Frei Lesen: Der Werwolf

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Hake von Stülpe, Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Achtes Kapitel | Neuntes Kapitel | Neuntes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg I., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Sechstes Kapitel | Siebentes Kapitel | Die Sündflut und der Tempelhoffsche Berg. II., Erstes Kapitel | Zweites Kapitel | Drittes Kapitel | Viertes Kapitel | Fünftes Kapitel | Die Kurfürstin Elisabeth und die weiße Frau, Der Vertrag in ... | 2. Kapitel: Aufruhr | 3. Kapitel: Mundus vult decipi. | 4. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von einer Seite | 5. Kapitel: Der Reichstag von Augsburg von der andern Seite | 6. Kapitel: Die erste Kommunion | 7. Kapitel: Die Überraschung | 8. Kapitel: Die Flucht aus Berlin | 9. Kapitel: Die Gäste aufgenommen | 10. Kapitel: Die Gäste ausgewiesen | 11. Kapitel: Wunder und Wahrheit | 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes. | 13. Kapitel: Der Kehraus |

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Willibald Alexis

Der Werwolf

13. Kapitel: Der Kehraus

eingestellt: 8.8.2007



Zu Teltow, im Haus des Erblehnrichters, Joachim von Schwanebeck, hatten sich des Tages viele »Edle und Feste Junker aus dem Teltow« zu einer Einigung versammelt. Da war Jochem von Hake auf Sand Machenow, Jochem von Schlabrendorf zu Schloß Beuthen, Hans von Berne zu Groß-Berne (GroßBeeren), Christoph von Berne zu Schönow, Carl Siegmund von der Liepen zu Blankenfelde, Otto von Britzke zu Britzke, Christoph von Spiel zu Dalen, Siegmund von Otterstädt zu Dalewitz und Heinrich von Thümen zu Leuenbruch.

Die setzten untereinander fest, daß sie nicht länger der Lüge dienen wollten, sondern der Wahrheit, und da sie überzeugt wären von der reinen göttlichen Lehre, wie Luther und Melanchthon und die anderen sie gelehrt, so wären sie auch eines Sinnes und Willens, selbige anzunehmen und standhaft zu bekennen, und wollten sie ihre Pfarrei und Plebanen, »die sich sperren sollten,« zwar nicht durch Gewalt verfolgen und verjagen, sondern ihnen Unterricht reichen, aber sich inmittelst nach Predigern der reinen Lehre umtun. Das wollten sie tun, erstens darum, weil es gut sei und sie es wollten, dann aber auch darum, daß es anderen ein Beispiel werde. Denn was noch andere Adelige getan und noch tun mochten, daß sie ihre Hand ausstreckten nach den Gütern der Geistlichkeit, und ihren Eifer für die reine Lehre vorschützten, wollten sie nicht gutheißen; und wäre besser, daß es unterbliebe. Dann aber sei es an einem guten Edelmann und Ritter, daß er Gott die Ehre gäbe, und wenn er auch Schaden nähme an seinem Leibe. Da nun jedermann wisse, daß das ganze Land Brandenburg, mit Rittern, Bürgern, Schutzverwandten, Bauern und Inliegern, ja, dem größten Teil des Klerus selbst, von ganzem Herzen der neuen Lehre zugetan wäre, und der durchlauchtige Herr Markgraf und Kurfürst davon keine Kenntnis habe, und, als wie verlaute, keiner von seinen Räten und Offizieren sich getraue, es ihm zu sagen, und das eine Schande sei und ein Unglück für ein Land, so der Fürst nicht wisse, wie es im Lande aussieht, als könnten sies nicht übers Herz bringen, die Schande länger zu dulden, und daß die Lüge fortwähre. Vielmehr wollten sie insgesamt sich für ihre Person als Bekenner der neuen Lehre vor ihrem Lehnsherrn und Fürsten ausweisen, und, was an ihnen, Zeugnis ablegen für die anderen, als gute Edelleute, Vasallen und Untertanen, was auch der gnädige Markgraf über sie beschließe, denn man müsse Gott mehr gehorchen als den Menschen.

Das war die Teltower Einigung, und sie schrieben den Revers und ihre Namen darunter auf das leere Blatt hinter der deutschen Hausbibel des Erblehnrichters von Schwanebeck; so wollten sie am anderen Morgen nach Kölln reiten und die Bibel und die Schrift dem Kurfürsten selbst übergeben. Von den Familien, denen die Junker angehörten, sind manche nicht mehr in der Mark, andere sind ganz ausgestorben, auch die der Schwanebeck selbst; aber die Bibel, darin die Schrift steht, ist noch erhalten. Als die Junker anderen Morgens in der Frühe ausritten, wirbelten die Lerchen singend in die Luft; sie sangen auch – ein geistlich deutsches Lied, und ihnen war so wohl zu Mut. Es war ein schwerer Ritt, sagte sich mancher, denn es brauchte größeren Mut, mit solchem Vortrag dem Kurfürsten vors Antlitz treten, als einem Feinde, der in heller Schlachtordnung vor uns reitet und die Fanfare bläst. Da reichte wohl einer dem anderen die Hand und sprach: »Waren auch manches Mal bang damals in unserer Jugend, wenn wir nachts ausritten.« – Der andere aber hielt den Finger vor den Mund: »Um Jesu willen, erinnert nicht daran. Dazumal waren wir in den Greueln des Antichrist. Nun sind wir Streiter für die reine Lehre und brauchen das Tageslicht nicht zu scheuen.«

