Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

7. Kapitel: Die Überraschung

eingestellt: 8.8.2007



Hans Dolzig hatte recht gehört, der Kurfürst tobte in seinem Zimmer. Er schlug mit der Faust auf den Tisch:

»Eher Land und Leute verlieren, eher sterben und verderben, als zu dem Religionsfrieden meine Einwilligung.«

»Auch unter den Protestanten sind die wenigsten guten Blutes ihn anzunehmen, sie sagen:

Das Interim
Hat den Schalk hinter ihm.«

bemerkte der Propst.

»Aber es ist der ausdrücklichste Wille Kaiserlicher Majestät,« sagte der Kanzler erschrocken. Es war überhaupt eine erschrockene Versammlung von Räten, die plötzlich in der Nacht zusammenberufen worden. Der alte Schlieben trat wie ein Bittender vor; seine Kniee zitterten.

»Allerdurchlauchtigster Herr! nur diesmal hört auf die Stimme eines treuen Dieners. Drei Schritt von der Grube redet der Mensch doch die Wahrheit. Die Stände –«

»Sollen lernen, was ihre Pflicht ist.«

»Ich rede nicht von unsern brandenburgischen, obwohl auch hier ein ganz anderer Geist sich letzthin zeigte als an den vorigen Landtagen. Aber auch die Reichsstände betrachten diesen Frieden als das Heilmittel bei der allgemeinen Aufregung, als das einzige, um Deutschland vor einem Kriege zu bewahren. Die eifrigsten Häupter der Katholischen stimmen dafür, die weiseren der Protestanten fügen sich, der Kaiser selbst will es. Gnädigster Herr! auf wessen Haupt soll der Fluch kommen, wenn der Krieg ausbricht, der unser Vaterland verwüstet!«

»Auf meines!« rief Joachim, »Vor Kaiser, Reich und meinem Gott und Herrn im Himmel vertrete ichs. Den Mischmasch erkenne ich nicht an. Christi Kirche will ich rein. Falle der Würfel; eine solle herrschen auf Erden, sie oder die Hölle, aber keinen Vertrag zwischen beiden. – Was steht Ihr da, was gafft Ihr, was fragen Eure Blicke? Sprach ich nicht deutlich? – Den Boten herein! Deutlich soll ers hören. Nicht die Protestanten, nicht die katholischen Stände, nicht der Kaiser selbst sollen mich irren in meinem Recht. Und mein Recht, Ihr Herren, ist von Gott; seine Mission. Wenn alle abfallen, alle weich werden, ich falle nicht ab, ich werde nicht weich. Zweifelt einer daran? – Den Boten! daß er zum Angesicht dem Kaiser und den Herren es wiedersage, was ich ihm ins Angesicht sage.«

Der Kanzler und der von Schlieben wagten noch eine Vorstellung. Sie hatten schon lange nichts mehr gewagt. Sie drangen darauf, daß der Kurfürst in dieser außerordentlichen Angelegenheit einen außerordentlichen Abgesandten schicke: »Kurfürstliche Gnaden, es wäre gegen alles Schick, diese Botschaft, die schon so inhaltschwer, durch denselben Boten zurück zu vermelden; es ist zudem ein niederer Mann.«

Da Joachim nicht antwortete, fiel Schlieben jetzt wirklich aufs Knie, der Kanzler folgte ihm:

»Allerdurchlauchtigster, gnädigster Herr, nur hierin, nur dieses Mal Gehör! Es wäre eine Verletzung aller Form; dem Reich, den Fürsten hieß es den Stuhl vor die Tür setzen; als Beleidigung der Majestät des Kaisers könnte es von den Juristen ausgelegt werden. Ist Brandenburg nicht schon schwer getroffen, daß auch diese Kalamität es treffen sollte. Vertraue Eure Durchlaucht eine solche Botschaft wenigstens einem bewährten Edelmann, der sie fein mit Schick und Würden ausrichtet.«

Ein eigen Lächeln belebte Joachims Gesicht: »Darin seid Ihr kompetent. – Es ist doch gut, wenn ein Fürst treue und geschickte Diener hat. Steht auf! – Hans Bredow!«

