Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

Drittes Kapitel

eingestellt: 8.8.2007



In den hochgetürmten Himmelbetten des Gastgemaches streckten der Bischof von Brandenburg und der Abt von Lehnin ihre müden Glieder. Die Nachtlampe am Balken beleuchtete nur spärlich das Zimmer, welches von den beiden Betten so eingenommen ward, daß zwischen ihnen nur ein geringer Raum blieb; doch mochte man bei dem flackernden Schein wohl erkennen, daß auch hier Veränderungen vorgegangen waren. Die waltende Hand der unbeschränkten Hausfrau war sichtbar in der zierlichen Ordnung des Gerätes an den Wänden, in den Teppichen, die über die Tische und Dielen ausgebreitet lagen, und die würzigen Kräuter, welche aus den jetzt verglimmenden Kohlen des großen Ofens dufteten, hatten den dumpfen Geruch ziemlich überwältigt, der in lange leer stehenden Zimmern unangenehm die Sinne berührt.

Von dieser Wohnlichkeit mochten indes die Prälaten so wenig, als von dem ihnen zu Ehren in die Kohlen gestreuten Thymian und Bernstein etwas wahrnehmen, obwohl der Schlaf noch seine erquickenden Fittiche nicht über sie ausbreiten wollte. Wir zweifeln, daß es beim Bischof der Gedanke an die ganz andere Behaglichkeit in seiner warmen Winter-Residenz zu Brandenburg oder in seinem Schlosse Ziesar war, die ihn wach erhielt, auch waren es, wie ihr Gespräch lehrt, diesmal nicht die Wölfe im Walde, welche ihre Nerven noch immer aufregten, daß sie oft ihre Lage wechselten, was das Knistern des Strohes unter den gewaltigen Federbetten verriet.

»Lieber Bruder in Christo, Ihr macht Euch unnötige Sorgen,« sprach der Bischof, indem er für seinen Kopf eine neue Lage suchte, »Das Unangenehme von der Sache liegt hinter uns. Es wird noch etliches Geschwätz, Gezänk und Geschreibe geben und dann ist es vergessen und abgetan.«

»Ich fürchte, Hochwürdigster, der Betteltanz fängt erst an,« entgegnete der Abt.

»Ein Betteltanz kümmert uns beide nicht, da weder Ihr noch ich, Gott sei Dank, Bettelmönche sind. Der ist ein Dominikaner, und dieser ein Augustiner, da steckt der Hase.«

»Vergessen wir nicht, daß in den Bettelmönchen seit Anbeginn ein rebellischer Geist war.«

»Die Ursach ist nicht schwer zu finden, mein Bruder, wer nichts hat, ist immer zum Rebellieren gegen die aufgelegt, welche etwas haben. Ihr Cistercienser sitzt, wo Ihr seid, im Fetten –«

»Daß wir uns durch den sauren Schweiß unserer Arme, mit Schwielen in der Haut, unter Gottes sichtlichem Beistand –«

»Ihr!« unterbrach ihn der Bischof lachend. – »Eitele Sorge, Herr Bruder, was haben die Franziskaner ausgerichtet, als sie in corpore gegen den Papst aufstanden?«

»Das waren theologische Streitigkeiten, in welche die Welt sich wenig oder gar nicht mischte. Hier ist es anders. Der Ablaßhandel geht an den Beutel –«

»Freilich, es geht ein schmähliches Geld aus dem Lande,« sagte Hieronymus, sich hinterm Ohr reibend. »Glaubt Ihr etwa, daß es dem Kurfürsten angenehm ist? Aber was hilfts! Es wär unbrüderlich, seines Bruders Albrecht Einkünfte schmälern wollen.«

»Er ist ja Generalpächter, kriegt die volle Hälfte, und glaubt mir; er braucht das Ganze zu seinem Hofhalt in Mainz.«

