie enger und enger geschlungen, die Gedankensünde ist vollbracht, und mit stürmischem Herzschlag ist sie in die laue geheimnisvolle Nacht geeilt, aber noch einmal vor dem letzten Augenblick, vor dem Rauschen des Busches, vor dem Aufklinken einer Tür, vorm ersten Händedruck bebt sie zurück. Was Witz und heißes Blut längst verteidigt und gerechtfertigt, erscheint in dem Augenblick wieder als Sünde: es rieselt ihr durch die Adern, sie möchte zurück, fliehen, und bebt und kann nicht fort. War es denn nicht Sünde der Gattin gegen den Gatten, der Untertanin gegen den Fürsten, der Mutter gegen das Schicksal ihrer Kinder? War es denn nicht Begierde und Verlangen nach dem verbotenen Genuß? Konnte sie sich nur entschuldigen damit, daß sie dem Volke ein Beispiel geben, daß sie es aufmuntern wolle zur Nachfolge, da sie ja nur wie der Dieb in der Nacht, heimlich, zur eigenen Befriedigung an den Tisch des Herrn schlich mit betrügerischen Veranstaltungen? Vertrug sich das mit der Würde, der Heiligkeit der Handlung? Konnte sie jetzt dem Kurfürsten, oder irgend wem, noch strafend ins Auge sehen mit dem Stolze gekränkter Unschuld?

»Ach Gott, Bredow, ich wünschte, er wäre es noch nicht. – Schließ die Tür zu, rufe Deinen Mann. Ich will mich besinnen.«

Es war zu spät. Die Tür zur Nebenkammer ward geöffnet. »Wachtmeister! Setzt Euer Pack in die Kammer hier,« rief eine Stimme. »Wenn Ihr Bescheid habt, mögt Ihr es wieder abholen«

Laute Fußtritte hallten weiter durch die Gänge, ein anderer Fußtritt näherte sich der Tür zum fürstlichen Gemache. Eva öffnete und herein trat, während die Kurfürstin noch einmal ihre tiefste Bewegung und ihre Angst vor dem Kruzifix auf dem Betpult ausschüttete, ein Mann im Kleide der Kriegsknechte zu Roß; im Lederkoller, ledernen, knapp anschließenden Hosen, hohen Stiefeln. Ein Eisenhemd hing um seinen Leib und eine Stahlhaube bedeckte sein Haupt, unter deren Schirm ein festes, männliches Gesicht mit prüfenden Augen zum Vorschein kam. Der Wachtmeister trug einen Kasten unterm Arm, den er keinen Anstand nahm, sofort auf den kostbaren Teppich des Tisches, der in der Mitte des Zimmers stand, zu setzen. Dann aber trat er halb an die Tür zurück und blieb in ehrerbietiger Stellung stehen.

»Die Kurfürstin ist sehr bewegt,« flüsterte die Edelfrau ihm zu. »Sprecht, ich bitte Euch, mit sanfter Stimme.«

»Sie wird stark werden,« entgegnete der Reiter mit einem Blick auf den Kasten.

Elisabeth hatte sich umgewandt und schritt wieder mit fürstlicher Haltung dem Fremden entgegen.

»Ihr seid an mich gesandt?«

»Ich bins.«

»Eure Beglaubigung?«

Der Wachtmeister reichte ihr einen Papierstreifen mit Zeichen.

»Es ist genug,« sprach sie, nachdem sie einen Blick darauf geworfen. »Von meinem Bruder Christiern. Gott nahm ihm viel, und er sendet mir doch viel. Euer Name?«

»Buchholzer, aus Pommern, der Gottesgelahrtheit Beflissener, Prediger, Doktor, Baccalaureus.«

»Und im Rock eines Kriegsmannes! Gütiger Gott!«

»Das ist das Kleid, was jetzt sich für uns schickt. Wir sind Krieger im Dienste des Herrn, allzeit müssen wir gewappnet gehen, denn es wird Krieg geben, weil ohne Krieg keine Wahrheit.«

»Muß es denn so sein?«

»Es muß. In diesem Kleid saß unser Feldherr Martin auf der Wartburg.«

Die Kurfürstin, der man bis da trotz der entschiedenen Sprache eine Aengstlichkeit vor der rauhen Hülle des Gesandten, angemerkt, betrachtete ihn jetzt mit andern Blicken.

