Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen

eingestellt: 8.8.2007



Hake von Stülpe war nie ein Damenknecht gewesen. Es war nicht an den Rittern der Zeit, mindestens nicht in der Lausitz, im Storkowschen, in der Zauche, und nicht in Jüterbog, in Meißen und Magdeburg, daß sie viel schwänzelten und sich fein machten. Aber ein Ritter war er sonst, der wußte, was einer edlen Frau gebührt, und oft hat er gesagt: er hasse auch darum die Pfaffen, weil sie nur Hehler und Stehler wären, was Frauengunst anlangt, und dürften das Pfand, das sie geraubt, nicht offen am Hute tragen. – Das waren vergangene Zeiten. Heut aber schien ers nicht zu wissen, oder wissen zu wollen, was vor einer edlen Frau sich schickt, da er seinen bestäubten Hut mit der Reiherfeder auf den Tisch warf und sich mit einem Fluch auf den Schemel, während Frau von Bredow ihn doch nicht eingeladen hatte; im Gegenteil, er hatte sich angemeldet und sie hatte erwidert, sie habe keinen Platz im Haus.

»Nun, da ich seh, daß Ihr müd seid,« sagte sie, die vor ihm in der Halle aufrecht stand, »gönn ichs Euch, damit Ihr desto schneller zum Aufbruch frisch seid.«

»Einen Trunk gönnt Ihr mir doch auch?«

Als er die Kanne geleert, die Frau Brigitte hatte bringen lassen, und sie auf den Tisch gesetzt, und sich den Bart gewischt, hub er an: »Nur ein vernünftig Wort zwischen uns, Frau von Bredow, denn Ihr seid ein vernünftig Weib, Ihr wollt mich nicht aufnehmen, und ich will und muß bleiben, da muß nun eins von uns beiden nachgeben, und besser ists in Güte als mit Gewalt.«

»Das mein ich auch, Herr von Hake,« sagte die Burgfrau, die ihn scharf ansah.

»Mein Gesicht behagt Euch nicht.«

»Nur was Euch anhängt, behagt mir nicht.«

»Wortdrechselei! Ihr liebt die Wahrheit, ich auch; da kommen zwei zusammen, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Ihr haßt die Pfaffen, ich hasse sie auch –«

»Halt! Was gehört das hierher! Ihr batet mit Euren Leuten und Waren um Quartier, und ich schlugs Euch ab, unbeschadet den Pflichten der Gastfreundschaft, alldieweil kein Platz in meinem Haus wäre –«

»Ihr habt recht, Ihr seid eine vorsichtige Frau. Mehr von Euren Gedanken wollt Ihr den Worten nicht vertrauen. Erlaubt mir aber, daß ich denke, und ich denke so, daß Ihr mich nicht aufnehmen wollt, weil Ihr Nachstellungen von den kurfürstlichen Amtleuten fürchtet. Unbekannte, Verdächtige, die mit Pferden, Wagen, Bewaffneten ohne bestimmten Nachweis auf den Straßen sich umhertreiben, soll heuer niemand in seinem Schloß, Haus, Scheune herbergen, noch ihnen Versteck geben, oder so er dazu gezwungen wäre, bei der nächsten fürstlichen Amtmannschaft sofort Anzeige tun. So lautet ja wohl die Verordnung. Und Ihr mögt Euch nicht meiner entsinnen, da es lange Jahre her sind, daß wir uns nicht sahen, und das ist klug von Euch, und angeben wollt Ihr mich auch nicht, und das ist gut von Euch.«