»Gnädigster Herr, den Marschall Bredow –«

»Schick ich nach Regensburg,«

»Er ist fürchterlich,« sprach der Kanzler im Vorzimmer, nachdem die Räte entlassen waren. »So hab ich ihn nie gesehen.«

Der alte Schlieben stützte sich an einen Pfeiler: »Wohin soll es führen! Er hört auf niemand mehr.«

»Als das Gesindel, das den Tag scheut und in den Winkeln sich versteckt. Die großen Familien ziehen sich zurück.«

»Das ist unrecht.«

»Verarg es ihnen! Wem ist noch heimlich am Hofe. Wäre nur der Kurprinz zurück!«

Schlieben schüttelte den weißen Kopf: »Er hörte doch nur sich.« –

Wäre der Kurfürst in minder großer Aufregung gewesen, hätte er vielleicht bemerkt, daß das ehrliche Gesicht Hans Jürgens heut nicht so ehrlich schaute, ja er riß nicht allein die Augen auf, als er den Auftrag hörte, sondern biß auch in die Lippen.

»Also sattle,« schloß Joachim.

Hans Jürgen ließ die Degenscheide etwas vernehmlich zur Erde fallen: »Als wie ich bin?«

»Gerad wie Du bist. Brauchst auch nicht die Stiefeln abzuklopfen; trittst in den Reichssaal vor den Kaiser, sprichst meine Worte, wie ich sie Dir sage, gar nichts dazu, gar nichts davon. Du denkst auch nichts, als daß Du in dem Augenblick meine Person bist.«

»Was antwortest Du nicht?« sprach Joachim nach einer Pause, während er nach seiner Gewohnheit, wenn er in Aufregung war, das Zimmer hastig auf und ab ging, Hans Jürgen stand, mit beiden Händen auf seinen Degengriff gestützt:

»Hab nichts zu antworten.«

»Was denkst Du aber?«

»Nichts. Ihr habts mir verboten.«

«Wenn wir unter uns sind, erlaube ich Dir zu sprechen.«

»Damit Ihr mich auslacht,«

»Mir ist nicht lächerlich zu Sinne.«

»Und doch schickt mein Herr mich nach Regensburg.«

»Wenn auch Du nicht, sie werden mich verstehen.«

»Ich verstehe Euch auch. So gering achtet Ihr die Reichsbeschlüsse, daß Ihr einen Diener hinschickt, mit dem großen Rate des Kaisers zu verhandeln, dem Ihr in Eurem eigenen kleinen Rate nicht erlaubt, den Mund aufzutun, und wenn, ists nur darum, damit Ihr Euch herzlich schütteln könnt, wenn er was Dummes vorbringt; und ists auch nicht dumm, so kommt Ihr Euch doch recht groß und klug vor, daß Ihrs besser wißt, und daß ich mich unterstehe, es auch wissen zu wollen neben Euch.«

»Und dahinter denkst Du noch etwas.«

»Ja.«

»Heraus damit.«

»Solls?«

»Ich befehle es?«

»Daß es doch ein kurios Vergnügen ist von einem großen Herrn, daß er um sich her nur kleine will, oder solche, die er für dumm hält, daß er über sie lachen kann. Da könnte man doch mancherlei denken.«

»Was?«

»Daß er fürchte, es stehe mit ihm selber und seiner Weisheit nicht so fest, als er meint, oder möchte, daß die anderen meinen sollen. Denn so er sie auch sprechen läßt, wies ihnen behagt, wenigstens sagt ers so, hört er doch nur darauf, wie auf das Pfeifen der Vöglein im Bauer, oder aufs Ticken der Wanduhr, weil er einen Zeitvertreib haben will und was hören, das ihm ins Ohr surrt; aber ins Herz gehts nicht hinein. Nun meine ich –«

»Noch mehr?«

«Ja, Herr, daß Gott dem Menschen die Sprache gab, damit die anderen Menschen auch hören und wissen sollen, was in ihm arbeitet. Wer nun nicht auf anderer Sprache hören mag, als auf seine eigene, meine ich, versündigt sich gegen Gott, der ihnen die Sprache gab, daß er ein Gottesgeschöpf für nichts achtet, und seine Kreaturen nur für den Staub, auf den er tritt.«

