Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen

eingestellt: 8.8.2007



In mancherlei Lagen sahen wir die gute Frau von Bredow, aber noch nicht mit einer Schürze voll Holz die Treppe hinaufsteigen, so heimlich und so rüstig. Da erschrak sie fast, als ein Gesicht ihr entgegenblitzte, das wir kennen müssen.

»Ist das nicht viel, gnädige Frau, und bei Euren Jahren.«

Sie schüttelte den Kopf und flüsterte: »Wozu man nicht gezwungen wird, das ist immer leicht, Hochwürdiger.« So schlüpfte sie in das Hinterzimmer; und der Abt machte hinter ihr die Tür so leise zu, als sie auf ihren Filzschuhen über die Dielen schlich. –

»Die alte Frau und die böse Zeit!« sprach für sich der Abt.

Drinnen – es war eine Stube, wo ehedem die Aepfel und die Birnen trockneten, davon war aber nichts mehr als der süße Geruch – sah es gar wohnlich aus; ein Teppich auf dem Boden, die besten Stühle standen an den Wänden, und vor einem Bett war die Tiroler Decke gehängt, die einstmals dem treuen Herrn Gottfried als Mantel gedient hatte. Die Scheiben des Fensters waren mit Moos verklebt, daß der Nordwind nicht hineinpuste, und umher auf den Tischen stand manches saubere alte Gerät von Ton und Silber, was selbst da nicht zum Vorschein kam, wenn der Bischof von Brandenburg hier nächtete.

Um den hätte Frau von Bredow auch wohl nicht selbst den Ofen geheizt, wie sie jetzt tat. Sie warf die Stücken nicht hinein; als wärs Zuckerwerk legte sie eins nach dem andern und blies sanft die Flamme an, daß sie nicht mit einem Mal aufpraßle.

Und doch hatte sies nicht gehindert, daß die Fremde, welche im Bette lag, erwachte. Vielleicht hatte die edle Frau auch nur auf den Kissen geruht, und sah nun, da sie die Decke zurückschlug, mit Rührung auf das Schaffen ihrer Wirtin hin.

»Liebe Bredow,« sagte die Kurfürstin, »das müßtet Ihr Euren Dienstleuten überlassen. Zu viel Ehre, zu viel Dienst um eine, die keine Fürstin, nur eine arme Bettlerin ist. Und Ihr solltet Eure Kräfte schonen, die gehören Euren Kindern an. Wer so gelebt und so viel Jahre zählt, hat ein Recht auf Ruhe.«

Frau Brigitte nahm einen Schemel neben dem Bette, auf dem sie schon öfters so gesessen haben mochte. Auch war es schon angenehm warm in dem kleinen Zimmer geworden. Da meinte sie, niemand hätte ein Recht auf Ruhe, der noch schaffen könne, und so ers hätte, müßte er keinen Gebrauch davon machen, wenn der Geist noch frisch ist und die Arme sich rühren können.

»Ihr seid eine glückliche Frau.«

Eine Träne trat in Frau Brigittens Auge.

»Glücklich und nicht glücklich, Herr Gott ja. Wenn ich das Gute auf die eine Waage tue und das Schlimme auf die andere, dann weiß ichs manchmal selbst nicht, was schwerer wiegt. Aber dann denk ich doch, es ist gerad gemessen vom Herrn, daß keins überschlägt, und daß der Mensch nicht sicher werden soll, noch hochmütig. Und am End ist das das rechte Glück. Wer gar nichts zu sorgen hätte, daß es besser würde, der wär doch gar erst unglücklich.«

Das war der Fürstin nicht ganz zu Sinn. Sie meinte, der Allerglücklichste müsse doch immer noch hoffen, nämlich auf das Himmelreich.