»Was bleibt mir also, Herr von –«

»Was Euch bleibt, davon nachher; jetzt ist nur davon die Rede, was mir bleibt, nämlich zu tun. Also, der Kram da, die Kisten und Kasten auf dem Wagen hab ich irgendwo bei einem Aufschlag gekauft – merkt Euch das, Frau Brigitte, bei einem Aufschlag, wenn etwa Stänkerei draus würde, und Ihr müßtet, die Hand aufs Kruzifix, schwören, was Ihr wißt. – Daß der Aufschlag in Fürstenwalde war und vielleicht sonst noch wo, wißt Ihr nicht; ich habs Euch nicht gesagt. Aber hols der Teufel, ich verspätete mich, da ich über die Grenze wollte, die Minckwitze waren schon drüben, und ich, abgeschnitten, mußte eine andere Richtung einschlagen. Das Land raucht und stinkt; die Schloßhauptleute, die Vasallen werden aufgeboten; auch in den Städten trommelts ein allgemeines Aufgebot wegen Friedensbruchs, heißt es in dem Edikt von Teltow. Da sie mich nun verwechseln könnten, Gott weiß mit wem, den sie suchen, schlug ich mich durch die Wälder und bis hierher mit meinen Leuten. Die sind müde von den Kreuz- und Querzügen, ich bin müde, die Pferde sinds, darum wollen wir hier rasten. Versteht mich wohl, nicht länger als not tut. Das Nest, ich meine Euer ehrenwert Haus, liegt an keiner Heerstraße, in diese Brüche und Wälder reiten die Landreiter nicht gern. Ihr und ich laufen also darum keine Gefahr. Und die Grenze nach Sachsen ist nicht weit; wenn also meine Rosse gefressen haben und meine Hunde und Spürhunde nichts Verdächtiges wittern, bin ich einmal über Nacht, Ihr wißt nicht wie, aus dem Tore und über alle Berge. Mitnehmen werd ich nichts, Frau von Bredow, was Euch gehört, und zu sehen braucht Ihrs nicht, der Mond soll nicht scheinen auf meinem Abzug. Und endlich, wenn ich fort bin, und Ihr haltets für Eure Sicherheit zuträglich, so schickt einen Eilboten nach Berlin, daß Ihr Einlagerung gehabt von Verdächtigen, und Ihr glaubtet, es sei der Hake von Stülpe gewesen, aber gewiß wärt Ihr Eurer Sache nicht – denn könnt Ihr schwören, wer ich bin? – Und sie hätten gezecht und geflucht und Euch in Angst gesetzt, und das Tor besetzt und niemand raus gelassen. So ist meine Frau von Bredow salviert nach beiden Seiten.«

Sie schüttelte den Kopf, indem sie ihn unverwandt ansah: »Die alte Bredow redet nur die Wahrheit, vor wems sei, vor ihrem Fürsten, und wer ihr ins Haus gelaufen kommt. Niemand weis ich von meiner Schwelle, da sei Gott für, der sich verirrt hat, aber daß ichs Euch sage, kein Quartier geb ich denen, die ihr Angesicht nicht zu zeigen wagen vor der Gerechtigkeit.« –

»Hoho, ists so?« Hake legte beide Arme auf den Tisch. »Kann auch die Wahrheit reden. Ihr habt eine entlaufene Nonne aufgenommen, sogar eine Aebtissin ists. Die will nicht zurückkehren, und das ist gegen des Kurfürsten ausdrücklich Gebot.«

»Meine Tochter ists, Herr von Hake, und sie wird sich gestellen, wo es sei, und ihrem Landesherrn Rede stehen, wenn er sie fordert.«

»Und ein Abt steckt auch im Haus, der Lehniner, er schützt vor, er habe Eure Tochter geleiten wollen, aber ich weiß es besser. Seine Mönche haben ihm den Kopf zu warm gemacht, weil er reformieren wollte. Da hat er sich salviert; will aber hier aus dem sichern Hinterhalte gegen seine Konviktualen operieren. Wenn das der Markgraf erführe –«

»Würde ihm der Abt auch Rede stehen. Seine Sache ist nicht meine. Der Abt ist kein Geächteter und kein Freibeuter.«

»Ich weiß noch mehr Wahrheit. Einen Bilderstürmer, einen von den Wütendsten, einen Malefikanten, der Klöster und Kirchen zerstört hat, der nimmer sein Angesicht vor der Gerechtigkeit zu zeigen wagt, dem habt Ihr Quartier gegeben, den versteckt Ihr. So das Joachim wüßte – wer da ihm die Wahrheit sagte! – Ei, Ihr werdet ja etwas blaß, Frau von Bredow; das wollte ich nicht, nur Quartier für mich.«