»Du würdest es anders an meiner Stelle machen?«

»Nicht die Dümmsten und Einfältigsten, sondern die Klügsten und Besten würd ich um mich sehen, und wenn sie sprächen, nicht tun, als ob ich nur aus Gottes Gnaden zuhörte. Denn wenn sie auch neunmal nur sagen, was ich schon weiß, ein zehntes Mal könnte ichs doch nicht wissen. Und was ich weiß, daß es heut recht, ists denn morgen noch recht? Und wenn ein blindes Huhn eine Perle gefunden, warum kann nicht auch ein dummer Mensch einmal den Weg finden, nach dem die Klugen umsonst suchten!«

»Fast sollt ich mich fürchten. Dich nach Regensburg zu senden. Mein Ambassador spräche zu viel. – Dir mißbehagt mein Regiment. – Wer sind denn die Klugen, Hans Jürgen, von denen ich lernen soll?«

Als der Marschall eine Reihe Namen nannte, zuckte das häßliche Lächeln über Joachims Gesicht. Das Volk sagte, dann wären die bösen Geister über ihm, mit denen er in seinen Studien verkehre.

»Auch der Abt nichts mehr!« rief Hans Jürgen. »Ich merk es wohl; er merkts auch,«

»Er ward ein Schwätzer; das Alter nagt auch an der Weisheit eines Trittheim. Die Natur erschloß sich ihm, aber während er in ihren Eingeweiden und Geheimnissen wühlte, entging ihm der Silberblick, darin das ewige Mysterium sich widerspiegelt. Wer das nicht mehr sieht, nicht fühlt, das ewige Auge, das in der Sonne, im Falkenblick und im trüben Aug des Maulwurfs dasselbe ist, die Weisheit, tausendfältig gestaltet, und doch dieselbe Offenbarung, was hilfts ihm, wenn er die Fibern und Adern des Regenwurms zergliedert und die Zellenräume eines Wespennestes ausrechnet!«

Was der Fürst noch sprach, sprach er wohl nur für sich. Das soll ihm oft so ergangen sein.

»Und so sie alle! Das Alter der Jahre, des Unverstandes, der Selbstsucht und der Leidenschaften ist der Rost an dem Metall, dessen Glanz uns einmal in der Jugend erfreute. Langsamer zehrt er am einen, schneller am andern. Wer denn hält die Versuchung aus, die in tausendgestaltigen Nebelbildungen sie umschleicht. Die eisernen Gestalten, die hier aussehen wie Stammhalter auf einer Gruft, unbeweglich, vom Syrius, von der Sonne aus gesehen, fliegen sie wie Motten ins Licht. Unsere Augen sind nur zu trübe, das Licht zu finden, was jedem besonders leuchtet. Und dieses Menschengeschlecht sollen wir achten, von ihm lernen, fordern die Toren! Ehrenwert meißeln sie auf ihre Grabsteine, Tugend, Treue, Glaube. So gehen die Schächer, die Zöllner, die Wucherer, die Fälscher und die Pharisäer, nicht genug mit der Lüge vor ihresgleichen, mit einem Betrug für die kommenden Geschlechter ins Grab. – Verteidige sie doch, rechtfertige sie. Du hörtest meine Anklage gegen jeden. Warum ist der Kanzler mir treu, der Schlieben, Krauchwitz, sie alle, alle, Du auch, Hans Jürgen? Ja sperr die Augen auf, öffne die Lippen, ich seh das heimliche Rot. Die Macht der Gewohnheit ists, mehr nicht, Hans Jürgen, was Dich an mich fesselt. Vielleicht liefst Du nicht davon, wenn ein anderer Herr Dir mehr Lohn böte, größere Ehren; Deine Seele ist zu träg. Du knirschest in Dir, zuweilen wirds ein heiseres Gebell. Dann schüchtert Dich ein Blick ein. Du kriechst in Dein Haus und streckst Dich und denkst, ob Du wohl anderwärts auch so bequem ruhen würdest? Das ist gut. Die Trägheit ist die beste Fessel für dieses Geschlecht; wäre sie einmal gesprengt und das Feuer bräche heraus, jedes Flämmchen suchte seinen Weg für sich, die Sonne spaltete sich wie ein reifer Mohnkopf; Christus, mein Heiland, wie könnte man leben in dieser Welt voll Irrlichtern!«

Gott werde schon seine Sonne festhalten am Himmel, meinte Hans Jürgen.

