Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes.

eingestellt: 8.8.2007



Joachim war krank, er schlummerte im Lehnstuhl. Während der Leibdiener die Decken über seinen Füßen wieder zurecht legte, betrachtete der Bischof aufmerksam seine Züge. Er hatte den Kurfürsten nicht oft im Leben gesehen; aber oft hatte er auf dem Schlachtfeld, auf dem Krankenbett die Linien studiert, welche der nahende Tod über das Antlitz der Helden und der Schwachen zieht. Joachim hatte ihn rufen lassen; er war in der Meinung gekommen, daß der Fürst die letzte heilige Speise aus seiner Hand verlange.

»Sollte so auslöschen ein solches Licht! Ein solcher Geist so einsam und still von dieser Welt schleichen!«

Er sprach es leise, mit bewegter Stimme, die Arme wie zum Segen erhebend; der Leibdiener hatte ihn verstanden:

»Ihr seid im Irrtum, hochwürdigster Herr. Er ruht nur aus. Das ist die Abspannung, die ihn jederzeit nach den heftigen Gesprächen überfällt. Die Aerzte selbst haben oft gemeint, daß es zum letzten ginge. Nun kennen sies.«

»Mit wem spricht er so heftig?«

»Mit sich selbst – mit der Luft – Gott weiß, mit wem! Zu keinem lebendigen Menschen ists. Ein geistlicher Zuspruch tut ihm recht not; wir freuten uns alle, als er endlich Euer Hochwürden rufen ließ.«

»Seinem Beichtvater –«

»Traut er nicht. Er traut keinem mehr.«

»Spricht er auch nicht mit dem Kurprinzen?«

Der Diener zögerte mit der Antwort: »Zuweilen!« Der ruhige Blick aus des Bischofs ernstem Auge löste ihm die Zunge. Näher an ihn herantretend, sagte er leise: »Ach, hochwürdigster Herr! seit die Prinzen damals ihm schwören müssen, ihren Glauben nie zu ändern, sieht er sie mit einem gar wunderbaren Blick an; und einstmals, als ich hinterbrachte, daß der Kurprinz sich noch in der Nacht nach seinem Befinden erkundigt, rief er: »So ungeduldig nach meinem Kurhut! Er wird ja früh genug die Schlangen kennen lernen –«

»Das sind vorübergehende Stimmungen der Melancholie. Er leidet an der Galle. Erwähnte er nie in seinen Reden der Kurfürstin?« »Ich hörte es nie. Wo man sie nennt, zuckt nur ein schmerzlich Lächeln ihm über die Lippen.«

»Nennt er andere Frauenzimmer?«

»Das ist alles vorüber. Als man einmal des gnädigsten Kurprinzen erwähnte, daß Hochderselbe das Frauenzimmer gar zu gern sieht, sprach er: »Blumen, mit denen die Bienen kosen! Die Natur spielt gern. Die Natur weiß nichts von der Ewigkeit.«

»Und wohin fliegen seine Träume?«

»Immer auf die Jagd, bald Jäger, bald gejagt. Immer ists nach einem Wolf, dann ist er selbst der Wolf, er heult und setzt durch das Dickicht. – Gnädigster Herr, die Wölfe werden bald ausgereutet sein in den Landen! sage ich ihm. – Der ewige Wolf stirbt nicht, antwortet er, der Wolf des Ungenügens, der ewig sich wandelnde, der Werwolf der Welt, der von Anbeginn losgelassen ist – er wird sie fressen, Altäre und Throne, den Mond, die Sterne auch, und warum bauen, kitten, leimen wir? – für den Rachen des Untiers! – Davon weiß ich nur den Sinn durch die alte dänische Kammerfrau der Kurfürstin, die hier zurückblieb. Es sind dort alte, heidnische Lieder in Norwegen von einem Wolf, der einmal die Welt verschlingen würde. Drum sage ich immer, hätte unser Herr sich nicht befaßt mit den alten heidnischen, lateinischen Büchern und den Gelehrten und Schwarzkünstlern, es sähe besser mit uns aus.«