Aber bänger schlug doch ihr Herz, als die Morgennebel sich senkten, und sie der Stadt sich näherten. Sie hatten guten Willen und guten Mut, aber wer konnte denn reden, dem Fürsten gegenüber, wenn er den Mund auftat! Wie ein Strom riß seine Rede nieder und mit sich fort auch die sonst gut sprechen konnten. Dann ritten sie hinter Cedelendorp, was jetzt Zehlendorf heißt, immer langsamer, und man sahs ihnen an, sie waren sehr besorgt, als ein Staub aufwirbelte, und ein Zug ihnen von der Stadt entgegenkam.

Nun sahen sies, nun wußten sies – schwarze Reiter trugen eine schwarze Fahne, gedämpfte Pauken wirbelten, und ein Leichenwagen rollte langsam dahinter.

Der Stallmeister, mit dem der Erblehnrichter einige Worte voraus gewechselt, sagte: »Er wird nicht mehr den Mund auftun, um Euch zu antworten, und Ihr braucht nicht mehr vor seiner gewaltigen Rede zu erschrecken; sein Mund ist geschlossen, und er redet nicht mehr auf dieser Erde. Wir geleiten Joachim von Brandenburg zu seinen Vätern nach Lehnin. Friede seiner Seele!«

Die Junker entblößten ihre Häupter, und ehrfurchtsvoll stellten sie sich zu Seiten der Straße, bis der Wagen vorübergerollt.

»Frieden seiner Seele! Frieden seiner Asche! Frieden uns allen!« sprachen sie und falteten die Hände zum stillen Gebet. »Unser Ritt nach Berlin tut nun nicht mehr not,« sagte der von Schwanebeck. »Der Mensch denkt, und der Herr lenkt!«

Da ward ein großer Fürst in die Gruft gesenkt, ein Mann von gewaltigen Gedanken – sie stürzten wie Stürme aus Bergschluchten, und die wenigsten konnten ihm folgen – ein Fürst, in dem ein warm Herz schlug, und der es aufrichtig wohlgemeint mit seinem Lande. Aber in seinem Land sprechen nur wenige von ihm, viele kennen ihn gar nicht. Er hat nicht Schlachten gewonnen, nicht Länder erobert, und – seine Gedanken gingen nicht mit seinem Volke. Es kam ein anderer Gedankensturm, ein großer Strom über Völker und Länder, der bog die ältesten Bäume und verschlang den Hauch der Stärksten, der gegen ihn blies.

Nun hatten viele gedacht, das neue Werk sei fertig, als sie den, der das alte trug, in die Gruft senkten. Der Herr hatte gelenkt; aber es ging langsam, viel zu langsam für die, welche ihre Tore und Fenster vor dem Morgenrot schnell aufgerissen. Die Sonne weilte noch immer hinter Wolken. Die Verbannten kehrten heim, auch die edle Kurfürstin kam zurück mit ihrem kleinen Hofstaat und bezog ihr Wittum in Spandow; in ihrer Kapelle ward evangelisch gepredigt, aber im Lande blieben die Chorröcke, die Meßopfer; lateinisch tönte der Gesang der Priester, die in ihrem Herzen deutsch sangen. Man flüsterte, man wußte weshalb? – Wie soll das werden? fragten die Leute. Der Sohn hat ein Gelübde getan am Totenbette des Vaters? – Wer löst es? – Das kann nur der heilige Vater lösen. – Der heilige Vater aber konnte nicht ein Gelübde lösen, das dem Gelobenden verbot, von ihm abzufallen und ihn zu verdammen.