»Ja, wäre der Wittenberger Mönch ein wenig pfiffiger, daß er nur gegen die Hälfte, die nach Rom geht, wetterte, so wollten wir uns ja die Ohren gegen die Klagen noch lange zuhalten.«

»Die Sache dringt ins Volk, die Laien bemächtigen sich ihrer, das wird gefährlich –«

»Die Gelehrten zanken sich, weiter nichts. Federkiele gegen Federkiele. Wittenberg gegen Frankfurt, und Frankfurt gegen Wittenberg; die Fehden der Universitäten haben die Welt noch nie in Brand gesteckt. Es muß zuweilen etwas Pulver aufblitzen, damit die Luft rein wird. Ich darfs Euch vertrauen, daß sie in Frankfürt ein solches Feuerwerk präparieren. Der Wimpina sitzt im Laboratorium bis Mitternacht, um die Raketen zu füllen.«

»Ich hörte davon. Tezel wird dort disputieren. Der Kerl hat eine Rabenstimme, gut zum Ausschreier bei einem Aufschlag, aber mit seiner Logik steht es so schlecht als mit seinem Wandel.«

»Laßt Euch das nicht kümmern. Wimpina ist ein Mann, um solchen Aktus einzurichten. Wenn er mit der Faust auf den Katheder paukt und das Maul aufreißt, daß seine Stentorstimme den Saal füllt, ist alles mäuschenstill. Und wenn ers laut haben will, zwinkert er nur, und dreihundert Kehlen donnern jeden Opponenten nieder.«

»Aber was solls? Worauf läufts hinaus? Wenn sie ihm den Doktorhut aufdrücken, wird darum der Wittenberger schweigen? Ist er nicht auch Doktor!«

»Lieber Bruder, man muß dem Volke auch ein Spektakel gönnen. Wenn die Menschen nicht zu rechter Zeit durch Schauspiele unterhalten würden, so ihre Sinne beschäftigten, ihre Parteileidenschaften in Anspruch nähmen, stände es schlimmer um unsere Ruhe. Mens agitat, der Geist der Unruhe ist in den Adamssöhnen. Wer weiß, wohin dieser Geist hinausliefe, wenn man ihm nicht dann und wann eine Atzung zuwürfe, auf die sie wie die hungrigen Wölfe sich stürzen. Wenn der Säfte zu viel sind, müssen die Aerzte nach einer goldenen Ader suchen, die sie abführt, damit der Körper gesund bleibe. So fanden die Päpste ihrer Zeit die Kreuzzüge. Das ist nun vorbei; wir sehen es an den Türkenkriegen. Wie lange muß man trommeln lassen, wie viel Handgeld versprechen, damit nur ein geflicktes Herr zusammenkommt. Die Köpfe sind anderswo hingerichtet, die gedruckten Bücher sind in allen Städten verbreitet; die wir sonst allein lasen, wenigstens auslegten, in die stecken schon die Bürger die Nase, ja sogar Edelleute.«

»Das ist eigentlich sehr schlimm,« fuhr der Abt auf.

»Aber nicht mehr zu ändern. Ein kluger Mann muß auch aus schlimmen Dingen Vorteil zu ziehen wissen. Wer Lust zum Hader hat, laßt den hadern und streiten, am End ists doch nur um des Kaisers Bart. Uns geht es nichts an, am wenigsten darf es uns heute unsere Ruhe stören.«

Aber das Stroh raschelte bald wieder; draußen heulte der Wind und die Ampel am Balken schaukelte sich hin und her, während ein leiser Luftzug die schweren Gehänge bewegte. Als der Bischof sich aufrichtete, um das Tuch, das ihm zur Nachtmütze dienen mußte, fester um die Ohren zu binden, sah er schon den Abt halb aufgerichtet sitzen, den Kopf im Arme.