»Sonst keine Namen!«

»Er ruft wohl den und jenen, dann stößt er sie wieder fort. Am öftersten schreit er nach dem Lindenberg, nämlich im Traum; er bittet ihn, zu verzeihen, daß er ihn in den Abgrund stieß; dann klagt er bitter ihn an, und sagt, er könne es ihm nimmer vergeben, nicht hier, nicht jenseits, Gott selber könne den ungeheuren Straßenraub nicht vergeben. Frage ich, daß ich ihn nur unterbreche, was hat der Herr von Lindenberg denn Euer Durchlaucht gestohlen? antwortet er: meine Seele, oder: mich selbst! Dann sinkt er immer, in Todesschweiß gebadet, zusammen. Bisweilen ruft er auch nach dero seligem Vorgänger, dem Bischof Hieronymus: warum er ohne Abschied fortging, sie hätten noch so vieles zu besprechen? Letzthin nennt er auch mehrmals den Herrn Marschall von Bredow, den er außer Landes geschickt, aber das greift ihn nicht so an, da lächelt er wohl; er wird schon wieder kommen. Aber nach der durchlauchtigsten Kurfürstin hat er noch nie gerufen. – Er regt sich. Nun wird er die Augen aufschlagen.«

Joachim hatte die Augen aufgeschlagen, er hatte den Bischof erkannt, der Diener ging auf seinen Wink, und Joachim war wieder er selbst.

»Ich bin nicht so krank, als Du meinst« – sprach er, sich aufrichtend, »Die Zeit ist nur krank.«

»Euer Durchlaucht werden sich erholen.«

Joachim maß ihn mit einem scharfen Blick: »Zur Lüge ist zwischen uns nicht Zeit, Mathias von Jagow; laß uns die wenigen Augenblicke nutzen. Ich sah Dich selten. Du suchtest mich nicht auf. Das ist das Los der Fürsten; das Gesindel läuft ihnen von selbst zu, die aufrichtigen Männer wollen aufgesucht sein. Wie kann das ein Fürst? Es wäre ihre Pflicht.«

»Meines Herrn Gunst verdanke ich mein Bistum. Ich übte meine Pflicht, wie ichs verstand.«

»Und warst zu stolz, zu mir zu kommen.«

»Du willst Wahrheit, Herr; ich wäre nicht zu stolz gewesen, wenn ich gewußt, daß ich Dir dienen können, wenn ich gewußt, daß was ich denke –«

»Mir gefiele! – Es gefällt mir nicht. Du hegst die Neuerer. Ich habe Dich nicht angeklagt, ich ließ Dich walten, weil ich Dich kannte. – Ein rechtlicher, verständiger Mann weiß auch die bösen Stoffe, die gefährlichen Triebe zum Guten, zum allgemeinen Besten zu verwenden. Bist Du nun enttäuscht, siehst Du nun, wo es hinaus will, zur Auflehnung gegen alle Ordnung, zur hellen Empörung? Zwietracht, Stimmenverwirrung überall. Die Fürsten gegen den Kaiser im Bunde, der Adel in Schwaben, am Rheine, gegen die Fürsten im Kriege, die Bauern gegen den Adel. Fanatiker, gotteslästerliche Schwärmer in Holland, Westfalen; Bilderstürmer, Wiedertäufer, die Greuel der Hussitensekten erneut. Ueberall Federkrieg, Blut, zerbrochene Burgen, rauchende Dörfer; das deutsche Reich zerfällt. Das ist sein Werk. – Glauben will ichs, daß er es ehrlich meinte, als er anfing. Der Aberwitz jauchzte ihm zu, getäuschte, eitle Obrigkeiten, tausend selbstsüchtige Menschen, die ganze Gemeinheit unserer Natur scharte sich um ihn. Was Wunder, daß er sich selbst überschätzte, wo selbst seine Dummheiten Bewunderer fanden! Bei lebendigem Leib zu einem Heiligen erhoben werden, welches Menschenkind widerstände der Versuchung! – Ich könnte ihn jetzt bemitleiden, Mathias, ja, ich bemitleide ihn, wenn ich in seine Seele schaue. Wenn der Rausch verdampft, wenn er das Unheil gewahrt, das er angerichtet hat und nicht mehr ändern kann! Er möchte es schon, und er kanns nicht mehr, der arme Mensch. Was müht er sich ab, gegen die verführten Bauern zu schreiben! Er ficht ja gegen sein eigen Werk, er fühlts; wie matt, haltlos sind die polternden Worte. Er überpoltert sich, die Galle schwillt ihm, seine spitze, scharfe, treffende Feder versagt, und im Ingrimm staucht er sie auf das Papier. So las ich seine Schrift. Wie mögen die armen Bauern sie lesen. Ihr Heiliger verläßt sie, ihr Anführer flieht.«

