Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin

eingestellt: 8.8.2007



Die Nachtlampe brannte noch, aber nur düster, im Zimmer der Kurfürstin, und das erste Grauen eines regnerischen Tages machte sich schon hinter den Vorhängen der Fenster bemerkbar. – In den sonst so sauber gehaltenen Räumen schien helle Unordnung; Läden und Kisten waren ausgezogen, Päcke und Kober standen umher und die Fürstin saß wie erschöpft, und doch voll Spannung und Unruhe im Lehnstuhl. Wer hätte die hohe Frau in der Tracht einer wendischen Bäuerin aus Storkow wiedererkannt! Sie schlang ein mehrere Ellen langes Tuch um ihre Haare, und hatte es eben fertig geknüpft, als die Tür sich leise öffnete, und Eva Bredow, die hereinschlich, unter dem aufschlagenden Mantel eine ähnliche Verkleidung sehen ließ. Die beiden Frauen schienen sich mehr durch Zeichen als durch Worte zu verständigen.

»Im selben Zustand, Eva?«

»Nur ruhiger nach dem Aderlaß. Ich sprach im Vorbeigehen den alten Schlieben. Der sieht wie ein Gespenst aus. Er drückte meine Hand an seine Brust; es muß sein, es geht nicht anders. Ihr hättet alles zu befürchten, wenn Ihr bliebt, sprach sein Blick. So sprachen sie alle, mit ihren Augen nämlich –«

»Wo so viele darum wissen –«

»Ist doch keine Gefahr. Auch wer uns erkennte, hielte uns nicht an, so lange der Fürst nicht den ausdrücklichen Befehl erteilt.« –

Elisabeth drückte ihre Hände ans Gesicht: »Wenn ich nun doch eine Sünde beginge! Sein angetrautes Weib –«

»Das er öffentlich verstoßen hat.«

»Wäre Luthers Abgesandter nur noch hier!«

»Von Torgau aus werdet Ihr ihn selbst leicht sprechen können.«

»Ihn selbst!« Wieder zuckte eine Seligkeit über ihr blasses Gesicht. Dann ließ sie es zu, daß Eva ihren Kopfputz änderte; die beiden großen Schleifenzipfel der roten Binde bedeckten Stirn und Augen nun dermaßen, daß auch ein Höfling schwer die Fürstin auf den ersten Blick erkannt hätte.

»Wann kommt der Wagen?«

»Wenn es hell wird in den Straßen und die ersten Marktleute das Tor passieren.«

»Und wenn er doch darüber erwachte!«

»Die Aerzte sagen, daß sein Starrkrampf wenigstens vierundzwanzig Stunden anhält. Auch wenn er beim Erwachen sich sogleich entsänne, was vorangegangen, hätten wir doch einen Vorsprung um viele Stunden.«

»Warum denn bis die Marktwagen kommen? O ich habe eine entsetzliche Angst, ach nicht vor seiner Drohung – aber so – so noch einmal ihn wieder zu sehen!«

»Früher werden die Tore nicht geöffnet. Und –«

»Ich weiß es ja – Dein Mann!«

Eva packte an den Kisten. Ab und zu schlich Hans Dolzig herein, und half hinaus- und hereintragen; auch er in Bauerntracht. Die Kurfürstin reichte ihm gerührt die Hand und drückte seine in stummem Dank.«

»Wie ists mit Deinem Mann, Eva? Begleitet er uns, oder bleibt er zurück?«

»Das hängt von Euer Gnaden Befehl ab.«

»Erst so starr und nun so fügsam!«

Mit einer leichten Röte entgegnete die junge Frau: »Es ist nun seine Art. Vom Augenblick an, wo er sich aus des Kurfürsten Dienste entlassen glaubt, gehört er meiner gnädigen Frau mit Leib und Seele; um so mehr, als der Markgraf ihn ausdrücklich angewiesen, Euch in Treue zu dienen. Aber so lange er noch glaubt, des Herrn Dienstmann zu sein, und das ist bis der Tag anbricht, darf hier auch kein Stück, ihm zu Schaden, hinausgetragen werden. Ich glaube, er wiese meine gnädige Frau selbst zurück. Er ist nun schon so.«