»Ihr lägt auch lieber in Eurem warmen Kämmenat in Lehnin; und wenn ich denke, um welche Lumperei – wir uns auf diesem Stroh wälzen müssen –«

»Es ist eben das, was Ihr Lumperei nennt, Hochwürdigster, was mir nicht aus dem Sinn will. Erlaubt, daß ich Euch morgen am Tage meine Gedanken darüber mitteile.«

»Kleinigkeiten muß man schnell abtun. Wälzt ab, was Euch auf dem Herzen liegt.«

»Ihr kamt nach mir, verweiltet auch kürzere Zeit in Wittenberg, überdies als Kirchenfürst, dem man mit allen Rücksichten, die Eurer hohen Würde gebührten, entgegenkam. Aber, verzeiht, ich habe mehr gesehen und erfuhr mehr. Es ist nicht das Volk allein, nicht die Bürger, Studenten, Professoren; der Anhang dieses Mönches geht weiter in Sachsen, als wir denken. Doch Ihr wißt es besser als ich, wie er aus der kurfürstlichen Kanzlei Vorschub erhält, wie der Kurfürst selbst ihm die Stange hält. Das dürfte uns freilich in Brandenburg nicht kümmern. Aber Ihr hättet die gedrängt volle Kirche sehen sollen, wenn er predigt, wie aller Augen auf seinen Lippen hangen, wie, wenn er sie öffnet, es wie ein Zauber ist. So hörte ich noch keinen Menschen predigen in deutscher Sprache.«

»Man sagt, er predigt nicht in Niederdeutsch. Wie verstehen sie ihn denn?«

»Das vergißt sich alles. Es ist ein Deutsch, was man noch nicht hörte, eine kräftige, körnige, ja sogar ists eine wohlklingende Sprache.«

»Dann ists ein Hexenmeister, Abt. Wer Deutsch wohl reden kann, tuts nimmer mit rechten Dingen.«

»Er verdreht nicht die Augen, er streckt nicht die Arme aus, wie die Dominikaner, er sucht nicht zu erschüttern durch schreckliche Bilder, noch die Herzen der Frauen durch sanfte Vorstellungen und Klagen zu erweichen. Man möchte sagen, er redet von der Leber weg, er redet von der Kanzel, wie er zu Hause reden würde. Bisweilen erhebt sich wohl seine Stimme, wo er in Zorn gerät, dann rollt es wie ein Donner und man sieht erschrocken hin, wo es wohl einschlagen wird. Aber dann steht er wieder oben, wie ein Kind, das selbst nicht weiß, welche Macht ihm gegeben ist. Er spricht zu den Hörern wie auf der Straße, im Haus, wie ein guter Mann zu Zänkern in der Herberg sprechen würde; zutraulich, freundlich, als bitte er sie um Rat in einer gemeinsamen Sache, wo er ihnen doch Rat gibt. Hochwürdigster Herr, da in dieser Weise widersteht ihm keiner; er könnte mehr sagen, Irrtümer, Torheiten, selbst Ketzereien, sie würden ihm auch folgen, glauben. Ich glaube, wenn der Teufel diesen Mann gewönne, ich meine im Augenblick, wo der Feuerstrom seiner Worte die Gemeine mit sich reißt, der Erbfeind könnte noch einmal auf der Erde siegen.«

»Lebe einer in Wittenberg vierzehn Tage, und höre, sehe das mit an, und bleibe ruhig!«

»Ei, Ihr seid selber fortgerissen.«

»Wie heißt er doch gleich; ich vergesse immer wieder den Namen – Lucer oder Luder?«

»Er nennt sich Luther.«

»Meinethalben auch Luzifer. Was liegt am Namen. Er will berühmt werden. Die Kirchengeschichte weiß von vielen Mönchen, bei denen es rappelte, und ihre Namen sind vergessen trotz ihrer Predigten, und die Weiber lagen doch in Verzückungen vor der Kanzel.«