»Wer so scharf die Krankheit anderer erkennt, ist nicht krank.«

Joachim war aufgestanden und mit verschränkten Armen hielt er sich aufrecht, als wollt er es beweisen.

»Der Versuchung widerstand ich, Mathias, welcher der Mönch erlag. Rühmt man dereinst auch nichts an mir, das wird die Geschichte anerkennen müssen an Joachim von Brandenburg: er buhlte nicht um Volksgunst, er war sich selbst genug. Ich hätte auch können ein Götze werden. Als ich den Adel züchtigte, was jauchzten die Krämerseelen mir zu: Weiter! Ich tats nicht um der Krämerseelen willen; um die Gerechtigkeit, um mich selbst, was ich meiner Fürstenwürde schuldig war. Ich ward nicht ihr Heiliger, sie nennen mich vielleicht einen Abtrünnigen; denn ich hielt und liebkoste wieder, den ich gezüchtigt. – Wär es mir ehegestern schwer geworden, mich aufs neue zum Götzen des Volkes zu machen! Wenn, statt dieser guten Sachsenfürsten, ich Luthers Sache ergriffen, sie zu meiner gemacht, meinst Du nicht, daß es eine andere Sache geworden wäre! Wär ich zu Worms, zu Speier, sein Advokat gewesen, und statt der Schmalkaldener hätte ich zu Augsburg mein Schwert in die Wage gelegt! Wie hoch auf ihren Schultern hätten sie mich getragen, nicht meine, Deutschlands Völker. Die Kaiserkrone, wäre sie ein zu hoher Schmuck für meine Stirn gewesen? Kein Schmuck, Mathias Jagow; ich, getragen von diesem Strom, hätte als deutscher Fürst das, vielleicht mehr erreicht, wonach der spanische Karl seine Arme ausstreckt. – Ich zog es vor, dem Strom entgegen zu stehen. Wanke ich? Zittre ich? Und ich stehe allein.«

»Joachims Heldentum wird die Nachwelt erkennen. Mehr an ihm wird sie rühmen, daß er menschlich dachte, während er als Fürst handelte.«

»Auch Du hast menschlich gedacht, Mathias. Als ein kluger, milder Hirt, wolltest Du das Uebel nicht mit Messer und Zange ausreißen, Du hofftest die Verirrten auf dem Wege ihrer eigenen Torheit zur Erkenntnis zu führen. Nun siehst Du, es geht nicht. Wenn mancher Baum auswächst durch die Kraft seiner Säfte den frühen Schaden, das Gleichnis paßt nicht auf das Menschengeschlecht. Wo ist denn unser gesunder Saft, unsere Wurzel tief in der Erde? Krankend von der Geburt an Adams Sünde, bedarf dies Geschlecht, das Gottes Ebenbild sein soll, beständig des Mittlers oder der Zuchtrute. Nicht gehen lassen, scharf anfassen muß man das Uebel, wenn es noch klein ist. Da hat unsere Menschlichkeit, unsere Klugheit uns einen üblen Streich gespielt. Wenn wir den Mönch, als er am Wittenberger Tor die Flamme entzündet, in die Flamme gestoßen, was wäre von ihm übrig? Was von Huß übrig ist. Asche, die der Wind über die Felder treibt –«

»Um als neue Saat fruchtbarer aufzugehen. Oder ging Luther nicht aus Huß, Huß nicht aus Wiclefs Samen hervor? Oder haben in Meißen Herzog Georgs Beile und Scheiterhaufen die Saat erstickt?«

»Noch also der Verwilderung das Wort? Das Unkraut soll wuchern!«

»Was Unkraut ist, was Früchte trägt auf diesem großen Saatfeld, dessen Ernte wir nicht erleben, weiß nur Gott. Wo große Dinge für die Welt gebraut wurden, mußte der Strom abschäumen.«

Joachim war wieder in den Stuhl zurückgefallen, er ließ den Kopf im Arme ruhen; seine Kraft, die er vorhin zeigen wollte, mußte nur eine geborgte gewesen sein.