»Wenn er wahrhaft treu diente, so müßt er unsere Flucht ja hindern,« sagte Frau Elisabeth nachdenklich. – »Ich tadle ihn nicht, Eva, wir sind alle irrend, wir müssen alle erst lernen im Geist und in der Wahrheit unserm Herrn zu dienen.«

»Dies Stück auch, gnädige Frau? – Ihr wollt nichts von Prachtstücken mitnehmen.«

Ein schweres karmoisines Sammetkleid entrollte sich aus dem Pack, welches Eva unter den Sachen aufgenommen, die zum Mitnehmen von der Fürstin zurechtgelegt waren. Elisabeth betrachtete es mit Rührung: »Ich mag mich nicht von ihm trennen, es war der Zeuge meines jungen Glückes. Mein Hochzeitskleid, Eva. Der ehrbare Rat zu Stendal verehrte mir das Zeug zum Ehrenkleide; ein Meisterstück der Gewerke, und von weit und breit strömten sie auf das Rathaus, es zu beschauen! Gedichte wurden darauf gefertigt, und was priesen sie die Frau glücklich, die es tragen werde; rot die Farbe und so fest der Stoff, so rosenrot, werde ihr Leben und so dauernd ihr Glück sein. So soll es mir ins Elend folgen, mich daran zu erinnern, daß kein Glück auf Erden Bestand hat.«

Es ward heller hinter den Vorhängen. Hans Dolzig trat herein und verneigte sich vor der Fürstin. Hinter der schwarzen Brüderkirche stand der Wagen bereit. »Meine Fürstin hat nur wenige Schritte bis dahin. – Aber es ist ein schlackig häßlich Wetter,« flüsterte er zu Eva.

Die Kurfürstin hatte es gehört, als sie mit einem schweren Seufzer aufstand: »O wenn es vom Himmel gösse, wenn ich durch Hagelstürme müßte, die mein Gesicht zerschnitten, was ist es gegen die Herzenspein – gegen diese Minute –«

Ehrfurchtsvoll traten die andern zurück, die Fürstin ging in das Schlafzimmer ihrer Kinder. Man hörte ihr unterdrücktes Schluchzen. Immer wieder schien sie zurückzukehren, noch einen Scheidekuß auf ihre Lippen zu drücken; endlich trat sie heraus, ihre Kniee wankten. Und noch einmal machte sie Miene umzukehren, als Hans Dolzig Eva einen ungeduldigen Wink gab.

»Jede Zögerung kann uns Verderben bringen, gnädigste Frau.«

Sie stützte sich auf Evas Schulter: »Es ist entsetzlich, entsetzlich, Bredow, von einer Mutter. Gott verzeih mir die Sünde. Ich küßte Lisbeth, und wie ein eiskalter Nadelstich fuhr es mir durchs Herz.«

Sie war schon an der Schwelle, von beiden geführt: »Laßt mich, nur noch ein einziges Mal; ich muß es dem Kinde abbitten.«

»Gnädigste Frau, es wird schon laut auf der Straße.«

Durch die Tür rief Hans Jürgens Stimme: »Keinen Augenblick Verzug! Er erwacht!«

»Ich sehe sie nicht wieder!« rief die gepreßte Stimme der Mutterangst, als sie von Dolzig und Eva fortgezogen ward.