Das Gelübde ist gelöst, wir wissens alle. Am Tage Allerheiligen 1539 hat in Spandow in der Nikolaikirche, Kurfürst Joachim, der Zweite seines Namens, mit seiner Mutter, seiner ganzen Familie, seinem Hofstaat, und zahllosen von der Ritterschaft, aus den Händen des Bischofs Mathias von Jagow das Abendmahl empfangen in beiderlei Gestalt. Gepredigt hat der Doktor Buchholzer, der in besonderer Gunst bei der Kurfürstin stand, und er ward zum Propst von Berlin ernannt, und hielt Sonntags darauf in der Domkirche zu Kölln die erste evangelische Predigt, die sie öffentlich in beiden Städten gehört. Unter so vielen Frohen waren nur zwei betrübt, der ehemalige Propst und der Doktor Musculus, jener, weil er sein Amt niedergelegt – es hieß wegen Kränklichkeit, andere sagten, weil die verwitwete Kurfürstin ihrem Sohn erklärt, sie werde keinen Fuß nach Berlin setzen, wenn solch ein Mann noch die Kanzel betrete, – dieser, weil alle meinten, nun werde er doch Propst werden, weil er es verdient. Aber beider Betrübnis war verschiedener Art. Der Propst, der ein sehr alter Mann wurde und sehr ehrwürdig aussah in seinen weißen Haaren, pflegte wohl mit wehmütig lächelnder Miene zu seinen Freunden zu sprechen, wenn sie ihn trösten wollten: »Das ist der Welt Lohn, meine Freunde! Ich war der erste an diesem Hofe, der dem Greuelwesen einen Damm entgegensetzte. Jetzt, wo es leicht ist, will jedermann ein Bekenner sein; aber damals war es etwas anderes, es ging an Kopf und Kragen, und ich wagte es doch; dem gewaltigen Fürsten trat ich entgegen, und viel hätte nicht gefehlt – doch davon ist besser schweigen man hat es vergessen; die jungen Leute sind am Regiment, und so dankt man es den alten. Wehe dem, der auf Lohn rechnet, wenn er Gutes tut. In der Brust ist die Befriedigung, das ist der einzige Lohn.« – Musculus kümmerte es weniger, daß er übergangen war, – er war daran gewöhnt, – als daß er noch immer nicht die Erlaubnis hatte, seine Predigt zu halten. Vom neuen Kurfürsten ist er an Luther gewiesen, und Luther antwortete auch immer nicht; Luther hatte viel zu tun. Die Mode aber nahm immer mehr überhand an dem üppigen Hofe des jungen Fürsten, und wo jetzt alle Pluderhosen trugen, war oft der Platz in dem fürstlichen Saale zu eng für alle, die Recht auf einen Platz hatten.

Der Kurfürst Joachim II. ist ein eifriger Protestant geworden, und ein so rüstiger Theolog wie nur sein Vater, daß er über den rechten Glauben bis auf die Haarschärfe zu streiten wußte, ja noch stärker, als mit Worten; man könnte davon vieles erzählen. Mancher möchte es heut nicht glauben und es ist doch wahr; aber ob das wahr ist, was einige berichtet, wie er dazu gekommen, daß er sein Gelübde brach, da mag ein jeder glauben oder nicht glauben, es steht an ihm. Ueberhaupt, was ich bis da erzählt, ist aus den Geschichtsbüchern, und unsere Geschichte ist damit eigentlich zu Ende; aber die Leute wollen immer mehr wissen, als in den Geschichtsbüchern steht, und was ich nun noch aufschreibe, mag man getrost für ein Märlein halten, ich verbürge es nicht.

Alle Welt weiß, wie die edle Kurfürstin in ihrer Verbannung, so in Torgau als Wittenberg, in Freundschaft und seligem Vertrauen mit dem Doktor Luther gelebt hat. Tagelang war sie in seinem Haus und wohnte bei seiner Familie, und vergaß fast über seinen Trost und Zuspruch und seine frohen Reden, daß sie verbannt war. Aber zu Anfang war das nicht so, ja es war drauf und dran, daß sie von Wittenberg abgereist wäre, und hätte ihn gar nicht gesprochen, den Mann, nach dem ihr Herz wie nach Himmelsmanna sich gesehnt. Denn als sie zum ersten Mal in die Schloßkirche zu Wittenberg gegangen, zitternd vor Bangigkeit, ob ihr Ohr auch die Sprache fassen werde des Mannes, der mit Engelszungen reden müsse, hörte sie die Predigt nicht aus; vielmehr sie ward blaß und fiel in Unmacht und mußte hinausgetragen werden, was einen großen Aufstand gab. »Ich dacht es wohl,« sagte Eva Bredow, die ihr mit Salz und Moschus die Schläfe rieb, zu ihrem Mann, »das kann sie nicht vertragen, wenn einer von Hosen spricht. Und wie mußte der Doktor auch so oft das Wort wiederholen und dabei auf die Kanzel schlagen!« – »Ea war ja nur ein Gleichnis,« sagte Hans Jürgen. Beide wollten nicht, daß jemand davon etwas erführe, aber die Kurfürstin selbst, als sie zu sich gekommen, sprach es zu jedem aus: ob sie denn in dem Mann sich getäuscht, der solche Worte und Bilder auf die heilige Kanzel brigen könne! – Ihr Ohm und Bruder hatten viel Mühe, daß sie die aufgebrachte Frau beruhigten: es sei nun mal des Doktors Art, daß er von der Leber wegspreche und seine Worte nicht abwäge; aber im Herzen sei er so keusch und anständig wie eine Jungfrau. – Luther, als er davon hörte, soll aufgelacht und gesagt haben: es sei doch kein Ort, wo der Teufel nicht seinen Dreck hinsetze. Ein Glück, daß Frau Elisabeth das nicht gehört hat. Item es machte sich zwischen ihnen, und nachmalen, als sie Freunde waren, sagte Doktor Luther: »Gnädigste Frau, wie soll unsereins es säuberlich machen! So ich ein Blatt vor den Mund genommen und mich gescheut, die Dinge bei ihrem Namen zu nennen, wie hätte ich den Antichrist schlagen sollen! Mit Honigseim und Fliedermus geht der Teufel nicht fort, man muß ihm Rhabarber und Assafötida unter die Nase reiben, daß ers merkt.«