»Das ist schon recht,« meinte die Bredow, »aber wems vollauf hier geht, der denkt zum wenigsten an die Ewigkeit, und dann – ist mir noch was.«

Das erstere mußte Frau Elisabeth zugeben; die Reichen kommen ja nicht ins Himmelreich. Sie pries den Herrn, daß sie jetzt arm sei. Aber zu dem andern schüttelte sie den Kopf. Nämlich Frau Brigitte meinte:

»Wenn der liebe Gott uns alle nur für sein reines Himmelreich gemacht, warum hätte er uns nicht gleich hineingenommen; was mußte er uns erst setzen auf diese schmutzige Erde, wo wir immerfort waschen müssen, daß wir rein werden, und kaum, daß wirs sind, spritzt uns doch wieder was an. Ich weiß wohl, es ist, daß er die weißen und die fleckigen Schafe sondere, und daß wir lernen und wachsen sollen in Gottesfurcht und Erkenntnis. Aber er ist ein so barmherziger Herr, und da frag ich mich manchmal, warum hat er uns nicht gleich rein und gut geschaffen, wie er doch die Engel schuf. Es hätte ihm ja doch in seiner Allmacht nichts gekostet. Aber nun hat er die Kreaturen unterschiedlich geschaffen, vom Regenwurm, der auf seinem Bauch kriecht, bis zu den lieben Engeln, die mit den Flügeln fliegen, und jedes in seiner Art. Und ob der Regenwurm auch ins Himmelreich kommen wird, oder ob wir da oben mit Flügeln im Blauen rudern werden, das steht in keinem Buch, noch weiß es ein Priester. Aber wozu er uns hier gemacht hat, das wissen wir, zum Arbeiten, und die Arbeit ist Unruhe. Wenn wir aber immer nur ans Himmelreich denken sollten, wie die alten Mönche, da bliebe doch manches ungeschehen, was geschehen muß. Wie könnten wir die Straßen durch den Wald hauen und die Brücken über den Fluß bauen? Ins Himmelreich können wir auch ohne Brücken und Straßen, das ist schon ausgemacht, und vielleicht schneller; denn beim Hauen und Bauen gehts nicht ab sonder Gezänk und Gesöff und Aerger, und mancher kommt dabei sogar vom guten Wege ab. Aber sollen wirs drum lassen und leben wie der Einsiedler, der nur an Gott denkt und die Hasen fressen ihm seine Kohlbeete und die Hirsche nagen seine Obstbäume? Darum meine ich, s ist des Menschen Art, daß er immer arbeiten muß, ums besser zu machen, und immer in Unruh, und leider immer im Krieg sein, und da Gott ihn so auf die Welt gesetzt, muß es sein Wille sein, und darum mein ich auch, die Welt ist nicht so schlecht, als die Priester, auch die guten, sie machen wollen, denn sie ist von Gott, wie sie ist, und was der Teufel dran verkehrt hat, das muß nicht so arg sein, sonst hätt es Gott nicht zugelassen, oder er hätte uns längst fortgewaschen durch eine Sündflut.«

Der Kurfürstin kam das etwas ketzerisch vor; sie nahm sich vor, den Doktor Luther darum zu befragen. Aber sie war selbst in Unruhe. Der Knecht aus Wittenberg war noch nicht zurück. »Wenn ihm nun was zugestoßen wäre.«

»Dem Ruprecht stößt nichts zu, gnädigste Frau. Er kennt Weg und Steg, und hat Witterung, und wie unsicher auch die Straßen itzo sind, er hat sie gut hingebracht, und Ihr mögt nun sicher hier verweilen, und er wird auch sicher wiederkehren.«

Die hohe Frau war nämlich erschöpft und unwohl in Hohenziatz angekommen. Der Knecht Ruprecht hatte den Kopf geschüttelt, und Frau Brigitte ihn verstanden: die Fürstin bedurfte der Ruhe; wenn sie weiter fuhr, wäre sie in ein hitzig Fieber verfallen. Da war schnell alles abgemacht, und in der Stille; der Knecht hatte Kräuter geholt, und Frau von Bredow kochte sie, und derweil fuhr schon der Leiterwagen mit Eva und dem Junker Dolzig und einer Magd aus dem Hause, der man die rote Binde um den Kopf gewunden, nach der Grenze zu. Wenn die kurfürstlichen Reiter sie anhielten und auffingen, wer kannte so genau die Kurfürstin, und daß es Trug war, und wurden sie auch nach Berlin zurückgebracht, darüber vergingen Tage, und Elisabeth genas derweil und ward über Nacht auf einem Fußpfad durch die Wälder über die Grenze geführt. An alles hatte Frau Brigitte gedacht, auch daß der Knecht Ruprecht den Wagen begleite auf den sichersten Wegen, und wenn er sie auf die Straße nach Wittenberg geführt, sollte er mit der Botschaft zurückkommen. An alles hatte die gute Frau gedacht, nur keinen Augenblick daran, daß sie ihre eigene Tochter, um einer Fremden willen, einer Gefahr aussetzte.