»Ich bekam keine Verzückungen, im Gegenteil durchschauerte es mich zuweilen, wie ein Frost, wenn ich an die Zukunft dachte. Als Ihr ankamt, beschiedet Ihr ihn zu Euch. Er kam mit demütiger Miene, fast erschrocken über die Ehre, die Ihr ihm erwiest. Er versprach, nachzudenken, innezuhalten, wenn Ihr es ihm beföhlt. Das war nur die Wirkung des augenblicklichen Gefühls der Ehrfurcht vor Eurer Würde und Eurer Person. Aber er kann gar nicht innehalten, sage ich Euch, er ist eine Natur, wo heraus muß, was drinnen lodert; wie ein Feuer nicht innehält, ein Sturm nicht schweigt, wie eine Orgel nicht plötzlich auf einen Druck aufhört, kann er auch nicht aufhören. Als ich zu ihm kam – der Ritter Jagow war mit mir – war er zuerst auch betroffen, da ich mich ihm zu erkennen gab, er hatte es nicht gedacht, daß sein einfältig Reden bis zu uns gedrungen sei, und wirs für etwas mehr hielten, als die Meinung eines schlichten Mönches. Da ließ er sich auf die Schulter klopfen und sank zusammen. Das dauerte jedoch nur geringe Zeit, und als ich ausgeredet hatte, erhob er sich wieder Zoll um Zoll, bis er so groß schien, als der schwarze hohe Ofen in seiner Zelle, an den er sich lehnte. Das sprudelte und floß von seiner Lippe, Dinge, die er nicht verantworten konnte, die nicht von ihm kamen, über Papst, Kirche, Konzilien, Gottes Wort. Das ging wie ein brausender Sturm hin, und ich war ungewiß, ob er selbst alles wüßte, was er sprach.«

»Zitterte er dabei wie Besessene?«

»Nein. Besessene kenne ich. Da erscheint es wie von außen eingeblasen, wassersüchtig, schwammig, die Augen glühen irr. Davon nichts bei ihm. Es schüttelte ihn wohl, aber wie ein körniger, gesunder Mensch, ders in Ueberfülle von Kraft an einem frischen Morgen tut, und die Augen strahlten wie Diamant, daß ich meine senken mußte.«

»Und da sprach er von der Verderbnis der Kirche.«

»Aber wie!«

»Ein altes Lied. Verschont meine Ohren damit. Jedes Kind singt es, aber wies besser zu machen, da sperrt der Gescheiteste wie ein Ochs das Maul auf, wo es handeln gilt. Macht die Menschen anders, so könnt Ihr auch die Einrichtungen anders machen. Zapft Adams Blut ab, gießt Fischblut, Vögelblut, Engelblut in unsere Adern, dann versuchts! Bis dahin sind alle Verbesserer von Welt und Kirche Narren. Meinethalben nennts ein zerbrechlich, baufällig Haus, aber es steht anderthalbtausend Jahre, Ihr werdet kein anderes bauen. Also schichtet Euch ein, s ist warm drin, sucht die besten Winkel; vor Regen und Sturm schützt es schon noch, wer sich zu ducken weiß.«

»Ich bin kein Reformator,« sagte der Abt verwundert, über die Heftigkeit.

»Ihr nicht, aber es gibt noch ganz andere als den läppischen Mönch.«

»Und das ists, was ich fürchte,« hub der Abt an, mit einer so festen, ernsten Stimme, als die des Bischofs eben heftig und sprudelnd war. »Das Klagelied hat die Welt durchdrungen, es summt aus allen Winkeln wieder. Alle Ketzergerichte haben es nicht totgemacht, im Gegenteil, sie haben ihm nur immer neuen Stoff gegeben. Die Kirche freilich auch, vor allem das ärgerliche Leben der Welschen, die vielen Doppelpäpste haben vorm Volke die Autorität der Kirche angegriffen –«

»Lieber Freund und Bruder, lest mir kein Kollegium, ich muß es täglich hören, wenn ich in Berlin bin.«