»Ich bekehre Dich nicht, Du bekehrst mich nicht,« Hub der Fürst nach einer Pause an. »Kommen mir doch die Disputationen, die ich ehedem geliebt, so schal vor. Du warst nicht immer Theolog; als Krieger auf dem Schlachtfeld, im bewegten Leben, an der Fürsten Höfen, studiertest Du die Welt; dort lerntest Du Gott kennen, Du kehrtest freiwillig, mit reifer Ueberzeugung zu seinem Priesterdienst zurück. Von edler Abkunft, klebt Dir nicht der Schutz der Erde an, wie diesen Mönchen, die der Dunst der Lampe zu Propheten inspirierte. Dein Aug ist freier, Du missest die Verhältnisse mit großem Maße; – mein Gott, soll ich auch Dir, Mathias Jagow, zeigen, was untergeht –«

»Ein großes Werk von über tausend Jahren, vor dessen Wunderbau ich oft in staunender Bewunderung gen Himmel schaute. Voller Gliederung wars, so kunstvoll alles gefügt, als wäre Gott selbst der Baumeister gewesen, eine Pyramide, wo jeder Stein an seinem Platze lag, tiefen Grundes unten, hoch in die Wolken ragend; und kein totes Steingebäude; voller Aenderungen, Blutumlauf, und welche Tätigkeit entwickelte der Bau! Wie nahm er die Bedrängten in Stürmen und Wetter auf, wie schirmte er in seinen Mauern Gesittung, Recht, Wissenschaft und Kunst in grauer, wüster Zeit; was ewig dem Menschengeschlecht in der Barbarei verloren gegangen wäre, hier ward es uns erhalten. Unsere Wälder wurden von hier aus gelichtet, unser Boden gebaut, daß er goldene Früchte trug. Wer zählt alles auf, was war, und nun ist es nicht mehr.«

»Laß dann den Iltis oben hausen und die Nachteule, Gift und Schlamm statt des gesunden Blutes, statt der Züchtigkeit und Wissenschaft laß Satyre Völlerei treiben; alles will ich Dir zugeben, aber der Bau steht doch noch. Und bliebe er ewig eine Ruine; wäre dem Menschengeschlecht die Kraft ausgegangen, wieder Geist, Sitte, Leben hineinzuhauchen, die Pietät forderte doch schon, daß wir vor solchem Bauwerk Ehrfurcht hätten. Aber sollen wir wieder in Wälder und Höhlen verkriechen vorm Sturm und Regen, denn wo ist ein ander Haus? Antwort auf meine Frage, Mathias Jagow: Hältst Du das Holzgebäude, was die Doktoren dort in Augsburg in ein paar Nächten aufgezimmert, für ewig?«

Der Bischof schwieg einen Augenblick: »Es ist von Kernholz aus deutschen Eichen.«

»Die, kommts hoch, Jahrhunderte der Fäulnis widerstehen, nicht Jahrtausende. Dann wird gebessert dran werden, neue Balken, Querhölzer, Nägel, bis das Haus ein neues ist, oder verfault, ein Spiel der Winde, zusammenstürzend, und niemand kümmert sich darum. Die Pyramiden am Nil, die dreitausend Jahre stehen, lächeln mitleidig darauf nieder.«

»Ruinen! Selbst die Sprache der Toten an ihren Wänden ist vergessen von den Lebendigen.«

»Umsonst! Du bist geschlagen, Mathias; Du wagst nicht, den neuen Bau zu verteidigen, Du wagst nicht, zu behaupten, daß er nur Jahrhunderte dauert, nicht einmal, daß er schon steht, daß er je stehen wird.«