Es war ein trüber Tag über Berlin, es war ein trüber Tag über dem Land. Man sah die Turmspitzen nicht vor den Wolken, die bis auf die hohen Dächer zu lagern schienen. Aus den Drachenköpfen der Gossen schoß es nicht nieder, aber von den Dächern träufte es; die Luft schien einen kalten Schweiß auszuschwitzen, und wenn der Wind aus Mitternacht kam, flog es weiß um die Giebel, und die Marktleute deckten Tücher über ihre Waren und Wagen. Da ging ein seltsam Gerücht unter ihnen um, schon früh am Morgen von Brand und Krieg und Krieg und Plünderung, und sie nannten die Namen Fürstenwalde und Bischof Georg von Lebus. Brauchte es denn noch neuer Angst, von außen gebracht, war nicht seit Mitternacht ein schrecklich Gerücht im Umlauf, und mit jeder Morgenstunde ward es schreckhafter. Der letzte Trank des Medicus hatte dem Kurfürsten die Lebensgeister zurückgerufen. Man weiß nicht, wer mehr erschrak, die vom Hofe, wenn sie ihn ansahen, mit dem totenblassen Gesicht, oder Joachim über sie. So senkten sie die Gesichter, so wichen sie ihm aus. Wer wagte es, wer wollte ihm sagen, was jeder wußte, und noch hatte es keiner ausgesprochen. Er irrte durch die stillen Gänge, durch die Zimmer, wie einer, der nach Luft sucht. Er wollte nicht fragen. Er hatte einen wüsten Traum gehabt, er rieb die Stirn, daß der Traum verginge. Zweimal war er schon an der Kurfürstin Zimmer vorübergewankt, die Tür stand etwas auf, der Zugwind ward stärker und riß die Tür halb auf, Joachim – war eingetreten.

Nun wußte er alles. Und doch nicht alles. Er stürzte in das Schlafgemach der Kinder, und die ihm lautlos gefolgt waren, blieben lautlos, bang im Zimmer stehen. Einige falteten die Hände. Aber Joachim trat fast lächelnd heraus. Er sank auf einen Stuhl: »Es ist nicht die Gräfin von Orlamünde! Sie hat mir doch meine Kinder gelassen. –«

Die Hofleute atmeten auf. Auch er atmete tief, aber während er vor sich ins Leere sah, zogen wieder die Runzeln über seine Stirn, die Brauen senkten sich, seine Blicke bohrten in den Boden. Aus dem Atem stieg ein Beben, ein heiseres Husten. Der Arzt wagte ihm vorzustellen, daß er der Ruhe noch bedürfe, von dem schweren Unfall sich zu erheben. Joachim nickte: »Es ist der Wolf der Unruh. – Wer sättigt das unersättliche Tier.«

Sie schöpften Luft, sie reichten sich die Hände, als er fortgegangen, ohne den Befehl erteilt zu haben, den Flüchtlingen nachzusetzen. »Was wäre daraus geworden!« – »Es läßt sich kaum denken,« sagte ein zweiter. – »Sie ist ihm gleichgültig; er freut sich wohl, daß er ihr Gesicht mit den ewigen Vorwürfen nicht mehr sieht,« ein dritter.

Sie jubelten zu früh. In seiner Kammer unter den Himmelskugeln und Ferngläsern saß der kurfürstliche Astrolog so vertieft in einer Anschauung oder Berechnung, daß er den Eintritt des Fürsten nicht hörte, und Joachim stand doch schon neben ihm und legte die Hand auf seine Schulter. Da erschrak er, aber nicht über die hohe Gegenwart; sein Auge war fortwährend auf die Gebilde gerichtet! »Seltsam! Wer erklärt das?«

»Was siehst Du, Carrion?«

»Eine Konstellation, die alles Vorige verrückt.«

»Vergangenes oder Künftiges?«

»Künftige Ruinen.«

»Sind der Ruinen hinter uns nicht genug! Hörtest Du von den Ereignissen dieser Nacht?«

»Verzeihung, Herr, ich war so vertieft, daß ich Speise und Trank vergaß. Ich schlief und wachte nicht. In meinen Augen brennt nur das unerklärliche Bild – und es ist keine Täuschung – das ist immer wieder Lehnin, das Chorin, das Neu-Zelle; o welche lange Reihe Klöster, Stifte in Trümmern, Kruzifixe umgestoßen, Heiligenbilder zertrümmert – und – das ist das Wunderbarste –«

»Was?«

»Ein Weib – ein hohes Weib – ihre Hand zerstört die Marienbilder, sie fährt wie die fabelhafte Göttin Viktoria in einem Siegeswagen über diese Leichenstätte.«

»Ein Weib, Carrion? – Was wunderts Dich – das ist das Mysterium in des Weibes Natur: das Heil gebären und die Schlangen säugen. Süßigkeit und Huld und in der Stille braut sie Gift. – Was ist Dir, Carrion?«

»Nichts, Herr. – Ich fastete seit gestern mittag.«

»Wie sieht das Weib aus?«

Der Astrolog starrte blaß vor sich hin und machte rasch eine Bewegung. Er öffnete die Lippen, aber sichtlich überkam ihn eine Ohnmacht. Er sank, an der Stuhllehne sich haltend, zu Boden.