»Aber die deutsche Nation muß es hören von den Kathedern herab, aus den Buchdruckereien, die Gelehrten sind es ja, die das Volk aufwiegeln. In Basel, Straßburg, Rotterdam, wo wird nicht gedruckt, daß die Geistlichen ein abscheuliches Leben führen, daß die Klöster Konvente der Faulheit, des Ungehorsams und der Unzucht sind, daß die Prälaten im Fette schwimmen, wo werden nicht unsere Bäuche verschrieen. In Gesetzbüchern liest mans sogar, wir wären unkeusch, gefräßig, habsüchtig und was weiß ich. Alle die Gelehrten, die in hohem Ansehen stehen, die Reuchlin, Erasmus, spitzen ihre Federn gegen uns.«

»Lateinisch! Das Latein ist eine herrliche Sprache, schon darum, weil das Volk sie nicht versteht.«

»Aber Luther spricht deutsch, er spricht deutsch, er wird auch deutsch drucken lassen, wie ich hörte. Erwägt das, Hochwürdiger; in die großen Haufen des Volkes geht das Gift nun über, das in den einzelnen Schalen und Gefäßen uns keinen Schaden tat. Es spritzt in alle Adern.«

»Es ist längst da.«

»Wie Asche, unter der der Funke glimmt, wie Zunder, der sich danach sehnt, wie eine Mine, die der Feuerwerker gelegt, um eine Festung in die Luft zu sprengen. Nur eines Funkens bedarf es, sie zu entzünden. Dieser Wittenberger, dieser Mönch aus dem Volke, ich fürchte, er wird der Funke sein. Man sagt, er geht damit um, die Vulgata ins Deutsche zu übersetzen; mag er übersetzen, was er Lust hat, aber er übersetzt in lebendige Rede die Stimmungen und das Mißvergnügen der Vornehmen, die uns abhold sind. Den gelehrten Spott, so lange er gelehrt bleibt, konnten wir ertragen, werden wir es, wenn er zum Gassenhauer wird und die Bänkelsänger ihn ableiern?«

Das Gesicht des Bischofs, auf dem sich im Verlauf des Gespräches etwas Ernst gelagert, ward plötzlich wieder heiterer.

«Ich gestehe Euch, daß auch mich unterweilen solche häßliche Träume beunruhigen; aber der Grund liegt ganz anderswo. Hier belauscht uns niemand, lieber Freund. – Laßt die Augustiner und Franziskaner, und die Gelehrten von allen Universitäten sich rühren, was sollte es uns rühren, wir bleiben im Posseß; aber die bekannte Lust, die unser gnädigster Kurfürst schon von seinen jungen Jahren an hat in Theologices zu stänkern, die ist es, welche mich manches Mal besorgt macht; wenn er mich am Knopf faßt, und über dieses Dogma und jene Institution disputiert. Noch neulich beim Hofball zog er mich in die Fensterblendung, und eine Stunde lang hielt er mir ein Kollegium über die Erbsünde, und warum die Doktrin der Pelagianer ketzerisch sei. Gott weiß, wo ers her hat, obs im Blut liegt, oder wers ihm angetan, aber wenns nach ihm ginge, sind wir alle ihm nicht orthodox und konform genug. O, er hat Entwürfe im Kopf von Klosterzucht und Kirchenregiment und neuen und alten Spitalrittern und Spitalweibern, und möchte die Bischöfe zurechtsetzen und die Päpste dazu, und Konzilien berufen, wo der wahre Glaube bis aufs kleinste aufgeschrieben und festgesetzt würde. Und Konkordate möchte er schließen und Bistümer bei den Heiden anlegen, und Gott weiß was alles.«

»Es bleiben aber doch immer Entwürfe.«

»Das ist das einzige Gute dran.«

»Er liebt den geistlichen Stand; man hätte nicht zu besorgen, daß er in unsere Rechte griff, noch unsere Einkünfte schmälerte.«