»In dem Kleide schrieb er an der heiligen Uebersetzung!« rief sie, und schien das Wams jetzt mit einer freudigen Neugier zu mustern, vielleicht ob sie Spuren der Arbeit daran gewahre.

»Wem er dies Kleid anvertraut,« sprach sie mit einer Verwirrung, »ich meine, wen er eines solchen Auftrags würdigt, den muß er hoch halten.«

»Ich saß lange Jahre zu seinen Füßen.«

»Was macht der fromme Mann? Ich höre alles, das allerkleinste, gern von ihm. So sparsame, oft so falsche Nachrichten kommen uns über ihn zu. Sein Bild kenne ich. Gleicht es ihm? Erzählt mir von ihm, kräftigt mich zu dem hochheiligen Geschäfte. Er hat viel Anfechtungen in letzter Zeit?«

»Vom Satan, ja.«

»Er weiß auch den Satan zu überwinden.«

»Neulich warf er ihm das Tintenfaß an den Kopf.«

»Man spricht auch von andern Anfechtungen. Es betrübt ihn manches in dieser Welt. Den aufrührerischen Bauern –«

»Wird er den Kopf waschen.«

»Man sagt auch, daß die wilden Fanatiker, die sie Bilderstürmer nennen, und die seine Lehre mißverstanden, ihn in gerechten Zorn gebracht.«

«In Zorn ja, ob in gerechten, das weiß ich nicht,«

»Ehrwürdiger Herr, ein Schüler Luthers verteidigt –«

»Nicht die tobenden Rotten, doch auch ihm kann ich nicht recht geben; er ist zu nachsichtig noch gegen den Bilderkram und Firlefanz. Seine Seele ist makellos, sein Glaube rein, aber –«

»Luther kann nicht irren!«

»Luther irrt; aus Rücksicht für die Schwachen, so noch zaudern, drückt er ein Auge zu, und läßt ihnen die Zipfel und Falten des Heidentums, daran sie hangen und nicht sehen, daß in den Falten Satan selbst sich versteckt. Er ist der Held, der Ritter Sankt Görgen, der mit seinem starken Arm die Gewänder nur zu schütteln braucht, so fallen die Teufelchen wie das Ungeziefer heraus; aber er gedenkt nicht, daß die andern nicht von der Stärke beseelt sind; daß die Goldstickerei ihr Auge blendet, der weiche Sammet ihrer Wange schmeichelt und der Weihrauch durch die Nase in ihr Gehirn kitzelt.«

»Es wird ja anders werden. Statt des Weihrauchs werden die Töne der Lieder unsere Seele in den Himmel reißen.«

»In den Tönen aber sitzt absonderlich der Verderber, und das Rauschen der Orgel, diese lateinischen Choräle wirken verführerisch auf den Sinn. Luther will das nicht Wort haben; er ist eigensinnig, er liebt die Musica mit Leidenschaft, er meint, wenn er nur die lateinischen Lieder ins Deutsche überträgt, dann schade die Melodie, nicht. Das ist nicht meine Meinung. Wie man aus den Zeiten des Heidentums weiß, gab es Sirenen- ober Nixenlieder, das sind Weisen, die wie dünne Fädchen um die Seele sich legten und das Gemüt verstrickten, bis der arme Mensch ihnen folgen mußte in sein Verderben. Diese alten Melodeien sind nun gar nicht auszurotten, sie summen durch alle Völker und Sprachen; wissen wirs ob sie nicht auch in den Chorälen nisten, so die Seele bald mit tiefer Betrübnis erfüllen, bald mit schrillender Freude? Gott spricht anders zum Menschen. Demnächst kann ich auch das Glockengeläut nicht ohne weiteres gut heißen. Ist das nicht Gottes Stimme nachäffen wollen? Wissen wir, ob das Gott angenehm ist? Sehen wir nicht vielmehr, daß sein Blitz so oft in die Glockentürme fährt? Und ist denn dies Gesumme, das wir da oben anstellen, auch wirklich nur der Nachhall seiner Stimme? Hat er so zu Moses, zu Elias gerufen, oder rief so der Gott Wodan, Tor und Jupiter zu den Teufelsdienern? Aber er käme übel an, der Luthern ein Wörtlein über die Glocken fallen ließe.«

Die Kurfürstin blickte den kriegerischen Prediger ängstlich an.