»Und doch, dieser Knäuel von Schwäche, Torheit, Selbstsucht, doch rüttelt er an dem Licht, das fünfzehnhundert Jahre über das Menschengeschlecht schien, wärmend, treibend, färbend seine schönsten Früchte. Doch, und jetzt gerade, weil die Sonne einige Flecke hat, wollen die Wahnsinnigen sie vom Himmel reißen. Ins Tollhaus dies Geschlecht; und von ihm lehren sie uns, daß wir lernen könnten von diesen dünkelvollen kleinen Lichtern, die die trüben Lampen ihrer Vernunft an Gottes Firmament hängen wollen. Der Wurm ist mir lieb, die Nachteule, die Motte, die sich verbrennt, lieber sind sie mir als diese Aufgeblasenen, die aus trüben Abzugsgräben ihre Lampen füllen und je schwächer sie brennen, so größer ihre Anmaßung. Sie sehen nicht, sie könnens nicht sehen, daß die Welt in wüste Barbarei verfällt, daß, wenn sie siegten, das Schöne untergeht, das Große und Ehrwürdige, der Gott im Menschen, das, worauf wir stolz sein mögen. Sie sehen nicht den Abgrund von Nüchternheit, wo die wüste Selbstsucht, die Afterweisheit der Natur sich tummeln wird, und wir, wir sollen den Blinden nicht die Augen aufreißen, den Tauben nicht ins Ohr schreien! Die Mattherzigkeit tröstet sich mit dem frömmelnden Spruch: Ists Gottes Werk, so wirds bestehen, ists Menschenwerk, wirds untergehen! Was ist denn Gottes Werk hier, wo nicht wir die Werkleute waren? Was ist denn diese hochheilige Tradition, dieser Turm, höher und fester als der von Babel, was ist die katholische Kirche anders als Menschenwerk, von Gottes Geist geleitet und durchglüht. Und an diesen Dom, vor dessen Wölbungen, Pfeilern und Türmen wir auf den Knieen liegen müßten, uns selbst anbetend, denn etwas Größeres, Höheres, Schöneres hat der Menschengeist nie gebaut, an diesen Dom legen sie Sturmleitern, mit Aexten wollen die Kleinen das Werk ihrer großen Väter zerklopfen! Der nicht erlag wie der von Babel, eh er fertig ward, der Stimmverwirrung, der anderthalbtausend Jahre den Stürmen widerstand, dies Werk der Riesen, unserer Väter, will das Pygmäengeschlecht zerstören! Ja, die Sprachverwirrung brach los. Schweizer und Wittenberger liegen sich schon in Marburg in den Haaren, die Bilderstürmer, das Interim, und welches ungeborne Hähnlein wird noch auf dem Ei gackern! Sie uneins, wir uneins, niemand versteht sich. Mutter Gottes, gepriesen und gelobt in Ewigkeit, ich bin nicht uneins mit mir.«

Hans Jürgen dachte wohl bei sich, wie schlimm muß es doch mit einem Herrn stehen, der einem Diener, wie ich bin, solche Gedanken vertraut: der Kurfürst hatte ja niemand mehr, dem er etwas vertrauen konnte; das bedachte Hans Jürgen nicht. Aber da stahl sich ein anderer Gedanke in sein Herz, der wie ein Funke auf Zunder fiel, und die Flamme schlug hell auf und rötete sein Gesicht, daß ers nicht mehr bergen konnte, und als Joachim die Hand ihm auf die Schulter legte und ihn starr ansah, mußte es heraus.

»Ja, Herr, wer keinem Menschen mehr vertraut, wie kann der sich noch selbst trauen?«

Da ließ der Kurfürst die Hand wie erschreckt los. Es war, als schüttle ihn ein heimlich Fieber; das hatten schon vorhin die Räte bemerkt. »Sprich weiter,« sagte er kalt, es war eine Kälte, die einen andern stumm gemacht hätte.

»Wer alles schlecht macht um sich her, und alles grau ansieht, da sollte ich meinen, dem müßte am Ende vor sich selbst grauen. Und wenn ich träumte, daß alle Menschen in Grund und Boden verdorben wären, bis auf einen, und dann sähe ich in den Spiegel, und der eine wäre ich; da, Herr, würds mich schauern, ich würd mich am Schopf fassen, auf die Brust würd ich schlagen: versuche mich nicht; das ist wohl Hochmut, der zu Fall bringt, daß ich allein klug und allein besser sein will als alle andern.«

»Und was noch,« sprach der Fürst.