Bei sich aber dachte er: Ei nun, es kommt wohl Gelegenheit, wo ich es wieder gut mache! – Nun erzählt man, als die fürstliche Witib eines Tages mit ihrem Sohn, dem jungen Kurfürsten, aus Spandow nach Torgau hinübergefahren, hat Luther, der gerad dorten war, eine Predigt gehalten von den falschen Gelübden. Unter Luthers Schriften steht sie nicht; aber sie erzählen, daß er von der Kanzel so gesprochen hat: »Wir alle taten ein Gelübd, daß wir Gottes Gebote halten wollen. Damit sollte der Mensch sich genug sein lassen, denn es hat schon not, daß wir die Gebote halten; aber was darüber, ist vom Uebel. Denn was außer seinen Geboten liegt, da schenkte Gott uns die Freiheit, zu tun und zu lassen, was wir wollten, und so wir uns die Freiheit binden, aus Schrulle, Mutwillen oder was es sei, treten wir seine Gottesgabe, das ist unsere Freiheit, in den Kot. Vollends, was nun, so einer ein lästerlich oder dumm Gelübd getan; wie mag ers verantworten? Und wie darf ers halten ohne Sünde? So einer seinem Vater gelobt auf dem Sterbebett, er wolle seine Kinder erziehen, daß sie des Teufels würden, so ist das, als wenn einer als Kind verspräche, er wolle sein Lebtag dieselben Schuh tragen, oder dieselben Hosen auf dem Leibe. Das ist gottlos und dies dumm und beides lästerlich. Das da darf er nicht halten, oder er versündigt sich gegen Gott und seine Gebote, und dies kann er nicht halten, denn die Kinderschuh tritt er aus, und wenn er als Mann in die Hosen will, die er als Bub trug, da platzen sie. Item, er müßte nackt laufen, und das ist auch gegen Gottes Gebot. – Aber er versündigt sich, sagen sie, wer ein solch Gebot nicht hält? – Gegen wen denn? – Ja, Sünde ist da, die liegt aber hinter Euch. Der solch ein Gelübde forderte, beging die erste, und der es versprach, die zweite, größere Sünde, und nun hütet Euch, daß Ihr nicht die dritte, die allergrößte Sünde begeht und das Gelübde erfüllt. Wer Euch frei spricht? fragt Ihr. Das tut Gott im Himmel, der Euch zu freien und vernünftigen Menschen gemacht hat; denn wo seine Gebote aufhören, da fängt Eure Vernunft an, und sie allein soll Euch Gebote geben, und wenn Ihr nicht darauf achtet, so versündigt Ihr Euch gegen Gott und Euch selbst, und handelt nicht anders als das unvernünftige Vieh.«

Gar nachdenklich kehrte Joachim und gar froh seine Mutter von Torgau nach Haus. Noch andere kehrten froh und nachdenklich nach Haus, das waren Hans Jürgen und seine Frau Eva. Sie faßte ihn bei beiden Ohren und sah ihm schelmisch ins Gesicht: »Siehst Du, nun kommst Du noch ganz zu Ehren; und wie lieb ists mir, daß ich damals das nicht tat.« Jetzt erst soll sies ihm gesagt haben, was sie damals in der Nacht vorhatte. Sie hatte sich geschämt, es zu erzählen. – Was weiter sich zutrug, darüber weiß man nichts Gewisses, und was ich jetzt noch erzähle, erscheint mir wie ein Märlein, wenns nicht in einem Geschichtsbuch verzeichnet stände.

Joachim jagte in der finstern Forst zu Grimnitze auf Bären. Da sprang ein Hauptbär aus der Schlucht ihn an, ehe denn einer vom Gefolge zu Hilfe kam. Der junge Fürst wehrte sich mannlich und erlegte das Untier, ohne daß er an seinem Leibe Schaden genommen. Aber der Bär hat ihm das Sammetwams mit samt dem Hemde geschlitzt und hat ihm die Hosen bis an den Sattelknopf mit der Tatze fortgerissen. Da hätte der Fürst ohne Hosen nach Haus reiten müssen, ohne Hans Jürgen von Bredow, der der erste war, der zugestürzt kam. Ein guter Vasall tut alles für seinen Fürsten, und Joachim ritt heim aus der Grimnitzer Forst mit großen Ehren und mit den Lederhosen des Herrn von Bredow.