»Mein Fürst will nicht theologische Disputationen. Erlaubt, daß ich als Kriegsmann spreche. Ein Feldherr mit einem kleinen Heere zieht sich vor dem überlegenen größern zurück, wenn er voraussieht, daß er unausbleiblich unterläge, so er die Schlacht annimmt. Denn nie wollte ers vor seinem Herrn verantworten, wenn er nutzlos seine tapfern Leute geopfert.«

»Wenn sein König ihm gebot standzuhalten? Man kann auch fallend siegen.«

»Der König der Könige sprach in vielen Sprachen zu den Völkern der Erde; durch die Natur, durch seinen heiligen Mund im feurigen Busche, durch seine Propheten, durch sein Fleisch gewordenes Wort. Er hat noch eine andere Sprache, die nirgends niedergeschrieben steht; aber Völker und Könige, die nicht drauf achteten, traf sein Zorn, sie wurden ausgelöscht aus der Reihe der Lebendigen. Willst Du gegen den Stachel lecken? sprach die Stimme aus den Wolken zu dem Apostel. – Wer ist so stark, daß er sich vermisset gegen meinen Willen zu handeln! ruft er im Sturm der Zeiten den trotzigen Geschlechtern zu, und der Sturm und die Flut verschlingt sie wie Pharaonis Heerscharen.«

»Und wenn der Sturm nur ein Pesthauch war! Deine Lehre ist selbst Gift.«

»Sie ist gefährlich, ich weiß es. Ich kann irren, wie Du, wie jeder Sohn des Weibes irret. Vor Rom rief Gottes Stimme dem Attilla: Zurück! In der Schlacht rief sie zu Konstantin: Vorwärts! Mit diesem Zeichen wirst Du siegen! – Der wich, der ging vorwärts; wer gab ihnen nun Unterweisung, Bürgschaft, daß es Gottes Stimme war? Wir wissens nur aus dem Erfolg.«

»Und weil der scheinbar für die Lehre der Empörung ausschlägt, soll ich weichen!«

»Nicht, wenn Du die Stimme nicht hörtest. Wer wer sie hört –«

»Soll dem Schall trauen, der Täuschung seiner Sinne, Empfindungen, wo er Festes unter sich hat, heilig Verbürgtes!«

»Und faßten Menschensinne nicht auch das auf?«

»Anderthalb tausend Jahre bewährten es.«

»Gott redet zu den Völkern und den Zeiten, wie sie es verstehen, zu den Kindern anders als zu den Männern.«

»Das ewig Wahre ist ewig dasselbe.«

»Und wer greift es an! Nur um die äußersten Grenzen ist der Streit.«

»Was war und galt, ich wills erhalten. Ich kenne nichts mehr, nichts Höheres. Dazu setzte der Herr mich auf den hohen Wachtposten, in diesem Ritterdienste will ich stehen und fallen.«

»Und schaust Dich nicht um nach dem, was vor Dir bestand und warfst es um?«

»Unbilden.«

»Auch altbewährte, tausendjährige Rechte. Die sie verloren, nagen an ihrem Schmerz, wie Du am Schmerz der Zeit. – Nur festhalten willst Du, Joachim? – Ein Geist wie Deiner! Gott hätte Dich nicht zu mehr berufen? Nicht in Deine Seele gesenkt das Verlangen, die Unruhe nach dem Bessern, keine Feueresse in Deine Brust, die rastlos hämmert an Entwürfen? – Dein Feuerblick, Dein rollend Auge zeiht Dich – des Widerspruchs.«

»Ach, mein Gott!« rief der Kurfürst und atmete auf. Der Bischof schwieg zurücktretend, er meinte vielleicht, er habe schon zu viel gesprochen; aber nach einer Pause winkte ihm der Fürst.