»Das ist Wahrheit,« sprach Joachim. Bald darauf sprengten gewappnete Reiter zum Tore hinaus. Und es war keine halbe Stunde vergangen, als der Bürgermeister Reiche aus dem Fenster seines Ecktürmchens, das in die Spree- und die Brüdergasse zugleich schaute, die Hände überm Kopf zurücktrat und rief: »Gnade uns Gott, nun reiten Seine kurfürstliche Gnaden selbst ihr nach. Lieben Kinder, laßt uns zum ersten Mal in unserm Leben beten, daß der Herr auf unrechte Wege gerät, denn wenn er auf den rechten trifft, ist das Elend und die Not für unser arm Land nicht abzusehen.« So wichtig war dies Beten dem Bürgermeister, daß er nicht einmal den Ratsboten abfertigte, der doch diesmal eine sehr wichtige Botschaft gebracht, sondern mit Weib und Kindern kniete er nieder und verrichtete sein Gebet, als hange ein Schwert mit Gottes Zorn über seinem Haupte.

Wind, Regen und Schnee peitschten um einen Leiterwagen, der mit vier quergespannten Pferden über Wege und Felder in der Richtung gen Abend fuhr, aber selten die Dörfer berührte. Zwei Bäuerinnen saßen, verhüllt in ihre Tücher und Mäntel, auf einem Strohbund, während neben dem Fuhrknecht ein anderer Bauer ihn zur Hast antrieb und seine Blicke aufmerksam überallhin schweifen ließ.

»Wenn nur der Regen nachließe,« sagte die jüngere wie tröstend zu der älteren. »Vielleicht sind wir dort im Walde geschützt.«

»Wünscht nicht, daß es schneit, der Schnee würde uns verraten,« sagte der Mann neben dem Kutscher, der der Junker von Dolzig war.

»Werden wir denn verfolgt!« sprach die Kurfürstin. Sie konnte sich nicht umschauen; der Regen, der durch Tücher und Mäntel in ihre Halsberge drang, hatte ihren Nacken steif gemacht. Eva blickte oft zurück und schielte dann auf den Junker, was dessen Miene sage. Er sah scharf um sich.

»Es ist nicht richtig.«

»Seht Ihr sie, Dolzig?«

»Ich sah ihrer viele schon. Es ist etwas los. Aber sie sahen uns und ließen uns doch ungestört weiter. Muß noch was anderes sein.«

»O weiter, weiter!«

Der Bauer murrte und peitschte doch seine todmüden Pferde, mehr dem Anschein nach von der drohenden Bewegung der rechten Hand des Junkers erschreckt, als von der lockenden in seiner linken angeregt. In dieser hing ein lederner Geldbeutel, jene drückte einen Dolch.

Der Wagen rollte durch einen tiefen Hohlweg, die Bäume schüttelten ihre dicken Tropfen auf die schon Durchnäßten; über den Wurzeln krachte und flog das Fahrzeug. Die Erschütterung gab den halb Erfrierenden wieder Lebenskräfte; aber die Kräfte der Tiere schienen erschöpft, als sie den Wagen endlich zur freien Höhe hinaufgezogen. Und der Weg ging noch immer höher, und die Luft blies jetzt kalt, und ein heller Schnee wirbelte aus den niedrigen Wolken. Mit Besorgnis sah Eva, wie die Spur der Wagenräder immer deutlicher ward. Hans Dolzig antwortete nicht auf ihre Fragen, er sah nur rückwärts.

»Eva, Eva!« rief die Kurfürstin. »Was ists? Siehst Du sie?«

Der Wald, den sie passiert, lag wie ein dunkler Grund hinter ihnen zu Füßen; auch das Hochfeld jenseits hatte ein weißes Kleid angezogen, und Eva konnte dunkle Gestalten zu Roß sich darauf bewegen sehen. Hans Dolzig aber hatte, statt zu antworten, die Zügel dem Bauer fortgenommen, die Peitsche riß er auch aus seiner Hand, und im Sitz sich erhebend, ließ er Schläge auf die Pferde hageln.