Der Rektor Haftiz vom grauen Kloster zu Berlin ists, der uns die Geschichte aufbewahrt hat; aber er verlegt sie ins Jahr 1522, und müßte sich doch ereignet haben, wenn unsere Geschichte wahr ist, etwa erst um 1538. Drum haben wir Bedenken, ob sie sich so zugetragen hat.

Hans Jürgen war seine Hosen los, und gewiß mit Ehren, denn er hatte sie seinem Kurfürsten verehrt, und wenn etwa ein anderer Bredow auf das Familienstück Anspruch gemacht, von seinem Landesherrn durfte ers nicht zurückfordern. Joachim trug sie unterweilen, zuerst zum Spaß, daß es ihn erinnerte an sein Ritterstück mit dem Bären, nachher zum Trotz und Hohn für seine Hofleute, davon wir gleich erzählen werden. Aber seine Freundin Anna Sydow, die berühmte »schöne Gießerin«, hatte ein großes Aergernis dran, und endlich schwatzte sies ihm ab. Doch hielt er die Hosen noch immer in Ehren, um des Tages und dessen willen, von dem er sie erhalten, und ließ sie in der Rüstkammer aushängen. Aus der Rüstkammer kamen sie nachmals in das Zeughaus zu Berlin, wo sie noch heutzutage hangen und für jedermann zu sehen sind. Man verwundert sich, wie stark damals die Leute gewesen sein müssen, die solche Hosen tragen könnten.

Das alles, wie gesagt, ist nur wieder erzählt, wie es von den Leuten wieder erzählt wird. Gewiß aber ist, daß Andreas Musculus seine Predigt über den Hosenteufel endlich wirklich, und zu großem Ruhme, in Berlin gehalten hat. Luther nämlich soll gesagt haben: »Der Teufel heckt auch allerhand Narren; das ist aber nicht das Schlimmste, was er tut,« und hatte nach Brandenburg reskribiert, möchten immerhin die Predigt halten lassen, es würde keine Seele davon Schaden nehmen. Musculus war schon alt, da er die Kanzel bestieg und das Papier ganz gelb, aber er wußte die Predigt auswendig, und mit Tränen im Aug und einem Gesicht wie verklärt, und von Freude zitternder Stimme sprach er sie, daß alle, die sie hörten, gerührt wurden. Die Kurfürstin Witwe, die zu den meisten Predigten nach Berlin herüber kam, war in Spandow geblieben, aber sie sagte: sie gönnte dem alten Manne die Genugtuung, er hätte um seinen Glauben viel gelitten. Und Genugtuung war es gewiß, wenn ihr Sohn, der Kurfürst, so davon ergriffen ward, daß er an dem ganzen Sonntag nur von des Teufels Wegen auf Erden sprach, und andern Tages gab er das Verbot gegen die Pluderhosen. Anfangs glaubten sie in Berlin, es sei nicht ernst gemeint, da der ganze Hof darin stak und Joachim selbst. Wie erschraken sie aber, als er zu Tisch in den Lederhosen erschien und ein gar ernst Gesicht zu den taffent- und sammetschillernden Kleidern seiner Herren machte. Er sagte es ihnen, daß es ernst sei, und sie möchten in sich gehen und zum mindesten vor dem Aeußersten sich hüten. Viele glaubten es noch nicht. Da war es, wo sein Aug in der Domkirche auf einen jungen Edelmann fiel, der es so dick um die Hüften schlottern hatte von Scharlach und Orange, wie noch keiner, und er ließ ihm von seinen Trabanten noch auf der Schwelle der Kirche den Hosenbund aufschneiden, daß das Zeug ihm vom Knie herunterfiel, und zu Spott und Schanden mußte er, von den Gassenjungen verfolgt, in seine Herberge gehen. Und tags darauf traf es den reichen jungen Bürgerssohn, der so eitel war auf seine neuen Hosen – er hatte ein ganzes Dorf verpfändet, um den Schneider zu bezahlen – daß er eine Bande Spielleute vor sich hergehen und pfeifen und geigen ließ, derweil er über den Markt ging. Den ließ Joachim in einen hölzernen Käfig sperren, mitten auf dem neuen Markt, und die Spielleute den ganzen Tag davor spielen; nun konnten die Leute sich satt sehen an seinen Pluderhosen.