»Mich hast Du angeklagt. Ich werde mich bald vor einem andern verteidigen; vielleicht erliege ich vor der Anklage, die Du noch scheu zurückhältst: Ja, ich überhob mich, steht in Deiner Brust geschrieben, dem eigenen Wissen vertraute ich mehr als den Zeichen. Was ich droben antworte, – leugnen werd ichs nicht, aber, zwischen uns, erkenne ich keinen Richter. – Das die Zeichen, Mathias. Du bist so klug, Du kennst die Menschen! Achtung vor diesem Geschlechte? Vor dem Mönche, ja vielleicht. Doch vor der Staubwolke, die er mit sich reißt?«

»Zähle sie, Städte, Herren, Fürsten, Lander!«

»Ich zähle nicht, ich wäge sie ab. Die wollen teilen, plündern. Der aus Haß, der aus Liebe. Den treibt Sinnenlust, er will ein Weib, den Eitelkeit, ruheloser Ehrgeiz.«

»Die Du einst achtetest aus Deinen Nächsten –«

»Acht ich nicht mehr. Dem hat Rom nicht erlaubt, eine Predigt zu halten, nun ist er gegen Rom. Der Eifrige hoffte auf ein Bistum; weil er nicht mehr hoffen darf, ist sein Eifer erkaltet. So sind sie alle –«

»Alle erlauchten Häupter, alle Prinzen Deines Hauses, einer nach dem andern in Franken, in Preußen fielen ab. Wenn das nicht Zeichen sind! Du stehst ganz allein.«

»Des Ruhmes so mehr, wenn mich die Geschichte als Bekenner nennt. Wecke nicht sträflichen Ehrgeiz an der Schwelle zum Grabe.«

Der Bischof senkte die Augen: »Herr, Dein edles Gemahl,« hub er mit bewegter Stimme an. »Wenn eine zarte Frau Gatten, Kinder, den Segen des Hauses, die Heimat verläßt; wenn sie ins Elend flieht, um ihrem Glauben zu leben, ist das Selbstsucht, kein Zeichen einer Wahrheit, die sich nicht länger bergen läßt? Wenn Dein ganz Volk, wenn hinter jeder Tür Deines Hauses für sie gebetet, ihr Name gepriesen wird, wenn die Kinder abends mit tränenden Augen zu Bett gehen, morgens mit ihrem Namen auf den Lippen aufstehen, wenn ihr Name durchs Land wie der einer Heiligen verehrt wird –«

Joachim unterbrach ihn: »Meinen Kindern erlaube ich, sie zu besuchen; sie bleibt Mutter, wenn sie auch als Landesfürstin sich entwürdigt hat. Ein Zeichen ist das nicht. Was will die Anbetung, was sollen die Verzückungen der Frauen für die Wahrheit einer Sache zeugen! Sie müssen anbeten, aufgehen in Verehrung, es ist ihre Art. Schlimm, wo sie aus der Art fallen, schlimm, wo sie nichts anbeten können als sich selbst! Das arme Weib, ich gönne ihr so gern den Trost. Aber beweisen soll das etwas, daß die Frauen an den neuen Altären opfern? – Dir allein, Mathias, seis vertraut: Wenn je ein Zweifel an der Göttlichkeit des Evangeliums mich beschleichen könnte, wars, daß die Weiber es zuerst waren, die dem Erlöser nachliefen. Wo laufen sie nicht nach, wo ein Prophet sich ihrer Empfindungen bemeistert, die immer dem meistbietenden Phrasenhelden zu Gebot stehen. Auf diesem weichen Boden von Gefühlen und Entzückungen der Magdalenen, Marien und Marthen wäre die christliche Kirche nimmer erbaut worden. Die ist das Werk von Männern von hohem und tiefem Verstande; das Werk der Kirchenväter ist der Riesenbau, den sie auf einen Felsen gründeten, nicht auf Weibertränen. – Und zu jenem schlaffen, matten Weiberhimmelreich voll maßloser Seligkeit und unbestimmter Sehnsucht wollen die Reformatoren die Kirche zurückführen! Genug der Torheit über die Torheit! – Ich zürne Dir nicht. Wir scheiden wie zwei Kämpfer, die ihre Kräfte maßen, und keiner konnte sich des Sieges rühmen, keiner wollte bekennen, daß er überwunden.«

Mathias von Jagow sah, daß der Kurfürst noch nicht im Sterben lag; er erkannte, daß nicht er es sei, von dem Joachim das Abendmahl verlangte. Er wartete des Zeichens abzutreten.