Wer der unglücklichen Fürstin ins Herz geschaut, an was mochte sie denken, wenn sie plötzlich ausschluchzte. Es war zu viel des Schrecklichen. Dachte sie jetzt, wie in der Nacht da sie aufschrie, an ihren Gemahl, der auf einem Totenroß mit flammendem Schwerte hinter ihr ritt und ihr fliegendes Haar schon gefaßt hielt: »Maure mich nicht ein; töte mich lebendig!« hatte sie geschrieen, und Frau Brigitte hatte ihr kalte Umschläge gemacht. Dachte sie an ihren Aeltesten, der als Sieger heimkehrte, und sie sollte ihn nicht umarmen; – an die Schreckensnacht in Berlin, an die letzten Küsse, die sie auf ihre Kinder gedrückt? Dachte sie an Lisbeth, die Verräterin, an den eiskalten Stich ins Herz, als sie ihre Lippen berührte?

»Und ich habe Euch auch Euer Kind genommen!« rief sie. »Das ist zu viel, das ist mehr als zu viel, was Ihr mir zum Opfer brachtet. Unser Leben ist Unruh, Ihr habt recht, so stehts ja auch in der Schrift, aber daß wir an der eigenen Unruh nicht genug haben, daß, wen das Unglück verfolgt, immer andere mit sich reißen muß! Ach es ist zumal unsere Bestimmung, die wir hoch geboren sind, daß wir nie für uns allein leiden können; wir sind verdammt, wie der Tropfen, der ins Wasser fällt und immer weitere Ringe um sich reißt, so viele mit uns zu reißen. Jetzt erst verstehe ichs, was Musculus einst predigte, es ist nur umgekehrt: nicht der Segen und das Glück träuft aus den Palästen in die Hütten, es ist die Sorge und die Not, die in den Schlössern der Herren nicht bleibt, sie fließt aus und verdirbt die Saaten des Untertanen, und die Tränen des Fürsten verbittern den Trank, den der Arme trinkt!«

Wenn Frau von Bredow dies auch nicht ganz abstreiten konnte, gab sie es doch auch nicht ganz zu. In seinem Haus, meinte sie, sei ein jeder ein Fürst, und wer sich nur gut drin verschanzt und eingerichtet habe, der trüge wohl mit aus Schuldigkeit am Unglück seines Landes und Fürsten, aber ganz niederwerfen dürfe es ihn nicht. Müsse doch jeder für sich selbst stehen. Was gab sich die gute Frau für Mühe, die Kurfürstin von ihren trüben Gedanken abzubringen; so viel und mancherlei sprach sie, daß Frau Elisabeth trotz ihrer Betrübnis die Absicht merkte. Ihr Gesicht gewann einen heitern Ausdruck, wie nur vornehme Frauen können, die, weil es sein muß, den Schmerz plötzlich verschließen und einen Riegel davor tun; dann lächeln sie und sprechen liebenswürdig, daß uns das Herz aufgeht, von Dingen, von denen ihr Herz fern ist.

»Wie war doch die Geschichte, liebe Bredow, ich meine die aus alter Zeit, da Euch der Markgraf hier überraschte und nächtete; und als er morgens aufwachte, ward er überrascht, war es nicht so, er fand den Saal leer wie durch Zauberei. Ich muß recht um Eure Nachsicht bitten; als Ihrs gestern anfingt zu erzählen, überfiel mich der häßliche Husten.«