Solche Ehre, solche Wirkung hatte Musculus für seine Ausdauer. Er konnte nun wie ein gesättigter Mann in den Früchten seiner Arbeit schwelgen. So meinten viele; er selbst aber war betrübt; die Mode der Pluderhosen, statt abzunehmen, nahm zu. Denn erstlich war es Mode, und zweitens verboten. Man sagt, die Gewissensangst habe den redlichen Mann so gepeinigt, daß er endlich drauf und dran gewesen, den Kurfürsten zu bitten, daß er das Verbot zurücknehme; er wollte Joachim an das Schicksal seines Vaters erinnern, der durch Verbote der Reformation nicht steuern können. Er hatte sie vielmehr genährt und gepflegt. Gut für Musculus, daß er es nicht tat, er hätte nur Joachims Unwillen erregt. Wo hört ein Fürst auf den Rat, daß man ein Uebel übler macht, wenn man mit Verboten darein fährt, derweil es oft von sich selbst kuriert, wenn man ihm seinen Lauf läßt. Nein, er muß es versuchen, trotz aller Exempel, denn wenns auch andern nicht gelang, das Verbieten, so hatten sies nicht recht angefangen; ihm würde es schon gelingen, denkt er, weil er es recht anfängt. Die Lust zu verbieten, ist eine uralte im Menschengeschlecht; ob sie von Adam herkommt, oder der Versucher sie erst später uns in den Weg warf, weiß niemand; aber alle Adamssöhne griffen danach, wie Eva nach dem Apfel.

Andreas Musculus ward General-Superintendent und mußte im Land umherreisen, um Kirchenvisitationes zu halten, nicht wie Joachim der Erste sie gewollt, sondern wie Joachim der Zweite sie wollte. Da kam er mit hoch und niedrig zusammen, und er hat viele gefunden, die betrübt waren, wie er, ob er doch gemeint, daß das ganze Land froh sein müsse; denn wonach es an zwanzig Jahre gerungen, das hatte es nun vollauf – die reine lutherische Lehre. Aber wer vollauf hat, dem fehlt immer wieder etwas. Der Gefangene, der aus der Löwengrube kam, und hatte die Angst überwunden und die Untiere auch, fühlte auf seinem Strohlager den Floh, und der Wärter hörte ihn aufschreien vor Schmerz.

Der Propst Doktor Buchholzer konnte doch froh fein. Er drückte kopfschüttelnd dem Manne die Hand, dem er das wohlverdiente Amt genommen: »Lieber Musculus, wenn wir das gedacht hätten, wir hätten uns doch wohl bedacht! Und nun Luther selbst, dieser Mann von Erz, nachgibig wie Wachs! Was ist denn fest auf Erden, frag ich mich oft!« Joachim II. hatte, aus Vorsicht, sagten einige, aus Prachtliebe andere, viele katholische Gebräuche im neuen Gottesdienst beibehalten, die Prozessionen, Meßgewänder, die letzte Oelung, das Fußwaschen am grünen Donnerstag, die Frühmetten, die Wachskerzen. Vergebens hatten Weltliche und Geistliche dagegen demonstriert. Buchholzer hatte selbst deshalb an Luther geschrieben; da kam dessen berühmte Antwort: »Wenn Euer Markgraf und Kurfürst will lassen das Evangelium lauter und rein predigen – so geht in Gottes Namen herum und tragt ein golden oder silbern Kreuz und Chorkappen oder Röcke von Sammet, Seide oder Leinwand; und hat Euer Herr an einem Chorrock nicht genug, so ziehet ihrer drei an, da Aaron, der hohe Priester, drei Röcke anzog, die herrlich und schön waren. Haben auch Ihro kurfürstliche Gnaden nicht genug an einer Prozession, daß Ihr umhergehet, klingt und singt, so gehet sieben Mal umher, wie Josua mit den Kindern Israel vor Jerichow tat. Und hat Euer Herr, der Markgraf, je Lust, so mögen Ihro kurfürstliche Gnaden voranspringen und tanzen mit Harfen, Pauken, Zimbeln und Schellen, wie David tat vor der Lade des Herrn. Bin damit sehr wohl zufrieden; denn solche Stücke, wenn nur Mißbrauch davon bleibt, geben oder nehmen dem Evangelio nichts.« – »Das hat Luther geschrieben,« sagte Buchholzer, und hielt sich die Hände vors Gesicht. »An wen soll man denn noch appellieren!« Sprach davon, er wollte aus Brandenburg auswandern, ist aber geblieben.

Die Stände waren auch betrübt. Hatten zwar die reine Lehre, aber zwei Herren im Lande. Die liebten sich wohl und vertrugen sich wie die Brüder untereinander, und was der von Kölln zu viel ausgab, gab der von Küstrin zu wenig aus, so glich es sich aus; aber wo ein dritter Fürst Krieg führte, wie zum Exempel der von Braunschweig, so schickte der eine Bruder ihm Hilfe, der andere aber seinem Feinde, und so schlugen sich Brandenburger mit Brandenburgern, sie wußten oft nicht um was. Gott wirds bessern, dachten die Stände, und er hats auch getan.