»Mathias, wir hörten beide Gottes Ruf aus den Wolken. Du Konstantins Vorwärts! ich Attilas Zurück! – Wohlan! kämpfen wir, nicht mit Worten, durch die Tat. Ich ehre Dich – offene Fehde zweier von Gott Ausgerüsteter. Jeder mit den Mitteln, die er ihm gab; ich als Landesherr. Wenn ich von Tangermünde zurück, befehle ich eine Visitation in Deinem Sprengel. Das muß ich, seit Du gegen mich bekannt. – Nun hätten wir uns nichts mehr zu sagen.«

Der Bischof verneigte sich.

»Wer doch die Stimmen der Toten hörte, Mathias! Sie wissen, was wahr ist. Klingen Dir nie aus den Grüften im Dom die Stimmen der alten Bischöfe?«

»Sie klingen mir. Hieronymus –«

»Er starb in Deinem Arm.«

»Mit einem letzten Vermächtnis an Dich.«

»Wie lautete es.«

»Der Geist Gottes läßt sich nicht länger binden. Hüte Dich, die Erwachsenen noch am Gängelband zu führen; Vermessenheit ists, in Gottes Allmacht einzugreifen. Ruf den Verirrten zurück zu seinem Volke, daß sein Volk nicht von ihm verirrt!«

»Das sprach er auf dem Todbett?«

»Sich schwer anklagend, daß er die Dunstgebilde, die Dich umgaukelten, durch falsche Schlüsse verhärtet.«

»Ein Betrüger! Ein geständiger Betrüger – auch Hieronymus!« –

Es war ein fürchterliches Gelächter: »Warum der allein nicht!« wiederholte er beständig in dem Krampfanfall, der die Hilfe der Aerzte herbeirief.

»Und, Mathias, was ist er mehr? – Was hat er diese Stunde abgewartet! Warum enttäuschte er mich nicht früher über sein Tun und Denken? Schlau in der Stille operierte er, bis es zu spät wäre, der tugendhafteste Mann. Und er hat recht, nicht wahr? – Ein großer Knäuel von Betrug, gröber und feiner nur geädert die Schlangen, die den Erdball bilden. Wer ihn aufrisse! Gott selbst auf seinem Sonnenthron müßte die Hand vor Entsetzen vors Auge halten! – Reißt es nicht auf! Es schillert so schön.«

»Das Bedenklichste,« sagte der Arzt, »ist, daß er sich für gesund hält, wenn er aufwacht.« – »Und noch bedenklicher,« sagte «in zweiter, »daß auch wir ihn dann dafür halten müssen. Halte man nur alles fern, was ihn aufregen kann.« – «Fragt er nach seinem Astrologen?«

»Er scheint ihn vergessen zu haben. Deshalb verschweigen wir es ihm zur Zeit.«

»Er ist plötzlich nach Jerusalem abgereist?« fragte der Arzt. »So sagt ein hinterlassenes Schreiben: aus unwiderstehlicher Sehnsucht nach dem heiligen Grabe.« – Das Volk murmelt seltsame Dinge, daß es in der Nacht im Schornstein geraucht, und in der Lohe hat man einen Kobold fliegen sehen. Andere meinen, sein Verschwinden hänge mit der Ausweisung des Landsberger Mönches zusammen, der unter der Peitsche des Büttels grauenhafte Dinge ausgestoßen haben soll. Wer mags glauben, wo itzo einer den anderen anketzert und verklagt!«

Joachim war gesund, weil er gesund sein wollte. Er war nach Tangermünde geritten, weil er die große Jagd, zu der so viel Herren und Fürsten geladen worden, nicht absagen wollen. Beim Mahl und Bankett war er ein liebenswürdiger Wirt, aber auf der Jagd sahen seine Begleiter sich oftmals ängstlich an. Sie jagten doch nach Hirschen, und er sprach immer vom Wolf. Da hörten sie ihn schreien; er war vorauf und sie fanden ihn am Baume niedergesunken. Als sie ihn aufhuben, wehte er mit der Hand nach den Büschen, und sein Aug stierte hin. »Gnädigster Herr, was ists? Wir sehen nichts.« – »Es war ein Weib,« sprach er, »sie hielt die Mündung meiner Büchse mit der Hand. Ich solle auf ihre Brust zielen. – Ich weiß es nicht, war es die Kurfürstin, oder wars – die alte Gräfin –«

Da hielt man es für geraten, ihn nach Berlin zurückzuführen. In einer Sänfte zwischen zweien Rossen ward er getragen. Einige meinten, er sei schon in Tangermünde gestorben.