Die alte Frau ward ganz rot, aber schnell besann sie sich: »Ihr wollt mein spotten, gnädigste Frau, und Ihr habt recht. Es hat jeder so sein Steckenpferd, und alte Frauen, wie ich, ihre Geschichten, die sie gern ausplaudern. Lieber Gott, s ist wohl nichts sehr Schlimmes, wenn man im Alter an das zurückdenkt, was man in jüngeren Jahren tat, und es war just nicht zum Schlimmen. Mancher darf nicht so zurückdenken. Ich weiß aber auch, was der Respekt fordert, und werde meine Fürstin nicht mit so albernen Dingen belästigen, die unter unsereins gut genug sind. Sollte ich aber noch ein Päckchen Jahre leben, dann will ich in besserer Zeit jedem Gaste erzählen, den ich in dies Zimmer führe, wer hier gewohnt hat, als mal in der Mark Brandenburg recht schlimme Zeiten waren. Das wird mir meine gnädigste Frau doch nicht verbieten.«

»Die bessern Zeiten, wann werden sie kommen!« seufzte die Fürstin und war ans Fenster getreten. Da vermochte sies nicht länger, die Tränen stürzten ihr aus den Augen.

»Gift muß man bisweilen mit Gift heilen,« dachte Frau Brigitte. Durch sanfte Trostworte war die Aufregung der Kurfürstin nicht zu beschwichtigen. Wenn sie die Aufregung und Unruh draußen sah, vergaß sie vielleicht auf einen Augenblick die eigene.

»Die Minckwitze sind arge Menschen,« sagte sie, »als ob wir nicht Trübsal genug im eigenen Land hätten! Es ist schon recht, der Lebuser war ein hartherziger Bischof und ein Starrkopf, ders unserm Herrn selbst zu arg trieb. Wärs nach ihm gegangen, der Georg von Blumenthal hätte Scheiterhaufen anzünden lassen, er wäre ein anderer Georg von Meißen worden. Aber ich meine so, gerad weil er so finster und störrisch war, das hat unsern Herrn abgehalten und gewarnt, daß er nicht auch strenger war; ein Zorniger, der sich im Spiegel sieht, erschrickt vor sich selbst. Nun mußten die Minckwitze es verderben, daß sie wie die Wölfe über Nacht in den Stall über ihn herfielen, und ihn schrecklich zausten, und seine Domherren. Sie mögen schon im Recht gewesen sein, aber es ist nimmer gut, wenn jeder sich selbst Recht schaffen will.«

»Es sollen auch Brandenburgische dabei gewesen sein.«

»Leider! Nun heißts im Land, das wäre offene Rebellion der Ketzer, und Doktor Luther hätte es sie geheißen, und wenn nicht laut geheißen, so wär er doch still damit zufrieden. Das wird dem Kurfürsten eingerührt und hinterbracht, löffelweis wie Gift, man weiß es ja; und niemand ist da, der ihm die Wahrheit sagt.«

Die Kursürstin meinte, es sei doch wohl noch einer da, sie wollte etwas Freundliches sagen. So nahms die Alte auch auf, aber sie lächelte wehmütig:

»Und was sollt der eine ihm sagen, wenn der da wäre, das Wahre ist ja schlimm genug. Aus den Betten haben sie die Domherren bei den Haaren gerissen und die haben tanzen müssen zur Geige, und der Pfeifer mußte ein lutherisch Lied spielen. Im Hemde kletterte der Bischof an einem Seil aus dem Fenster, und aus den Kellern ließen sie die Fässer in den Saal rollen, und die Priester mußten mit ihnen anstoßen auf die Gesundheit des Doktor Luther. Und da es einmal hieß, in Fürstenwalde ist Pfaffenhochzeit, zog das Gesindel von allen Seiten herein; und die Wagen und Esel und Pferde, die sie voll luden und über Nacht hinaustrieben! Und der Schrecken ist durchs ganze Land, die Pfarrer und die Stifter zittern.«

»Der Herr will nicht, daß seine Diener Mammon häufen,« sagte die Protestantin.