»Mein Haus ist voll.«

Er war aufgestanden: »Das weiß ich, ein wahres Nest voll Verschwörer und Flüchtlinge. Einer mehr oder weniger, was tuts! Hake von Stülpe will ja nicht in Eure eingekästelten Kammern und Putzzimmer, die behaltet für Eure vornehmen Gäste, ein Bund Stroh unterm Kopf, im Stall oder in der Scheune, das ist für mich genug, ich lag schon härter; wo die Pferde liegen, da bettet mich. Will mich auch still verhalten, daß Eure noch vornehmern Gäste nicht gestört werden. Ich weiß auch Ritterpflicht, die Kurfürstin soll droben schlafen, wie in Abrahams Schoß, derweil die Hunde neben mir träumen. Was ists, Frau von Bredow, weiß ich zu viel?«

»Barmherziger Gott! – Sie ist auch Eure Landesmutter. Nein, was Ihr auch tatet, Ihr werdet sie nicht verraten.«

»Was gilt meine Wissenschaft? – Doch ein Nachtquartier! – Laßt uns wieder vernünftig reden, Ihr möchtet sorgen, daß meine Person die Raben der Gerechtigkeit in Euer Haus lockte; das wäre nicht falsch geschlossen, wenn es nicht falsch gedacht wäre, hört denn, mit dem Aufgebot hats nicht viel auf sich. Die Burgleute und Hintersassen schnallen gar langsam ihre Harnische, und die Bürger in den Städten gähnen dreimal, ehe sie nach dem Spieß hinter der Tür greifen. Wozu das? fragen sie. Um den Pfaffen ihre Würste und Speckseiten zu beschützen? So ziehen sie verdrossen nach den Sammelplätzen, Joachim tobt und die Amtleute wissen sich nicht zu helfen. Es wird eine klägliche, lange Fehde werden; die Zeit ist umgeschlagen. Die Minckwitze drüben lachen sich ins Fäustchen, aus Sachsen kommt keine Exekutionsarmee, und die Brandenburgischen singen lutherische Lieder zur Trompete. Auch brauchte ich Euer Nachtquartier nicht, wäre mir nicht der Wagen zu Schand geworden auf Euren verdammten Wurzelwegen, und der Schmied muß zu den Pferden. Item reitet heut an der Grenze der Junker von Brisen, mit dem ich ein Hühnchen gepflückt; er könnt es wieder pflücken wollen, wenns mir gerad nicht gelegen; morgen aber reitet er hinunter nach Jüterbog, und nächste Nacht bin ich schon fort.«

»Und Eure Fürstin wolltet Ihr der Gefahr aussetzen, daß der Brisen, oder wer es ist, Euch auf die Spur kommt. Um Euren Raub zu retten, mögen sie die durchlauchtige Frau finden, nach Berlin schleppen, Euch kümmerts nicht; mein Heiland, wer seid Ihr!«

Der Ritter lächelte: »Zuweilen, Frau Brigitte, gar kein schlechter Rechenmeister. Gerad weil die durchlauchtige Frau hier ist, bin ich hier salviert. Meint Ihr, daß sie am Hof nicht wissen, daß sie noch nicht über die Grenze ist, daß ihre Spürhunde nicht ausfindig gemacht, daß sie in Hohenziatz sich versteckt, bis die Gelegenheit kommt? – Ihr braucht nicht zu erschrecken. Das hat keine Gefahr. Bangts etwa dem hohen Herrn so sehr, bis er sein Gemahl wieder im Schloß hat? Will er sich mit ihm versöhnen, oder fürchtet Ihr, daß er seine Drohung ins Werk setzt? Ich meine, es könnte ihm nichts gelegener kommen, als daß er sie nicht einfing; da ist er beides los, ein Weib, aus dem er sich nichts macht, und eine Drohung, die er ohne Scham und Schande nicht ausführen kann. Um des Scheines willen setzte er sich selbst zu Roß und polterte über Stock und Block, zufrieden, daß man ihn verirren ließ. Jetzt, und wenn Ihrs überm Tor anschlagen lasset: Hier wohnt Frau Elisabeth von Dänemark! lesen und verstehen sies nicht, das sag ich Euch, Hake von Stülpe, und das ists, warum ich gerad hierher kam mit Roß und Mann.«

»Ehe die Sonne zur Rüste geht, werdet Ihr, Herr Hake von Stülpe, mit Roß und Mann über die Brücke wieder hinausgezogen sein.«