Die Kurfürstin Witib konnte doch glücklich sein, aber sie vergoß manche Träne im stillen zu Spandow. Hatte ihr Herr seliger »aus dem Gestränge geschlagen«, wie Haftiz sagt, und noch in seinem Alter, was schlug erst ihr junger Sohn aus! Joachim II. war über die Maßen verschwenderisch und liederlich, und die schöne Gießerin machte ihr manchen Verdruß; aber ihr Mutterherz tröstete sich damit, daß ihr Sohn desto mehr der reinen Lehre zugetan war, und duldete keine andere Deutung, und Auslegung, wie er beim Streit um die guten Werke bewiesen hat. Davon ward ihr Herz wieder froh.

Auch die alte Bredow fand Musculus in Tränen. Weinen war doch nicht ihre Art, auch als sie sehr alt wurde. Aber der junge Kurfürst hatte den Sarg seines Vaters aus der Gruft zu Lehnin fortholen lassen und nach Kölln in die Domkirche bringen, wo er unter einen messingenen Leichenstein gesetzt ward. Die in Lehnin waren außer sich; war das der Lohn dafür, daß der Abt Valentin so für die Reformation gewirkt, daß es unter den Mönchen bis zu blutigen Köpfen und Beulen gekommen war! Der Kurfürst tat es, sagte man, damit sein Vater unter einem Gotteshause ruhe, wo die reinste Lehre gepredigt ward; in Lehnin schlug noch mancher Eiferer für die alte auf die Kanzel. Aber lagen seine Vorfahren nicht auch hier? Ihnen dünkte es eine Entweihung, ein Frevel gegen die Toten, ein Hohn gegen den seligen Kurfürsten. Warum ihn wegnehmen von seinen Vätern, und ihn, der dem alten katholischen Glauben so treu angehangen, in die neue protestantische Gruft bringen! Wollten sie die Leiche noch bekehren! Ach könnte ein Cisterciensermönch von damals herabblicken auf die Ruinen seines Klosters; wie ist der Frevel gerächt! So haben sie gewirtschaftet, nicht oben nur, auch unten, daß kein Sarg mehr, kein Leichenstein zu finden. Man weiß nicht einmal mehr, unter den halbverschütteten Wein-, Bier-, Branntwein-, Wildpret- und Eiskellern, wo das Gewölbe gewesen, darin die Askanier und die Hohenzollern geruht!«

Die alte Bredow weinte darum, daß ihr Herr nun nicht bei seinem Fürsten schlummern sollte, dem er so treu gedient. Ja, wären alle seine Diener wie er gewesen, dachte sie, es stände besser um das Land! Sie weinte noch um einen anderen Toten; den Knecht Ruprecht hatten sie begraben. »Sterben müssen wir alle, das ist es nicht, und er war alt und gut und eines fröhlichen Auferstehens gewiß,« aber auf seinem Totbett hatte er ihr eine Sünde vorgehalten. Frau Brigitte eine Sünde! Auch hatte der Knecht es wohl nicht so genannt, aber schwer lag es ihr doch auf dem Herzen, das sie gegen Musculus ausschüttete. Sie hatte, zur Erinnerung an den treuen Knecht ihres Herrn, den Caspar, unten am steinernen Denkmal ihres Mannes einen Hund aushauen lassen, mit einem Gesicht wie Caspars. Nun war zwar Caspar seinem Herrn wie ein Hund im Leben gefolgt, aber war das recht und gottgefällig, daß sie einen unsterblichen Menschen, als welcher ein Knecht doch auch ist, als ein Tier abbilden ließ? Der Ruprecht hatte es ihr ins Gewissen gerufen, und das quälte sie allein, und sie wollte den Hund wieder forthauen lassen. Musculus billigte es, denn wiewohl mancher Mensch nicht viel mehr ist, als ein Hund gegen seinen Herrn, so waren wir doch alle gleich vor dem Herrn im Himmelreich und seinem Sohn, der uns erlöset hat.

Nur von einem begriff ers nicht, warum der auch betrübt war, einem, den er eben ordiniert zum Pfarrer auf dem Lande.

»Mensch, was fehlt Dir denn noch,« sprach Musculus, »Nach Deinem curriculum warst Du zuerst ein Schmiedgesell, und weil Du nichts dazu taugtest, wurdest Du ein Kapuziner, und weil Du auch dazu nicht taugtest, denn Du plaudertest aus, was Du nicht solltest, wardst Du ein Bilderstürmer oder Wiedertäufer, und da schlugst Du so ungeschickt los, daß Du beinahe Deinen eigenen Herrn und Anführer erschlagen hättest. Jetzt haben wir Dich nun in der Not ordiniert, und Dir ad interim eine Pfarre gegeben, weil wir keine Besseren haben, und Du kannst wenigstens schreien und singen, und wenn Du die Bibelsprüche, die Du auswendig weißt, hintereinander hersagst, klingts doch wie eine Predigt. Solch ein Glück hättest Du Dir ja nicht träumen lassen dürfen bei Deinem schwachen Ingenium. Warum bist Du also betrübt. Ich hoffe doch nicht, daß Du noch an Deiner letzten Torheit, der Bilderstürmerei, hängst?«