»Was aber soll man nun erst sagen zu jenem Feste, dem einige unter uns bisher noch das Wort geredet, zu jenem rechten Teufelssabbath, wo die Glocken durch die ganze Stadt summen, aus den Gotteshäusern die Choräle schallen, und durch die Straßen das Volk strömt, von der Heidenpriesterschaft in ihren grellsten, schillerndsten Meßgewändern angeführt! Glocken, Lieder, Weihrauch, Götzenbilder, geschwenkte Kessel, brennende Kerzen, Blumen, Tand, Gold, Edelsteine, die Summa aller Summen von Sinnenverführung und Teufelsspuk. Auch dafür konnten Stimmen sich erheben, auch das konnten sie entschuldigen; man möchte es ihnen lassen. Nein, endlich hat die Vernunft gesiegt, und das rechne ich recht eigentlich als den Anfang unserer Reformation oder Kirchenverbesserung. Hätten wir es nicht verdammt, hätten wir es nur geduldet das Fronleichnamsfest, so wäre mit all den übrigen Reformationen nichts getan.«

Die Kurfürstin hatte dem Redner anfänglich mit Erstaunen zugehört, das an Unwillen grenzte. Wie durfte ein Abgesandter es wagen, gegen die Autorität dessen zu sprechen, der ihn gesendet hatte; wie durfte überhaupt jemand, der sich seinen Schüler und Anhänger nannte, gegen Luther das Wort erheben und an etwas zweifeln, was Luther gesprochen und gemeint! Sie war im ersten Augenblick willens gewesen, die heilige Handlung zu unterlassen, wenigstens die Speise des Herrn nicht aus Eines Hand zu empfangen, der gegen den einzigen Mann sich auflehnte, welchen sie für untrüglich hielt.

Aber die entschlossene Weise des kriegerischen Predigers, der sich durch keinen ihrer mißbilligenden Blicke auch nur etwas einschüchtern ließ, wirkte günstig für ihn. Es war von Luthers Geist und Mannheit aus ihn übergegangen; so, wie vor ihr, würde dieser auch vor dem ganzen Hofe, vor ihrem strengen Gatten selbst, gesprochen haben. Sie empfand das natürliche Vertrauen des Weibes zu einem starken Mann, dem es in Gefahren folgt, weil er es zu schützen wissen wird.

Seine flammende Strafrede gegen die Fronleichnamsprozession erschütterte sie wieder.

»So wäre dieses Fest in der Tat so gefährlich?«

»In Netzen fängt da der Erbfeind die Herzen der Menschen. Das war, das ist das rechte Erntefest für ihn, wo er wieder sammelt, was er an andern Tagen verlor. Die unglücklichen Kindlein bedaure ich allzeit, wenn sie so vergnügt und unschuldig spielen [?] springen.«

Die Fürstin war mit einem Stoßseufzer in den Sessel gesunken: »Mein Herr und Erlöser! auch meine Elisabeth war dabei.«

»Ihr werdet sie nicht wieder dazu herleihen. Vor der heiligen Handlung fordere ich als Verordneter des Herrn und Diener seiner reinen Lehre dies Gelöbnis von Euch.«

»Was an mir, es soll nimmer geschehen. Aber –«

»Sprecht Eure Bedenken aus.«

»Wenn nun schon der Verderber das Herz meines Kindes umstrickt hätte.«

»So treiben wir ihn wieder aus. Ging sie frohen Herzens hin? Hatte sie schon lange vorher mit dem Gedanken sich umgetragen? Hatte sie heimlich dazu Putz zurecht gelegt? Hatte sie vielleicht gar die Mutter, deren Abneigung sie kennen mußte, zu hintergehen gesucht? Glänzten nachher ihre Augen schlau und verstohlen? Vermieden ihre Blicke die ihrer Mutter? Ist das so, so ist es schlimm, aber noch nicht zu spät.«

Es bedurfte keiner Antwort der Fürstin, ihre stummen Gebärden bejahten alle diese Fragen.