»Himmel Wetter! des Spaßes bin ich satt. Warum die und mich nicht.«

»Weil niemand Götzen Bredows Witib nachsagen soll, daß sie ihr Haus zur Herberg gab für Landplacker, Diebe und Räuber.«

»Von hier aus ritt der Lindenberger, Frau Brigitte –«

»Zum Galgen auf dem Wedding. Wollt Ihr ihm nachreiten?«

Da stülpte er den Hut auf den Kopf: »Blitz und Donner! so Ihr kein Weib wärt und Ihr könntet mir Rede stehen.«

»Wills jederzeit.«

»Sind wir Landplacker, sind wir Beutelschneider? Fragt den, fragt jenen, fragt den Doktor Luther meinethalben. In ehrlich abgesagter Fehde haben die Minckwitze dem Pfaffen von Lebus das Fell übers Ohr gezogen. Seine Schuld ists, wenn er den Fehdebrief vergaß, der freilich fünfzehn Jahr alt ist. Ich war ihr Bundesgenoß wie viele. Die Pestilenz über ihn, wer danach früge, wenn er ein Wams vorhätte. Aber mit Euch, Frau Brigitte, will ich noch ein letztmal vernünftig reden. Was, Ihr wollt Pfaffen das Wort reden, Ihr, von der jedermann weiß, wie Ihr jetzt denkt und vor dreißig Jahren schon gedacht habt. Wärt Ihr kein brav Weib gewesen, und ließe sich das so in der Mark Brandenburg tun, an den Pfaffen hätt es nicht gelegen, daß sie Euch nicht vor ein Ketzergericht gestellt. Was tat ich denn? Ich habe allen Pfaffen im stillen einen Absagebrief geschickt. Das weiß jedes Kind im Land und die Pfaffen zum besten; und wos die Gelegenheit gab, hab ich ihnen auf den Wanst geklopft. Davon singen sie Lieder. Habs nie geleugnet; bin der Mann, ders vertritt. Und warum wagte keiner gegen mich aufzutreten? Warum gabs keinen Kläger und Richter? Und nur heut, wo die Welt klüger worden, wo jeder Bauernjunge nachplärrt, was die Wittenberger Doktoren ihnen vorsangen, da soll ich ein anderer werden, da wollt Ihr mich richten, wo ich meinem Vergnügen nachgeh!« –

»Raub ist Sünde, Raub war Sünde, Raub wird Sünde bleiben, so lang die Welt steht.«

»Vergeltung ists. Wißt Ihr, was ich, was meine Väter von oen Pfaffen gelitten?«

»Hab davon gehört.«

»Wovon wurden sie fett? Weil wir mager wurden. Weil sie unsere alten Weiber beschwatzten, weil sie unsern Vätern auf dem Sterbebett die Hölle heiß machten. O diese Vermächtnisse an fromme Stiftungen, für Seelenmessen, haben manche gute Familie an den Bettelstab gebracht. Wovon schwellen ihre Klöstergüter zu Herrschaften an? Etwa von dem, was sie dem Bauern abpreßten, was sie dem filzigen Krämer in den Städten entlockten? Dem Adel gehört ihr Reichtum von Gott und Rechts wegen. Und wir sollen die gute Zeit nicht nutzen, das Eisen nicht schmieden, so lange es heiß ist? Dazumal hatten sie die Meinung für sich; unsere Väter mußten sich ducken, wenn etwa einer so klug war und merkte, daß sie ihm die Haut vom Leibe zogen. Heut haben wir die Meinung für uns. Wer auf sie hetzt, dem lachen sie zu, das Volk klatscht in die Hände und gönnt es ihm. Und wir sollten Narren sein und nicht hetzen, nicht zugreifen, wo wir unser Verlornes wieder finden!«

»Drüben in Sachsen sind sie schon recht frisch drauf los im Suchen,« entgegnete Frau Brigitte mit einer eigenen Miene.