»Jesus, mein Heiland, was ist das!«

Der Wagen dröhnte, der neue Fuhrmann war im Eifer an ein verschneites, steinernes Heiligenbild gefahren, daß das Rad krachte und ein scharfer Ruck sie in die Höhe hob. Der Wagen stürzte nicht, aber das Leitseil war von der Erschütterung gerissen. Hans Dolzig war mit einem Fluch und einem Satz vom Wagen: »Einen Strick, einen Strick!« Das Leitseil ließ sich nicht mehr zusammennesteln. Der Bauer hatte keinen zweiten Strick. Vergebens stampfte, drohte, knirschte der Junker, vergebens suchte er im Stroh umher; da riß sich die Kurfürstin ihr Bund vom Kopfe und reichte es ihm: »Es wird lang genug sein, es wird ausreichen. Schnell, Dolzig, um Gottes willen rette mich.«

Während der Junker das neue Leitseil festknotete, blickte Frau Elisabeth fast erschreckt auf das steinerne Bild, an das der Wagen geprallt. »Sieh, Eva, die Jungfrau Maria zürnt.«

»Nein, gnädigste Frau, seht wie sie Euch ihren Sohn entgegenhält. Ihr sollt an dem festhalten, und er lächelt Euch zu.«

Noch schwang sich Hans Dolzig nicht wieder in den Sitz, er stieg auf den Wagen, er fühlte die Kisten an. Die schwerste warf er über Bord: »Es muß so sein, gnädige Frau!« – Sie seufzte; ihr karmoisinsammet Hochzeitkleid rollte als Ballast in den Schnee. »Das letzte Zeichen unseres Freudentages!« dachte sie; »der Zigeuner wird es aufgreifen, der Puppenspieler wird es kaufen, es wird von Land zu Lande wandern. Es wird endlich als Lumpen an der Hecke flattern. Was ist das Los und Ziel der Pracht und Herrlichkeit auf Erden!«

Als Hans Dolzig auf den Sitz sprang, warf er noch etwas über Bord. Der Bauer, dem doch der Wagen gehörte, flog unsanft in den Schnee: »Not kennt kein Gebot,« dachte er, und: »Du bist uns nichts mehr nutz,« sprach er laut. Was der Bauer gedacht, ist uns nicht gesagt. Als er sich aufraffte, fand er aber doch den Geldbeutel neben sich.

Der erleichterte Wagen flog durch den Schnee. Am Walde lenkte der Junker plötzlich. »Links, links!« rief Eva, die die Gegend kannte. »Wir sind auf dem Flemming, die Höhen dort sind schon sächsisch.« Hans Dolzig achtete nicht darauf; erst als die Föhren sie verbargen und der Wagen langsam durch den Sand fuhr, sprach er zurück: »nach Sachsen kommen wir nicht mehr durch, wir müssen nach Ziatz. Von dort hilft Gott weiter.« Das dachte Eva auch, und war zufrieden.

Und wohin waren die beiden Ritter geraten, welche, ihrem Gefolge vorauf, in den Wald sich gestürzt? Sie hatten nicht nur die Spuren des Wagengeleises, auch den Weg verloren. Knorrig überragten die entlaubten Aeste den Platz und die Elsen schüttelten ihre Zweige zwischen dem verräterischen Moorgrunde. Da machte der erste Reiter, der doch des Weges kundig sein mußte, Halt, und sprang vom Roß; einen Schritt weiter, und das Tier wäre mit den Vorderbeinen im Sumpf umgesunken. Und der andere folgte ihm, denn sie waren auf einer Insel in ein Moor geraten, wo selbst eine unvorsichtige Umkehr nicht ohne Gefahr gewesen. Einen Augenblick warf der ältere Reiter einen argwöhnischen Blick auf den jüngeren und faßte unwillkürlich an seinen Dolch; aber es war nur die Zückung des Momentes, er schien sich dessen zu schämen und lehnte sich, um auszuruhen und Atem zu schöpfen, über den Sattel.