»Gnädigste Frau, aber der Herr will auch nicht, daß der Mensch seinen Namen im Munde führt und Arges im Sinne hat. Den Luther haben sie auf der Lippe und den Raub im Herzen. Es sind schon Gute unter unserm Adel, dies aufrichtig meinen, aber auch viele, denens nur ein Vorwand ist, daß sie über die geistlichen Güter herfallen. Die möchten in ihre Läden brechen, ihre Kelche einschmelzen und ihre Güter an sich reißen; nachher kümmerte sie nicht die reine Lehre und der Doktor Luther auch nicht. Und das sind schlechte Helfershelser für eine gute Sache.«

»Die Welt ist arg.«

»Das ists eben, was ich einmal den Doktor Luther fragen möchte, aber wer weiß, ob er mirs auch sagen kann, wie Gott das zugelassen hat, daß durch Arges Gutes geschehen mag. Und daß es manches Mal geschehen ist, das ist gewiß; ach s ist wohl mehr als einmal geschehen, daß der Teufel hat eine Kirche bauen müssen –«

»Darum läßt es wohl Gott auch nur zu, daß die wilden Schwärmer, die Luthers Wort falsch verstanden haben, mit Aexten und Beilen in die Gotteshäuser dringen. Die Götzenbilder, sind sie nicht überall des Teufels Werk!«

Als sie von den Bilderstürmern sprach, die strichweis in der Mark sich gezeigt, merkte sie nicht, daß Frau Brigitte die Augen sinken ließ. Die Kurfürstin hatte dunkel davon gehört, daß ihrer auch in Fürstenwalde mit gewesen, ja daß andere einen Versuch auf Kloster Lehnin gemacht und noch weiterhin nach Spandow und Potsdam ihr Unwesen trieben. Ihre Besorgnis war wieder erweckt und steigerte sich bis zu dem fieberhaften Zustande, den Knecht Ruprechts Kräuter und die Ruhe in Hohenziatz überwinden sollten. Nicht Bilderstürmer fürchtete sie, aber daß ihre Anwesenheit in der Nähe die kurfürstlichen Reiter doch anziehen und eine Einlagerung bewirken könne; ja, als sie drüben am Waldsaum ein oder ein paar Reiter sprengen sah, stürzte sie vom Fenster weg und schrie, daß sie die Laden zumachten, und auf ihrem Bette betete sie laut zum lieben Gott, aber bisweilen verwechselte sies und betete zum Doktor Luther, daß die Burgfrau selbst darüber erschrocken die Hände faltete. Dann, als die Kranke zu sich kam, legte sie die Arme um ihre Schulter und beschwor sie, sie nicht zu verraten, daß niemand erfahre, wer sie sei, denn wenn nur einer es wisse, sei sie verloren, und beschwor die Edelfrau, daß sie keinen in die Burg einlasse, wer es auch sei.

Frau Brigitte hatte alles versprechen müssen. Froh, als die Fürstin sich endlich zur Ruhe gelegt und sie die Tür hinter sich schließen konnte, blieb sie einen Augenblick am Treppengeländer stehen, wie Atem zu schöpfen.

»Es wird doch zu viel für Euch,« sprach der Abt Valentin. »Das ganze Haus vollgestopft von Unruh und Sorge, und drinnen soll meine liebe Frau von Bredow die Ruhige spielen und eine Fieberkranke zur Ruhe einlullen.«

Sie nickte ihm freundlich: »S ist wohl schwer, aber je größer die Sorge, um so größer auch die Kraft. Ich habs allzeit mit der Wahrheit gehalten und habe nie gelogen – ein einzigmal nur, oder warens zweimal, vor meinem seligen Götz.« Und hatte sie nicht eben wieder gelogen! Und wie gelogen! Der Fieberkranken hatte sie hoch und teuer versichert, daß niemand sonst im Haus sei und alle wußten drum!