»So ist es geraten, daß man zum Exorcismus schreitet,« sagte Buchholzer, »ehe der böse Feind sich fester einnistet.«

»O wenn Ihr der Macht seid, auf der Stelle, lieber Doktor, es quält einer Mutter Herz. Es hat mich nie so etwas gequält. Hier nebenan schläft sie. Soll ich sie wecken? Wollt Ihr an ihrem Bette die Beschwörungen vornehmen?«

»Dazu ist jetzt nicht Zeit; nachher!« sprach Buchholzer und war an den Tisch gegangen, wo er die Hefteln des Kastens löste. –

»Derweil ich hier an seinem Tische schwelge, soll ich mein Kind in seinen Krallen wissen!«

»Das sind noch weiche Krallen.«

»Ach, welche Vorstellungen, welche finstere Gedanken habt Ihr mit einem Mal in mir geweckt!«

»Weg mit Furcht und Angst, weg mit allen irdischen Gedanken, Weib, als an Dein eigen Seelenheil. Eine Angst nur durchschauere Dich, die, daß Du würdig und im Glauben das Brot issest und den Wein trinkst. Um Dich nur, Elisabeth von Dänemark, sandte mich ein Höherer, daß Du teilhaft würdest der Gnaden. Nur um Dich unternahm ich den schweren Weg, nur darum stehe ich hier, gehorsam dem, was mir aufgetragen ist. Wenn Du reuig und bußfertig aufgenommen, wenn Du gestärkt und geheiligt bist durch das Mahl des Herrn, dann laß uns mitsammen an das Lager Deines Kindleins treten, dann wird die Beschwörung leichter sein; vor dem Gebet der christlichen Mutter wird der Versucher selber weichen.«

Er hatte Degen und Pickelhaube abgelegt und über Koller und Panzerhemde den schwarzen Priesterrock geworfen. Dann nahm er aus einem Futteral einen silbernen Pokal.

»Kurfürstin Elisabeth, diesen Becher übergab mir Martin Luther. »Trage ihn an Deinem Herzen und wahre ihn mit Deinem Schwerte,« sprach er, »denn nur um der dürstenden Bekennerin willen, die in Brandenburg auf den Trank des Heils wartet, laß ich das Kleinod aus meinen Händen.« Es ist das Gefäß, edle Frau, aus welchem Euer Ohm, Johann von Sachsen, und seine erlauchte Familie zuerst das Blut des Erlösers tranken. Die Lippen Eures königlichen Bruders berührten zum letzten Male diesen Rand, mit heißen Wünschen war es für die geliebte Schwester.«

Elisabeth war, von tiefster Bewegung erschüttert, auf ihre Kniee gesunken und küßte den Fuß des Bechers, den der Prediger ihr hinhielt: »Es ist des Heils zu viel!«

Auch Eva Bredow stand tief bewegt am Fenster des Vorgemaches, wohin sie gegangen, als die Kommunion beginnen sollte. Die Kurfürstin wollte niemand bei der heiligsten Handlung ihres Lebens zugegen haben, entweder weil sie in ihrer Erschütterung die Seligkeit allein genießen wollte, oder um alle zu entfernen, die als Zeugen im schlimmen Falle sie und sich gefährden konnten. Doch schien die junge Frau unwillkürlich auf die Laute, die aus der Tür kamen, zu lauschen und wischte eine Träne aus dem Auge: »Wenn die Zeit doch erst für uns alle da wäre!«