Da verneigte sich Hans Jürgen tiefer als er es sonst getan: »Das mehr noch verbietet mir der Respekt auszusprechen.«

Es war eine Weile still. Der Kurfürst fragte ihn nicht.

»Das schießt ja wie Pilze in meinem Lande auf,« sprach er dann sich fassend, »von Leuten, die selbst denken wollen und ein eigen Urteil bekennen. Selbst aus der Zauche; Gottes Wunder! Geht nun, Herr von Bredow.«

»Nach Regensburg?«

»Dorthin werd ich Krauchwitz senden, oder auch einen anderen. Wenn Du zu den Fürsten sprächst, wie zu mir, müßt ich sorgen, daß mir das ganze Reich auf dem Halse säße.«

»Hans Jürgen Bredow!« rief Joachim mit gehobener Stimme den Ritter von der Tür zurück, wohin er, nach einer zweiten stummen Verbeugung, sich gewandt. – »Du murrst. – Ich weiß, Du murrst; das sei Dir gegönnt, wie jedem. Ihr alle könnt das Strafgericht von damals noch nicht verwinden. Mit krummem Rücken steht Ihr vor meiner Schwelle und innen kocht es. Deine Familie hängt im geheim der neuen Lehre an, Ihr verkehrt mit Wittenberg, Ihr schafft herüber und hinüber. Das alles weiß ich; wußte, ehe Du es aussprachst, wie Du wagst über Deinen Fürsten zu urteilen. Verziehen sei es Dir; doch ein so dreister Mund gehört nicht in die Nähe eines Fürsten. Nicht ich, die Ehrfurcht des Thrones fordert es. Meines Dienstes, der Dir nicht mehr behagt, bist Du von morgen quitt; doch nimm auf den Weg die Warnung: laß Dichs nicht gelüsten, weil Du, verwöhnt, im warmen Neste meiner Gunst groß gezogen bist. Mein Großvater Albrecht war stählern, mein Vater Johannes ein unbiegsam Eisen; ich will das Blei sein, das Euren Flattermut niederdrückt!«

Ein drittes Mal verneigte sich Hans Jürgen: »Ich stand auch dem Hausstand der durchlauchtigen Frau vor. Bin ich daraus auch entlassen?«

»Darüber wird Frau Elisabeth beschließen. Bis dahin bleibst Du ihr Diener, hold, treu und gewärtig, ihr zu allem, wie es Deine Pflicht.«

»Ach, Vater, was bist Du bös,« sagte die kleine Prinzeß Elisabeth, welche durch die Tür in der Vertäfelung eingetreten war. –

»Bin ichs!« und er maß die Stube fast ohne das Kind anzusehen; es mußte doch etwas Besonderes sein, daß sein Liebling zur Schlafenszeit durch den geheimen Gang, der von der Kinderstube nach seinem Zimmer führte, zu ihm schlich.

»Ach, Vater, Du bist auch zornig. Was wird die Jungfrau Maria dazu sagen?«

»Wozu?«

»Daß Du zornig zu Bette gehst; sie wills ja nicht.«

»Sie wills auch nicht, daß ein Knecht seinem Herrn droht.«

»Das tat der andere auch.«

»Welcher andere?«

»Der zur Mutter kam.«

Joachim sah jetzt die Tochter ernsthafter an, er setzte sich und nahm sie in seinen Arm: »Wer kam zur Mutter?«

»Wische erst den roten Streifen von der Stirn fort, ich fürchte mich vor Dir. Das brennt ja.«

»Du zitterst.«

»Sie wollten an mein Bett kommen, der fremde Mann mit der Mutter und mich bekreuzen und besprechen, ich weiß nicht was. Da fürchtete ich mich und lief fort. Sie sollen mich nicht besprechen, Vater, Du mußt es nicht leiden.«

»Du hast geträumt. Deine Mutter liebt Dich.«

»Nein, sie haßt mich, seit ich bei der Prozession war, und darum rief sie den grimmigen Mann. Der sprach noch viel böser als Hans Jürgen zu Dir sprach, und trat mit seinen Sporenstiefeln auf, daß mir bange ward.«