»Und wir sollten zurückbleiben!«

»Wenns so weit bei uns ist, Herr von Hake, da meine ich, die Märkischen werdens den Sächsischen schon gleich tun. Aber wie ich höre, ziehen sie die meisten Güter nicht für ihren eigenen Säckel, vielmehr für Schulen und Spitäler ein.«

»Für A-B-C-Schützen und Spittelweiber! Das wäre nun nicht mein Geschmack. Schenke, wer Lust hat zu schenken, ich will mein Recht.«

»Auf der Straße?«

»Blitz, ja, wo ich was finde; s ist mir im Blut.«

»Herr Hake von Stülpe, s tut jeder, was er nicht lassen kann; das ist schon die Art der Kreatur. Mir aber ists in der Art, daß mir das siebente Gebot ins Herz geschrieben steht, und kann nicht mit einem unter einem Dach schlafen, ders vergessen hat. Predigen ist nicht meine Art, will auch keinen lehren, der keine Lehre annimmt. Aber habe nimmer zu meines Gottfried Lebzeiten einen Landplacker und Ritter aus dem Stegreif in meinem Haus gelitten, wenn ichs wußte. Das waren schlimme Zeiten; die sind nun vorbei, Gott und der Kurfürst sei gelobt. Aber schlechter als jetzund waren sie auch nicht, denn das mußte man den Junkern lassen. Gründe hatten sie immer, warum sie den Krämern auflauerten, und wußten sie auch hübsch auszuputzen, just wie Ihr, Herr Hake. Aber ich habs ihnen nimmer geglaubt, als wie ichs auch jetzt Euch nicht glaube, und wer raubt, der stiehlt, und wer stiehlt, trachtet seinem Nächsten nach seinem Gute, und eins ist verboten wie das andere, vor Gott und vor den Menschen, und wer sich weiß brennt vor diesen durch seine Anrede, der macht sich desto schwächer vor jenem –«

»Und darum –«

»Komme, was da wolle –«

»Ich bleib im Posseß!« rief Hake von Stülpe. Er hatte sich die Eisenhandschuh wieder angezogen und sein Schwert fester gegürtet. »Meine Leute sind ihrer neun, wohlbewehrt und geprüft. Ihr kriegt mich nicht weg, liebe Frau Brigitte; könnt aber dafür schwören vor dem kurfürstlichen Richter, und mit gutem Gewissen, der Hake von Stülpe hat sich eingelagert bei Euch, als wäre er Herr im Haus, und niemand drum gefragt, ob sonst jemand darin was zu sagen hätte. Tut mir leid, liebe Muhme, hätts lieber in Fried und Freundlichkeit abgetan, ist aber nun mal Notwendigkeit und meine Art so.«

»Wär mir auch lieber,« sagte die Bredow, »wir wären in Fried und Freundlichkeit geschieden. – Neun sind Eurer? Im Schloß hab ich nur ihrer fünf. Aber wenn ich hier an der Glocke läute, – zurück, Herr von Hake, wenn Ihr mich nur anrührt, läutets – und wenn die Glocke im Dorfe klingt, da sind ihrer zwanzig, dreißig Burschen, ohne die Frauen, dies mit ihren Mistgabeln schon mit einem oder zweien aufnehmen. Ihr seid nun zwar im Posseß, wie Ihr sagt, das ist schon recht, und könnt das Gitter niederlassen und die Brücke ausziehen; aber wenn die dreißig draußen zu pfeifen anfangen, da pfeifen noch viel mehr, und glaubt Ihr, daß es der Junker Brisen nicht auch hört, und das ist wie das Pfeifen des Zeidlers; glaubt Ihr nicht, daß sie in Schwärmen um mein Haus ziehen? Ihr seid nun zwar im Posseß und wir sind Eure Gefangene, Ihr könnt uns in die Keller schmeißen lassen und massakrieren, mich und meine Tochter, die Aebtissin, und wenns Euch gefällt, auch die allerdurchlauchtigste Landesmutter. Wißt Ihr aber, Hake von Stülpe, was ich glaube? – Ihr werdets nicht tun. Erstens: weil es Euch nichts hälfe, es kostete Euch Ehr und Reputation und den Hals dazu. Und zweitens: Ihr tätets auch ohnedem nicht; Ihr schämtet Euch; ein Ritter, auch wie Ihr seid, legt nicht die Hand an Frauen, und nicht in einem Haus, wo Ihr Salz und Brot gegessen. Seht, ich zieh nicht an der Schnur, ich trete zu Euch und lege die Hand auf Eure Schulter, Ihr könntet mich packen und die Klingelschnur abschneiden. Aber Ihr tuts nicht, Ihr wollt nicht mit ner alten Frau Krieg führen; es wär ein schlechter Ruhm für den Hake von Stülpe: hat mit der Geistlichkeit Fehde geführt sein Lebtag und hört damit auf, daß er alte Weiber überfällt. Trinkt noch eins, Euren Leuten will ich ein Faß Bier auf den Weg geben. Ist keine schlimme Nacht, im Wald ist auch gut Quartier. Und wenn sie Euch Euren Wagen abnehmen sollten, denkt: Wie gewonnen, so zerronnen! Heute mir, morgen dir, oder unrecht Gut gedeiht nicht. Was! wollt Ihrs leugnen, sagtet Ihrs nicht selbst, daß Pfaffengut unrecht Gut ist?«