»Das weiß kein Mensch. Wenn er heute liebt und ans Herz drückt, wer weiß, ob es morgen noch so ist! – denkt doch nur an den Adel. Hat er ihn nicht zugeritten wie ein wildes Pferd, mit seinen Schenkeln gepreßt, daß er Zeter und Wehe schrie, mit seinen Sporen zerrissen, daß das Blut noch auf den Landstraßen klebt; und im Grunde des Herzens, ich sage es Euch, liebt er ihn. Werde daraus ein anderer klug. Wer um ihn ist und seinen Gedankensprüngen folgen muß, glaubt es mir, der hat seine Not. Heute in Gunst und morgen abgetan, und dann wieder in Gunst. Eine wahre Gunst für uns noch, daß, als mans kaum mehr erwartete, andere Grillen und Leidenschaften ihn gepackt haben. Er ist ein wilder Jäger geworden und –«

Der Abt und der Bischof begegneten sich mit einem vielsagenden Blicke.

»Die Kirche wird in diesem Punkte milder sein als die durchlauchtigste Kurfürstin,« lächelte der Abt.

»Ihren vollen Segen darüber! Denn dem verdanken wir es vielleicht, daß er die Reformation so lange vergaß.«

»Und nun! – Wird der Mönch ihn nicht wecken?«

Ein Blick fast wie Schadenfreude oder wie ihn der Stolz auf ein höheres Wissen dem Weltmann entlockt, traf den Lehniner.

»Wie wenig kennt Ihr ihn! Joachim hört nur auf sich selbst, er glaubt nur an sich. Gerade dadurch, daß der Mönch in Wittenberg etwas auszusprechen wagt, was er allein zu verstehen, was er allein glaubt wagen zu dürfen, sind wir gerettet. Und wenn, was Joachim mit der Kirche vorhatte, auf einen Punkt mit dem zusammenträfe, was der Augustiner im Kopf hat, wird der Kurfürst von Brandenburg das nachtun wollen, was der vor ihm tat? Wird er es ihm nur vergeben, daß dieser arme tölpische Bauernsohn sich durch sein Tun untersteht ihn zu erinnern, daß er, der große kluge Fürst, nur geträumt und nichts getan hat? Der Vorwurf wird, sag ich Euch, an ihm nagen wie ein Wurm, gestehen wird ers niemand, aber im Innern –«

»Er könnt es ihm aber nur zuvor tun wollen.«

»Kurfürst Joachim mit einem Barfüßer um die Wette rennen! Mein Lieber, er ist so stolz auf seine fürstlichen Ahnen als auf seine eigene Weisheit. Er duldet keine Gleichen um sich. Nun gerade – ich meine, wenn Euer Lucer auf den Wegen fortgeht, wie Ihr glaubt – nun wird er keinen stärkeren Widerpart finden, als unseren Markgrafen. Unterstützt ihn der Sachse, desto besser. Rüttelt er an unseren Domstiftern, unseren Bischofshüten, desto fester wird Joachim sie halten. Je weiter der vorwärts will, so mehr Rosse spannen wir hinten an. Dann laß sehen, wer stärker ist.«

»Ihr beruhigt mich.«

»Ruhen, lieber Bruder, heute ja; aber morgen nicht mehr. Ihr habt mich etwas beunruhigt, daß ichs Euch gestehe. Auch auf mich hatte der Mönch gleich anfangs einen seltsamen Eindruck gemacht, aber ich gebe nichts auf augenblickliche Eindrücke; ich hatte es fast vergessen, als Eure Observationes sie wieder erweckten. Saht Ihr ihn essen?«

»Ich zog ihn einst an meine Tafel.«

»Er rührte die Speise aber wohl nur an?«

»O nein, er aß wie ein hungriger Mann mit gutem Magen.«

»So schlang er die Bissen hinunter, ohne zu kosten?«

»Die gute Kost schien ihm zu behagen. Auch trank er –«

»Hastig? Er stürzte hinunter, was man ihm einschenkte, und dann sprudelte es von seinen Lippen.«

»Er schlürfte den guten Wein mit Wohlbehagen und sagte, es wäre eine gute Gabe Gottes.«