»Ein Kriegsmann, ein fremder, zu dieser Stunde? Sprich deutlicher.«

»Erst war er wie ein Soldat. Als er so bös mit der Mutter ward, hielt ichs nicht aus, ich sprang auf und sah durch das Schlüsselloch.«

»Und was sahst Du?«

»Da war er kein Kriegsmann mehr. Er hatte ein schwarz Habit übergeworfen und ein Barett, wie der Prädikant neulich, den sie aus der Stadt brachten.«

»Lisbeth, es wird Musculus gewesen sein; der Hofprediger trägt auch ein so schwarz Habit.«

»Nein, Vater; Mutter sagte, von dem wolle sie nicht den Wein geschenkt nehmen.«

»Sie trank Wein?«

»Aus einer Flasche goß ers ein, in den Kelch, den der Doktor Luther ihr expreß geschickt; und Mutter kniete und zitterte. Der fremde Mann sagte es ihr, sie aber sagte: sie zittere vor Seligkeit. – Mutter Maria, wie schrecklich siehst Du aus. Dein Gesicht wird ja –«

»Weiter!«

»Es ist nichts Böses, Vater. Oheim Christian und der Ohm von Sachsen schickten Muttern den Wein.«

»In mein Land, in mein Schloß?«

»Und Mutter sagte: das wäre ihre glücklichste Lebensstunde. Aber dann lief ich fort, sie wollte den bösen Mann zu mir bringen.«

»Ist er noch da?«

»Vater, Vater! greif nicht so an den Dolch. Wohin willst Du? Du wirst Muttern erschrecken, geh nicht so zu ihr.«

Joachim hielt einen Augenblick an, seine Finger preßten sich krampfhaft um die Lehne des Stuhls, der einen Augenblick wie eine Feder in der Luft schwebte; der Arm schien nicht die Last des schweren Eichensessels zu merken. Erst als er dröhnend niederfiel, erwachte er aus seiner Betäubung. Er riß an der Klingelschnur, und der Marschall Bredow trat ein; der Herr hatte ihn ja erst auf morgen entlassen: »Die Tore doppelt umstellt,« hastete er ihm ins Ohr, »alle Pforten, Gänge, Treppen. Der Tod, wer einen Fremden durchläßt. Es soll niemand hinaus!«

Die kleine Lisbeth zitterte und weinte, als der bebende Mann sie in seinen Armen hielt, als seine Fragen wie ein Regenguß sie überströmten und er ihre scheuen Antworten doch nur halb hörte. Wäre sie doch nicht zu ihm geflohen; der Mann aus Wittenberg war nicht so schrecklich als heut der Vater! Er stieß die Tür auf und riß sie durch den dunklen Gang. Warum mußte er das einem Kinde zeigen!

»Mein Herr und Heiland, was ist meinem Gemahl!« Die Kurfürstin hielt sich an dem Tisch.

»Was ist meinem Gemahl? – Was ists – Warum schwarz? – Warum? – Warum nicht den Mut, mir ins Aug zu schauen?«

»Ist das nicht ein Haus der Trauer, wo die Gattin kein Recht hat zur Freude?«

»Hinaus die müßigen Gesichter. – Nein! bleibt, Ihr alle. Keiner rühre sich von der Stelle. Wer war hier?«

»Um Christi willen, blickt nicht so.«

»Wer war hier?«

»Niemand, Euer Liebden, vor dessen Anwesenheit ich erröten müßte.«

»Aber zittern! Was schlug die Bredow die Schranktür zu?«

»Durchlauchtigster Herr,« sprach Eva, »wenn es einen Scherz galt, eine Ueberraschung, bedenkt, wir sind nicht allein –«

»Um Heimlichkeiten hinter meinem Rücken zu brauen, nein, ich sehe alles!«

Mit einem raschen Griff hatte er Eva das schwarze Priestergewand aus der Hand gerissen, welches sie hinter ihrem Rücken vergebens sich bemüht hatte, zwischen dem Schrank und einer Lade zu verbergen.

»Das ist nur die Hülle.« – Ein Basiliskenblick traf die Kurfürstin: »Wo ist der Kern der Sünde?«

Elisabeth wankte, sie rang umsonst mit der Sprache.