Der Hake von Stülpe hatte nichts geantwortet, als daß er sich den Halskragen fester schloß. Bald darauf rumpelte und rollte es im Hofe. Während die Knechte mit ihren Armen stießen und mit ihren Schultern halfen, daß sie den Wagen über die Brücke brachten, hatte Frau von Bredow noch einmal die Hand dem Ritter auf die Schulter gelegt, und es war wohl ein Abschiedswort, das sie ihm zuflüsterte, ohne daß es einer hörte:

»Nichts für ungut, Herr Hake, Ihr seid ein guter Mann, aber jeder gute Mann muß sich in die Zeit schicken, wie sie ist. Die Zeit kommt auch von Gott. Der Adel muß zusehen, was er tut. Mit der Wegelagerei ists vorbei, den Pfaffen das Ihre nehmen, das wird auch bald vorbei sein, wenn die Pfaffen nichts mehr haben.«

»Sollen wir alle scharwenzeln am Hofe?«

»Ei nun, Ritter, ich meine: es gibt für nen guten Edelmann als wie für jedermann auch sonst zu schaffen und tun, dabei er zu Ehren kommt und das Land nicht zu Schaden.«

Ob andere Schnapphähne dem Hake von Stülpe seine Kisten und Kasten abgenommen, oder ob er sie salviert hat, weiß man nicht; er hats niemand gesagt, und die sie ihm etwa abnahmen, werden auch niemand davon gesagt haben. Das ist gewiß, der Lebuser und seine Domherren haben nichts zurück bekommen. Der Stülper war ein eigener heimlicher Mann, was er andern vertraute, war nicht immer das, was er wußte und meinte. Soll später mit dem wilden Herzog Albrecht von Brandenburg herumgezogen und in der Schlacht gefallen sein, darin auch Kurfürst Moritz den Tod fand. – Die alte Frau von Bredow aber hatte großen Ruhm von dem Tage; sie sangens in Liedern, wie sie den Hake von Stülpe abgeführt, eine alte Frau den verschmitztesten und verwegensten aller Ritter, die auf der Straße ritten.

In der Nacht, die auf den Tag folgte, hatte sie aber noch andere Ehren. Selber geleitete sie, zuerst in einem Wagen, dann, wo der Wald dichter ward, zu Fuß durch die engen Fußsteige die durchlauchtige Kurfürstin nach der Grenze. Denn als Frau Elisabeth von der Einlagerung erfahren, und wie sie nicht so verborgen im Hause sei, als sie gemeint, brannte es ihr unter den Sohlen, und sie wollte hinausstürzen bei hellem Tage; solche Angst hatte sie, daß ihr Herr und Gemahl es erführe und sie einholen lasse.

Die Nacht war still und mild, aber das Herz der edlen Frau schlug gewaltig. Manches Mal knisterte es rechts und links und hinter ihnen, daß sie erschrocken stehen blieb, aber Frau Brigitte beruhigte sie: das wären gute Geister, die sie geleiteten.