Der Abt mußte ihre stillen Gedanken lesen: »Aber Ihr mußtets ja. Ihr mußtet sie täuschen, um sie zu beruhigen.«

»Ja, ich mußte wohl,« sagte zögernd Frau Brigitte, »und da hat wieder der Teufel eine Kirche gebaut!« setzte sie für sich hinzu. »Lieber Himmel, wann wirds doch kommen, daß wir alle und immer nur die Wahrheit sprechen!«

Der Abt schüttelte den Kopf: »Wer weiß, ob das jemals kommt.«

Und Frau Brigitte schüttelte auch den Kopf: »Und daß wir das erst in dem Jenseits erfahren, warums so sein muß. – Hatte doch geglaubt, eine so alte Frau, wie ich, könnte nun ohne Lüge ins Grab steigen! – Nun, lieber Herr Abt, laßt uns nach dem Kranken sehen.«

Es war doch seltsam. Im Torhause lag wie vor – ich weiß nicht wieviel Jahren, aber ein halbes Menschenalter war es gewiß – derselbe Kranke, den damals das Pferd an den Baumstamm geschleudert, und da war es gerissen, wie ein bleiern Band, was seine Seele umstrickte, und ein anderer Mensch war herausgekommen, ein Mensch der Zerknirschung und der Unruhe. Nun lag derselbe Mann, wenigstens dieselbe Hülle, wieder verwundet in dem Torhause von Burg Ziatz, und dieselben Verwandten, welche damals um ihn gesorgt und geweint, sorgten und weinten wieder um ihn. Im Hause sprach man nicht gern davon, auch nachmalen nicht, die Leute aber erzählten sich folgendes:

Eine Rotte von dem aufgeregten Volke, das in die Kirchen einbrach und die Bilder zerstörte, war auch nach Spandow gekommen und ins Frauenkloster eingebrochen. Sie waren nicht von dem bösen Gesindel, das unter dem Vorwande, den Antichrist zu bekämpfen, überall stiehlt und fortträgt; sie folgten einem gewaltigen Prediger, sagte das Volk, vor dessen Worten das Herz im Leibe brannte. Wo er Leute sah, stellte er sich auf einen Stein und predigte, wie man es nie von der Kanzel gehört: daß der Antichrist nicht in Rom sei, wo sie ihn suchten, sondern er wäre überall, wo sie goldene Kälber ausgerichtet, und die goldenen Kälber seien die Bilder von Gott und göttlichen Dingen, die sie anbeteten, und die gottbegabten Menschen selbst, deren Worte sie verehrten, und Luther und Melanchthon, und alle die andern, seien auch nur goldene Kälber von Gott, von Satan gesendet, um den Sinn zu verwirren. Ja, einige wollten gehört haben, er hätte auch die Kirchen selbst Häuser, von Satan erbaut, genannt, und die goldenen Kronen und Purpurmantel, ja, alles was glänze und schön sei, und woran der Sinn sich hänge, sei vom Bösen; Gott der Herr aber wäre wie das Licht und der Blitz und die Luft, die allüberall zugleich sind, und gleich überall, wo nicht der Mensch Mauern gebaut und Türme, die Schatten würfen. Darum müsse der Mensch, der zu Gott wolle, alles das niederreißen, was ihn daran hindere. Aber nicht getan sei es mit den Steinen und den Balken; auch aus der Brust müsse er reißen, was ihm das liebste sei, und es zertreten und töten, gleich wie Abraham seinen Sohn geopfert, dann erst könne die Kreatur hoffen frei zu werden, daß sie zu Gott komme.

So erzählte das Volk, seine Worte mögen anders gewesen sein; die wenigsten verstanden ihn, und sein Anhang war klein. Aber er hatte einen langen Menschen bei sich, ehemals ein wütender Kapuziner, der hieß des Predigers Knappe, denn mit einer Eisenstange zerschlug Barnabas die Bilder und Schnitzwerke und die bunten Scheiben, zu denen die andern nicht hinaufreichen konnten, und schrie dann: Wehe, wehe! über die, welche das angebetet hätten, und man müsse mit dem Kleinen anfangen, dann käme das Große an die Reihe. Wenn er so im Zerschlagen war, geriet er in Verzückungen und tanzte und heulte nach mehr, wo alles zerschlagen war, und er konnte nichts mehr finden. Und wenn der Prediger dabei auf den Knieen lag und die Aermel bis aufs Schulterbein zurückffielen und mit heiserer Stimme schrie: »Gott, Gott, warum fällt denn nicht auch dies Gewölbe ein, daß ich dich schauen kann in deiner Reinheit!« dann ward es oft selbst denen um ihn unheimlich; es dünkte ihnen, die Hölle züngle ihre Flammen aus dem Boden und sie liefen hinaus.