»Gnädigster Herr,« rief Eva und wollte Joachims Hand fassen. »Hier ist niemand, so wahr und gewiß. Ihr seid im Irrtum. Vorhin war ein weitläufiger Blutsfreund hier, den ich der Gnade meiner Kurfürstin empfehlen wollte; er ist längst fort.«

Er schleuderte ihre Hand weg: »Schlange! – Den Schrank auf, Dolzig – den Schrank auf der Stelle; oder soll mein Fuß ihn eintreten!«

Eva war auf die Kniee gesunken, sie wollte seine Füße umklammern: »Herr und Kurfürst! bedenkt, wo Ihr seid.«

»Dein Kind, Joachim, Deine Tochter ist Zeugin!« rief die Kurfürstin, die sich ermannt hatte.

Er hatte nicht Aug nicht Ohr. Der Schrank sprang auf; ob von der Dröhnung, da er in der Hast nur schlecht verschlossen worden, ob Dolzig ihn geöffnet, ob der Fuß des Kurfürsten dagegen geschmettert, wer weiß es! Verwirrung und Angst waren zu groß. Der Mann, den er suchte, war nicht drinnen, aber beim Schein des Armleuchters blitzte der silberne Kelch, dessen Gestalt an sich selbst zum Verräter ward. Er hielt ihn der Kurfürstin entgegen:

»Trankst Du daraus?«

»Des Erlösers Blut!« entgegnete Elisabeth mit fester Stimm und hatte sich wieder zu ihrer ganzen fürstlichen Haltung erhoben; nur demütig senkte sie das Haupt vor dem heiligen Gefäß auf die über der Brust gekreuzten Hände.

»Es wär Dir besser, Du hättest Gift daraus getrunken, Weib! – Christ! Heiliger Gott! bin ich noch Fürst in meinem Lande, Herr noch in meinem Haus! Wer reichte Dir den verbotenen Trank?«

Der Becher zitterte in der Hand des Fieberkranken, das noch gefüllte Gefäß drohte überzulaufen, oder es träufte wirklich schon; in dem Augenblicke fiel ihm Elisabeth in den Arm: »Es ist sein Blut, Du verschüttest es. Wahre Dich, Joachim, vor der Todsünde, daß Du einen Tropfen mit Füßen trittst.«

Und bevor er sichs versah, hatte die schwache Frau, mit beiden Händen zugreifend, ihm den Kelch entrissen. Sie hielt ihn hoch in die Höh, wie der Priester beim Hochamt: »Ich freue mich und preise den Herrn und lobsinge ihm meine Seele, daß ich endlich in evangelischer Weise das heilige Abendmahl genossen. Gott stärke mich ferner, wie er mich gestärkt hat, daß ich seine reine Lehre bekenne vor allem Volk und nach seinem wahren Evangelium lebe hier und immerdar.«

Eva und der Junker Hans Dolzig hatten sich dem Fürsten genähert. Sie wollten ihm in den Arm fallen, denn seine Blicke, seine Bewegungen ließen das Aeußerste befürchten; seine Rechte hatte nach dem Dolch gefaßt, aber fehlgreifend, preßte sie den Saum des Wamses und schien es nicht zu merken. Es war ein Starrkrampf, der ihn festhielt; die vereinten Kräfte der Anwesenden hätten es nicht vermocht. Elisabeth hatte das köstliche Gefäß auf die Mitte des Tisches gesetzt; dann trat sie ihm entgegen: »An dem versündige Dich nicht, denn es steht über Dir; an mir laß Deinen Zorn aus, wenn Du Mut hast, denn ich bin Dein Weib und unter Dir, und schwörs zu Gott und seinem Sohn, ich will eine reine Bekennerin bleiben, und seis unter Fesseln und Foltern; ich will beten früh und spät für Dich, daß die Nebel des Irrtums und der Sünde von Deiner Stirne sinken und das Licht Dir aufgehe der allein wahren Lehre vor Deiner Todesstunde!«

Sie war, wie eine, die ihr Urteil erwartet, auf die Kniee gesunken, als die kleine Lisbeth sich um ihren Hals schlang: »Mutter, Mutter, geh fort, er bringt Dich um!«