»Ach, gnädigster Herr Superintendent, die haben sie mir rein ausgetrieben, als sie mich bei Spandow fingen. Da schon, und, nachher in Berlin, prügelten sie mich, daß nichts von ihr in mir blieb. Ein anderer hätte es auch gar nicht ausgehalten.«

»Also was willst Du? Du hast ein Gedächtnis wie die Elster, Du kannst nachsprechen. Tu Dich um und höre bei guten Predigern, und dann sprich die Predigten nach vor Deiner Gemeinde. Das ist das beste. Tu nichts von Deinem zu, so hören sie Gutes. Ich weiß wohl, wie Du Deine Schmiedeart nicht verleugnen kannst, aber vor Deinen Bauern schadet es nicht, wenn Du zu stark losschlägst. Sie haben ein dick Fell. Inzwischen wirds wohl besser im Land werden, und wir erziehen uns bessere Prediger. Was weinst Du also noch, die Pfarre ist mager, aber Dich nährt sie.«

»Ach, hochwürdigster Herr General-Superintendent,« sprach der lange Barnabas, »es ist nur, was ich neulich von meinem Herrn, nämlich von meinem ehemaligen Herrn, hören mußte.«

»Der Herr Jochem von Bredow, nämlich der ehemalige Frater Henricus,« sagte Musculus, »ist von allen seinen Irrtümern bekehrt; er führt jetzt einen stillen, gottgefälligen Wandel, studiert aufs neue in der Stille Gottes Wort, und wir mögen hoffen, in ihm einen ausgezeichneten Prediger für das neue Licht zu gewinnen.«

»Ach, das ist es eben, Hochehrwürdigster; ich fragte ihn neulich, wir haben so viel durchgemacht, gnädigster Herr, und Ihr noch viel mehr, als ich, was ist denn nun eigentlich das Wahre und das Rechte? Gottes reines Wort, das weiß ich schon, aber das verträgt sich doch mit vielem. Wir sollen nicht papistisch sein und nicht wiedertäuferisch und calvinistisch und nicht sektirisch, Gott weiß was alles nicht, woran sollen wir uns denn hängen, oder sollen wir uns an gar nichts hängen? Und ist das Sünde, daß wir uns an das und jenes hängten, und ist das des Teufels? Da lächelte er und sagte: Unsere Art ist so, daß wir uns an etwas hängen müssen, und wehe dem, der sich an nichts hängen kann! Wir leben alle nur von Illusionen; aber auch die Illusionen sind Partikel der ewigen Wahrheit und nicht vom Teufel gemacht, sondern sie stammen von dem her, der Himmel und Erde schuf und uns selber so, wie wir sind. Wer gar nicht getäuscht ward, hat einen langen Weg ins Himmelreich, aber wer sich oft täuschen ließ, kommt schneller zur Erkenntnis. – Und die ehemalige Frau Aebtissin von Spandow war gerade dazu gekommen, und sie sagte zu ihm: »Vetter, es sind doch nicht alles Täuschungen und Illusionen. Die Liebe ist es doch immer, die Himmel und Erde schuf und Himmel und Erde zusammenhält!«

Da ward Doktor Musculus nachdenklich.

»Und das fuhr mir ins Herz,« fuhr Barnabas fort. »Denn von der Liebe wußte ich nichts, und weiß auch keine, die mich liebt. Aber nun, Herr General-Superintendent, habt Ihrs mir gesagt, was ich tun muß; ich werde gute Prediger hören, und ihnen nachsprechen, dann kommt die Liebe vielleicht auch nach, denn die Priester dürfen ja jetzt heiraten, und ich habe mein Brot, und dann fehlt die Frau auch nicht.«

In einem alten Kirchenbuche findet man die Notiz, daß ein Johannes Joachim von Bredow sich vermählt hat mit der ehemaligen hochwürdigen Frau Aebtissin Agnes von Bredow. Hinzugefügt ist von anderer Hand: Verheirateten sich in reiferen Jahren, führten aber ein erbaulich Leben in Wohltun und christlicher Gesinnung. Könnte noch viel mehr von ihm erzählen, steht in Parenthese, so nicht der, der es wußte, und mir in die Feder diktieren gewollt, just nach Rom reisen gemußt. War ein Mann, von dem man allein ein Buch hätte schreiben gekonnt. Noch von einer anderen Hand ist ein Kreuz bei seinem Namen gemacht und an den Rand geschrieben: Starb als General-Superintendent. Die Jahreszahl ist verlöscht.

< 12. Kapitel: Attila und Konstantin hörten die Stimme Gottes.



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