»Der Mann kann gefährlich werden. Er ist kein Schwärmer. Es wäre am gescheitesten, ihm eine fette Pfründe in den Mund zu stopfen.«

»Wenn er sich nun den Mund nicht stopfen ließe!«

»Er will ja kein Heiliger werden. Er ißt und trinkt. – Widerruf, Abt – eine Pfründe, oder – ein Scheiterhaufen. Kennt Ihr einen vierten Fall? Meine Logik weiß nur diese drei.«

Der Abt, der eine Weile still geschwiegen, lächelte plötzlich heiter auf, wie jemand, den ein Gedanke, welcher Licht ins Dunkel bringt, angenehm überrascht.

»Der Herr von Bredow, Hochwürdigster! wir vergessen ihn.«

Es mußte ein guter Gedanke sein. Der Bischof stieß ein kurzes, lautes, aber herzliches Gelächter aus, wie etwa jemand, den im Schlaf ein Gespenst erschreckt hat, und nun entdeckt es sich, daß es ein Tuch an der Leine, eine Nachtmütze auf einer Stange war, oder eine polternde Katze.

»Frater Henricus!« rief er. »Der mag ihn belehren.«

»An der Absicht wird es ihm mindestens nicht fehlen,« entgegnete der Abt. »Bis jetzt bedauerte er ihn nur; denn ich ließ mir sein Wort geben, daß er nicht losplatze, bis wir fort wären.«

»Benissime!« sagte der Bischof. »Es hätte viel Gelärm verursacht. Das ist auch ein Reformator, den der Satan ausgeschickt hat. Meine Domherren erklärten, sie liefen fort, wenn er mal einen Stuhl bekäme.«

»Darum schicktet Ihr ihn zur Pönitenz zu uns. Meine Konventualen sind den Herren in Brandenburg dafür sehr verpflichtet. Seine Bußpredigten jagen uns die Hühner vom Hofe. Neulich drang er in den Keller, als Unsere ein kleines stilles Konvivium darin feierten; auf die Treppe hatte er sich postiert, daß keiner hinaus konnte. Der Pater Kellermeister erzählte mir Wunderdinge von der Litanei. Ihren Gesang hat er überschrieen, und das will was sagen, wenn meine beim Weine sind.«

»Das muß Euch doch oben stören in Eurem Stüblein beim Meditieren, Herr Bruder.«

»Man muß auch zuweilen die Ohren zuhalten –«

»Und die Augen zudrücken,« setzte der Bischof hinzu. »Wenn doch die Leute diese goldene Regel ad notam nähmen, es stünde besser um die Welt.«

»Und der Pater beschwörts, sie wären nachher blaß und bleich geworden, so hat er gesprochen.«

»Probatum sit! Herr Bruder, und wenn er den Mönch in Wittenberg zum Säulenheiligen macht, da oben wird er uns nichts schaden. Ich wollte selbst an den heiligen Vater schreiben, daß er ihn kanonisiert. St. Luther auf einer Säule, da mag er in den Wind predigen, und wir unten hörens nicht – ein guter Gedanke – gute Nacht, Herr Bruder!«