Aber es mußte vom Geist der Mutter in ihr sein, daß die Gefühlsstimmung, so rein und heilig sie war, nicht lange, wenigstens nicht allein anhielt. Den Mann, der so sicher, so bewußt seiner heiligen Mission aufgetreten war, so kräftig, unerschrocken vor der Fürstin gesprochen, den selbst die Gefahr, in der er schwebte, die Worte nicht abwägen ließ, hatte auch sie mit Bewunderung und Hingebung betrachtet. Die Wahrheit hatte ihn gesendet und die Wahrheit war in ihm; aber war alles Wahrheit, was er sprach? Woher kamen die Zweifel der lebensfrischen Frau, und in einem Augenblick, wo sie ganz der Rührung sich hingegeben wähnte? Sie war ärgerlich, daß sie zweifeln, forschen, sich fragen konnte; damit waren sie aber nicht fortgescheucht, sie kamen immer wieder. War Buchholzer nicht ein ganz anderer Mann als Musculus, der zu einem so gefährlichen Akte nicht zwanzig Meilen weit geritten wäre, und wenn – wie anders, wie ängstlich würde er aufgetreten sein. Und doch stand jetzt Musculus vor den Augen ihrer Seele, wie er das verteidigt, was Buchholzer so unerbittlich angriff, die Prozession des Fronleichnamstages. Waren beide nicht vom heiligsten Eifer für die Wahrheit durchdrungen? Wer hatte nun recht? Wer entschied darüber? Die alte Kirche? Deren Autorität war ja gestürzt. Luther? Buchholzer griff ja auch dessen Autorität an, weil er zu nachgiebig gegen die Ceremonie sich gezeigt.

Und sie erschrak über ein Lächeln, das als ein halber Laut über ihre feinen Lippen schwebte, und der Gedanke, der das Lächeln hervorrief, hätte ungefähr gelautet: daß Buchholzer, der so ritterlich wie nur Luther für die Wahrheit stritt, in diesem einen Punkte nicht wahr sein könne. Wahr nicht, weil er sich selbst täusche, weil er in seinem Eifer zu weit ginge, daß dieser heilige Eifer selbst lächerlich erscheine. Konnte nicht ein anderer, Stärkerer ihn bei dieser schwachen Stelle fassen und zum Gespött den Leuten hinstellen, über die er sonst so weit hinaus stand, an Urteil und Wert. Und hatte Buchholzer allein diese Schwäche? An welcher andern krankte nicht der gute Musculus? Und wer nicht noch, nicht auch ihr Mann, nicht die Kurfürstin, der Kurfürst? Wo sie hinsah, hatte nicht jeder ein Etwas, das ihn stach, wo es nicht stechen sollte? Und wer hat es gemacht, daß die Besten daran leiden müssen? Gott, der die Welt schuf und die Menschen zu seinem Ebenbilde, oder der Teufel, der sie verkehren wollte zu seinen Affen?

Sie hatte aber nicht länger Zeit über etwas nachzudenken, worüber sie sich selbst schämte und ärgerte, denn die Tür ging auf, und Hans von Dolzig fuhr rasch aber leise wie ein Gespenst herein.

»Ist er noch drin?«

»Die Kommunion scheint noch nicht zu Ende.«

»Sie muß zu Ende sein,« rief er und stürzte nach der inneren Tür, ehe Eva ihn zurückhalten konnte. »Man hat verdächtiges Geräusch gehört. Der Kurfürst tobt in seinem Zimmer.«

»Wo ist mein Mann?«

»Er ist zu ihm gerufen. Wir können das Schlimmste besorgen. Der Doktor muß fort. – Aus dem Schlosse wenigstens – aus der Kurfürstin Zimmer!«

In wenigen Sekunden hatte der Eifrige den Prediger aus dem Zimmer fast mit Gewalt herausgezogen, an dessen Tür Elisabeth wie eine Verklärte segnend die Hände über ihn ausbreitete. Er duldete es nicht, daß Buchholzer nur einen Augenblick zögerte, um seinen Kasten mitzunehmen. Nur den Talar riß er ihm ab, nur den Degen drückte er ihm in die Hand und riß ihn in den Korridor. Von draußen hörte man seine Stimme laut am Fenster rufen: »Der Wachtmeister passiert. Ein Gefreiter mit ihm bis ans Tor nach dem Teltow!«

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