In Berlin angekommen, sagte er, die Aerzte verständen nichts, er sei gar nicht krank. Er wolle eine neue medizinische Fakultät nach Frankfurt berufen. Auch sprach er von der Kurfürstin, als habe sie ihn besucht, und er erwarte wieder ihren Besuch.

Aber viele von den Ersten und Größten hielten ihn für mehr als krank, als sie von seinem Testament erfuhren. Er hatte sein Land geteilt unter seine beiden Söhne; auf Johann fiel Küstrin mit der Neumark, auf Joachim die anderen Marken mit dem Kurhut. Das war gegen das Hausgesetz seines Großvaters Albrecht Achilles, wonach die Marken nimmer getrennt, sondern allzusammen immer auf den Erstgeborenen vererben sollten. »Er ist von sich selber abgefallen,« sagten die Räte. »In seinen gesunden Tagen hätte er das nimmer getan. Was darf er noch klagen, wenn andere abfallen.«

Eines Abends rief er: »Herein!« – Sein Leibdiener sagte: »Gnädigster Herr, es hat niemand geklopft.« Joachim warf ihm einen seiner Blicke zu, die jeder kannte, halb mitleidig, halb zornig, und die bedeuteten: »Was verstehst Du davon, armselige Kreatur, wenn ich sage, es ist so!« – Dann sprach er zum Diener, er solle das Zimmer aufräumen, daß die Kurfürstin alles rein und gut fände; sie wolle ihn besuchen, um zu sehen, ob er auch nach Stand und Würden gepflegt werde? – Aber der Diener gehorchte ihm nicht, sondern folgte ihm leise nach, durch die dunklen Gänge des Schlosses. Der Leibdiener hat es hoch und teuer nachmals gegen viele bekundet. Er sah am Ende des Ganges eine hohe Frauengestalt gehen, und der folgte Joachim nach; aber seine Schritte wurden immer langsamer, als fürchte er sich vor dem Begegnen. Wo der Gang sich wendet, und sie war ihm entschwunden, hielt er sich mit dem linken Arm, der den Leuchter trug, an der Wand, davon man nachher noch zwei Brandflecke am Mörtel gewahrte, mit der rechten Hand strich er den kalten Schweiß von der Stirn: »Ich habe doch nur einmal den Herrn versucht, da ich auf den Berg stieg!« sprach er; und das war das einzige Mal, daß man ihn gehört von dem Berge sprechen. Er hat des Tages und der Begebenheit nie sonst erwähnt, noch wagte es einer vor ihm.

Dann nahm er sich zusammen und ging weiter um die Ecke, schneller, als jetzt der Diener ihm folgte, welcher, damit er nicht bemerkt werde, zurückgeblieben. Er hörte einen Schrei. Als er um die Ecke bog, stand der Kurfürst, ihm den Rücken zugewandt, wie einer, den der Schlag getroffen; nur ein leises Zittern fing an durch die Glieder zu gehen. Vor ihm, an der Treppe, stand aber eine hohe Frau, in Weiß von Kopf bis Fuß gehüllt; ein solch Gesicht hatte der Diener nie gesehen. Es wollte ihm nimmer bis an seinen Tod aus dem Auge. Die Frau hatte den einen Arm gehoben und winkte nach einer Richtung, halb war auch noch ihr Mund geöffnet; was sie gesprochen, ob es Laute gewesen, die ein sterblich Ohr versteht, weiß niemand. Der Kurfürst aber rief tonlos: »Ach, bist Du es schon!« Der Leuchter entsank ihm. »Die Gräfin von Orlamünde!« mit den Worten stürzte er nieder. Beim letzten Aufflimmern des erlöschenden Lichtes hat der Diener die Frau die Wendeltreppe hinaufsteigen gesehen. Einmal wandte sie sich noch zurück, dann war sie verschwunden.

Nicht der Leibdiener allein, es hatten viele an dem Abende die weiße Frau im Schlosse zu Kölln gesehen.

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