Ob sie eine gute Nacht gehabt? – Ihre Köpfe sanken mit gar verschiedenen Gedanken in die weichen Kissen. Der Abt dachte lächelnd: «Wie er sich überhebt! Schimpft ihn einen Bauer, und vergißt, daß er selbst eines Bauern Sohn ist. Wie hoch sie durch Zufall steigen, die Art kann sich doch nimmer verleugnen.« – Herr Hieronymus von Brandenburg verzog die Lippen, und ein verächtlich Lächeln schwebte darüber, als seine Augen zum Bettgenossen hinüberschielten: »Platte Geister, platte Furcht! Weil er nie über seine Sippschafts- und Klosterkreise hinauskam, dünkt ihm alles ungeheuerlich, was nicht alltäglich ist. Wer die Welt und Menschen kennt, weiß jedem seinen Platz anzuweisen.« Dann hörte man ein tiefes Schnarchen hüben und drüben, ob der Bauersohn oder der Edelmann – das war der Abt – stärker schnarchte, weiß ich nicht; sie schnarchten beide wie gute Leute und reiche Pfründner. Aber es blieb nicht ruhig in der Gaststube, ein leises Wehen ging durch dieselbe, daß man wohl glauben konnte, die Kobolde trieben ihr Spiel. Denn, will mans auch erklären, was sie natürlich nennen, warum die Ampel in einem weg an ihrer Kette knarrte und schaukelte, und warum die Bettvorhänge sich immer hoben und senkten, und dreimal ein Nachtvogel an die Fenster schlug, und im Schlot es pustete und stöhnte; wie kams, daß unterweilen die schweren eichenen Bettstellen knarrten, als stemme sich ein Gefolterter an die Pfosten; wie kams, daß der Abt jetzt mit dem Kopf unter das Deckbett rutschte und wie ein Knäuel sich krümmte, daß er mit den Zähnen klappte und der helle kalte Angstschweiß auf der Stirn ihm perlte? Woher kamen die Schmerzenslaute aus dem anderen Bette, jetzt wie ein Geheul, jetzt wie ein heiserer stöhnender Hilfsruf? Wer lag denn auf Herrn Hieronymus, oder wer lauerte hinter den Vorhängen, daß er krampfhaft an die Seitenwände mit beiden Händen preßte, und aus tiefer Brust kamen schneidende Töne, wie der Wind, der durch Ritzen einen Durchweg sucht? Und was faltete jetzt der Abt die Hände auf der Brust und preßte sie enger und enger und stöhnte: »Um aller Barmherzigkeit willen, Gnade meiner Seele!« Und welcher Dämon fuhr ihn an, als er jetzt, die Decke fortschleudernd, mit einem entsetzlichen Schrei aus dem Bette kugelte. Er floh vor seinem Ankläger, dem furchtbaren Mönch mit der Donnerstimme. Aber drüben schrie es noch entsetzlicher; der vom Alp Gefesselte hatte sich losgerissen, er entfloh den Wölfen mit den Feueraugen, um einem noch entsetzlichern in den Rachen zu rennen. Da hatten sie sich gefaßt und hielten sich an den Schultern, und schüttelten sich und zitterten beide und ihre Stimme versagte. Und welcher Kobold lachte nun höhnisch in der Ampel, die auf ihre totenbleichen Gesichter ungewissen Schein warf, wie sie mit stierem Auge und aufgerissenen Lippen sich anstarrten, und aus einem Munde: »Gnade, Barmherzigkeit!« riefen? Und woher schallte die Stimme, die beiden ins Herz schmetterte: »Deren bedürft Ihr Sünder!« Und wie die Lampe sich drehte und ein anderer Schein auf sie fiel, wer löste die Kraft, die wie bleierne Krallen auf jedes Schultern lag, bis die Hände herabsanken, und jeder den andern ungewiß anzwinkerte, und das Licht der Erkenntnis durch den Schlaf ihrer Seelen dämmerte? Ein mattes: »Ach, Ihr seid es!« entrang sich der gepreßten Kehle, und doch schaute jeder noch ängstlich hinter sich, der, ob die feurigen Tiere, der, ob der donnernde Mönch verschwunden sei? Der Morgenhahn krähte draußen, die Gespenster verschwanden; im Äugenblick drauf zitterten beide unter den Federn. Aber noch lange hörte man in dem stillen Gemach ein Lispeln der Lippen, nur zuweilen von den zusammenschlagenden Zähnen unterbrochen. Die Lippen murmelten: Misere Domine und Ave Maria! bis auch diese Töne wieder in ein dumpfes Schnarchen übergingen.

Am Morgen begrüßten sich die Prälaten nur stumm, es schien, als mieden sich ihre Blicke; keiner erwähnte der Gespenster der Nacht. –

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