»Du hast mich irr geführt, Hans Jürgen.«

»Ja, – wir verloren die Spur.«

»Mit Absicht und Willen hast Du mich falsch geführt.«

»Ich kanns nicht leugnen, noch will ichs.«

»Wagst Du, mir ins Gesicht zu schauen?«

Hans Jürgen wagte es: »Ich tats, ich bekenns, mich reuts nicht, und Du bist mein Richter, sprich.«

»Zuvor will ich Deine Verteidigung hören.«

»Die ist kurz, Herr Markgraf. Ihr entließt mich Eures Dienstes, heut mit der Morgenstunde. Des Dienstes meiner gnädigen Frau habt Ihr mich nicht entlassen; im Gegenteil, Ihr wieset mich an, ihr treu zu dienen, wie meine Pflicht. Das tat ich, und in ihren höchsten Nöten; denn so ich Euch hier nicht irr geführt, hättet Ihr sie erreicht und gefangen mit nach Berlin geschleppt. Was Gott verhüte, daß es heut und je geschehe.«

»Schlecht verteidigt. Du bliebst, wenn nicht mein Diener, mein Vasall. Auch als ich Dich mir zu folgen berief, nahm ich stillschweigend Dich wieder in meinen Dienst. Verteidige Dich besser.«

»Ich kanns,« rief Hans Jürgen und hielt die Hand an seine Brust. »Nicht um ihretwillen, um Euretwillen tat ichs. Seines Lehnsherrn Ehre wahren, ist des Vasallen erste Pflicht; seiner Person Wohlergehen und seines Hauses Glück, wo er kann, seine nächste. Ihr, Herr Markgraf, habt Eure und Eures Hauses Ehre aufs Spiel gesetzt; Euer Gemahl habt Ihr gerichtet und ihm gedroht, wie der schlechtesten Magd; ob Ihr Recht dazu hattet, das weiß ich nicht, aber ich weiß, es tats keiner der alten Fürsten vor Euch. Und im Recht ward Ihr nimmer, daß Ihrs vor aller Ohren tatet; Ihr wart in großem Unrecht. Und endlich habt Ihr Euch herabgewürdigt, daß Ihr Euch selbst zum Büttel gemacht und ihr nachgejagt seid in Eurem Jachzorn. Das sage ich nur unter diesen alten Bäumen, die kein Ohr haben und keinen Sinn, es zu verstehen, und mags sein, daß ich ein Verbrechen begehe, daß ich es sage. Wo aber so viele gar nichts ihrem Fürsten sagen, damit sie sich nicht den Mund verbrennen, so ists nicht vom Schlimmsten, wenn einer zu viel sagt. Ich habs gesagt, und wenn ich mir mehr drum verbrannt als den Mund. Und ich habs getan, und ich rühme mich des, denn ich tats um Euretwillen, daß ich Euch die Schande und Schmach ersparte, und unserm Volk dazu, denn auf Euch fiele es, und Ihr trügt schwerer daran, – und nun hab ich Euch noch die Reue erspart, denn die kommt immer hinterher, wenn einer im Jachzorn tat, was er nicht sollte.«

– »Nun Herr,« fuhr Hans Jürgen ruhig fort, als Joachim ihn schweigend anblickte ohne die Miene zu ändern, »ist alles heraus. Was dazwischen und daneben, werdet Ihr Euch selbst am besten sagen. Ich, Hans Jürgen Bredow, Euer Lehnsmann, habe Euch verraten, mit Wissen und Willen; die Fürstin holt Ihr nicht mehr ein, bis sie auf kursächsischem Boden ist. Das tat ich, wider den Gehorsam, den ich Euch schulde, ich bekenns, brauchts keiner Zeugen und Widerrufe nicht, und Ihr seid mein Richter, dafür muß ich Euch erkennen; es ist nun einmal so. Hier liegt mein Dolch und hier mein Degen, der dunkle Wald und der Himmel drüber sind die Richtstätte. Sie erzählen, daß der Württemberger, der jachzornige Fürst, einen Edlen aus seinem Lande so gerichtet hat, mit eigener Hand, in einem Wald, wie der hier. Die alten Bäume haben dazu ihre Häupter geschüttelt. Stoßt mich nieder, hängt mich an einen Ast; was mit einem Hutten recht war, warum nicht auch mit einem Bredow, da es so recht war in Deutschland, daß die Fürsten das dürfen. Wollt Ihr aber nicht selbst Hand anlegen, da hör ich Lärm; will mich selbst binden, und wenn sie kommen, so liefert mich dem Schlosser aus.«