So hatten sie gewütet im Kloster zu Spandow; die Nonnen waren über das Notbrücklein in die Stadt geflohen. Nur die Aebtissin wollte nicht mit, sie kehrte um, weil sie meinte, es sei ihre Pflicht, lieber zu sterben, als daß sie das zerstören lasse, was ihr anvertraut war. Und sie kam gerade, als der Haufe ins hohe Tor drang und das steinerne Marienbild hinter dem Hochaltar herunterreißen wollte. Da stellte sie sich davor, hob die Arme und sprach: »Ihr Unseligen, was hat Euch die Jungfrau Maria getan? hat sie nicht den Heiland geboren, hält sie ihn nicht in ihren Armen und spricht sie nicht: so viel Schmerzen hab ich um die Welt gelitten, und dafür wollt Ihr mich strafen! Wenn die Menschen ihr zu viel Ehren angetan, was kann die Jungfrau Maria dafür? Sie, im Himmelreich, weint vielleicht manche Träne über die Irrtümer dieser Welt, und daß die Menschen den Stein anbeteten, und das Holz, und ihren Sohn drüber vergaßen und seinen Vater im Himmel. Aber das Holz und der Stein sind so unschuldig daran als die Jungfrau Maria. Und wärs nicht die gebenedeite Himmelskönigin, so ists eine reine Mutter, die ihr Kind lieb hat und es stolz und froh im Arm hält und der Welt zeigt. Welcher Türke kann daran Arges haben, welcher Unmensch kann das zerstören wollen!«

Als sie das gesprochen und er ihr ins Aug geschaut, fuhr der wilde Prediger die Stufe zurück, das Beil entsank ihm, und er rief: »Fort! fort! Das Dach fällt ein!« Aber hinter ihm, der lange Barnabas, schrie: »Vorwärts Ihr Heiligen, hört ihn nicht, Satan hat auch ihn gepackt!« Mit seiner Stange wollte er zuschlagen, über des Predigers Kopf hin; als der sich aber erhob, es abzuwehren, bekam er den Schlag auf den Schädel, daß er blutend auf die Stufen sank.

Was darauf geschehen, wußte man nicht genau. In der Stadt hatte es getrommelt, kurfürstliche Reiter waren den Bilderstürmern auf den Hacken. Die aus der Kirche waren aufs Feld zerstäubt; ob alle ergriffen würden, oder nur einige, ist nicht bekannt. Der lange Barnabas ward gebunden nach Berlin geschleppt, das ist gewiß; aber der Anstifter, der halbtot auf den Stufen gelegen, war verschwunden; zu seinem Heil, denn die Milize vigilierte besonders auf ihn, und er hätte es mit dem Kopf büßen müssen, weil er schon an unterschiedlichen Orten, wie in Stendal, voran gewesen war bei den Bilderstürmern. Die Nonnen kehrten nicht mehr nach dem Kloster zurück; so war es verwüstet und entweiht, sagten sie. Andere aber meinten, sie hätten schon längst Lust gehabt, auf und davon zu gehen, und nur die Gelegenheit benutzt. Die Aebtissin kehrte über Kloster Lehnin ins Haus ihrer Mutter zurück, und der Abt Valentin hatte sie dahin begleitet. Der Wagen fuhr aber sehr langsam auf abgelegenen Wegen, und einige munkelten, sie hätten einen verwundeten Mann unten im Stroh liegen gesehen.

»Wo das Kind es nur her hat!« sagte Frau von Bredow zum Abte, als sie aus der Turmstube zurückkamen. Wie stand sie uns Rede und Antwort über den Kranken, als wüßte sie alles, was recht ist und sein muß, und sähe ihm in die Nieren und ins Herz, daß er wieder gesund werden wird. Und wie wußte sie alles zuzurichten und ihm zuzusprechen, daß er gehorchen mußte und nicht muckste. Das Gehorchen war sonst gar nicht seine Art.«

»Sie ist ihrer Mutter Tochter.«

»Die Eva hats am Hofe gelernt, aber Agnes war ja ihr Lebzeit im Kloster,« setzte die Matrone mit unterdrückten Tränen hinzu.