Die Mutter konnte nicht den warmen Druck des Arms, den Kuß nicht erwidern, den die Kleine ängstlich auf ihre Lippen drückte, als der Starrkrampf des Kurfürsten wich. Seine Hände ballten sich und schlugen wie Hämmerwerke unwillkürlich gegen die Brust, während der Schaum auf seinen bebenden Lippen stand: »Schlangenbrut unter meinen Sohlen, Aufruhr in meinem Blute. – Und keiner – keiner hinderte es! – Ein Komplott aller. Bin ich ein Kind, mit dem man spielt, ein Wahnsinniger? – Seh ich recht? Ist das mein Weib, Elisabeth, meine erste Untertanin, und sie zuerst schlägt ihrem Herrn ins Gesicht vor allen, und keiner springt vor! – Was ist denn ein Fürst! Ich, bin noch ich, noch Joachim. Was ist diese Ketzerbrut, das Natterngezücht, besser als der Adel, und seine Köpfe rollten vom Schafott, und ihre Drohungen blieben hohle Windblasen. Die Köpfe sollen wieder rollen, das Blut fließen – keiner ist zu hoch –«

»Um Gottes willen, keine Widerrede, nicht jetzt,« hatte Hans Dolzig der Fürstin zugeflüstert, in deren Augen der Mut funkelte. Eva aber hatte das Kind aufgerissen, und hielt es dem Vater entgegen. »Sag ihm, Lisbeth, daß Du ihr Blut bist, bitte ihn um die Jungfrau Maria, daß er sein Blut schont, die Ehre seines Hauses.«

»Die Jungfrau wird bös werden,« sprach die Kleine ängstlich an des Vaters Halse.

»Die Ihr schändet, verlästert! Ihren Thron im Himmelreich wollt Ihr umstürzen – aber sie lacht Eurer Ohnmacht – ihr Thron wird stehen bleiben – nein, Euer Blut will sie nicht – aber ich; eingesperrt, vertrocknet, ummauert soll der Frevel-Wahnsinn werden, zum erschreckenden Beispiel – sie ist nicht mehr mein Weib – in ein Kloster die Verräterin – Sonne und Mond soll sie nicht bescheinen – in das allerstrengste – o, es ist keins streng genug – singen soll sie nicht mit den frommen Nonnen – ihre Frömmigkeit ist Empörung – sie soll keinen Singvogel hören, der Gottes Lob singt, kein Atem seiner Luft soll sie anwehen, kein grünes Blatt ihr sagen, daß Frühling wird. Seine aberwitzigen Schriften will ich durch das Loch in ihre vermauerte Zelle werfen, daran mag sie sich erquicken. – Ich schwörs, ich habs geschworen, ich schwörs nochmal, einen heiligsten Eid beim Kruzifix des Sohnes – ich, Joachim von Brandenburg –«

»Herr Christus!«

»Seht ihn nicht an. – Allmächtiger! die bösen Geister sind über ihm.«

»Vater! – Vater wird wieder blau.«

»Er schäumt!«

»Einen Arzt! Er wankt –«

Hans Dolzig war hinausgestürzt. Noch einen Augenblick hielt sich der Kurfürst besinnungslos in der Höhe, krampfhaft mit den Lippen und Fingern spielend, dann sank er, starr, leblos, auf den Boden, ehe Eva ihm beispringen konnte. Sie hätte ihn auch nicht halten können. Nur die Augen rollten noch, während er lag, nur die Finger waren so zusammengepreßt, daß zehn Männer sie nicht lösen könnten.

»Er ist nicht tot, gnädigste Frau, beruhigt Euch.«

»Es wäre ein entsetzlicher Tod, den ich auch meinem Todfeinde nicht gönnte,« sagte Elisabeth. »Der Friede Gottes komme über ihn, wenn er erwacht.«

Hinter Hans von Dolzig, der lief, um den Arzt zu wecken, schlichen sich zwei dunkle Gestalten an der Mauer hinweg, die offenbar gehorcht hatten.

»Alles um einen Becher Wein, Zabel Tschoppeck,« flüsterte der Astrolog.

»Das hat,« erwiderte der andere, »der Erzschelm Mahomet gewußt. Darum verbot er seinen Gläubigen den Wein. Als Adams Sohn blieb ich aber bei Vater Noahs Glauben.«

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