Joachim von Brandenburg antwortete auch jetzt nicht; auf sein Roß gestützt, das Haupt in der Hand, schaute er vor sich hin. Ob er seinen Gedanken folgte oder dem Lärm von Huf und Reitern, der immer näher kam? Ob er dachte: der Mann hat recht, und indem er ein Verbrechen beging, verhütete er ein größer Unglück? Ob er dachte: Solche Diener, die ihren Fürsten auch mit Gefahr ihres Lebens vom Rande des Abgrundes zurückziehen, die nicht scheuen, ihnen in den geschwungenen Arm zu fallen, auch auf die Gefahr hin, daß der Stahl, den der Arm schwingt, sie trifft, sind Goldes wert? Ob er sich fragte: Warum öffnete dieser so spät erst den Mund? Warum sprach er so nicht früher; es wäre wohl manches anders geworden?

Wenn er das dachte, er sprach es nicht aus; er hat nie eingestehen wollen, daß er geirrt hätte. Noch hatte er jetzt Zeit dazu; denn die vom Gefolge, welche ihn endlich aufgefunden, hatten so außerordentliche Dinge zu melden, die des Fürsten ganze Aufmerksamkeit in Anspruch nahmen. Fürstenwalde an der Spree, die Residenz des Bischofs von Lebus, war gestern in der Frühe von einem Trupp adliger Freibeuter überfallen, geplündert und Bischof und Domherren dermaßen zu Spott und Hohn zugerichtet worden, daß das geistliche Regiment dadurch unverwindlichen Schaden erlitten. An der Spitze, wußte man, daß die von Minckwitz in Sonnenwalde standen, die es schon längst dem Lebuser zugedacht, aber da das Werk so gut gelungen, hatten Abenteurer aus Sachsen und Brandenburg sich angeschlossen, und wie eine Staubwolke im Wirbel war die Schar größer geworden, die allerlei Unfugs gegen die Geistlichen und ihr Eigentum an der Grenze sich erlaubten; man wußte nicht, wohin es sich wenden, wie weit es gehen werde, noch was der Kern sei. Aber zusehen durfte kein Regiment solchem Treiben, um deshalb waren vom geheimen Rat Boten über Boten dem Kurfürsten nachgesandt, und auch die Schloßhauptleute und Bürgermeister der Städte und Vesten schickten zu ihm, um sich Rates zu erholen, was bei sotanen Dingen zu tun. In alten Zeiten hätte es jeder gewußt, was er tun müsse; Joachim hatte sie gewöhnt, daß sie bei ihm anfragen mußten, ehe sie etwas dagegen unternahmen.

Joachim wußte, was zu tun sei, da er mit gebissenen Lippen sich auf das Roß schwang: »Nach dem Teltow,« befahl er. Aber zu Hans Jürgen, als sie aus dem Wald hinausritten, wandte er sich noch einmal um, und den andern, die vorauf waren, schien es, wie die beiden zusammen sprachen, als seien das Freunde und Vertraute, die gar nichts trennen könne.

»Dein Urteil, Hans Jürgen Bredow, fand ich. Als wie Deine Uebertretung im geheim blieb, seis auch Deine Strafe. Verbannt bist Du aus Brandenburg, und diene drüben der, die Du Deine Herrin nennst, so treu, als Du mir hättest dienen sollen.«

– »Eins noch,« rief Joachim ihm nach, da er, stumm sich neigend, davon wollte. »In einem warst Du doch unrecht. Ich war nicht jachzornig, als ich die Frau verfolgte; nicht als Mensch und erzürnter Gatte, als Fürst meines Landes setzte ich ihr nach, und in meines Herzens Kämmerlein stand die stumme Bitte, daß ich sie nicht erreichen möchte. Ich war nicht jachzornig, Hans Jürgen; an Deiner Strafe kannst Du meinen Zorn ermessen.«

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