»Sie war Aebtissin, und das Amt, wenn es nicht Verstand gibt, so weckt es ihn. Des Weibes Natur ist eine wunderbare, sagen die Weisen, es schlummert in ihnen, was man nicht glaubt, wenn es geweckt wird.«

»Was soll aber daraus werden! Ihr Kloster ist zerstört.«

»Nicht wird sie dahin zurückkehren, wie sie mir vertraut hat. In der Stille hatte sie Luthers Schriften studiert, und war schon fest entschlossen den Schleier niederzulegen; sie hatte mit den andern Nonnen sich darüber verständigt, und alle waren ihres Sinnes geworden. Nun hat die wilde Rotte einen Schritt ihnen erspart, der manches Aufsehen und viel Gefährliches für die Tochter meiner Freundin mit sich geführt hätte,«

»Da hat wieder etwas Arges Gutes gewirkt.«

Der Abt lächelte eigen: »Und mehr noch, meine teure Frau, als Ihr denkt. Der Funken, den Euer frommer Zuspruch in mir entzündet, ist durch Eure Tochter zur Flamme geworden. Ihr klarer Geist, ihr besonnener Verstand hat wunderbar auf mich gewirkt. Das war ein langes und ernstes Gespräch auf dem Wege vom Kloster hierher. Wie wußte sie alle meine Zweifel und Bedenken fortzuscheuchen wie der Morgenwind den Nebel. Ja, meine edle Burgfrau herbergt jetzt einen Protestanten in ihrem Hause.«

»Und Euer Kloster!«

»Da schämte ich mich schon lange über die Höfe zu gehen, wenn ich an die Arche dachte und meine Torheit, die Gott strenger hätte strafen können. Nun läßt er das meine Strafe sein, daß ich aushalten muß und es mit meinen Konviktualen aufnehmen. Ein schwerer Kampf steht mir bevor; sie sind der Schwelgerei, dem rohen Leben oder der Trägheit zugetan. Sie werden mich verklagen, verreden; möglich, daß sie mich ausjagen. Aufrichtig gesteh ichs, ich bin an Wohlleben gewöhnt, und zu alt, um mit Lust ans Märtyrertum zu denken; fliehen müssen in die Fremde, wäre schon für mich ein Martyrium. Aber den Kampf muß man nicht scheuen um die wahrhafte Ueberzeugung, – und ach wie herrlich, zum Herzen sprach die hochwürdige Frau Agnes: nicht grob zugeschlagen, wie die Fanatiker, die das Kind mit dem Bade verschütten wollen, klug sein wie die Schlangen und fest dabei, gelassen ihrem Toben zuhören, sie sanft bei ihren Schwächen fassen, einlenken, Balsam träufeln auf die Wunden. Ach es wäre viel davon zu erzählen, und sie hat mir Mut gemacht, und ich gehe mit Hoffnung ans Werk. Stehen doch schon die Jüngeren und Besseren mir zur Seite.«

»Herr, du mein Heiland,« rief die Burgfrau, »wenn Lehnin auch! Am Ende ist die ganze Zauche protestantisch!«

»Im stillen.«

»Kurios, Abt! Und warum stehen nun an allen Kirchentüren angeschlagen die Plakate! Warum müssen die Prediger sie von den Kanzeln verlesen und die Amtleute und Bürgermeister, und jeder weiß, daß es anders ist, als da geschrieben steht.«

Dies Gespräch war im Zimmer der Burgfrau geführt, es ward durch ein heftiges Pochen am äußern Tore unterbrochen, dem ein Gepolter auf dem Hofe folgte, welches andeutete, daß man das Tor, ohne bei ihr anzufragen, geöffnet haben müsse. Nicht ohne Besorgnis blickte sie auf den Abt, und was sie jetzt aus dem Fenster sah, war wenigstens der Art, daß es ihre Ruhe nicht vermehrte. Eine Einlagerung war da, wenn auch nicht von kurfürstlichen Reitern. Ein unordentlich vollgepackter Wagen mit wild aussehenden Reisigen hielt auf dem Hofe und der Ritter Hake von Stülpe schritt nach der Halle zu.

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