»Wohin denn?« sprach die Fürstin. »Ach ins Elend! Wo ist denn mein Vaterland? Ich habe keins, nicht in Dänemark, nicht in Brandenburg, ich habe kein Haus und keine Kinder. Wo werde ich denn mein letztes Haus finden?«

Da antwortete eine Stimme: »Im Glauben des Herrn,«

Sie meinte, es spräche es ein Engel und ging getrost weiter. Da nun die Grenze nahe war, wie Frau Brigitte ihr sagte, blieb sie stehen und wischte eine Träne aus den Augen: »So ziehe ich aus dem Land und keiner sieht es, in Nacht und Nebel, und wie anders ward ich eingeholt, dazumal in Stendal. Es war auch Nacht, aber die tausend Sterne standen am Himmel und Ritter mit Fackeln ritten am Wege.«

Und plötzlich ward es auch in den Büschen helle von vielen Lichtern und einigen Fackeln, und ein Choral hub an von Männerstimmen, der klang wunderbar feierlich und beruhigend.

»Mein Gott, was ist das?« sprach die Kurfürstin bewegt.

»Das sind gute brandenburgische Herzen, die ihrer Fürstin in der Stille das Geleit gegeben,« sagte die Bredow. »Es schlagen viel Herzen im Lande für sie und das, was sie bekennt, und wofür sie leiden muß. Die durften sie doch nicht wie eine Bettlerin aus dem Lande ziehen lassen.«

Und mit Verwunderung sah die Kurfürstin die Menge Leute, die aus den Büschen auf den freien Platz traten. Manchen kannte sie und hatte es nicht erwartet. Auch die Aebtissin von Spandow, die ihr den Rock küssen wollte, sie aber drückte sie ans Herz. –

»Auch der Herr Abt von Lehnin! – Kinder! meine lieben Freunde! so viele Bekenner und solche! im Lande; dann scheide ich ja nicht ohne Hoffnung.«

»Wer auf des Herrn Wegen geht, muß nicht allein glauben, er muß immerdar hoffen,« sprach der Doktor Buchholzer, der halb als Ritter, halb als Geistlicher neben ihr stand. Er hatte sie schon durch den Wald geleitet. »Und wenn Ihr auch mehr hofft, die Hoffnung wird Euch nicht trügen, Kurfürstin!«

Es war ein Ton, der mehr versprach, und er hielt Wort. Drüben ward es noch heller von Fackeln, Rüstungen; Rosse, Reiter und Wagen brachen durch das Gebüsch. Es waren die sächsischen Herren, vom Kurfürsten abgesandt, seine Nichte zu empfangen.

»Tretet sicher auf den Boden, wo das Unkraut des Antichrists ausgereutet ist,« sprach Buchholzer, der die Fürstin über den Grenzgraben führte. »Eures Vertrauens und Glaubens wartet der Lohn.«

Ein glänzender Jüngling trat aus den Sächsischen hervor und stürzte der Fürstin zu Füßen: »Mein Sohn!« rief sie. Es war der Kurprinz.

Nicht so froh, als es die Kurfürstin in dem Augenblick gewesen, schien Frau Brigitte zurückzukehren. Was ihr Agnes von dem Zustande Hans Jochems gesagt, konnte sie nicht betrüben; er besserte sich ja, und was ging sie Hans Jochem überhaupt an, und wenn er auch kuriert würde und sogar ein vernünftiger Mensch. »Mit seiner Vernunft ist doch nichts rechts,« dachte sie. Aber an der Grenze vorhin war auch Knecht Ruprecht wiederbekommen. Sicher und wohl hatte er ihre Eva bis Wittenberg gebracht, aber sie kam nicht zurück. Warum nicht? Weil ihr Mann Hans Jürgen zu ihr gekommen. Warum kam er zu ihr? – Weil er verbannt war.

Die gute Frau weinte eine stille Träne. Es war ihr lieb, daß niemand es sah und hörte. Nur die Bäume rauschten: »Alles verbannt, alle außer Landes, alle ins Elend! – Und wenns nun doch nicht recht wäre, Ruprecht!«

»O Gestrenge, keine Sorge darum. Manches Mal war ich noch bange, aber nun bin ich beruhigt, es wird alles gut. Alle Glocken läuteten, als wir Wittenberg nahe kamen. Sie lassen die Glocken. Luther hats gesagt, der Buchholzer und die andern mußten schweigen. Nun sind die Protestanten durch; sie hören Gottes Stimme.«

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